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PISA-Alptraum CDU

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In Baden-Württemberg fällt Kindern aus sozial schwachen Familien der Aufstieg durch gute Schulnoten schwer. Bildungsarmut nennen das Fachleute und empfehlen Ganztagsschulen. Davon will die CDU nichts wissen, ebenso wenig wie von ehrlicher Gleichberechtigung. Und die Grünen leisten keinen Widerstand.

"Da muss sich der Koalitionspartner bewegen" – mit Fug und Recht könnten das die Bildungsfachleute in der größeren Regierungsfraktion, bei den Grünen sagen. Und das bis hinauf zu Winfried Kretschmann höchstpersönlich, der selber Erfahrung als Pädagoge hat. Tatsächlich aber stammt der Satz vom CDU-Fraktionschef Wolfgang Reinhart. Der ist zwar noch nie mit besonderen bildungspolitischen Detailkenntnissen aufgefallen, weiß aber ganz genau, dass das Land wieder zurück müsste in die Kreidezeit. Denn nichts anderes wäre die von der CDU gewollte "flexible Ganztagsbetreuung im Sinne der Eltern und keine Zwangsvorgaben". Die entsprechenden Kabinettsvorlagen, moniert Jurist Reinhart, seien bisher von den Grünen blockiert worden, aber bleiben könne das so nicht.    

Hoffentlich doch. Die Erkenntnis, dass Ganztag nicht Ganztag ist, stammt schon aus den Achtziger Jahren und ist mittlerweile unter Bildungsfachleuten weit verbreitet. Sozialdemokraten und Grüne kämpfen seither für Veränderungen und wussten sogar Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) an ihrer Seite, zumindest vorrübergehend. In ihrem früheren Leben als Stuttgarter Schulbürgermeisterin warb sie für Ganztagsschulen mit hohem pädagogischen Anspruch und strengen Vorgaben. Heute sagt die CDU-Spitzenkandidatin für die nächste Landtagswahl, es sei nicht sinnvoll, "Eltern zum Ganztag zu zwingen".

Dabei kassieren die GegnerInnen der Reformen, die andere Länder längst vollzogen haben, von der Wissenschaft eine Ohrfeige nach der anderen. Besonders schmerzlich müsste es für sie sein, dass die AutorInnen der immer neuen Studien zum Thema, etwa von der Bertelsmann-Stiftung, alles andere als linksverdächtig sind. Eben erst hat die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) ihren Bildungsmonitor vorgelegt. Gegründet vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall, versteht sich die Vereinigung als lobbyierende Denkfabrik, die laut Selbstbeschreibung das Verständnis in der Bevölkerung von und für wirtschaftsliberale Reformen erhöhen will. In ihrem seit 2004 jährlich erscheinenden Bildungsmonitor schneidet Baden-Württemberg zuletzt bescheiden ab beim Vergleich der 16 Bundesländer: Platz sechs beim Status quo, Platz 13 bei der Frage, wohin die Reise in nächster Zukunft wohl geht. 

Reformen ohne Ausdauer

In der Welt führender BildungspolitikerInnen in der CDU-Landtagsfraktion sind daran die Reformen seit 2011 und die grün-rote Vorgängerregierung schuld. Fachleute halten das für Quatsch, weil sich die Arbeit an Schulen nur langsam bewegen lässt. Von "inkohärenten Reformwegen" auch in Baden-Württemberg spricht der deutsche Bildungsforscher und PISA-Papst Andreas Schleicher. Viele Reformen seien eingeleitet worden ohne Ausdauer, ohne darauf zu warten, wie sie wirken. "Und da passiert es oft, dass in der Zwischenzeit von einer neuen Regierung vielleicht eine neue Reform eingeleitet wird". So könnten Erkenntnisse nie wirklich zum Tragen kommen.

Für Baden-Württemberg übersetzt heißt das: Vor dem ersten PISA-Schock im Jahr 2000 haben Landesregierungen billigend in Kauf genommen, dass der Aufstieg durch Bildung ausgerechnet in einer der reichsten Regionen der Welt so gar nicht funktioniert. Danach lag der Befund schwarz auf weiß auf dem Tisch. Aber er passte nicht zu dem Bild von Gesellschaft, das sich die Südwest-CDU bis heute meint leisten zu können. Nicht einmal der weltweit Erkenntnisse sammelnde Lothar Späth konnte sich als Ministerpräsident dazu durchringen, Frauen eine Wahlfreiheit zwischen Familie und Beruf einzuräumen. Die kam auf dem Papier erst mit seinem Nachfolger Erwin Teufel, der allerdings ehrlicherweise hätte aussprechen müssen, dass Frauen selbstverständlich nur dann arbeiten gehen dürfen, wenn sie weiterhin den Großteil der Familienarbeit schultern.

Auch dem auf Teufel folgenden Günther Oettinger war die Vorstellung weitgehend fremd, dass Männer mehr über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf nachdenken müssten. "Für eine steigende Zahl von Frauen ist die Erwerbstätigkeit eine wirtschaftliche Notwendigkeit, deshalb werden bis zum Jahr 2015 40 Prozent der Schulen als Ganztagsschule eingerichtet", versprach sein Kultusminister Helmut Rau (CDU) im Jahr 2007. Viele seiner ParteifreundInnen, zumal die mit dem großen Beharrungsvermögen, würden eine solche Quote heute mit Inbrunst als viel zu hoch bekämpfen.

Den Vogel schoss aber nach dem grünen Machtwechsel von 2011 der heutige CDU-Innenminister Thomas Strobl ab. Seine Erkenntnis: "Vielen Müttern bleibt keine andere Wahl, als halbtags zu arbeiten, weil wir keine Ganztagsschulen haben." Und weiter: "Wir wollen Frauen die Wahlfreiheit ermöglichen, aber davon ist Baden-Württemberg Lichtjahre entfernt." So wie die CDU von moderner Geschlechtergerechtigkeit – die Placebo-Initiative "Frauen im Fokus" zur Aufhübschung des Landesverbands hin oder her.

Bildungspolitisches Verweilen in der Kreidezeit

Wenn Karl-Friedrich Röhm, der Bildungsexperte der kleineren Regierungsfraktion, heute von der Notwendigkeit "familienfreundlicher Verweilzeiten am Nachmittag" als Ergänzung der Ganztagschule spricht, müssten die Grünen eigentlich kollektiv aufheulen. Familienfreundlich? Wer kümmert sich nachmittags um die Kinder? Gerhard Mayer-Vorfelder, noch so ein gesellschaftspolitischer Vordenker der Union, war noch tief in den Neunzigern gegen Ganztagsschulen, weil die nach seiner Ansicht nichts anderes bewirken, als Gattinnen von Ärzten oder Apothekern "Freizeit zur Selbstverwirklichung zu eröffnen". Als Anfang des Jahrtausends die rot-grüne Bundesregierung den Länder Milliarden zum Auf- und Ausbau zur Verfügung stellte, wollte die CDU-/FDP-Regierung in Stuttgart das schöne Geld zunächst gar nicht annehmen.

Es ist eine politische Paradoxie, dass ausgerechnet Eisenmann diesem Denken aufsitzt. Sie warb innerparteilich und im Stuttgarter Gemeinderat für mehr Ganztagsschulen und für die Einsicht, dass alle Mittel dort am effizientesten eingesetzt werden, wo die Standards pädagogisch hoch sind und Unterricht sich rhythmisiert mit Freizeit auf dem Schulhof abwechselt, mit Sport oder Musik. Sie stellte sich sogar gegen eine von der eigenen CDU-Fraktion erdachte Umfrage unter gut 38 000 Eltern in der Landeshauptstadt, die vor allem eines bezweckte: dem Projekt Ganztagsschule Knüppel zwischen die Beine zu werfen durch Verzögerung des Ausbaus. Kurz vor der Landtagswahl 2011 fand Eisenmann eine Mitstreiterin in Kurzzeit-Kultusministerin Marion Schick (CDU), die die Ganztagsschule nach mehr als 25 Jahren aus dem Modellversuch endlich ins Schulgesetz überführen wollte. Sie scheiterte an der Landtagsfraktion.

CDU-Chef Strobl versprach beim Eintritt in die grün-schwarze Landesregierung, das Land "aus der Kreidezeit heraus" zu führen. Tatsächlich bleibt die CDU wie darin festgetackert. Werden ihre BildungspolitikerInnen an die unendliche Verhinderungsgeschichte erinnert oder gar mit dem Abstieg des Landes in Vergleichsstudien konfrontiert, kommt sofort das Beispiel Bayern als Rechtfertigung auf den Tisch: Auch die CSU hält am überkommenen dreigliedrigen Schulsystem fest, auch in Bayern gibt es nur wenige rhythmisierte Ganztagsschulen, und der Schulerfolg aufs Ganze gesehen ist trotzdem groß, wie auch der INSM-Monitor belegt. Bildungsarmut zu verhindern, sei eine der Stärken des Freistaats und mitverantwortlich für den insgesamt zweiten Platz in der Bundesländertabelle. Baden-Württemberg dagegen weise "sowohl in der 4. Klasse als auch in der 9. Klasse einen überdurchschnittlichen Anteil” an sogenannten Risikoschülern auf. Beim Indikator "Förderstruktur" landet das Land auf dem vorletzten Platz. 

Da schließt sich der Kreis zur Ganztagsschule, in die bundesweit fast die Hälfte der Kinder und Jugendlichen geht und im Südwesten nicht einmal ein Fünftel. Was gewiss auch mit den Eltern zusammenhängt. Nur haben CDU und FDP über viele Jahre das Ihre dazu getan, diese auf Skepsis und Ablehnung zu trimmen. Nicht auszudenken, wenn auch nur ein Bruchteil des Werbebudgets der Stuttgart- 21-Fans hier investiert worden wäre: in die Aufklärung der Eltern über modernes Schulwesen, über den Abbau von Vorurteilen gegenüber verbindlichen Angeboten und längerem gemeinsamen Lernen.

Und noch eines ist kaum vorstellbar: Dass sich die Grünen besinnen oder wenigstens mal in den Archiven blättern, um sich eigene Überzeugungen in Erinnerung zu rufen. O-Ton Winfried Kretschmann, höchstpersönlich: "Die Bildungspolitik ist nicht nur rückständig, sondern auch sozial ungerecht." Denn nur Eltern "mit dem entsprechenden Geldbeutel" könnten sich Nachhilfe für ihre Kinder leisten, und zu viele andere nicht, "deshalb müssen endlich flächendeckend Ganztagsschule im Land eingeführt werden". Das war 2008. Und ist 2019 aktuell wie nie.


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11 Kommentare verfügbar

  • Sebastian
    am 27.08.2019
    Antworten
    Es ist schon interessant: Vor der letzten Landtagswahl wurde auch hier auf Kontextwochenzeitung auf die sozialdemokratische Bildungspolitik im Ländle mehr oder weniger offen gehämt.
    Nun zeigt sich: für die Grünen ist fortschrittliche Bildungspolitik nur ein nice to have.

    Wie wäre es damit, dass…
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