Schüler beobachten die Landtagsdebatte zum Projektdesaster Ella. Fotos: Joachim E. Röttgers

Schüler beobachten die Landtagsdebatte zum Projektdesaster Ella. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 377
Politik

ella@abgestürzt

Von Johanna Henkel-Waidhofer
Datum: 20.06.2018
Wieder einmal sollte bundesweit Einmaliges entstehen in Baden-Württemberg. Das hat nicht funktioniert. Leidtragende sind Lehrkräfte und SchülerInnen. Dabei ist fraglich, ob die überhaupt beglückt werden wollten von der neuen gemeinsamen Bildungsplattform.

Possierlich kommen Frau Müller und Herr Schmid daher. Die Brünette im Blaustrumpf-Rock ist die Innovative, die den PR-Strategen zufolge gern "digital arbeiten" möchte sowie "schnell und effektiv kommunizieren" mit der SchülerInnen- und der KollegInnenschaft, am besten im ganzen deutschen Südwesten. Herr Schmid hingegen trägt Pullunder und Bedenken, vor allem in Sachen Sicherheit. Was für ein Glück, dass es diese eierlegende Wollmilchsau gibt namens Ella. Denn sie kann alles, "was sich Frau Müller wünscht und Herrn Schmid zufrieden stellt".

Soweit die Theorie im Werbetrickfilm von Kultus- und Innenministerium, der die "Elektronische Lehr- und Lernassistenz" ganz hipp als "ella@bw" präsentiert. In der Wirklichkeit ist ganz analog und beckmesserisch festzuhalten, dass der letzte Halbsatz grammatikalisch gar nicht geht, weil das "was" vorne im vierten Fall steht und hinten im ersten. Aber ob das überhaupt noch als Fehler zählt in der digitalen Welt ...? Jedenfalls kann Ella in der Praxis noch weniger als zwischen Nominativ und Akkusativ unterscheiden, weil überhaupt nichts, jedenfalls bisher nicht.

Innenminister Thomas Strobls (CDU) Leuchtturmprojekt funzelt nicht mal.
Innenminister Thomas Strobls (CDU) Leuchtturmprojekt funzelt nicht mal.

Das wiederum steht im krassen Gegensatz zu vielen vollmundigen Versprechungen. So vieles wie noch nie sollte möglich werden dank der modular aufgebauten und ständig zu erweiternden Cloud. "Pionierarbeit" wollte Baden-Württemberg laut Innenminister Thomas Strobl leisten, und zwar gleich "für ganz Deutschland". Und dann sagte er in der Landtagsdebatte zu dem peinlichen Flop des millionenschweren Projekts, das im Endausbau 1,5 Millionen NutzerInnen vereinen sollte, zwei seiner Lieblingssätze, die das Auditorium diesmal besonders ratlos zurücklassen: "Wir sind ins Gelingen verliebt." Und in die Gewissheit, dass "Baden-Württemberg an der Spitze steht".

GEW: Mehrwert von Ella nicht nachgewiesen

Frau Müller, Herr Schmid und all die anderen mehr als 110 000 Lehrkräfte im Land wollen sich austauschen, so die Unterstellung der Innovationsfreaks – immer und überall: Botschaften per Mail mit einheitlichen Adressen versenden, Kalender verwalten, Kontakte pflegen und Aufgaben austauschen, Dokumente gemeinsam bearbeiten, per Video konferieren und arbeiten mit dem Lernmanagementsystem Moodle. Oder mit Sesam ("Schnell, einfach, sicher mit attraktiven Medien"), den Unterrichtsmaterialien des Landesmedienzentrums. Als hätten die Lehrkräfte nicht ohnehin genug anderes zu tun. Der Mehrwert von Ella, beklagt die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), sei jedenfalls noch lange nicht nachgewiesen.

Gerade PraktikerInnen plagen Zweifel. Über Moodle wird in einschlägigen Foren seit mehr als zehn Jahren diskutiert. An Unis ist die Plattform längst eingeführt, wird aber nur wenig genutzt. Auch weil die Hürden hoch sind, wenn der Austausch von Arbeiten, Korrekturen oder Noten wirklich sicher funktionieren soll. Ferner könnten Studierende überwacht werden durch die Kontrolle von Log-in- und Log-out-Zeiten. Und schließlich gibt es, wie DatenschützerInnen mahnen, eine besondere Sorgfaltspflicht im Umgang mit den persönlichen Daten, die Minderjährige für die Nutzung preisgeben müssen. "Außerdem", heißt es in einem der Blogs für LehrerInnen, "sind viele Schüler bei Whatsapp, und selbst bei Skype-Sitzungen, die ich anbiete, manche nur indirekt dabei, indem sie auf Whatsapp schreiben, was dann andere in Skype wiedergeben sollen, nun ja".

Aber nicht nur der Alltag im Unterricht, auch viel Grundsätzlicheres ist bislang nicht hinreichend erörtert. Derzeit besuchen wieder Landtagsabgeordnete das kalifornische Silicon Valley. Wenn sie nur wollten, könnten sie sich dort mit völlig Smartphone-, Tablet- und Laptop-freiem Unterricht als Innovation bekannt machen. Daheim in Baden-Württemberg fährt der Zug aber immer nur in die andere Richtung. Regelmäßig verspricht Kultusministerin Susanne Eisenmann, Druck und Tempo zu machen bei der Digitalisierung, immerhin mit der Einschränkung, dass die Technik der Pädagogik folgen muss und nicht umgekehrt. PädagogInnen mit viel Erfahrung an der Tafel bremsen beim Einsatz, vor allem in der Grundschule und den ersten Jahren in der Sekundarstufe. Nach den Richtwerten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung reichen selbst für Zwölfjährige 60 Minuten Mediennutzung pro Tag, die Angebote im Unterricht eingeschlossen. Belegt ist durch Untersuchungen, dass und wie die Zahl auffälliger Kinder und Jugendlicher im Unterricht steigt, wenn der Sollwert überschritten wird. "Die Dosis macht das Gift", sagt Rainer Riedel, der Leiter des Instituts für Medizinökonomie an der Rheinischen Fachschule Köln. Nur sei noch nicht klar, wo die "gesunde Grenze" wirklich liegt.

Weniger wäre mehr

Unstrittig gilt die Faustregel, dass weniger mehr wäre. Schon etliche Stuttgarter Landesregierungen hätten gut daran getan, sie zu beherzigen. Nur hätte das quer zum Zeitgeist gestanden, den Christian Lindner im jüngsten Bundestagswahlkampf so mustergültig in die plakative Formel "Digital first. Bedenken second" packen ließ. Als Lothar Späth (CDU) in den 80er Jahren das Thema moderne Technologien entdeckte, eigens ein Institut zur Abschätzung ihrer Folgen gründete und damit in Wahrheit ihre unkritische Beschleunigung meinte, da erzählte er gern die Geschichte von den ersten Waschmaschinen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, von deren Sinnhaftigkeit der Erfinder vorübergehend sogar die um ihre Arbeit fürchtenden Waschweiber überzeugen konnte. Aber eben nur vorübergehend. Später mühte sich sein Nachfolger Erwin Teufel mit Fragen des E-Government ab. Und er ließ sich auf einer Australien-Reise Anfang des Jahrtausends von der in Down-Under entwickelten ersten Version von eben jenem Moodle überzeugen, an dessen flächendeckender Einführung im Zusammenhang mit Ella gebastelt wird.

Vielleicht wäre längst mehr passiert, wenn nicht allzu viele Verantwortliche im Südwesten immer die größten aller Brötchen backen wollten, sondern über den Tellerrand schauten. Zum Beispiel nach Bayern. Dort wurde schon vor über einem Jahrzehnt zwar keine Bildungsplattform konzipiert, aber immerhin eine Verwaltungssoftware, die alle bayerischen 6000 Schulen verwenden müssen. Zwischen Main und Bodensee wird sie freiwillig eingesetzt – an weniger als 700 Schulen. Oder aufs Bundesland Berlin, wo der dortige Rechnungshof ermittelt hatte, dass bereits 16 Millionen Euro für ein ähnliches Projekt versenkt worden waren. Als Nothelfer betätigte sich Hessen. An der Spree sollen erst bis 2019 alle Schulen angeschlossen werden. Aber: Dabei geht es nahezu ausschließlich um administrative Werkzeuge, die mit Lern- und Bildungsinhalten gar nichts zu tun haben.

Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) zog in letzter Minute die Reißleine.
Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) zog in letzter Minute die Reißleine.

Indizien dafür, dass die Digitalisierungsfreaks im Land mit Ella zu weit springen wollten, gibt es inzwischen zuhauf. Zum Beispiel rund um die versprochene "Zwei-Faktor-Authentifizierung", die alle Daten, basierend "auf deutschen und europäischen Sicherheitsstandards und den Vorgaben des baden-württembergischen Datenschutzrechts, vor unbefugten Zugriffen sichert, SchülerInnen-gerecht zu gestalten", wie es in der Ella-Beschreibung heißt. Seit Kultusministerin Susanne Eisenmann die Testphase an hundert Schulen drei Tage vor dem Start stoppte, kursieren immer neue Details. So wurde auf beim Online-Banking zwar übliche, aber längst nicht mehr fortschrittliche TAN-Systeme zurückgegriffen. "Fortschrittlich geht anders und praxisbezogen auch", zitierte die "Stuttgarter Zeitung" eine Rektorin. Andere spotteten über den "Rohrkrepierer". Jedenfalls hat Eisenmann die Reißleine gezogen, ein Gutachten in Auftrag gegeben und inzwischen schwarz auf weiß, dass Frau Müller und Herr Schmid und all die anderen noch warten müssen auf die Erfüllung ihrer Träume.

FDP verlangt eigenes Ministerium für Digitalisierung

Die Zeit drängt. Weil die Hälfte der Legislaturperiode bald herum ist und die Bildungsplattform – siehe "Pionierarbeit" – zum mit fast 30 Millionen Euro ausgestatteten Leuchtturm von Strobls Digitalisierungsstrategie werden sollte. Nicht nur FDP-Bildungsexperte Timm Kern verlangt nach einem "eigenständigen Digitalisierungsministerium" und tritt dem zuständigen Innenminister gegen das Schienbein: "Weil wir uns in diesem entscheidenden Zukunftsthema für unser Land keine Zweitklassigkeit erlauben können." Grüne und CDU hatte sich in ihrem Bemühen um eine austarierte koalitionäre Machtbalance auf eben dieses neue Ressort nicht einigen können, also pflegen nahezu alle Häuser ihre digitalen Vorgärten.

Und die werden – die einschlägig interessierte Netzgemeinde feixt bereit gehörig – Anfang Juli in Heidelberg beim "Festival für digitale Bildung" präsentiert werden. Mit viel Tamtam und dem inzwischen auch unter Grünen üblichen Eigenlob für Baden-Württemberg. "Unter dem Motto Bildung ist Zukunft und Zukunft ist digital wollen wir gemeinsam mit Ihnen einen aktuellen Blick auf Potentiale digitaler Technologien für unsere vielfältige Bildungslandschaft werfen", heißt es in der Einladung, in der "ein Update für ein zeitgemäßes Bildungsverständnis", versprochen wird, "made in Baden-Württemberg!". Eisenmann will erreichen, dass bis zu dem dreitägigen Kongress wenigstens eine Entscheidung gefallen ist: Ob die beauftragten Dienstleister und Subunternehmen, unter Führung der zuständigen Landesoberbehörde IT Baden-Württemberg (BITBW), an Ella weiterarbeiten, oder ob der Auftrag entzogen wird, weil ein Neustart von Nöten ist.

So oder so brauchen die beteiligten ExpertInnen, die alten oder die neuen, Zeit. Ausgerechnet Stefan Krebs, der schon unter Grün-Rot berufene Ministerialdirektor im Innenministerium nahm kürzlich im Schulausschuss kein Blatt vor den Mund. Der BITBW-Oberaufseher, gerne "Chief Information Officer" (CIO) genannt, gab frank und frei zu, eigentlich eine deutlich längere Frist für Ellas Einführung einkalkuliert zu haben. Denn: Beim Entwickeln einer neuen Software müsse man "gemeinsam schlauer werden". Da kann man nur gutes Gelingen wünschen, wenigstens im zweiten Anlauf.


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