Ausgabe 426
Politik

Ungebremst in den Anhydrit

Von Jürgen Lessat
Datum: 29.05.2019
Seit zwölf Jahren hebt sich die Altstadt von Staufen im Breisgau – als Folge misslungener Geothermie-Bohrungen. Neu aufgetauchte Dokumente legen nahe, dass die Katastrophe mit Millionenschäden an Häusern und Gasleitungen hätte vermieden werden können. Der Bürgermeister hat Warnungen ignoriert.

Eine vorläufige Bilanz fällt dramatisch aus. 270 Häuser wurden bislang beschädigt. Im schlimmsten Fall durch armdicke Risse in Wänden und Böden. Harmloser durch klemmende Türen und abplatzenden Putz. Zwei Gebäude waren nicht mehr zu retten, ein Teil des technischen Rathauses und ein Werkstattgebäude mussten wegen Einsturzgefahr abgerissen werden. Seit bei Erdwärmebohrungen im September 2007 Grundwasser angebohrt wurde und im darüber liegenden quellfähigen Gipskeuper (Anhydrit) aufstieg, zerreißt die historische Altstadt von Staufen im Breisgau. Bis heute hat sie sich um bis zu 62 Zentimeter gehoben. In horizontaler Richtung verschob sich der Boden 42 Zentimeter.

Die Katastrophe zeigt sich nicht nur im Stadtbild. Sie schlägt auch gewaltig zu Buche. Für Erkundungen, Schadensabwehr, Sanierungen und Reparaturen sowie die Sicherung des Gasnetzes wurden bis heute rund 14 Millionen Euro ausgegeben. Davon berappte Staufen vier Millionen Euro, was die rund 8300 Einwohner zählende Stadt tief in die Schulden trieb. Wie viel das Aufquellen von Anhydrit zu Gips, der dabei sein Volumen um 61 Prozent vergrößert, am Ende kosten wird, steht in den Sternen. So lange die Erde sich weiter bewegt, lässt sich die Schadenssumme nicht beziffern. "Wir gehen aufgrund von überschlägigen Berechnungen nach wie vor von circa 50 Millionen Euro aus", sagt Staufens Bürgermeister Michael Benitz (parteilos).

Geologe rät dringend zu einer Firma mit Erfahrung

Dabei hätte das Unglück wohl vermieden werden können – wie zwei Dokumente nahelegen, die Kontext vorliegen. Dabei handelt es sich um Telefaxe eines Freiburger Ingenieurbüros für Geologie und Hydrologie, das im Jahr 2006 die Bohrungen im Auftrag der Stadt Staufen plante. Unterzeichnet sind sie von einem der damaligen Geschäftsführer. Im ersten Fax, vom 25. Mai 2006, rät der Geologe, die Bohrungen nicht auszuschreiben. Stattdessen empfiehlt er, sie an die ortsansässige Bohrfirma T. zu vergeben. Diese habe sich unter drei vorausgewählten Unternehmen als die geeignetste herausgestellt. Ihr Konzept sei schlüssig und entspreche der "zu erwartenden Geologie", so die Begründung. Ausdrücklich verweist der Geologe darauf, dass "Erfahrungen mit den örtlichen Untergrundverhältnissen aus Gründen der Planungssicherheit sowie der nachhaltigen Funktion entsprechend hoch zu bewerten" seien. Adressat des Faxes: Staufens Bürgermeister Michael Benitz, der seit 2001 die Stadt regiert.

Zusätzlich warnte der Fachmann den Rathauschef auch mündlich vor der "unsicheren" Geologie. Bei den geplanten Bohrungen spiele der Bohrmeterpreis eine untergeordnete Rolle. Von großer Wichtigkeit sei vielmehr, eine Bohrfirma zu beauftragen, die "nachgewiesenermaßen mit schwierigen Untergrundverhältnissen umzugehen weiß", drängte er Benitz telefonisch. Dies geht aus einem weiteren Fax hervor, das am 30. Oktober 2008 an einen Freiburger Anwalt ging. Dieser vertrat damals einen Staufener Hausbesitzer in einer Schadensersatzklage.

Der Verfasser der Faxe bestätigt deren Authentizität und Inhalte. Zugleich betont er, Bürgermeister Benitz im Jahr 2006 wiederholt auf die geologischen Risiken bei den geplanten Erdwärmebohrungen hingewiesen zu haben.

Doch Ratschläge und Warnungen verhallten im Staufener Rathaus ungehört. Stattdessen wurde dem Freiburger Ingenieurbüro der Planungsauftrag entzogen und die Bohrungen ausgeschrieben. Den begrenzten Bieterwettbewerb gewann die Wälderbau Bohrtechnik GmbH – ein Unternehmen, das erst im Jahr 2005 gegründet wurde, in Schwarzenberg im österreichischen Vorarlberg. Am 3. September 2007, einem Montag, begann die Firma neben dem Rathaus zu bohren. Am Freitag, den 21. September 2007, räumte sie das Bohrfeld, nachdem sieben Erdwärmesonden niedergebracht waren. Etwa zwei Wochen später, Anfang Oktober, wurden erste Risse im Rathaus und in benachbarten Gebäuden festgestellt. Heute ist unstrittig, dass die Bohrungen die Katastrophe auslösten.

Kontext bat Michael Benitz um Stellungnahme, warum die Warnungen des Freiburger Ingenieurbüros ignoriert wurden. In seiner schriftlichen Antwort geht der Bürgermeister, der im September 2017 mit 96,1 Prozent der Stimmen für seine dritte Amtszeit gewählt wurde, nicht darauf ein. Stattdessen begründet er, warum man die Zusammenarbeit mit dem ersten Geologiebüro beendet habe. "Weil dieses Büro sich nicht in der Lage sah, ein Leistungsverzeichnis für eine Ausschreibung der Arbeiten zu erstellen." Ein anderes, auf die Durchführung von Sondenbohrungen spezialisiertes Ingenieurbüro sei dann mit der Projektabwicklung beauftragt worden.

Zertifizierung mit laschen Anforderungen

"Es wurde in der Folge eine beschränkte Ausschreibung mit ausschließlich zertifizierten Bohrunternehmen durchgeführt, die Arbeiten auch in den zu erwartenden geologischen Verhältnissen durchführen können", so Benitz. Alle angefragten Firmen hätten darauf ein Angebot abgegeben, darunter auch die zuvor empfohlene Firma T. "Dem Vergabevorschlag des Ingenieurbüros ist der zuständige Bauausschuss der Stadt einstimmig gefolgt und hat die Arbeiten an die Firma Wälderbau vergeben", so Benitz.

War diese Firma qualifiziert genug, im schwierigen Staufener Untergrund zu bohren? "Bereits zum damaligen Zeitpunkt galt der Erlass, dass nur durch DVGW W 120 zertifizierte Bohrfirmen mit der Herstellung von Erdwärmesonden-Anlagen beauftragt werden dürfen", erklärt das Freiburger Landesamt für Geologie, Rohstoffe und Bergbau (LGRB) auf Anfrage. Ziel einer solchen Zertifizierung sei unter anderem der Nachweis der technischen und personellen Leistungsfähigkeit. Tatsächlich besaß auch Wälderbau Bohrtechnik das vom Deutschen Verein des Gas- und Wasserfaches e.V. vergebene Zertifikat – allerdings erst seit dem 24. Mai 2006.

Unter Experten galt das Zertifikat allerdings nicht als Nachweis besonderer Sachkunde. "Damals boomte Erdwärme, es herrschte eine Goldgräberstimmung. Bohrfirmen schossen wie Pilze aus dem Boden – und jede bekam das Zertifikat, wenn sie dem Prüfer sauber geputztes Bohrgerät auf dem Firmenhof präsentierte", beschreibt ein Insider die laschen Anforderungen.

Auch das DVGW-Arbeitsblatt lässt Zweifel an der Aussagekraft der W-120-Zertifizierung aufkommen. So hatte der Branchenverband die Qualitätsnachweise im Dezember 2005 erst an oberflächennahe Erdwärmesonden angepasst. Nach dem Staufener Bohrunglück verschärfte der DVGW im Frühjahr 2010 die Nachweiskriterien dann spürbar. Erstmals mussten Bohrfirmen sogar mit unangekündigten Baustellenbesuchen der Prüfer rechnen. "Bis zu dem Schadensfall Staufen musste davon ausgegangen werden, dass ein zertifiziertes Bohrunternehmen in der Lage ist, Erdwärmesondenbohrungen sachgerecht auszuführen und hinsichtlich der erforderlichen hydrogeologischen Stockwerkstrennung zuverlässig abzudichten", betont das LGRB heute.

Vorsichtiges Bohren wäre teurer, aber besser gewesen

In Kenntnis dieser Umstände erscheint ein im Zuge der Beweissicherung erstelltes Gutachten vom September 2008 in einem neuen Licht. Nach Ansicht des damaligen Gutachters Professor Hermann Schad von der Materialprüfungsanstalt der Universität Stuttgart wurden die Staufener Erdwärmesonden zwar gemäß dem damaligen Stand der Technik gebohrt. Zugleich hätte "unter Umständen ein ‚sensibleres’ Vorgehen beim Bohren und eine sorgfältigere Verpressung die Schäden verhindert", betonte er auf Frage des Freiburger Landgerichts. Schonendere Bohrverfahren hätten allerdings auch zu deutlich höheren Kosten geführt. Die Angebotspreise der Firmen für die Staufener Bohrungen von 68 853,40 bis 77 975,50 Euro seien für die gewünschte Leistung als niedrig anzusetzen, so dass "von der Qualität her nur Mindeststandard erwartet werden durfte", so der Gutachter. Nur eine Firma hatte mit 90 975,50 Euro ein deutlich teures Angebot abgegeben, war aber nicht zum Zuge gekommen – die ortskundige Freiburger Bohrfirma T.

Widerspruch erntete Gutachter Schad allerdings schnell auf die Aussage, wonach das Risiko von Gipskeuperquellungen erst nach den Bohrungen offensichtlich wurde. "Die Risiken von Erdwärme-Bohrungen in der Stadt Staufen sind durchaus vorhersehbar gewesen", sagt Nico Goldscheider, Hydrogeologie Professor am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Sogar in allgemeinen Lehrbüchern hätte man nachlesen können, dass in der Region um Staufen Gesteinsschichten mit besonders großen Mengen an Gips und Anhydrit vorlägen. "Bei diesem hohen Risiko hätte man solche Bohrungen damals gar nicht vornehmen dürfen oder entsprechende Sicherheitsvorkehrungen treffen müssen", betont der Hydrogeologe. "Die Hebungen kamen völlig überraschend. Niemand ging davon aus, dass mit so kleinen Bohrungen ein so problematischer Hebungsprozess ausgelöst werden könnte", hatte dagegen Bürgermeister Benitz noch im September 2017 nach seiner Wiederwahl in einem Interview behauptet.

Wegen wenigen tausend Euro Einsparung ein Schaden, der in die Multimillionen geht? Lange Zeit war unklar, wer für den Schaden haftet. Die Stadt als Auftraggeberin, die ihr denkmalgeschütztes Rathaus umweltfreundlich mit Erdwärme heizen und kühlen wollte? Die Bohrfirma, deren Meißel im Bohrloch auf Wasser traf? Oder das Land, dessen zuständige Behörden die Bohrungen genehmigten? Nach den Quellungen drohte eine Prozesslawine über die Beteiligten hereinzubrechen – mit ungewissem Ausgang aufgrund der komplexen Rechtslage.

Bürgermeister fühlt sich nicht verantwortlich

Betroffene Hausbesitzer konnten erst aufatmen, als im März 2014 auf Drängen von Benitz in Staufen eine Finanzierungsvereinbarung über 30 Millionen Euro unterzeichnet wurde. Danach trägt das Land Baden-Württemberg 40 Prozent (12 Millionen Euro) der Schäden. Städte und Kommunen steuern über den Finanzausgleich den gleichen Anteil bei. Die restlichen sechs Millionen Euro stemmt die Stadt Staufen selbst. Verteilt wird das Geld über eine unabhängige Schlichtungsstelle, an die sich Hausbesitzer im Schadensfall wenden können. Sollte die Summe nicht reichen, haben sich die Partner verpflichtet, weitere Finanzmittel nachzuschießen. "Dies alles geschieht, ohne dass die Beteiligten rechtlich dazu verpflichtet wären", betont Staufens Bürgermeister, dass damit kein Schuldeingeständnis verbunden ist. "Faktisch ist es Amtshaftung", sagt dagegen Csaba-Peter Caspar von der Interessengemeinschaft der Riss-Geschädigten.

Alle verbliebenen Schadensersatzklagen endeten zudem im Juli 2017 in einem Vergleich. Demnach bezahlen die beklagten Firmen insgesamt einen Beitrag von 1,1 Millionen Euro an die Stadt Staufen, die diese für die Schadensregulierung verwendet. Mit 750 000 Euro trägt das Vorarlberger Bohrunternehmen den Großteil der Summe. Zusätzlich zahlten diese und eine weitere Firma insgesamt 75 000 Euro an die Stiftung der Stadt Staufen zur Erhaltung der historischen Altstadt. Im Gegenzug stellte Staufen die Beklagten von allen bestehenden und künftigen Ansprüchen Dritter wegen ihrer Beteiligung an Planung und Durchführung der Geothermiebohrungen frei.

Die Stadt als Auftraggeberin der Bohrarbeiten war von zwei Privateigentümern und dem Energieversorger auf Schadenersatz verklagt worden. Eine Privateigentümerin verklagte zudem das Land sowie die drei ausführenden Unternehmen. Die Stadt ihrerseits hatte zur Sicherung etwaiger Regressansprüche Drittwiderklage gegen die Unternehmen in Höhe von mehr als 30 Millionen Euro eingereicht. Mit dem Vergleich ist auch die Schuldfrage ad acta gelegt. Zumindest vor Gericht wird sich wohl niemand für das Unglück verantworten müssen, das – so ein trauriger Nebeneffekt – die Nutzung klimafreundlicher Erdwärme hierzulande um Jahre zurück geworfen hat.

Kurz nach den Bohrungen hob sich die Staufener Altstadt monatlich um bis zu zehn Millimeter. Aktuell beträgt die Hebungsrate an einem Messpunkt noch 1,6 Millimeter pro Monat, an den meisten anderen Messpunkten ist sie auf einen Millimeter gesunken. Ob Staufens Bürgermeister eine Mitschuld an der Katastrophe sieht? "Nein", ist seine knappe Antwort.


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2 Kommentare verfügbar

  • Theo
    am 03.06.2019
    Danke für den sehr informativen Artikel. Allerdings verstehe ich nicht, warum man das zweite Foto (mit der BU "Es bleibt nicht nur bei einem Riss") schräg eingefügt hat. Oder gehen die Menschen dort immer derart schief? Vielleicht auch soll das Satire sein - damit aber würde man die Ernsthaftigkeit des Artikels konterkarieren und sich unnötig angreifbar machen.
  • Steini
    am 31.05.2019
    Als die Autobahn A 81 Stuttgart -Singen gebaut wurde haben die Konstrukteure den selben Fehler gemacht. Es wurde Anhydrit angeschnitten so dass Wasser eindringen konnte. Die Folge war dass sich auf der Autobahn kürzester Zeit Wellen bildeten. regelrechte Sprungschanzen. Die Sanierung der brandneuen Autobahn verschlang viele Millionen. Dass sich auf der anderen Seite vom Schwarzwald die selben Anhydrit-Lagerstätten befinden war hinreichend bekannt. Das ist von meiner Seite keine Wertung oder Schuldzuweisung. Jetzt mal abwarten was sich bei den Tunnelbau-Projekten in Stuttgart, im Rahmen der Stgt21-Baumaßnamen, ergibt denn dort stellt sich das selbe Problem.

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