KONTEXT:Wochenzeitung
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Jubiläum aus dem Nichts

Jubiläum aus dem Nichts
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Es geschah am 21. Juli 2018: Die „Badische Zeitung“ (BZ) druckt einen langen Beitrag über das Freiburger Bettenhaus Striebel, das im Jahr zuvor 80jähriges Bestehen gefeiert hat. Der Autor legt offen, was die Firmenhistorie verschweigt: die NS-Vergangenheit. Hätte er den Text vorher gekannt, sagt BZ-Chefredakteur Thomas Fricker, wäre er nicht erschienen. Sperren konnte er ihn nur noch im Netz. Kontext macht ihn wieder lesbar.

Wie zum Trotz sind sie noch bis heute in den Schaufenstern zu sehen – die Werbefolien, die das 80-jährige Jubiläum der Firma verkünden: "Bettenhaus Striebel 1937-2017" und weiter: "80 Jahre Betten Striebel – für gesunden Schlaf". Im selben Jahr 2017 hätte auch das jüdische Kaufhaus Julius Marx in Freiburg Jubiläum feiern können – sein 130-jähriges Bestehen: Es war 1887 gegründet worden, die Besitzer mussten aber 1937 das Geschäft verkaufen, um sich ins Ausland zu retten. Ihr Betten- und Aussteuergeschäft wurde "arisiert" – von Franz Striebel sen., dem Gründer der Firma Striebel.

Persona non grata

Das Bettenhaus Striebel hat das Jubiläum unter anderem mit einer zehnseitigen Werbebeilage in der „Badischen Zeitung“ gefeiert und ist ein wichtiger Anzeigenkunde. Darin den Grund für seine Entscheidung zu sehen, den Text aus dem Netz zu nehmen, sei aber „Humbug“, betont Chef Fricker. Vielmehr habe der Text „journalistische Mängel“. Er habe aber auch „weiteren Schaden“ von der Firma abwenden wollen, deren heutige Eigentümer nichts mit der Entstehungsgeschichte des Unternehmens zu tun hätten. Das hatte Autor Serger in seinem Beitrag allerdings ausdrücklich erwähnt. Ihm wirft Fricker vor, das „Ansehen unbescholtener Bürger verletzt“ und versucht zu haben, sie zur „Erinnerungsarbeit zu zwingen“. Serger war bis 2011 Leiter aller 20 Lokalredaktionen der BZ und Mitglied der Chefredaktion. Im Ruhestand schrieb er weiter für das Blatt, vornehmlich über historische Themen. Damit scheint jetzt endgültig Schluss. Nachdem er der Stadtredaktion einen Beitrag zu den Verbindungen des jüdischen Kaufhauskönigs Max Emden mit Freiburg angeboten hatte, wurde ihm jüngst mitgeteilt, dass ihn der Chefredakteur nicht mehr im Blatt sehen wolle. (red)

Anfang Oktober vergangenen Jahres feierte das Bettenhaus Striebel sein 80-jähriges Bestehen mit einer zehnseitigen Beilage in der Badischen Zeitung. Auf Seite 2 präsentierte sich die Inhaberfamilie Hamer in Text und Bild unter der Überschrift "Seit 80 Jahren ist Betten Striebel GmbH ein Familienunternehmen". Man liest da, dass Hans Hamer 1980 als Geschäftsführer in die Firma eingetreten ist. "Später wurde er alleiniger Gesellschafter der Firma Betten Striebel GmbH". Heute sind auch seine Frau und sein Sohn verantwortlich im Unternehmen tätig. Was der Autor dieses Beitrags in dieser „Firmengeschichte“ vergeblich suchte, war ein Hinweis auf die jüdische Vorgeschichte und damit die Entstehung dieser Firma. Er wollte es nicht glauben und schaute deshalb auch auf der Website der Firma nach. Dort wird (auch heute noch) das 75-jährige Jubiläum des Bettenhauses gefeiert – da immerhin mit dem Satz: "Textilkaufmann Franz Striebel hat 1937 die Firma gegründet. Er konzentrierte das Angebot mehr und mehr auf Betten- und Aussteuerware und entwickelte das Unternehmen zu einem namhaften Spezialgeschäft dieser Branche."

Aber auch hier fehlt jeglicher Hinweis darauf, wie Franz Striebel sen. überhaupt diese Firma gründen konnte: Er hat – wie Tausende anderer Nutznießer der Judenverfolgung – für billiges Geld ein gut eingeführtes Geschäft übernehmen können. Und er tat dies zielgerichtet: Im Dezember 1936 erwarb er zuerst die vier Gründstücke und Gebäude am Rotteckplatz (heute Rotteckring) und in der dort einmündenden Gauchstraße, insgesamt 430 Quadratmeter. Bei einem Einheitswert von damals 99.000 RM war der Kaufpreis (in den Dokumenten ist mal von 90.000, mal von 105.000 Reichsmark die Rede) auf jeden Fall ein Schnäppchen, denn der Verkehrswert der Grundstücke, auf denen das Kaufhaus Julius Marx stand, war damals etwa drei Mal höher.

Das Inventar bekam Franz Striebel sen. umsonst

Das Geschäft der Firma Julius Marx, die sich seit 1925 keck als "führendes Kaufhaus" von Freiburg bezeichnete, erwarb Franz Striebel sen. noch günstiger. Für das Warenlager, das einen regulären Wert von 45.000 bis 50.000 Reichsmark hatte, zahlte er nur 20.000 Mark. Das Inventar des Kaufhauses bekam er sogar umsonst. Den Geschäftswert, auch "Good will" genannt, durfte Striebel nicht einmal, selbst wenn er gewollt hätte, bezahlen – die Nazis gönnten den Juden solche "Wohltaten" nicht.

Inhaber der Firma Julius Marx war damals Ernst Rothschild, der 1895 in Michelstadt geborene Schwiegersohn des 1925 verstorbenen Firmengründers Julius Marx. Rothschild soll ihm die Firma angeboten haben, so Striebel sen. in einem Schreiben im Jahr 1947. Nach Abzug der Grundschuld auf den Grundstücken und der Verpflichtungen aus dem Geschäftsbetrieb blieben Rothschild aus dem Erlös knapp 50.000 Reichsmark, die aber sofort vom Finanzamt wegen tatsächlicher und angeblicher Steuerschulden gesperrt wurden. Das Geld genügte gerade dafür, für sich und seine Frau Lotte, 1896 in Freiburg geboren, die lebenswichtige "Steuerliche Unbedenklichkeitsbescheinigung" zu bekommen, ohne die eine Auswanderung nicht möglich war. Mit zehn Mark pro Person, mehr war nicht erlaubt, verließen sie ihr Heimatland.

Die Übernahme von Grundstücken und Geschäft erfolgte unter den gegebenen Umständen drängender "Arisierung". Sie mag zwar weit unter dem wirklichen Wert, aber sonst reell abgelaufen sein – bei der Anzeige zur Eröffnung des Bettenhauses Striebel am 26. Februar 1937 in der "Freiburger Zeitung" setzte der neue Inhaber voll auf die antisemitische Karte: "Dieses Haus am Rotteckplatz wird am Samstag, den 27. Februar 1937, vormittags 9 Uhr als deutsches Geschäft neu eröffnet" – als ob dort bis dahin Fremde aus dem Morgenland gehaust hätten. In der Anzeige vom 2. März 1937 legte die Firma Striebel noch mal nach: Nun präsentierte man den Freiburgern "das neue, gute Einkaufshaus mit der richtigen Ware und den richtigen Preisen".

Dass in beiden Anzeigen unter dem neuen Firmenlogo "früher Julius Marx" zu lesen ist, mussten Ernst und Lotte Rothschild, die damals noch in Freiburg weilten, nicht als Anerkennung, sondern als Schmach empfinden. Im Juni 1937 flohen die beiden mit dem Zug nach Le Havre und von dort mit der "SS Washington" nach New York. Wenige Tage später setzte das Paar seine Reise durch den Panama-Kanal nach Kalifornien fort, wo sie sich letztlich in Oakland niederließen. Warum gerade dort? Da in Oakland damals eine ganze Anzahl von Menschen namens Rothschild wohnte, darf man annehmen, dass sich Verwandte von Ernst Rothschild darunter befanden. Nochmal gut gegangen, könnte man meinen. Doch so ist es nicht. Fünf nahe Angehörige von Ernst Rothschild, darunter seine Schwägerin Ida Marx geb. Goldschmidt aus Freiburg und seine Brüder Louis und Moritz Rothschild, wurden von den Nazis ermordet. Von weiteren ist das Schicksal unbekannt.

Das alles und noch viel mehr ist in der 37-seitigen Dokumentation zu lesen, die der Autor nach zwei Monaten intensiver Recherche der Firma Betten Striebel im Dezember 2017 überreicht hat – verbunden mit einigen Fragen, natürlich auch der, warum sie in ihren Veröffentlichungen die jüdische Vorgeschichte des Hauses konsequent mit keinem Wort erwähnt. Dass es diese Vorgeschichte gibt, ist der Firma Striebel nachweislich bekannt (aus einem Beitrag der BZ vom 13. Juni 2016).

Ende Januar 2018 gelingt es dem Autor endlich, mit Hans Hamer zu telefonieren. Um sicher zu gehen, erhält Herr Hamer nach dem Gespräch ein Ergebnis-Protokoll zugesandt. Daraufhin kommt die Antwort, dass es sich „um ein privates Telefonat“ gehandelt habe und er mit der Veröffentlichung, auch auszugsweise, nicht einverstanden sei. Die Dokumentation schickte Hans Hamer aber bis heute nicht zurück.

Um nicht missverstanden zu werden: Die Familie Hamer hat mit der "Arisierung" des Kaufhauses Julius Marx nichts zu tun. Das war allein die Angelegenheit der Familie Striebel: von Franz Striebel sen. und seinen Söhnen Franz jun. und Oskar, in deren Namen er 1936/37 tätig wurde. Umso merkwürdiger ist der Umgang der heutigen Firma Striebel mit dem Thema. Man kann auch darüber diskutieren, auf welche Weise man nach 80 Jahren mit dem Thema "Arisierung" und entsprechenden Firmenjubiläen umgeht. Nur: diese Vorgeschichte völlig verschweigen, aber mit großem Aufwand das Jubiläum feiern, das ist nicht zu akzeptieren. Schon gar nicht in der heutigen Zeit.

Auch deshalb nicht, weil diese Geschichte auch ihre besondere menschliche, ja auch tragische Seite hat. Sie beginnt am 17. Juli 1947, als Ernst Rothschild ein (in den Wiedergutmachungsakten im Staatsarchiv Freiburg leider nicht vorhandenen) Brief von Franz Striebel sen. beantwortet – in ausgesprochen herzlicher Weise, aber mit fatalen Folgen. "Das Gesetz über eventuelle Rückerstattung von erworbenem Grundbesitz aus jüdischen Händen ist mir", so behauptet Rothschild, "schon seit längerer Zeit bekannt. Ich werde jedoch von dem mir zustehenden Recht der Rückerwerbung keinen Gebrauch machen, da ich auf dem Standpunkt stehe, daß die damalige Transaktion ordnungsgemäß durchgeführt wurde."

Nachdem er Striebel für den Soldatentod dessen jüngsten Sohnes bedauert und den Mord der Nazis an seinen Angehörigen geschildert hat, schreibt Ernst Rothschild weiter: "Es ist uns heute noch ein Rätsel, wie es möglich war, daß ein intelligentes Volk wie das deutsche Volk so tief sinken konnte, um sich von einer ausgesprochenen Verbrecherbande regieren und in den Abgrund führen zu lassen."

Ernst Rothschild will mit seinem Brief den Striebels und den Deutschen wohl auch zeigen, dass die Nazis ihn nicht klein gekriegt haben. "Vielleicht interessiert es Sie zu wissen, daß wir hier erfolgreich waren und in unserer alten Branche ein ganz modernes Textilgeschäft besitzen, das weit über den Rahmen der nächsten Umgebung bekannt ist."

Ebenfalls am 17.Juli 1947 schreibt Ernst Rothschild an das Badische Landesamt für kontrolliertes Vermögen in Freiburg (dies schützte und verwaltete nach 1945 das ehemalige jüdische Vermögen): "Auf Ihr Schreiben vom 4. Juni teile ich Ihnen mit, dass ich von dem mir zustehenden Recht der Wiedergutmachung keinen Gebrauch mache."

Diese beiden Schreiben sollten sein weiteres Leben bestimmen. Was nur hat Ernst Rothschild bewogen, auf all seine Rechte aus der zu erwartenden Rückerstattung und Wiedergutmachung und damit auf viel Geld zu verzichten? Vermutlich Stolz und auch etwas Trotz – oder doch etwas anderes?

Das Landesamt für Wiedergutmachung in Freiburg, dessen Personal alles andere als judenfreundlich war, nimmt ihn jedenfalls beim Wort, als Ernst Rothschild am 25. November 1949 nun plötzlich doch bei der Restitutionskammer des Landgerichts Freiburg Klage auf Rückerstattung der Grundstücke und Gebäude des ehemaligen Kaufhauses Julius Marx und auf die Erstattung des Reinertrags aus der Nutzung dieser Liegenschaften erhebt.

Als Ernst Rothschild dann doch Klage einreicht, ist es zu spät

Mit gleicher Post gibt Rothschild eine "Eidesstattliche Versicherung" ab, in der er wörtlich feststellt: "Im Juli 1947 ersuchte mich der Käufer meiner Grundstücke in Freiburg, Herr Franz Striebel, daß ich verpflichtet sei bei Vermeidung von großen finanziellen Nachteilen für mich, ihm schriftlich zu bestätigen, daß ich keinen Anspruch auf Rückübertragung meiner Grundstücke geltend machen würde."

Das Landesamt nimmt ihm diese – immerhin unter Eid geleistete – Aussage dennoch nicht ab. Und es stellt sich heraus, dass sich Ernst Rothschild mit seiner Klage gleich doppelt verrechnet hat: Mit seiner offiziellen Verzichtserklärung von 1947 hatte er seiner Klage selbst die Grundlage entzogen und diese dann auch noch zu spät eingereicht – die Frist dafür war am 15. August 1949, also gerade mal gut vier Wochen vor Einreichung seiner Klage, abgelaufen.

Die Erklärung, die er nun dafür abgibt, widerspricht aber seiner Aussage von 1947. Das Landesamt will ihn aber auch nicht verstehen. So hilft dann auch seine 1949 nachgereichte Erklärung nichts, dass er in seinem Brief vom 17. Juli 1947 an Franz Striebel sen. nicht das – noch gar nicht erlassene – Entschädigungsgesetz gemeint habe, sondern "die Anordnung der Besatzungsbehörden, dass die Inhaber von Gegenständen, die in der Zeit der Naziherrschaft jüdischen Personen gehört hatten, diese anzumelden hätten". Das Gesetz selbst sei ihm, entgegen der von Herrn Striebel ihm "vorgeschriebenen" Erklärung, nicht bekannt gewesen.

Es hilft alles nichts. Die Restitutionskammer des Landgerichts Freiburg weist seine Klage am 13. Juni 1950 zurück – und Ernst Rothschild akzeptiert diese Entscheidung. Am 15. Februar 1951 wird der Sperrvermerk nach Gesetz Nr. 52 für die Grundstücke aufgehoben und die Familie Striebel kann nun wieder über die Grundstücke frei verfügen – das Kaufhausgebäude selbst war beim Luftangriff im November 1944 fast völlig zerstört worden.

Das Geschäft in Oakland, dessen Erfolg er 1947 gegenüber Franz Striebel sen. so gepriesen hat, ist dann doch nicht so erfolgreich. Im Mai 1950 muss Ernst Rothschild die Hilfe eines öffentlichen Anwalts in Anspruch nehmen, der in Deutschland seine Anliegen vertritt. Und am 25. Mai 1953 stellt er dann doch den Antrag auf Wiedergutmachung des "Schadens im beruflichen Fortkommen" – schließlich hatte er als Chef und Inhaber eines größeren Kaufhauses eine herausgehobene Stellung. Das Landesamt für Wiedergutmachung hält sich diesmal – immerhin – nicht an seiner alten Verzichtserklärung auf, sondern gibt seinem Antrag statt. Es dauert aber mehr als vier Jahre, bis er im Dezember 1957 eine Kapitalentschädigung von 12.000 DM erhält. Ernst Rothschild, hochdekorierter Offizier im Ersten Weltkrieg und mehrfach verwundet, will 1958 nach seinem Ausscheiden aus seiner Firma diese Kapitalentschädigung in eine Rente umgewandelt haben. Er ist 63 Jahre alt, leidet seit Kriegszeiten an Rückenschmerzen, nun auch an Schlaflosigkeit und Angstzuständen. Das Landesamt sagt Nein – und muss sich 1961 vom Entschädigungssenat des Oberlandesgerichts Karlsruhe korrigieren lassen: Rothschild bekommt seine Rente – wie auch sein Frau Lotte, die sich ihre Rente ebenfalls erstreiten muss. Ernst Rothschild stirbt, 74 Jahre alt, am 20. Juni 1970 in San Leandro in Kalifornien, seine Frau 13 Jahre später. Sie blieben kinderlos. An ihre Familie, zu der auch ihr Freiburger Onkel Leo Marx gehört, der in der Salzstraße ebenfalls ein Textilgeschäft betrieb, erinnern heute nur noch die Grabsteine von Julis und Leo Marx auf dem jüdischen Friedhof in Freiburg. Die Firma Striebel sollte das ändern.


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2 Kommentare verfügbar

  • Klaus
    am 15.06.2019
    Antworten
    In dem Artikel von Herrn Serger kann ich keine journalistischen Mängel erkennen. Was HerrHauser von der BZ heute, 15.6., dort alles anführt, wirkt für mich stark wie eine schwer beleidigte Replik auf die gute Arbeit eines unabhängigen Journalisten. Unabhängig kann die BZ sich beim besten Willen…
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