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Dystopie in Pink

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In ihrem Spielfilmdebüt "Paradise Hills" erzählt die frühere Modefilmerin Alice Waddington, wie eine junge Frau in einem Wellness-Resort erwacht. Irgendwas ist dort sehr seltsam.

Das ist mal eine Hochzeitsfeier! Mit einer aufgeputzten Gästeschar in einem riesigen Saal, mit Kronleuchtern so groß wie Lampenläden und mit einem Brautkleid, aus dem man einen Fesselballon schneidern könnte. Schaut mal her! Wie sich das alles eklektizistisch auftürmt zu höchster Extravaganz, zu einem augenschmausigen Dekor-Kostüm-und-Stil-Exzess, so als wären die Übertreibungen der Operette ins Hysterische gesteigert worden! Und mittendrin Uma (Emma Roberts), die Braut, die sich endlich traut. An der Treppe wartet schon, in weißer Uniform mit Goldbesatz, der Bräutigam, und im Schlafgemach lobt der, als er sich auf sie legt, wie willig sie endlich geworden sei. Aber irgendetwas stimmt hier nicht. Genauer gesagt: Hier stimmt gar nichts.

Denn nun blendet der Film zwei Monate zurück und zeigt Uma, wie sie in einem seltsamen Raum mit baumbebilderten Wandtapeten erwacht und fragt: "Wo bin ich?" Sie sei, so wird ihr beschieden, natürlich im Paradies. Tatsächlich ist sie nur in einem Abbild des Paradieses angekommen, nämlich auf einer Insel im Meer und in einer Art luxuriöser Reha-Klinik, einem Architektur-Komplex, der Antike, Gotik und Moderne mit Beton anmischt. Dort können junge Frauen unter Anleitung weiß gewandeter Angestellter Yoga treiben, in Gärten wandeln oder an Teichen sitzen. Und in einem gern pinkfarbenen Ambiente auch darüber nachdenken, wie man diesem Schönheits-Terror entkommen könnte. Denn dieser Ort, an den reiche Eltern ihre den Ansprüchen nicht genügenden Töchter schicken, ist das, was der halbwegs geübte Kinogänger gleich vermutet hat: eine als Wellness getarnte Umerziehungsanstalt.

Ein bisschen erinnert "Paradise Hills", in dem ein verspielt dekoriertes Feriendorf zum Gefängnis wird, an die legendäre britische Pop-meets-Kafka-Agenten-Serie "Nummer 6 – The Prisoner" aus den sechziger Jahren. Und in seinem perfiden Frauen-Unterdrückungs-Plot an den Thriller "The Stepford Wives" ("Die Frauen von Stepford", 1975) und dessen gleichnamiges Remake (2004). Denn Uma soll ja glauben, was ihr die Herzogin genannte Chefin (Milla Jovovich) unter ihren üppig geschmückten Hüten vorsäuselt, dass nämlich alles nur zu ihrem Besten geschehe, dass sie aus dieser Therapie als perfekte Frau hervorgehen werde. Genauso wie drei der Mitinsassinnen, die ihren tyrannischen Eltern zu rückständig, zu selbstständig oder auch bloß zu dick erschienen. Aber noch sind die vier, die einen großen Teil ihrer Tage mit Ankleiden, Schminken und beim Friseur verbringen, keine willigen Opfer. Dieses Quartett, das jeden Morgen seltsamerweise mit schweren Köpfen in Betten aufwacht, die wie überdimensionale Wiegen aussehen (die Neugeburt der Frau!), fühlt sich wie in einer "faschistischen Model-Schule" und beim Blick in den Spiegel so, "als würde man jemand anderen anschauen."

Andererseits: Als dystopische Gesellschaftsbeschreibung bleibt "Paradise Hills" recht vage. Die Geschichte begnügt sich im Wesentlichen mit der Aussage, dass es die da unten gibt und die da oben. Sie ist auch keiner bestimmten Zeit zugeordnet, sondern spielt sich ab zwischen Irgendwann und Irgendwo. Stilistisch lässt sich der weitgehend auf Computerbilder verzichtende Film besser verorten, nämlich als nostalgische Hommage an das europäische Science-Fiction-, Fantasy- und Horror-Kino der sechziger und siebziger Jahre. Also an die Filme der englischen Hammer-Studios, an die italienischen Giallos von Mario Bava und Co., oder auch an die spanischen Genrefilme jener Zeit. Eine Geheimtür zum Beispiel wird in "Paradise Hills" nicht per elektronischer Code-Eingabe geöffnet, sondern indem man an der Hand einer Statue dreht!

Die 1990 geborene Regisseurin Alice Waddington, eine Spanierin, hat sich einen Namen in der Werbe- und Modefilmbranche gemacht, und das sieht man diesem Spielfilmdebüt auch an. Eine ausschweifende und in jedem Sinne blühende Fantasie ist da am Werk! Diese epochendurchwürfelnden und oft floral inspirierten Architekturen, Dekors und Kostüme erweisen sich immer wieder als Hingucker, und zwar so sehr, dass man die Story fast aus den Augen verliert. Beziehungsweise: Dass man sich dabei ertappt, es gar nicht so schlimm zu finden, wenn diese Story von einer Show des Luxus und der Moden über- und zugedeckt wird. Nein, das darf man eigentlich gar nicht schreiben. Aber wenn sich der Film am Ende in ein Märchen verwandelt – und Milla Jovovich von einer Herzogin in eine Hexe –, und wenn er sich fürs Finale einen nächtlichen Rosen- und Dornenwald aussucht, in dem Mädchen in weißen Kleidern hängen, dann ist dies ein wunderbares Bild von dunkler Poesie. Offiziell empfehlen wird der Kritiker "Paradise Hills" daher nicht. Aber einordnen in die jede Verantwortung ablehnende Sparte jener Filme, die man als "Guilty Pleasures" bezeichnet.


Alice Waddingtons "Paradise Hills" ist ab Donnerstag, 29. August in den deutschen Kinos zu sehen. Welche Spielstätte den Film in Ihrer Nähe zeigt, sehen Sie hier.


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