Szene aus Löschs Stück: Meuterei auf der Brücke, Kalifat in der Kirche. Foto: Sebastian Hoppe

Ausgabe 409
Kultur

Schiff Heil

Von Gastautor Peter Lenk
Datum: 30.01.2019
Ein Skandal-Bildhauer geht fremd: Zur Premiere von Skandal-Intendant Volker Löschs Stück "Das blaue Wunder" reiste Peter Lenk mit dem Zug vom Bodensee nach Dresden. Seine Eindrücke schildert er exklusiv in Kontext. Er kam übrigens – oh Wunder – ohne Verspätung in Sachsen an.

Die Dresdner Hängebrücke im Stadtteil Loschwitz erhielt ihren Namen "Blaues Wunder" aufgrund einer Zeitungsente im Jahr 1893, in der sie sich von Grün nach Blau verfärbt haben soll. Die drohende Verfärbung in Schwarz-Braun ist Thema des neuen Stücks von Thomas Dreyer und Ulf Schmidt unter der Regie von Volker Lösch. Als sich die Saaltüren schließen, treten acht Schauspieler vor den eisernen Vorhang, und werden von einem fiktiven Windstoß kollektiv an die Wand gedrückt. Sie beschweren sich.

"Keine Arbeit, kein Geld, keine Sicherheit, Hartz IV ist ungerecht!"
"Das muss sich ändern!"
"Sofort!"
"Mein Geld!"
"Systemfehler!"
"Ich will behalten, was ich hab!"

Dann setzt sich der Eiserne in Bewegung, und aus der Unterbühne erhebt sich ein gigantisches Schiff. Szenenapplaus. Auf dem Oberdeck des Kraft-und-Freude-Dampfers agitiert die Kapitänin ekstatisch. Sie reckt die Arme gen Himmel, eine Mischung aus Cheerleadergirl und Sektenpredigerin. Sie verkündet die Rettung all jener, die sich verloren glauben und präsentiert das blaue Buch, eine AfD-Bibel. Die ersten Verse aus dem Höcke-Evangelium ... Tonausfall.

Technische Panne oder Sabotage? In einem "Zeit"-Artikel, der vor der Inszenierung erschien, wurde ein Bühnentechniker als AfD-Mitglied denunziert.

Nach spannenden zehn Minuten ist das Problem behoben und die Kapitänin kann weiterschreien und erwecken. Die acht Schauspieler stürmen an Deck, mit kindlicher Freude, und feiern eine euphorische Wiedervereinigung, einen Aufbruch in die Welt der Möglichkeiten. Wohin die Reise gehen soll ist klar, das Traumschiff verspricht Heimat, Identität, und das Wichtigste: Schutz für diejenigen, die mit an Bord dürfen. Unter Deck schuften Ausländer als Maschinenmenschen im Ankerraum. Nach einem Loblied auf die Thüringer Bratwurst werden auf dem Oberdeck die Aufgaben verteilt. "Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen!"

Ein Sturm zieht auf und zwingt die Kapitänin zur Umkehr. Für so viel Feigheit vor dem Feind gibt es nur Eines: sofortige Degradierung und Kurskorrektur.

Der Regisseur lässt nun in einem raffinierten Wechselspiel aus drehendem Schiff, Lichtinseln und ständigem Rollenwechsel die Schauspieler vom grausigen Alltag auf dem Schiff erzählen: Bootsflüchtlinge werden ausschließlich nach Nützlichkeit aufgenommen, Frauen und Kinder im Stich gelassen. "Lasst euch nicht von Kinderaugen erweichen!"

Ein Paar streitet beim Sex über die Geschlechterrollen, ein Chaot versucht, Ernst Jünger für sich zu interpretieren und kommt zum Schluss, dass die Gewalt sein Waldgang ist. Die Würste gehen zur Neige, es kommt zu Verteilungskämpfen um Jobs und Pfründe. Das gegenseitige Denunzieren wird zur Pflicht. Als ein Küchenmesser verschwindet, bricht Panik und Wut aus.

Die zuvor aufgenommenen Flüchtlinge müssen aus Sicherheitsgründen über Bord geworfen und erschossen werden: "Es seien ja nur 300 Meter schwimmend zu schaffen, was allerdings die Entfernung bis zum Meeresboden meint." Fast zur Meuterei kommt es, als dummerweise auch der Ankerraum geflutet wird und die Besatzung die Drecksarbeit selber machen muss.

Das Vorlesen eines grotesken Spiegel-Artikels, der sich wie eine AfD-Proklamation anhört, ist aus dem Jahr 1990 und beschreibt die Angst der Wessis vor den Ossis. Das ist Realsatire, die nicht mehr übertroffen werden kann, vor allem, weil der Schauspieler an der Rampe dem Publikum wütend Lachverbot erteilt. Szenenapplaus.

Keine Buhrufe – ungewöhnlich für ein Lösch-Werk

Hunger, Frust und Terror nehmen an Bord zu. Jetzt geht es um die Wurst, die lange verzehrt ist. Die ständige Sauerkrautfresserei mangels Alternativen verursacht Dünnpfiff. Da hilft nur noch eins: Arsch abwischen mit dem blauen Buch, weil kein Klopapier da ist. Ein Kapitalverbrechen. "Guck mal, alles braun!"

Die Schiffsreise wird selbst zum Seenotfall. Da der Euro abgeschafft und durch wertlose Schiffsmark ersetzt wurde, ist der Zugang zum Binnenmarkt versperrt. Anlegeverbot in Hamburg.

Zeit, die Gegner der mörderischen Brut zu Wort kommen zu lassen. Dresdner Initiativen und Einzelkämpfer präsentieren sich vor dem eisernen Vorhang. Einer vergisst seinen Text, aber trotzdem weiß jeder, hier geht es um die gute Sache. Szenenapplaus. Eine Aktivistin berichtet von Übergriffen durch die Polizei. Ein vereinzelter Zwischenruf aus dem Publikum: "Quatsch!"

Ein Elektronikmusiker, ein Medizinstudent, der über rechte Demos zwitschert, und schließlich die Banda Kommunale, die mit geflüchteten Musikern in Schulen und Kindergärten auftritt. Die Schauspieler arbeiten sich bis zur Erschöpfung als Bösewichte ab, den Szenenapplaus bekommen natürlich die Laien. Die Schiffsreise gipfelt darin, dass ein Schiff erspäht wird: schwarze Flagge, arabische Schriftzeichen – der IS.

Während der Kampfaufstellung merken die Gegner verblüfft, dass sie für dieselbe Sache kämpfen: die Errichtung eines autoritären Systems, Kampf gegen die Ungläubigen, die Bevormundung der Frauen. IS und AfD sind Brüder. Ein Kalifat in der Frauenkirche? Maschinengewehr-Ballett besiegelt die neue Freundschaft, nun steuert das Schiff die Hauptstadt der Bewegung an: Dresden, die Stadt, auf die man stolz sein darf. Hier wurden die ersten Bücher verbrannt und die erste Synagoge zerstört.

Dagegen der Chor der Gerechten: "Sachsen kann für alle geil sein, wenn die Koalition von CDU und AfD verhindert wird." Tosender Applaus, Standing Ovations, keine Buhrufe und Schlägereien, keine Signierstunde für das blaue Buch im Foyer. Volker Lösch und seinem Team ist es gelungen, die brutale Konsequenz der AfD-Zitate sichtbar zu machen. Beim Rausgehen hinter mir eine Stimme aus meiner Heimat: "Gell, s' Theater isch net immer so, wie mer's gern hätt."


Unser Autor war bei der Uraufführung des "Blauen Wunders" am 26. Januar dabei. Weitere Aufführungstermine auf der Website des Dresdner Staatsschauspiels.


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1 Kommentar verfügbar

  • Peter Meisel
    am 30.01.2019
    "Hunger, Frust und Terror nehmen an Bord zu." Das sehe ich als ein Ergebnis der "Marktkonformen Demokratie", die nicht dem Demos (Volk) dient, sondern den Märkten z.B.: Banken und Industrie! Die Rettung der Banken ist nicht gelungen? Trotz Geburtstag für Herrn Ackerman im Kanzleramt?
    Die Privatisierung der Deutschen Bundes Bahn war ein Ergebnis davon. Ihr werdet euer Blaues Wunder noch erleben! Der Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche ist gelungen aber die "Demokratie" nähert sich den Zustand von 1929 wieder an? Ergo…"Dagegen der Chor der Gerechten: "Sachsen kann für alle geil sein, wenn die Koalition von CDU und AfD verhindert wird." Solange die AfD zur Gliederung ihres Programs arabische Zahlen selbst benutzt aber behauptet unter "7.6.1 Der Islam gehört nicht zu Deutschland" empfehle ich einen Blick in Dresden auf das ehemalige Fabrikgebäude der Zigarettenfabrik Yenidze.

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