Shamsia Sulaimanzada gehörte zu den ersten Architekturstudentinnen in Kabul. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 370
Kultur

Von Kabul in die Landeshauptstadt

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 02.05.2018
Aus dem krisengeplagten Afghanistan ist die junge Architektin Shamsia Sulaimanzada für drei Monate nach Stuttgart gekommen, um etwas über nachhaltige Entwicklung zu lernen. Beim Büro Transsolar ist sie dafür an der richtigen Adresse.

Wolfgang Kuhnle ist voll des Lobes. "Shamsia Sulaimanzada weiß, was es braucht, um selbst im patriarchalen Afghanistan Fuß als Ingenieurin zu fassen", meint er. Kuhnle ist im Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) für die Öffentlichkeits- und Alumniarbeit des CrossCulture-Programms zuständig. Dieses ermöglicht jährlich bis zu 80 jungen Menschen vorwiegend aus der islamischen Welt, ihre Kenntnisse in verschiedenen Bereichen - von Menschenrechten über nachhaltige Entwicklung bis hin zu Kultur und Medien - durch einen zwei- bis dreimonatigen Aufenthalt an einer deutschen Partnerorganisation zu vertiefen.

Sulaimanzada (26), Architektin, ist von Februar bis April zu Gast im Büro Transsolar in Stuttgart. Was sie dort gelernt hat, wird sie im Anschluss in Afghanistan "an den relevanten Stellen einbringen", so Kuhnle, "und darüber hinaus als Frau in einer Männerdomäne Vorbildfunktion für andere Mädchen und Frauen übernehmen. Wir finden das klasse!"

Wer sich angesichts dieser Beschreibung eine Frau vorstellt, die sich in der afghanischen Männerwelt durch forsches Auftreten Geltung zu verschaffen weiß, muss umdenken. Sulaimanzada ist klein, wirkt eher schüchtern und spricht leise. Aber sie hat sich auf ihrem bisherigen Berufsweg gegen ziemlich viel männliche Konkurrenz durchsetzen können. Vor allem durch gute Noten.

Es ist besser als unter den Taliban, aber immer noch nicht gut

Ein resolutes Auftreten würde ihr im heutigen Afghanistan auch nicht viel nützen. Nach Bürgerkrieg und Talibanherrschaft ist das Land noch nicht zur Ruhe gekommen. In der schlimmsten Zeit war Sulaimanzada noch ein Kind. "Es war schrecklich", erzählt sie. "Frauen hatten keinerlei Rechte. Sie konnten weder studieren noch arbeiten, außer zu Hause." Nach der amerikanischen Invasion 2001 wurde es etwas besser. "Die Situation ist aber immer noch nicht gut", schränkt sie ein, "jede Woche sind Explosionen von Anschlägen zu hören."

Die staatliche Universität von Kabul, wo Sulaimanzada 2014 ihren Bachelor-Abschluss gemacht hat, galt einmal als eine der Top-Hochschulen Asiens. Auch führende Milizionäre und Politiker haben hier studiert, etwa der 2001 ermordete Nationalheld Ahmad Shah Massoud oder der zweimalige Präsident Gulbuddin Hekmatyar. Die Fakultät für Ingenieurwesen, zu der auch Architektur gehört, gibt es seit 1956. Während des Bürgerkriegs und unter den Taliban unterrichteten die Lehrkräfte unter prekären Bedingungen weiter. Erst 2007 begann sich die Situation durch internationale Hilfe zu bessern.

Mit zwei weiteren Frauen gehörte Sulaimanzada zu den ersten Architekturstudentinnen in Kabul. Ihre Lieblingsfächer in der Schule waren Mathematik und Naturwissenschaften, daher wollte sie zuerst Ingenieurwesen studieren. Sie entschied sich dann aber für Architektur. Ungefähr 1000 junge Menschen bewerben sich jedes Jahr an der Universität, doch nur 600 bis 700 werden angenommen, schätzt sie. Die anderen weichen auf private Universitäten aus, soweit sie es sich leisten können. Die seien aber nicht so gut, meint sie.

Sie selbst kommt nicht aus einer reichen Familie, auch wenn ihr Vater, inzwischen im Ruhestand, Geschäftsmann war. In Kabul ist sie geboren und aufgewachsen, trotzdem sagt Sulaimanzada , sie stamme aus der Provinz Faryab im äußersten Nordwesten des Landes, der Heimat ihrer Eltern. Sie selbst ist dort wegen der gefährlichen Situation allerdings nur wenige Male gewesen.

"Architektur ist etwas für Männer", sagten die Eltern

Mit ihren Berufswunsch stieß sie anfangs auf wenig Gegenliebe. Ihre Eltern meinten zuerst: "Architektur ist etwas für Männer." Doch als sie sich entschlossen zeigte, akzeptierten sie ihre Entscheidung. In der Universität wurde sie von Anfang an gut aufgenommen. Inzwischen studieren dort immer mehr Frauen, insgesamt ungefähr ein Viertel, auch Architektur.

"Kabul ist dabei, sich zu entwickeln", stellt Sulaimanzada fest. Der Wiederaufbau sei zwar noch nicht sehr weit vorangeschritten, doch "jeder will helfen, die Infrastruktur zu entwickeln." Damit spielt sie an auf die vielen internationalen Hilfsorganisationen, denen auch sie ihr weiteres Fortkommen verdankt. Nach mehreren Praktika bewarb sie sich bei Mercy Corps, einer 1979 in den USA gegründeten NGO, die bereits seit 1986 in Afghanistan tätig ist, unter anderem im Gesundheits- und Bildungssektor, und vor allem die Position von Frauen verbessern will.

Bei Mercy Corps entwarf Sulaimanzada Mädchenschulen und Gesundheitszentren für die Provinzen Badakhshan und Kunduz ganz im Norden des Landes, die nach wie vor umkämpft sind. Teile befinden sich heute wieder in den Händen der Taliban, die in einem Distrikt sämtliche Schulen geschlossen haben. Insbesondere für Frauen ist in dieser Region die mangelnde Gesundheitsvorsorge ein Problem. Mercy Corps arbeiten dort im Rahmen des Stabilisierungsprogramms Nordafghanistan, unterstützt von der Aga-Khan-Stiftung und der Kreditanstalt für Wiederaufbau. Für die Architektin kam allerdings nur Büroarbeit in Frage. Selbst in Kabul sind Frauen auf der Straße nicht sicher, vor allem bei Nacht. Was ihr - ganz Architektin - in Stuttgart als erstes auffiel, war die hervorragend funktionierende Infrastruktur. Abends allein unterwegs sein zu können, daran musste sie sich allerdings erst gewöhnen.

Nach zwei Jahren bewarb sich Sulaimanzada bei einer anderen Hilfsorganisation: Borda, ausgeschrieben Bremen Overseas Research and Development Association, konzentriert sich auf Wassermanagement. Fünf Prozent der Fläche von Kabul, so Sulaimanzada, sind mit informellen Siedlungen bebaut, die keinerlei Zugang zur öffentlichen Infrastruktur  haben. Bei Borda plant sie nun die Trinkwasserversorgung, Toiletten, Abwasser- und Entwässerungsleitungen im Stadtteil Dashti Barch, vom Stadtzentrum und von der Universität nicht weit entfernt.

Durch die sozialen Medien zum Stuttgarter Praktikum

Die CrossCulture-Praktika des Institut für Auslandsbeiziehungen hat sie durch die sozialen Medien entdeckt. Als sie beim Recherchieren auf der ifa-Website feststellte, dass ein Teil der Stipendien im Bereich Nachhaltige Entwicklung vergeben werden, bewarb sie sich. Bei der Wahl ihrer Einsatzstelle in Deutschland half das ifa, das mit der Firma Transsolar seit der Ausstellung "Ecology.Design.Synergy", die von 2006 bis 2016 durch die Welt tourte, wiederholt zusammengearbeitet hat.

Transsolar, vor 25 Jahren aus der Uni Stuttgart heraus gegründet, arbeitet mit Architekten und Bauherren zusammen, um Gebäude bei einem möglichst geringen ökologischen Fußabdruck so zu gestalten, dass das Klima im Innenraum so angenehm wie möglich ist. Das Büro am Hauptsitz Stuttgart befindet sich in der zweiten Etage eines quadratischen Gebäudes im neuen Gewerbegebiet Stuttgarter Engineering Park (Step), die Mitarbeiter arbeiten hier in kleinen Gruppen an einzelnen Projekten.

Einer solchen Gruppe wurde auch Sulaimanzada zugeteilt. Sie hat an einem Bauvorhaben einer belgischen Entwicklungshilfeorganisation in Uganda mitgearbeitet, ebenso an einer Schule in Hebron, und dabei viel über natürliche Belüftung und Belichtung erfahren. Außerdem war sie an einem Masterplan für ein Areal im norwegischen Stavanger beteiligt. Es ging dabei um eine nachhaltige Infrastruktur, sagt ihr Betreuer Nadir Abdessemed. Auf die Frage, was mit Infrastruktur gemeint sei, antwortet er: "Da sind wir schon mitten in der Problemdefinition: Was bedeutet Infrastruktur? Die Energiekreisläufe gehören dazu, aber auch Wasser und Verkehr."

Transsolar

Vor 25 Jahren aus dem Bereich der Wärmetechnik und Thermodynamik der Universität Stuttgart heraus gegründet, ist Transsolar heute eine Firma mit 50 Mitarbeitern an vier Standorten. Der Hauptsitz ist nach wie vor in Stuttgart. Ein frühes Projekt war die Klimakonzeption für das Stuttgarter Theaterhaus, die darin bestand, den Aufenthalt in den Hallen ohne Klimaanlagen auch bei heißen Außentemperaturen erträglich zu gestalten. Transsolar war und ist an vielen ungewöhnlichen Projekten beteiligt: von der Wüstenstadt Masdar in Abu Dhabi bis zur Herstellung einer künstlichen Wolke auf der Architekturbiennale 2008 in Venedig. (dh)

Mit ihrem bisherigen Arbeitsgebiet Wasser- und Abwasserinfrastruktur hat Sulaimanzada bei Transsolar nur am Rande zu tun. Das stört sie nicht, sie will nur versuchen, in der kurzen Zeit ihres Aufenthalts so viel mitzunehmen wie nur irgend möglich. Sie hofft, eines Tages eine Stelle in Regierungsbehörden zu finden: nahezu die einzig sichere Perspektive, die ihr Land zu bieten hat. Gegenüber anderen AfghanInnen ihres Alters kann sie sich glücklich schätzen: Mehr als die Hälfte ihrer Schulklasse ist ohne Arbeit. Vor allem die prekäre Sicherheitslage treibe viele in die Emigration, meint sie. Doch auch die Perspektivlosigkeit spielt eine Rolle.

Sulaimanzada ist zielstrebig. Ansonsten unterscheidet sie sich nicht so sehr von anderen Frauen ihres Alters überall auf der Welt. Was sie unterscheidet, ist ihre Herkunft aus einem krisengeplagten Land. Sie kennt Familien, die bei Anschlägen mehrere Kinder verloren haben. Fürs Foto zieht sie dann doch ein Kopftuch über.


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