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Siechtum in der Warteschleife

Siechtum in der Warteschleife
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Jede Landeshauptstadt hat ein kommunales Kino. Auch jede deutsche Großstadt über einer halben Million Einwohner hat ein KoKi. Nur Stuttgart hat seit fast sieben Jahren keins. Und wie es aussieht, wird sich daran in absehbarer Zeit auch nichts ändern.

Dabei besteht der Verein "Neues Kommunales Kino", zu dem sich praktisch alle Filminstitutionen der Region zusammengeschlossen haben, schon seit fast vier Jahren. Bereits 2011 wurde ein detailliertes Konzept für einen Neustart des Kommunalen Kinos vorgelegt. An Selbstbewusstsein mangelte es damals nicht: Das Haus solle sich "in einer zentralen städtischen Position" befinden, über einen großen und zwei kleine Kinosäle und ein "einladendes Foyer" verfügen. Selbst an Gastronomie, Shop und Sichtungsplätze war gedacht worden. Und auch beim Personal wollte man nicht kleinlich sein. 6,5 feste Mitarbeiter nebst einigen Honorarkräften sollten den Laden schmeißen.

Räume, Technik, Personal – alles genau beschrieben. Nur bei den Inhalten zeigte sich das Konzept ziemlich zugeknöpft. "Vermittlung, Interkulturalität, Kontext und Innovation" sollten die vier Säulen der kommunalen Filmarbeit in Stuttgart werden. Zwar wurden diese vier Allerweltsbegriffe bei diversen Workshops diskutiert , doch viel Konkretes ist dabei auch nicht herausgekommen.

Jeder Übergangslösung, von der Stadt, Kinobetreibern oder wem auch immer eingebracht, wurde eine Absage erteilt. "Wir wollen das große Haus jetzt", stellte Markus Merz, Vereinsvorsitzender und Rektor der Merz-Akademie , unmissverständlich klar. Doch irgendwie versandete diese Initiative; wer, wie und was genau die Ursache war, das weiß keiner oder will zumindest niemand so recht sagen. 

Stuttgart blieb KoKi-los und das in einer besonders KoKi-reichen Region. Nirgendwo sonst in Deutschland gibt es so viele nicht kommerzielle Lichtspiele wie in Baden-Württemberg. Die leisten sich sogar einen eigenen Landesverband, während man sich anderswo mit der Mitgliedschaft im Bundesverband kommunale Filmarbeit (BKF) begnügen muss.

Mit dem Mannheimer Cinema Quadrat, 1970 gegründet, besitzt das Land eines der ältesten kommunalen Kinos der Bunderepublik. Auch die Häuser in Karlsruhe und Freiburg gehören zur Creme der gemeinnützigen Filmarbeit. Die meisten KoKis tummeln sich freilich in ländlichen Regionen, heißen Guckloch, Kino im Schafstall, Linse oder Klappe 11. Sie machen fast immer eifrig mit im lokalen Vereinsleben, veranstalten Feste, feiern Fasnet; na ja, und Filme zeigen sie natürlich auch. Doch ihre soziale Funktion ist häufig deutlich stärker ausgeprägt als die filmkulturelle.

Dieses Guckloch-Modell funktioniert in Großstädten nicht, besser gesagt: nicht mehr. "Papas kommunales Kino ist tot!" könnte man – frei nach dem Manifest des neuen deutschen Films – feststellen. So ist auch der Exitus des Kommunalen Kinos in Stuttgart zu erklären.

Seit 1997 war es im Filmhaus, dem ehemaligen Amerikahaus, in der Friedrichstrasse untergebracht: in zentraler städtischer Position, zwei Kinosäle, einladendes Foyer, Gastronomie, Büros. Eigentlich also alles vorhanden, was man 15 Jahre später vergeblich forderte. Zur Eröffnung sprach Stuttgarts Ex-OB Wolfgang Schuster, damals noch Kulturbürgermeister der Stadt.

Ein Konzept für dieses Filmhaus, dessen Kernstück das Kommunale Kino war, hatte jedoch weder er noch seine Nachfolgerin Iris Jana Magdowski. Die überließ das Geschäft mit dem Filmhaus dem Chef des neu installierten Medienteams, Hans-Joachim Petersen. An beide erinnern sich Stuttgarts Kultur- und Medienschaffende nicht selten mit Grausen. Ein Alp-Dream-Team, das sich vielleicht als Besetzung einer Netflix-Politcomedy ganz gut gemacht hätte, im realen Rathausleben aber bestenfalls Stirnrunzeln erzeugte. 

Eine Fehlentscheidung jagte die andere. So wurde etwa die Gastronomie an den Club Bett verpachtet, der so ganz und gar nicht zum Filmhaus passte. Herr Dr. Petersen behandelte die KoKi-Mitarbeiter, sogar in der Öffentlichkeit, wie die Saudis ihre Bauarbeiter aus Bangladesch.

Wunderlich allerdings auch manche Programmentscheidung der KoKi-Mannschaft. So zeigte man während der Fußball-WM 2006 Filme der Gruppengegner Deutschlands. Etwa aus der äußerst überschaubaren Filmproduktion der Elfenbeinküste. Für Ethnologen vielleicht ein Leckerbissen, für das normale KoKi-Publikum absolut kein Renner.

Dazu verwahrloste das Filmhaus zusehends. Den betont lockeren Typen, die da ein und aus gingen, war das vermutlich egal. Den StadträtInnen und Kulturamtsmenschen aber eher weniger.

Der Vermieter, die LBBW-Immobilien, sah das Kinotreiben ohnehin nur als Zwischennutzung an; schließlich lässt sich so eine Immobilie in zentraler Lage weit besser verwerten.

Anfang August 2008 weigerte sich die Stadt, das jährliche Defizit zu stopfen, was in den Vorjahren üblich gewesen war, und trieb so den Trägerverein in die Insolvenz. Die heutige Kulturbürgermeisterin Susanne Eisenmann pflegte bei öffentlichen Anlässen genüsslich zu bemerken, dass es "keine Demos und Lichterketten" des Protests nach ihrem Coup gegen das KoKi gegeben habe. Was, nebenbei bemerkt, zur Ferienzeit und im Hochsommer auch etwas viel verlangt gewesen wäre.

Das Verhalten der Stadt war jedenfalls, gelinde gesagt, ziemlich unüblich. "Wenn ich sehe, was da so alles gerettet wird, hätte man damals auch das KoKi retten können", meint Christian Dosch, Leiter der Filmkommission Stuttgart, der als "sachverständiger Bürger" den Kulturausschuss des Gemeinderats beraten soll. 

Am Geld kann es jedenfalls kaum liegen, dass die Stadt der kommunalen Filmarbeit so wenig entgegenkommen will. Gut 80 Millionen wurden für den Neubau der Stadtbücherei ausgegeben, 70 Millionen für den gläsernen Würfel des Kunstgebäudes, 30 Millionen für das neue Stadtmuseum. Jährlich bekommt das Staatstheater 38 Millionen Euro aus dem Stadtsäckel, und selbst die freie Theaterszene darf sich über einige Millionen freuen. Bei der Kultur lässt sich das vergleichsweise reiche Stuttgart nicht lumpen.

Nur für die Verfechter eines neuen kommunalen Kinos hat die Kommune weder bescheidene Beträge noch irgendwelche Ideen übrig. Obwohl die Forderung "Das große Haus jetzt" schon längst aufgegeben wurde, sieht sich die Stadt Stuttgart sogar außerstande, eine akzeptable Zwischenlösung anzubieten.

Kaum ein innerstädtisches Gebäude mit einem Hauch von Renommee, das noch nicht als Durchgangs- oder Dauerort für ein kommunales "Film- und Medienhaus" diskutiert wurde: Wilhelmspalais, Kunstgebäude am Schlossplatz, Villa Berg, Breuninger- und Züblinparkhaus, das ehemalige Ambo gegenüber vom Hauptbahnhof, das SSB-Depot im Osten. Seit gut einem Jahr sind 150 000 Euro im städtischen Haushalt für die Standortsuche, eine Planungsstudie und eine Betriebskalkulation eingesetzt.

Nun soll ein privates Stadtplanungsbüro gegen Honorar einen Standort suchen. Auch darüber kann man sich eigentlich nur wundern. Stuttgart ist schließlich kein Stadtmoloch wie Schanghai oder Mexiko City. In der ziemlich überschaubaren Innenstadt sollte doch das Liegenschaftsamt so viel Überblick über Bauten und Bauvorhaben haben, um ein geeignetes Gebäude zu finden. Nach rascher Realisierung riecht dieses Vorgehen jedenfalls nicht.

Zum Glück werden auch in der Wartezeit auf ein neues KoKi Filme gezeigt: in den Multiplexen, den Innenstadtkinos, den Arthouse-Filmbetrieben, den Stadtteilkinos, gelegentlich auch im Haus des Dokumentarfilms, im Merlin, im Set-Nachfolger und anderen Einrichtungen. An der Hochschule der Medien, der Merz-Akademie und an der Filmakademie in Ludwigsburg sowieso. Abgesehen davon, dass jede und jeder praktisch jeden Film online oder zur Not halt offline auf einen der zahlreichen Bildschirme bringen kann, die inzwischen jede und jeder besitzt.

Ganz skeptische Menschen, die gibt es ja bekanntlich überall, könnten da sogar auf den Gedanken kommen, dass es kein großes Spielfeld mehr gibt für das kommunale Lichtspielhaus.

Aber diesen schwarzen Gedanken kann der Verein Neues Kommunales Kino sicher leicht entkräften. Vielleicht hilft dieser Vorschlag weiter:

Der Verein könnte eine konkrete Planung vorstellen, sagen wir mal für den Mustermonat Mai 2015: Welche Filme werden im großen, welche bewegten Bilder in den beiden kleinen Kinosälen gezeigt? 

Welche Kurse und Workshops finden statt? Welche Wettbewerbe auf dem Film-und-Medien-Sektor werden ausgeschrieben? Wie werden die sozialen Medien mit einbezogen? 

Die Öffentlichkeit, StadträtInnen und Kulturverwaltung mit einem richtig realistischen Programm zu begeistern, das wäre wahrscheinlich ein probates Mittel, das Siechtum in der Warteschleife zu beenden.


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2 Kommentare verfügbar

  • Marianne Gassner
    am 25.03.2015
    Antworten
    Danke fuer den Artikel, der hoffentlich mal aufweckt! Denn komisch, seit 7 Jahren wirkt eine Projektgruppe mit nicht wenig öffentlichen Geldern, allerdings ist in der Öffentlichkeit nix zu sehen und spüren von den Aktivitäten. Und sorry, Koki hiess und heißt auch immer: zuerst Engagement und dann…
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