In Ruth (Judith Hofmann) bricht ein radikal verdrängtes Leben wieder auf. Foto: Film Kino Text

In Ruth (Judith Hofmann) bricht ein radikal verdrängtes Leben wieder auf. Foto: Film Kino Text

Ausgabe 453
Kultur

Der Körper als Feind

Von Rupert Koppold
Datum: 04.12.2019
In Simon Jaquemets Film "Der Unschuldige" lebt eine Frau ein freudloses Leben als Mutter, Gattin, Wissenschaftlerin und Angehörige einer fundamentalistischen Freikirche. Bis ihre verdrängte Vergangenheit in die ereignislos-graue Routine einbricht.

Ruhig und gesittet sitzen die Eltern und ihre zwei halbwüchsigen Töchter am Tisch, vor dem Essen halten sie sich die Hände und danken Gott, später wird der Vater im sehr aufgeräumten Wohnzimmer die Gitarre zupfen und ein Lied singen. Eine glückliche Familie, so wie sie sich etwa die CDU der fünfziger Jahre vorgestellt hat? Aber zum einen sind wir in der Schweiz und in der Gegenwart, und zum anderen müssten, um mit Nietzsche zu sprechen, diese Christenmenschen, damit man an ihren Erlöser glauben könnte, "bessere Lieder" singen und seine Jünger "erlöster" aussehen. Hier jedoch leuchten die Gesichter nicht in gläubigem Innigsein, sondern sind verblasst zu bieder-stumpfer Rechtschaffenheit. Selbst ein Lächeln wirkt maskenhaft und leblos. Wobei Ruth (großartig: Judith Hofmann), eine Frau um die fünfzig, sowieso nie lächelt, sondern in immerwährendem Ernst ihre Rolle als Ehefrau, als Mutter und als Wissenschaftlerin auszufüllen versucht. Bis es halt nicht mehr geht.

Was ist wirklich, was Rausch, was Hirngespinst?

Dabei will diese ungeschminkt-spröde Frau mit der nicht erkennbaren Frisur doch so willig sein! In wortkargem Fleiß arbeitet sie mit an jenen aseptisch-grausamen Laborversuchen, in denen einem Affen der Kopf transplantiert werden soll. Zu Hause kocht sie jetzt vegetarisch und vergräbt heimlich die früher gekauften Fleischreste im Feld vor dem Haus, so als handle es sich um Indizien eines sündigen Verbrechens. Und sie geht mit zum Gottesdienst jener fundamentalistischen Freikirche, in der ihr Mann Hanspeter (Christian Kaiser) zum Führungskreis gehört. Über ihm steht noch der Prediger, der seiner kleinen Gemeinde Kommandos erteilt: "Alle aufstehen!" Und: "Hände hoch!" Ruth aber reagiert plötzlich mit einer Art von allergischem Schock, sie krümmt sich, sie kollabiert, sie kotzt.

Denn ihre Vergangenheit bricht nun auf, ein anderes und radikal verdrängtes Leben, das ihre kühl temperierte Routine zersetzt. Jener Mann, mit dem sie vor gut zwanzig Jahren verlobt war, jener Andreas (Thomas Schüpbach) also, der damals wegen Raubmords verurteilt wurde, sich aber immer als unschuldig bezeichnet hat, ist aus dem Gefängnis entlassen worden. Mehr noch: Sie hat ihn vielleicht gesehen. Und nun, im Dämmerlicht, sitzt er tatsächlich in ihrem Wohnzimmer, legt den Arm um sie, küsst sie auf die Wange. "Brauchst du was?", fragt Ruth, wobei die Frage vielleicht Projektion ist. Genauso wie vielleicht auch Andreas selbst, dessen physische Anwesenheit nicht mit letzter Sicherheit zu bejahen ist. Ist er von Ruth nur geträumt, besser: nur erträumt? "Komm mit!", sagt er nun, und der Weg führt in den Wald, ins Dunkle, ins Andere.

"Der Unschuldige", geschrieben und inszeniert von Simon Jaquemet, ist ein außergewöhnlicher und auch ein außergewöhnlich irritierender Film. Der Regisseur spielt souverän mit Elementen des Thrillers, der Mystery und des Horrors, aber er beugt sich den Genre-Regeln nie ganz, besteht auf erzählerischer Unabhängigkeit und stellt ein eigenwilliges Werk vor, das man früher als Autorenfilm bezeichnet hätte. So wie bei David Lynch oder Lars von Trier – und von beiden steckt etwas in dieser Geschichte, ohne dass sie epigonal wäre –, ist bei Jaquemet ein großer Stilwille zu spüren und zu sehen. Er inszeniert seine wintrige Schweiz zu Beginn ganz Grau-in-Grau, von der Kleidung über die Autos bis hin zu den Gesichtern. Die Räume stellt er, von der Shopping Mall über das Labor bis hin zum Gebetssaal und zu Ruths Wohnung, in ihrer grauenhaften Sachlichkeit bloß. Und er arbeitet mit langen Einstellungen, die zunächst ohne Musik, ohne künstliche Ausleuchtung und (fast?) ohne computergenerierte Bilder auskommen, so als wolle er sich nachzügelnd in die Dogma-Bewegung einreihen.

Wenn ein Leib endlich ganz schwitzender Körper sein darf

Aber nicht nur bei Ruth bricht etwas auf, sondern auch in diesem Film selbst. Da zieht etwa ein rotbrennendes Objekt durch den dunklen Himmel, und nie wird klar, ob es sich um eine Drohne, einen Ballon, einen Jet oder etwas ganz anderes handelt. Und da gibt Ruth dann ihrer Sehnsucht nach, die sie im Ehebett, wo sie dem schlafenden Hanspeter nur einmal ganz leicht über den Rücken streicht, nicht befriedigen kann. In einem Club tanzt sie sich die Seele aus dem Leib, so dass dieser Leib endlich ganz schwitzender Körper sein darf. Sie folgt auch ihrer nur nach außen sittsamen Tochter Naomi (Naomi Scheiber) nachts in den Wald und späht in ein Wigwam, wo ein Feuer lodert, ist fasziniert und kann den Blick nicht abwenden von einer Orgie, bei der die nackte Naomi – und man muss es angesichts dieser expliziten Bilder so nennen – lustvoll mitfickt. Endlich ist es dann auch mit Andreas soweit, ein wortloses Aufeinander- und Ineinanderstürzen in Ruths eigenem Zuhause. Danach sieht sie tatsächlich erlöst aus.

Der Regisseur Simon Jaquemet sagt von sich selber, er sei religionsfern aufgewachsen: "Einerseits stehe ich hinter der Aussage, dass Religion eine kollektive Wahnvorstellung ist, eine leicht durchschaubare Strategie, den großen Fragen und Ängsten, die alle Menschen beschäftigen, mittels einer abstrusen Fiktion beizukommen ... Auf der anderen Seite spüre ich auch manchmal die Sehnsucht, mich in eine Weltsicht fallen zu lassen, die mir die Antworten auf alle Fragen verspricht." So will er seine Geschichte auch bewusst nicht ganz, vor allem: nicht ganz rational auflösen. Er selber kenne, so Jaquemet, auch Momente von Transzendenz und ein "metaphysisches Kribbeln". Sein Film stelle dem Zuschauer die Frage: "Was glauben Sie?"

Nun, was diese spießige kleine Freikirche betrifft, die Bollwerke gegen den Körper und den Trieb aufrichten will, da glaubt der Zuschauer wohl doch, dass es sich um eine Sekte in calvinistischer Tugend-Terror-Tradition handelt. Eine Sekte, die zur Couch-Verbrennung schreitet, weil Ruth sich auf dieser mit Andreas in Wollust gewälzt oder sich das jedenfalls eingebildet hat. Und eine Sekte, die an der Abtrünnigen auch einen bizarren Exorzismus durchprobiert. Mag sein, dass dieser Film sich am Ende ein bisschen zu sehr mit Metaphern und Symbolen auflädt, dass er sich – man vergesse nicht die Hybris der Wissenschaft und den Affen als geschundene Kreatur! – vielleicht ein wenig verwirrt und verirrt. Aber will man wirklich die künstlerische Fantasie dieses Regisseurs und Autors einengen, der seine zunächst so nüchternen und fast dokumentarisch wirkenden Bilder in den Rausch führt, zum Beispiel in eine gewaltige Sequenz, in der die Heldin sich nachts allein in aufgepeitschter, schwarzwogender See wiederfindet? Nein, will man nicht.


Simon Jaquemets "Der Unschuldige" ist ab Donnerstag, 5. Dezember zu sehen in den Filmpalästen in Esslingen, Leonberg, Schorndorf und Waiblingen, Nürtingen und Biberach, Köln und Bonn.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!

0 Kommentare verfügbar

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochvormittags unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.JETZT ANMELDEN

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!