Haus Ecke Idelson-/Hess-Straße, 1931 errichtet von Richard Kauffmann. Der deutsche Architekt war bereits 1920 nach Palästina ausgewandert. Fotos: HfG-Archiv

Haus Ecke Idelson-/Hess-Straße, 1931 errichtet von Richard Kauffmann. Der deutsche Architekt war bereits 1920 nach Palästina ausgewandert. Fotos: HfG-Archiv

Ausgabe 449
Kultur

Die Weiße Stadt

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 06.11.2019
Was ist dran an der Bauhaus-Stadt Tel Aviv? Eine Ausstellung in Ulm stellt den Stand der Bemühungen um den Erhalt des Weltkulturerbes vor. Hinter den Baudenkmalen steht eine dramatische Geschichte.

"Erhalt und Erneuerung: Bauhaus und internationaler Stil in Tel Aviv", lautet der Titel der Ausstellung im HfG-Archiv der Hochschule für Gestaltung in Ulm. Kurator ist Micha Gross, einer der drei Initiatoren des im Jahr 2000 gegründeten Bauhaus Center Tel Aviv. "Bauhaus" fungiert hier als Chiffre. "Die Stadt Tel Aviv verfügt heute über eine der weltweit größten Konzentrationen von Gebäuden im Internationalen Stil", heißt es in der Einladung. Das ist korrekt, nur kann sich unter "internationaler Stil" nicht jeder etwas vorstellen. Unter "Bauhaus" schon – auch wenn in Tel Aviv bei Weitem nicht alles Bauhaus ist.

Das Bauhaus Center Tel Aviv setzt daher "Bauhaus-Stil" auch in Anführungszeichen, wenn es feststellt, dass in Tel Aviv mehr als 4000 Gebäude in diesem Stil erbaut wurden. Denn sie stammen keineswegs alle von Bauhäuslern. 24 Gebäude, die bereits renoviert wurden, stellt die Ausstellung im HfG-Archiv auf ebenso vielen Stelltafeln vor. Kein einziges stammt von einem der sechs oder sieben Architekten, die nach Auskunft des Bauhaus Center Tel Aviv am Bauhaus studiert haben.

Die "Weiße Stadt" – so die Bezeichnung jener modernen Teile von Tel Aviv, die überwiegend aus den 1930er-Jahren stammen – ist seit 2003 Unesco-Weltkulturerbe. Nirgendwo sonst gibt es so viele schnörkellos weiß verputzte, moderne Gebäude. Tel Aviv gilt gegenüber Jerusalem als weltliche Stadt. Die Bewohner gehen gern aus. Dies hängt auch damit zusammen, dass es sich in den modernen Bauten bei mediterranen Sommertemperaturen kaum aushalten lässt. Siebzig Jahre nach ihrer Erbauung drohten diese Häuser langsam zu verfallen. Dies ist der Hintergrund für die Gründung des Bauhaus Center und dafür, dass die Weiße Stadt auf die Weltkulturerbeliste kam.

Zu fast allen Gebäuden, die das HfG-Archiv vorstellt, sind die Namen der Architekten bekannt. Aber offenbar in vielen Fällen auch nicht mehr als die Namen. Nur zu ungefähr zehn von ihnen lässt sich im Internet etwas in Erfahrung bringen: Fünf sind in der Ukraine, zwei in Polen und je einer in Deutschland, Russland und Jaffa geboren, heute ein Teil von Tel Aviv. Studiert haben sie in Sankt Petersburg, Brüssel, Odessa oder Darmstadt. Aber nicht am Bauhaus.

Die Präsentation ist wenig aufregend: eine Architekten-Ausstellung. In der unteren Hälfte der Tafeln ist jeweils das Gebäude im heutigen Zustand zu sehen. Die obere Hälfte enthält auch historische Fotos oder Pläne, die Namen der Architekten sowie des Büros, das den Bau renoviert hat. Doch hinter dieser Oberfläche verbirgt sich eine dramatische Geschichte.

Eine Geschichte von Leid und Vertreibung

Tel Aviv ist erst 110 Jahre alt. 1909 wurde die Stadt als Vorstadt des bereits seit altägyptischer Zeit existierenden Jaffa gegründet, damals zum Osmanischen Reich gehörend, ab 1920 größte Stadt des britischen Mandatsgebiets Palästina. Der Name Tel Aviv, übersetzt "Frühlingshügel", ist angelehnt an den utopischen Roman "Altneuland" des Begründers des Zionismus Theodor Herzl und an den Propheten Hesekiel. Utopie und Heilsversprechen sind in die Stadtgründung eingeschrieben.

Sein größtes Wachstum erlebte Tel Aviv in den 1930er-Jahren. Zu den Juden aus aller Welt, die von einem eigenen Staat träumten, kamen nun die Geflüchteten aus Nazi-Deutschland. 46 000 Einwohner hatte die Stadt 1931, in den nächsten sieben Jahren verdreifachte sich die Zahl. Dies ist die Zeit, aus der fast alle vorgestellten Gebäude stammen. Die Architekten hatten anderes im Sinn als in die Baugeschichte einzugehen. Sie mussten schnell und in großem Umfang Wohnraum schaffen.

Tel Aviv war von Anfang an als rein jüdische Stadt geplant. Eines der in Ulm vorgestellten Gebäude steht in der Balfour Street. Sie erinnert an den britischen Außenminister, der bereits 1917 seiner Sympathie für eine "nationale Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina" Ausdruck verlieh und versprach, sein bestes zu tun, dieses Ziel zu erreichen. Während des Zweiten Weltkriegs kämpften jüdische Milizionäre auf Seiten Englands gegen Hitlerdeutschland. Als der Krieg vorbei war, wandten sie sich im Mandatsgebiet Palästina gegen die Briten, um einen eigenen jüdischen Staat zu gründen.

Nach der UN-Resolution zur Teilung des Landes im November 1947 kam es zum Bürgerkrieg, im Verlauf dessen die Mehrzahl der arabischen Bewohner aus dem israelischen Staatsgebiet floh oder vertrieben wurde. 100 000 Einwohner hatte Jaffa vor 1948 nach Auskunft der israelischen Initiative Ayam, die im Projekt "Jaffa – Autobiography of a City" versucht hat, von der mündlichen Überlieferung ausgehend die gemeinsame Geschichte von Juden und Palästinensern zu rekonstruieren. Nach 1948 waren es nur noch 3000.

Heute heißt die Stadt offiziell Tel Aviv-Yafo. Tel Aviv ist nicht mehr Vorstadt von Jaffa, sondern Jaffa die Altstadt von Tel Aviv. Die Nachfahren der früheren Bewohner verteilen sich auf die Flüchtlingslager in den Palästinensergebieten, im Libanon und in Jordanien.

Leid und Vertreibung gab es auf beiden Seiten. Es lässt sich nicht gegeneinander aufrechnen. Denn die eigentliche Ursache von allem war der Antisemitismus in Europa. Einer der Architekten, Abraham Markusfeld aus Łódź, der Erbauer des Rubinsky-Hauses, war 1935 nach Tel Aviv gekommen. Zwei Jahre später kehrte er in seine Heimatstadt zurück, um dort eine Synagoge zu bauen. Er kam im Holocaust ums Leben.


Info:

Die Ausstellung "Erhalt und Erneuerung: Bauhaus und internationaler Stil in Tel Aviv" im HfG-Archiv der Hochschule für Gestaltung in Ulm läuft noch bis 24. November. Sie ist dienstags bis freitags von 7 bis 18.30 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr sowie samstags und sonntags von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei.


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