Kühl und beherrscht, auch wenn es in ihr brodelt: Corinna Harfouch als Lara. Fotos: Studiocanal

Kühl und beherrscht, auch wenn es in ihr brodelt: Corinna Harfouch als Lara. Fotos: Studiocanal

Ausgabe 449
Kultur

Alles über seine Mutter

Von Rupert Koppold
Datum: 06.11.2019
In Jan-Ole Gersters "Lara" spielt Corinna Harfouch eine tyrannische Mutter, die ihrem Pianisten-Sohn die Karriere nicht gönnt. Ein langer Tag in Berlin – ein Film zwischen Komik und Tragik, voll Musik und mit Meistern der Mimik, der Gestik, der Pausen.

Dieser Film könnte schon nach wenigen Minuten zu Ende sein. Also nach der fahlen Morgendämmerung und der Großaufnahme von Lara (Corinna Harfouch), die in ihrem Bett liegt und ins Leere starrt, die dann aufsteht, das Fenster öffnet, auf einen Stuhl steigt und ... – Aber nun klingelt es an der Tür, und das wirkt für die noch in der schwärzesten Depression sehr beherrscht agierende Lara wie ein Ordnungsruf respektive wie ein Ruf der Ordnung. Wenn es klingelt, muss eben geöffnet werden, und als sie das tut, stehen zwei Polizisten vor der Tür und bitten sie, als Zeugin bei einer Wohnungsdurchsuchung auszuhelfen. So zieht Lara sich widerwillig ("Ich bin pensioniert!") was über und geht mit in die Wohnung eines alten, bärtigen Nachbarn (André Jung), der sich höflich nach Laras Sohn erkundigt, während sein eigener Sohn, der irgendwas mit Drogen gemacht hat, im verbalen Aggressions-Modus daneben hockt. "Glückwunsch zum 60. Geburtstag!", sagt nun einer der Polizisten, als er Laras Ausweis prüft. Und so geht dieser Film nun doch weiter und begleitet Lara einen Tag lang durch Berlin.

Vor sieben Jahren hat sich der Regisseur Jan-Ole Gerster in seinem preisgekrönten Schwarz-Weiß-Film "Oh Boy" schon einmal mit seiner Hauptfigur durch diese Stadt treiben lassen. Die Geschichte folgt einem ziel- und ehrgeizlosen jungen Mann (Tom Schilling), der Nachbarn, Freunde, Fremde oder auch den reichen Vater trifft, der seinen Sprössling in jedem Sinn aushält, aber auch als Versager behandelt. Was dabei so spontan, so improvisiert und so locker gefügt aussieht, ist tatsächlich präzise Inszenierungskunst: Die Begegnungen des Helden führen zu funkelnden Miniaturen, sie verdichten sich – auch dank einer Riege exzellenter Darsteller – zu einem Reigen manchmal hochkomischer, manchmal auch tragischer Charakterporträts und darüber hinaus zu einer Hommage an einige Viertel, Milieus und Szenen von Berlin. Nun also Jan-Ole Gersters neuer Film. Wobei vieles, was gerade zu "Oh Boy" geschrieben wurde, auch auf "Lara" zutrifft. Allerdings hat der Regisseur diesmal in Farbe gedreht und seine im roten Mantel durch die herbstliche Stadt ziehende Titelheldin könnte die Mutter des jungen Mannes sein.

Tatsächlich wird Laras recht spät auftretender Sohn Viktor, ein nervöser Pianist und Komponist vor seinem ersten großen Konzert, vom Oh-Boy-Darsteller Tom Schilling gespielt. Sie hat ihn früher selber unterrichtet, aber vor Kurzem gab es einen Zwist, Viktor ist ausgezogen und an der Wohnzimmerwand klafft nun da, wo das Klavier stand, eine Leerstelle. Nicht mal zu Viktors Spiel am Abend ist Lara eingeladen, anders als ihr wieder liierter Ex-Mann (Rainer Bock), den sie aufsucht und mit dem sie sofort in eine Vorwurfsspirale hineingerät, in kurze Szenen einer Ehe, in denen das Streiten langer Jahre aufscheint. Nein, diese Frau ist nicht das, was man als Sympathieträgerin bezeichnet. "Sie bekamen Respekt", so drückt es ihre schüchterne Nachfolgerin im städtischen Amt aus, in dem Lara gearbeitet hat, und auch bei dieser Begegnung wird klar, wie dominant, streng und pedantisch sie sein kann.

Eifersucht – eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft

Lara kauft nun alle zweiundzwanzig Restkarten für das Konzert und verschenkt sie, nun ja, nicht an Freunde, denn solche hat sie nicht, sondern an Bekannte oder überraschte (und überforderte) Fremde. Ihren ehemaligen Klavierlehrer, einen alt gewordenen Musikprofessor (Volkmar Kleinert), will sie auch einladen, während sie auf ihn wartet, nutzt sie die Zeit dazu, dessen jungen Schüler zu triezen, ihn vorspielen zu lassen und ihm am Ende mit süffisant-herablassendem Lächeln zu raten, es doch lieber mit Trompete zu versuchen. Dann trifft Lara in einem Bistro Viktors Freundin ("Sie sollten an ihn glauben!"), eine Geigerin, auf die sie eifersüchtig ist und der sie deshalb heimlich den Bogen zerbricht, besucht auch ihre eigene Mutter (Gudrun Ritter), bei der Viktor Zuflucht gefunden hat, und reagiert auf Vorhaltungen mit einer Ohrfeige. Und steht schließlich vor ihrem Sohn. Als erstes schnippt sie ihm eine unsichtbare Fluse von der Schulter, versucht also sofort, Viktor wieder unter ihre Fuchtel zu bekommen.

Der ist auch gleich verunsichert, ordnet sich seiner Mutter unter und gibt ihr seine Komposition zur Prüfung. "Zu eingängig", sagt sie nach flüchtig lobenden Floskeln. Oder: "Zu musikantisch". Vergiftete Sätze, die den sensiblen Sohn an sich und seiner Kunst zweifeln lassen. Wird er es schaffen, sich von dieser Mutter in einem Konzert und sozusagen spielerisch zu befreien? Von dieser Mutter, die selber extrem ehrgeizig war, wohl gerade deshalb ihre eigene Pianistinnen-Karriere aufgegeben hat und nun, in einer ambivalenten Mischung aus Stolz, Eifersucht, Missgunst, Verbitterung und Verzweiflung versucht, ihr eigenes Scheitern auf den Sohn zu projizieren: "Was, wenn er kein Genie ist?" Sie will ihn scheitern zu sehen – und gleichzeitig an seinem Erfolg teilhaben. So egoistisch, so biestig-arrogant und so verletzend kann diese Frau sein, dass man sich bei dem Gedanken ertappt: Wäre sie doch gesprungen!

Aber dann würde man verpassen, wie Corinna Harfouch sich diese Rolle anverwandelt, wie sich ihre Lara jederzeit kühl und beherrscht geben will, auch wenn es in ihr brodelt. Schon gleich zu Beginn dieses Films, in dem Komisches und Tragisches ineinanderfließen, in jener Sequenz, in der einer der Polizisten auf dem Klavier in des Nachbarn Wohnung herumstümpert, so dass es für sie – man sieht es ihrem steinernen Blick an – kaum auszuhalten ist, brüllt sie nicht los, sondern bleibt stumm. Dieses Klavier wird übrigens noch eine Rolle spielen in dieser Geschichte, in der auch das Nichtgesagte etwas erzählt, ja, in dem sich der Regisseur und seine Schauspieler erneut als Meister der Mimik, der Gestik und auch der Pausen zeigen. Die Pausen sprechen nämlich manchmal mehr als die Worte. Und das passt natürlich zu einem Film wie "Lara", der nicht nur die Musik thematisiert und auf ein Konzert zusteuert, sondern von Anfang an sehr musikalisch inszeniert ist.


"Lara" ist ab Donnerstag, 7. November in den deutschen Kinos zu sehen. Welche Spielstätte den Film in Ihrer Nähe zeigt, sehen Sie hier.

Im Stuttgarter Kino Atelier am Bollwerk werden bei der Vorstellung am Freitag, 8. November, 17 Uhr, Regisseur Jan-Ole Gerster und Hauptdarstellerin Corinna Harfouch anwesend sein.


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