Bald muss Iris (Juli Jakab) feststellen, dass sich hinter jedem gelösten Geheimnis neue Mysterien verbergen. Foto: Laokoon Filmgroup – Playtime Production 2018

Bald muss Iris (Juli Jakab) feststellen, dass sich hinter jedem gelösten Geheimnis neue Mysterien verbergen. Foto: Laokoon Filmgroup – Playtime Production 2018

Ausgabe 428
Kultur

Der Schrecken hinter dem Schönen

Von Rupert Koppold
Datum: 12.06.2019
Die Habsburger Doppelmonarchie kurz vor dem Ersten Weltkrieg: In seinem Film „Sunset“ entwickelt László Nemes ein morbides Epochenporträt, in dem eine junge Frau ihrer Familiengeschichte nachspürt.

Budapest im Jahr 1913. Die junge Iris Leiter (Juli Jakab) lässt sich in einem pompösen Hutladen extravagante Kreationen aufsetzen, bevor sie die Kundinnenrolle abstreift, sich als Tochter der ehemaligen Besitzer vorstellt und um eine Anstellung bittet. Ihre Eltern sind vor vielen Jahren bei einem mysteriösen Brand ums Leben gekommen, nun versucht die in einem Heim aufgewachsene und aus Triest angereiste Iris, sich endlich in ihre Familiengeschichte einzuschreiben. Der gravitätische Herr Brill jedoch, neuer Chef des Hauses, lehnt ab und schickt sie fort. Aber die ernste, stolze Frau lässt sich nicht so einfach abwimmeln, sie hält sich weiter im Umfeld dieses Palasts der Hüte auf, wird immer wieder versuchen, dort anzudocken und Geheimnisse aufzudecken. László Nemes' Film „Sunset“ wird sie dabei nie aus den Augen verlieren, die ungeheuer bewegliche Kamera von Mátyás Erdély begleitet die Heldin in langen Einstellungen auf Schritt und Tritt, saugt sich beinahe fest an ihrem Nacken oder sie überholt sie, um ihr ins Gesicht schauen. 

In László Nemes' oscarprämiertem Holocaust-Film „Son of Saul“ hat Erdélys Kamera sich in derselben Weise an einen KZ-Insassen geheftet und mit diesem den Zuschauer durch das Grauen getrieben. Nun jedoch führt der Weg der Heldin durch die prächtige Belle Epoque, durch Straßen, Schlösser, Säle und Salons einer Metropole im Habsburgerreich, die im Rang nur noch das imperiale Wien über sich hat. Aber Iris ist nicht willkommen, sie ist eine Außenseiterin, die sich in eine Gesellschaft hineindrängen will, in der alle mehr zu wissen scheinen als sie selbst. Verschwörerisches Flüstern, seltsame Andeutungen, abgebrochene Sätze oder unverhohlene Warnungen umschwirren sie, und all dies auch noch im Sprachenwirrwarr eines Vielvölkerreichs. Und irgendwann wird Iris, die erstmals von der Existenz eines älteren Bruders erfährt, einen Satz hören, in dem sich der ganze Film wiederzufinden scheint: „Der Schrecken der Welt verbirgt sich hinter diesen unendlich schönen Dingen.“ 

Wie eine Detektivin in eigener Sache bewegt sich Iris durch die Stadt, sammelt bruchstückhafte Informationen, die kein Gesamtbild ergeben, und hört bald Gerüchte, dass ihr Bruder Kalman nicht nur lebt, sondern auch ein gefährlicher Mann ist: Er soll eine Gräfin ermordet haben und verantwortlich sein für einen Anschlag auf Herrn Brill. Immer tiefer gerät Iris hinein in eine Welt am Vorabend der Katastrophe, in der sich hinter jedem Geheimnis ein neues verbirgt. Eine Atmosphäre der Macht, des Missbrauchs, der Korruption und der Dekadenz ballt sich hier zusammen wie schwere Materie. Kutschen rasen durch die Gassen, Fackeln lodern auf, Männer ziehen Messer. Einmal wird der Rücken einer Adligen freigelegt und zeigt rote Peitschennarben, ein andermal wagt Iris sich vor in eine konspirative Sitzung prächtig gekleideter, aber barfüßiger Männer. An solch sinistren Szenen entzündet sich die Fantasie, es deuten sich Geschichten an, die dann oft nicht ausgeführt werden.

Ästhetischer Widerstand

„Ich hatte die Idee“, so der Regisseur, „einen Film über eine Frau zu drehen, die allein und verloren in ihrer Welt ist. Einer Welt, die sie vergeblich zu verstehen versucht.“ Man kann das, so wie einige Kritiker, ärgerlich und frustrierend finden. Für Nemes aber hat die Verweigerung eines Erzählens, bei dem alles schlüssig aufgeht, tatsächlich Methode. Er findet „die Standardisierung von Film und Fernsehen zweifelhaft“, er entzieht sich dem Mainstream des Kinos und will den Zuschauer mit der „subjektiven Erfahrung von Ungewissheit und Zerbrechlichkeit“ konfrontieren. „Sunset“ ist auf echtem 35mm-Material gedreht und kommt ohne digitale Bilder aus, der Film probiert quasi eine Ästhetik des Widerstands beziehungsweise: Er führt den Widerstand einer Ästhetik vor. Und wenn die virtuos in den Raum choreografierten Plansequenzen flüchtig an Dingen vorbeischwenken (oder im Unscharfen belassen), die in anderen Filmen als Schauwerte ausgestellt würden – ein Raddampfer etwa oder ein Heißluftballon –, dann ist das von atemberaubender Nonchalance. 

So außergewöhnlich László Nemes‘ „Sunset“ auch wirkt: Im ungarischen Kino ist dieser Film kein Einzel- und Ausnahmefall. Er reiht sich vielmehr ein in eine Tradition des ästhetischen Widerstands, für den Namen wie Miklós Jancso („Stille und Schrei“, 1968) oder Béla Tarr („Satanstango“, 1994) stehen, beides radikale und in extrem langen Einstellungen filmende Stilisten. (Bei den Dreharbeiten von Tarrs 2007 entstandener Simenon-Adaption „Der Mann aus London“ hat Nemes übrigens als Assistent mitgewirkt.) Nein, dieses Kino macht es dem Zuschauer nicht leicht, manche lehnen es deshalb ab als zu extravagant oder zu manieriert. Aber wer sich darauf einlässt, der wird, so wie von „Sunset“, eingesogen in ein morbides Epochenporträt, in einen Taumel aus Festen im Park, einer verschwörerischen Arbeiterversammlung in einer Fabrik, einem anarchischen Sturm auf ein Schloss oder einer nächtlichen Flucht im Kahn. Und immer wirkt das so, als könnte sich die Kamera beliebig drehen und wenden und man wäre immer noch in Budapest im Jahr 1913. 

Dieser Film gibt, wie gesagt, nicht alle seine Geheimnisse preis. Aber er bildert auch, salopp gesagt, nicht ganz ohne Plot vor sich hin. Als sich ein kaiserliches Paar aus Wien im Hutpalast ansagt, in dem Iris von Herrn Brill mal ruppig zurückgewiesen und dann wieder als Favoritin behandelt wird, schaut die Heldin ahnungsvoll und bald auch wissend in Abgründe. Diese jungen, schönen und miteinander konkurrierenden Ladenmädel sind vielleicht nicht nur Hutverkäuferinnen, sondern auch für andere Aufgaben vorgesehen – und dabei verschwinden sie manchmal. „Was ist mit Fanni passiert?“, das ist nun die Frage, die Iris umtreibt. „Vor einem Jahrhundert beging Europa, als es auf seinem Zenit stand, Selbstmord“, sagt der Regisseur und verweist auf Parallelen zur Gegenwart. „Es ist, als würde eine Gesellschaft, die auf ihrem Höhepunkt steht, bereits das Gift produzieren, das sie zu Fall bringt.“ Iris wird die Rätsel, die sich ihr stellen, vielleicht nicht lösen können. Aber sie wird angesichts der Verhältnisse um sie herum wenigstens nicht die Augen senken.
 

László Nemes' "Sunset" ist ab Donnerstag, 13. Juni, in den deutschen Kinos zu sehen. Welche Spielstätte den Film in Ihrer Nähe zeigt, sehen Sie hier


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