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Schimpf und Ehre über Gumbel

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Rechte Gewalt in Deutschland begann nicht erst 1933. Politischer Mord stand seit Beginn der Weimarer Republik auf der Tagesordnung. Gumbel hieß einer, der sich nicht einschüchtern ließ. Der SWR bringt jetzt eine Doku über ihn.

Anfang Mai hatte Kontext über den Mord an Gustav Landauer im Zuge der Niederschlagung der Münchner Räterepublik geschrieben, "ein Thema, das aufgrund der politischen Situation leider wieder an Brisanz gewinnt", wie David Ruf meint, der sich nun aufgrund dieses Artikels bei Kontext meldet. Er hat für den SWR einen Dokumentarfilm über den in diesem Text erwähnten Mathematiker und Publizisten Emil Julius Gumbel gedreht, der am morgigen Donnerstag ausgestrahlt wird.

"Angesichts der Extreme des Nationalsozialismus", so Ruf, "beschäftigen wir uns normalerweise mit den Tätern und den Opfern, weniger mit den Wurzeln der Gewalt und wie sich durch sie die Gesellschaft verändert. Und wir vergessen die Stimmen derer, die versuchten, die Gewalt zu verhindern. E. J. Gumbel war zu seiner Zeit einer der bekanntesten und am meisten gehassten Feinde der Nazis. Seine Bekanntheit war so groß, dass sein Name selbst zum Schimpfwort wurde. Die Nationalsozialisten hassten Gumbel, weil er kompromisslos aufzeigte, wie die Weimarer Republik ihre Ideale opferte und mit welchen Mitteln die Faschisten an die Macht kamen."

Gumbel war Sohn eines Münchner Privatbankiers. Er studierte Nationalökonomie und promovierte wenige Tage vor Beginn des Ersten Weltkriegs. Die Kriegserlebnisse machten ihn bald zum überzeugten Pazifisten. Bereits 1921 erschien seine Publikation "Zwei Jahre Mord", im folgenden Jahr erweitert zu "Vier Jahre politischer Mord", eine Publikation, die viel Aufsehen erregte und in vielen Auflagen immer wieder nachgedruckt wurde.

Gumbel zeigt rechte Netzwerke auf

In dem Buch wies Gumbel nach, dass in den ersten Jahren der Weimarer Republik 354 politische Morde von Rechten begangen worden waren. 22 Morde von links standen dem gegenüber, die allesamt hart bestraft wurden, zehn davon mit Todesstrafe, während die Rechtsextremisten straflos oder mit kurzer Haft davonkamen. Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und Kurt Eisner, der Begründer des Freistaats Bayern, gehörten zu den ersten Opfern, der Zentrumspolitiker und zeitweilige Finanzminister Matthias Erzberger und der Industrielle und Reichsaußenminister Walter Rathenau zu den prominentesten.

Gumbels Recherchen blieben nicht ohne Folgen. Es gab einen Untersuchungsausschuss im preußischen Landtag, der Gumbels Aussagen ausnahmslos bestätigte, seine Ergebnisse jedoch nicht veröffentlichte. Es kam zu Gerichtsverfahren wie im Fall Landauer, wo ein Befehlsempfänger zu fünf Wochen Haft verurteilt wurde, während der eigentlich verantwortliche Major nicht belangt wurde.

Gumbel begann mit seinen Recherchen, als er selbst, als Pazifist, im März 1919 einem Mordanschlag knapp entging, weil er nicht in seiner Wohnung war. Er wurde zum Spezialisten für rechte Netzwerke und rechte Gewalt.

Einfacher wurde das Leben dadurch für ihn nicht. Gumbel wurde zum bestgehassten Gegner der Rechten. Aber er gab nicht nach und sammelte unzählige Zeitungsausschnitte mit Angriffen auf seine Person, die nun die wichtigste Grundlage für Rufs Film bilden. "Jagd auf Gumbel", lautet eine Schlagzeile, eine andere: "Der Jude Gumbel hat nun endlich zu verschwinden!", eine dritte: "Sein Kopf wird rollen". Gumbel ließ sich nicht beirren. Als Statistik-Privatdozent an der Universität Heidelberg hielt der badische Kultusminister Adam Remmele 1930 an ihm fest und verlieh ihm den Professorentitel, während sein Nachfolger Eugen Baumgartner ihn zwei Jahre später absetzte.

Der verhasste Prof emigriert – und wird erst 1991 rehabilitiert

Dies war Gumbels Glück, denn nun erhielt er eine Professur in Lyon, von wo aus er, als die Deutschen das Land besetzten, in die USA emigrieren konnte. Dort wurde er Professor an der Columbia University und Begründer der Extremwerttheorie. In den USA angesehener Statistiker, wurde er in Deutschland wie viele Emigranten auch nach dem Krieg angefeindet und lange Zeit totgeschwiegen. Erst 1980 erschien eine Neuauflage von "Vier Jahre politischer Mord", erst 1991, 25 Jahre nach seinem Tod, wurde er rehabilitiert.

Sein Nachlass ruht am Leo Baeck Institute in New York, das sich mit der Geschichte der deutschen Juden beschäftigt. Aber wie bei anderen Emigranten auch, ist über Gumbel manches nicht bekannt. Ruf ging von den Zeitungsausschnitten aus, "der beste Weg, Gumbel zu verstehen", wie Arthur Brenner, Geschichtsprofessor an der Universität von Albany, im Film feststellt. Sie behandeln nicht nur die Angriffe auf Gumbel, sondern auch die politischen Morde, denen er nachging, ebenso wie eigene Beiträge zu Fragen der Statistik – die "Gumbel-Verteilung" etwa ist nach ihm benannt.

Da nur wenig Bildmaterial über Gumbel vorhanden ist, geht der Film neue Wege. Kommentiert von Historikern und Zeitzeugen, stellt er entscheidende Episoden aus Gumbels Leben in Animationen des Zeichners Nuno Viegas nach.

Es verwundert ein wenig, dass die Münchner Räterepublik nicht erscheint, deren Niederschlagung einen Höhepunkt des politischen Terrors darstellt. Zumal Gumbel aus München stammte und gleich das erste Bild im Film Gumbel mit Erich Mühsam und Heinrich Mann zeigt. Ruf begründet dies mit der begrenzten Dauer des Films von nur einer Stunde und mit fehlenden Quellen: "Es war aber auch sehr schwer, z.B. Briefverkehr zwischen Gumbel und anderen zu finden oder etwas über seine Arbeit bei der Liga der Menschenrechte herauszufinden. Durch die Emigration aller linksgesinnten, wichtigen Menschen aus Deutschland ist schlicht kaum noch Archiv vorhanden", schreibt er auf Kontext-Nachfrage. Das macht den Film nicht weniger sehenswert.


David Rufs Dokumentarfilm wird unter dem Titel "Statistik des Verbrechens" am Donnerstag, 21. November um 23.45 Uhr im SWR Fernsehen ausgestrahlt.


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