Ausgabe 403
Kolumne

Alte Socken stinken

Von Peter Grohmann
Datum: 19.12.2018

Schon damals, als die Ostzone noch DDR hieß, war meine Omi Glimbzsch aus Zittau skeptisch, was den Goldenen Westen anging. Für uns junge Pioniere aber war dieser Begriff die Metapher für Walter Ulbricht plus Reisefreiheit, für Pril, Amibrause, für Jeans, Jacobs, grenzenlosen Konsum und Westgeld: Damit konnte sich selbst der gemeinste Verbrecher freikaufen und rübermachen – "geh doch rüber", freute sich die Stasi. Heute haben wir alles, außer genügend Westgeld, und anstatt der Jeans zieh'n sich die kleinen Leute in den Provinzen zwischen Avignon, Wien und Tel Aviv die gelben Westen über. Es warnt. In Österreich demonstrierten am Wochenende 20 000 Menschen gegen rechts und Kurz und Klein und brachten es auf den Nenner: "Eure Politik stinkt mehr als alte Socken." Aber vorher hat's ja auch nicht immer vornehm gerochen. Ist das nicht alles etwas Reha?

Die Utopisten der Reha-Klinik Bad Langensalza (Thüringen) zum Beispiel fordern gerechte Löhne und faire Arbeitsbedingungen im Goldnen Westen – aber sie haben nicht mal einen richtigen Tarifvertrag! Die ehedem volkseigenen Kliniken gehören heute dem privaten Klinikbetreiber Celenus, der angeblich rabiat und massiv gegen engagierte Beschäftigte vorgeht, die sich für einen solchen Tarifvertrag einsetzen. Also wieder Republikflucht? Aber wohin? Berlin. Dort haben sie sich gemein gemacht mit den streikenden Kolleginnen und Kollegen des Charité Physiotherapie- und Präventionszentrums, die gern als Weihnachtsgeschenk eine Angleichung an den Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (TVöD) möchten. Aber muss man da gleich die Tarifpartner mit Gelbwesten zu Tode erschrecken?

Damals, im Kalten Krieg, gab's ja das Gleichgewicht des Schreckens. Drüben im Osten der Konsum mit vielerlei Bückwaren, der Dresdner Zwinger für alle und die Erlebniswelt der Plattenbauten – im Westen Möbelparadiese, Traumschiffer und "Atomkraft? Nein danke" am Zweitwagen. Heute wissen wir natürlich: Macron kocht auch nur mit Eau de Cologne.

Es wird kälter in der Demokratie. Das kommt vom Klimawandel und aus Kattowitz. Zu Weihnachten dürfen natürlich auch die Populisten ihre alten Socken zum Trocknen in der Armenküche aufhängen und dann beim Pfeffern und Versalzen des Süppchens helfen. Rührt Euch.


Peter Grohmann ist Kabarettist und Koordinator des Bürgerprojekts Die AnStifter.
Alle "Wettern"-Videos gibt es hier zum Nachgucken.


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1 Kommentar verfügbar

  • Peter Meisel
    am 20.12.2018
    Danke für Ihre Einsichten, denn sie haben auch mir geholfen - ein Frohes Fest!
    Gibt es im Osten deshalb die AfD? Die AfD ist arm dran:
    Die drei Weisen aus dem Morgenland haben den Stern gesehen, der zum neugeborenen Jesus führt
    Der erste Satz im AfD Program 7.6.1 Der Islam gehört nicht zu Deutschland ist eine Offenbarung der Armut dieser Partei? Sie benutzen arabische Zahlen um sich zu sortieren ohne es aber zu bemerken?
    Deutschland feiert Weihnachten, weil die drei Weißen aus dem Morgenland, dank ihrer Fähigkeit der Sternkunde, von der Geburt dieses Jesus überhaupt erst berichtet haben! Die deutsche Weihnachtskultur hat sich zu einem Weihnachtsgeschäft mutiert. Ich habe den Eindruck, die AfD feiert nicht mit, „denn das richtet sich gegen gegen die jüdisch-christlichen und humanistischen Grundlagen unserer Kultur“ sagt sie.
    Zur Bedeutung der Geschenke: „Der Kirchenvater Thomas von Aquin hat die Geschenke praktisch gefunden: Gold für die Armut der Eltern, Myrrhe für die Gesundheit des Kindes und Weihrauch, um den tierischen Gestank im Stall zu vertreiben.“ Das will die AfD nicht? Er hat ein wichtiges Kapitel im Katechismus der Katholischen Kirche geschrieben: „In der Wahrheit leben - 2469“
    Auf den Nenner gebracht: "Eure Politik stinkt mehr als alte Socken."

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