Zwiebeln im gelobten Land. Fotos: Joachim E. Röttgers

Zwiebeln im gelobten Land. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 380
Kolumne

Der ungewohnte Duft von frischer Luft

Von Helga Stöhr-Strauch
Datum: 11.07.2018
Ein erster Brief aus Brandenburg. Unsere Autorin atmet tief durch, trifft auf merkwürdige Linke und überlegt sich, in Steinmeiers Kulturverein einzutreten.

"In Berlin bin ich einer von drei Millionen! In Brandenburg kann ich bald alleine wohnen!"
(Rainald Grebe, "Brandenburg")

Toll, dachten wir und zogen nach Brandenburg. Alexander der Große, Nala die Hündin und ich. Trotz Rainald Grebes Schmähhymne, denn wir wissen es besser. Und tatsächlich expandiert die Stadt Brandenburg inzwischen so sehr, dass man keine Handwerker mehr bekommt. Oder wenn, dann können sie nicht vor Weihnachten. Unser Nachbar Ronny (der heißt wirklich so) weiß da Bescheid. Er ist ein echtes Ostgewächs, Anfang 30, mit Kindern, Frau und Eigenheim. Von Beruf Tischler und jetzt in einer Firma tätig, die Munition und Kampfmittel beseitigt.

Vor zwei Monaten, am 2. Mai, ist Helga Stöhr-Strauch, zusammen mit Mann Alexander und Hündin Nala aus Stuttgart ausgereist. Nach Brandenburg in Brandenburg. In Stuttgart, der "zu Tode gerittenen Stadt", mochte sie nicht mehr leben. In ihrem ersten Brief schreibt sie über das Ankommen. Weitere Botschaften werden folgen. (jof)

Das Schlimmste am Projekt "Schluss mit Stuttgart" war aber nicht das Ankommen, sondern das Rauskommen. Aus Stuttgart. In der alten Wohnung scharrten schon die neuen Eigentümer mit den Hufen. Naja, Stuttgart Innenstadt eben. Die Alten raus, die Neuen rein. Das geht ratz, fatz. Wie im Durchlauferhitzer. Oder in der Legebatterie. Der Pragsattel war dann die nächste Hürde, die wir aber schon nach anderthalb Stunden im Stau bravourös meistern konnten. Und angekommen sind wir dann auch irgendwann. Nachts. Und es war sehr, sehr leise in Brandenburg. Auf meine Frage, nach was es hier rieche, antwortete mein Mann: "Ich glaube, das ist frische Luft".

Die Stadt Brandenburg ist ebenso wie das gleichnamige Land im Besitz jeder Menge Bäume, was dem Fremden, insbesondere wenn er aus Stuttgart kommt, zu denken gibt. Wieso Bäume, fragt er sich verwundert und: Wieso gibt es hier keine betonierten Steinwüsten, um welche die Autos kreisen dürfen? Und wieso, um alles in der Welt, gibt es nur diese völlig überflüssige, baumdichte, innerstädtische Parkanlage, die direkt zum Heine-Ufer führt? Und erst der Bahnhof! Der liegt oben! Aber auch hier gibt, wie in so vielen Fällen, das deutsche Liedgut Antwort. Auf die brennende Frage nämlich, welche Aufgabe Bäume in BRANDENBURG erfüllen.

Brandenburg liegt an der Havel, das heißt, die Havel umschlingt und durchschlängelt, umärmelt, dominiert und liebkost die gesamte Innenstadt. Mal heißt sie Havel, mal heißt sie Jakobsgraben, mal Silokanal. Und sehr oft verwandelt sie sich in Seen, durch die man hindurch oder an denen man vorbei fahren kann. In diesen Seen gibt es Inseln, die Buhnenwerder, Kiehnwerder oder Acapulco heißen. Dort gibt es Biber und Musicals, die man anstaunen kann, je nach Interessenslage. Alexander der Große und ich haben uns für "My Fair Lady" entschieden.

Brandenburger Wasser: rein und klar.
Brandenburger Wasser: rein und klar.

Alle Seen der Stadt Brandenburg sind auf wunderbare Weise miteinander verbunden, sodass man problemlos tagelang auf dem Wasser herumirren kann, ohne die Stadt zu verlassen. Die Fahrzeuge dazu kann man mieten. Sie laufen unter der Bezeichnung "Havel-Lady", dümpeln in ihrem Heimathafen im Beetzsee romantisch vor sich hin und sind der Schrecken aller Motorbootbesitzer. Vermietet an Touristen, gelten sie als nicht zu unterschätzendes Sicherheitsrisiko. Und so eiern die lahmen Hausboote eigentlich immer sehr einsam, sehr brandenburgisch, auf den Gewässern, weil jeder vernünftige Schiffskapitän einen Riesenbogen um die Holzkolosse macht. Vermietet werden die Teile unter anderem von Pitty, der im wahren Leben Orchesterwart der Brandenburger Symphoniker ist, nebenbei als Bühnentechniker arbeitet und eigentlich immer Zugang zu ermäßigten Eintrittskarten hat.

Der OB ist bei der CDU, die Linke ein komischer Laden

Im Frühling kam ein neuer Oberbürgermeister ins Brandenburger Rathaus. Das heißt, neu war er eigentlich nicht, denn Steffen Scheller ist bereits seit 2006 fester Bestandteil der hiesigen Verwaltung. Als Stadtkämmerer und Mitglied in der CDU galt er schon früh als Kronprinz von Dietlind Tiemann, der Queen of Brandenburg, die inzwischen im Deutschen Bundestag sitzt und dort so eine Art Mutti-Ergänzungsfunktion hat.

Steffen Scheller gelangte ohne Umschweife und mit enormem Stimmenabstand gegenüber dem zugegeben etwas blass wirkenden, parteilosen Juristen Jan van Lessen an die Rathausspitze (böse Zungen behaupten ja, nicht obwohl, sondern weil van Lessen von der SPD, den Grünen und der Linken unterstützt wurde). Jedenfalls ist nun Scheller unser OB in Brandenburg, und schon nach wenigen Monaten im Amt hat er eine handfeste Affäre am Hals: Eine 23-jährige Verwaltungsmitarbeiterin beschuldigt den OB, persönlich dafür gesorgt zu haben, dass sie nach ihrer fristlosen Kündigung im Rathaus (wegen vorsätzlich falscher Stundenabrechnungen) auch noch an ihrer neuen Stelle bei den Stadtwerken gekündigt wurde. Und zwar noch in der Probezeit, weil Scheller, der dort Aufsichtsratsvorsitzender ist, sie verpetzt habe. Und jetzt soll die junge Frau auch noch die über 50 000 Euro Ausbildungskosten an die Stadt zurückzahlen, weil sie dort ihr duales Studium abgeschlossen hat.

Entspanntes Radeln in Brandenburg.
Entspanntes Radeln in Brandenburg.

Das habe ich in der "Märkischen Allgemeinen Zeitung" (MAZ) gelesen, die sonst eher fürs Nette zuständig ist. Danach bin ich zur Linken gegangen. In ihrer Geschäftsstelle in der Stadt Brandenburg haben mich Mittfünfzigerinnen empfangen, die so verdattert über meinen Besuch waren, dass sie mir nicht nur keinen Stuhl, sondern auch keine Informationen angeboten haben. Immerhin, ich wurde in den "Sympathisantenverteiler" aufgenommen, weil ich ja kein Mitglied der SED, äh, der Linken bin. Dann wurde ich zu einem Vortrag des Genossen Horst Maiwald eingeladen, der über "Karl Marx heute" sprechen wollte. Der fiel dann aber aus. Eine Genossin informierte uns über den "Sympathisantenverteiler", dass aufgrund der vielen Entschuldigungen wegen Vortrag Kuba, Wetter und Fußball-WM die heutige Zusammenkunft ausfiele und schloss mit der Bemerkung, dass das gut wäre. Ich will jetzt keine Mails mehr und habe mich aus dem Verteiler rausnehmen lassen.

Vielleicht sollte ich in Steinmeiers Kulturverein gehen

Mit dieser Linken muss ich noch irgendwie zurecht kommen. Ist es doch ihrem Genossen Wolfgang Erlebach, der städtischer Beigeordneter und für die Abteilungen Kultur, Jugend, Soziales und Gesundheit zuständig ist, gelungen, das ortsansässige Deutsche Rote Kreuz auszubooten und statt dessen die PulsM GmbH, eine hundertprozentige Tochter der Morton Group, die sich auf Immobilien und Immobilienentwicklung, Beteiligungsmanagement und Vermögensverwaltung spezialisiert hat, mit der künftigen Verwaltung der Flüchtlingsunterkünfte in Brandenburg zu beauftragen.

Daraufhin habe ich eine Anfrage an das Büro des Vorsitzenden der Linken, Bernd Riexinger, gerichtet, wie sich diese Entscheidung denn mit den Wertvorstellungen der Partei vereinbaren lasse. Sie wurde erwartungsgemäß und nach einiger Zeit von seiner persönlichen Mitarbeiterin wie folgt beantwortet: "Es ist wohl so, dass die europaweite Ausschreibung des Auftrages unumgänglich war und eine Bevorzugung regionaler Bieter ausgeschlossen ist. Den Zuschlag muss das wirtschaftlichste Angebot erhalten (was nicht immer auch das 'billigste' ist, auch wenn man das so interpretieren würde)".

Dass sie mir noch den Tipp gab, ich könne mich doch selbst mal mit Erlebach in Verbindung setzen, fand ich zwar nett, aber wenig originell. Mailadressen finden ist eine meiner leichtesten Übungen. Trotzdem würde ich jetzt gern mal wissen, warum in aller Welt ich künftig die Linke wählen soll, wenn sie sich mit ihrem wohlfeilen Geschwätz über "Wirtschaftlichkeit" doch in nichts von dem Geschwätz anderer Parteien unterscheidet. Vielleicht sollte ich mich besser dem örtlichen Kulturverein anschließen, dessen Vorsitzender ein gewisser Frank-Walter Steinmeier ist. Er hat sich Brandenburg als Wahlkreis ausgeguckt, war aber meist mit anderen Sachen beschäftigt. 

Ich glaube, ich sollte den Bernd Riexinger nochmals per Mail fragen, was ich machen soll. Oder ich schick ihm einen Brief nach Hause. Nach Stuttgart.


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Ich denke, der "Kalle" hat ausgedient.





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