Ausgabe 270
Kolumne

Schnauze!

Von Peter Grohmann
Datum: 01.06.2016

Torten sind keine Argumente. Und wenn, würde meine Omi Glimbzsch in Zittau sagen, dann nur mit Sahne. "Torten wirft man nicht, man isst sie!" Andererseits wissen wir, dass Argumente mit dem Vorwort "Totschlag" – mit oder ohne Sahne – auch keine Alternative sind. Ein kurzes, häufig nur gebelltes Totschlagargument etwa ist das zweisilbige deutsche Wort "Schnauze!".

Natürlich kommt es im Normalfall nicht so plump daher, immer häufiger aber als mehr oder weniger anonymer Webseitenkommentar in anderen Worten. Und immer hält der Absender das Messer unter (s)einem Fantasienamen versteckt. Statt "Schnauze" heißt es dann etwa "Putinversteher" oder "Nazi" oder "geschichtsvergessen" oder "Lüge" (mit und ohne Pack), "Rassist", "Faschischt" (schwäbische Variante) oder "rote Socke". Letztere, einzeln und als Paar, gelten nie gewöhnlichen Sozialdemokraten oder parteilosen Linken, sondern immer den in der Partei organisierten Außenseitern (Wagenknecht/Lafontaine).

In der guten alten Zeit, als man noch kein Geld für Torten hatte, mussten die Betroffenen mit faulen Eiern vorliebnehmen. Da lautete der Terminus technicus ganz knapp etwa "Trotzkist", "Arbeiterverräter", "Provokateur", "Stalinist" oder, zusammenfassend: "Die Partei hat immer recht." Daher kann sie auch nur kritisiert werden, wenn der Kritiker bereit ist, sich in die rechte Ecke stellen zu lassen: Schäm dich!

Mensch, wir wissen doch: Die Ursachen für den Aufstieg der rechtsradikalen Parteien in Europa schließen zahlreiche politische und kulturelle Faktoren ein: Neben Krise (das dicke Ende kommt noch), gemachter Prekarität und der Abstiegsangst der Mittelschichten ist es der Verfall der Sozialdemokratie, der auf der Linken nicht durch eine glaubwürdige radikale Alternative kompensiert wird. Wir sind noch nicht am Ende des absteigenden Astes angekommen. Die Fähigkeit zu solidarischer Kritik mag vorhanden sein, ist aber nicht erwünscht: Schnauze, ihr Nestbeschmutzer.

Was hilft? Weiß der Geier! Regierung, Opposition, mehr Demokratie, Transparenz, Informationen, die man sich nicht erst vor Gericht erstreiten muss, und vielleicht sogar die Einsicht, dass wir momentan noch die SPD, die Grünen und die Linke brauchen. Was Schlechteres kommt immer nach – es wartet schon, rechts außen. 

 

Peter Grohmann ist Kabarettist und Initiator des Bürgerprojekts Die AnStifter.


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