Grüne locken mit "Europe for Future" die Jugend zum Podium. Dort sitzen Luisa Neubauer und Ska Keller (zweite und dritte von links). Foto: Patrick Haermeyer

Grüne locken mit "Europe for Future" die Jugend zum Podium. Dort sitzen Luisa Neubauer und Ska Keller (zweite und dritte von links). Foto: Patrick Haermeyer

Ausgabe 420
Gesellschaft

Kuscheln mit Freigetränk

Von Moritz Osswald
Datum: 17.04.2019
In Stuttgart veranstalten die Grünen eine Diskussion zu Europa und Umweltschutz. Dazu werden Wahlwerbung und ein Freigetränk serviert. Die jungen Wilden der Fridays-for-Future-Bewegung sollen bezirzt werden. Parteipolitik und der Aktivismus der Straße prallen aufeinander.

Der 30. November 2018 war ein bedeutender Tag in Charlottes Leben. Ein kalter Freitagmittag, ein paar WhatsApp-Nachrichten und ein paar selbstgebastelte Schilder. Ein Ziel im Kopf, die Wut im Bauch. Wut auf die Bundesregierung, die ihre Klimaziele nicht ernst nimmt. Auf eine Politik, die nicht schnell, nicht radikal und nicht ehrlich genug ist. Auch mit dabei: die Angst, dass all das niemanden interessieren könnte. Belächelt habe man sie zu Beginn, im Vorbeigehen sei abfällig gemurmelt worden. "Feinde muss man sich erst verdienen", sagt Charlotte von Bonin, die den ersten Protest der Fridays for Future hier in Stuttgart organisiert hat. Die Mini-Demo am Weihnachtsmarkt beim Schlossplatz säte den Samen für einen wütenden Widerstand. Nach 20 Wochen Streik sind aus fünf rund 550 junge Menschen geworden, die im Kessel die Schnauze voll haben.

Konsens statt Debatte

Von Bonin ist 22, FSJ-lerin und groß gewachsen. Ihre feuerroten Haare sind zusammengebunden. Als sie eine Doku über die Klimakrise sah, war sie wie elektrisiert. "Sofort handeln" wurde zu ihrem Leitmotiv. Ihre Freundin Nisha, ebenfalls im Orga-Team, sammelt unterwegs Papiermüll vom Boden auf. Dabei ist heute gar nicht Freitag – es ist Sonntag, und heute steht nicht die Straße, sondern das Schocken auf dem Programm. In dem Stuttgarter Club, in dem sonst Suff und Sause herrschen, soll heute über Klimapolitik diskutiert werden. Genauer: darüber, wie Europa das Klima retten kann. "Europe for Future", so der Titel der Veranstaltung der Grünen.

Aktivistische Prominenz holte sich die Partei mit Luisa Neubauer. Die 22-jährige Studentin ist die deutsche Greta, das Gesicht der Fridays-for-Future-Bewegung hierzulande, Sprachrohr einer verärgerten Jugend. Ständig surrt jemand um sie herum, als hätte sie ein Dutzend PR-Berater im Gepäck. Aus Berlin angereist, verschwindet sie so flugs, wie sie gekommen war. Im Netz wird sie oft als "Langstrecken-Luisa" bezeichnet – aufgrund privater Flugreisen, die beispielhaft für die Inkonsequenz der jungen Protestler sei. Folgen des Klimawandels werden aufgezählt, Beispiele auch innerhalb Europas genannt. Es gehe "nicht nur um ein paar Pazifikinseln, die absaufen", so die Fridays-Vertreterin.

Wenn Neubauer redet, macht sie kurze, klare Sätze ohne viel Schnickschnack. Ska Keller, grüner Stargast des Abends, spricht langatmig und fügt gern mal die ein oder andere Anekdote aus der heimischen Lausitz an. Sie stimmt Neubauer oft und gerne zu. Von einer "Energiedemokratie" ist die Rede, ohne konkreter zu werden. Neubauer und Keller werden ausgiebig gefragt, woher ihr persönliches Engagement denn komme. Die Frage, ob und wie Europa denn nun das Klima retten kann, wurde umschifft und hing unbeantwortet im Raum.

Ein gut gefüllter Saal, knapp 80 Gäste waren an einer Debatte interessiert – bekamen aber nur lauwarmes Gerede, Wahlwerbe-Material und eine Runde Freigetränke. Es wirkte, als wolle man junge Wählerinnen und Noch-Nicht-Wähler durch Konsensherstellung und Betonen der Gemeinsamkeiten vom grünen Urnengang überzeugen – die Europa- und Kommunalwahl dabei im Hinterkopf. Worüber noch diskutieren, wenn man doch die gleichen Ziele hat?

"Warum sollte ich die Grünen wählen?"

Den Fridays-for-Future-Aktivisten, denen oft Partei-Liebäugelei in Richtung Linke oder Grüne attestiert wird, sind tatsächlich weitestgehend ohne parteipolitische Präferenz. Denn zwar identifizieren sich 36 Prozent von ihnen mit den Grünen, der größte Anteil aber (etwa 40 Prozent) will sich keiner Partei verschreiben. Charlotte vom Stuttgarter Orga-Team fällt genau in dieses Raster. Sie hat die ideologische Nähe, fürchtet jedoch den Ausverkauf: von der idealistischen Weltverbesserin zur phrasendreschenden Realpolitikerin. Ihre Mitstreiterin Luzia Parbel, 19 und Studentin der Agrarwissenschaft, denkt ähnlich. Ihr ist vor allem das politische Tempo viel zu langsam. "Für mich ist Aktivismus der Weg", sagt Parbel.

Denn aus der Politik kämen "keine klaren Töne". Ihre medial dauerpräsente Kollegin Neubauer denkt dasselbe und scheut – trotz grünem Parteibuch – die Kritik nicht. Ska Keller, europäische Spitzenkandidatin der Grünen, lobt ausschweifend die kürzlich veröffentlichten Forderungen der Fridays-for-Future-Bewegung und meint, das sei im Groben ja auch im Parteiprogramm vorhanden. Neubauer verzieht das Gesicht. "Keine Partei ist ehrlich und ambitioniert genug im Umgang mit der Klimakrise", sagt sie. Die Stuttgarterin Luzia Parbel versucht in der anschließenden Fragerunde, Auskunft zu bekommen: "Warum sollte ich denn die Grünen wählen?" Keller kontert mit dem "politischen Rahmen", der unerlässlich sei. Das Engagement auf der Straße, das individuelle Verhalten zuhause reiche nicht aus. Später sagt Luzia im Gespräch mit Kontext, dass sie keine zufriedenstellende Antwort bekommen hat.

Der Freitag reicht nicht aus

Die Aktivistinnen und Aktivisten von Fridays for Future haben es nicht einfach. Wurde früher viel über eine politikverdrossene Jugend gelästert, stört man sich jetzt an dem vermeintlich unwissenden Nachwuchs, der auf die Straße geht und für eine Sache demonstriert. Immer nur freitags, immer während der Schulzeit, die wollen doch nur schwänzen, so häufig die Kritik. "Das Meckern zeigt, dass wir wohl einen wunden Punkt getroffen haben", vermutet Charlotte von Bonin. Doch sind die Schülerinnen und Studenten der jungen Bewegung wirklich politikinteressiert? Sind sie bereit, sich außerhalb des freitäglichen Skandierens vor dem Rathaus zu engagieren?

Sechs der etwa 20 Organisatorinnen und Organisatoren sind zu der Podiumsdiskussion gekommen. Die Schulbank drückt jedoch nur die Hälfte des Teams. Die anderen studieren oder machen eine Ausbildung. Einige von ihnen sind im Jugendrat oder bei Nachwuchs-Organisationen von Parteien. So auch Jonathan Heckert, genannt "Johnny". Es seien nicht nur Waldorfschüler unter den Fridays-Leuten, betont er. Heckert selbst besucht ein katholisches Privatgymnasium. Der 16-Jährige ist bei der Grünen Jugend aktiv. Das Bündnis ist für ihn "das kleinste Übel" unter den Parteien. Wie viele seiner Stuttgarter Mitstreiterinnen und Mitstreiter sieht er die Veranstaltung kritisch: "Man hat sich offensichtlich über die Prominenz in Form von Luisa Neubauer gefreut."

Eine Diskussion, eine richtige Debatte sei das allerdings nicht gewesen. Das findet er schade – denn für ihn sind Europa und die EU zentrale Akteure der Klimakrise. "Es braucht dringend Reformen in der EU", so Heckert. Eine einheitliche CO2-Steuer, notfalls härtere Sanktionen für einzelne Mitgliedsländer, das müsse her. Auch Demo-Organisatorin Charlotte ist unzufrieden. Jeder sei derselben Meinung gewesen, alle "voll auf Kuschelkurs". Stimmenfang sei das außerdem gewesen. Charlotte wird wieder auf die Straße gehen. Dort gebe es weniger "man könnte, sollte, wollte" als an diesem grünen Abend.


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1 Kommentar verfügbar

  • Peter Meisel
    am 17.04.2019
    Fridays for future empfinde ich als vorbildlich: eine 16 jährige Greta Thunberg zeigt uns verschlafenen Deutschen, daß nur wir unsere Zukunft retten können!
    Wut auf reicht nicht! Der Zorn ist angemessen, denn gemäß des Zorn des Achilles ist er begründet und nur deshalb begründet und hat die Chance sich durchzusetzen!
    "Europe for Future" müssen wir ändern in: "Future for Europe!"
    Es steht die Europa Wahl an!
    Wir haben die Wahl! Ich werde Yanis Varoufakis und Diem25 wählen, denn die "Griechenland Rettung" war der misslungene Versuch die Deutsche Bank zu retten! Diese hatte deutsche Automobil Exporte nach Griechenland finanziert (Wir sind Exportweltmeister) wohl wissend, die Griechen können diese Autos mit ihren Oliven nie zurückzahlen!
    Heute wird die Deutsche Bank mit der Commerz Bank vereinigt, ohne daß damit diese gerettet werden? "Wir sind Exportweltmeister!" Das ist des ökonomisch größte Schwachsinn, den ich in meinem Studium der Volkswirtschaft nie gehört habe.
    Wir sollten erst hinschauen, ehe wir den Mund aufmachen!
    Grüne Hemden reichen nicht, der Inhalt macht's!

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