Ausgabe 413
Gesellschaft

Braune Narren

Von Holger Reile
Datum: 27.02.2019
Darf und sollte man die Fasnachtslieder des NS-Propagandaredners und bekennenden Nationalsozialisten Willi Hermann singen? Darüber wird in Konstanz heftig gestritten. Jetzt kursiert sogar eine Petition im Netz, die für Ja stimmt.

Es lässt sich nicht wegdiskutieren: Willi Hermann (1907 - 1977) war ein überzeugter Nationalsozialist, NS-Propagandist und Antisemit der übelsten Sorte und keineswegs nur ein "aktives Rädchen" während der NS-Zeit, wie der Ehrenrat der Konstanzer Niederburg-Narren, Marc Ellegast, in seiner Petitionsbegründung verharmlosend schreibt. Die Petition haben bislang rund 530 Personen unterschrieben. Überwiegend wird die Meinung vertreten, dass die Lieder ein Teil der fasnächtlichen Kultur seien und bewahrt werden müssten.

Wer sich die Mühe macht und die einzelnen Begründungen für den Beibehalt der Hermann'schen Schenkelklopfer: "Mädle wenn vuu Konstanz bisch, warum kaasch Du it küsse..." liest, erfährt einiges über den geistigen Zustand nicht aller, aber doch mancher Kulturbewahrer. "Es sollte endlich mal gut sein mit dem Nazi-Scheiß", schreibt einer. Mit an vorderster Front auch Marcus Nabholz, Präsident der Narrengesellschaft Kamelia Paradies und CDU-Hinterbänkler im Konstanzer Gemeinderat. Er merkt an, wenn Opern des bekennenden Antisemiten Wagner aufgeführt werden, dann könne man auch Hermann-Lieder fröhlich weiterträllern. Die Vergangenheit des Liederschreibers, so ein anderer, sei "völlig egal". Oder: "Bei der Bundeswehr werden heute Lieder gesungen, welche auch im II. Weltkrieg Verwendung fanden. Weiter so!"

Mit der journalistisch soliden Berichterstattung des "Südkurier" zum Fall Hermann sind manche nicht einverstanden, und so bezeichnet ein anonymer Petent die Medien als "Propaganda-Organ der amtierenden Politik", die nichts anderes seien als "Marionetten der internationalen Finanzeliten (Soros, Rothschild usw.) Deshalb: Weitersingen". Auch der in der Region bekannte Musiker Jürgen Waidele äußert sich: "Alleine schon die erste Strophe: Rings um den Bodensee ist die Welt so schön ... Text, Melodie und die Harmonien, die man dazu spielen kann – jazzig und einfach geil."

Nicht alle Narren sind reaktionär

Immer klarer zeigt sich, dass bei der Causa Hermann auch ein Riss durch die Narrengesellschaften geht: Traditionalisten contra Erneuerer. Für letztere steht mit Norbert Heizmann, der auch Programmchef der Narrengesellschaft Niederburg e.V. ist, einer der bekanntesten Fasnachter im Kreis Konstanz und weit darüber hinaus. Das kritische Onlinemagazin Seemoz hat ihn um seine Einschätzung zum Thema gebeten, und die fällt deutlich aus.

Für Heizmann sind diese Lieder "für immer mit einem Makel" behaftet, egal, welche Ergebnisse die Debatte zeigen werde. Da sich die Fasnacht seit jeher den Erhalt und die Pflege des Brauchtums zu einer ihrer Kernaufgaben gemacht habe, werde sie in einer gewissen Nähe zum Blut-und-Boden-Gedankengut verortet, schreibt Heizmann. Sie müssten sich ein für allemal von einer solchen Geisteshaltung, und sei sie nur am Rande spürbar, offensiv und eindeutig distanzieren und befreien. Auch wenn es für den einen oder anderen Niederbürgler Narren schwer zu verdauen sein werde, sei es schon längst an der Zeit, dass sich die Niederburg und insgesamt die Konstanzer Fasnacht eine "neue musikalische Identität" aneigne, weg vom post-nazistischen Nachkriegsmuff der 50er Jahre, befindet Heizmann.

Auch der Konstanzer Museumsdirektor und frühere Bühnennarr Tobias Engelsing hat sich wieder in die Debatte geworfen. Als er vor fast vier Jahrzehnten zum ersten Mal über Lebensläufe im Nationalsozialismus im "Südkurier" publiziert habe, betont er in der seemoz, sei er als "Nestbeschmutzer" beschimpft worden, als einer, der Vergangenes "unselig" wieder aufrühre, wo doch "endlich" ein "Schlussstrich" nötig sei. Seit der "Petition" von Marc Ellegast tönten ihm diese Verharmlosungen deutscher Geschichte wieder im Ohr, urteilt der Leiter der städtischen Museen.

Dubiose Bauchgefühle als Grundlage der Urteilsfindung

So soll bei Willi Hermann ein denknotwendiger Zusammenhang zwischen den einstigen Taten des abgrundbösen Judenhetzers und der wenige Jahre später aufgesetzten Maske des fasnächtlichen Biedermanns nicht gelten. Hunderte Konstanzer beharrten derzeit geradezu wütend darauf, jederzeit selbst bestimmen zu können, was sie an Fasnacht singen wollen, ohne auf moralische Einwände, auf das Empfinden von Überlebenden oder Opfer-Nachfahren oder gar auf neue historische Fakten achten zu müssen.

Doch bei vielen der Lied-Verteidiger sei ein neuer, besorgniserregender Ton in der im Netz geführten Debatte zu vernehmen: Dubiose Bauchgefühle würden als legitime Grundlage der eigenen Urteilsfindung verteidigt – wer brauche da noch historische Fakten und Zusammenhänge! Während das durchschnittliche Rechtsempfinden vieler Menschen mit Gewalttätern sonst keine Gnade kenne, herrsche in zahlreichen Wortmeldungen eine seltsame Milde, gepaart mit einer auffällig aggressiven Relativierung des Nationalsozialismus, fährt Engelsing fort. Und im Falle des Schreibtischtäters Hermann solle die Gnade des Vergessens walten: Seine Lieder seien inhaltlich doch harmlos, also Schwamm drüber und weitersingen. Ob hier lebende Nachfahren der Opfer da noch unbeschwert in Konstanz Fasnacht feiern wollen?, fragt der Museumsdirektor.

Engelsing sieht nun, nach der von Stadtarchivar Klöckler gelieferten Einsicht in die Vita Hermann, ein Akt verantwortungsvollen Verhaltens angezeigt. So stimmungsstiftend diese drei, vier Hermann-Lieder bisher gewesen sein mögen, resumiert er, "sie sind es nicht mehr, seit wir wissen, wer ihr Urheber war."

 

Die Biographie des braunen Fasnachts-Komponisten Wilhelm Hermann hat der Leiter des Konstanzer Stadtarchivs, Jürgen Klöckler, aufgedeckt. Das Ergebnis seiner Recherchen ist nachzulesen in einem Sonderdruck des Jan Thorbecke Verlags. Die Überschrift lautet: "Eine Ikone der Fasnacht am Bodensee". Das SWR-Fernsehen hat Hermann immer bundesweit übertragen. Gegen eine Politik des Schwamm-Drübers hat sich Tobias Engelsing bereits im August 2018 gewandt (Kontext berichtete).


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3 Kommentare verfügbar

  • Michael Schenk
    am 28.02.2019
    Der Ansatz, jegliche Kunst erstmal danach zu beurteilen, ob sie gut oder schlecht ist, ist nicht verkehrt (Stichwort: Wagner). Darüber kann man sich natürlich trefflich streiten, aber dafür ist Kunst ja auch da.

    Meta-Gegenstand des Artikels ist m.E., dass wir eine auch nur halbwegs gescheite Aufarbeitung unserer Nazi-Historie nicht mal in Ansätzen geschafft haben, und das wird uns weiter verfolgen. Der hier beschriebene Versuch, das zu tun, ist daher notwendig.

    Ersatzweise gesinnungsgesteuerte Kunstverbote auszusprechen (ja, ich weiß: das ist polemisch), hilft uns dabei aber nicht weiter.
    • Andrea K.
      am 03.03.2019
      Ich denke, Sie haben den Finger in die Wunde gelegt: Wir haben nichts aufgearbeitet, wir haben "entnazifiziert", als wäre das mit einer Spraydose zu erledigen.

      Ich habe Bilder geerbt und aufgehängt ohne den Künstler zu kennen. Muss ich jetzt recherchieren, muss ich seine Gesinnung erforschen um zu wissen, ob ich sie schön finden darf oder nicht? Wo setzt es richtig an, das Lernen aus der Vergangenheit?

      Wo setzt es an, der Lernen im hier und heute? Ich interessiere mich in der Regel so gar nicht für Urheber von Musik - ich mag nur das Ergebnis. Müsste ich jeden einzelnen durchleuchten um zu wissen, ob ich die Musik mögen darf oder nicht? Nur, weil jemand seine Gesinnung nicht vor sich herträgt heißt das ja nicht, dass er keine hat.

      Ich fürchte, es gibt hier kein schwarz und weiß, denn auch "damals" gab es nicht nur die Täter und die Mitläufer. Es gab sehr viele Schattierungen von grau.
    • Jue.So Jürgen Sojka
      am 05.03.2019
      Foto: Marcus Nabholz: Das wird man ja wohl noch singen dürfen.

      Völkerrechte-Verweigerer* sind ihrer Ämter zu entheben und jegliche Ehrungen sind abzuerkennen, auch nach ihrem Ausscheiden / Ableben! [b][1][/b]
      Völkerrechte-Verweigerer* = Nationalisten, Faschisten / Nationalsozialisten (Nazi) = Konservative

      13.02.2019 Mit Nazi-Uniformen zum Karneval im Erzgebirge https://www.tagesspiegel.de/politik/jahnsdorf-in-sachsen-mit-nazi-uniformen-zum-karneval-im-erzgebirge/23976744.html 82 Kommentare
      … "Uns‘re Party hat ‘ne Norm, dieses Jahr in Uniform". Mit Kinder- und Seniorenfasching am Nachmittag des 2. März, abends dann die große Hauptveranstaltung mit DJ Hans aus Adorf. Illustriert ist die Reklame mit einer Foto-Collage mit Zaun und Stacheldraht, im Vordergrund drei Soldaten, zum Teil mit Stahlhelm und in Nazi-Wehrmachtsuniformen.


      10.1.2019 Forschung über die NS-Zeit in der Region | Im Gespräch: Wolf-Ulrich Strittmatter https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/friedrichshafen/Im-Gespraech-Wolf-Ulrich-Strittmatter,im-gespraech-wolf-ulrich-strittmatter-106.html vier Audios 5.39, 5.26, 5.28, 3.24 Min.
      Wolf-Ulrich Strittmatter forscht seit vielen Jahren über die Zeit des Nationalsozialismus in der Region Oberschwaben-Allgäu-Bodensee. Wie er die Machenschaften des Bodnegger Bürgermeisters Anton Blaser zur NS-Zeit aufgedeckt hat, erzählt er im Gespräch mit SWR-Moderator Patrick van Odijk.


      02. FEBRUAR 2010 Karneval im Dritten Reich | Todesmühle kündigt Holocaust an https://www.n-tv.de/politik/dossier/Todesmuehle-kuendigt-Holocaust-an-article708006.html
      Die Nazis und der Karneval - dieses Thema wurde lange nicht angetastet. Mit dem Generationenwechsel in vielen Karnevalsvereinen findet eine Öffnung statt.


      [b][1][/b] 04.03.2018 Beschluss nach Aufarbeitung der Rolle Hans Gmelins
      [b]Dem Tübinger Ex-OB wurde die Ehrenbürgerwürde aberkannt[/b] https://www.tagblatt.de/Nachrichten/Dem-Tuebinger-Ex-OB-wurde-die-Ehrenbuergerwuerde-aberkannt-365943.html
      Tübingen. Das hat der Gemeinderat der Universitätsstadt am Montagabend auf Antrag aller Fraktionen entschieden. Der Beschluss sein einstimmig gefasst worden, teilte die Sprecherin Sabine Schmincke am Abend mit.

      «Hans Gmelin muss nach heutigen Maßstäben als NS-Belasteter gelten»,…

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