Luigi Toscano in seinem Mannheimer Atelier, mit Porträtaufnahmen aus seinem Projekt "Gegen das Vergessen". Fotos: Joachim E. Röttgers

Luigi Toscano in seinem Mannheimer Atelier, mit Porträtaufnahmen aus seinem Projekt "Gegen das Vergessen". Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 428
Gesellschaft

"Haben wir uns kleinkriegen lassen, Luigi?"

Von Minh Schredle
Datum: 12.06.2019
Um gegen das Vergessen anzukämpfen, porträtiert der Fotograf Luigi Toscano seit fünf Jahren Überlebende des Holocausts. In Österreich haben Unbekannte die großformatigen Bilder mit Hakenkreuzen beschmiert und zerschnitten. Zuerst ist Toscano am Boden zerstört. Tief bewegt vom Zusammenhalt der Zivilgesellschaft zieht der Fotograf dennoch das Fazit: "Danke, Wien!"

Als er weinte, an diesem niederschmetternden Montagmorgen im Mai, weinte er nicht alleine. Da war noch eine Frau, eine Unbekannte, erzählt Luigi Toscano, vielleicht eine junge Studentin? Er weiß es nicht, aber er beobachtete sie, selbst noch mit Tränen in den Augen, wie sie vor den zerstörten Bildern stand und schluchzte. "Alles wirkte so surreal an diesem Tag", erinnert sich der Fotograf. Seit Jahren reist er um die Welt, um Überlebende des Holocausts zu porträtieren und die Erinnerung an ihre Geschichten wach zu halten. Seine Bilder, überlebensgroß auf Stoff gedruckt, stellt er seit September 2015 aus, immer in der Öffentlichkeit, damit die Konfrontation mit der Vergangenheit nicht nur denen überlassen bleibt, die sich darauf einlassen wollen. Die Protagonisten der Porträt-Aufnahmen suchen auf den Bildern den direkten Blickkontakt, einige anklagend, andere regelrecht herausfordernd.

Am Wiener Heldenplatz, wo die Ausstellung "Gegen das Vergessen" seit dem 7. Mai diesen Jahres zu sehen war, attackierten in der Nacht nach den Europawahlen erstmals in der Geschichte des Projekts Unbekannte die Fotografien der Überlebenden und zerschnitten ihre Gesichter.

"Die junge Frau", erzählt Toscano ein paar Tage später in seinem Mannheimer Atelier, "hatte Gaffa-Tape in der Hand und wollte die Bilder reparieren." In diesem Moment war der 47-Jährige gerührt, verwirrt und aufgewühlt, wütend, traurig und ein kleines bisschen überfordert. "Ich habe dann nur gemurmelt: Das wird nicht halten". Dabei hätte er viel lieber etwas Nettes gesagt. "Eigentlich habe ich mich ja gefreut, dass jemand meine Emotionen teilt", sagt er und pustet eine Rauchwolke in die Luft. Es sind die gleichen Zigaretten, selbstgedreht und filterlos, die er schon vor fünf Jahren geraucht hat, als er sein Projekt in Mannheim vorstellte. Trotz der plötzlichen Prominenz und der internationalen Aufmerksamkeit scheint er sich kaum verändert zu haben. Nur ein paar dunkelbraunen Haarsträhnen, zum langen Pferdeschwanz gebunden, färbten sich in der Zwischenzeit grau.

"Etwas anderes als im Geschichtsunterricht"

Toscano trägt gemütliche Flipflops und einen hellgrauen Hoodie, mit unterschiedlich langen, ausgefransten Bändeln und hochgekrempelten Ärmeln, die den Blick freigeben auf die tätowierten Unterarme. Er ist einer mit viel Charisma, dem man gerne vertraut und der schnell beim Du ankommt – auch bei Bundespräsidenten wie Frank-Walter Steinmeier oder Alexander Van der Bellen, die beide schon Schirmherren waren für "Gegen das Vergessen". Als Quereinsteiger in die Fotografie brachte sich der Mannheimer das Handwerk selbst bei, nachdem er vorher als Türsteher oder Dachdecker gearbeitet hatte.

Seine Arbeit lebt auch von seinem Einfühlungsvermögen. Viele Menschen, die er porträtierte, sind zu Freunden geworden. Eine Frau aus der Ukraine, fast 100 Jahre alt, brach für "Gegen das Vergessen" ihr Schweigen und sprach vor dem Fotografen und ihrer Familie erstmals über ihre Gefangenschaft in der Nazi-Zeit. "Das war ein unglaublich emotionaler Moment, da flossen viele Tränen", erinnert sich der Fotograf.  Die Foto-Termine mit den Holocaust-Überlebenden wären ohne eine solide Vertrauensbasis völlig undenkbar. Jedem Porträt ging ein meist stundenlanges Gespräch voraus. Und dabei erfuhr er von so vielen unvorstellbaren Grausamkeiten, dass schon das Zuhören eine Belastung darstellte: "Wenn man den Betroffenen direkt gegenüber sitzt, ihnen in die Augen schaut, während sie ihre Geschichten erzählen, sieht, wie sie mit der Vergangenheit kämpfen, dann ist das etwas anderes, als im Geschichtsunterricht darüber zu lesen."

Das Grauen geht dem Künstler nahe

Bald begleiteten ihn die Lebensgeschichten in seine Träume, wenn sie ihn nicht sogar wach hielten. In einer der unzähligen schlaflosen Nächte wurde Toscanos Mitleiden körperlich. Die Frau, die von den schrecklichen Experimenten erzählt, die Josef Mengele an ihr durchführte, als sie noch ein Kind war. Der Mann, der zu Bauarbeiten an einem Krematorium gezwungen wurde, in dem die Nazis später seine Familie verbrannten. In den ruhigen Stunden, erzählt Toscano, wiederholten sich Szenen wie diese wieder und wieder in seinem Kopf. Als er im Januar 2015, auf einer Reise durch die USA, nahe von Washington spät nachts im Hotelzimmer liegt, hört er plötzlich ein schrilles Pfeifen im Ohr, das nicht mehr verschwinden will. "Nach meinem Hörsturz", sagt er heute, "habe ich überlegt, aufzugeben." Bis dahin hatte er 150 Überlebende getroffen und porträtiert, ohne den Beistand seiner engen Vertrauten hätte er nicht durchgehalten. "Aber ich musste das durchziehen, das war ich den Überlebenden schon schuldig, weil sie sich mir gegenüber so geöffnet haben" , sagt Toscano.

Heute sind es schon 400 Überlebende. In jeder Stadt, in der die Ausstellung zu sehen ist, kommen neue dazu, "das ist Teil des Konzepts", erklärt Toscano. Durch gute Netzwerke klappt es mit der Kontaktaufnahme und "auch dank der Medien", sagt der Fotograf, "ist das Projekt ja inzwischen international ein bisschen bekannt".

Dabei war der Anfang "extrem schwierig". Lange schien fraglich, ob die Finanzierung klappen würde, und die politischen Unterstützer waren zu diesem Zeitpunkt noch rar. Von Anfang an begeistert zeigte sich allerdings eine Gedenkstätte in Mannheim-Sandhofen. In enger Zusammenarbeit haben Toscano und seine Unterstützer hier ein Netzwerk aufgebaut, die Gedenkstätte vermittelt einen Kontakt zu Überlebenden in Polen und am 29. September 2014 wird der erste Meilenstein gelegt: Toscano porträtiert fünf Menschen aus Warschau. Wenig später wird auch das Mannheimer Stadtarchiv zum Kooperationspartner und Oberbürgermeister Peter Kurz zum ersten Schirmherrn des Projekts.

Seit der Premiere am 16. September 2015 in der Alten Feuerwache, Mannheim-Neckarstadt, nur wenige hundert Meter von Toscanos heutigem Atelier entfernt, ist die Ausstellung um die Welt gegangen. In den vergangenen vier Jahren war "Gegen das Vergessen" in 13 Städten zu sehen, außer in Wien auch in Kiew, Dnipro, New York, Washington und Stuttgart. In der baden-württembergische Landeshauptstadt würde er gerne noch einmal ausstellen, am liebsten direkt vor den Landtag. "Aber das macht bürokratische Probleme, mal sehen, ob sich da noch was richten lässt.“ Außerdem will er mit der Ausstellung unbedingt noch nach Israel, "das klappt auch", nach Russland, "am besten in Moskau auf den Roten Platz", und in seine Heimat Italien, wo ein rassistischer Innenminister geflüchtete Menschen als "Ungeziefer" bezeichnet und die Straßen von Sinti und Roma "säubern" will.

"Viele Überlebende haben Angst, weil sie heute Parallelen zu den 1930er-Jahren feststellen", sagt er. Als ihn die Nachricht aus Wien erreicht , ist Toscano gerade in Washington. Es ist der zweite Angriff auf die Erinnerung in wenigen Tagen: Kurz zuvor waren Bilder der Ausstellung mit Hakenkreuzen beschmiert worden. "Was ist denn los, Österreich?!", fragt er auf Facebook und macht seinem Ärger Luft. "Das war schon ein bisschen viel für mich." Er ist dann sofort nach Wien zurückgeflogen – wo ihn der nächste Schock erwartete: "Die Polizei wollte nicht kommen, weil es sich 'nur um eine Sachbeschädigung' handelt", erzählt Toscano grimmig. Dann sah er die Frau, die die Bilder mit Gaffa-Tape flicken wollte. "Ich hätte mich gerne bei ihr bedankt", sagt er rückblickend, aber sie blieb eine Unbekannte: "Da stand ich noch etwas neben mir, und später im Trubel habe ich sie aus den Augen verloren."

Nadel und Faden gegen das Vergessen

Der Tag wurde für Toscano zur emotionalen Achterbahnfahrt. Noch am Morgen war er am Boden zerstört. Dann meldete sich eine enge Freundin, deren Porträtbild ebenfalls attackiert wurde, und sagte ihm am Telefon: "Du lässt dich nicht kleinkriegen, Luigi, haben wir uns kleinkriegen lassen?" Da musste er schlucken: "Wenn dir eine Holocaust-Überlebende so was sagt …puh!"

Später strömten immer mehr Menschen zum Tatort, um zu trauern und ihr Entsetzen zu zeigen. Viele von ihnen legten Blumen vor den beschädigten Bildern nieder – etwa Bundespräsident Van der Bellen, der sich mitten in der österreichischen Regierungskrise die Zeit nimmt, eine Rede am Heldenplatz zu halten und sich zu bedanken, bei all denen, "die uns ein Bild für den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft geben: Mit uns nicht. Wir sind nicht so." Am Nachmittag und Abend kommen Tausende Menschen für eine Mahnwache zusammen, bei der die Religionen keine Rolle spielten. Juden, Muslime, Christen und Atheisten passen auf, dass die Bilder ihre letzten Tage in Österreich sicher sind, bevor die Wanderausstellung am 31. Mai abgebaut wurde. Die zerschnittenen Porträtbilder wurden mit Nadel und Faden zusammengeflickt und werden, als Dokumente der Zeitgeschichte, künftig dauerhaft in Österreich zu sehen sein: Verschiedene Museen, darunter das Haus der Geschichte, haben Interesse bekundet und Toscano stellt sie als Spende bereit. "All das hat unglaublich gut getan", sagt Toscano über die solidarischen Aktionen. Und so zieht er, nach einem niederschmetternden Montagmorgen, dennoch das Fazit: "Danke, Wien!"


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