KONTEXT:Wochenzeitung
KONTEXT:Wochenzeitung

So kann's nicht weitergehen

|

Datum:

Eine Million der acht Millionen Pflanzen- und Tierarten der Erde sind in den kommenden Jahrzehnten vom Aussterben bedroht, meldete der Weltbiodiversitätsrat gestern. Dieser Satz schreibt sich locker-flockig, er liest sich dutzendfach in der Tagespresse einfach so weg. "Artensterben" ist ja auch ein so sperriges Wort, das einem nicht so richtig plastisch ins Hirn will. Dabei sollte sich jeder Mensch diesen Satz auf die Stirn tätowieren lassen, damit ihn alle vor Augen haben – beim nächsten Pappbecher für Kaffee, an der Tankstelle, beim Klamotten-Kauf, beim Duschen, beim Verspeisen von palmölhaltiger Nuss-Nougat-Creme, bei egal was wir so den lieben langen Tag machen. Denn unsere Erde wird verdammt unbequem, wenn wir nicht etwas verändern. Die Politik sitzt an den Stellschrauben. Also müssen die Zivilgesellschaft und die Wähler, also müssen wir alle dafür Sorge tragen, dass Klimawandelleugner nicht in politischen Gremien sitzen.

Im Gemeinderat von Konstanz ist das bisher nicht der Fall, in den hat es die AfD noch nicht geschafft. Auch deshalb konnten die dortigen Räte unbehelligt den Klimanotstand ausrufen. Danke, Fridays for Future. So macht man das. Wie man es nicht macht, zeigt das Amtsgericht Heilbronn. Dieses verurteilte die Umwelt-Aktivistin Cécile Lecomte zu drei Tagen Ordnungshaft mit Sofortvollzug, weil sie vor Gericht wie ein Hahn gekräht hatte. Meine Güte.

Der Herausgeber des Onlinemagazins "Beobachter News", Alfred Denzinger, würde sich wünschen, dass ähnliches einmal denen widerfährt, die ihm Drohbriefe schreiben, seine Autoreifen zerstechen und Farbbeutel gegen die Wände seines Hauses werfen. "Die Denzinger-Mischpoke töten", lautet die Überschrift der neuesten Drohung vom 3. Mai, dem Tag der Pressefreiheit. Rechtsextremisten wollen Denzinger "wegen feindlicher Agitation gegen das deutsche Volk" verbrennen und seine ganze Familie "der Ausrottung anheimstellen". Schon seit Jahren wird die Redaktion der "Beobachter News" regelmäßig bedroht, die Ermittlungsbehörden hatten bisher aber noch keinen Erfolg, einen der Täter ausfindig zu machen. Immerhin: Seitdem die Presse auch überregional berichtet, kommt die Polizei in die Puschen.

Ein positives Beispiel also, wie Berichterstattung etwas bewirken kann. Was in dieser Hinsicht eher weniger Mut macht: Der Besuch unseres Autoren im Stuttgarter Pressehaus. Statt ihn in seiner Berufswahl zu bestärken, nährte der Rundgang bei dem jungen Kollegen eher Zweifel, ob er in der richtigen Branche gelandet ist. Worüber wir uns dagegen nur freuen können: Der britische "Guardian" meldete vergangene Woche erstmals seit 1998 schwarze Zahlen – und das ganz ohne Paywall im Online-Angebot. Journalismus zu finanzieren mittels freiwilliger Spenden und ohne Bezahlschranke, es funktioniert. Wussten wir aber schon. Immerhin: die Erkenntnis adelt den Kontext-Ansatz aus dem Geburtsjahr 2011. 

Und das ganz ohne schröhöhöckliche Sozialismus-Diskussion, mit der der Jung-SPDler Kevin Kühnert in den vergangenen Tagen große Teile des politischen Deutschlands in Schnappatmung versetzt hat. Wuha! Umverteilung, Gerechtigkeit, ick hör die trapsen – und das bei uns, in einem Musterland der Société Mont Pèlerin. Kennen Sie nicht? Der Mont Pèlerin ist eigentlich ein Pilgerberg bei Vevey am Genfer See. Dorthin wandert gerade der Künstler Andreas Mayer-Brennenstuhl auf dem Jakobsweg für ein besseres Europa. 2022 will er ankommen, 75 Jahre nachdem eine Gruppe um den österreichischen Ökonomen Friedrich von Hayek dort besagte Société ins Leben gerufen hat und damit die neoliberale Wirtschaftsideologie aus der Taufe hob. Mayer-Brennenstuhl wandert quasi zu den Wurzeln des modernen Übels. Und eines weiß er sicher: So, wie im Moment, so kann es nicht weitergehen.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT!
KONTEXT unterstützen!

Verbreiten Sie unseren Artikel
Artikel drucken


2 Kommentare verfügbar

  • Charlotte Rath
    am 09.05.2019
    Antworten
    Nein, so kann es nicht weitergehen!
    Nous ne somme pas dupes - L’appel des Artistes, Créateurs et Créatrices
    „Wir lassen uns nicht täuschen“, lautet ein Aufruf von rund 1.500 Künstlern und Kulturschaffenden vom 4. Mai 2019. Sie erklären sich mit den Gelben Westen solidarisch:
    Seit mehreren Monaten…
Kommentare anzeigen  

Neue Antwort auf Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochvormittags unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Letzte Kommentare:






Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!