Ausgabe 411
Editorial

Narrenzug

Von unserer Redaktion
Datum: 13.02.2019

Stefan Räpple ist im Fasnetsumzug kurz vor Burladingen stecken geblieben. Kann passieren, macht aber nix. Dann beginnt die Veranstaltung der AfD-Rechtsaußen in der Burladinger Stadthalle halt später, das geneigte Publikum wartet gerne auf den Mann, der in Chemnitz so tapfer mit den Rechtsextremen marschiert ist. Draußen beim Rauchen überlegen sich vier Sympathisantinnen derweil, ob sie noch schnell einkaufen gehen: "Gibt es in Burladingen einen Schuhladen?" Ein bisschen Spaß muss sein.

Auch bei den Männern. Ein schwarz gekleideter Mann mit Knopf im Ohr versichert in bestem Schwäbisch, dass seine Heimat fest in rechter Hand sei. "Wir sind 800 im Dorf und 900 Patrioten", witzelt er grinsend. Und wenn sich mal eine Zecke in ihre Kneipe verirre, dann werde die rausgeprügelt, aber hallo, habe er schon gemacht. Bombenstimmung in Burladingen am Wochenende. Draußen wehren sich 200 Demonstranten gegen rechte Hetze. Drinnen feiern sich die AfD-Rebellen von der Splittergruppe "Stuttgarter Aufruf", die ihre Partei inzwischen für zu lasch halten.

Dazu zählt auch der Mann im feinen Tuch und mit grauer Tolle, der durch die Stadthalle flaniert als wolle er dem Publikum das Warten auf Räpple mit seinem bloßen Anblick versüßen. Jürgen Elsässer ist Chefredakteur des AfD-Sprachrohrs "Compact", Moderator hier im Wolfgang-Grupp-Saal und sich seiner Bedeutung bewusst. Er sei AfD-Sympathisant, kein Mitglied, nein, als Journalist, Sie wissen schon. Seine Geburtsstadt Pforzheim sei inzwischen eine vom Islam besetzte Zone, und schwäbelnd gibt er zum Besten, dass die Kritik an der AfD wie Viagra für den Volkswiderstand sei. Das Volk tobt. Der Mann bekennt, dass er zwölf Jahre in Stuttgart als Lehrer gearbeitet hat. Dass er auch mal für so linksversiffte Blätter wie "konkret" oder "Jungle World" gearbeitet hat, erwähnt er lieber nicht.

Dann, hurra, Räpple ist da. Einzelne stehen auf, klatschen, endlich sagt mal jemand meine Meinung. Parteischädigend sein Marsch mit den Chemnitzer Rechtsextremen? So ein Quatsch, sagt Räpple gutgelaunt. Stolz sei er darauf, die Umfragewerte der AfD seien hochgeschnellt, wie auch nach dem Mausrutscher von Beatrix von Storch, ich gebe mal 'ne Grafik rum, Frank, in jede Reihe bitte eine Kopie. Waffengewalt gegen Flüchtlingskinder, Schulterschluss mit den Chemnitzer Rechtsextremen, egal, Hauptsache, die Prozente stimmen. Wird man ja wohl mal sagen dürfen.

Gruselig, diese Veranstaltung der AfD-Rechten. Oben die akademisch gebildete Elite aus Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Berlin und Schleswig-Holstein, alle wegen rechter Umtriebe vom Parteiausschluss bedroht, die jetzt den einzigen Handwerker Räpple (gelernter Bäcker, jetzt Hypnotiseur) feiert: "Wir brauchen viel mehr Handwerker in der AfD", bekräftigt der Mann im feinen Tuch auf der Bühne. Unten im Publikum ist das Schmuckaufkommen so hoch wie die Anzahl schrill bearbeiteter Fingernägel. Viele der Männer hier kann man sich im Sommer gut goldkettchenbehängt und tiefengebräunt im Freibad vorstellen. Oder als Rausschmeißer von Zecken im patriotischen Heimatort.

Es sind die ganz bösen Buben und Mädchen, sagt Christina Baum kokett, die das Treffen der AfD-Rechtsaußen in der Burladinger Stadthalle mitorganisiert hat. Auch die AfD-Landtagsabgeordnete sieht sich als böses Mädchen, teilt auf Facebook ihre Freude mit, dass sie im Verfassungsschutzbericht erwähnt ist, endlich, der Ritterschlag. Jürgen Elsässer wirbt noch ein bisschen für die Sonderausgabe seiner Zeitschrift mit dem Titel "Volksaustausch" und ist ganz bei Gauland und dessen Spruch: "Wir werden sie jagen." Dann eine Durchsage an die Diesel-Fans hier am Rand der Schwäbischen Alb, so viel Zeit muss sein: "Der Wagen mit der Münchner Nummer soll bitte wegfahren. Er steht auf dem Privatparkplatz von Herrn Grupp."


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2 Kommentare verfügbar

  • Waldemar Grytz
    am 13.02.2019
    "Dass er auch mal für so linksversiffte Blätter wie "konkret" oder "Jungle World" gearbeitet hat, erwähnt er lieber nicht." … und erst recht nicht, dass er schon in ähnlicher Pose durch die Stuttgarter Jugendhäuser tingelte, um den "Arbeiterkampf" aus Hamburg zu verkaufen. Zwischen "dem Volke dienen" (Mao) und "den Völkischen eine Stimme geben" liegt bei manchen halt nur wenig.
    • Arne. Großmann
      am 17.02.2019
      Dieser Elsässer,war der nicht Mal ganz links aussen beim KB oder so ähnlich? Schrieb der nicht Mal beim "ARBEITER KAMPF" ??

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