Ausgabe 405
Editorial

Sorry, bin mit der Bahn gekommen

Von unserer Redaktion
Datum: 02.01.2019

"Pünktlich wie die Eisenbahn" – so sagte man früher, wenn die vereinbarte Zeit exakt eingehalten wurde. Heute entschuldigt man sich mit dem Hinweis: "Sorry, bin mit der Bahn gekommen". Für die immer wiederkehrende Verspätung. Und alle zeigen Verständnis.

Das ist so eine Achselzucken-Redensart, die uns allen vertraut ist, die wir meist hinnehmen, als wäre der verspätete oder ausgefallene Zug ein Naturgesetz wie Regen, Schnee und Hagelschlag. Nach dem Motto: Ist halt so, weil die Straße immer wichtiger war. Egal, wie der Bahnchef oder der zuständige Minister hieß. Egal, ob der ADAC, die CDU oder die SPD freie Fahrt für den freien Bürger forderte.

Winfried Hermann hat jetzt offenbar die Faxen dicke. In seinem Brief an den Aufsichtsratsvorsitzenden der Deutschen Bahn, Michael Odenwald, listet er auf acht Seiten auf, was sich über die Jahre hinweg bei ihm angestaut hat: Frust, Empörung, Wut, Verzweiflung über den Schienenkonzern. Nur Verständnis hat er nicht mehr, der baden-württembergische Verkehrsminister.

Richtig deutlich wird das im Interview mit Kontext. Hier erzählt der Grüne, so drastisch wie selten, wie das so läuft bei der Bahn, oder besser: nicht läuft. Erst fehlt das Personal, dann funktionieren die Wagen oder die Lokomotive nicht. Sind diese Probleme fürs Erste gelöst, klemmt eine Weiche, und wieder fährt kein Zug. Oder die Bahn kauft Wagen, die ständig repariert werden müssten, aber es gibt keine Werkstätten mehr. Nur noch eine "Mega-Werkstatt" in Ulm, die nicht funktioniert hat, vom ehemaligen DB-Chef Rüdiger Grube aber als modernste in Europa gepriesen wurde. Immerhin entstanden so hübsche Wortkreationen wie jene von den "Langstehern", die wochenlang auf ihre Wiederflottmachung warteten.

Wenn es nicht so bitter wäre, ließe sich die Bahn als wunderbares Material für Satiresendungen verwenden: Eine Ansammlung von Dilettanten führt ein Milliardenunternehmen, das seine Fahrgäste als Beförderungsfälle betrachtet, und im Zweifel auf den Bahnsteigen stehen lässt, wenn der "Langsteher" noch länger steht. Aber Mobilität, gerade im Zeichen des Klimawandels, ist kein Stoff für Lustigkeit. Und Verständnis für das scheinbar Unabänderliche hilft auch nicht weiter. Ist es so schwer zu kapieren, dass es gut ist für Mensch und Umwelt, wenn der Zug fährt?


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5 Kommentare verfügbar

  • Rainer Bohnet
    am 08.01.2019
    Auf Einladung der ver.di-Senioren*innen habe ich am 03.01.2019 in Bonn über 25 Jahre Bahnreform gesprochen. Dabei habe ich folgende Fakten von Winfried Wolf aus der Zeitung "Freitag" zitiert:

    Seit 1994 schrumpfte das deutsche Eisenbahnnetz von 40.300 km auf 33.488 km. Die Anzahl der Weichen fiel von 131.968 auf 66.591. Das erfolgreiche Zugsystem des InterRegios (IR) wurde 2001 eingestellt. Auch der komplette Stückgutverkehr wurde aufgegeben. Autoreisezüge und Nachtzüge wurden gleichfalls abgeschafft. Beide Angebote offeriert jetzt die Österreichische Bundesbahn (ÖBB). Das DB-Personal wurde von 340.000 auf 180.000 Vollzeitkräfte reduziert. Viele Berufe, wie z.B. Lokführer und Fahrdienstleiter, wurden durch verkürzte Ausbildungszeiten entwertet. Große und äußerst teure Infrastrukturbauten, wie in Rastatt oder Stuttgart 21, laufen finanziell aus dem Ruder oder endeten im Desaster. Auf der anderen Seite gibt es eklatante Engpässe in den Zügen und in allen Knotenbahnhöfen.

    Ich verwies darauf, dass hierfür der ehemalige DB-Chef Hartmut Mehdorn und ex-Kanzler Gerhard Schröder veranwortlich sind. Beide wollten große Teile der DB an die Börse bringen, bevor ein SPD-Parteitag unter der Leitung des damaligen Parteivorsitzenden Kurt Beck dieses Projekt stoppte.

    Es bestand Einigkeit darüber, dass nach 25 Jahren Bahnreform, die am 01. Januar 1994 in Kraft trat, das komplette System auf den Prüfstand gestellt werden muss. Die Politik ist gefordert, mehr Geld für den Infrastrukturaus- und -neubau zu gewähren und in der Verkehrspolitik klare Prioritäten in Richtung Bahn zu setzen.
  • Andromeda Müller
    am 04.01.2019
    .....bezogen auf den letzten Satz des Artikels : Ist es so schwer zu kapieren , daß es nicht funktionieren soll ?
    Denn 1. leiert man dem Staat auf diese "Not"-Weise immer mehr und mehr Geld aus den "Rippen",
    2. kommt so vorbereitet irgendwann die "notwendige" Privatisierung. Alle die jetzt jammern werden dann auf "erleichtert sein , daß sich etwas ändert" indoktriniert.
    Just dann nämlich , wenn für alles bereits Geld schon in Milliardengräbern versenkt wurde. Vor einigen Jahren hat ja mal jemand bei Kontext oder in der Schlichtung darauf hingewiesen , daß je teurer das Bauprojekt , desto einträglicher auch für die DB.
    Auf die Privatisierung folgend dann 20-30 Jahre Verfall (Ratio der Gewinnmaximierung), siehe GB,NZ, dann wieder Verstaatlichung für 20-30 jahre und Replay. Neoliberalismus halt. Der Normalo darf anschaffen gehen.

    Wenn man über 80jährige mal frägt , Bahnverker damals und heute : Zu Kriegszeiten mit Bombardierungen fuhr die Bahn , nein nicht pünktlicher , sondern weiter pünktlich.
    Heute ist es dem "Staat" egal , damit er in skizzierte Situation als Zahlmeister und Pöstchenvorhalterampe persönlich mit einbezogen wird .

    Die Bahn hat heute zu allererst eine Verschiebefunktion , nämlich die öffentliche Gelder in private Kassen zu verschieben . 2. dient sie "verdienten Neoliberalen" und Helfershelfern" als Lobbyisten-Drehtür und 3. als deutschlandweite Freifahrkarte für MdBs.

    Der Brief wird einfach im Papierkorb landen , denn wie der alte Seehofer zum Thema Korruption einmal bemerkt hat (BR 3 , Pelzig untrhält sich) : Die , die gewählt sind haben nichts zu bestimmen , und die die bestimmen sind nicht gewählt.

    Es wäre Zeit dies einmal in der Redaktion zu verstehen und in Artikeln zu thematisieren ,
    ob DB , "Europa", Wohnraummangel , die Lichtfigur Macron , Riester-Rente , Kinderarmut,
    anwachsende prekäre Arbeitsverhältnisse und Altersarmut , durch die Politik und Banken organisierte und legalisierte Steuerflucht oder eine etwaige baldige Renaissance der Atomenergie für die sogenannte Elektromobilität usw.usw., anstatt sich über Symptome zu empören (Ein Symptom ist die AFD) . Sonst bleibt es im Sinne eines Empörungsmanagements beim Alten und Kontext unterscheidet sich nicht von BILD und Zeit und die AFD wird weiter wachsen. Wegen des kriminellen , sich legalisierenden neo"liberalen" Extremismus.
  • Manfred Dr-Ing. Fischer
    am 02.01.2019
    Einer Ihrer letzten Sätze lautet: „Aber Mobilität, gerade im Zeichen des Klimawandels, ist kein Stoff für Lustigkeit.“ Dann haben Sie wohl eine Heute-SHOW-Sendung von Oliver Welke verpasst, in der er sich mit der „Pofalla-WENDE“ der Deutschen Bahn befasst hat. Neulich hat die StZ ein Interview mit Herrn Pofalla veröffentlicht, in welchem dieser sich zu dem Einsatz der modernen Zugsteuerungs- und Signaltechnik ETCS (European Train Control System) äußern durfte. Da ich der Meinung bin dass der Jurist Pofalla eine Fehlbesetzung für die Bahninfrastruktur im Vorstand der DB ist und mir seine Äußerungen in dem Interview nicht zutreffend erschienen, habe ich eine Leserzuschrift zu diesem Artikel gemacht, die jedoch von der StZ nicht ausgewählt wurde.Vermutlich hätten die Leser den Kern meiner Schlussfolgerungen mehrheitlich verstanden. Hier mein Leserbrief an die StZ:
    „Ihre Zeitung berichtete am 7. Dez. über das Gespräch, das Herr Chr. Milankowic mit Herrn R. Pofalla, DB-Vorstand für Infrastruktur geführt hat. Es ging dabei um den Nutzen des Zugsicherungssystems ETCS. Die Aussage von Herrn Pofalla zur möglichen Wirkung dieses Systems in der Stuttgarter Region lautet: (Der) „Effekt für die Region wäre enorm“. Diese Aussage, die Sie auch als Artikelüberschrift wählten, ist eine „ungenaue“ Aussage. Ich wundere mich allerdings nicht darüber, denn Herr Pofalla ist kein Ingenieur sondern Jurist. Auch Herr Milankowic hat im aufgelisteten Werdegang von Herrn Pofalla auf keine entsprechende Erfahrungen von ihm hinweisen können. Kurz gesagt: Herrn Pofalla fehlen die für seinen derzeitigen Posten notwendigen Kenntnisse und Erfahrungen. Z.B.stellt man als Chefoperateure in Krankenhäusern auch keine Juristen ein. Deshalb bin ich auch sehr skeptisch bezüglich seiner Aussagen zu technischen Fragen in diesem Artikel. Dagegen halte ich Aussagen in der gleichen Zeitungsausgabe von Herrn Kay Scheller, dem Präsident des Bundesrechnungshofes zum Umgang der Bahn mit ihrer Infrastruktur für absolut stichhaltig. Dies auch aufgrund meiner eigenen Erfahrungen auf diesem Gebiet. Die Überschrift zu diesem Artikel lautet: „Rechnungshof: Bahn verschwendet Geld.“
    em. Prof. Dr.-Ing. Manfred Fischer
  • Josef Tura
    am 02.01.2019
    "!Eine Ansammlung von Dilettanten führt ein Milliardenunternehmen."
    Und eine ganze Republik...
  • Jörg Tauss
    am 02.01.2019
    Schön, wenn sich Zorn über die Bahn jahrelang bei Herrn Hermann "angestaut" hat. Wow. Bei dieser Dynamik wird es dem arglosen Betrachter ja fast schwindelig...

    Aber, um mal unhöflich zu werden: Wer sich nicht traut, in sogenannten Lenkungskreisen Tacheles zu reden und nach jeder weiteren Sitzung kaum mehr aus dem Hintern jeweiliger Bahn - Bosse herausgeklaubt werden kann, darf sich gerne auch Papier und Porto für solche Briefchen sparen.

    Nichts für ungut, Herr Minister! Nicht (be-)schreibende sondern handelnde Verkehrsminister brauchen wir. Mehr beindruckte mich übrigens ein ministerielles Schreiben an die Staatsanwaltschaft: Mit Anzeigen wegen Untreue gegen Vorstandsmitglieder und Aufsichtsräte der Bahn, vorweg denen des Bundes. DAS wäre ein entscheidendes Signal.

    Aber gell: Das verstieße sicher schon gegen die Projektförderpflicht und verstimmte den Herrn Ministerpräsidenten ;)

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