Ausgabe 311
Editorial

Überraschung!

Von unserer Redaktion
Datum: 15.03.2017

"Lass dich überraschen", sang einst der große Niederländer Rudi Carrell, womit wir hier nicht auf die Wahl dort anspielen wollen. Eher darauf, dass auch wir bei Kontext, obschon berufsmäßig abgestumpft und abgebrüht, manchmal noch Überraschungen erleben. Dass der Nachfolger Rüdiger Grubes auf dem Chefsessel der Deutschen Bahn AG nicht etwa der näselnde Merkel-Intimus Ronald Pofalla wird, sondern ein gewisser Richard Lutz, damit hätten wir nun wirklich nicht gerechnet.

"Spiegel Online" hat Lutz schon zum "Anti-Pofalla" erklärt, doch unser Autor Winfried Wolf legt dar, warum er Lutz zum einen für eine Übergangs- und Verlegenheitslösung hält, ehe Pofalla dann doch ran darf, und warum sowohl Lutz als auch Pofalla sehr gut in den Bahnvorstand passen: Sie haben mit Eisenbahndingen eigentlich nichts am Hut und wollen das auch nicht, was seit der Privatisierungswelle der 1990er-Jahre europaweit geradezu ein Charakteristikum für die Zusammensetzung von Bahnvorständen geworden ist.

Dass sich der türkische Staatspräsident als Meister der Feindbilder erweist und die Nazi-Keule zur Schließung der eigenen Reihen schwingt, das ist dreist, abstrus und brandgefährlich, aber leider wenig überraschend, lässt man Erdogans Gebaren in den letzten Jahren einmal Revue passieren. Was auch unseren Gastautor Edzard Reuter umtreibt, der als Siebenjähriger mit seiner Familie vor den Nazis in die Türkei geflohen ist und sich nun fragt, ob die heutige Türkei noch ein Land ist, in das seine Familie in gleicher Situation flüchten könnte.

Wird zu oft die Nazi-Keule geschwungen, verblasst der Blick auf die Verbrechen der echten Nazis zwischen 1933 und 1945, und auch darauf, dass trotz einer vermeintlichen medialen Übersättigung mit NS-Themen Vieles aus dieser Zeit vom Vergessen bedroht ist. Etwa die Geschichte ländlicher jüdischer Gemeinden wie der in Rexingen und Horb. Wie ein Rentnerpaar hier nicht nur der regionalen Geschichte nachspüren und sie auf lebendige Weise aufbereiten, sondern auch über 70 Jahre nach der Shoah für Zusammenführungen von durch die Nazis getrennte Familien sorgen, das hat auch uns überrascht. Und den Hut ziehen lassen.

Wenig überraschend wiederum, dass Immobiliengeschäfte in Stuttgart selten mit bezahlbarem Wohnraum und dem Wohl der Mieter zu tun haben. Auf was für eine Weise hier aber die städtische Wohnungsbaugesellschaft SWSG und der in ihrem Aufsichtsrat sitzende Stuttgarter Finanzbürgermeister Michael Föll agieren, ist dennoch ein Beispiel fehlgeleiteter Stadtpolitik, das die Stirne nachhaltig kräuseln lässt.

Und um den Bogen zu schließen: MP Winfried Kretschmann mag zwar den niederländisch-stämmigen und auch noch Rudi mit Vornamen heißenden Regierungssprecher Hoogvliet haben, mit Überraschungen hat er es nicht so. Was nun eher im Adenauerschen "Keine-Experimente!"-Sinn zu verstehen ist, denn seine eigene Partei überrascht der präsidiale Landesvater doch immer wieder mit seiner auf Kontinuität mit den schwarzen Vorgängerregierungen setzenden Positionen – etwa als autofreundlicher Wirtschaftsversteher. Ob sich das noch einmal ändert? Das wäre jetzt wirklich eine Überraschung.


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