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Gendern

So herrlich, unser Deutsch

Gendern: So herrlich, unser Deutsch
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Die ersten Leitfäden, diskriminierungsfrei zu formulieren, sind in Ehren vergilbt, befriedende und befriedigende Lösungen per Knopfdruck nicht in Sicht. Weil es sie gar nicht gibt. Gerade deshalb muss die Gender-Debatte immer weitergeführt werden. Denn wer Deutsch wirklich liebt, findet viele akzeptable Wege zur Gleichberechtigung in Wort und Schrift.

Eine feministische Schadenfreude darf sich frau auf keinen Fall verkneifen: Die ärgsten Feinde von Binnen-I und Unterstrich, von Asterisk oder Doppelpunkt befassen sich besonders intensiv damit. Zu ihnen zählen so renommierte Linguisten wie Jürgen von der Lippe, Didi Hallervorden oder der sächsische Kultusminister Christian Piwarz – natürlich CDU, was sonst –, der den Schulen eine geschlechtergerechte Sprache vermittels Sonderzeichen kurzerhand verboten hat.

Baden-Württemberg ist anders, die Partei Bündnis 90/Die Grünen sowieso. Ihre Kultusministerin Theresa Schopper wirbt im Land für mehr Gelassenheit, schon allein deshalb, weil die Debatte aus den Schulen gar nicht herauszuhalten ist und nicht herausgehalten werden darf. "Niemand ist beim Gendern so hartnäckig wie junge Mädels und sogar junge aufgeweckte Jungs", sagt die gebürtige Bayerin. Die smarten Jungs von der CDU, speziell Fraktionschef Manuel Hagel, hat sie damit schon mal gegen sich aufgebracht. Also lässt sie den an sich logischen Nachsatz lieber gesagt: "Und den nicht so aufgeweckten Jungs werden wir auf die Sprünge helfen."

Ohnehin könnten alle KämpferInnen für ein herrliches Deutsch das Eifern sofort einstellen, wenn sie sich auf einen simplen Deal einließen. So ungefähr vor 570 Jahren hat Johannes Gutenberg den Buchdruck erfunden, mit der Folge, dass nicht nur Martin Luthers Reformation von der dadurch ausgelösten Medienrevolution mächtig profitierte, sondern auch das generische Maskulinum. Vorschlag zur Güte: Nach diesem halben Jahrtausend üppiger Dominanz des Männlichen könnte fünf und im Vergleich dazu mithin sehr kurze Jahre das generische Femininum verordnet werden. Die letzte, bekanntlich ausgesprochen erfolgreiche Rechtschreibreform für den deutschsprachigen Raum ist ohnehin schon viel zu lange her, und endlich mal dürften die Männer erleben, wie es ist, in zahllosen Fällen bloß mitgemeint zu sein, so eine Art unfreiwilliger linguistischer Trittbrettfahrer. Es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich die verzweifelten Versuche des angeblich starken Geschlechts auszumalen, einen derart unwürdigen Zustand zügig zu stoppen. Denn wo ist er, der Mann, der sich als Autofahrerin ansprechen ließe, als Krankenschwester und im kickenden Kollektiv als Fußballfrauschaft?

Wenn hochsensible Männer zu kurz kommen

Am Beispiel Krankenschwester zeigt sich, wie hochsensibel Männer reagieren, wenn sie es sind, die sprachlich zu kurz kommen. Als immer mehr Individuen mit dem Y-Chromosom den Beruf ergriffen, wurde der prompt umgetauft: Kein Mann wollte als Krankenbruder angesprochen werden. Die Folge: Frauen müssen sich inzwischen unter dem Überbegriff Krankenpfleger versammeln, und schon wieder lächelt das generische Maskulinum in sich hinein. Übrigens: Ein Ausweg wären da die Pflegenden, analog zur inzwischen geläufigeren Verwendung von Wörtern wie Studierende, Teilnehmende oder Arbeitende. Anwesende gibt es ja auch schon geraume Zeit.

Selbsternannte SprachpäpstInnen wenden sich ab mit Grauen. Dabei könnten ihre eigenen Regeln weiterhelfen. Wer eine Frau im Deutschaufsatz als Arzt bezeichnet, handelt sich einen Fehler ein. Eine Partei kann kein Vorreiter sein, eine Literatin kein inspirierter Verfasser. Dennoch blieb und bleibt der Aufschrei viel zu häufig selbst bei klaren grammatikalischen Fehlern aus. Dabei müsste nur Ungewohntem zum Durchbruch verholfen werden, das sogar den Vorzug hätte, doppelt richtig zu sein.

Die Latte von Beispielen für die beständige Weiterentwicklung des Deutschen hat jedenfalls Überlänge. Widerstände gab es trotzdem immer. Eine Paarform wie "Bürger und Bürgerinnen" durchsetzen zu wollen, erwies sich in den Siebziger und Achtzig Jahren als mühsam und konfliktreich bei Hochschulprofessoren, Chefredakteuren, Vorstandsvorsitzenden und Vorgesetzten jeglicher Profession. Erst recht in Baden-Württemberg, wo Partnerinnen auf offiziellen Einladungen der Landesregierungen keine eigenen Namen hatten, sondern matt aufscheinen durften unter dem Rubrum "und Frau".

Zugleich sollten sie das von ihnen erwartete Outfit erahnen, wenn für Männer "Abendanzug oder Smoking" vorgeschrieben war. In Bonn regierte Helmut Schmidt, als endlich ein Gesetz befahl, Stellenangebote mit Hilfe von "m/w" geschlechtsneutral zu formulieren. Menschen, die weder das eine sind noch das andere, erreichten erst 2017 vor dem Bundesverfassungsgericht einen historischen Erfolg: Karlsruhe sah in der Verpflichtung, jeden Menschen dem männlichen oder dem weiblichen Geschlecht zuzuordnen, einen Verstoß gegen das Diskriminierungsverbot und das Persönlichkeitsrecht. 2018 entschied sich der Bundestag für die Kategorie "divers" im Geburtenregister und ermöglichte es so "Personen mit Varianten der Geschlechtsentwicklung", ihren Vornamen und ihren Geschlechtseintrag zu ändern.

Gendern ist kein Luxusproblem

Seither sind Vorgestrige erst recht auf den Barrikaden. Gleich mehrfach befasste sich der baden-württembergische Landtag auf Antrag der AfD und schon deshalb bescheidenem Niveau mit dem "Gender-Zwang". Die Neckarsulmer Abgeordnete Carola Wolle, die anhaltend darauf verzichtet, ihrer Funktion als frauenpolitische Sprecherin gerecht zu werden, fragt in aller Form an, "ob Gendern nur ein Luxusproblem eines übersättigten Teils der Bevölkerung ist oder allein der Ablenkung der Bürger in Baden-Württemberg von existenziellen Problemen dient".

Aber selbst eine noch so konsequente Abgrenzung gegenüber der AfD hilft nicht über die Klippe, dass im gesprochenen und geschriebenen Deutsch m/w/d, Stern, Doppelpunkt, Unterstrich und -Innen nicht mehr Krücken sind. Zwingend notwendige Fortschritte zu mehr Gleichberechtigung in Wort und Schrift stehen gegen den Ruf nach Einfach- und Schönheit, nach einer gewissen Eleganz. Nicht nur im Deutschen übrigens, sondern in anderen Sprachen ebenso. "Man" oder "mankind" stehen genauso auf dem angelsächsischen Index, wenn damit alle Geschlechter gemeint sind, wie "le juge" für die Richterin in Marseille oder "le professeur" für die Lehrerin an der Sorbonne. Bis in die Gegenwart leistet sich das offizielle Frankreich Debatten darüber, ob die (weibliche) Anrede "Madame la ministre" überhaupt zulässig ist oder es nicht doch nach alter Väter Sitte auch 2022 noch "Madame le ministre" heißen müsste.

Steter Tropfen höhlt selbst Felsen. Ein Magazin braucht keinen Herausgeber, sondern kann von ihm oder ihr herausgegeben sein, ein Bewerber muss keinen Antrag ausfüllen, sondern ganz im Gegenteil ein Antrag zur Bewerbung ausgefüllt werden. Wer auf den Trichter kommt, wird ihn füllen. Damit die Gruppe größer und immer größer wird, die Sprachprofessor von der Lippe heute als zu klein einschätzt, um sich von ihr "was aufzwängen zu lassen, weil sie meint, den Stein der Weisen zur Verbesserung der Gesellschaft gefunden zu haben". Wie heißt seine Kultsendung ganz ungegendert? Genial daneben!


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5 Kommentare verfügbar

  • a dabei
    am 25.01.2022
    Antworten
    Da haben es unsere Nachbarn eben einfacher: In Frankreich gibt es Franzosen und Französinnen, Engländer und Engländerinnen und sogar Österreicher und Österreicherinnen. Und was machen wir Deutsche nun mit unseren geschätzten, doch sprachlich so diskriminierten Damen? Vorschlag Frau…
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