Ohne das Wachstumsdogma wäre besseres Zusammenleben möglich. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ohne das Wachstumsdogma wäre besseres Zusammenleben möglich. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 358
Debatte

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Von Gastautor Frank Adloff
Datum: 07.02.2018
Der Soziologe Frank Adloff sieht die Zukunft moderner linker Politik in der Konvivialität. Es geht darum, sagt er, wie wir zusammenleben wollen. Identitäts- und Verteilungsfragen müssten mit ökologischen Fragen verknüpft werden. Eine Erwiderung auf die Debattenbeiträge in Kontext-Ausgabe 357.

Natürlich stimmt es, dass die Linke materialistischer werden muss (Heisterhagen/Jörke im "Freitag"). Das Kapital muss wieder reguliert, die Billiglohnpolitik beendet und die Gewerkschaften müssen gestärkt werden. Und natürlich sollte es einen dritten Weg geben zwischen kosmopolitischem Liberalismus und rechtspopulistischem Nationalismus (Nachtwey in der "Zeit"). Doch reicht das? Ist nicht das Problem vielmehr, dass die Identitäts- und die Verteilungsfragen mit einer anderen Krise aufs Engste verknüpft sind, nämlich der ökologischen Krise? Diese droht wieder im Zeichen anempfohlener neuer Verteilungspolitiken unter den Teppich gekehrt zu werden. Eine Vision für die kommenden Jahrzehnte kann man politisch jedoch nur gewinnen, wenn man radikaler den Produktivismus und immer noch vorhandenen Industrialismus der Sozialdemokratie und der Linken überhaupt überwindet – ohne dabei auf krude Konzepte einer sogenannten Green Economy des linksliberalen Milieus der Realo-Grünen zu setzen.

Porträt Michael Weingarten

Frank Adloff, Jahrgang 1969, ist Professor für Soziologie an der Universität Hamburg. Im Fachbereich Sozialökonomie forscht er zu den Themen Konvivialität, Zivilgesellschaft, Nachhaltigkeit und Postwachstum. (ana)

Es geht nicht um die Frage Identitätspolitik oder Verteilungsfrage, es geht um eine sozialökologische Transformation und damit um die Frage, wie wir mit den (menschlichen und nichtmenschlichen) Anderen zusammenleben können. Mit anderen Worten: Wie kann man ein gutes Leben für alle anvisieren, ohne bestimmte Gruppen – seien dies nun abgehängte Arbeiter des globalen Nordens oder die Näherinnen in Bangladesch, seien es Geflüchtete, seien es Bienen oder Eisbären – auszuschließen oder sich gar ein gutes Leben auf ihre Kosten zu machen.

Alte Fortschrittserzählungen – Erzählungen von Sozialismus, Aufklärung, einer Zähmung des Kapitalismus durch Sozialstaatlichkeit und von Fortschritt durch Technik – haben sich verbraucht. Deshalb reicht es auch nicht, die Sozialdemokratie rituell auf Jeremy Corbyn hinzuweisen, der in Großbritannien erfolgreich Labour nach vorne bringt. Umverteilung ist jetzt politisch zwar richtig und wichtig, aber kein Zukunftskonzept, wenn sich an den Konturen der "Externalisierungsgesellschaft"  sonst nichts ändert. Doch wie lautet die gemeinsame Lösung aller politischen Lager? Wirtschaftswachstum wird weiter als Allheilmittel beschworen, obwohl man weiß, dass wir faktisch im globalen Norden auf ein Nullwachstum zusteuern und diese Wachstumsrücknahme auch aus ökologischen Gründen notwendig ist.

Wenn die Diagnose zutrifft, dass im globalen Norden ein Wachstum des BIP in Zukunft ausbleibt, wird der Kuchen nicht mehr größer, der verteilt werden kann. Neue soziale Konflikte, Spannungen und das Schüren von Ängsten wären damit programmiert. Der Konflikt zwischen den Gruppen, die sich mit dem Rassismus der AfD verbunden fühlen, und denen, die für die offene Gesellschaft eintreten, ist nur der Anfang weiter drohender Verwerfungen der deutschen Gesellschaft, wenn nicht grundsätzlich umgesteuert wird. Vielfältige Ideen für die Richtung einer fundamentalen gesellschaftlichen Transformation gibt es zwar durchaus. Aber sie werden kaum von der Politik wahrgenommen und auch nicht laut genug von Wissenschaftlerinnen und Intellektuellen in die Debatte eingebracht.

Gutes Vorbild: Divest Stuttgart fordert den Ausstieg aus der fossilen Energiegewinnung.
Gutes Vorbild: Divest Stuttgart fordert den Ausstieg aus der fossilen Energiegewinnung.

Neue Formen der Konvivialität (von lat. convivere: zusammenleben) müssen gefunden und eingefordert werden. Das Ziel der Konvivialisten ist eine Gesellschaft jenseits der Wachstumslogik, in der die Verbindungen von Individuen, Gruppen und Gemeinwesen auf neue Art und Weise sichtbar sind, Menschen einander in ihrer Unterschiedlichkeit achten und dabei zum Wohle aller – unter konstruktiver Austragung von Konflikten – kooperieren. Eine reale Utopie zivilgesellschaftlicher Selbstorganisation. Die aktuelle Debatte um die Zukunft der Linken verstrickt sich hingegen in der dichotomen Gegenüberstellung von Staat und Markt. Doch sind es vor allem soziale Bewegungen und zivilgesellschaftliche Gruppen, in denen nach neuen Formen der Konvivialität gesucht wird. Praktisch wird Konvivialität ohnehin in einer Vielzahl von sozialen Konstellationen gelebt: im familiären und freundschaftlichen Rahmen, in dem im Allgemeinen die Logik des Teilens und nicht die des individuellen Profits zählt. Dann in hunderttausenden von assoziativen Projekten der Zivilgesellschaft weltweit, im freiwilligen Engagement, im Dritten Sektor, in der solidarischen Ökonomie, in Kooperativen und Genossenschaften, im moralischen Konsum, in NGOs, in Peer-to-Peer-Netzwerken, Wikipedia, sozialen Bewegungen, Fair Trade, der Commons-Bewegung und vielem mehr. Allerdings stehen diese konvivialen Experimente bislang oft unvermittelt nebeneinander und erfahren durch die Politik eher eine Behinderung als eine Förderung. 

Die Idee des ökonomischen Wachstums radikal in Frage stellen

Eine konviviale Gesellschaft muss die Idee des ökonomischen Wachstums radikal in Frage stellen. Neue Formen des Wirtschaftens sind gefordert, die den Kreislauf der permanenten Kreation von immer mehr und prinzipiell unbegrenzten Bedürfnissen – geschaffen durch die Profitlogik – durchbrechen. Diese Idee wird in der immer größer werdenden Postwachstums- oder Degrowth-Bewegung diskutiert und praktisch umzusetzen versucht. Es wird Zeit, sich kulturell und politisch aus den Fesseln des Ökonomismus zu befreien. Vielleicht brauchen wir gar kein Wachstum, um ein gutes Leben zu führen? Genossenschaften, Nonprofit-Unternehmen und viele mittelständische Betriebe haben noch nie primär auf Wachstum gesetzt. Befreit man sich vom Glauben an die Notwendigkeit des Wachstums, kann man sich auch trauen, den Auswüchsen des Neoliberalismus endlich Einhalt zu gebieten: Steueroasen austrocknen, höhere Kapitalsteuern und eine Finanztransaktionssteuer erheben, Vermögens- und Erbschaftssteuern anheben, einen Schuldenerlass für Griechenland und andere Staaten vornehmen.

Die größte Herausforderung für eine linke Vision einer Postwachstumsgesellschaft besteht darin, wie sich die Abkehr vom Wirtschaftswachstum mit der Notwendigkeit, das materielle Niveau der unterprivilegierten Schichten anzuheben, verbinden lässt. Wenn der Kuchen nicht mehr wächst, sondern gar schrumpft, muss den Privilegierten viel radikaler etwas genommen werde. Dies geht nur, wenn wir uns von der Macht der Ökonomie befreien. Nicht nur die Ökonomie zu verstaatlichen, sondern sie gleichsam zu verlassen, dies wäre ein linkes Projekt.

Es bräuchte ein radikal verändertes Verständnis von Unternehmen.

Konkret bedeutet dies, die Abhängigkeit der Bürgerinnen und Bürger von Unternehmen und Märkten abzumildern. Dazu braucht es einerseits einen funktionierenden öffentlichen Sektor und andererseits vor allem neue Formen der Kooperation zwischen Unternehmen, der öffentlichen Hand und zivilgesellschaftlichen bzw. Nonprofit-Organisationen. Gemeingüter sollten nicht privatisiert, sondern erhalten und neu kreiert werden, Genossenschaften (die die Trennung von Kapital und Arbeit aufheben) gilt es zu fördern, regionale Komplementärwährungen sind zu unterstützen. Konsumgüter brauchen eine längere Haltbarkeit, ein Leben ohne Autos muss möglich gemacht werden, und schließlich muss die Abhängigkeit nicht nur von Märkten und Unternehmen, sondern auch vom Geld durch Formen nicht-monetären Austausches verringert werden.

Schließlich brauchen wir ein radikal verändertes Verständnis von Unternehmen. So kommt ihnen beispielsweise im Konzept der Gemeinwohlökonomie Christian Felbers nicht nur die Aufgabe zu, rentabel zu sein, sie sollten auch Gemeinwohlaspekte berücksichtigen und weniger als privatwirtschaftliche denn als gemeinschaftliche Unternehmen verstanden werden, die darauf hinarbeiten, gemeinsame Werte zu erzeugen, die über Monetäres hinausgehen und die vor allem nicht mehr ökologische und soziale Kosten externalisieren.

Eine konviviale Politik müsste im Namen der Natur und der Gleichheit aller Menschen einen Kampf gegen Maßlosigkeit einerseits und Ungleichheit andererseits führen, konkret: gegen Armut und extremen Reichtum. Ein bedingungsloses existenzsicherndes Grundeinkommen sowie die maximale Begrenzung von Einkommen wären eine Möglichkeit dafür. Ein Grundeinkommen böte die Chance, unsere Fixierung auf Erwerbsarbeit abzuschwächen. Existenzängste könnten dadurch deutlich reduziert und kreative Räume des Zusammenlebens sowie der zivilgesellschaftlichen Selbstorganisation eröffnet werden.

Die Ausbeutung der Natur muss aufhören

Auf der anderen Seite müssten die explodierenden Einkommensentwicklungen am oberen Rand eingedämmt werden. So könnten zum Beispiel öffentliche Aufträge nur noch an Unternehmen vergeben werden, dessen Vorstand in Relation ein etwa 25-faches des Einkommens einer einfachen Angestellten des Unternehmens verdient (statt aktuell das Hundertfache und mehr). Moralisch würde sich darin ausdrücken, dass sich niemand für seine Existenz zu schämen braucht, dass aber die Hybris, sich über andere zu stellen, alles für machbar zu halten und sich dem Gemeinwohl zu entziehen, inakzeptabel ist. Die Perspektive der Konvivialität zielt nicht darauf ab, den Gürtel enger zu schnallen, sondern auf Fülle, die aus der Begrenzung entsteht: auf die Fülle, die entstehen könnte, wenn die Stadt nicht Entfaltungsraum für Kapital und Autos, sondern Lebensraum für Menschen wäre. Wenn das oberste Ziel nicht das Trimmen für den globalen Wettbewerb sein müsste, wenn das Leben nicht primär aus Lohnarbeit bestünde, sondern viele Arten des Tätigseins gleichberechtigt nebeneinander stehen könnten.

Auch Eisbären wollen anständig leben können.
Auch Eisbären wollen anständig leben können.

Doch nicht nur zwischen Menschen und Kulturen müsste eine neue Politik der Konvivialität Einzug halten, auch im Verhältnis der Menschen zur Natur. Die Erderwärmung, der drastische Rückgang an Artenvielfalt, die kapitalistische Inwertsetzung der Natur – diesen Schwierigkeiten wird man kaum technokratisch begegnen können. Konvivialität bedeutet auch, nicht nur auf die deutsche Ingenieurskunst zu vertrauen, sondern eine neue Ethik der Mitwelt zu finden. Technokratische Projekte sind häufig Teil des Problems und nicht die Lösung. Stattdessen brauchen wir eine neue breite gesellschaftliche Debatte darüber, welche Technik wir haben wollen. Eine konviviale Technik wägt die ökologischen und sozialen Auswirkungen, die jede Technik mit sich bringt, genau ab und stellt diese wieder zur Diskussion. Sie bevorzugt Ziele in Sicht- und Reichweite, das heißt offene gegenüber proprietären Lösungen, Anpassungsfähigkeit gegenüber Einheitslösungen, und Angemessenheit in der Anwendung. 

Es kommt also insgesamt darauf an, das bisher dominierende neoliberale Wettbewerbsdenken zu brechen, ohne in überkommenen Umverteilungsvisionen durch wirtschaftliches Wachstum zu schwelgen, die ja immer schon schädlich waren. Dies wussten noch die Entfremdungskritik der Kritischen Theorie oder der Ökosozialismus eines André Gorz. Mittelfristig brauchen wir eine Politik der Selbstbeschränkung, den Ausstieg aus der Ökonomie und eine Gegenhegemonie der Konvivialität.


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