Hochzeitsdrilling auf dem Stuttgarter CSD 2007. Fotos: Martin Storz

Hochzeitsdrilling auf dem Stuttgarter CSD 2007. Fotos: Martin Storz

Ausgabe 224
Debatte

Kann denn Ehe Sünde sein?

Von Gastautorin Claudia Roth
Datum: 15.07.2015
Wenn demnächst die CSD-Parade (Motto: "Akzeptanz! Was sonst?") durch Stuttgart zieht, wird auch unsere Gastautorin auf einem Wagen tanzen. In ihrem Beitrag erläutert sie, warum die Debatte um die Ehe für alle völlig an der Realität vorbei geht.

Wenn es um die Ehe geht, gelte ich gemeinhin als ziemlich unverdächtig. Nie in meinem Leben hatte ich das Bedürfnis, eine Liebesbeziehung unter öffentlichem Schwur offiziell beglaubigen zu lassen, und die Heiratswut, die sich zum Teil gerade bei vielen meiner jüngeren KollegInnen Bahn bricht, war mir immer irgendwie suspekt. Werdet schon sehen, was Ihr davon habt, lautet mein üblicher Kommentar dazu. Warum ich mich am Ende dann aber doch über jede Heirat in meiner Umgebung freue, das ist das Hochzeitsfest. Eine riesige, bunte und romantische Party ist das, was mich mit dem Heiratsgedanken versöhnt.

CSD Stuttgart

Und natürlich finde ich, sollte jeder Mensch ein Recht auf Party haben. Riesig, bunt und romantisch, und wem's beliebt auch gern klein und fein. Aber dafür muss man ja nicht zwingend heiraten. Deswegen ist das Recht auf Party nicht unbedingt der Grund, warum ich nun schon seit über 25 Jahren für gleiche Rechte kämpfe und finde, dass die Ehe endlich auch Lesben und Schwulen offen stehen sollte.

Mir geht es dabei nicht ums Heiraten. Mir geht es um das Privileg für eine bestimmte Gruppe von Liebespaaren, deren Liebe bis heute von Staats wegen als höherwertig definiert wird. Und es geht mir damit letztendlich auch um das Privileg einer Gruppe von Menschen, der aufgrund ihrer sexuellen Identität ganz allein die Ehe offen steht, und deren So-Sein damit ebenfalls von Staats wegen als höherwertig definiert wird.

Warum maßt sich der Staat an, Liebesbeziehungen zu sanktionieren?

Und genau das wollte mir nie in den Kopf gehen: Weshalb sich unser Staat, der zum Beispiel in Glaubensfragen zur Neutralität verpflichtet ist, der in Artikel 1 Grundgesetz die stets gleiche Würde des Menschen festschreibt – und nicht etwa die des heterosexuellen oder männlichen Menschen, und der in Artikel 3 Grundgesetz die Gleichheit jeder menschlichen Verschiedenheit vor dem Gesetz als Grundprinzip der individuellen Rechtstellung jedes Einzelnen definiert, warum dieser Staat sich also ausgerechnet anmaßt, die persönliche Verfasstheit der Menschen zu beurteilen und Liebesbeziehungen zwischen erwachsenen Personen rechtlich zu sanktionieren. Und ich habe bis heute auch noch kein Argument gehört, das diese Einmischung des Staates in die Privatangelegenheiten der Menschen wirklich rechtfertigen würde.

Sünden am Rande des CSD.
Sünden am Rande des CSD.

Zu rechtfertigen wäre eine solche Einmischung ja etwa dann, wenn man einen Schaden für Personen oder das Gemeinwesen durch die Öffnung der Ehe für Lesben und Schwule befürchten müsste. Die Gegner argumentieren, wenn auch nur selten ganz offen, ja genau mit dieser Behauptung.

Doch auch mit der Ehe für alle wird es keinen Heiratszwang geben, die Ehe bleibt eine freie Entscheidung zwischen zwei erwachsenen Personen. Ein Schaden, zumindest vordergründig, ist also nicht zu befürchten - wie gesagt, die Heiratswilligen werden am Ende schon sehen, was sie davon haben.

Als Nächstes wird an dieser Stelle von den Gegnern sofort mit dem vermeintlichen Kindeswohl argumentiert. Denn schließlich gehörten in eine Ehe auch Kinder, und das dann womöglich auch in eine gleichgeschlechtliche, sollte man diese legalisieren. Doch erstens leben bereits heute Kinder völlig legal und von bundesdeutschen Gesetzen goutiert mit unterschiedlichsten Elternkonstellationen: mit alleinerziehenden Vätern und Müttern, mit unterschiedlichsten Patchwork-Eltern-Kombinationen, mit Vater und Mutter, verheiratet oder nicht, mit Großeltern und, ja, auch bereits mit Mutter und Mutter oder Vater und Vater. Längst ist es rechtlich möglich, dass eine Frau das Kind ihrer Lebenspartnerin und Männer die Kinder ihrer Lebenspartner adoptieren dürfen, oder dass lesbische und schwule Paare Kinder aufeinanderfolgend adoptieren können.

Treibende Kraft: Laura Halding-Hoppenheit
Treibende Kraft: Laura Halding-Hoppenheit

Die einzige Konstellation, die rechtlich weiter verhindert wird, ist die gleichzeitige Adoption eines Kindes durch lesbische oder schwule Paare. Welche Verbesserung im Sinne des Kindeswohls erreicht wird, wenn das Kind zunächst von der einen Mutter oder dem einen Vater und erst ein Jahr später dann von der anderen Mutter oder dem anderen Vater adoptiert wird, anstatt von beiden Müttern oder Vätern gleichzeitig, das verstehe wer will. Ich und viele andere Menschen in diesem Land verstehen diese absurde Rechtslage auf alle Fälle nicht.

Zudem fehlt bis heute jeder Beweis dafür, dass das Kindeswohl allein von der Familienstruktur abhängt. Niemand hat bis heute nachgewiesen, dass es Kindern allein dadurch besser geht und sie sich besser entwickeln, wenn sie bei Vater und Mutter aufwachsen, anstatt etwa bei den Großeltern, in einer Groß- oder Patchworkfamilie, bei alleinerziehenden oder gleichgeschlechtlichen Eltern. Vielmehr ist seit Langem klar, dass das Kindeswohl viel eher durch soziale oder emotionale Faktoren beeinflusst wird, die in jeder Familienform so oder so auftreten können. Lesben und Schwule sind für Kinder also genauso gut oder schlecht wie andere Eltern. Würde das Verfassungsgericht dieser Erkenntnis kein Vertrauen schenken, hätte es die Stiefkind- oder Sukzessiv-Adoption für gleichgeschlechtliche Paare nicht erlaubt.

Den Gegnern der Ehe für alle geht es um ein Gefühl der Überlegenheit

Bliebe als Letztes noch die Schädigung, die durch die Ehe für alle den bisher mit dem Eheprivileg ausgestatteten heterosexuellen Paaren drohen könnte, oder gar gleich dem ganzen Gemeinwohl. Auch dafür fehlt jede intelligenzgesättigte Erklärung. Bei der Forderung nach der Öffnung der Ehe für Lesben und Schwule geht es nicht darum, bestehende Privilegien irgend jemandem wegzunehmen, sondern diese auch für eine andere Gruppe zugänglich zu machen. Der Ehe als solcher passiert dadurch - nichts. Und heterosexuellen Paaren, die gerne heiraten möchten, wird nichts genommen - außer ihre Exklusivität.

CSD Stuttgart

Und damit sind wir dann wohl auch beim Kern der Debatte. Es geht nicht um Argumente, es geht nicht um Recht und Gesetz. Den Gegnern der Ehe für alle geht es wohl um ein (Bauch)Gefühl - um ein Gefühl der Überlegenheit, um ein Gefühl ihrer Überlegenheit.

Sie wollen auch weiterhin diejenigen sein, die das gesellschaftliche Maß aller Dinge definieren dürfen, die festlegen, wer richtig und wer falsch lebt, wer Rechte haben soll und wer nicht. Und zwar weil das schon immer so war. Und weil es für sie doch schon immer gut so war.

Deswegen fühlen sie sich nicht wohl, wenn das, was für sie gilt, plötzlich auch für andere gelten soll, deswegen empfinden sie es als vermessen, übertrieben und unverschämt, wenn Andere gleiche Rechte, wie sie im Grundgesetz vorgesehen sind, auch für sich einfordern, und deswegen diffamieren sie jede Politik, die sich für gleiche Rechte und gegen Diskriminierung einsetzt, als eine Politik im Würgegriff der Homo-Lobby.

Gerade Baden-Württemberg scheint die Keimzelle dieser um die eigene Definitionsmacht besorgten Privilegienreiter zu sein. Glücklicherweise ist Baden-Württemberg aber auch der Hort einer streng an gleichen Rechten orientierten Politik. Mit dem vorgelegten Bildungsplan, dem Ende Juni verabschiedeten Aktionsplan gegen Diskriminierung und der Gesetzesinitiative im Bundesrat für eine Öffnung der Ehe macht Baden-Württemberg nicht etwa Politik für oder gar auf Geheiß einer Minderheit, sondern das Land macht damit Politik für das Gemeinwohl. Denn es geht dabei um die Durchsetzung von Artikel 3 Grundgesetz, um das Ernstnehmen von Artikel 1 Grundgesetz, um das Zurückdrängen von Diskriminierung und um die staatliche Neutralität in Liebesdingen. Und das stärkt am Ende alle gleichermaßen.

 

Claudia Roth, MdB, Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, seit 2013 Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags. Wahlkreis: Augsburg, Beruf: Dramaturgin.


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