KONTEXT Extra:
Grüne Stadträte lehnen Bürgerbegehren zu S 21-Ausstieg ab

Mit großer Mehrheit hat der Stuttgarter Gemeinderat einmal mehr seine Bahn-Linie gehalten. Mit 41 zu 14 Stimmen lehnte er am Donnerstag (2. Juli) das Bürgerbegehren "Storno 21" ab. Zu den Tunnelparteien CDU und SPD gesellten sich auch die Grünen, die ihrem Oberbürgermeister folgten. Fitz Kuhn hatte in dem Ansinnen von mehr als 20 000 Unterzeichnern einen Antrag erkannt, der auf ein "rechtswidriges Ziel" ausgerichtet sei. Sprich auf die Kündigung des Finanzierungsvertrags zwischen Bahn, Land und Stadt von 2009. Für das Begehren sprachen sich SÖS/Linke/PluS sowie FDP und AfD aus. Auch der zweite Antrag, der einen Ausstieg wegen des "Leistungsrückbaus" forderte, wurde abgeschmettert - mit 39 zu elf Stimmen.


Tiefbahnhof adieu - aber nicht mit Kuhn

Diesmal könnte sich ein Besuch im Stuttgarter Gemeinderat lohnen: Am Donnerstag (2. Juli, ab 16.30 Uhr) stehen die Bürgerbegehren gegen Stuttgart 21 - Storno 21 und Leistungsrückbau - zur Entscheidung an. Mit ihnen wollen 20 000 Unterzeichner die 60 Stadträte sowie Oberbürgermeister Fritz Kuhn dazu bewegen, dem Tiefbahnhof adieu zu sagen. Nur: die Mehrheiten sind nicht so und der grüne Kuhn hat schon angekündigt, das Begehren abzulehnen. Die Verträge von 2009 müssten eingehalten werden, sagt der Neu-60-Jährige, der bei seinem Amtsantritt im Januar 2013 noch ziemlich böse auf die Bahn war. Dass damals mit Zahlen operiert wurde, die schlicht gelogen waren, ist jetzt so wenig entscheidend wie die Frage, wie viel Bürgerbegehren wert sind, wenn sie meistens an parlamentarischen Mehrheiten scheitern.


"Freistatt" ab 25.06. im Kino

Es gab nicht nur Korntal bei Stuttgart, darüber wurde und wird in Kontext ja nachhaltig berichtet. Fast 800 000 Kinder und Jugendliche wurden von 1949 bis 1975 in der Bundesrepublik in Heime eingewiesen. Anstelle von Pädagogen betreuten in den kirchlichen Einrichtungen meist Geistliche die "Zöglinge". Drill, Disziplin Unterwerfung, körperliche Gewalt waren an der Tagesordnung.

Marc Brummunds Spielfilm Freistatt erzählt von dem gleichnamigen "Arbeitserziehungslager" in Niedersachsen, das als ein besonders hartes Beispiel für die Heimunterbringung gilt. Mitten im Moorgebiet lag es, wo die Jugendlichen an sechs Tagen die Woche im Torfabbau arbeiten mussten, und das sie zudem vollkommen von ihrer Umgebung isolierte. Fluchtversuche waren beinahe unmöglich.

Der auch emotional packende Film ist nun im Kino zu sehen. In Stuttgart im Atelier am Bollwerk beispielsweise. 


Villa Berg gehört wieder der Stadt

Der Poker um Stuttgarts Vorzeige-Immobilie hat ein Ende. Die Stadt hat die Villa Berg zurückerworben. Warum sie sich nach der Pleite des Investors Rudi Häussler überhaupt die Chance entgehen ließ, das Baudenkmal wieder in ihren Besitz zu bringen, und stattdessen dem Düsseldorfer Immobilienunternehmen PDI von Mathias Düsterdick den Vortritt ließ, bleibt unerfindlich.

Zwei Jahre stand ein Gemeinderatsbeschluss, demzufolge die früheren SWR-Fernsehstudios wieder in Park zurückverwandelt werden sollen, der Absicht des Investors gegenüber, an dieser Stelle Wohnungen zu bauen - natürlich keine Sozialwohnungen, denn Düsterdick wollte daran so viel verdienen, dass er von den Einnahmen sogar noch die Renovierung der Villa mit finanzieren hätte können. Nun ist es anders gekommen: Die Stadt übernimmt die Villa für 300 000 Euro.

PDI darf lediglich das Gelände des ehemaligen Bauhofs des Garten- und Friedhofamts mit Wohnungen bebauen, wo sich früher die Orangerie befand. Unterm Strich kam der Verzicht auf das Vorkaufsrecht vor zwei Jahren die Stadt dennoch teuer zu stehen. Und Düsterdick kann sich über die Vereinbarung freuen.

"Ich freue mich darauf, gemeinsam mit Gemeinderat und Bürgerschaft den Park zu gestalten und Konzepte für die Villa zu entwickeln", sagt Oberbürgermeister Fritz Kuhn. Eines kann sich die Stadt allerdings sparen: eine Bürgerbeteiligung muss nicht erst neu angefangen werden, es gibt sie bereits. Was die Initiative Occupy Villa Berg auf die Beine gestellt hat, geht über das, was in Beteiligungsverfahren normalerweise getan wird, weit hinaus.

Mehr dazu in den Artikeln "Occupy Villa Berg" und "Vernachlässigte Schönheit".


"Sichern Sie die Meinungsvielfalt."

Unseren Aufruf zum Schutz der Pressevielfalt (siehe "David kämpft für Goliath") wollte der Stuttgarter Oberbürgermeister Fritz Kuhn nicht unterzeichnen, ganz untätig blieb der Grüne aber nicht. Er habe sich mittlerweile mit Richard Rebmann, dem Chef der Südwestdeutschen Medienholding, und den Chefredakteuren von Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten, Joachim Dorfs und Dr. Christoph Reisinger zum Gespräch getroffen, teilt die Stadt mit. Seine Sorge sei, dass die Vielfalt auf dem Stuttgarter Zeitungsmarkt verlorengehen könnte, so Kuhn, der die Verantwortlichen auffordert: "Sichern Sie auch in Zukunft die Medien- und Meinungsvielfalt, gerade mit Blick auf die lokale Berichterstattung." Wir schließen uns an.


In eigener Sache / Druckfehler

In der gedruckten Ausgabe der KONTEXT:Wochenzeitung war am Samstag ein Fehler zu lesen. Bernd Riexinger und die Mannheimerin Gökay Akbulut sind die SpitzenkandidatInnen der Linken zur Landtagswahl. Hannes Rockenbauch ist es nicht - obwohl es in der Bildunterschrift der gedruckten Kontext-Ausgabe am Samstag so stand. Wir hatten das zwar korrigiert, aber durch eine Verkettung sehr unglücklicher Umstände hat es diese Aktualisierung nicht mehr in die Druckerei geschafft. Wir bitten um Entschuldigung und empfehlen das Interview nochmal zur Lektüre online und den Vorbericht dazu.


TATORT: Stuttgart als "Drecksloch"

Im vorläufigen, dem sogenannten Arbeitstitel, hieß der kommende Tatort (Sonntag, 20.15 Uhr, ARD) "Stuttgart 21". Jetzt lautet der Titel der 952. Folge: "Der Inder", obwohl der nur eine unrühmliche Randerscheinung ist. Weit über die Schwabenmetropole hinaus wird dieser Politkrimi vor dem Hintergrund des Bahnprojekts Stuttgart 21 wohl für heiße Diskussionen sorgen.

Ein Staatssekretär aus dem (Landes-)Wirtschaftsministerium wird beim Joggen von einem Profikiller erschossen, ein Stararchitekt nennt Stuttgart "ein Drecksloch", ein abgewählter Landesvater hadert mit seinem Schicksal. Der Ex-Regierungschef hatte ursprünglich noch eine sehr dominante Rolle im Drehbuch des Autors (und Regisseurs) Niki Stein gespielt. Das sei dann aber, so eine SWR-Sprecherin, "zurückgefahren worden".

Kein Wunder, vermutlich hätte man unschwer den einzigen Abewählten, Stefan Mappus, erkannt. Und dies knapp neun Monate vor der Landtagswahl. Das geht gar nicht. Und so spielt Rupert Heinerle, wie der ehemalige Ministerpräsident originellerweise im Film heisst, leider nur noch eine Nebenrolle.

Achtung: Dieser Stuttgarter Tatort ist, freundlich gesagt, sehr komplex. Man muß einfach höllisch aufpassen, vor lauter Rückblenden, Beziehungen, Interessenknäueln. Also kein Bier holen, das Smartphone beiseite legen und den Toilettengang verschieben. Dann hat man eine gewisse Chance die ganzen (Film-)Machenschaften hinter S 21 zu begreifen.


Akzeptanz und gleiche Rechte

Die öffentliche Stimmungsmache - unter anderem auch in den "Stuttgarter Nachrichten" und in einschlägigen Foren im Netz - nicht achtend, hat Grün-Rot den Aktionsplan "Für Akzeptanz und gleiche Rechte" verabschiedet. Die zuständige Sozialministerin Katrin Altpeter (SPD) erinnert, dass sich die Landesregierung im Koalitionsvertrag "klar für die Gleichstellung von lesbischen, schwulen, bisexuellen, transsexuellen, transgender, intersexuellen und queeren (LSBTTIQ) Menschen ausgesprochen hat, um Baden-Württemberg ein neues und tolerantes Gesicht zu geben und zu einem Vorreiter für Offenheit und Vielfalt zu machen". Immer hin geht es nach Schätzungen um 700 000 bis 1,1 Millionen Betroffene im Land.

CDU-Spitzenkandidat Guido Wolf hatte dagegen verlangt, "höchstpersönliche Themen wie die Sexualität wieder mehr ins Private verlagern". Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) will genau das Gegenteil erreichen, weil "es nicht um Sex geht, sondern um die Verfasstheit von Menschen". Für gleiche Rechte zu sorgen, das sei "ein direkter Auftrag unserer Verfassung".

Am kommenden Sonntag findet in Stuttgart wieder eine "Demo für alle" gegen die - nach Meinung der rechtsgerichteten Veranstalter - "totale ideologische Beeinflussung" durch die Landesregierung statt, zu der auch einzelne CDU-Arbeitskreise und -Mitglieder aufrufen. Der ehemalige Minister im Staatsministerium Ulrich Müller (CDU) erwartet, dass seine Partei im Falle eines Machtwechsels im März 2016 andere Akzente in der Gleichsstellungspolitik setzt. Und der Christdemokrat kritisiert die "Wertschätzung", die Grün-Rot Schwulen und Lesben entgegenbringt.


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Ausgabe 105
Zeitgeschehen

Stuttgarter Kindsmord

Von Hermann G. Abmayr
Datum: 03.04.2013
Gewaltsam hat der Arzt die kleine Gerda, die an einer spastischen Lähmung litt, entführt und in die Stuttgarter "Kinderfachabteilung" gebracht, wo sie getötet wurde. Euthanasie, schöner Tod, nannten die Nazis das. Ein Tabuthema – auch in den Nachkriegsjahrzehnten.

NS-Propagana begleitete den Mord an Behinderten. Zeitschrift: Volk und Rasse, 1936

Über sechs Jahrzehnte konnte die 1916 geborene Berta Metzger mit niemandem darüber sprechen. Erst 2009, kurz vor ihrem Tod, hat sie Matthias-Herbert Enneper ihre Geschichte anvertraut. Ihr einziges Kind, das Ende November 1939 in der Gemeinde Flacht – heute ein Ortsteil von Weissach bei Stuttgart – zur Welt kam, war von Geburt an behindert. 

Berta Metzger hatte Gerda nicht in ein Heim bringen wollen, sondern sich zu Hause um ihr Kind gekümmert. "Das darf man nicht", sagten ihr die Leute damals. "Du wirst schon sehen." Das Mädchen war vermutlich beim zuständigen Gesundheitsamt in Leonberg als behindert gemeldet worden. Ärzte, Hebammen oder Gemeindekrankenschwestern waren seit 1939 überall im Deutschen Reich verpflichtet, behinderte Kinder (gegen Honorar) zu melden. Dem Tod ging viel Bürokratie voraus. 

Fabrikmäßige Ermordung

1939 hatten die Nazis erstmals in der Geschichte der Menschheit damit begonnen, die fabrikmäßige Ermordung von Menschen vorzubereiten, die zeitweise oder dauerhaft körperlich oder geistig behindert waren. In Grafeneck auf der Schwäbischen Alb begann das Morden dann – lange vor Auschwitz. 1940 wurden dort über 10 000 Menschen, die aus "Heil- und Pflegeanstalten" in grau lackierten Bussen angekarrt worden waren, ermordet. 

Für Kinder und Jugendliche mit körperlichen oder geistigen Behinderungen, die zu Hause lebten, richtete der NS-Staat dann sogenannte Kinderfachabteilungen ein, in denen sie getötet wurden. Nach neuester Forschung hat es im damaligen Deutschen Reich über 30 derartige Einrichtungen gegeben. Über die genaue Zahl wird noch geforscht. Auch im Städtischen Kinderkrankenhaus in Stuttgart in der heutigen Türlenstraße 22A, die von dem Kinderarzt und Chef des städtischen Gesundheitsamtes, Karl Lempp, geleitet wurde.

Ein Arzt entführt das Mädchen

Eines Tages, so berichtet Berta Metzger Jahrzehnte später, habe sie ein Arzt besucht, der ihre Tochter untersuchen wollte. Das muss Mitte Juli 1943 gewesen sein. Als die Mutter in dem Zimmer, in dem der Mediziner zugange ist, Schreie hört und der Kleinen zu Hilfe eilen will, versperrt ihr der Fahrer des Arztes den Weg. Nach der Untersuchung findet Berta Metzger das Mädchen nackt und völlig verstört in der Ecke sitzend. Als sie wissen will, was geschehen ist, brüllt der Arzt, sie solle das Maul halten und sich von ihrer Tochter verabschieden; sie käme in eine Spezialklinik. Die beiden Männer zerren das Kind die Treppe hinunter und fahren mit ihm davon, ohne zu sagen, in welche Klinik sie die Kleine bringen würden.

Die Mutter ist verzweifelt; nicht einmal Wäsche konnte sie ihrem Kind mitgeben. Noch am gleichen Abend macht sie sich zu Fuß auf den Weg ins 30 Kilometer entfernte Stuttgart, wo sie Gerda vermutet. Sie fragt sich so lange durch, bis sie zur Kinderklinik in die Türlenstraße kommt, wo man zwar bestätigt, dass Berta hier sei, ihr aber den Zutritt verweigert. Da sie sich nicht abwimmeln lässt und ein so "großes Theater" macht, dass die Leute auf der Straße stehen bleiben, darf sie dann eintreten.

Tags darauf ist Gerda Metzger tot 

Sie findet ihr Kind völlig apathisch vor; Gerda reagiert auf keinerlei Ansprache oder Liebkosung. Sicher nicht die Folge ihrer Lähmung. Offenkundig waren ihr Schlafmittel verabreicht worden. Dann herrscht die Krankenschwester Berta Metzger an, sie solle endlich gehen, und stößt sie zur Tür hinaus. Die Mutter fragt, ob sie am nächsten Tag wieder kommen könne, um ihr Kind zu besuchen. Antwort: "Ja, wenn es dann noch lebt." Tags darauf ist Gerda Metzger tot. Gestorben sei die Spastikerin, so sagte man der Mutter, an einer ansteckenden Krankheit.

Als Matthias-Herbert Enneper diese Geschichte der Stuttgarter Stolpersteininitiative geschickt hat, konnte sie der Arzt und NS-Euthanasie-Spezialist Karl-Horst Marquart schnell verifizieren. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema und hat 2009 enthüllt, dass in der Stuttgarter "Kinderfachabteilung" bis 1945 mindestens 52 Kinder und Jugendliche ermordet worden waren. Andere sind ins hessische Eichberg geschickt worden, um dort umgebracht zu werden. Verantwortlich war Karl Lempp, Leiter des Kinderkrankenhauses und Chef des Gesundheitsamtes. 

Im Leichenregister, das Marqaurt ausgewertet hat, heißt es, Gerda Metzger sei an Diphtherie gestorben. Eine ansteckende Infektionskrankheit, die tödlich enden kann. Die Diagnose hält der Mediziner Karl-Horst Marquart für eine Fälschung, schon, weil diese Krankheit niemals innerhalb eines Tages tödlich verlaufen kann. In Klammern konnte Marquart im Register aber auch die Diagnose Little'sche Krankheit lesen, eine spastische Lähmung durch Gehirnschaden also.

Angst, über den Fall zu sprechen 

"Sie ist auf Zehenspitzen gegangen", sagt eine ältere Frau, die Berta Metzger und ihre Tochter kannten, berichtet die Leiterin des Flachter Heimatmuseums, Barbara Hornberger. Typisch für eine Spastikerin, bestätigt Karl-Horst Marquart. Sie konnte "ned recht schwätza", erinnert sich eine heute über 90 Jahre alte Cousine. "Und's hod ghoißa, se sei fortkomme", erinnert sich eine frühere Nachbarin in der Bergstraße. Als Todesursache sei Diphtherie genannt worden. Damals habe man Angst gehabt, über den Fall zu sprechen, sagen die Zeitzeuginnen.

Der Flachter Pfarrer Harald Rockel hat in seinen Unterlagen bis jetzt keinen Hinweis auf Gerda Metzger gefunden. Auch Ortsarchivar Matthias Graner sucht noch nach schriftlichen Quellen, denn bei Detailfragen gibt es noch einige Widersprüche. Wie oft Vater Emil Metzger sein Kind gesehen hat, ist bisher unbekannt. Als der Zweite Weltkrieg begann, war er 28 Jahre alt. Sein Name steht auf dem Flachter Gefallenendenkmal. 

Verantwortlich für die Tötung von Kindern: Krankenhaus-Chef Karl Lempp. Foto: Landesarchiv Baden-Württemberg Seine Tochter Gerda war nicht das einzige behinderte Kind in Flacht, berichtet Barbara Hornberger. Auch in der Familie des NSDAP-Ortsgruppenleiters Gotthold Roth lebte ein Kind namens Gretel, das im Sinne der NS-Ideologie ein "unnützer Esser" war. Es habe die Nazizeit genauso überlebt wie ein weiteres behindertes Kind. Vom damaligen evangelischen Ortspfarrer Otto Mörike ist bekannt, dass er ein entschiedener Gegner der Nazis war, berichtet Hornberger. Ob er sich eingemischt hat, um die beiden Kinder zu retten, ist nicht bekannt. 

Europaweit hatten die Nazis zwischen 1939 und 1945 etwa 300 000 behinderte und psychisch kranke Menschen ermordet, weil ihr Leben angeblich nicht "lebenswert" war. Nur ein Teil der Angehörigen im damaligen Deutschen Reich wehrte sich gegen deren Verschleppung, berichtet der Historiker und Journalist Götz Aly in seinem neuen Buch "Die Belasteten – 'Euthanasie' 1939 bis 1945". Doch der Druck war groß. Alle sozialen Hilfen bis zum Kindergeld für die gesunden Nachkömmlinge seien den Widerständigen entzogen worden; man habe mit Zwangssterilisierung gedroht, da es sich angeblich um "erbkranke Familien" handelte.

Kinderarzt Lempp blieb straffrei

Die meisten Täter sind nach 1945 straffrei geblieben. Welcher Arzt Gerda Metzger abgeholt hat, ist nicht eindeutig nachzuweisen. Karl-Horst Marquart vermutet, dass es der Landesjugendarzt war, der dafür bekannt war, in Württemberg herumzufahren, um Behinderte zu suchen, die dann getötet wurden. Er sei einer der wenigen in Baden-Württemberg gewesen, die sich zumindest in einem Prozess verantworten mussten, Ende der 40er-Jahre im Grafeneck-Prozess in Tübingen. Der endete für den Arzt aber mit einem Freispruch. 

Karl Lempp, der Leiter der Kinderfachabteilung in Stuttgart, der nach den Recherchen von Marquart für NS-Kinder-Euthanasie und etliche Fälle von Zwangssterilisation verantwortlich ist, musste nicht einmal vor einem Gericht erscheinen. Marquart hat die Ergebnisse seiner Forschungen über Karl Lempp 2009 erstmals in dem Buch "Stuttgarter NS-Täter" veröffentlicht. Doch Enkel Volker Lempp, ein Rechtsanwalt, bestritt die Vorwürfe und hat versucht, die Verbreitung des Buches beziehungsweise des Lempp-Kapitels zu verhindern. In letzter Minute zog er seinen Antrag auf einstweilige Verfügung beim Landgericht Stuttgart dann aber Ende 2009 zurück. Das ursprünglich erwogene Hauptsacheverfahren hat er nie angestrengt.

Ein Lehrer leugnet immer noch

Berufen haben sich Volker Lempp sowie der inzwischen verstorbene Tübinger Kinder- und Jugendpsychiater Reinhart Lempp unter anderem auf den Geschichtslehrer Rolf Königstein, der bis vor wenigen Jahren am Max-Born-Gymnasium in Backnang (Region Stuttgart) Geschichte unterrichtet hat. Königstein ist bis heute der einzige Autor, der die Existenz einer Kinderfachabteilung im Städtischen Kinderkrankenhaus in Stuttgart leugnet. Ernst genommen wird er in der Fachwelt allerdings nicht.

Publiziert hatte Königstein seine Thesen in einer Unterrichtshilfe mit dem Titel "NS-Euthanasie in Baden-Württemberg – Archivpädagogische Anregungen für die gymnasiale Oberstufe", die die Landeszentrale für politische Bildung herausgebracht hatte, sowie in einem 2004 erschienen Aufsatz in der Zeitschrift der württembergischen Landesgeschichte. Sie wird mittlerweile nicht mehr verbreitet und ist aus dem Internet-Angebot der Landeszentrale entfernt worden.

In derselben Schrift habe Rolf Königstein die Rolle der Tötungseinrichtung in Brandenburg-Görden stark verharmlost, sagt der NS-Forscher Ernst Klee. Dort seien Kinder jedenfalls nicht therapiert worden, wie Königstein behauptet. Tatsächlich seien viele für Versuche missbraucht worden, ehe man sie getötet hat. Klee warf Königstein deshalb vor, eine Görden-Lüge zu verbreiten.

Götz Aly fordert Namensregister

Götz Aly hat in seinem neuen Buch gefordert, die Namen der Opfer der NS-Euthanasie in einem zentralen Register zu veröffentlichen. Jeder achte Deutsche im Alter von über 25 Jahren sei verwandt mit einem Opfer. Doch nur einer von zehn wisse dies.

Die Stolpersteininitiativen haben nicht auf Alys Aufruf gewartet. Seit Jahren verlegen sie für diese oft vergessenen Menschen Steine. Auch der Name Gerda Metzger steht inzwischen auf einer von dem Kölner Künstler Gunter Dennig gefertigten, zehn mal zehn Zentimeter großen Messingplatte. Der Stein mit dem Namen, dem Geburts- und dem Todestag von Gerda Metzger wird am Samstag, den 13. April, verlegt. Vor dem ehemaligen Städtischen Kinderkrankenhaus in der Türlenstraße 22A.

Die Stadt Stuttgart dagegen hat sich bis heute nicht mit dem Kindermord in ihrem Kinderkrankenhaus befasst. Obermedizinalrat Karl Lempp blieb bis zu seiner Pensionierung 1950 dessen Leiter und wurde vier Jahre später noch mit einem Professorentitel geehrt. Als er 1960 starb, ging das Amtsblatt der Stadt im Nachruf mit keinem Wort auf seine Tätigkeit während der NS-Zeit ein.

Ob eine von den Stolpersteininitiativen und dem Personalrat der städtischen Kliniken für Ende des Jahres geforderte Wanderausstellung mit dem Titel "Im Gedenken der Kinder" stattfinden kann, ist offen. Noch gibt es keine Finanzierung. Die Kosten liegen bei rund 3000 Euro. Veronika Kienzle, die Bezirksvorsteherin von Stuttgart-Mitte, hat bereits ihre Unterstützung zugesagt.

 

 

Kontext-Autor Hermann G. Abmayr befasst sich seit vielen Jahren mit NS-Tätern und -Opfern. Zuletzt hat er das Buch "Stuttgarter NS-Täter" herausgegeben, für das Karl-Horst Marquart das Kapitel über den Kinderarzt Karl Lempp verfasste.


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