KONTEXT Extra:
Sammelabschiebung: Busfahrer im Thor Steinar T-Shirt

Der Baden-Airport war wieder gut abgeschirmter Ort für eine Sammelabschiebung. Am Montag, den 24. August, wurden 75 Personen "rückgeführt", wie es im Sprachgebrauch des Karlsruher Regierungspräsidiums heißt. Es handelte sich dabei mehrheitlich um Roma, darunter fast die Hälfte Kinder und Jugendliche, die nach Belgrad (37) und Skopje (38) verfrachtet wurden. Bis auf sechs Personen waren alle in Baden-Württemberg ansässig. Besonders empört zeigt sich das Freiburger Forum "Aktiv gegen Ausgrenzung" über den Fahrer des Busses, der die Flüchtlinge zum Flughafen brachte. Er trug ein Thor Steinar T-Shirt, eine Marke, die ein Erkennungszeichen rechtsextremer Kreise ist. Auf Kontext-Nachfrage betonte ein Sprecher des Regierungspräsidiums, dass dies "nicht tolerierbar" sei. Das Busunternehmen Eberhardt habe zugesagt, seine Fahrer ab sofort per Dienstanweisung zu neutraler Kleidung zu verpflichten. Der Fahrer ist laut Auskunft der Pforzheimer Firma inzwischen fristlos gekündigt.


Es war ein Wolf

M 53 war sein Name, bevor den nach Ewigkeiten ersten Wolf in Baden-Württemberg im Juni ein Auto auf der Autobahn bei Lahr dahinraffte (Kontext berichtete). Zwar ziemlich aber nicht zu tausend Prozent sicher war bis heute, ob es sich tatsächlich um einen Wolf gehandelt hat oder doch nur um einen promenadigen Hundemischling. Die Senckenberger Gesellschaft für Naturforschung in Gelnhausen bestätigt jetzt hochoffiziell: jawoll, es war ein Wolf! Reinrassig, aus den Alpen. Genauer aus dem Calandagebiet bei Chur, hat die Uni Lausanne ergänzend festgestellt. Geboren im Frühling 2014, keine Krankheiten, 30 Kilo schwer und ziemlich fit: Luftlinie 200 Kilometer liegen zwischen seinem Rest-Rudel und der Lahrer Autobahn. Tja. Wie Brigitte Dahlbender in Kontext sagt: "Das Bekenntnis zum Auto ist falsch". Wir plädieren jedenfalls für mehr Fahrräder. Auch zum Wohle des Wolfs.


Baugenehmigung für Stuttgart 21 hinfällig?

Stuttgart 21 beschäftigt wieder die Justiz. Nach Kontext-Informationen ging am vergangenen Montag eine Klage gegen die Baugenehmigung für den Tiefbahnhof beim Verwaltungsgericht Stuttgart ein. Die Planfeststellung sei hinfällig, da die extreme Gleisneigung im neuen Bahnhof gegen alle Regeln der Technik verstoße und ein erhebliches Sicherheitsrisiko darstelle, so der Kläger Sven Andersen, ein früherer Bahn-Manager. Erst vor kurzem hatte die Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken bestätigt, dass in Deutschland weitaus mehr Züge unbeabsichtigt wegrollen als bislang bekannt. Die meisten in Köln, wo die schiefe Ebene weit unter der in Stuttgart geplanten liegt. Das Verwaltungsgericht prüft derzeit die Klage auf Zulässigkeit, wahrscheinlich ist, dass es sie an den Verwaltungsgerichtshof weiterleitet.


Siehe da: In Meßstetten ist Bewegung

Nach dem öffentlichen Druck bewegt sich auch die Meßstettener Lokalpolitik. Während  Bürgermeister Lothar Mennig versucht, sich der Medienanfragen zu erwehren („ich warte nur noch auf das ZDF“), sagt auch der Vorsitzende der Freien Wähler zum ersten Mal etwas. „Wir wollen hier prinzipiell keine NPD“, teilt Tarzisius Eichenlaub mit, allerdings wisse er nicht, „was wir tun sollen“.  Der SPD-Kreisverband Zollernalb weiß das inzwischen. Er ruft seine Mitglieder auf, am Samstag, 15. August, um 15:00 Uhr, auf die Straße in Meßstetten  zu gehen, um ein „Zeichen gegen Rechts“ zu setzen. Auf Landesebene wird bisher nur von der Linken zum Kommen aufgefordert. Geschäftsführer Bernhard Strasdeit appelliert an die Landesregierung, den Landkreis und die Kommune, den Verkauf der Gaststätte Waldhorn an die NPD mit „allen politischen und rechtlichen Mitteln“ zu unterbinden. Getragen wird die Kundgebung von dem Bündnis „Keine Basis der NPD“. Ihr Aufruf ist in dem Artikel „NPD-Zentrale auf der Zollernalb" verlinkt.


Amselfreier August? Keine Angst, sagt der Nabu

Wer sich wundert, warum er so wenig Amseln in seinem Garten sieht, der wird jetzt vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu) beruhigt. Das sei ganz normal, sagt der Vogelexperte Stefan Bosch, und zwar aus folgenden Gründen: Erstens ist die Paarungszeit vorbei, das Brutgeschäft erledigt. Zweitens flammen die Aktivitäten erst im September wieder auf, wenn neue Reviere gegründet werden. Drittens fehlen die Regenwürmer, die sich bei der Hitze verständlicherweise tiefer in den Boden graben. Viertens sind die Beerensträucher abgeerntet und die Amseln deshalb am Waldrand oder Bach. Aus allen vier Gründen will der Nabu "Entwarnung" geben, nachdem ihn doch viele besorgte Anrufe aus der Bevölkerung erreicht haben.


Mediendienst Kress: Aus für "Sonntag Aktuell" zum März 2016

Das Sterben dauert schon viele Jahre. Nun haben die Gesellschafter von "Sonntag Aktuell" beschlossen, das Dahinsiechen zu beenden. Wie der Mediendienst Kress heute Freitag (7. August) berichtet, wird das Blatt zum 31. März 2016 eingestellt. Wieder ein bisschen weniger Meinungsvielfalt in der deutschen Presselandschaft. Was aber nicht weiter auffällt, weil das Totsparen schon mit der Entlassung einer eigenständigen Redaktion vor fünf Jahren begonnen hat. Als Trostpflaster für AbonnentInnen ist weiterhin eine Erweiterung der Samstagsausgabe von Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten und anderer Regionalblätter geplant (Kontext berichtete). In der Marktforschung aber komme das neue Produkt, so Kress, bisher noch nicht an, das damit betraute Team müsse nacharbeiten.

Betroffen vom Aus der Sonntagszeitung, die einmal über eine Million Auflage hatte und inzwischen auf die Hälfte geschrumpft ist, sind bis zu 4000 ZustellerInnen. Erste Kündigungen sollen laut Kress schon in den kommenden Wochen ausgesprochen werden. Betroffen sind aber auch DruckerInnen und JournalistInnen der "Stuttgarter Nachrichten", deren Chefredakteur Christoph Reisinger "Sonntag Aktuell" verantwortet. Im Gespräch mit Kress klagte ein Gesellschafter: "Wir geben "Sonntag Aktuell" für die "Süddeutsche Zeitung" auf. Ich hoffe, dass wir die richtige Entscheidung getroffen haben."


Aus dem Parkschützer von Herrmann wird ein Linker

Ganz so schlimm, wie zu den Hochzeiten des S-21-Protests, wird's bei der Linken nicht kommen. Damals hing Matthias von Herrmann von früh bis spät am Handy, um den Journalisten zu erläutern, wie es um den Bahnhof und die Bäume steht. In stets "verbalradikaler" Tonlage, wie die FAZ vermerkte, obwohl der "ewige Sprecher der Parkschützer" (SZ) gar nicht radikal aussah. Eher wie ein Oberprimaner, der sich auf das Studium der Volkswirtschaftslehre freut, was er dann auch absolviert hat. Das hat seiner Berühmtheit aber keinen Abbruch getan.

Wie bekannt, hat sich die Sache mit dem Protest etwas beruhigt, weswegen es dem 42-Jährigen nicht zu verübeln ist, wenn er einen neuen Wirkungskreis sucht. Den hat er jetzt beim Landesverband der Linken gefunden, für den er ab sofort die Pressearbeit übernimmt. Unter Beibehaltung seines Ehrenamtes bei den Parkschützern, was sich inhaltlich nicht beißt. Die Redaktionen dürfen sich somit über noch mehr Post freuen, die der Kampagnenerfahrene mit hoher Schlagzahl ausschickt. Auch Parteichef Bernd Riexinger ist beglückt, weil er in von Herrmann eine Bereicherung seines Wahlkampfteams "in toller Weise" sieht. Und wenn selbst Ur-Protestler Gangolf Stocker, der den Parkschützer Nummer 190 nicht ausstehen konnte, dessen mediale Fähigkeiten rühmt, wird die Linke bald in aller Munde sein.


Bodensee: Auf ans andere Ufer!

Der Stuttgarter Christopher-Street-Day ist vorbei. Doch wer eine weitere Auszeit vom Hetero-Alltag braucht, ist beim Schwulen-Sommercamp in Markelfingen am Bodensee gut aufgehoben. Bereits zum 21. Mal laden DGB- und Verdi-Jugend Baden-Württemberg in der letzten Augustwoche junge Schwule von 16 bis 27 Jahren an den Bodensee. Es geht um schwule Lebenswelten ebenso wie um gewerkschaftliche und politische Fragen. Und immer, auch das ist schon Tradition, besuchen PolitikerInnen das Camp am Bodensee. In diesem Jahr hat sich Landessozialministerin Katrin Altpeter (SPD) bei den Jungmännern angesagt, für die das andere Ufer die richtige Bodensee-Seite ist.

Infos und Anmeldung unter www.schwulessommercamp.info


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Ausgabe 105
Zeitgeschehen

Stuttgarter Kindsmord

Von Hermann G. Abmayr
Datum: 03.04.2013
Gewaltsam hat der Arzt die kleine Gerda, die an einer spastischen Lähmung litt, entführt und in die Stuttgarter "Kinderfachabteilung" gebracht, wo sie getötet wurde. Euthanasie, schöner Tod, nannten die Nazis das. Ein Tabuthema – auch in den Nachkriegsjahrzehnten.

NS-Propagana begleitete den Mord an Behinderten. Zeitschrift: Volk und Rasse, 1936

Über sechs Jahrzehnte konnte die 1916 geborene Berta Metzger mit niemandem darüber sprechen. Erst 2009, kurz vor ihrem Tod, hat sie Matthias-Herbert Enneper ihre Geschichte anvertraut. Ihr einziges Kind, das Ende November 1939 in der Gemeinde Flacht – heute ein Ortsteil von Weissach bei Stuttgart – zur Welt kam, war von Geburt an behindert. 

Berta Metzger hatte Gerda nicht in ein Heim bringen wollen, sondern sich zu Hause um ihr Kind gekümmert. "Das darf man nicht", sagten ihr die Leute damals. "Du wirst schon sehen." Das Mädchen war vermutlich beim zuständigen Gesundheitsamt in Leonberg als behindert gemeldet worden. Ärzte, Hebammen oder Gemeindekrankenschwestern waren seit 1939 überall im Deutschen Reich verpflichtet, behinderte Kinder (gegen Honorar) zu melden. Dem Tod ging viel Bürokratie voraus. 

Fabrikmäßige Ermordung

1939 hatten die Nazis erstmals in der Geschichte der Menschheit damit begonnen, die fabrikmäßige Ermordung von Menschen vorzubereiten, die zeitweise oder dauerhaft körperlich oder geistig behindert waren. In Grafeneck auf der Schwäbischen Alb begann das Morden dann – lange vor Auschwitz. 1940 wurden dort über 10 000 Menschen, die aus "Heil- und Pflegeanstalten" in grau lackierten Bussen angekarrt worden waren, ermordet. 

Für Kinder und Jugendliche mit körperlichen oder geistigen Behinderungen, die zu Hause lebten, richtete der NS-Staat dann sogenannte Kinderfachabteilungen ein, in denen sie getötet wurden. Nach neuester Forschung hat es im damaligen Deutschen Reich über 30 derartige Einrichtungen gegeben. Über die genaue Zahl wird noch geforscht. Auch im Städtischen Kinderkrankenhaus in Stuttgart in der heutigen Türlenstraße 22A, die von dem Kinderarzt und Chef des städtischen Gesundheitsamtes, Karl Lempp, geleitet wurde.

Ein Arzt entführt das Mädchen

Eines Tages, so berichtet Berta Metzger Jahrzehnte später, habe sie ein Arzt besucht, der ihre Tochter untersuchen wollte. Das muss Mitte Juli 1943 gewesen sein. Als die Mutter in dem Zimmer, in dem der Mediziner zugange ist, Schreie hört und der Kleinen zu Hilfe eilen will, versperrt ihr der Fahrer des Arztes den Weg. Nach der Untersuchung findet Berta Metzger das Mädchen nackt und völlig verstört in der Ecke sitzend. Als sie wissen will, was geschehen ist, brüllt der Arzt, sie solle das Maul halten und sich von ihrer Tochter verabschieden; sie käme in eine Spezialklinik. Die beiden Männer zerren das Kind die Treppe hinunter und fahren mit ihm davon, ohne zu sagen, in welche Klinik sie die Kleine bringen würden.

Die Mutter ist verzweifelt; nicht einmal Wäsche konnte sie ihrem Kind mitgeben. Noch am gleichen Abend macht sie sich zu Fuß auf den Weg ins 30 Kilometer entfernte Stuttgart, wo sie Gerda vermutet. Sie fragt sich so lange durch, bis sie zur Kinderklinik in die Türlenstraße kommt, wo man zwar bestätigt, dass Berta hier sei, ihr aber den Zutritt verweigert. Da sie sich nicht abwimmeln lässt und ein so "großes Theater" macht, dass die Leute auf der Straße stehen bleiben, darf sie dann eintreten.

Tags darauf ist Gerda Metzger tot 

Sie findet ihr Kind völlig apathisch vor; Gerda reagiert auf keinerlei Ansprache oder Liebkosung. Sicher nicht die Folge ihrer Lähmung. Offenkundig waren ihr Schlafmittel verabreicht worden. Dann herrscht die Krankenschwester Berta Metzger an, sie solle endlich gehen, und stößt sie zur Tür hinaus. Die Mutter fragt, ob sie am nächsten Tag wieder kommen könne, um ihr Kind zu besuchen. Antwort: "Ja, wenn es dann noch lebt." Tags darauf ist Gerda Metzger tot. Gestorben sei die Spastikerin, so sagte man der Mutter, an einer ansteckenden Krankheit.

Als Matthias-Herbert Enneper diese Geschichte der Stuttgarter Stolpersteininitiative geschickt hat, konnte sie der Arzt und NS-Euthanasie-Spezialist Karl-Horst Marquart schnell verifizieren. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema und hat 2009 enthüllt, dass in der Stuttgarter "Kinderfachabteilung" bis 1945 mindestens 52 Kinder und Jugendliche ermordet worden waren. Andere sind ins hessische Eichberg geschickt worden, um dort umgebracht zu werden. Verantwortlich war Karl Lempp, Leiter des Kinderkrankenhauses und Chef des Gesundheitsamtes. 

Im Leichenregister, das Marqaurt ausgewertet hat, heißt es, Gerda Metzger sei an Diphtherie gestorben. Eine ansteckende Infektionskrankheit, die tödlich enden kann. Die Diagnose hält der Mediziner Karl-Horst Marquart für eine Fälschung, schon, weil diese Krankheit niemals innerhalb eines Tages tödlich verlaufen kann. In Klammern konnte Marquart im Register aber auch die Diagnose Little'sche Krankheit lesen, eine spastische Lähmung durch Gehirnschaden also.

Angst, über den Fall zu sprechen 

"Sie ist auf Zehenspitzen gegangen", sagt eine ältere Frau, die Berta Metzger und ihre Tochter kannten, berichtet die Leiterin des Flachter Heimatmuseums, Barbara Hornberger. Typisch für eine Spastikerin, bestätigt Karl-Horst Marquart. Sie konnte "ned recht schwätza", erinnert sich eine heute über 90 Jahre alte Cousine. "Und's hod ghoißa, se sei fortkomme", erinnert sich eine frühere Nachbarin in der Bergstraße. Als Todesursache sei Diphtherie genannt worden. Damals habe man Angst gehabt, über den Fall zu sprechen, sagen die Zeitzeuginnen.

Der Flachter Pfarrer Harald Rockel hat in seinen Unterlagen bis jetzt keinen Hinweis auf Gerda Metzger gefunden. Auch Ortsarchivar Matthias Graner sucht noch nach schriftlichen Quellen, denn bei Detailfragen gibt es noch einige Widersprüche. Wie oft Vater Emil Metzger sein Kind gesehen hat, ist bisher unbekannt. Als der Zweite Weltkrieg begann, war er 28 Jahre alt. Sein Name steht auf dem Flachter Gefallenendenkmal. 

Verantwortlich für die Tötung von Kindern: Krankenhaus-Chef Karl Lempp. Foto: Landesarchiv Baden-Württemberg Seine Tochter Gerda war nicht das einzige behinderte Kind in Flacht, berichtet Barbara Hornberger. Auch in der Familie des NSDAP-Ortsgruppenleiters Gotthold Roth lebte ein Kind namens Gretel, das im Sinne der NS-Ideologie ein "unnützer Esser" war. Es habe die Nazizeit genauso überlebt wie ein weiteres behindertes Kind. Vom damaligen evangelischen Ortspfarrer Otto Mörike ist bekannt, dass er ein entschiedener Gegner der Nazis war, berichtet Hornberger. Ob er sich eingemischt hat, um die beiden Kinder zu retten, ist nicht bekannt. 

Europaweit hatten die Nazis zwischen 1939 und 1945 etwa 300 000 behinderte und psychisch kranke Menschen ermordet, weil ihr Leben angeblich nicht "lebenswert" war. Nur ein Teil der Angehörigen im damaligen Deutschen Reich wehrte sich gegen deren Verschleppung, berichtet der Historiker und Journalist Götz Aly in seinem neuen Buch "Die Belasteten – 'Euthanasie' 1939 bis 1945". Doch der Druck war groß. Alle sozialen Hilfen bis zum Kindergeld für die gesunden Nachkömmlinge seien den Widerständigen entzogen worden; man habe mit Zwangssterilisierung gedroht, da es sich angeblich um "erbkranke Familien" handelte.

Kinderarzt Lempp blieb straffrei

Die meisten Täter sind nach 1945 straffrei geblieben. Welcher Arzt Gerda Metzger abgeholt hat, ist nicht eindeutig nachzuweisen. Karl-Horst Marquart vermutet, dass es der Landesjugendarzt war, der dafür bekannt war, in Württemberg herumzufahren, um Behinderte zu suchen, die dann getötet wurden. Er sei einer der wenigen in Baden-Württemberg gewesen, die sich zumindest in einem Prozess verantworten mussten, Ende der 40er-Jahre im Grafeneck-Prozess in Tübingen. Der endete für den Arzt aber mit einem Freispruch. 

Karl Lempp, der Leiter der Kinderfachabteilung in Stuttgart, der nach den Recherchen von Marquart für NS-Kinder-Euthanasie und etliche Fälle von Zwangssterilisation verantwortlich ist, musste nicht einmal vor einem Gericht erscheinen. Marquart hat die Ergebnisse seiner Forschungen über Karl Lempp 2009 erstmals in dem Buch "Stuttgarter NS-Täter" veröffentlicht. Doch Enkel Volker Lempp, ein Rechtsanwalt, bestritt die Vorwürfe und hat versucht, die Verbreitung des Buches beziehungsweise des Lempp-Kapitels zu verhindern. In letzter Minute zog er seinen Antrag auf einstweilige Verfügung beim Landgericht Stuttgart dann aber Ende 2009 zurück. Das ursprünglich erwogene Hauptsacheverfahren hat er nie angestrengt.

Ein Lehrer leugnet immer noch

Berufen haben sich Volker Lempp sowie der inzwischen verstorbene Tübinger Kinder- und Jugendpsychiater Reinhart Lempp unter anderem auf den Geschichtslehrer Rolf Königstein, der bis vor wenigen Jahren am Max-Born-Gymnasium in Backnang (Region Stuttgart) Geschichte unterrichtet hat. Königstein ist bis heute der einzige Autor, der die Existenz einer Kinderfachabteilung im Städtischen Kinderkrankenhaus in Stuttgart leugnet. Ernst genommen wird er in der Fachwelt allerdings nicht.

Publiziert hatte Königstein seine Thesen in einer Unterrichtshilfe mit dem Titel "NS-Euthanasie in Baden-Württemberg – Archivpädagogische Anregungen für die gymnasiale Oberstufe", die die Landeszentrale für politische Bildung herausgebracht hatte, sowie in einem 2004 erschienen Aufsatz in der Zeitschrift der württembergischen Landesgeschichte. Sie wird mittlerweile nicht mehr verbreitet und ist aus dem Internet-Angebot der Landeszentrale entfernt worden.

In derselben Schrift habe Rolf Königstein die Rolle der Tötungseinrichtung in Brandenburg-Görden stark verharmlost, sagt der NS-Forscher Ernst Klee. Dort seien Kinder jedenfalls nicht therapiert worden, wie Königstein behauptet. Tatsächlich seien viele für Versuche missbraucht worden, ehe man sie getötet hat. Klee warf Königstein deshalb vor, eine Görden-Lüge zu verbreiten.

Götz Aly fordert Namensregister

Götz Aly hat in seinem neuen Buch gefordert, die Namen der Opfer der NS-Euthanasie in einem zentralen Register zu veröffentlichen. Jeder achte Deutsche im Alter von über 25 Jahren sei verwandt mit einem Opfer. Doch nur einer von zehn wisse dies.

Die Stolpersteininitiativen haben nicht auf Alys Aufruf gewartet. Seit Jahren verlegen sie für diese oft vergessenen Menschen Steine. Auch der Name Gerda Metzger steht inzwischen auf einer von dem Kölner Künstler Gunter Dennig gefertigten, zehn mal zehn Zentimeter großen Messingplatte. Der Stein mit dem Namen, dem Geburts- und dem Todestag von Gerda Metzger wird am Samstag, den 13. April, verlegt. Vor dem ehemaligen Städtischen Kinderkrankenhaus in der Türlenstraße 22A.

Die Stadt Stuttgart dagegen hat sich bis heute nicht mit dem Kindermord in ihrem Kinderkrankenhaus befasst. Obermedizinalrat Karl Lempp blieb bis zu seiner Pensionierung 1950 dessen Leiter und wurde vier Jahre später noch mit einem Professorentitel geehrt. Als er 1960 starb, ging das Amtsblatt der Stadt im Nachruf mit keinem Wort auf seine Tätigkeit während der NS-Zeit ein.

Ob eine von den Stolpersteininitiativen und dem Personalrat der städtischen Kliniken für Ende des Jahres geforderte Wanderausstellung mit dem Titel "Im Gedenken der Kinder" stattfinden kann, ist offen. Noch gibt es keine Finanzierung. Die Kosten liegen bei rund 3000 Euro. Veronika Kienzle, die Bezirksvorsteherin von Stuttgart-Mitte, hat bereits ihre Unterstützung zugesagt.

 

 

Kontext-Autor Hermann G. Abmayr befasst sich seit vielen Jahren mit NS-Tätern und -Opfern. Zuletzt hat er das Buch "Stuttgarter NS-Täter" herausgegeben, für das Karl-Horst Marquart das Kapitel über den Kinderarzt Karl Lempp verfasste.


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Ausgabe 230 / "Wir müssen die Résistance studieren" / CharlotteRath, 28.08.2015 14:23
Ein guter Beitrag. Darin geht es längst nicht nur um großkopfete Projekte wider die menschliche Gemeinschaft, sondern auch um die fragwürdige Konstruktion 'Nationalstaat'. In Zeiten brennender Flüchtlingsheime sollten wir uns...

Ausgabe 230 / Fremdenhass im Südwesten / Blender, 28.08.2015 08:50
@Ophir, 27.08.2015 18:28 Stimmt! In der Tat kommen einem da die Tränen. Weil diese Täter die Vorteile unserer Demokratie ausnutzen um diese zu untergraben. Sie begehen Körperverletzung, Volksverhetzung, Beleidigung, Landfriedensbruch...

Ausgabe 230 / Fremdenhass im Südwesten / Ophir, 27.08.2015 18:28
Doch kommen einem doch glatt die Tränen beim lesen des Artikels ... *schnief* ...

Ausgabe 230 / Es grünt so grün / Lutz H., 27.08.2015 15:58
Ich vermeide es ja, Wahlkampfveranstaltungen zu besuchen, solche der CDU ohnehin. Leider konnte ich bei der Lektüre dieses guten Artikels aber nicht vermeiden, die Zitate von Guido Wolf auch zu lesen. Mir wird schon jetzt ganz unwohl,...

Ausgabe 230 / Ohne Moos nichts los / Lutz H., 27.08.2015 15:51
> "Bislang gibt es seitens der Landeshauptstadt keine Planungen, eine Fahrspur der B 14 für den Radverkehr zur reservieren", teilt die Pressestelle auf Anfrage mit. Ich ich wette, dass es solche sehr sinnvollen Planungen auch nicht...

Ausgabe 230 / Hass mit Ansage / Schwabe, 27.08.2015 15:19
Der Link unterstreicht meines Erachtens die Heuchelei unserer führenden (bürgerlichen) Politiker - nicht nur beim abarbeiten ihrer "Protokollstrecken": http://www.nachdenkseiten.de/?p=27348

Ausgabe 230 / Fremdenhass im Südwesten / H.Ewerth, 27.08.2015 14:57
Alleine seit dem Mauerfall gibt es schon wieder in Deutschland über 150 ermordete Menschen auf Grund einer menschenverachtenden Ideologie zu beklagen. Es war und ist doch eigentlich immer klar gewesen, dass nur weil Deutschland den Krieg...

Ausgabe 230 / Ohne Moos nichts los / Schwabe, 27.08.2015 14:43
@Frickleburt Frogfart 27.08.2015 11:56 Uhr Ja klar, an die Ursache des Problems herangehen wäre ja zu einfach - nicht wahr Herr Frogfart. Und das hat auch überhaupt gar nichts mit Lobbyrücksicht zu tun - schon klar. Na dann machen Sie...

Ausgabe 230 / Ohne Moos nichts los / Peter S., 27.08.2015 14:08
Also daß eine S-Bahn gut, aber in Stuttgart eben total am Limit ist, wissen wir schon seit Jahren. Denke, da könnte man mit ein paar 100 Millionen schon was mit Ausbau machen. Aber wir beseitigen lieber einen top funktionierenden...

Ausgabe 230 / Keine Wurst von der NPD / Seb Lohj, 27.08.2015 12:38
Die Masche sollte doch inzwischen bekannt sein: - Zunächst gibt eine rechte Vereinigung bekannt eine Immobilie kaufen zu wollen. - Dann bricht im Landkreis die Panik aus, wodurch Gelder aus allen möglichen Quellen zusammengetragen...

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