KONTEXT Extra:
Bodensee: Auf ans andere Ufer!

Der Stuttgarter Christopher-Street-Day ist vorbei. Doch wer eine weitere Auszeit vom Hetero-Alltag braucht, ist beim Schwulen-Sommercamp in Markelfingen am Bodensee gut aufgehoben. Bereits zum 21. Mal laden DGB- und Verdi-Jugend Baden-Württemberg in der letzten Augustwoche junge Schwule von 16 bis 27 Jahren an den Bodensee. Es geht um schwule Lebenswelten ebenso wie um gewerkschaftliche und politische Fragen. Und immer, auch das ist schon Tradition, besuchen PolitikerInnen das Camp am Bodensee. In diesem Jahr hat sich Landessozialministerin Katrin Altpeter (SPD) bei den Jungmännern angesagt, für die das andere Ufer die richtige Bodensee-Seite ist.

Infos und Anmeldung unter www.schwulessommercamp.info


Bahnchef Grube öffnet privaten Investoren die Hintertür

Wer geglaubt hat, die Privatisierung der Deutschen Bahn (DB) sei vom Tisch, täuscht sich. Am heutigen Montag tagt der DB-Aufsichtsrat und dort wird Rüdiger Grube seine Pläne für den Konzernumbau vorstellen. Neben den Personalien im DB-Vorstand, wie den Aufstiegen von Ronald Pofalla und Volker Kefer, steht die Auflösung der DB Mobility Logistics AG (ML) auf der Tagesordnung. Zum Verkauf stehen offenbar Anteile an den Bahn-Töchtern Schenker und Arriva, die von privaten Kapitalgebern übernommen werden sollen. Dies bedeute einen "Investoreneinstieg durch die Hintertür", kritisiert das Bündnis "Bahn für Alle". Damit würden zum ersten Mal private Anteilseigner über die Geschicke des Staatskonzerns mitbestimmen. Kontext-Experte Winfried Wolf wird die Pläne von Bahnchef Grube in der kommenden Ausgabe einordnen.


Die Natur auf der Leinwand – jetzt in Ludwigsburg

Der Natur eine Stimme geben und sie auf die Leinwand bringen; von heute 23. bis Sonntag 26. Juli  findet in Ludwigsburg das 14. Filmfest NaturVision statt. Deutschlands ältestes und grösstes Filmfestival zu den Themen Natur, Tier und Umwelt. Faszinierende Dokumentationen und kritische Umweltreportagen sind zu sehen, Diskussionen mit Filmemachern, Workshops und Vorträge sind zu hören. Open Air Kino für alle ist zu erleben.
Programm unter www.natur-vision.de


Der Bierbrauer Farny und seine NS-Vergangenheit

Oskar Farny (1891–1983) hatte im Allgäu einen Ruf wie Donnerhall. Als Brauer (Farny-Weizen) und als Politiker, der es bis zum Minister für Bundesangelegenheiten brachte. Eine Stiftung trägt seinen Namen, eine Straße, ein Institut, eine Sporthalle. Über seine NS-Vergangenheit wird eher Schweigen ausgebreitet. Gebrochen hat es der Historiker Wolfgang Proske, der den Wangener Ehrenbürger in seine Buchreihe „Täter Helfer Trittbrettfahrer“ aufgenommen hat. Der Autor des Farny-Kapitels ist Frank Raberg, der dazu für Kontext einen Beitrag geschrieben hat.
http://www.kontextwochenzeitung.de/zeitgeschehen/211/oskar-farny-der-allgaeuer-januskopf-2832.html.
Er diskutiert am Mittwoch, 22. Juli, mit dem Vorsitzenden der Oskar-und-Elisabeth-Farny-Stiftung. Der heißt Jörg Leist und war Oberbürgermeister von Wangen. Die Veranstaltung beginnt um 20:00 Uhr in der Stadtbücherei Wangen.


Was wird jetzt aus der Villa Berg?

Nun ist es amtlich: Die Stadt kauft die Villa Berg von dem Investor Mathias Düsterdick (PDI) für 300.000 Euro zurück. Die Wagenhalle soll erhalten bleiben und renoviert werden. Die bereits bewilligten 5,5 Millionen Euro können sofort genutzt werden, über den auf bis zu 30 Millionen bezifferten Gesamtaufwand wird in den Beratungen zum Doppelhaushalt 2016/17 entschieden. Zwei wichtige Beschlüsse des Stuttgarter Gemeinderats, die aber natürlich gleich die nächsten Fragen aufwerfen: Was wird aus der Villa und wer soll in welcher Form darüber entscheiden? Fängt die Stadt jetzt endlich an, den Park wieder in einen ansehnlichen Zustand zu versetzen? Wie wird die Wagenhalle saniert? Wird sie noch ihren Charme als Gründerzeit-Industriebau bewahren? Wie soll das geplante Nebeneinander von künftigem Wohngebiet und einem Veranstaltungsraum für 2100 Besucher funktionieren? Welche Rolle spielt der Kulturstandort im künftigen Rosensteinquartier?

KONTEXT-Artikel zu dem Thema:

http://www.kontextwochenzeitung.de/schaubuehne/209/darf-s-ein-bisschen-mehr-sein-2815.html

http://www.kontextwochenzeitung.de/gesellschaft/183/occupy-villa-berg-2462.html


12. Indisches Filmfestival Stuttgart

Während auch in Stuttgart tropische Temperaturen herrschen, beginnt hier das Indische Filmfestival - das größte in Europa, wie die Veranstalter stets stolz betonen. Ein Highlight ist der Dokumentarfilm "India's Daughter". Es ist die Geschichte jener Studentin, die im Dezember 2012 Opfer einer brutalen Gruppenvergewaltigung wurde und an deren Folgen verstarb. Dieser Film einer amerikanischen Regisseurin ist in Indien verboten und wird in Stuttgart am Freitag, 17.Juli gezeigt: Um 18 Uhr im Metropol 3.


Im vollen Wichs gibt’s für Oettinger nix

Dass sie angeheitert waren, hat den Wirt der altlinken Kneipe „Boulanger“ in Tübingen, nicht gestört. Der „volle Wichs“ war’s, der unseren CDU-EU-Kommissar außen vor ließ. „Im Wichs gibt’s nix“ wurde Günther Oettinger und seiner Truppe bedeutet, die sich nach dem 200. Stiftungsfest der Landsmannschaft Ulmia auf Sauftour begeben hatte. Der Wirt („Ich verkaufe Räusche“), der auch noch Andreas Marx heißt, bekundete gegenüber dem „Schwäbischen Tagblatt“, eigentlich nichts gegen Verbindungen zu haben. Aber nach einer Attacke auf einen kostümierten Hohenstaufen, die fast zur Saalschlacht geworden wäre, lasse er nur noch Gäste ohne Folkloreverkleidung in seine Gaststube. Damals habe er sich dazwischen werfen und viel Schnaps ausschenken müssen, um die Gemüter zu beruhigen. Wenn Oettinger seine „Ulmia-Accessoires“ (Tagblatt) abgelegt hätte, wäre ihm der Zutritt selbstverständlich nicht verwehrt worden, versicherte Marx.


Ein Freiburger wird neuer Chefredakteur der taz

Plötzlich ging's ganz schnell in der Berliner Rudi-Dutschke-Straße. Kaum ist Ines Pohl weg, präsentiert die taz ihren Nachfolger: Georg Löwisch, 41, geboren in Freiburg. Der Badener ist ein Kind des Blattes, hat dort 1998 volontiert und von 2009 an die neu gegründete sonntaz geleitet. 2012 ist er zum Politmagazin "Cicero" als Textchef gewechselt. Jetzt freut er sich, "nach Hause zu kommen". Löwisch wird alleiniger Chefredakteur und will seinen Teil dazu beitragen, dass die taz die "stärkste Stimme der demokratischen Gegenöffentlichkeit in Deutschland" bleibt. Gelobt wird seine Integrationsfähigkeit, was bei der streitlustigen Redaktion nicht schaden kann. Auch für ihn gilt natürlich das Kontext-Brezel-Angebot, das er, wie seine Vorgängerin Pohl, mit einem Heimatbesuch verbinden kann.


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Ausgabe 105
Zeitgeschehen

Stuttgarter Kindsmord

Von Hermann G. Abmayr
Datum: 03.04.2013
Gewaltsam hat der Arzt die kleine Gerda, die an einer spastischen Lähmung litt, entführt und in die Stuttgarter "Kinderfachabteilung" gebracht, wo sie getötet wurde. Euthanasie, schöner Tod, nannten die Nazis das. Ein Tabuthema – auch in den Nachkriegsjahrzehnten.

NS-Propagana begleitete den Mord an Behinderten. Zeitschrift: Volk und Rasse, 1936

Über sechs Jahrzehnte konnte die 1916 geborene Berta Metzger mit niemandem darüber sprechen. Erst 2009, kurz vor ihrem Tod, hat sie Matthias-Herbert Enneper ihre Geschichte anvertraut. Ihr einziges Kind, das Ende November 1939 in der Gemeinde Flacht – heute ein Ortsteil von Weissach bei Stuttgart – zur Welt kam, war von Geburt an behindert. 

Berta Metzger hatte Gerda nicht in ein Heim bringen wollen, sondern sich zu Hause um ihr Kind gekümmert. "Das darf man nicht", sagten ihr die Leute damals. "Du wirst schon sehen." Das Mädchen war vermutlich beim zuständigen Gesundheitsamt in Leonberg als behindert gemeldet worden. Ärzte, Hebammen oder Gemeindekrankenschwestern waren seit 1939 überall im Deutschen Reich verpflichtet, behinderte Kinder (gegen Honorar) zu melden. Dem Tod ging viel Bürokratie voraus. 

Fabrikmäßige Ermordung

1939 hatten die Nazis erstmals in der Geschichte der Menschheit damit begonnen, die fabrikmäßige Ermordung von Menschen vorzubereiten, die zeitweise oder dauerhaft körperlich oder geistig behindert waren. In Grafeneck auf der Schwäbischen Alb begann das Morden dann – lange vor Auschwitz. 1940 wurden dort über 10 000 Menschen, die aus "Heil- und Pflegeanstalten" in grau lackierten Bussen angekarrt worden waren, ermordet. 

Für Kinder und Jugendliche mit körperlichen oder geistigen Behinderungen, die zu Hause lebten, richtete der NS-Staat dann sogenannte Kinderfachabteilungen ein, in denen sie getötet wurden. Nach neuester Forschung hat es im damaligen Deutschen Reich über 30 derartige Einrichtungen gegeben. Über die genaue Zahl wird noch geforscht. Auch im Städtischen Kinderkrankenhaus in Stuttgart in der heutigen Türlenstraße 22A, die von dem Kinderarzt und Chef des städtischen Gesundheitsamtes, Karl Lempp, geleitet wurde.

Ein Arzt entführt das Mädchen

Eines Tages, so berichtet Berta Metzger Jahrzehnte später, habe sie ein Arzt besucht, der ihre Tochter untersuchen wollte. Das muss Mitte Juli 1943 gewesen sein. Als die Mutter in dem Zimmer, in dem der Mediziner zugange ist, Schreie hört und der Kleinen zu Hilfe eilen will, versperrt ihr der Fahrer des Arztes den Weg. Nach der Untersuchung findet Berta Metzger das Mädchen nackt und völlig verstört in der Ecke sitzend. Als sie wissen will, was geschehen ist, brüllt der Arzt, sie solle das Maul halten und sich von ihrer Tochter verabschieden; sie käme in eine Spezialklinik. Die beiden Männer zerren das Kind die Treppe hinunter und fahren mit ihm davon, ohne zu sagen, in welche Klinik sie die Kleine bringen würden.

Die Mutter ist verzweifelt; nicht einmal Wäsche konnte sie ihrem Kind mitgeben. Noch am gleichen Abend macht sie sich zu Fuß auf den Weg ins 30 Kilometer entfernte Stuttgart, wo sie Gerda vermutet. Sie fragt sich so lange durch, bis sie zur Kinderklinik in die Türlenstraße kommt, wo man zwar bestätigt, dass Berta hier sei, ihr aber den Zutritt verweigert. Da sie sich nicht abwimmeln lässt und ein so "großes Theater" macht, dass die Leute auf der Straße stehen bleiben, darf sie dann eintreten.

Tags darauf ist Gerda Metzger tot 

Sie findet ihr Kind völlig apathisch vor; Gerda reagiert auf keinerlei Ansprache oder Liebkosung. Sicher nicht die Folge ihrer Lähmung. Offenkundig waren ihr Schlafmittel verabreicht worden. Dann herrscht die Krankenschwester Berta Metzger an, sie solle endlich gehen, und stößt sie zur Tür hinaus. Die Mutter fragt, ob sie am nächsten Tag wieder kommen könne, um ihr Kind zu besuchen. Antwort: "Ja, wenn es dann noch lebt." Tags darauf ist Gerda Metzger tot. Gestorben sei die Spastikerin, so sagte man der Mutter, an einer ansteckenden Krankheit.

Als Matthias-Herbert Enneper diese Geschichte der Stuttgarter Stolpersteininitiative geschickt hat, konnte sie der Arzt und NS-Euthanasie-Spezialist Karl-Horst Marquart schnell verifizieren. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema und hat 2009 enthüllt, dass in der Stuttgarter "Kinderfachabteilung" bis 1945 mindestens 52 Kinder und Jugendliche ermordet worden waren. Andere sind ins hessische Eichberg geschickt worden, um dort umgebracht zu werden. Verantwortlich war Karl Lempp, Leiter des Kinderkrankenhauses und Chef des Gesundheitsamtes. 

Im Leichenregister, das Marqaurt ausgewertet hat, heißt es, Gerda Metzger sei an Diphtherie gestorben. Eine ansteckende Infektionskrankheit, die tödlich enden kann. Die Diagnose hält der Mediziner Karl-Horst Marquart für eine Fälschung, schon, weil diese Krankheit niemals innerhalb eines Tages tödlich verlaufen kann. In Klammern konnte Marquart im Register aber auch die Diagnose Little'sche Krankheit lesen, eine spastische Lähmung durch Gehirnschaden also.

Angst, über den Fall zu sprechen 

"Sie ist auf Zehenspitzen gegangen", sagt eine ältere Frau, die Berta Metzger und ihre Tochter kannten, berichtet die Leiterin des Flachter Heimatmuseums, Barbara Hornberger. Typisch für eine Spastikerin, bestätigt Karl-Horst Marquart. Sie konnte "ned recht schwätza", erinnert sich eine heute über 90 Jahre alte Cousine. "Und's hod ghoißa, se sei fortkomme", erinnert sich eine frühere Nachbarin in der Bergstraße. Als Todesursache sei Diphtherie genannt worden. Damals habe man Angst gehabt, über den Fall zu sprechen, sagen die Zeitzeuginnen.

Der Flachter Pfarrer Harald Rockel hat in seinen Unterlagen bis jetzt keinen Hinweis auf Gerda Metzger gefunden. Auch Ortsarchivar Matthias Graner sucht noch nach schriftlichen Quellen, denn bei Detailfragen gibt es noch einige Widersprüche. Wie oft Vater Emil Metzger sein Kind gesehen hat, ist bisher unbekannt. Als der Zweite Weltkrieg begann, war er 28 Jahre alt. Sein Name steht auf dem Flachter Gefallenendenkmal. 

Verantwortlich für die Tötung von Kindern: Krankenhaus-Chef Karl Lempp. Foto: Landesarchiv Baden-Württemberg Seine Tochter Gerda war nicht das einzige behinderte Kind in Flacht, berichtet Barbara Hornberger. Auch in der Familie des NSDAP-Ortsgruppenleiters Gotthold Roth lebte ein Kind namens Gretel, das im Sinne der NS-Ideologie ein "unnützer Esser" war. Es habe die Nazizeit genauso überlebt wie ein weiteres behindertes Kind. Vom damaligen evangelischen Ortspfarrer Otto Mörike ist bekannt, dass er ein entschiedener Gegner der Nazis war, berichtet Hornberger. Ob er sich eingemischt hat, um die beiden Kinder zu retten, ist nicht bekannt. 

Europaweit hatten die Nazis zwischen 1939 und 1945 etwa 300 000 behinderte und psychisch kranke Menschen ermordet, weil ihr Leben angeblich nicht "lebenswert" war. Nur ein Teil der Angehörigen im damaligen Deutschen Reich wehrte sich gegen deren Verschleppung, berichtet der Historiker und Journalist Götz Aly in seinem neuen Buch "Die Belasteten – 'Euthanasie' 1939 bis 1945". Doch der Druck war groß. Alle sozialen Hilfen bis zum Kindergeld für die gesunden Nachkömmlinge seien den Widerständigen entzogen worden; man habe mit Zwangssterilisierung gedroht, da es sich angeblich um "erbkranke Familien" handelte.

Kinderarzt Lempp blieb straffrei

Die meisten Täter sind nach 1945 straffrei geblieben. Welcher Arzt Gerda Metzger abgeholt hat, ist nicht eindeutig nachzuweisen. Karl-Horst Marquart vermutet, dass es der Landesjugendarzt war, der dafür bekannt war, in Württemberg herumzufahren, um Behinderte zu suchen, die dann getötet wurden. Er sei einer der wenigen in Baden-Württemberg gewesen, die sich zumindest in einem Prozess verantworten mussten, Ende der 40er-Jahre im Grafeneck-Prozess in Tübingen. Der endete für den Arzt aber mit einem Freispruch. 

Karl Lempp, der Leiter der Kinderfachabteilung in Stuttgart, der nach den Recherchen von Marquart für NS-Kinder-Euthanasie und etliche Fälle von Zwangssterilisation verantwortlich ist, musste nicht einmal vor einem Gericht erscheinen. Marquart hat die Ergebnisse seiner Forschungen über Karl Lempp 2009 erstmals in dem Buch "Stuttgarter NS-Täter" veröffentlicht. Doch Enkel Volker Lempp, ein Rechtsanwalt, bestritt die Vorwürfe und hat versucht, die Verbreitung des Buches beziehungsweise des Lempp-Kapitels zu verhindern. In letzter Minute zog er seinen Antrag auf einstweilige Verfügung beim Landgericht Stuttgart dann aber Ende 2009 zurück. Das ursprünglich erwogene Hauptsacheverfahren hat er nie angestrengt.

Ein Lehrer leugnet immer noch

Berufen haben sich Volker Lempp sowie der inzwischen verstorbene Tübinger Kinder- und Jugendpsychiater Reinhart Lempp unter anderem auf den Geschichtslehrer Rolf Königstein, der bis vor wenigen Jahren am Max-Born-Gymnasium in Backnang (Region Stuttgart) Geschichte unterrichtet hat. Königstein ist bis heute der einzige Autor, der die Existenz einer Kinderfachabteilung im Städtischen Kinderkrankenhaus in Stuttgart leugnet. Ernst genommen wird er in der Fachwelt allerdings nicht.

Publiziert hatte Königstein seine Thesen in einer Unterrichtshilfe mit dem Titel "NS-Euthanasie in Baden-Württemberg – Archivpädagogische Anregungen für die gymnasiale Oberstufe", die die Landeszentrale für politische Bildung herausgebracht hatte, sowie in einem 2004 erschienen Aufsatz in der Zeitschrift der württembergischen Landesgeschichte. Sie wird mittlerweile nicht mehr verbreitet und ist aus dem Internet-Angebot der Landeszentrale entfernt worden.

In derselben Schrift habe Rolf Königstein die Rolle der Tötungseinrichtung in Brandenburg-Görden stark verharmlost, sagt der NS-Forscher Ernst Klee. Dort seien Kinder jedenfalls nicht therapiert worden, wie Königstein behauptet. Tatsächlich seien viele für Versuche missbraucht worden, ehe man sie getötet hat. Klee warf Königstein deshalb vor, eine Görden-Lüge zu verbreiten.

Götz Aly fordert Namensregister

Götz Aly hat in seinem neuen Buch gefordert, die Namen der Opfer der NS-Euthanasie in einem zentralen Register zu veröffentlichen. Jeder achte Deutsche im Alter von über 25 Jahren sei verwandt mit einem Opfer. Doch nur einer von zehn wisse dies.

Die Stolpersteininitiativen haben nicht auf Alys Aufruf gewartet. Seit Jahren verlegen sie für diese oft vergessenen Menschen Steine. Auch der Name Gerda Metzger steht inzwischen auf einer von dem Kölner Künstler Gunter Dennig gefertigten, zehn mal zehn Zentimeter großen Messingplatte. Der Stein mit dem Namen, dem Geburts- und dem Todestag von Gerda Metzger wird am Samstag, den 13. April, verlegt. Vor dem ehemaligen Städtischen Kinderkrankenhaus in der Türlenstraße 22A.

Die Stadt Stuttgart dagegen hat sich bis heute nicht mit dem Kindermord in ihrem Kinderkrankenhaus befasst. Obermedizinalrat Karl Lempp blieb bis zu seiner Pensionierung 1950 dessen Leiter und wurde vier Jahre später noch mit einem Professorentitel geehrt. Als er 1960 starb, ging das Amtsblatt der Stadt im Nachruf mit keinem Wort auf seine Tätigkeit während der NS-Zeit ein.

Ob eine von den Stolpersteininitiativen und dem Personalrat der städtischen Kliniken für Ende des Jahres geforderte Wanderausstellung mit dem Titel "Im Gedenken der Kinder" stattfinden kann, ist offen. Noch gibt es keine Finanzierung. Die Kosten liegen bei rund 3000 Euro. Veronika Kienzle, die Bezirksvorsteherin von Stuttgart-Mitte, hat bereits ihre Unterstützung zugesagt.

 

 

Kontext-Autor Hermann G. Abmayr befasst sich seit vielen Jahren mit NS-Tätern und -Opfern. Zuletzt hat er das Buch "Stuttgarter NS-Täter" herausgegeben, für das Karl-Horst Marquart das Kapitel über den Kinderarzt Karl Lempp verfasste.


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