KONTEXT Extra:
Die Linke: Strobl macht sich zum Hetzer des Monats

Noch ist das Asylpaket II nicht endgültig verabschiedet, schon gibt es weitere Vorschläge zur Verschärfung. Sie kommen vom CDU-Chef aus Baden-Württemberg, wo am 13. März ein neuer Landtag gewählt wird. Thomas Strobl, Schäuble-Schwiegersohn und CDU-Vize, fordert, dass diejenigen, die als Asylberechtigte anerkannt worden sind, erst nach fünf Jahren ein Daueraufenthaltsrecht erhalten sollen. Dies soll außerdem an Bedingungen wie Deutschkenntnisse und den Nachweis geknüpft sein, dass sie selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen können. "Das Recht, unbefristet in Deutschland zu sein, sollte es nicht zum Nulltarif geben", sagte Strobl der "Welt". "Strobl macht sich zum Hetzer des Monats", kritisiert Gökay Akbulut, die baden-württembergische Spitzenkandidatin der Linken. Das Grundrecht auf Asyl werde allen Menschen gewährt, die vor Krieg, Gewalt und Verfolgung fliehen, Wirtschaftsinteressen spielten da keine Rolle. Mit diesem Vorstoß hetze der CDU-Mann gegen Flüchtlinge, so Akbulut: "Damit spielt er der AfD in die Hände."


Kein Bundesverdienstkreuz für Frauke Petry!

Jürgen Domian hat es bekommen für "soziales Engagement" mit seiner Radiosendung, Birgit Schrowange für ihren Einsatz gegen Kinderarmut: den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland - das Bundesverdienstkreuz. Seit 2012 liegt die Auszeichnung auch bei AfD-Chefin Frauke Petry in der Schublade, weil die mit ihrer Firma einen umweltfreundlichen Kunststoff entwickelt hat. Aber Frauke Petry? Die mit dem Schießbefehl? Der von Theodor Heuss gestiftete Orden soll eigentlich "eine Auszeichnung all derer bedeuten, deren Wirken zum friedlichen Aufstieg der Bundesrepublik Deutschland beiträgt".

Igor Fayler hat nun eine Petition gestartet, um Petry die Auszeichnung wieder abzuerkennen. Die Frau mit den explosiven Ideen wirke dem "friedlichen Aufstieg" der Bundesrepublik "diametral entgegen".

Das Bundespräsidialamt teilt auf Kontext-Anfrage allerdings mit, dass an eine Aberkennung ein "strenger Maßstab angelegt" würde. Das Ganze geht nur über "§ 4 des Gesetzes über Orden, Titel und Ehrenzeichen" und der besagt, dass in der Regel "eine rechtskräftige Verurteilung zu einer Freiheitsstrafe" Voraussetzung ist für einen Ordensentzug. Immerhin, da bleibt ja noch Hoffnung.

Mit Petrys Kunststoff werden übrigens große Reifen befüllt, so steht's auf der Seite des Bundespräsidenten, man kann ihn aber auch für Fahrradreifen, Rollstühle oder Kinderwagen verwenden. Kinderwagen? War da nicht was #Schießbefehl #Beatrix von Storch?

Die AfD-Baden-Württemberg dementiert übrigens "mit Nachdruck" die Schießbefehl-Idee. Sie sei "in verkürzter Form und aus dem Zusammenhang gerissen" wiedergegeben worden und - eh klar: Vom politischen Gegner inszeniert und "Teil einer gegen uns gerichteten Kampagne, die vor keinen Verdrehungen und Verleumdungen mehr zurückschreckt." Oje, oje, die Russen sind da.


Kretschmann und Schmid - jetzt doch mit der AfD

Vorläufiges Ende eines Eiertanzes: Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) und sein Stellvertreter Nils Schmid (SPD) setzen sich jetzt doch mit den Rechtsaußen von der AfD an einen Tisch. Das teilten ihre Sprecher am Freitag Abend (29.1.2016) mit. Zur Begründung für den Sinneswandel führen sie an, der SWR habe versichert, dass eine direkte Auseinandersetzung mit dem "rechtsradikalen Kern" der AfD möglich sein werde. Nun könnten sie die Brandstifter stellen. Damit funktioniert der ursprüngliche Plan des Senders, die Elefantenrunde am 10. März mit Kretschmann, Schmid, Guido Wolf (CDU), Hans-Ulrich Rülke (FDP), Bernd Riexinger (Die Linke) und Jörg Meuthen (AfD) zu besetzen. Zuvor hatten Kretschmann und Schmid bereits für Podien der "Stuttgarter Zeitung" (1. März) und der "Stuttgarter Nachrichten" (24. 2.) zugesagt - unter Einschluss der AfD.


Neu gehängt und nicht getroffen

Günther Oettinger, siebter Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg und heutiger EU-Digitalisierungskommissar, hat unerwartete Einblicke in sein Verhältnis zu seiner Amtszeit und zum Land gegeben. Anlass war die Hängung seines Porträts in der Villa Reitzenstein im Rahmen der Sammlung der "Gesichter mit Geschichte". Auf dem Gemälde hat eine Kugel eine Glaswand durchschlagen und nur knapp seinen Kopf verfehlt: Links oben platzierte die Künstlerin - Anke Doberan, eine Schülerin von Ben WiIlikens - ein veritables Einschussloch. Doberan, die auch in Marseille lebt und der Oettinger nie Modell saß, weil er alle Termine kurzfristig platzen ließ, will ihr Werk auf diese Weise in die heutige Zeit stellen, in der Terror und Anschläge an der Tagesordnung seien. Oettinger, 2010 von Angela Merkel nach Brüssel versetzt, schlug dagegen einen Bogen zum "Tatort Baden-Württemberg": und sprach davon, dass der Schuss knapp danebengegangen sei: "Gesund geblieben, aber doch angreifbar". In der Politik werde eben scharf geschossen. Nachnachfolger Winfried Kretschmann erinnerte daran, wie nahe die beiden 2006 an Schwarz-Grün gewesen seien, einer "charmanten Idee", die der "kaputtgemacht" habe, der irgendwann zwischen ihnen hängen werde: Stefan Mappus.


Miese Luft in ganz Stuttgart

Auch abseits der Feinstaubkreuzung Neckartor ist die Luft in Stuttgart stark mit dem Schadstoff NO2 (Stickstoffdioxid) belastet, so das Ergebnis einer heute (28.1.16) veröffentlichten Studie der Deutschen Umwelthilfe (DUH): hinter Spitzenreiter Hauptbahnhof (Mittelwert 126 µg/m3) folgt das Katharinenhospital mit einem Mittelwert von 106 µg/m3, danach das Neckartor mit 99 µg/m3. "Erschreckend hoch" nennt die DUH auch die NO2-Werte von 82 µg/m3 am Zeppelin-Gymnasium, der Römerschule mit 65 µg/m3 sowie einer Kindertagesstätte mit 63 µg/m3. Hauptverursacher der hohen Schadstoffbelastung sind laut DUH Diesel-Pkw. Angesichts der "verheerenden Luftsituation und dem gescheiterten "Placebo-Fahrverbot" Mitte Januar" zeigte sich die DUH zuversichtlich, noch in diesem Jahr Fahrverbote für Dieselfahrzeuge in der Stuttgarter Umweltzone über eine im November 2015 eingereichten Klage vor dem Verwaltungsgericht Stuttgart durchsetzen zu können. Der Grenzwert zum Schutz menschlicher Gesundheit beträgt 200 µg/m3 (1-Stundenmittelwert) bei 18 zugelassenen Überschreitungen im Kalenderjahr, der mittlere Jahresgrenzwert 40 µg/m3.


Adler kontert Conradi: kein Pfefferspray

Tom Adler, Stuttgarter Stadtrat der "Linken", weist die Kritik von Peter Conradi an S-21-Gegnern "mit allem Nachdruck" zurück. Besonders empört zeigt er sich über den Vorwurf des langjährigen Mitstreiters, die Leiterin des Hospitalhofs, Monika Renninger, sei mit Pfefferspray bedroht worden. Dies sei, so Adler, "frei erfunden" und erinnere an die Behauptung des ehemaligen Innenministers Heribert Rech (CDU), die Demonstranten hätten am Schwarzen Donnerstag mit Pflastersteinen geworfen. Tatsächlich waren es Kastanien.

Peter Conradi hatte die eigenen Leute nach der Diskussion mit Heiner Geißler und Winfried Hermann im Hospitalhof (18. 2.) scharf kritisiert. Nachdem Renninger den Saal aus Brandschutzgründen habe schließen lassen, sei sie "wüst angegangen" und "mit Pfefferspray bedroht" worden, schrieb der Sozialdemokrat. Ruhe sei erst eingekehrt, als sich SÖS-Stadtrat Hannes Rockenbauch schützend vor die Pfarrerin gestellt habe.

Im Saal hätten einige Projektgegner in einer Weise gestört, die Geißler zu der berechtigten Frage veranlasst hätten, ob er hier bei der "Stuttgarter Pegida" sei? Ihr Ton habe sich in letzter Zeit "spürbar verschärft", fuhr Conradi fort. Diesen Hass auf Politik, Parteien, Parlamente und Presse kenne man "sonst nur von rechts". Dem widerspricht Adler ebenfalls. Die Veranstaltung sei von Besuchern, die Conradis "Kragenweite" in Stilfragen hätten, so "ganz und gar nicht" wahrgenommen worden. Auch der Vergleich mit der Pegida stößt Adler sauer auf. Es sei gelinde gesagt "grob fahrlässig", dem "Demagogen Geißler" an so einer Stelle "auch noch zu sekundieren".


Peter Conradi kritisiert S-21-Schreihälse

Peter Conradi, einer der Väter der S-21-Gegner, kritisiert die eigenen Leute scharf. Er bezieht sich auf die Veranstaltung mit Heiner Geißler und Winfried Hermann im Stuttgarter Hospitalhof. Nachdem die Leiterin des Bildungszentrums, Monika Renninger, den Saal aus Brandschutzgründen habe schließen lassen, sei sie "wüst angegangen" und "mit Pfefferspray bedroht" worden, schreibt der Sozialdemokrat. Ruhe sei erst eingekehrt, als sich SÖS-Stadtrat Hannes Rockenbauch schützend vor die Pfarrerin gestellt habe. Im Saal hätten einige Projektgegner in einer Weise gestört, die Geißler zu der berechtigten Frage veranlasst hätten, ob er hier bei der "Stuttgarter Pegida" sei? Ihr Ton habe sich in letzter Zeit "spürbar verschärft", fährt Conradi fort. Diesen Hass auf Politik, Parteien, Parlamente und Presse kenne man "sonst nur von rechts". Diese "Schreihälse und Störer" müssten zur Ruhe aufgefordert werden, weil sie den Protest beschädigten. Ein derart undemokratisches Verhalten wolle er nicht mittragen. Conradi gehört der Bewegung seit 1995 an.


Feinstaubalarm = Fehlalarm

Der erste Feinstaubalarm in Stuttgart verpufft wirkungslos: Trotz Aufrufen, das Auto stehen zu lassen und auf Bus und Bahn umzusteigen, schwebt immer mehr Feinstaub in der Luft. Laut Landesanstalt für Umwelt und Messungen (LUBW) lag der Tagesmittelwert für die lungengängigen Kleinstpartikel an der Feinstaubkreuzung Neckartor am ersten Tag des Feinstaubalarms (Mo., 18.1) bei knapp 90 Mikrogramm je Kubikmeter (cbm) Luft. Am zweiten Tag stieg er auf 141 Mikrogramm. Erlaubt sind 50 Mikrogramm / cbm Luft.Zu Grenzwert-Überschreitungen kommt es am 3. Alarmtag (Mi., 20.1.) auch an den Messstationen am Arnulf-Klett-Platz und in Bad Cannstatt: dort liegt die aktuelle Feinstaub-Konzentration bei 54 Mikrogramm. Wer nicht stehen lassen will, muss fühlen: Stuttgarts OB Fritz Kuhn bekräftigte, dass es ab 2017 ordnungspolitische Maßnahmen wie Fahrverbote geben werde, wenn die Freiwilligkeit die Schadstoffwerte nicht nachhaltig verringere. Kuhn: "Wir müssen in Stuttgart die EU-Grenzwerte für Feinstaub und Stickstoffdioxid einhalten, besser noch: deutlich unterschreiten - am besten freiwillig, notfalls unter Zwang." Vor dem Alarm wurden am Neckartor zwischen 14 und 22 Mikrogramm Feinstaub je cbm Luft gemessen. 2015 wurde der Grenzwert dort an 72 Tagen überschritten, erlaubt sind maximal 35. Der aktuelle Feinstaubalarm, ausgerufen wegen der windschwachen Wetterlage, soll noch bis mindestens Freitag, 22.1., 24 Uhr gelten.


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Ausgabe 105
Zeitgeschehen

Stuttgarter Kindsmord

Von Hermann G. Abmayr
Datum: 03.04.2013
Gewaltsam hat der Arzt die kleine Gerda, die an einer spastischen Lähmung litt, entführt und in die Stuttgarter "Kinderfachabteilung" gebracht, wo sie getötet wurde. Euthanasie, schöner Tod, nannten die Nazis das. Ein Tabuthema – auch in den Nachkriegsjahrzehnten.

NS-Propagana begleitete den Mord an Behinderten. Zeitschrift: Volk und Rasse, 1936

Über sechs Jahrzehnte konnte die 1916 geborene Berta Metzger mit niemandem darüber sprechen. Erst 2009, kurz vor ihrem Tod, hat sie Matthias-Herbert Enneper ihre Geschichte anvertraut. Ihr einziges Kind, das Ende November 1939 in der Gemeinde Flacht – heute ein Ortsteil von Weissach bei Stuttgart – zur Welt kam, war von Geburt an behindert. 

Berta Metzger hatte Gerda nicht in ein Heim bringen wollen, sondern sich zu Hause um ihr Kind gekümmert. "Das darf man nicht", sagten ihr die Leute damals. "Du wirst schon sehen." Das Mädchen war vermutlich beim zuständigen Gesundheitsamt in Leonberg als behindert gemeldet worden. Ärzte, Hebammen oder Gemeindekrankenschwestern waren seit 1939 überall im Deutschen Reich verpflichtet, behinderte Kinder (gegen Honorar) zu melden. Dem Tod ging viel Bürokratie voraus. 

Fabrikmäßige Ermordung

1939 hatten die Nazis erstmals in der Geschichte der Menschheit damit begonnen, die fabrikmäßige Ermordung von Menschen vorzubereiten, die zeitweise oder dauerhaft körperlich oder geistig behindert waren. In Grafeneck auf der Schwäbischen Alb begann das Morden dann – lange vor Auschwitz. 1940 wurden dort über 10 000 Menschen, die aus "Heil- und Pflegeanstalten" in grau lackierten Bussen angekarrt worden waren, ermordet. 

Für Kinder und Jugendliche mit körperlichen oder geistigen Behinderungen, die zu Hause lebten, richtete der NS-Staat dann sogenannte Kinderfachabteilungen ein, in denen sie getötet wurden. Nach neuester Forschung hat es im damaligen Deutschen Reich über 30 derartige Einrichtungen gegeben. Über die genaue Zahl wird noch geforscht. Auch im Städtischen Kinderkrankenhaus in Stuttgart in der heutigen Türlenstraße 22A, die von dem Kinderarzt und Chef des städtischen Gesundheitsamtes, Karl Lempp, geleitet wurde.

Ein Arzt entführt das Mädchen

Eines Tages, so berichtet Berta Metzger Jahrzehnte später, habe sie ein Arzt besucht, der ihre Tochter untersuchen wollte. Das muss Mitte Juli 1943 gewesen sein. Als die Mutter in dem Zimmer, in dem der Mediziner zugange ist, Schreie hört und der Kleinen zu Hilfe eilen will, versperrt ihr der Fahrer des Arztes den Weg. Nach der Untersuchung findet Berta Metzger das Mädchen nackt und völlig verstört in der Ecke sitzend. Als sie wissen will, was geschehen ist, brüllt der Arzt, sie solle das Maul halten und sich von ihrer Tochter verabschieden; sie käme in eine Spezialklinik. Die beiden Männer zerren das Kind die Treppe hinunter und fahren mit ihm davon, ohne zu sagen, in welche Klinik sie die Kleine bringen würden.

Die Mutter ist verzweifelt; nicht einmal Wäsche konnte sie ihrem Kind mitgeben. Noch am gleichen Abend macht sie sich zu Fuß auf den Weg ins 30 Kilometer entfernte Stuttgart, wo sie Gerda vermutet. Sie fragt sich so lange durch, bis sie zur Kinderklinik in die Türlenstraße kommt, wo man zwar bestätigt, dass Berta hier sei, ihr aber den Zutritt verweigert. Da sie sich nicht abwimmeln lässt und ein so "großes Theater" macht, dass die Leute auf der Straße stehen bleiben, darf sie dann eintreten.

Tags darauf ist Gerda Metzger tot 

Sie findet ihr Kind völlig apathisch vor; Gerda reagiert auf keinerlei Ansprache oder Liebkosung. Sicher nicht die Folge ihrer Lähmung. Offenkundig waren ihr Schlafmittel verabreicht worden. Dann herrscht die Krankenschwester Berta Metzger an, sie solle endlich gehen, und stößt sie zur Tür hinaus. Die Mutter fragt, ob sie am nächsten Tag wieder kommen könne, um ihr Kind zu besuchen. Antwort: "Ja, wenn es dann noch lebt." Tags darauf ist Gerda Metzger tot. Gestorben sei die Spastikerin, so sagte man der Mutter, an einer ansteckenden Krankheit.

Als Matthias-Herbert Enneper diese Geschichte der Stuttgarter Stolpersteininitiative geschickt hat, konnte sie der Arzt und NS-Euthanasie-Spezialist Karl-Horst Marquart schnell verifizieren. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema und hat 2009 enthüllt, dass in der Stuttgarter "Kinderfachabteilung" bis 1945 mindestens 52 Kinder und Jugendliche ermordet worden waren. Andere sind ins hessische Eichberg geschickt worden, um dort umgebracht zu werden. Verantwortlich war Karl Lempp, Leiter des Kinderkrankenhauses und Chef des Gesundheitsamtes. 

Im Leichenregister, das Marqaurt ausgewertet hat, heißt es, Gerda Metzger sei an Diphtherie gestorben. Eine ansteckende Infektionskrankheit, die tödlich enden kann. Die Diagnose hält der Mediziner Karl-Horst Marquart für eine Fälschung, schon, weil diese Krankheit niemals innerhalb eines Tages tödlich verlaufen kann. In Klammern konnte Marquart im Register aber auch die Diagnose Little'sche Krankheit lesen, eine spastische Lähmung durch Gehirnschaden also.

Angst, über den Fall zu sprechen 

"Sie ist auf Zehenspitzen gegangen", sagt eine ältere Frau, die Berta Metzger und ihre Tochter kannten, berichtet die Leiterin des Flachter Heimatmuseums, Barbara Hornberger. Typisch für eine Spastikerin, bestätigt Karl-Horst Marquart. Sie konnte "ned recht schwätza", erinnert sich eine heute über 90 Jahre alte Cousine. "Und's hod ghoißa, se sei fortkomme", erinnert sich eine frühere Nachbarin in der Bergstraße. Als Todesursache sei Diphtherie genannt worden. Damals habe man Angst gehabt, über den Fall zu sprechen, sagen die Zeitzeuginnen.

Der Flachter Pfarrer Harald Rockel hat in seinen Unterlagen bis jetzt keinen Hinweis auf Gerda Metzger gefunden. Auch Ortsarchivar Matthias Graner sucht noch nach schriftlichen Quellen, denn bei Detailfragen gibt es noch einige Widersprüche. Wie oft Vater Emil Metzger sein Kind gesehen hat, ist bisher unbekannt. Als der Zweite Weltkrieg begann, war er 28 Jahre alt. Sein Name steht auf dem Flachter Gefallenendenkmal. 

Verantwortlich für die Tötung von Kindern: Krankenhaus-Chef Karl Lempp. Foto: Landesarchiv Baden-Württemberg Seine Tochter Gerda war nicht das einzige behinderte Kind in Flacht, berichtet Barbara Hornberger. Auch in der Familie des NSDAP-Ortsgruppenleiters Gotthold Roth lebte ein Kind namens Gretel, das im Sinne der NS-Ideologie ein "unnützer Esser" war. Es habe die Nazizeit genauso überlebt wie ein weiteres behindertes Kind. Vom damaligen evangelischen Ortspfarrer Otto Mörike ist bekannt, dass er ein entschiedener Gegner der Nazis war, berichtet Hornberger. Ob er sich eingemischt hat, um die beiden Kinder zu retten, ist nicht bekannt. 

Europaweit hatten die Nazis zwischen 1939 und 1945 etwa 300 000 behinderte und psychisch kranke Menschen ermordet, weil ihr Leben angeblich nicht "lebenswert" war. Nur ein Teil der Angehörigen im damaligen Deutschen Reich wehrte sich gegen deren Verschleppung, berichtet der Historiker und Journalist Götz Aly in seinem neuen Buch "Die Belasteten – 'Euthanasie' 1939 bis 1945". Doch der Druck war groß. Alle sozialen Hilfen bis zum Kindergeld für die gesunden Nachkömmlinge seien den Widerständigen entzogen worden; man habe mit Zwangssterilisierung gedroht, da es sich angeblich um "erbkranke Familien" handelte.

Kinderarzt Lempp blieb straffrei

Die meisten Täter sind nach 1945 straffrei geblieben. Welcher Arzt Gerda Metzger abgeholt hat, ist nicht eindeutig nachzuweisen. Karl-Horst Marquart vermutet, dass es der Landesjugendarzt war, der dafür bekannt war, in Württemberg herumzufahren, um Behinderte zu suchen, die dann getötet wurden. Er sei einer der wenigen in Baden-Württemberg gewesen, die sich zumindest in einem Prozess verantworten mussten, Ende der 40er-Jahre im Grafeneck-Prozess in Tübingen. Der endete für den Arzt aber mit einem Freispruch. 

Karl Lempp, der Leiter der Kinderfachabteilung in Stuttgart, der nach den Recherchen von Marquart für NS-Kinder-Euthanasie und etliche Fälle von Zwangssterilisation verantwortlich ist, musste nicht einmal vor einem Gericht erscheinen. Marquart hat die Ergebnisse seiner Forschungen über Karl Lempp 2009 erstmals in dem Buch "Stuttgarter NS-Täter" veröffentlicht. Doch Enkel Volker Lempp, ein Rechtsanwalt, bestritt die Vorwürfe und hat versucht, die Verbreitung des Buches beziehungsweise des Lempp-Kapitels zu verhindern. In letzter Minute zog er seinen Antrag auf einstweilige Verfügung beim Landgericht Stuttgart dann aber Ende 2009 zurück. Das ursprünglich erwogene Hauptsacheverfahren hat er nie angestrengt.

Ein Lehrer leugnet immer noch

Berufen haben sich Volker Lempp sowie der inzwischen verstorbene Tübinger Kinder- und Jugendpsychiater Reinhart Lempp unter anderem auf den Geschichtslehrer Rolf Königstein, der bis vor wenigen Jahren am Max-Born-Gymnasium in Backnang (Region Stuttgart) Geschichte unterrichtet hat. Königstein ist bis heute der einzige Autor, der die Existenz einer Kinderfachabteilung im Städtischen Kinderkrankenhaus in Stuttgart leugnet. Ernst genommen wird er in der Fachwelt allerdings nicht.

Publiziert hatte Königstein seine Thesen in einer Unterrichtshilfe mit dem Titel "NS-Euthanasie in Baden-Württemberg – Archivpädagogische Anregungen für die gymnasiale Oberstufe", die die Landeszentrale für politische Bildung herausgebracht hatte, sowie in einem 2004 erschienen Aufsatz in der Zeitschrift der württembergischen Landesgeschichte. Sie wird mittlerweile nicht mehr verbreitet und ist aus dem Internet-Angebot der Landeszentrale entfernt worden.

In derselben Schrift habe Rolf Königstein die Rolle der Tötungseinrichtung in Brandenburg-Görden stark verharmlost, sagt der NS-Forscher Ernst Klee. Dort seien Kinder jedenfalls nicht therapiert worden, wie Königstein behauptet. Tatsächlich seien viele für Versuche missbraucht worden, ehe man sie getötet hat. Klee warf Königstein deshalb vor, eine Görden-Lüge zu verbreiten.

Götz Aly fordert Namensregister

Götz Aly hat in seinem neuen Buch gefordert, die Namen der Opfer der NS-Euthanasie in einem zentralen Register zu veröffentlichen. Jeder achte Deutsche im Alter von über 25 Jahren sei verwandt mit einem Opfer. Doch nur einer von zehn wisse dies.

Die Stolpersteininitiativen haben nicht auf Alys Aufruf gewartet. Seit Jahren verlegen sie für diese oft vergessenen Menschen Steine. Auch der Name Gerda Metzger steht inzwischen auf einer von dem Kölner Künstler Gunter Dennig gefertigten, zehn mal zehn Zentimeter großen Messingplatte. Der Stein mit dem Namen, dem Geburts- und dem Todestag von Gerda Metzger wird am Samstag, den 13. April, verlegt. Vor dem ehemaligen Städtischen Kinderkrankenhaus in der Türlenstraße 22A.

Die Stadt Stuttgart dagegen hat sich bis heute nicht mit dem Kindermord in ihrem Kinderkrankenhaus befasst. Obermedizinalrat Karl Lempp blieb bis zu seiner Pensionierung 1950 dessen Leiter und wurde vier Jahre später noch mit einem Professorentitel geehrt. Als er 1960 starb, ging das Amtsblatt der Stadt im Nachruf mit keinem Wort auf seine Tätigkeit während der NS-Zeit ein.

Ob eine von den Stolpersteininitiativen und dem Personalrat der städtischen Kliniken für Ende des Jahres geforderte Wanderausstellung mit dem Titel "Im Gedenken der Kinder" stattfinden kann, ist offen. Noch gibt es keine Finanzierung. Die Kosten liegen bei rund 3000 Euro. Veronika Kienzle, die Bezirksvorsteherin von Stuttgart-Mitte, hat bereits ihre Unterstützung zugesagt.

 

 

Kontext-Autor Hermann G. Abmayr befasst sich seit vielen Jahren mit NS-Tätern und -Opfern. Zuletzt hat er das Buch "Stuttgarter NS-Täter" herausgegeben, für das Karl-Horst Marquart das Kapitel über den Kinderarzt Karl Lempp verfasste.


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Ausgabe 254 / Das! / ophir, 10.02.2016 20:21
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