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Männer verhindern feste Zusage zur Wahlrechtsreform

Im Koalitionsvertrag von Grünen und CDU wird es abernmals keine feste Zusage zur Reform des Landtagswahlrechts geben, um endlich den bundesweit größten Männerüberschuss im Parlament abzumildern. Zwar hatten sich führende Politikerinnen beider Parteien, allen voran die grüne Landesvorsitzende Thekla Walker und die Vorsitzende der Frauen-Union Ingrid Gräßle, auf die Einführung eines Listenwahlrechts geeinigt, das die Chancen von Frauen im Parlament deutlich erhöhen würde. Stattdessen beschlossen die Verhandlungskommissionen einen trickreichen Aufschub: Zunächst soll noch mit der demokratischen Opposition im Landtag über das Thema gesprochen werden, das seit mehr als 30 Jahren auf der langen Bank liegt. Wie überflüssig solch ein Termin in der Sache ist, zeigen die Wahlprogramme von SPD und FDP für die Landtagswahl 2016: Beide versprechen ein neues Wahlrecht. CDU-Landeschef Thomas Strobl ist dennoch gegen eine Formulierung im Koalitionsvertrag, die eine Reform konkret ohne Konditionierung in Aussicht stellen würde. Und Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat eingelenkt. Was nicht wirklich verwunderlich ist, denn der Grüne gehörte schon in der abgelaufenen Legislaturperiode zu jenen Männern, die sich für neue Regelungen zugunsten von mehr weiblichen Abgeordneten nicht erwärmen konnten. Völlig ungeklärt ist - drei Tage vor der offiziellen Präsentation - auch, ob und wie Grüne und CDU eine adäquate Verteilgung der Kabinettsposten zwischen Frauen und Männern organisieren. (29.4.2016)


Trickfilm-Leckerbissen aus aller Welt

Das 23. Internationale Trickfilm Festival Stuttgart (ITFS) zeigt von Dienstag 26. April bis Sonntag 1. Mai herausragende Animationsfilme aus aller Welt. Mehr als 60 000 Euro Preisgeld werden in neun Kategorien an die Gewinner vergeben. Es ist der bedeutendste Filmwettbewerb in der Region und eines der wichtigsten Trickfilm-Festivals in Europa. In den Jahren nach der Gründung 1982 war das ITFS etwas für Spezialisten und die eher wenigen Fans der Branche. Inzwischen ist es beim breiten Publikum angekommen: umsonst und draußen kann man auf der Open-Air-Leinwand am Schlossplatz jeden Tag ab 17 Uhr aktuelle Kurzfilme und Musikvideos aber auch Trickfilm-Leckerbissen aus den vergangenen Jahren ansehen. Parallel gibt es im Haus der Wirtschaft die FMX, eine internationale Konferenz für "digital entertainment"; in english, of course.

Alle Infos zum Programm und den zahlreichen Begleit-Veranstaltungen gibt es auf www.itfs.de.


"Die Würde des Menschen ist auch beim Ficken unantastbar"

Mit solch harten Sprüchen will die Stadt Stuttgart im Rahmen ihrer Freier-Kampagne erreichen, dass "Zwangs- und Armutsprostitution in der Landeshauptstadt geächtet wird". OB Fritz Kuhn (Grüne) hofft auf eine "Wertediskussion zum Frauenbild in der Gesellschaft, zu Sexualität und Partnerschaft". In der "offenen Sprache", die auch Freier nutzen, und mit der Botschaft "Freunde, ihr könnt viel machen, aber nicht die Würde antasten". Nach den Zahlen von Sabine Constabel, Leiterin der Beratungsstelle für Prostituierte beim Stuttgarter Gesundheitsamt, arbeiten in der Stadt rund 450 Frauen als Prostituierte, rund die Hälfte davon im Leonhardsviertel. 90 Prozent der Frauen kommen aus Osteuropa. "Viele sprechen kein Deutsch", sagt Constabel, "sie haben keine Wahl und sind nicht in der Lage, über ihre Dienstleistung zu verhandeln." Die Freier aber hätten die Wahl. 165 Rotlichtobjekte – "Orte, an denen sich Frauen anbieten oder angeboten werden" (Constabel) – sind über die ganze Stadt verteilt. Kuhn will das "gesamte Thema aus dem Tabu-Bereich holen". Bewusst werde dabei auf Sprüche und nicht auf Bilder mit voyeuristischem Charakter gesetzt. Insgesamt hängen bis Ende Mai rund 250 Plakate in der Stadt, darunter 20 auf der Großfläche. Außerdem ist die neue Internetseite www.stuttgart-sagt-stopp.de geschaltet. Die rund 125 000 Euro teure Freier-Kampagne ist Teil eines vor eineinhalb Jahren vorgestellten Konzepts, mit dem die Stadt die Prostitution in Stuttgart zurückdrängen will. Ausgebaut wurden Beratung und die Wohnprojekte für altgewordene Prostituierte. Sechs Betriebe sind bereits geschlossen worden, weitere Rechtsverfahren laufen. "Es wäre naiv zu glauben", so der Oberbürgermeister, "dass es keine Prostitution mehr geben wird in der Stadt."(25.4.2016)


Journalisten vor dem Pressehaus – fürs Erste ausgestreikt

Sie wären gerne mehr gewesen, die 150 JournalistInnen aus Baden-Württemberg, die am Dienstag (19.4.16) vor dem Stuttgarter Pressehaus gestreikt haben. Schließlich ginge es nicht nur um Geld, betonte ein Betriebsrat der "Stuttgarter Zeitung", sondern auch um ihre Zukunft. Die ist bekanntlich nicht rosig. Getroffen hatten sie sich, um Druck auf die Verhandlungen zwischen den Gewerkschaften DJU (verdi)/ DJV und dem Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) auszuüben. Fünf Prozent mehr Gehalt hatten sie sich auf die Fahnen geschrieben und 200 Euro mehr für BerufseinsteigerInnen. Thomas Ducks, der Betriebsratsvorsitzende des "Schwarzwälder Boten", verwies vor allem auf die Jungen, die das Nachsehen haben. Während viele alte Hasen noch durch Tarifverträge abgesichert seien, könnten Jungredakteure keine Familien ernähren. Am späten Nachmittag kam von verdi dann die Nachricht: Verhandlungen abgebrochen, das Angebot der Verleger sei "ungenügend" gewesen. (19.4.2016)


Journalisten wehren sich gegen "Nulllinie"

Für den Fall, dass es wieder niemand bemerkt, sei es hier notiert: Baden-Württembergs Journalisten legen am Dienstag, 19. April, ihre Arbeit nieder. Vor dem Stuttgarter Pressehaus werden Delegationen aus Oberndorf, Nürtingen, Reutlingen, Ulm, Heilbronn und Ludwigsburg erwartet. Zum eintägigen Streik sind sie von ihren Gewerkschaftsorganisationen DJU und DJV aufgerufen. Anlass ist die nächste Verhandlungsrunde mit den Zeitungsverlegern, die keine Gehaltssteigerungen im Sinn haben. Ihr Angebot liege "nahe an der Nulllinie", kritisieren Betriebsräte im Pressehaus. Und dies trotz zunehmendem Arbeitsdruck und Mehrfachbelastung. Die DJU fordert fünf Prozent mehr Lohn. Das Erscheinen der Zeitungen und ihrer Netzauftritte ist dadurch nicht gefährdet. (18.4. 2016)


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Ausgabe 105
Zeitgeschehen

Stuttgarter Kindsmord

Von Hermann G. Abmayr
Datum: 03.04.2013
Gewaltsam hat der Arzt die kleine Gerda, die an einer spastischen Lähmung litt, entführt und in die Stuttgarter "Kinderfachabteilung" gebracht, wo sie getötet wurde. Euthanasie, schöner Tod, nannten die Nazis das. Ein Tabuthema – auch in den Nachkriegsjahrzehnten.

NS-Propagana begleitete den Mord an Behinderten. Zeitschrift: Volk und Rasse, 1936

Über sechs Jahrzehnte konnte die 1916 geborene Berta Metzger mit niemandem darüber sprechen. Erst 2009, kurz vor ihrem Tod, hat sie Matthias-Herbert Enneper ihre Geschichte anvertraut. Ihr einziges Kind, das Ende November 1939 in der Gemeinde Flacht – heute ein Ortsteil von Weissach bei Stuttgart – zur Welt kam, war von Geburt an behindert. 

Berta Metzger hatte Gerda nicht in ein Heim bringen wollen, sondern sich zu Hause um ihr Kind gekümmert. "Das darf man nicht", sagten ihr die Leute damals. "Du wirst schon sehen." Das Mädchen war vermutlich beim zuständigen Gesundheitsamt in Leonberg als behindert gemeldet worden. Ärzte, Hebammen oder Gemeindekrankenschwestern waren seit 1939 überall im Deutschen Reich verpflichtet, behinderte Kinder (gegen Honorar) zu melden. Dem Tod ging viel Bürokratie voraus. 

Fabrikmäßige Ermordung

1939 hatten die Nazis erstmals in der Geschichte der Menschheit damit begonnen, die fabrikmäßige Ermordung von Menschen vorzubereiten, die zeitweise oder dauerhaft körperlich oder geistig behindert waren. In Grafeneck auf der Schwäbischen Alb begann das Morden dann – lange vor Auschwitz. 1940 wurden dort über 10 000 Menschen, die aus "Heil- und Pflegeanstalten" in grau lackierten Bussen angekarrt worden waren, ermordet. 

Für Kinder und Jugendliche mit körperlichen oder geistigen Behinderungen, die zu Hause lebten, richtete der NS-Staat dann sogenannte Kinderfachabteilungen ein, in denen sie getötet wurden. Nach neuester Forschung hat es im damaligen Deutschen Reich über 30 derartige Einrichtungen gegeben. Über die genaue Zahl wird noch geforscht. Auch im Städtischen Kinderkrankenhaus in Stuttgart in der heutigen Türlenstraße 22A, die von dem Kinderarzt und Chef des städtischen Gesundheitsamtes, Karl Lempp, geleitet wurde.

Ein Arzt entführt das Mädchen

Eines Tages, so berichtet Berta Metzger Jahrzehnte später, habe sie ein Arzt besucht, der ihre Tochter untersuchen wollte. Das muss Mitte Juli 1943 gewesen sein. Als die Mutter in dem Zimmer, in dem der Mediziner zugange ist, Schreie hört und der Kleinen zu Hilfe eilen will, versperrt ihr der Fahrer des Arztes den Weg. Nach der Untersuchung findet Berta Metzger das Mädchen nackt und völlig verstört in der Ecke sitzend. Als sie wissen will, was geschehen ist, brüllt der Arzt, sie solle das Maul halten und sich von ihrer Tochter verabschieden; sie käme in eine Spezialklinik. Die beiden Männer zerren das Kind die Treppe hinunter und fahren mit ihm davon, ohne zu sagen, in welche Klinik sie die Kleine bringen würden.

Die Mutter ist verzweifelt; nicht einmal Wäsche konnte sie ihrem Kind mitgeben. Noch am gleichen Abend macht sie sich zu Fuß auf den Weg ins 30 Kilometer entfernte Stuttgart, wo sie Gerda vermutet. Sie fragt sich so lange durch, bis sie zur Kinderklinik in die Türlenstraße kommt, wo man zwar bestätigt, dass Berta hier sei, ihr aber den Zutritt verweigert. Da sie sich nicht abwimmeln lässt und ein so "großes Theater" macht, dass die Leute auf der Straße stehen bleiben, darf sie dann eintreten.

Tags darauf ist Gerda Metzger tot 

Sie findet ihr Kind völlig apathisch vor; Gerda reagiert auf keinerlei Ansprache oder Liebkosung. Sicher nicht die Folge ihrer Lähmung. Offenkundig waren ihr Schlafmittel verabreicht worden. Dann herrscht die Krankenschwester Berta Metzger an, sie solle endlich gehen, und stößt sie zur Tür hinaus. Die Mutter fragt, ob sie am nächsten Tag wieder kommen könne, um ihr Kind zu besuchen. Antwort: "Ja, wenn es dann noch lebt." Tags darauf ist Gerda Metzger tot. Gestorben sei die Spastikerin, so sagte man der Mutter, an einer ansteckenden Krankheit.

Als Matthias-Herbert Enneper diese Geschichte der Stuttgarter Stolpersteininitiative geschickt hat, konnte sie der Arzt und NS-Euthanasie-Spezialist Karl-Horst Marquart schnell verifizieren. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema und hat 2009 enthüllt, dass in der Stuttgarter "Kinderfachabteilung" bis 1945 mindestens 52 Kinder und Jugendliche ermordet worden waren. Andere sind ins hessische Eichberg geschickt worden, um dort umgebracht zu werden. Verantwortlich war Karl Lempp, Leiter des Kinderkrankenhauses und Chef des Gesundheitsamtes. 

Im Leichenregister, das Marqaurt ausgewertet hat, heißt es, Gerda Metzger sei an Diphtherie gestorben. Eine ansteckende Infektionskrankheit, die tödlich enden kann. Die Diagnose hält der Mediziner Karl-Horst Marquart für eine Fälschung, schon, weil diese Krankheit niemals innerhalb eines Tages tödlich verlaufen kann. In Klammern konnte Marquart im Register aber auch die Diagnose Little'sche Krankheit lesen, eine spastische Lähmung durch Gehirnschaden also.

Angst, über den Fall zu sprechen 

"Sie ist auf Zehenspitzen gegangen", sagt eine ältere Frau, die Berta Metzger und ihre Tochter kannten, berichtet die Leiterin des Flachter Heimatmuseums, Barbara Hornberger. Typisch für eine Spastikerin, bestätigt Karl-Horst Marquart. Sie konnte "ned recht schwätza", erinnert sich eine heute über 90 Jahre alte Cousine. "Und's hod ghoißa, se sei fortkomme", erinnert sich eine frühere Nachbarin in der Bergstraße. Als Todesursache sei Diphtherie genannt worden. Damals habe man Angst gehabt, über den Fall zu sprechen, sagen die Zeitzeuginnen.

Der Flachter Pfarrer Harald Rockel hat in seinen Unterlagen bis jetzt keinen Hinweis auf Gerda Metzger gefunden. Auch Ortsarchivar Matthias Graner sucht noch nach schriftlichen Quellen, denn bei Detailfragen gibt es noch einige Widersprüche. Wie oft Vater Emil Metzger sein Kind gesehen hat, ist bisher unbekannt. Als der Zweite Weltkrieg begann, war er 28 Jahre alt. Sein Name steht auf dem Flachter Gefallenendenkmal. 

Verantwortlich für die Tötung von Kindern: Krankenhaus-Chef Karl Lempp. Foto: Landesarchiv Baden-Württemberg Seine Tochter Gerda war nicht das einzige behinderte Kind in Flacht, berichtet Barbara Hornberger. Auch in der Familie des NSDAP-Ortsgruppenleiters Gotthold Roth lebte ein Kind namens Gretel, das im Sinne der NS-Ideologie ein "unnützer Esser" war. Es habe die Nazizeit genauso überlebt wie ein weiteres behindertes Kind. Vom damaligen evangelischen Ortspfarrer Otto Mörike ist bekannt, dass er ein entschiedener Gegner der Nazis war, berichtet Hornberger. Ob er sich eingemischt hat, um die beiden Kinder zu retten, ist nicht bekannt. 

Europaweit hatten die Nazis zwischen 1939 und 1945 etwa 300 000 behinderte und psychisch kranke Menschen ermordet, weil ihr Leben angeblich nicht "lebenswert" war. Nur ein Teil der Angehörigen im damaligen Deutschen Reich wehrte sich gegen deren Verschleppung, berichtet der Historiker und Journalist Götz Aly in seinem neuen Buch "Die Belasteten – 'Euthanasie' 1939 bis 1945". Doch der Druck war groß. Alle sozialen Hilfen bis zum Kindergeld für die gesunden Nachkömmlinge seien den Widerständigen entzogen worden; man habe mit Zwangssterilisierung gedroht, da es sich angeblich um "erbkranke Familien" handelte.

Kinderarzt Lempp blieb straffrei

Die meisten Täter sind nach 1945 straffrei geblieben. Welcher Arzt Gerda Metzger abgeholt hat, ist nicht eindeutig nachzuweisen. Karl-Horst Marquart vermutet, dass es der Landesjugendarzt war, der dafür bekannt war, in Württemberg herumzufahren, um Behinderte zu suchen, die dann getötet wurden. Er sei einer der wenigen in Baden-Württemberg gewesen, die sich zumindest in einem Prozess verantworten mussten, Ende der 40er-Jahre im Grafeneck-Prozess in Tübingen. Der endete für den Arzt aber mit einem Freispruch. 

Karl Lempp, der Leiter der Kinderfachabteilung in Stuttgart, der nach den Recherchen von Marquart für NS-Kinder-Euthanasie und etliche Fälle von Zwangssterilisation verantwortlich ist, musste nicht einmal vor einem Gericht erscheinen. Marquart hat die Ergebnisse seiner Forschungen über Karl Lempp 2009 erstmals in dem Buch "Stuttgarter NS-Täter" veröffentlicht. Doch Enkel Volker Lempp, ein Rechtsanwalt, bestritt die Vorwürfe und hat versucht, die Verbreitung des Buches beziehungsweise des Lempp-Kapitels zu verhindern. In letzter Minute zog er seinen Antrag auf einstweilige Verfügung beim Landgericht Stuttgart dann aber Ende 2009 zurück. Das ursprünglich erwogene Hauptsacheverfahren hat er nie angestrengt.

Ein Lehrer leugnet immer noch

Berufen haben sich Volker Lempp sowie der inzwischen verstorbene Tübinger Kinder- und Jugendpsychiater Reinhart Lempp unter anderem auf den Geschichtslehrer Rolf Königstein, der bis vor wenigen Jahren am Max-Born-Gymnasium in Backnang (Region Stuttgart) Geschichte unterrichtet hat. Königstein ist bis heute der einzige Autor, der die Existenz einer Kinderfachabteilung im Städtischen Kinderkrankenhaus in Stuttgart leugnet. Ernst genommen wird er in der Fachwelt allerdings nicht.

Publiziert hatte Königstein seine Thesen in einer Unterrichtshilfe mit dem Titel "NS-Euthanasie in Baden-Württemberg – Archivpädagogische Anregungen für die gymnasiale Oberstufe", die die Landeszentrale für politische Bildung herausgebracht hatte, sowie in einem 2004 erschienen Aufsatz in der Zeitschrift der württembergischen Landesgeschichte. Sie wird mittlerweile nicht mehr verbreitet und ist aus dem Internet-Angebot der Landeszentrale entfernt worden.

In derselben Schrift habe Rolf Königstein die Rolle der Tötungseinrichtung in Brandenburg-Görden stark verharmlost, sagt der NS-Forscher Ernst Klee. Dort seien Kinder jedenfalls nicht therapiert worden, wie Königstein behauptet. Tatsächlich seien viele für Versuche missbraucht worden, ehe man sie getötet hat. Klee warf Königstein deshalb vor, eine Görden-Lüge zu verbreiten.

Götz Aly fordert Namensregister

Götz Aly hat in seinem neuen Buch gefordert, die Namen der Opfer der NS-Euthanasie in einem zentralen Register zu veröffentlichen. Jeder achte Deutsche im Alter von über 25 Jahren sei verwandt mit einem Opfer. Doch nur einer von zehn wisse dies.

Die Stolpersteininitiativen haben nicht auf Alys Aufruf gewartet. Seit Jahren verlegen sie für diese oft vergessenen Menschen Steine. Auch der Name Gerda Metzger steht inzwischen auf einer von dem Kölner Künstler Gunter Dennig gefertigten, zehn mal zehn Zentimeter großen Messingplatte. Der Stein mit dem Namen, dem Geburts- und dem Todestag von Gerda Metzger wird am Samstag, den 13. April, verlegt. Vor dem ehemaligen Städtischen Kinderkrankenhaus in der Türlenstraße 22A.

Die Stadt Stuttgart dagegen hat sich bis heute nicht mit dem Kindermord in ihrem Kinderkrankenhaus befasst. Obermedizinalrat Karl Lempp blieb bis zu seiner Pensionierung 1950 dessen Leiter und wurde vier Jahre später noch mit einem Professorentitel geehrt. Als er 1960 starb, ging das Amtsblatt der Stadt im Nachruf mit keinem Wort auf seine Tätigkeit während der NS-Zeit ein.

Ob eine von den Stolpersteininitiativen und dem Personalrat der städtischen Kliniken für Ende des Jahres geforderte Wanderausstellung mit dem Titel "Im Gedenken der Kinder" stattfinden kann, ist offen. Noch gibt es keine Finanzierung. Die Kosten liegen bei rund 3000 Euro. Veronika Kienzle, die Bezirksvorsteherin von Stuttgart-Mitte, hat bereits ihre Unterstützung zugesagt.

 

 

Kontext-Autor Hermann G. Abmayr befasst sich seit vielen Jahren mit NS-Tätern und -Opfern. Zuletzt hat er das Buch "Stuttgarter NS-Täter" herausgegeben, für das Karl-Horst Marquart das Kapitel über den Kinderarzt Karl Lempp verfasste.


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Ausgabe 265 / Die blaue Brille / adabei, 02.05.2016 09:42
@müller S21 scheint Sie mehr zu bewegen als mich. Das Thema hier war die Presselandschaft und deren (Pseudo)-Unabhängigkeit speziell hier in Stuttgar, wenn ich nicht irre.

Ausgabe 265 / Risse in der schönen, heilen Welt / kommentator, 02.05.2016 07:40
Ich darf zusammenfassen: Nicht diejenigen, die eine rassistische Partei wählen, sind Rassisten, sondern diejenigen, die dieses Verhalten kritisieren. Dieser Geistesblitz ist nicht sonderlich originell. Ein gewisser Lutz Bachmann...

Ausgabe 265 / Die blaue Brille / Kornelia, 01.05.2016 21:57
@adabei....mit Müller einen Dialog führen zu wollen ist sinnlos! Jahrzehntelang hat er auf der Couch gesessen und gesagt: die da oben wissen schon was sie tun.......dann kam 2010 die fundierten Kritiken auf die Strasse und er...

Ausgabe 265 / Die blaue Brille / Demokrator, 01.05.2016 18:22
Soso, "niemand" hat bis zum eigentlichen Baubeginn von S21 dagegen demonstriert. Und das Wesen der Propaganda ist es, eine Lüge so lange zu wiederholen, bis sie geglaubt wird?

Ausgabe 265 / Risse in der schönen, heilen Welt / Rolf Steiner, 01.05.2016 18:00
Dass sich Russlanddeutsche in der Flüchtlingsfrage der Haltung des Kreml anschließen, der vorsätzlich Chaos in Europa beschwört, ist nicht ungewöhnlich. Migranten, die schon länger in einem Land sind, stehen häufig n e u ...

Ausgabe 265 / Risse in der schönen, heilen Welt / Rolf Steiner, 01.05.2016 17:53
Russlanddeutsche wurden und werden gezielt von den Neonazis und der AfD als "dummes Stimmvieh" missbraucht. Die eine oder andere Demo dieser Menschen (z.B. gegen das angebliche Missbrauchsopfer aus Berlin) wurde von braunen "Fachleuten...

Ausgabe 265 / Wo die AfD mitmischt / Ralf Kiefer, 01.05.2016 15:29
Wie peinlich ist denn das? Hat der Autor jemals davon gehört, wie eine Demokratie-Simulation funktioniert? Zunächst ist dieser Artikel NICHT als Kommentar, sondern als Bericht zu werten, so zumindestens die fehlende Kenntlichmachung...

Ausgabe 265 / Die blaue Brille / Müller, 01.05.2016 10:50
@adabei Sehen Sie, das meine ich. Kontext und die Leserschaft trauen sich nicht die Zukunft zu gestalten. Man trägt das S21-wird-nicht-gebaut-Mantra vor sich her. Dagegen hat der Vatikan einen größeren Realitätsbezug. Es ist...

Ausgabe 265 / Wo die AfD mitmischt / Florian Hinterhuber, 30.04.2016 23:28
Mal gespannt,ob die AfD jetzt,wo sie an den Fleischtrögen der Macht angekommen ist,weiter gegen die "Elite" ankrakeelt,deren Teil sie jetzt selbst ist.Mittlerweile hat sie ja reichlich rundumversorgte Parlamentarier - von den Landtagen...

Ausgabe 265 / Risse in der schönen, heilen Welt / Rolf Steiner, 30.04.2016 19:47
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