KONTEXT Extra:
Stuttgarter Filmwinter startet mit "Mut zur Lüge"

Der Stuttgarter Filmwinter – Eröffnung am 18. Januar – steht in diesem Jahr ganz im Zeichen der Lüge. So ist es natürlich auch nicht der 300. Filmwinter, wie auf den quietschgelben Werbeplakaten zu lesen ist, sondern der 30. – immerhin. Bis 22. Januar sind im FITZ! in der Eberhardstrasse, im Haus der Geschichte, im Kunstbezirk, und im Theater tri-bühne experimentelle Filme und Medienkunst zu sehen und zu erleben bei diesem "bedeutendsten Festival Experimentalfilm im süddeutschen Raum ". So die Eigenwerbung und das ist natürlich keine Lüge. Wie in den vergangenen Jahren auch, sollen die anspruchsvollen und meist auch anstrengenden experimentellen Filmkunstwerke einer größeren Öffentlichkeit spielerisch näher gebracht werden. Damit der Nachwuchs an interessierten Zuschauern nicht ausbleibt, gibt es auch bei diesem Filmwinter im Zeichen der Lüge ein spezielles Programm für Kinder und Jugendliche mit Kurzfilmen, Workshops, Führungen. Das Programm und mehr gibt es unter www.filmwinter.de.


Jetzt doch ein Koalitionsausschuss zu Afghanistan

Vor Weihnachten hatten Grünen und CDU eine inhaltliche Aussprache über die Abschiebepraxis nach Afghanistan vermieden. Stattdessen wurde im Koalitionsausschuss vor allem darüber diskutiert, ob Grünen-Landeschef Oliver Hildenbrand es "schäbig" nennen darf, wenn sein CDU-Pendant, Innenminister Thomas Strobl, auch alte oder kranke Menschen abschieben will. Zur bisher einzigen Sammelabschiebung wurde ein Mann sogar aus einer Psychiatrischen Klinik geholt, dann allerdings doch nicht ins Flugzeug nach Kabul gesetzt.

Am kommenden Dienstag werden dieser und andere Fälle sowie die grundsätzliche Vorgehensweise im Koalitionsausschuss diskutiert. Die Grünen, die die Debatte durchgesetzt haben, erinnern an die geltenden Leitlinien des Landes zu Abschiebungen und Rückführungen, nach denen eine Einzelfallprüfung ohnehin zwingend ist. Bisher hatte sich Strobl gegen eine inhaltliche Behandlung der von ihm mitinitiierten verschärften Abschiebepraxis im Koalitionsausschuss ausgesprochen. Die Grünen gehen davon aus, dass die Leitlinien und damit die Einzelfallprüfung bestätigt werden.

Auf dem Tisch liegt auch ein Papier der sogenannten G-Länder, also aller Koalitionen, an denen Grüne beteiligt sind. Diesem zufolge muss gewährleistet sein, "dass Ausreisepflichtige keinen Schaden an Leben und Gesundheit nehmen". Die Regierungspartner in Baden-Württemberg, Berlin, Bremen, Hamburg, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen "betonen eine Reihe von Grundlinien und Anforderungen bezüglich Rückführungen nach Afghanistan". Sie fordern die Bundesregierung aber auch auf, die Sicherheitslage in Afghanistan "erneut zu überprüfen". (14.1.2017)


Ein zweites Raumwunder für Geflüchtete

Engagement kann sich lohnen. Im September hatte Kontext über die Initiative der Künstlerin Martina Geiger-Gerlach berichtet, eine Wohnung in einem zum Abriss vorgesehenen Haus im Stuttgarter Stadtteil Steckfeld monatsweise Flüchtlingen zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig finden dort immer Ausstellungen statt, die Nachbarn und Interessierten Gelegenheit geben, Künstlern und Geflüchteten zwanglos zu begegnen. Nun hat der Vermieter, das katholische Siedlungswerk, der Künstlerin eine zweite Wohnung im selben Haus als Lernwohnung zur Verfügung gestellt, damit Geflüchtete, die im Trubel ihrer Unterkunft nicht zur Ruhe kommen, eine Rückzugsmöglichkeit finden. Zudem bleibt das Haus länger stehen: voraussichtlich zwei Jahre. Dem Siedlungswerk gefällt das Projekt so gut, dass Martina Geiger-Gerlach gefragt wurde, ob sie sich vorstellen könnte, im Quartiersraum des Neubauareals an Stelle des früheren Olgahospitals eine Aufgabe zu übernehmen. Und: Ihr Wohnungs-Projekt ist für den Stuttgarter Bürgerpreis der Bürgerstiftung vorgeschlagen worden. Am 20. Januar um 19 Uhr eröffnet in der Karlshofstraße 42 in Steckfeld die nächste Ausstellung mit Gemälden von Ivan Zozulya und dem DJ Roman Levin. Am 31. Januar wird die Entscheidung zum Bürgerpreis bekannt gegeben. Jeder kann mit abstimmen!


Der Gewitterwanderer im Glück

Mitte November hatte der 33-jährige Göppinger Schriftsteller Kai Bleifuß noch geschimpft wie ein Rohrspatz. Der promovierte Goethe-Experte rackert sich seit Jahren mit Schreiben ab. Fabrizierte zuletzt einen Roman über den Dichterfürsten und wie der so wäre, würde er in unserer Zeit leben. "Goethes Mörder" heißt das gute Stück. Gutes Zeug. Guter Mann. Das weiß auch Bleifuß selbst. Kontext gegenüber machte er keinen Hehl daraus, dass er sich selbst für einen ziemlich duften Typen hält. Doch bislang schlug ihm seitens des ganzen "Literaturzirkus" und der Verlage kalter Wind entgegen. Niemand wolle mehr ein Risiko eingehen. Literatur würde immer mehr unter ökonomischen Abwägungen betrachtet, konstatierte der resolute Literaturnerd. "Schreiben ist das Idiotischste, was man machen kann. Nicht schreiben aber auch."

Ein Bleifuß lässt sich aber nicht unterkriegen – und jetzt hat es gerappelt im Karton: Am vergangenen Sonntag sackte der Göppinger für seinen Text "Fünf Variationen auf das Unsagbare" den Autorenpreis "Irseer Pegasus 2017" ein. 150 Schriftsteller aus dem ganzen Land hatten sich mit ihren Werken beworben, doch Bleifuß hat den mit 2000 Euro dotierten Preis gewonnen. Neben ihm auf dem Siegertreppchen der Preisverleihung im Kloster Irsee im Allgäu strahlte David Krause aus Kerpen.

"Der glücklose Autor hatte endlich einmal Glück!", schrieb Goethe-Glücksbärchen Bleifuß voller Freude an Kontext, mit der Bitte unseren LeserInnen mitzuteilen, dass man am 27.1. ab 21:05 Uhr im BR2 sein Hörspiel "Pinball" senden werde. Machen wir doch gerne. (11.1.2017) 


Abstand halten von den Volksverrätern

Aus 594 Wörtern haben die Sprachwissenschaftler um die Darmstädter Professorin Nina Janich das Unwort des Jahres 2016 ausgesucht: "Volksverräter". Aus dem Erbe der NS-Diktatur werde das Wort von Pegida, AfD und anderen Rechtsaußen verwendet, um PolitikerInnen  zu diffamieren. Mit der Folge, dass das "ernsthafte Gespräch" und notwendige Diskussionen in der Gesellschaft abgewürgt würden, begründet die Jury. Auf den weiteren Plätzen folgen "postfaktisch", "Populismus", "Gutmensch" sowie eine "Armlänge Abstand". Mit in der fünfköpfigen Jury saß auch Kontext-Autor Stephan Hebel. (10.1.2016)


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Schöner Schein: Das mit der Gemeinnützigkeit war einmal. Foto: Joachim E. Röttgers

Schöner Schein: Das mit der Gemeinnützigkeit war einmal. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 298
Wirtschaft

Eisbären im Breuninger-Land

Von Josef-Otto Freudenreich
Datum: 14.12.2016
Im Schaufenster funkeln die Weihnachtssterne, dahinter die gewetzten Messer. Seit der alte Breuninger tot ist, wird um Macht und viel Geld gestritten. Der frühere Vorstand Wolfgang Blumers zieht jetzt vor den Bundesgerichtshof. Er will aus dem Edelkaufhaus wieder eine Stiftung machen.

Der graumelierte Herr hat Boss, Voith, Lidl und die Deutsche Bank beraten, war Senior Partner bei der Kanzlei Gleiss Lutz, als Stefan Mappus noch nicht Kunde war, und er zählt zur Creme der Wirtschaftsanwälte im Land: Wolfgang Blumers, 76, Professor, und Fast-Miteigentümer von Breuninger, Stuttgarts feinstem Bekleidungshaus. Aber eben nur fast, weil er, wie seine Frau sagt, "ein Kamel ist". Das ist, angesichts der beruflichen Biographie, erstaunlich, angesichts der Schlammschlacht, die sich seit vielen Jahren hinter den Kulissen abspielt, aber nachvollziehbar. Die Frage ist stets dieselbe geblieben: Wem gehört der Laden?

Die Geschichte begann vor 36 Jahren. Heinz Breuninger hatte sein Erbe geordnet, aus seinem Unternehmen eine Stiftung gemacht und fünf Herren als Vorstände eingesetzt, die sein Vermächtnis wahren sollten, das da hieß: Gute Geschäfte, zufriedene Mitarbeiter und ein Gutteil der Gewinne in den Gemeinnutz. Die Herren, die nicht mehr als das "1,5fache Jahres-Anfangsgehalt einer Verkäuferin" erhalten sollten, waren: Willem G. van Agtmael (gelernter Hotelier), Wienand Meilicke (Rechtsanwalt), Benno Stratmann (Wirtschaftsprüfer), Rudolf Wecker (Textilkaufmann) und eben Wolfgang Blumers. Nachdem der Patriarch 1980 verstorben war, saßen sie einträchtig beieinander, besuchten sich bisweilen im Urlaub  und arbeiteten gemeinsam am Wohlergehen der Kaufhauskette.

Hobbypilot van Agtmael - Star der Stuttgarter Society

Der Holländer van Agtmael führte die Geschäfte am Marktplatz, trat gerne als "Mister Breuninger" auf, war ein Star der Stuttgarter Society, dem die Tür bis zu den CDU-Ministerpräsidenten offenstand, jene zum Oberbürgermeister, der genau gegenüber saß, sowieso. Tätige Mithilfe schien nicht verkehrt, weil Breuninger kein Goldesel war, im Kampf der Einzelhandelskonzerne zu verlieren drohte und deshalb nach Allianzen suchte. Verhandelt wurde mit Peek & Cloppenburg und Migros, freilich erfolglos, weil plötzlich zum Problem erhoben wurde, was bis dahin keines war: die Gemeinnützigkeit der Stiftung, die auch wohltätig sein sollte. Wer wollte sich mit so einem Konstrukt einlassen?

Van Agtmael, der Ziehsohn Breuningers, und Meilicke, der Testamentsvollstrecker, hatten da eine Idee: 1. Die Auflösung der Stiftung, die Heinz Breuninger einst gegründet hat, um das Unternehmen nicht gierigen Managern und/oder Familienmitgliedern auszuliefern. 2. Die Überführung in eine GmbH, die - unbehindert durch karitative Zwecke - am Markt profitabel sein würde. Dazu galt es, die Alleinerbin, die Breuninger-Tochter Helga, auszuzahlen, die sich der Förderung von gemeinnützigen Projekten verschrieben hatte, unter anderem von "social entrepreneurs", die sich um "brennende soziale Probleme" kümmern sollen.

Der Deal ging im Juli 2004 über die Bühne. Hobbypilot van Agtmael und Rechtsanwalt Meilicke erwarben jeweils 40 Prozent der Breuninger-Anteile, zum Günstigpreis von 41,1 Millionen Euro. Sie flossen in Helga Breuningers Stiftung, die damit ihren Kapitalstock und die Gewissheit hatte, unabhängig von Bilanzzahlen zu sein. Das Regierungspräsidium Stuttgart als Aufsichtsbehörde, unter Vorsitz von Udo Andriof (CDU), winkte das Geschäft durch, zum Erstaunen von Rechtsexperten, die eine Auflösung nur erlaubt sahen, wenn der Stiftungszweck unmöglich geworden ist. Sagt zumindest das Bürgerliche Gesetzbuch. Und, siehe da, kurz darauf schrieb das Unternehmen satte schwarze Zahlen.

Eine wundersame Geldvermehrung bricht über Breuninger herein

Und jetzt kommt wieder Wolfgang Blumers ins Spiel. Viele Jahre danach fragt er sich, wie diese "wundersame Geld- und Wertvermehrung", quasi über Nacht, über das Breuninger-Land hereingebrochen ist? Er sei zu alt, um an den Weihnachtsmann zu glauben, sagt Blumers, der Deal sei "von langer Hand" vorbereitet gewesen. Die Herren van Agtmael und Meilicke hätten lange vor der Stiftungsauflösung gewusst, dass das Unternehmen vor "großen Ertragssprüngen" stehe - durch die Mieteinnahmen in den diversen Malls, die schließlich vertraglich auf Jahre hin festgelegt seien.

Das sehen die neuen Eigentümer naturgemäß anders. Ihr Sprecher und Medienberater Rainer Westermann erläutert auf Kontext-Anfrage, der Kauf sei damals ein "riskantes Investment" gewesen, das ihnen auch "um die Ohren" hätte fliegen können. Und dazu seien weder Blumers noch die beiden anderen Vorstände bereit gewesen. Tatsächlich habe sich das Geschäft "sehr positiv" entwickelt, dies sei jedoch "nicht absehbar" gewesen.

Jurist Wolfgang  Blumers beginnt am Rechtsstaat zu zweifeln. Foto: Joachim E. Röttgers
Jurist Wolfgang Blumers beginnt am Rechtsstaat zu zweifeln. Foto: Joachim E. Röttgers

Seit vier Jahren streitet Blumers mit seinen ehemaligen Stiftungsfreunden herum, zuerst vor dem Stuttgarter Landgericht (2012), dann vor dem Oberlandesgericht (2016). Er will mit 20 Prozent beteiligt werden, seine Anwälte beziffern den Wert auf 220 Millionen Euro. Das Landgericht spricht ihm tatsächlich einen Anteil von zehn Prozent zu. Das Oberlandesgericht bescheinigt ihm, "nicht primär" finanzielle Motive, sondern den Stifterwillen im Sinn zu haben, hält das LG-Urteil aber insgesamt für unseriös.

Der Kläger, so die Begründung, könne nicht nachweisen, dass seine Beteiligung irgendwann und irgendwo schriftlich niedergelegt worden sei. Das ist formal richtig, ein solches Dokument gibt es nicht. Was es gibt, auch gerichtlich bezeugt, sind die mündlichen Absichtserklärungen von van Agtmael und Meilicke, ihn und die anderen später mit ins Boot zu nehmen. Später auch deshalb, weil Blumers nicht sofort in die neue GmbH einsteigen konnte - seine Kanzlei Gleiss Lutz verbot ihm den Beitritt. Noch 2009 habe ihm Meilicke "hoch und heilig" in die Hand versprochen, erinnert sich Blumers, ihn und die anderen zu Teilhabern zu machen. Ohne diese stets geltende Vereinbarung hätten sie der Auflösung der Stiftung nie zugestimmt, schließlich sei dieser Fünfer-Vorstand der Wille Heinz Breuningers gewesen. Die Erinnerung scheint ihn nicht zu trügen, bestätigt Eigentümer-Sprecher Westermann doch, dass sie bemüht gewesen seien, einen Weg zu finden, die drei Stiftungsvorstände zu beteiligen.

Vater van Agtmael sorgt spitzenmäßig für seine Kinder

In der Tat scheint es damals noch eine gewisse Nähe zwischen Meilicke und Blumers gegeben zu haben. Sonst hätte er wohl diesen Brief von Meilicke nicht gekriegt, in dem jener mit van Agtmael abrechnet. Am 20. Januar 2010 auf 73 Seiten. Es ging um nicht mehr und nicht weniger als um die Macht bei Breuninger. Man könnte auch Denver und Dallas sagen. Oder "Tollhaus" wie das "Manager-Magazin".

Van Agtmael hatte da einen Plan. Sein Sohn Jeroen solle sein Nachfolger werden, müsse aber spitzenmäßig bezahlt werden. Dazu müsse der Filius ohne einschlägige Berufserfahrung aus den USA geholt und mit einem ansteigenden Jahresgehalt von 250 000 auf 350 000 Euro entlohnt werden. Das fand Meilicke ("ein fürstliches Gehalt") nun doch zu viel, zumal Jeroen auch noch mit einer Alarmanlage (150 000 Euro) geschützt werden sollte. Viel Aufwand für einen leitenden Mitarbeiter, der sich um den Internethandel zu kümmern hatte.

Alle Türen standen ihm offen: Willem van Agtmael 2015 mit Fritz Kuhn und Nils Schmid. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Alle Türen standen ihm offen: Willem van Agtmael 2015 mit Fritz Kuhn und Nils Schmid. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Als zweiter Mann unter Jeroen sollte Schwiegersohn Martjin Bödeker installiert werden. Der war in Hongkong als Gastronom beschäftigt, mit der van Agtmael-Tochter Claire liiert, und nur nach Stuttgart zu locken, wenn eine gemeinsame Karriere bei Breuninger in Aussicht stünde. Das hat insoweit geklappt, als Martjin 2001 eingestellt, fünf Jahre später vom Abteilungsleiter zum stellvertretenden Geschäftsführer in Stuttgart befördert wurde, sein anfängliches Jahresgehalt von 67 000 Euro auf das Doppelte stieg, und Meilicke sich fragte, ob die Heirat mit Claire (2006) "ungeahnte Kräfte" in ihm entfesselt habe. Claire wiederum wurde Chefeinkäuferin für das gehobene Segment, ihre Schwester Maaike Leiterin des Spezialservice für Gutbetuchte.

Meilicke witterte eine tiefe Verquickung von Unternehmens- und Familieninteressen, mehr noch: den Versuch van Agtmaels, ihn raus zu drängen und Breuninger alleine zu beherrschen. Er hatte einen anderen Vorschlag: Seinen Sohn Harald, der es mindestens genauso gut könnte wie Filius Jeroen.

Der Meilickesche Drohbrief verfehlt seine Wirkung nicht: Im Jahr 2011 scheiden van Agtmaels Sohn, Schwiegersohn und Töchter als Angestellte aus, der Vater räumt sein Büro ein Jahr später, obwohl er gerne "Mr. Breuninger" geblieben wäre. Folgen wird ihm Willy Oergel, von dem sein Vorgänger sagt, er sei ein "Vertrauter der Familien". Und fortan waren sie wieder ziemlich dicke Freunde. Seit Juli 2012 führen Jeroen van Agtmael und Harald Meilicke den Aufsichtsrat von Breuninger als Doppelspitze.

Aus dem Sippenkrieg wird wieder dicke Freundschaft

Nun kommen solche Zerwürfnisse in den besten Familien vor, die freilich zu verschmerzen sind, wenn man Miteigentümer bleibt. Doch dieser Sippenkrieg ist es nicht, der Blumers stört, ihn bringt das "abgekartete Spiel" auf die Palme, das Meilicke und van Agtmael in Sachen Stiftungsauflösung durchgezogen hätten. Richtig fuchsig kann er werden, wenn er darüber nachdenkt, wie er "über den Tisch gezogen wurde".

Den finalen Beleg dafür, sagt er, habe er im Auftritt Meilickes und van Agtmaels vor dem Oberlandesgericht (4. Mai 2016) entdeckt, wo sie erklärten, bei der Auflösung am 8. Juli 2004 sei man von schlechten Zahlen ausgegangen. In den letzten fünf Monaten des Jahres habe sich jedoch ein Gewinn von 6, 5 Prozent des Umsatzes eingestellt, der in der Folgezeit auf acht Prozent wuchs. Was sei dieser "unglaubliche Coup" anderes als eine Täuschung der Mehrheit des Stiftungsvorstands und des Regierungspräsidiums? Kein Wunder, dass sie nicht teilen wollten, meint der Ex-Vorstand.

Das treibt Blumers derart um, dass er am 14. Juli 2016 Strafanzeige (Aktenzeichen 144 Js 70475/16) gegen van Agtmael und Meilicke stellt. Sein Vorwurf: Beide hätten "durchgehend unwahre Aussagen" gemacht, um ihre "durch Untreue arrondierten Anteile" zu sichern. Doch die Staatsanwaltschaft Stuttgart mag dem nicht folgen, und antwortet kühl, "bloße Behauptungen, Vermutungen" rechtfertigten nicht, jemandem eine Straftat zur Last zu legen. Und im Übrigen seien mögliche Straftaten, die sich auf das Jahr 2004 bezögen, "jedenfalls verjährt". Kurzum: Kein Grund zu ermitteln.

Das lässt den angesehenen Juristen langsam vom Glauben an die Stuttgarter Rechtsstaatlichkeit abfallen. Das Landgericht gibt ihm recht, das Oberlandesgericht kassiert das Urteil und lässt keine Berufung zu, die Staatsanwaltschaft ermittelt nicht, das Regierungspräsidium sieht die Stiftung heute noch "bestandskräftig aufgelöst" - was ist da los?

Ob MP oder OB - man kennt sich und schätzt sich

Ist es wirklich so, wie es in einer anonymen Anzeige gegen die neuen Besitzer, vermutlich aus dem Familienkreis Breuninger, steht, dass hier "schwere Untreue" bei der Auflösung der Heinz Breuninger Stiftung vorliege? Dass das "Einflussnetzwerk" von Herrn van Agtmael "bis in die höchsten Kreise" der Justiz und Politik reiche? Ob Ministerpräsident, Justizminister, Polizeipräsident oder Stuttgarter Oberbürgermeister - "man kennt sich und schätzt sich", schreiben die Unterzeichner, die sich die "Verteidiger von Heinz Breuningers letztem Willen" nennen.

Die Breuninger-Familie 2011 (v.l.n.r.): Blumers, Henselijn, Willem van Agtmael, Jeroen van Agtmael, Stratmann, Wienand Meilicke, Harald Meilicke. Foto: privat.
Die Breuninger-Familie 2011 (v.l.n.r.): Blumers, Henselijn, Willem van Agtmael, Jeroen van Agtmael, Stratmann, Wienand Meilicke, Harald Meilicke. Foto: privat.

Keine Staatsanwaltschaft ist der 23-seitigen Anzeige, in der sich Vieles mit den Vorwürfen Blumers deckt, je nachgegangen. Aber was soll er gerichtsfest sagen? Dass sich die Schwaben ihr "schönstes Unternehmen von einem Holländer und einem Rheinländer nehmen lassen?" Das wird nicht helfen. Blumers registriert genau, in welcher Zwickmühle er steckt. Als heutiger Kritiker der Elche war er selbst Teil eines Spiels, das ein Quintett beglücken sollte, und am Ende nur ein Duo kennt.

Pech gehabt, Geschäftsfreunden vertraut, die im Gerichtssaal lächelnd einräumen, ja, es habe dieses Ehrenwort, dieses "Gentlemen's Agreement" gegeben. Sogar das Oberlandesgericht spricht von einem "moralischen Dilemma" der Beklagten, das durch die "äußerst positive" wirtschaftliche Entwicklung Breuningers noch verstärkt worden sei. Dies lasse zumindest erklärbar erscheinen, dass Meilicke und van Agtmael eine Teilhabe "in Erwägung gezogen haben könnten". Allein es fehle der Nachweis.

Der alte Breuninger würde lieber Eisbären helfen

Für Otto Normalverdiener wäre spätestens jetzt das Ende der Fahnenstange erreicht. Prozesse in diesen Größenordnungen verschlingen Unsummen, von Zeit, Kraft und Nerven ganz abgesehen. Blumers hat sie und geht bis in die höchste Instanz. Am 5. Dezember 2016 reicht er eine Nichtzulassungsbeschwerde beim Bundesgerichtshof (BGH) ein, als letzte Möglichkeit, nachdem ihm das Oberlandesgericht eine Revision verwehrt hat. Wochenlang sitzen Juristen an dem Schriftsatz, der ihm doch noch zum Recht verhelfen soll. Was daraus wird, weiß Blumers nicht. Auch die Seite der Beklagten nicht. Eigentümer-Sprecher Westermann verweist auf "Vor Gericht und hoher See" und will dem weiteren Verlauf "besondere Aufmerksamkeit" widmen. 

Sicher, sagt Blumers, sei er sich nur in einem: Breuninger müsse wieder werden wie früher. Eine Stiftung. Dann könnten die "reichlich fließenden" Gelder ganz anderen Zwecken zugeführt werden, dann könnte überlegt werden, was gerettet werden müsse. Das Klima zum Beispiel. Dem alten Breuninger, glaubt Blumers, wäre dazu gewiss viel eingefallen. Als Natur- und Tierfreund hätte er sich selbst für das Schicksal von Eisbären erwärmen können.


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Kommentare

Wolfgang Jaworek, 19.12.2016 17:46
Alles ja ganz interessant, aber was hat OB Kuhn damit zu tun (wie es das Foto und die nichtssagende Bemerkung "Man kennt sich und schätzt sich" suggerieren soll)? Was ist da die politische Forderung (oder geht es doch nur um das Quäntchen Politikverdrossenheit, ohne die ein "Kontekt"-Artikel nicht mehr auskommen soll)? Soll der OB etwa aus dem Rathaus Breuninger den nackten A... zeigen? Oder was?

Andrea, 18.12.2016 20:46
8 Jahre nach Stiftungsauflösung kann man also noch den "Stifterwillen" verteidigen wollen und dabei nur ganz am Rande ein fettes Millionengeschäft anstreben? Wahnsinn, was an deutschen Gerichten heute möglich ist.

Wahnsinn auch, dass man ein Vermögen nicht einmal mehr in einer Stiftung sicher unterbringen kann. Wer also keine Erben hat tut gut daran, den Nachlass entweder direkt zu spenden oder ihn zu Lebzeiten einfach auf den Kopf zu hauen.

Wie das war mit der Tochter und dem Geschäft - ob sie wohl nicht erben sollte weil sie eine Frau ist - nun, das weiß man von außen nicht. Sicher ist jedenfalls, gegen ihren Willen hätte man sie kaum aus der Stiftung herauskaufen können.

Helga, 16.12.2016 12:30
Anmerkung. Jue.So Jürgen Sojka, 14.12.2016 15:23
es gab die Kundenkarte damals für Frauen nur mit Einverständnis, bzw. Unterschrift des Gatten!!!

Zaininger, 15.12.2016 22:51
Danke für diesen tiefen Einblick in die Niederungen der High Society - oder was sich dafür hält.

Jue.So Jürgen Sojka, 14.12.2016 15:23
Artikel mit Beitragspflicht – so für mich, der eigenes Erleben mit Helga Breuninger¹ verbindet, und der eine der sympathischen Lehrlinge (Verkäuferin), in der 2ten Hälfte der 60er, kennen lernte und …
Von uns wurden keine Herzchen in die Denkmalgeschützten Bäume im Schlossgarten geschnitzt.

Also etwas bereicherndes zum Artikel von Josef-Otto Freudenreich hinzugefügt:
- 1950 das erste deutsche Warenhaus, das Aufzüge und Rolltreppen installierte.
- 1959, noch vor der EC-Karten, erste Firma in Europa mit bargeldloser Zahlung per Kundenkarte.

Helga Breuninger aktiv in Stuttgart für Unternehmensgründer und …²


¹ Helga Breuninger | Von Beruf mehr als Tochter 17.03.2008, von ALEXIA ANGELOPOULOU F.A.Z. http://www.faz.net/aktuell/beruf-chance/mein-weg/helga-breuninger-von-beruf-mehr-als-tochter-1512832.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2
Für die Leitung der familieneigenen Kaufhauskette kam sie nicht in Frage – vermutlich, weil sie eine Frau ist. Heute ist Helga Breuninger längst eine erfolgreiche Unternehmerin.

² http://www.helga-breuninger-stiftung.de/wp-content/uploads/FaltblattElterndialoge102014.pdf Lernplattformen Schule und Familie | Für Pädagogen haben wir die interaktive Lernplattform „souverän führen im Unterricht“ produziert, …

Helga, 14.12.2016 12:16
dieser aufklärende Artikel über die Art der Geschäftsführung, bestätigt 100%ig, dass meine Entscheidung, 2001 jeglichen Kontakt mit Breuninger zu beenden, richtig war.
Danke

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