KONTEXT Extra:
Auch Hermann will Maut verzögern

Wenn es nach den Grünen geht, wird die Landesregierung gemeinsam mit Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz oder dem Saarland versuchen, die Einführung der PKW-Maut über den Bundesrat noch zu verzögern oder gar zu verhindern. Verkehrsminister Winne Hermann kündigte einen entsprechenden Vorstoß an. Er habe bereits im Verkehrsausschuss des Bundesrats Position bezogen und insbesondere kritisiert, dass "die Grenzregionen schwer tangiert sind, ausgerechnet in Zeiten, in denen wir den europäischen Geist betonen wollen". Die "Bürokratie-Maut" passe nicht in die Zeit. Außerdem würden Milliarden eingenommen, Milliarden an deutsche Autofahrer wieder zurückgegeben und "vielleicht bleiben ein paar Millionen übrig".

Saarland, Rheinland-Pfalz oder NRW wollen den Vermittlungsausschuss zwischen Bundesrat und Bundestag anrufen, nachdem letzterer die Maut am Freitag beschlossen hat. Das Gesetz ist allerdings nicht zustimmungspflichtig, weshalb die Einführung der Maut auf diesem Wege lediglich verzögert werden kann. Allerdings könnte Verzögerung am Ende auch das Scheitern bedeuten, weil womöglich nach der Bundestagswahl im September die Karten ganz neu gemischt werden, und die CSU bisher bekanntlich die einzige Partei ist, die die Maut wirklich will. (24.3.2017)


Aras legt sich mit Erdogan an

Die Stuttgarter Grünen-Abgeordnete und Landtagspräsidentin Muhterem Aras hat die deutschtürkische Community aufgefordert, sich mit dem Verfassungsreferendum am 16. April kritisch auseinanderzusetzen. Von den Imamen wünscht sich die Stimmenkönigin ihrer Partei bei den Landtagswahlen 2016, dass die "in den Freitagspredigten zu einem respektvollen und fairen Umgang miteinander aufrufen und die hier geltenden Werte von Meinungs-, Presse- und Religionsfreiheit entschieden weitergeben". Sie selber verzichte derzeit auf Reisen in die Türkei, "weil ich nicht weiß, ob ich mich dort frei bewegen könnte". Zugleich müssten sich Demokraten weigern, sich zu Feinden der Türkei machen zu lassen. Aras nutzte eine Landtagsdebatte zum 60. Geburstag der EU auch zu scharfer Krtik am türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, weil der "auf das Infamste" gebaute Brücken wieder einreißen und die Gesellschaft spalten wolle. Von den Vertretern AKP-naher Institutionen erwartet die Grüne eine öffentliche Distanzierung von den "die Opfer verhöhnenden Nazivorwürfen". Im Südwesten dürfen insgesamt rund 230 000 Türken am Referendum teilnehmen – und zwar vorab: Die Wahl beginnt bereits am 27. März und endet am 9. April. (22.3.2017)

Mehr zum Thema: "Meister der Feindbilder", "Unverschämt und dumm"


Stuttgart 21: Aktionsbündnis warnt Aufsichtsrat

Drei Tage vor einer Sitzung des DB-Aufsichtsrats verlangt das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 erneut eine "faktenehrliche Bestandsaufnahme". Sollte sich der Aufsichtsrat wieder um die Auseinandersetzung drücken oder gar unbeirrt den Weiterbau beschließen, so Eisenhart von Loeper, schädige er wider besseres Wissen das Vermögen der Deutschen Bahn AG. "Das würde", erklärt der Bündnissprecher weiter, "den Tatbestand der Untreue erfüllen." Eine strafrechtliche Aufarbeitung sei die Konsequenz; darauf habe das Bündnis zuletzt am 11. März 2017 den Aufsichtsrat per Brief hingewiesen.

Ihren Appell richten die Stuttgart-21-Gegner nicht nur an den Vorsitzenden des Aufsichtsrats Utz-Hellmuth Felcht, sondern auch an den designierten Vorstandsvorsitzenden Richard Lutz. Als erstes sei "eine Bestandsaufnahme der ungelösten Probleme und hohen Risiken notwendig, die sich an den Realitäten und nicht an den Gesichtswahrungsproblemen der politisch Verantwortlichen orientiert". Von Loeper argumentiert damit, dass sich das Projekt "jenseits aller wirtschaftlichen Rationalität bewegt", und mit dem weiter offenen Brandschutz. Außerdem solle der Aufsichtsrat "endlich zur Kenntnis nehmen, dass sich die DB mit S 21 einen Dauerengpass für viel Geld baut, der den Bahnverkehr behindert und den viel beschworenen Deutschlandtakt im Südwesten irreversibel unmöglich macht". Nach der Devise "Politik beginnt mit der Kenntnisnahme der Realität" will das Aktionsbündnis den neuen Bahnchef zu Gesprächen einladen, bei denen sie ihm auch die von der Bürgerbewegung entwickelten Alternativen zum Weiterbau erläutern wollen. Deren "ernsthafte Prüfung" wünscht sich nach einer repräsentativen Umfrage von infratest dimap in Baden-Württemberg sogar eine Mehrheit der Projektbefürworter. (19.3.2017)

Mehr zum Thema: "Bahnfeinde im Bahnvorstand"


IHK will nicht mehr gegen Kakteen polemisieren

Auch ein Vergleich kann ein Erfolg sein: Vor dem Verwaltungsgericht Stuttgart akzeptierte die IHK Region Stuttgart die Feststellung, dass sie in der Vergangenheit mit Angriffen gegen die IHK-Rebellen der Kaktus-Initiative ihre Kompetenz überschritten hat. Stein des Anstoßes waren zwei IHK-Pressemitteilungen, in denen Hauptgeschäftsführer Andreas Richter gegen die Kakteen polemisiert habe, so Kaktus-Mitglied Klaus Steinke, der in der Folge Klage eingereicht hatte.

Konkret einigten sich die Streitparteien am heutigen Donnerstag, den 16. März, auf folgenden Vergleich: Die IHK Region Stuttgart erklärt, "dass ohne Beratung und Beschlussfassung durch die Vollversammlung keine weiteren öffentlichen Äußerungen der IHK und ihrer Organe über Binnenkonflikte, die keine wirtschaftspolitischen Positionen betreffen, abgegeben werden", und dass es den beiden strittigen Pressemitteilungen "an einer solchen Beratung und Beschlussfassung mangelte". Außerdem trägt die IHK trägt die Kosten des Verfahrens von 5000 Euro.

Für Steinke ist es "ein gutes Ergebnis, weil es die Transparenz innerhalb der IHK stärkt, und weil es deutlich die Frage artikuliert, was Geschäftsführer und Präsident dürfen und was nicht". Zwar wäre es, so Steinke, spannend gewesen, wenn das Gericht in einem Urteil Grundsatzregeln für die Öffentlichkeitsarbeit der IHK aufgestellt hätte. Aber er sei mit dem Vergleich zufrieden, "weil es mir in der Sache nicht darum geht, zu siegen, sondern eine Veränderung innerhalb der IHK zu bewirken". Zudem habe das Ergebnis, so hofft Steinke, auch "eine Signalwirkung auf andere IHKs".

Die Kaktus-Initiative, 2011 gegründet, kritisierte in den letzten Jahren immer wieder intransparente Wahlverfahren und die offizielle Pro-Haltung der IHK zu Stuttgart 21. (16.3.2017)

Mehr zum Thema: "Rebellen im Weinberghäusle" und "Die IHK wackelt nicht".


Afghanistan-Rückkehrer bekommt zweimonatiges Arbeitsvisum

Es ist ein kleines Wunder. Denn trotz der mannigfaltigen Unterstützung in den vergangenen Wochen, glaubten nicht viele seiner Freunde wirklich daran, dass der Zahnarzt Ahmad Shakib Pouya, der in einem französischen Krankenhaus in Herat gearbeitet hat, zurück in die Bundesrepublik kommen kann. Pouya war in seiner früheren Heimat von den Taliban bedroht, floh 2010 nach Deutschland. Hier war er einer der Hauptdarsteller in der vielbeachten Produktion der Mozart-Oper "Zaide" und hatte eine doppelte Zusage auf Festanstellung – vom Münchner Gärtnerplatztheater und der IG Metall. Dennoch wurde er zur Abschiebung vorgesehen, weshalb er am 20. Januar 2017 ausreiste. Seither machten seine Unterstützer vom im Mai 2014 gegründeten Stuttgarter Verein "Zuflucht Kultur. Entweder. Oder. Frieden." bundesweit auf sein Schicksal aufmerksam. Auch mit einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), mit der Bitte um "ein Visum und ein langfristiges Bleiberecht als wertvoller Bürger unseres Landes".

Jetzt kam die gute Nachricht. Der 33-Jährige kann für zwei Monate zurück nach Deutschland. Mitausschlaggebend dürfte ein Schreiben von Georg Podt gewesen sein, dem Intendanten des kommunalen Münchner Kinder- und Jugendtheaters "Schauburg", der Pouya in einer Neuinszenierung von Rainer Werner Fassbinders "Angst essen Seele auf" als Hauptdarsteller besetzt hat. Die Proben sollen in der kommenden Woche beginnen, Premiere wird am 22. April sein. Mitte Mai läuft das Visum aus. Pouya will gemeinsam mit dem Verein die Zeit nutzen, um das angestrebte dauerhafte Bleiberecht zu bekommen. Die Chancen stehen angesichts der 2015 eigentlich gelockerten Regelungen gar nicht so schlecht. Allerdings werden die nach den Erkenntnissen von Pro Asyl oder dem Flüchtlingsrat viel zu selten von den Behörden angewandt.


KONTEXT
per E-Mail:
Immer informiert:

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Datenschutz-Hinweis

Ausgabe 138
Wirtschaft

Fessenheim – der Merdemeiler

Von Goggo Gensch
Datum: 20.11.2013
Das Kernkraftwerk Fessenheim ist der älteste französische Atommeiler. Laut Gutachten des Freiburger Öko-Instituts im Auftrag der Landesregierung ist er auch einer der unsichersten. Frankreichs Staatspräsident Hollande hat zwar angekündigt, die elsässische Reaktoranlage 2016 stillzulegen. Solange wollen Umweltverbände, Bürgerinitiativen und der hiesige Umweltminister nicht warten. Für die EnBW wäre dies ein Atomausstiegs-Déjà-vu: Der landeseigene Energiekonzern ist an Fessenheim beteiligt.

"Fessene abschalten!" Diese Forderung plakatieren Umweltschützer in Südbaden seit 1977, seitdem das AKW am Oberrhein ans Netz gegangen ist. In Müllheim und in Breisach versammeln sich immer noch jeden Montag Bürger zu einer Mahnwache, regelmäßig finden größere Aktionen wie die Fahrraddemonstration "Tour de Fessenheim" statt. Und der nächste Protest ist am 25. November geplant. Dann will eine Abordnung in Stuttgart Antworten von der grün-roten Landesregierung.

Jean-Jacques Rettig. Foto: GG
Jean-Jacques Rettig. Foto: GG

Der Elsässer Jean-Jacques Rettig, Jahrgang 1937, ist ein Veteran der Antiatomkraftbewegung. Der frühere Realschullehrer ist schon 1974 bei der Bauplatzbesetzung gegen das Chemiewerk im elsässischen Marckolsheim dabei und auch in Wyhl steht er an vorderster Stelle. Am 17. Juli 1970, nachdem der erste Artikel in der "Derniere Nouvelle d'Alsace" über Fessenheim erschien, hat er mit drei Familien eine Bürgerinitiative gegründet. 1971 waren es schon 1500 Menschen, darunter 150 Deutsche. Vier Jahre später waren 15 000 dabei. "Alles Leute von auswärts", erzählt Rettig, "die Einheimischen blieben hinter ihren Gardinen und schauten zu, wie da unten die Fremden durch ihr Dorf zogen."

"Fukushima kann es auch in Fessenheim geben"

Der gelernte Pädagoge ist immer noch Sprecher der elsässischen Bürgerinitiativen. "Fukushima kann es auch in Fessenheim geben, und dann wäre Schluss mit dem oberen Rheintal", sagt er, "Schluss mit der Nordschweiz, je nach Wind und meteorologischen Verhältnissen."

Fessenheim ist ein Hochsicherheitsrisiko. Allein zwischen 1989 und 2008 gibt es über 200 meldepflichtige Störfälle. Der bislang letzte datiert aus dem Juni dieses Jahres. Bei einer Routinekontrolle wird festgestellt, dass ein Kühlkreislauf nicht die vorgeschriebene Menge Wasser geführt hat. Die betroffenen Leitungen seien sofort ausgetauscht und gereinigt worden, heißt es in einer Mitteilung des Unternehmens. Der Block eins des AKWs befindet sich seit Mitte April 2013 außer Betrieb. Die Sockelplatte muss nach einer Auflage der französischen Atomaufsicht verstärkt werden, damit das Fundament bei einer Kernschmelze das radioaktive Material auffangen und im Gebäude halten kann.

Der Oberrheingraben reicht von Basel bis Frankfurt. Im südlichen Drittel: das AKW Fessenheim.
Der Oberrheingraben reicht von Basel bis Frankfurt. Im südlichen Drittel: das AKW Fessenheim.

Fessenheim liegt mitten im Oberrhein-Aquifer, einem der wichtigsten Grundwasserträger Mitteleuropas. Bei einem Dammbruch ist das Atomkraftwerk nur unzureichend gegen eine Überflutung durch den anliegenden Canal d'Alsace geschützt, dessen Wasser der Kühlung des Kraftwerks dient. Im heißen Sommer 2003 muss das Reaktorgebäude von außen mit Wasser besprüht werden, um eine Abschaltung zu vermeiden. Diese wäre bei einer Temperatur von 50 Grad erfolgt. Erreicht wurden 48,5 Grad. Eine Überflutung des Atomkraftwerks bei gleichzeitigem Bruch oder Durchschmelzen der Bodenplatte könnte den kompletten Rhein radioaktiv kontaminieren. Der Oberrheingraben ist eine der am höchsten klassifizierten Erdbebenregionen sowohl in Deutschland als auch in Frankreich. Das Öko-Institut fordert denn auch ein schnelles Aus für Fessenheim.

Baden-Württemberg ist an dem Atommeiler beteiligt

Besonders pikant an Fessenheim ist, dass das Land Baden-Württemberg über den Energiekonzern EnBW an den Betriebskosten des elsässischen Meilers beteiligt ist. Das Badenwerk als Vorläufer der heutigen EnBW hatte sich 1972 mit 17,5 Prozent am Bau von Fessenheim beteiligt, und seither haftet das Unternehmen auch in gleicher Höhe für die Betriebskosten. Dafür gibt es einen Naturalrabatt. Zunächst wurde die EnBW direkt mit 17,5 Prozent des erzeugten Atomstroms versorgt. Im Januar 2010 wurden diese Bezugsrechte getauscht. Seither vermarktet der Düsseldorfer Wettbewerber Eon den französischen Atomstrom, die EnBW wird dafür aus deutschen Eon-Kraftwerken beliefert.

Jean-Jacques Rettig bringt die groteske Situation auf den Punkt: Baden-Württemberg liefert einerseits eine Studie, welche die Gefährlichkeit dieser Atomanlage belegt, andererseits sorgt das Land über die EnBW dafür, dass Fessenheim weiter laufen kann. "Wenn die Regierung Kretschmann wirklich glaubwürdig sein will", sagt er, "muss sie dafür sorgen, dass die EnBW aus Fessenheim aussteigt." Die EnBW selbst sieht keinen Handlungsbedarf. Da das Atomkraftwerk von den französischen Behörden genehmigt ist, bestehe kein Sicherheitsrisiko, heißt es in Karlsruhe.

In den 60er-Jahren glaubte man noch an das gute Atom

Fessenheim ist ein Relikt aus einer Zeit, als die Menschen noch an das "gute Atom" glauben. Wie die halbe Welt träumen auch die Deutschen vom Atom als dem Energieträger der Zukunft. Ende der 1960er-Jahre ist die Bundesrepublik hinter den USA zum größten Exporteur ziviler Atomanlagen geworden. Die oppositionelle SPD drängt auf ein besser ausgestattetes Atomprogramm, einhelliger noch als die CDU, wo Adenauer mit Blick auf die steigenden Kosten intern schimpft, die verdammte Atomgeschichte habe uns allen das Hirn vernebelt. Die Linken sind entschiedene Befürworter einer zivilen Nutzung der Atomkraft. Das gilt für den Philosophen Ernst Bloch, das gilt für die 68er.

Das älteste Atomkraftwerk Frankreichs aus der Vogelperspektive. Foto: GG
Das älteste Atomkraftwerk Frankreichs aus der Vogelperspektive. Foto: GG

Dies ändert sich erst allmählich zu Beginn der 70er-Jahre, als die Industriegesellschaft immer mehr Lebensbereiche beeinträchtigt. Die erste Ölkrise von 1973, die einen Preisanstieg von drei auf über fünf US-Dollar je Barrel bringt, macht die Abhängigkeit vom "schwarzen Gold" der OPEC-Staaten deutlich. Es mehren sich Hiobsbotschaften über Umweltkatastrophen. Schon 1969 schreibt die "New York Times": "War das dringlichste Problem der Studenten in den Sechzigerjahren Vietnam, so wird es in den Siebzigerjahren die Ökologie sein." Der Bericht des Club of Rome über die "Grenzen des Wachstums" wird 1972 zu einem Bestseller und erschüttert die heile Welt der Technik und Industriewirtschaft.

Am Oberrhein soll ein zweites Ruhrgebiet entstehen

Vor diesem Hintergrund will die damalige baden-württembergische CDU-Landesregierung unter Ministerpräsident Hans Filbinger das Rheintal zu einer Wirtschaftsachse machen. Aus dem Staatsanzeiger vom 23. 9. 1972: "Rückt nämlich die EG noch näher zusammen (...), so wird das Rheintal zwischen Basel und Frankfurt die Wirtschaftsachse überhaupt werden (...), die Ebene solle für gewerbliche und industrielle Nutzung freigegeben werden, während die Funktionen Wohnen und Erholung in die Vorbergzone und in den Seitentälern angesiedelt werden sollen."

Motor dieser Industriezone sollen Atomkraftwerke sein, die Strom über die Grenzen nach Frankreich liefern, wo dann wiederum Industrien ansiedeln und umgekehrt. Es sollte ein "zweites Ruhrgebiet" entstehen. Jean-Jacques Rettig erinnert sich: "Von Rotterdam bis nach Basel und von Basel bis nach Marseille und Mailand. Industrie, Industrie, Industrie, und dazu brauchte man Strom und Atomkraftwerke. Damals sprach man vom Atomstrom, der so billig sein wird und in solchen Mengen vorhanden sein wird, dass man ihn nicht mehr bezahlen muss."

Als Standort für das erste deutsche AKW im Rheintal wählt das "Badenwerk", in dessen Aufsichtsrat auch Ministerpräsident Filbinger sitzt, die alte Festungsstadt Breisach auf der Südseite des Kaiserstuhls aus. Gegenüber, im elsässischen Fessenheim, entsteht ein Kraftwerk der französischen Atomindustrie. In Breisach, dem Wahlkreis von Filbinger, regt sich bald Widerstand unter den Rheinfischern und den Winzern. Die gewaltigen Mengen Wasserdampf aus den Kühltürmen, so ihre Befürchtung, würden die ohnehin hohe Luftfeuchtigkeit ansteigen lassen und die für den Weinanbau wichtige Sonneneinstrahlung reduzieren.

In den Orten des Kaiserstuhls und im nahen Freiburg bilden sich erste Bürgerinitiativen. Über 65 000 Unterschriften werden gegen das Atomkraftwerk gesammelt. Landwirte demonstrieren mit ihren Traktoren, in den Weinbergen hängen Parolen gegen das Kraftwerk: "Lieber heute aktiv als morgen radioaktiv" oder "Kein Ruhrgebiet am Oberrhein". Der Weinbauverband stellt sich hinter die Winzer. Landesregierung und Betreiber suchen daraufhin einen anderen Standort und finden ihn in Wyhl. Der dortige, erfolgreiche Widerstand gegen das geplante Atomkraftwerk ist Geschichte.

Präsident Hollande will der Atomindustrie nicht wehtun

Fessenheim aber ist immer noch in Betrieb – bis 2016. So will es der französische Präsident François Hollande, der das Aus zu diesem Zeitpunkt verkündet hat. Doch die Bürgerinitiativen sind misstrauisch. Rettig kennt seine Landsleute. Hollande wolle von 75 Prozent Atomstrom auf 50 herunter, betont er, mehr nicht. Die Atomlobby in Frankreich sitze in allen Parteien, in allen Verwaltungen, in Hochschulen. Auch wenn es einen Super-GAU in Frankreich geben würde, es gäbe immer noch Kreise, die sich Mühe geben würden, die Atomindustrie am Leben zu erhalten, glaubt er.

... ist eine französische Gemeinde mit 2276 Einwohnern im Département Haut-Rhin in der Region Elsas. Foto: GG
... ist eine französische Gemeinde mit 2276 Einwohnern im Département Haut-Rhin in der Région Alsace. Foto: GG

Den großen Einfluss der französischen Atomindustrie und den geringen Widerstand jenseits des Rheins erklärt sich Rettig historisch: "In Frankreich wurde nach Ende des Zweiten Weltkriegs eine Doktrin entwickelt, damit so etwas wie der deutsche Einmarsch nie wieder geschehen konnte. Charles de Gaulle stellte ein Atomenergiekommissariat auf die Beine, um die Atombombe zu entwickeln. Zu dieser Doktrin gehörte dann auch die zivile Atomindustrie." So macht sich nicht nur Fabienne Stich, Fessenheims Bürgermeisterin, für den Weiterbetrieb des Atomkraftwerks stark. Sie bezeichnet Hollandes Ankündigung als einen "willkürlichen, antiökonomischen und antisozialen Entscheid". 2000 Arbeitsplätze würden bei einer Schließung wegfallen. So demonstrieren immer wieder die Gewerkschaften des AKWs, Personal- und Volksvertreter mit Trikoloreschärpen für den Weiterbetrieb.

Parallel wird aber auch darüber nachgedacht, was geschehen soll, wenn Fessenheim wirklich stillgelegt werden sollte. Vor allem ist die Rede davon, dass auf dem Gelände ein Betrieb zur Aufarbeitung und zum Recycling von radioaktivem Metall angesiedelt werden soll. Dazu Rettig: "Ein gefährlicher Betrieb soll durch einen anderen gefährlichen Betrieb ersetzt werden. Und deshalb ist es wichtig, dass nicht nur die Elsässer Ja oder Nein zu einem solchen Projekt sagen. Wichtig ist, dass die ganze Region darüber entscheidet."

Landesregierung im Dilemma

Offen ist die Frage, ob sich die EnBW an den Kosten für die Abschaltung und den Rückbau von Fessenheim beteiligen wird. Auskünfte dazu erhält man weder von der EnBW noch von der Éléctricité der France (EDF), der Eigentümerin von Fessenheim. Die grün-rote Landesregierung stürzt das in ein Dilemma: Sie ist für den Atomausstieg dies- und jenseits der Rheins, zugleich muss sie aber als Miteigentümer der EnBW auch deren wirtschaftliches Wohl im Auge haben. Die Landesvertreter im EnBW-Aufsichtsrat – Staatsministerin Silke Krebs (Grüne) und Finanzminister Nils Schmid (SPD) – sind zur Verschwiegenheit verpflichtet. Sie warten offiziell ein französisches Gesetz zur Umstrukturierung der Energieversorgung ab, das 2014 vorgelegt werden soll. Deutlicher wurde der grüne Umwelt- und Energieminister: "Fessenheim", so Franz Untersteller im Oktober 2012, "gehört nach den vorliegenden Ergebnissen unseres Gutachtens mehr denn je zum frühestmöglichen Zeitpunkt abgeschaltet. 2016, wie von der französischen Regierung geplant, ist mir zu spät." Das bleibt wohl ein Wunsch. Dem Landesminister sind die Hände gebunden, weil die deutsche Atomaufsicht letztlich keinen Einfluss auf die Betriebsgenehmigung des französischen AKWs Fessenheim hat.

 

Goggo Gensch ist Autor und Regisseur beim SWR. Mit Jean-Jacques Rettig hat er für seinen Film "Wyhl ? Nai hämmer gsait" gesprochen.

Die Fessenheim-Studie des Freiburger Öko-Instituts gibt es hier.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!

Kommentare

maguscarolus, 24.11.2013 16:46
Am Beispiel der Hochrisikotechnologie "Atomstrom" sieht man beispielhaft, was der Filz aus finanziellen Interessen, ökologischer Phantasielosigkeit, Desinformiertheit und Korruption für ein Beharrungsvermögen hervor bringt. Nicht mal die weltweit sichtbaren und weltweit folgenreichen Superkatastrophen Tschernobyl und Fukushima – von einigen "Kleineren" ganz zu schweigen – konnte etwas am einmal eingeschlagenen Kurs dieser Betonschädel-Ökonomen ändern. Man darf also davon ausgehen, dass auch ein Super-GAU in Fessenheim, mit je nach Windrichtung unterschiedlich vielen Hunderttausenden Toten, lebenslang Geschädigten und ihrer Heimat Beraubten mitten in Westeuropa kein wirkliches endgültiges Umdenken auf diesem Gebiet zur Folge haben würde. Zu groß ist der Einfluss reicher "shareholder" auf politische Entscheidungen, als dass menschliches Leid einen Politikwechsel bewirken könnte.

Alexander Schmidt, 20.11.2013 23:01
Unterschreibt die Petition für die Abschaltung des "Merde-Meilers" Fessenheim: http://gpurl.de/GicpZ

Kommentar hinzufügen




CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.


* Pflichtfeld!

Letzte Kommentare:

Ausgabe 313 / Begleitmusik des Terrors / Dr. Diethelm Gscheidle, 29.03.2017 10:47
Sehr geehrter Herr Barolo, bestimmte Musik ist wirklich sehr gefährlich und gewaltverursachend und kann somit Menschen tatsächlich töten! Die innovativen Forschungen des redlichen Freiburger Musikwissenschaftlers Dr. Klaus Miehling...

Ausgabe 313 / "Mutige Kraft für ein gutes Morgen" / Peter S, 29.03.2017 10:28
Ach ja die Grünen. Einmal dachte ich, ich brauche sie. Was danach kam war eine totale Enttäuschung. Heute sage ich, Parteien sind nicht nur überflüssig, sondern auch schädlich. Eine Direktwahl bei der der Kandidat den Bürgern...

Ausgabe 313 / Richard Lutz, der Stellschraubendreher / Thomas A, 29.03.2017 10:04
Es gibt "gutes" Sparen, nennen wir es optimieren und "schlechtes", so eine Art Kahlschlag mit Folgeschäden. Effizienzssteigerung kann auch zu mehr Beschäftigung durch mehr Umsatz führen. Firmen mit der Kundenorientierung (siehe...

Ausgabe 313 / Begleitmusik des Terrors / Barolo, 29.03.2017 10:02
Unfassbar mit was sich der NSU Untersuchungsausschuss im Ländle befasst. Statt auch nur eine der den Uwes nachgesagten Straftaten aufzudecken macht man auf Musik. Da muss ich wirklich scharf nachdenken, wann denn schon mal Musik einen...

Ausgabe 313 / PETA zwickt den Oberförster / Dr. Diethelm Gscheidle, 29.03.2017 09:34
Sehr geehrte Damen und Herren, der unredlichen und kriminellen Tierschutzorganisation MEBT ("Menschen für die ethische Behandlung von Tieren") das Verbandsklagerecht zu verweigern, ist sehr redlich und zeigt erneut, dass es sich bei...

Ausgabe 313 / Geschichte klittern mit Günther Oettinger / Thomas A, 29.03.2017 09:30
Bis zur Geschichtsstunde um Filbinger(man dachte fast die Nazis seien gegen Hitler gewesen) war der wahre Oppositionsführer im Landtag der Stefan Mappus. Von da ab wurde Oettinger weniger vom Parteifreund malträtiert. Kurz darauf wurden...

Ausgabe 313 / Richard Lutz, der Stellschraubendreher / Horst Ruch, 29.03.2017 09:27
......drehen wir die Bilanz besser um... er wird ein Wahnzeichen für Stuttgart, als Wahrzeichen machen.... Ich dachte immer der Boss einer Aktiengesellschaft hat für den Gewinn seiner Aktionäre zu sorgen. Hier ist es umgekehrt, der...

Ausgabe 313 / Revolution und Wahrheit / Peterwmeisel, 29.03.2017 09:05
Herzlichen Dank für die Darstellungen "der Anstalt" in der wir leben! Das Konzept ist ein bedeutender Bruder der "Aufklärung". der uns hilft hin zu schauen und zu erkennen was mit uns, dem "Souverän" gespielt wird. Wir lernen, dass das...

Ausgabe 313 / Richard Lutz, der Stellschraubendreher / Jue.So Jürgen Sojka, 29.03.2017 08:45
Hier lässt sich informatives zu jenem Dr. Richard Lutz nachlesen (¹) Auszug: Tatsächlich - Neue Demut bei der Bahn? Dazu müsste es allerdings zuvor Demut gegeben haben, um "Neue Demut" zu zeigen!! Wie sich erkennen lässt, lediglich...

Ausgabe 313 / "Mutige Kraft für ein gutes Morgen" / Heinz Heckele, 29.03.2017 08:41
Die Botschaft hör ich wohl..... Ich glaube dagegen, daß Urban Priol kürzlich den Nagel auf den Kopf getroffen hat, als er feststellte, "die heutigen Grünen sind wie FDP mit Fahrrad". Siehe Kretschmann!

Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!