KONTEXT Extra:
Jetzt doch ein Koalitionsausschuss zu Afghanistan

Vor Weihnachten hatten Grünen und CDU eine inhaltliche Aussprache über die Abschiebepraxis nach Afghanistan vermieden. Stattdessen wurde im Koalitionsausschuss vor allem darüber diskutiert, ob Grünen-Landeschef Oliver Hildenbrand es "schäbig" nennen darf, wenn sein CDU-Pendant, Innenminister Thomas Strobl, auch alte oder kranke Menschen abschieben will. Zur bisher einzigen Sammelabschiebung wurde ein Mann sogar aus einer Psychiatrischen Klinik geholt, dann allerdings doch nicht ins Flugzeug nach Kabul gesetzt.

Am kommenden Dienstag werden dieser und andere Fälle sowie die grundsätzliche Vorgehensweise im Koalitionsausschuss diskutiert. Die Grünen, die die Debatte durchgesetzt haben, erinnern an die geltenden Leitlinien des Landes zu Abschiebungen und Rückführungen, nach denen eine Einzelfallprüfung ohnehin zwingend ist. Bisher hatte sich Strobl gegen eine inhaltliche Behandlung der von ihm mitinitiierten verschärften Abschiebepraxis im Koalitionsausschuss ausgesprochen. Die Grünen gehen davon aus, dass die Leitlinien und damit die Einzelfallprüfung bestätigt werden.

Auf dem Tisch liegt auch ein Papier der sogenannten G-Länder, also aller Koalitionen, an denen Grüne beteiligt sind. Diesem zufolge muss gewährleistet sein, "dass Ausreisepflichtige keinen Schaden an Leben und Gesundheit nehmen". Die Regierungspartner in Baden-Württemberg, Berlin, Bremen, Hamburg, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen "betonen eine Reihe von Grundlinien und Anforderungen bezüglich Rückführungen nach Afghanistan". Sie fordern die Bundesregierung aber auch auf, die Sicherheitslage in Afghanistan "erneut zu überprüfen". (14.1.2017)


Ein zweites Raumwunder für Geflüchtete

Engagement kann sich lohnen. Im September hatte Kontext über die Initiative der Künstlerin Martina Geiger-Gerlach berichtet, eine Wohnung in einem zum Abriss vorgesehenen Haus im Stuttgarter Stadtteil Steckfeld monatsweise Flüchtlingen zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig finden dort immer Ausstellungen statt, die Nachbarn und Interessierten Gelegenheit geben, Künstlern und Geflüchteten zwanglos zu begegnen. Nun hat der Vermieter, das katholische Siedlungswerk, der Künstlerin eine zweite Wohnung im selben Haus als Lernwohnung zur Verfügung gestellt, damit Geflüchtete, die im Trubel ihrer Unterkunft nicht zur Ruhe kommen, eine Rückzugsmöglichkeit finden. Zudem bleibt das Haus länger stehen: voraussichtlich zwei Jahre. Dem Siedlungswerk gefällt das Projekt so gut, dass Martina Geiger-Gerlach gefragt wurde, ob sie sich vorstellen könnte, im Quartiersraum des Neubauareals an Stelle des früheren Olgahospitals eine Aufgabe zu übernehmen. Und: Ihr Wohnungs-Projekt ist für den Stuttgarter Bürgerpreis der Bürgerstiftung vorgeschlagen worden. Am 20. Januar um 19 Uhr eröffnet in der Karlshofstraße 42 in Steckfeld die nächste Ausstellung mit Gemälden von Ivan Zozulya und dem DJ Roman Levin. Am 31. Januar wird die Entscheidung zum Bürgerpreis bekannt gegeben. Jeder kann mit abstimmen!


Der Gewitterwanderer im Glück

Mitte November hatte der 33-jährige Göppinger Schriftsteller Kai Bleifuß noch geschimpft wie ein Rohrspatz. Der promovierte Goethe-Experte rackert sich seit Jahren mit Schreiben ab. Fabrizierte zuletzt einen Roman über den Dichterfürsten und wie der so wäre, würde er in unserer Zeit leben. "Goethes Mörder" heißt das gute Stück. Gutes Zeug. Guter Mann. Das weiß auch Bleifuß selbst. Kontext gegenüber machte er keinen Hehl daraus, dass er sich selbst für einen ziemlich duften Typen hält. Doch bislang schlug ihm seitens des ganzen "Literaturzirkus" und der Verlage kalter Wind entgegen. Niemand wolle mehr ein Risiko eingehen. Literatur würde immer mehr unter ökonomischen Abwägungen betrachtet, konstatierte der resolute Literaturnerd. "Schreiben ist das Idiotischste, was man machen kann. Nicht schreiben aber auch."

Ein Bleifuß lässt sich aber nicht unterkriegen – und jetzt hat es gerappelt im Karton: Am vergangenen Sonntag sackte der Göppinger für seinen Text "Fünf Variationen auf das Unsagbare" den Autorenpreis "Irseer Pegasus 2017" ein. 150 Schriftsteller aus dem ganzen Land hatten sich mit ihren Werken beworben, doch Bleifuß hat den mit 2000 Euro dotierten Preis gewonnen. Neben ihm auf dem Siegertreppchen der Preisverleihung im Kloster Irsee im Allgäu strahlte David Krause aus Kerpen.

"Der glücklose Autor hatte endlich einmal Glück!", schrieb Goethe-Glücksbärchen Bleifuß voller Freude an Kontext, mit der Bitte unseren LeserInnen mitzuteilen, dass man am 27.1. ab 21:05 Uhr im BR2 sein Hörspiel "Pinball" senden werde. Machen wir doch gerne. (11.1.2017) 


Abstand halten von den Volksverrätern

Aus 594 Wörtern haben die Sprachwissenschaftler um die Darmstädter Professorin Nina Janich das Unwort des Jahres 2016 ausgesucht: "Volksverräter". Aus dem Erbe der NS-Diktatur werde das Wort von Pegida, AfD und anderen Rechtsaußen verwendet, um PolitikerInnen  zu diffamieren. Mit der Folge, dass das "ernsthafte Gespräch" und notwendige Diskussionen in der Gesellschaft abgewürgt würden, begründet die Jury. Auf den weiteren Plätzen folgen "postfaktisch", "Populismus", "Gutmensch" sowie eine "Armlänge Abstand". Mit in der fünfköpfigen Jury saß auch Kontext-Autor Stephan Hebel. (10.1.2016)


Sichere Herkunftsstaaten: Kretschmann schon lange für längere Liste

Winfried Kretschmann hat sich mit jüngsten Äußerungen zur Einstufung von Marokko, Tunesien und Algerien als sichere Herkunftsländer derart in die Nesseln gesetzt, dass sich sein Staatsministerium zu einer "Klarstellung" aufgerufen sah. Tatsächlich handelt es sich um einen durchsichtigen Versuch der Schadensbegrenzung. Der grüne Regierungschef hatte auf Anfrage der "Rheinischen Post" in einer Stellungnahme zur aktuellen Sicherheitsdebatte erklärt: "Die kriminelle Energie, die von Gruppierungen junger Männer aus diesen Staaten ausgeht, ist bedenklich und muss mit aller Konsequenz bekämpft werden." Zugleich sprach er sich für die Aufnahme der drei Maghreb-Staaten auf die Liste sicherer Herkunftsländer aus: "Baden-Württemberg wird der Ausweitung zustimmen, sofern die Bundesregierung das Ansinnen in den Bundesrat einbringt."

Die Wirkung beider Sätze im Zusammenhang sind ihm und "meinen Leut", wie er seine engsten Mitarbeiter gern nennt, offenbar entgangen. Jedenfalls stellte "das Staatsministerium klar, dass die signalisierte Zustimmung weder aus aktuellem Anlass beschlossen wurde, noch ihre Begründung in der Gewaltbereitschaft mancher Gruppen junger Männer aus diesen Ländern hat". Vielmehr sei die Entscheidung "schon im Frühsommer 2016 nach einem langen Abwägungsprozess, in dem vor allem der Frage nachgegangen wurde, ob es angesichts der Menschenrechtssituation in den besagten Ländern vertretbar wäre, diese zu sicheren Herkunftsländern zu erklären (...), als sich die Bundesregierung dem Ministerpräsidenten gegenüber bereit erklärte, in einer Protokollerklärung festzuhalten, Personen aus sogenannten vulnerablen Gruppen wie Homosexuellen, verfolgten Journalisten, religiösen Minderheiten mit gleicher Sorgfalt zu prüfen wie Flüchtlinge aus sonstigen Ländern". Das Staatsministerium sagt allerdings nichts dazu, ob die Forderung erfüllt wurde und warum das Thema nicht längst endgültig ausgetreten ist. Denn laut dem Bundesamt für Flüchtlinge und Migration werden die drei Länder in der Statistik überhaupt nicht mehr einzeln ausgewiesen, weil die Zahl der einreisenden Asylbewerber so niedrig ist. Und bereits 2015 gehörten die drei Staaten nicht zu jenen zehn Ländern, aus denen die meisten Flüchtlinge nach Deutschland kamen. (5.1.2017)


KONTEXT
per E-Mail:
Immer informiert:

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Datenschutz-Hinweis

Einknickendes Bahnhofsdach während Südflügelabriss am 19. März 2012. Screenshot: bambuser.com

Einknickendes Bahnhofsdach während Südflügelabriss am 19. März 2012. Screenshot: bambuser.com

Ausgabe 120
Wirtschaft

An einer Katastrophe vorbeigeschrammt

Von Jürgen Lessat
Datum: 17.07.2013
Stuttgart ist während eines Gewittersturms am 30. Juni 2012 nur knapp einer Katastrophe entgangen. Das Bahnsteighallendach des Stuttgarter Hauptbahnhofs war einsturzgefährdet, nachdem die Bahn den Südflügel des Gebäudeensembles für das umstrittene Projekt Stuttgart 21 abgerissen hatte. Für die Staatsanwaltschaft kein Grund zu ermitteln. Ohne strafrechtliche Konsequenzen bleiben auch zwei spektakuläre Unfälle während der Abbrucharbeiten.

Die Unwetterfront kam aus dem Westen. Riesige Wolkenberge sorgten binnen Minuten für Untergangsstimmung im schwülheißen Stuttgarter Talkessel. Mit Blitz, Donner und heftigen Winden fegte ein gewaltiger Gewittersturm in den Abendstunden des 30. Juni 2012, einem Samstag, über der Landeshauptstadt. Im Neckarhafen würfelten orkanartige Windböen Überseecontainer wie Bauklötze durcheinander. Ein 50 Tonnen schwerer Verladekran wurde gegen Prellböcke gedrückt. Landesweit forderte das Unwetter 38 Verletzte und hinterließ Millionenschäden. "Nur durch viel Glück kamen nicht noch mehr Menschen zu Schaden", sagt Ulrich Ebert rückblickend. In der Unwetternacht entging Stuttgart nur knapp einer gewaltigen Katastrophe, glaubt der Rechtsanwalt. "Das Bahnsteighallendach des Hauptbahnhofs war damals instabil, während des Sturms drohte es einzustürzen", sagt der Jurist, der sich seit über 25 Berufsjahren mit Architekten- und Ingenieurschäden befasst. Der Bahnhof müsse bei stärkerem Wind sicherheitshalber sofort gesperrt werden, hatte er bereits am 11. April 2012 per Mail vom Eisenbahnbundesamt (EBA) gefordert. Eine Antwort der Bonner Aufsichtsbehörde erhielt der Rechtsanwalt nie.

Warnung der Unwetterzentrale am 30.Juni 2012.
Warnung der Unwetterzentrale am 30.Juni 2012.

In der Sturmnacht waren Tausende Bahnreisende wegen Streckensperrungen im Stuttgarter Hauptbahnhof gestrandet. Viele warteten das Unwetter in Zügen ab, die von der Bahn als provisorische Warteräume an den Bahnsteigen abgestellt worden waren. Schwebten die Reisenden in akuter Lebensgefahr? Die Stuttgarter Staatsanwaltschaft sieht dafür keinerlei Anhaltspunkte.

Für Experten war das Dach monatelang nicht standsicher

Der Strafanzeige einer Bahnkundin, die die Sicherheit im Stuttgarter Hauptbahnhof in der Sturmnacht nicht gewährleistet sah, leistet sie keine Folge. "Eine konkrete Gefahr ergibt sich nicht, auch liegen keine ausreichenden Anhaltspunkte für ein pflichtwidriges Verhalten vor", schreibt der Erste Staatsanwalt Braun in seiner Einstellungsverfügung vom 24. Juni 2013. Völlig anders sieht dies ein von Kontext befragter Experte. Auch sprechen zahlreiche Indizien dafür, dass das Bahnhofsdach nach dem vorangegangenen Abriss des Bahnhofssüdflügels im vergangenen Jahr monatelang nicht standsicher war.

Vor-Ort-Termin im Stuttgarter Hauptbahnhof mit einem Bauingenieur, der seinen richtigen Namen nicht in Kontext veröffentlicht sehen will. Der Ingenieur ist ein erfahrener Tragwerksplaner. "Das gesamte Bahnsteighallendach lagert nur mit seinem Eigengewicht auf über hundert Dachstützen", erläutert er die über sechzig Jahre alte Dachkonstruktion aus Stahl, Bimsbeton und Glas. Temperaturbedingte horizontale Ausdehnungen des Stahls fangen Walzenlager auf den Stützenköpfen ab. "Größere Seitenlasten wurden bislang von den beiden Seitenflügeln des Bahnhofs aufgenommen", erläutert der Experte. In den Seitengebäuden fungierten Wände und Treppenhäuser als sogenannte Kraftscheiben, die Schwingungskräfte vom Dach in den Boden ableiteten. Im April 2012 hatte die Bahn Vollzug gemeldet beim Abriss des 277 Meter langen Südflügels. Der Gebäudeteil fiel, wie auch zuvor das kleinere Pendant auf der Nordseite, um Platz für die Baugrube des Tiefbahnhofs Stuttgart 21 zu schaffen. "Durch den Flügelabriss ist diese Lastableitung nicht mehr möglich", erläutert der Fachmann. Der mächtige Südflügel fehlt zudem als effektiver Windschutz, ergänzt er. Nach dem Abriss wurde das verglaste Dach zum offenen Angriffsziel für Wind und Wetter. Auf die vertikalen Scheiben wirken seitliche Windlasten, die das gesamte Dach zur Seite drücken. Eine Sogwirkung kann auch bewirken, dass das Dach von seinen Stützen abhebt. "Die gesamte Dachkonstruktion hätte beim Unwetter im Juni 2012 kollabieren können", schlussfolgert der Tragwerksplaner. Die Katastrophe hätte eintreten können, weil die Bahn bei den Bauarbeiten für den Tiefbahnhof in falscher Reihenfolge vorgegangen sei. Um auf Nummer sicher zu gehen, hätten zunächst Dachstützen ausgesteift und dann Glasscheiben ausgebaut werden müssen, bevor die Abrissbagger vor dem Südflügel anrollten. "Das war fahrlässig und dilettantisch. Hier ging es ja nicht um einen Hühnerstall", betont der Bauingenieur.

Ein Einsturz hätte viele Opfer gefordert 

Sicher ist, dass ein Dacheinsturz im Stuttgarter Hauptbahnhof einem Katastrophenfilm als Vorlage genügt hätte: Wie Dominosteine kippen die über hundert Dachstützen nacheinander zur Seite, unter ohrenbetäubendem Getöse splittern Glasscheiben, tonnenschwere Stahlträger und Betonplatten stürzen auf Züge und Bahnsteige. Wäre es zur Katastrophe gekommen, hätte es viele Todesopfer gegeben. Auf Reisende und Bahnmitarbeiter wären nicht nur tonnenschwere Trümmerteile des Daches gestürzt. Eine tödliche Gefahr wäre auch von herabgerissenen Oberleitungen ausgegangen.

Während Rechtsanwalt Ebert die Gefahr schon frühzeitig – noch während des Südflügelabrisses – erkannte, brauchten die Verantwortlichen der Bahn länger. Monatelang bewegten sich Millionen Reisende und Tausende Züge unter einem instabilen Bahnsteighallendach. Erst Wochen nach der Sturmnacht begann die Bahn damit, die Dachstatik zu ertüchtigen. Ende Juli 2012 wurden die ersten vertikalen Scheiben aus dem Hallendach ausgebaut. Nur im Nebensatz einer offiziellen Mitteilung vom 31. Juli 2012 verriet das S-21-Kommunikationsbüro den wahren Grund. Durch die Entfernung der rund 1000 Scheiben sollten auch "Windkräfte auf die tragenden Strukturen reduziert" werden. Ende August schließlich schwebte das Hallendach scheibenlos wie löchriger Schweizer Käse über den Reisenden. Weitere Maßnahmen folgten. Ab September ließ die Bahn die mittlere Dachstützenreihe zwischen den Gleisen 8 und 9 mit Stahlträgern versteifen. Statt Zügen belegen seither massive Betonblöcke Gleis 8. "Stahlträger und Betongewichte sollen die Stützen gegen seitliche Kräfte aussteifen, die eben typischerweise durch Windereignisse auftreten", erläutert der Tragwerksplaner die Maßnahme, die Ende November 2012 abgeschlossen war. Zudem installierte die Bahn mehrere Windmessgeräte im Dachbereich.

Seit November 2012 stützen  Betonblöcke das Dach. Foto: Jo Röttgers
Seit November 2012 stützen Betonblöcke das Dach. Foto: Jo Röttgers

Indirekt bestätigte im vergangenen Herbst die Bahn selbst eine mögliche Einsturzgefahr. Nach mehrfacher Anfrage durch den Autor informierte S-21-Projektsprecher Wolfgang Dietrich am 12. Oktober 2012 per Pressemitteilung, dass während "aktueller Umbauarbeiten nicht ausgeschlossen werden kann, dass infolge von Sturm und Sturmböen Teile der Dachkonstruktion beschädigt werden". Vorsorglich habe man deshalb Sicherungsmaßnahmen ergriffen. "Bei Sturm ab Windstärke 8 wird die Bahn über notwendige zusätzliche Sicherungsmaßnahmen bis hin zu einer Sperrung des Bahnsteigbereichs der Bahnhofshalle entscheiden", bestätigte Dietrich, was Jurist Ebert bereits im April beim EBA gefordert hatte.

Messgeräte im Bahnhof schlagen Alarm

In der Sturmnacht Ende Juni, als das Bahnhofsdach noch völlig ungesichert auf den Stützen lagerte, waren laut Deutschem Wetterdienst schwere Sturmböen mit Windstärke 10 durch Stuttgart gefegt. Mitte Januar 2013 räumte die Bahn im Technikausschuss des Stuttgarter Gemeinderats ein, dass die Bahnsteighalle zwei Mal wegen hoher Windgeschwindigkeiten vorsorglich kurzfristig gesperrt worden war. Kurz nach ihrer Installation hatten die elektronischen Messgeräte am 6. und 16. August 2012 Alarm geschlagen. Auf eine Anfrage der Grünen hin präsentierten die Bahnvertreter den Stadträten Unterlagen, die die Standsicherheit des Bahnhofsdachs dokumentieren sollten. "Der Bericht hat die Zweifel nicht ausgeräumt", konstatiert Grünen-Fraktionschef Peter Pätzold. Der Inhalt der Unterlagen belegt zudem eindeutig, dass die Bahn "konstruktive Maßnahmen" zur Stabilisierung des Daches erst nach der Unwetternacht am 30. Juni 2012 durchführte. Für Juristen wie Ulrich Ebert sind dies genügend Indizien, gegen Verantwortliche der Bahn wegen mehrerer Straftaten wie gefährlichen Eingriffs in den Schienenverkehr oder Baugefährdung zu ermitteln. Die Stuttgarter Staatsanwaltschaft wählte dagegen den kurzen Dienstweg. Staatsanwalt Braun machte sich erst gar nicht die Mühe, den Ablaufplan mit statischen Berechnungen für den Südflügelabriss von der Bahn zur Überprüfung anzufordern. Stattdessen begnügte er sich mit einer knapp einseitigen Einstellungsbegründung an die Anzeigenerstatterin.

Die Stuttgarter Ermittlungsbehörde sieht auch keine Schuldigen für zwei Baustellenunfälle, die sich während des Südflügelabrisses ereigneten. So wurde am 14. April 2012 eine Passantin von einem Mauerbrocken getroffen und verletzt. Nachdem der Baggerführer ein Mauerstück aus dem Südflügel "planmäßig abgerissen und auf einen Schutthaufen abgelegt" habe, sei es durch "eine Art Wippeffekt" zum Steinschlag gekommen, so die Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Ein Vorwurf wegen fahrlässiger Köperverletzung sei niemandem zu machen. Nach Kontext-Informationen hatte der Baggerführer zum Unfallzeitpunkt jedoch knapp 1,5 Promille Alkohol im Blut. Schon zuvor hatte es Hinweise auf ausgiebigen Alkoholgenuss auf der Baustelle gegeben. Auch sprechen die Akten bei Baggerführer und Bauleiter von "früheren polizeilichen Erkenntnissen". Auf Schmerzensgeld kann die verletzte Passantin nicht hoffen. Wie die Bahn hat auch die Abbruchfirma eine Entschädigung abgelehnt – unter anderem mit dem Hinweis, dass der Baggerführer als Subunternehmer tätig war.

Eingestellt hat die Behörde auch ein Verfahren gegen unbekannt, nachdem während der Abrissarbeiten am 19. März 2012 eine Stütze des Bahnhofsdachs eingestürzt war. Nach dem Vorfall hatte sich das Dach an Gleis 16 abgesenkt. Verletzte waren nicht zu beklagen, obwohl Scherben zerborstener Dachscheiben auf einen Zug und den Bahnsteig fielen. Auslöser für den Unfall war laut Staatsanwaltschaft ein in der Südflügelwand verbauter Stahlträger, der auf keinem Plan verzeichnet war. Mit ihm touchierte der Baggerführer die Dachstütze, die unter der Belastung einknickte.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?

Kommentare

D.S., 29.07.2013 00:47
bei den Parkschützern wird auch das verzogene Dach mal wieder diskutiert (mit Fotos):
http://www.parkschuetzer.de/statements/159631

N. Picasso, 21.07.2013 10:38
Mit diesem Verhalten der Staatsanwaltschaft ist ein "richtiger Bruch" entstanden. Die Staatsanwaltschaft hat sich vom Schutz der Bürger weit entfernt. Auf was hat die Justiz nochmal geschworen?

Die Gerechtigkeit wohnt in einer Etage, in der der politische Teil der Stuttgarter Staatsanwaltschaft keinen Zutritt mehr hat!

Die Staatsanwaltschaft hat allen Menschen die mit der Bahn fahren, die Sicherheit versagt, ganz besonders was jetzt alle weiteren Baumaßnahmen betrifft - besser Zerstörmaßnahmen. Sie hat der Bahn förmlich einen Freifahrtschein ausgestellt. Der Konzern weiß die Justiz doch gut hinter sich und mit der Justiz natürlich die Politik. Im Zweifel wird es immer gegen die Bürger gehen, gegen die Sicherheit. Man wird vollstes Risiko fahren!
Die Bahn hat alle Sicherheitsvorschriften für Monate ausgelassen-es wurde nicht ernst genommen. Die Indizien sind klipp und klar dargestellt. Die Bahn hat erst reagiert - wie immer - wenn etwas passiert ist. Das war bei Horrdorf so, bei Enschede, bei den langegezogenen Wartungsintervallen usw, Personalmangel, bei den Entgleisungen..... Wie oft gab es Tote oder Verletzte, manchmal hatte sie einfach nur Glück!

Dazu kommt ganz klar heraus: die Leute brauchen im Schadensfall nicht auf Geld hoffen-das SubSubunternehmen ist kaum greifbar. Kam jetzt gut heraus im Artikel!

Abrissunfall. Ich bin fassungslos! Ein betrunkener Baggerfahrer und keine Strafe??????? Wo war denn auch die schützende Gummimatte, die vor absplitternden Steinen schützt, gerade,wenn die Abrissstelle so nah am Zaun ist,an dem Menschen vorbeilaufen! ? Nichts war fahrlässig?????

Ich bin dafür,alle Kontrollen für LKW-Fahrer abzuschaffen. Mangelhaft gesicherte LKW-Ladung. Na und, muss doch nichts passieren! Abgefahrene Reifen,die platzen könnten. Na und, muss doch nichts passieren. Schikaniert doch die LKW-Fahrer nicht so. Menschen könnten zu Tode kommen, verletzt werden. Na und!
Bei S21 ist das doch auch kein Problem, oder doch?

Ich bin sooooo wütend!!!!!!!!!
Die Bahn gefährdete über Monate hinweg tausende von Menschen täglich - nichts - nicht einmal ein läppisches Bußgeld!!!!!
Dagegen kriegen hier Leute hohe Bußgelder, weil sie am Bauzaun stehen und Banner halten-sie ihr Recht auf Versammlung einfordern und nicht weggegangen sind ohne Versammlungsauflösung. 500 Euro Bußgeld! Sie gefährdeten kein einziges Menschenleben-im Gegenteil, sie stehen auch dort, weil der Staat die Menschen nicht annähernd so schützt, wie er schützen müsste.
Wo ist da die Relation?

Die Zukunft hier in Stuttgart verheißt nichts Gutes bei solch einer weichgespülten politischen Abteilung der Staatsanwaltschaft.
Wir wissen,dass die Bahn sich selbst kontrollieren darf. Wir wissen,dass EBA schreitet erst ein,wenn etwas passiert ist. Es graut, wenn hier wirklich der Anhydrit angebohrt wird, wenn der Grundgips angerammt wird, wenn Grundwasser aufsteigt,die geplanten verschachtelten und verkleinerten Kanäle.....Die Stadt hat keine Kontrolle über den Konzern.

Jede Abweisung von solchen Klagen bedeutet nur eins - wir sind eben noch länger im Widerstand und auf der Straße!

Alle diese Vorgänge werden gestreut. Irgendwann wird es den Verantwortlichen auf die Füße fallen.
Danke Kontext!

Ihr werdet uns nicht los.

phil55, 20.07.2013 22:59
Der letzte Satz des Artikels lautet:
>> Auslöser für den Unfall war laut Staatsanwaltschaft ein in der Südflügelwand verbauter Stahlträger, der auf keinem Plan verzeichnet war. Mit ihm touchierte der Baggerführer die Dachstütze, die unter der Belastung einknickte. <<
Auch an dieser Stelle sind Zweifel, wenn nicht gar Widerspruch, angebracht.
Von einem versehentlichen "touchieren" kann wohl keine Rede sein. In der dokumentierten Abriß-Szene (siehe Screenshot: bambuser.com) des Original-Videos ist eine anhaltend massive Krafteinwirkung auf den oberen Stützen-Bereich erkennbar (und laut Kommentator waren starke Vibrationen im Boden spürbar). Erst infolge dieser zielgerichteten Krafteinleitung ging schließlich die Stütze zu Bruch. Mit einer fehlerhaften Planung der Abbruchtechnologie und einer fehlerhaften Bautenstands-Statik hat das zwar zu tun, aber nicht im oben zitierten Sinne. Es gibt also Mehrere Schuldige. Die Unmittelbare Schuld für die riskante Krafteinleitung im Bereich des sensiblen Tragwerks trägt eindeutig die Abbruch-Firma und der Baggerführer. Die mittelbare Schuld liegt bei der Bahn, welche beim überstürzten Südflügelabriß den Eingriff in die Tragwerksstatik des bestehenden Hallendaches nicht ausreichend vorbereitet hatte. Ein baubegleitender "Soll-Ist-Vergleich" mit den vorliegenden Bestands-Unterlagen wurde auch "vergessen". Ergo: der Baggerführer hätte zur Klärung der Situation seine Abbruchbemühungen jederzeit unterbrechen können und auch müssen, stattdessen hat er leichtsinnigerweise die Krafteinwirkung belassen (eventuell sogar leicht überhöht). Dies ist sicherlich auch eine Folge des Termindrucks. Schnelligkeit sollte aber nicht vor Sicherheit gehen.

Trixie, 19.07.2013 15:53
Nach Kontext-Informationen hatte der Baggerführer zum Unfallzeitpunkt jedoch knapp 1,5 Promille Alkohol im Blut. Schon zuvor hatte es Hinweise auf ausgiebigen Alkoholgenuss auf der Baustelle gegeben.
**************************************************
Ach deshalb ist einer der Arbeiter auch kurz nachdem der Stein runterkam abgehauen. Aber ist ja alles nicht so schlimm gell????????
Und !"Wippeffekt" war das auch nicht, der Stein kam glatt geflogen!!! Aber das hat die Polizei ja auch nicht interessiert. Zum Kotzen

Hans Hagen, 18.07.2013 09:31
Hat da der Autor den "Experten" nicht eher einfach nur erfunden?

Welchen Grund sollte dieser denn haben, seinen Namen nicht in der Zeitung lesen zu wollen?

Eine Benennung als Experte ist doch eigentlich kostenlose Werbung - andere zahlen da viel Geld für.

Ing21, 17.07.2013 16:20
Es ist schon enorm, wie bei der Bahn alle Augen zugedrückt werden, während bei Demonstranten Sonnenbrillen als passive Bewaffnung, und das sich selbst einbetonieren als Gewalt gewertet wird.

Die Idee des Rechtsstaates war/ ist, daß es solche Ungleichbehandlungen nicht geben darf, sondern Recht und Gesetz für alle gleich sind.

Was im Artikel leider nicht gesagt wird, ist die offizielle Begründung für das Entfernen der Scheiben im Dach: Wegen Vibrationsgefahr beim Rückbau.

thomas a, 17.07.2013 10:18
Ein einer wichtigen Stelle muß ich widersprechen. Es gab keine Stützen. Es gab nur Lager an Gleis 16. Die wie mit Kuchenformen an den Südflügel angegossenen "Stützen" hatten keine ! Stahlarmierung . Sie waren kurz unterhalb der Dachträgerauflage mit 4 fetten waagerechten Stahldübeln im Südflügelgebäude befestigt.
Nach der verantwortungslosen Demmentierung jeglicher Einsturzgefahr des Dementibeauftragten aus der Räpplenstrasse im März, hat Herr Dietrich dann in im Juni innerhalb eines Zeitungsinterview eine Bauverzögerung damit begründet, dass die Einsturzgefahr durch Stützenbeschädigung beim Südflügelabriss Zeit koste. Ein Team, das die Stützen untersuchte wurde auch erst nach Eberts Strafanzeige mit dem verlangen einer Prüfstatik gesehen.
Nach Anbringung zweier Versionen von völlig untauglichen Stützkorsetten im August und deren unmittelbarer Entfernung, wurde ertsmals Mitte September eine jetzt noch bestehende Konstruktion aus Stahl und Betongewichten , die deutlich schwerer sind als alle Züge die jemals dort eingeloffen sind, an der mittleren Stützenreihe angebracht. Diese besitzt als einzige Festlager zur Aufnahme von Kräften quer zur Gleisrichtung .
Zum Zeitpunkt des Südflügelabrisses wurde eine Bauleiterin , Frau H., in der umzäunten Zone des Südflügels gesehen. Meines Wissens wurde gegen diese noch keine Strafanzeige vorgebracht.

Kommentar hinzufügen




CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.


* Pflichtfeld!

Letzte Kommentare:

Ausgabe 302 / Eliten mit Sehschwäche / Renate Knapper, 16.01.2017 12:10
Hallo Kontext-Redaktion, Ich finde es super, dass ihr das Thema reich/arm zum Schwerpunkt machen wollt. Und dass ihr gleich in BaWü anfangt und v.a. auch Namen nennt. Bitte weiter so!! Hoch spannend ist in meinen Augen auch die Aussage...

Ausgabe 300 / Kopp auf der Resterampe / Barolo, 16.01.2017 11:30
@R.N. volle Zustimmung.

Ausgabe 302 / Lidl lohnt sich – für einen / Schwabe, 16.01.2017 10:47
"Produktion für die Tonne" - Fakten,Fakten, Fakten Tierleid, ungesundes Essen, miese Jobs: Die Lebensmittelindustrie hat viele unschöne Gesichter. Ein besonders herausragendes Problem ist die massive Überproduktion. Riesige...

Ausgabe 302 / Hilfe für Snowdens Helfer / Michael Müller, 15.01.2017 18:07
Ich schließe mich der Frage von Herrn Struwe an. Wohin kann jemand spenden der keine Paypal/Bitcoin/Kreditkarte hat? @partisan: Verstand hat Ihre Worte nicht geformt, es muss Reflex gewesen sein. Sie hätten stattdessen auch ein...

Ausgabe 300 / Kopp auf der Resterampe / R.N., 15.01.2017 15:38
Als die Kontext-Wochenzeitung erstmals erschienen ist, habe ich mich auf eine Zeitung gefreut, die ohne offensichtlichen politischen Einfluss auskommt. Zu früh gefreut. Nach dem Lesen dieses Artikels spürt man, woher der Wind...

Ausgabe 302 / Lidl lohnt sich – für einen / Gela, 15.01.2017 13:31
2 unterschiedliche Diskusionsstile: Manfred Lieb kennt die Fakten, wertet sie und kommt dadurch zu einer differenzierten Beurteilung, was zu lobenund was zu tadeln ist. Bei der Kritik fehlt mir allerdings die an dem erpresserischen...

Ausgabe 302 / Kobra ins Körbchen / Jan, 15.01.2017 12:17
Oh man, jetzt macht dieser Lowandorder auch noch die Kontext Kommentarfunktion zu seiner Dada Bühne....

Ausgabe 302 / Oh, wie schön ist Biberach / Hartmut Hendrich, 15.01.2017 11:54
@Fritz: Danke, der Schlag sitzt und schmerzt in der Magengrube. Dass mir die Nachsilbe „er“ doppelt in ein Wort geraten war und mir nicht beim Kontrollieren vorm Absenden, aber sofort nach der Veröffentlichung auffiel, war schon...

Ausgabe 302 / Weg mit den Klammern / Blender, 14.01.2017 23:12
Ein V-Mann (diesmal vom LKA) fuhr Herrn Amri nach Berlin. Vielen Dank auch (für die weitere staatliche Unterstützung einer weiteren terroristischen Vereinigung). These: Ohne V- Männer gäbe es keinen Terrorismus?...

Ausgabe 302 / Lidl lohnt sich – für einen / Schwabe, 14.01.2017 21:10
Manfred Lieb tut so als sei der Milliardär Schwarz ein ganz normaler Steuerbürger der sich an Recht und Gesetz hält "...aber dies ist nicht einem Steuerbürger (Manfred Lieb meint damit den Milliardär Schwarz) anzulasten..." oder "Man...

Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.