KONTEXT Extra:
Mit klassischer Musik gegen Kampfdrohnen

Mit Cello und Bratsche rücken 80 MusikerInnnen vor der US-Kommandozentrale in Stuttgart-Möhringen an. Am kommenden Montag, 29. 8., 10 Uhr, wollen sie dem "Drohnenmord den Schlussakkord" setzen. Sie sammeln sich seit 30 Jahren unter dem Namen "Lebenslaute" und finden sich überall dort ein, wo sie Menschen bedroht sehen: auf Militärübungsplätzen, Abschiebeflughäfen, vor Atomkraftwerken und Raketendepots. Ihr Konzert ist verbunden mit einer Demonstration, bei der die Organisatoren von "Ohne Rüstung Leben" 13 000 Unterschriften an einen Vertreter von Africom und Eucom übergeben wollen. Sie fordern die Schließung der Kommandozentralen. Mit der "stillschweigenden Duldung" von Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) werde hier der Einsatz von tödlichen Kampfdrohnen koordiniert, schreibt das Bündnis. (26. 8.)


Versprochen, gebrochen!

Was kommt da eigentlich noch?, fragt sich die designierte SPD-Landesvorsitzende und mit ihr die politisch interessierte Öffentlichkeit im Land. Vor vier Wochen waren die ersten Nebenabreden öffentlich geworden, die Grüne und CDU nicht in ihren Koalitionsvertrag aufgenommen hatten (Kontext berichtete). Ministerpräsident Winfried Kretschmann musste in einer Landtagsdebatte alle Register ziehen, um deren Notwendigkeit mehr schlecht als recht gerade auch vor den Regierungsfraktionen und der eigenen Klientel zu rechtfertigen. Ungenutzt ließ er die Chance, reinen Tisch zu machen, alles zu offenbaren, was er mit CDU-Landeschef Thomas Strobl ausbaldowert hat. Die Aufregung wäre groß gewesen - und doch deutlich kleiner als der Ärger, den sich die beiden jetzt eingehandelt haben. Drei Tage, sagt der Regierungschef gern, lägen zwischen "Hosianna" und "Kreuziget ihn!", was schon immer zweideutig war, weil er damit die Verantwortung für einen Niedergang auch dem Publikum zuschreibt. Jetzt tragen Kretschmann und Strobl diese ganz allein. Der Grüne allerdings deutlich schwerer als der Schwarze, weil er - siehe Persönlichkeitswerte - sehr vielen Menschen als Inbegriff der Redlichkeit galt. Mit seiner "Politik des Gehörtwerdens" war ein Transparenzversprechen verbunden, und das hat er höchstpersönlich gleich mehrfach gebrochen.


AfD kann nicht rechnen

Zu ihrer 100-Tage-Bilanz im Landtag legen die Abgeordneten der AfD-Fraktion, also jene, die dem Bundessprecher Jörg Meuthen im Antisemitismus-Streit nicht gefolgt sind, eine arg geschönte Bilanz ihrer Arbeit vor. "Seit Beginn der Legislaturperiode haben wir bereits 37 Anfragen gestellt, über die wir künftig berichten werden", heißt es in einer Pressemitteilung. Und weiter: "Das übertrifft die SPD-Fraktion bei weitem, die gerade einmal 14 Anfragen eingereicht hat, oder auch die FDP, die beide aufgrund ihrer Parlamentshistorie mit einer deutlich größeren Mannschaft im Hintergrund agieren."

Wahr ist, dass die Fraktionsgröße die Zahl der Beschäftigten bestimmt und vor allem, dass die AfD-Fraktion seit der Abspaltung der "Alternative für Baden-Württemberg" (ABW) acht Kleine Anfragen gestellt hat und die ABW seit ihrer Gründung Anfang Juli neun. Davor hatte es die noch geeinte AfD auf 34 Kleine Anfragen gebracht. SPD und FDP kommen aber auf jeweils über 70 Initiativen in ihren ersten 100 Tagen, darunter Kleine Anfragen, Große Anfragen, Anträge und Gesetzentwürfe. "Nachdem die AfD bis zur Stunde mit ihren ungeheuerlichen Mätzchen dem Parlament und seiner demokratischen Kultur nur Schaden zugefügt hat, kommt sie nun mit einer vor lauter Selbstbeweihräucherung triefenden 100-Tage-Bilanz daher, die aber noch nicht mal korrekte Rechenkünste vorweisen kann", reagiert Martin Mendler, der Fraktionssprecher der Sozialdemokraten, scharf. Der SPD würden fälschlicherweise lediglich 14 Anfragen zugeordnet, wohingegen es laut Parlamentsdokumentation des Landtags von Mai bis August in der 16. Legislaturperiode mehr als fünf Mal so viele seien.


Mit Wolfgang Dietrich naht die Rettung

Die Rettung rückt immer näher: Jetzt hat der Aufsichtsrat des Stuttgarter Fußballvereins VfB den früheren S-21-Sprecher Wolfgang Dietrich offiziell zum Präsidenten-Kandidaten erhoben. Gewählt wird er am 9. Oktober, so sich nicht irgendwelche Ultras zu einem Block zusammen rotten. Nicht so ganz schlüssig sind sich die beiden Fusionsblätter vor Ort, ob sie den 68-jährigen Streithansel gut oder schlecht finden sollen. Zum einen sei Dietrich ein "gewiefter Geschäftsmann", gar ein "Universalstratege", zum anderen ein "Polarisierer" und eine "Reizfigur", meinen die StZN, und sprechen von der "Altlast S 21". Sie mögen sich von den Parkschützern Mut zur Meinung machen lassen. Wenn das Neckarstadion unter die Erde gelegt werde, schreiben sie, könne man "oben Luxuswohnungen und Einkaufstempel" bauen.


Brigitte Lösch im Visier der AfD

Die beiden AfD-Gruppierungen im baden-württembergischen Landtag wollen ihre Spaltung nutzen, um mit einem Untersuchungsausschuss unter anderem gegen die frühere grüne Landtagsvizepräsidentin und Stuttgarter Abgeordnete Brigitte Lösch vorzugehen. Hintergrund ist ihr Engagement gegen die Bildungsplangegner der "Demo für alle" und für das Bündnis "No Pegida Stuttgart".

Gegenstand der parlamentarischen Untersuchung sollen auch die Ereignisse vom vergangenen Oktober sein, als Künstler und Beschäftigte aus Protest gegen die "Demo für alle" ein Banner mit der Aufschrift "Vielfalt" vom Dach des Großen Hauses der Württembergischen Staatstheater entrollten (Kontext berichtete). Die beiden AfD-Fraktionen verlangen Auskunft darüber "wieso das Opernhaus Stuttgart durch Gegendemonstranten besetzt werden konnte". Grundsätzlich will die "Alternative für Deutschland", die mit ihren zur Zeit zwei Fraktionen allein einen Untersuchungsausschuss beantragen kann, dem "Linksextremismus in Baden-Württemberg" nachgehen und einer möglichen Nähe zu "der gewesenen oder derzeitigen Landesregierung, Parteien, der Verwaltung, der Behörden oder dem Landtag".

Die vier demokratischen Fraktionen sehen darin einem Missbrauch der parlamentarischen Möglichkeiten. Bereits ins Auge gefasst ist eine Überprüfung des Vorgehens der Rechtsnationalisten durch den baden-württembergischen Verfassungsgerichtshof. Nach geltendem Recht kann ein Untersuchungsausschuss eingesetzt werden, wenn mindestens zwei Fraktionen oder ein Viertel aller Abgeordneten dafür sind. Er ist allerdings nur zulässig zu Sachverhalten, "deren Aufklärung im öffentlichen Interesse liegt" und wenn sie geeignet sind, "dem Landtag Grundlagen für eine Beschlussfassung im Rahmen seiner verfassungsmäßigen Zuständigkeiten zu vermitteln".

Drei vom Landtag bestellte Gutachter sahen Ende Juli auf Basis der geltenden Geschäftsordnung keinen Weg, der AfD die Bildung zweier Fraktionen zu verwehren. FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke warnte schon damals, die "Alternative für Deutschland" könnte ihren doppelten Fraktionsstatus missbrauchen. Jetzt sieht er sich bestätigt: Die AfD nutze ihre Spaltung, "um sich Vorteile zu erschleichen".

Die stellvertretende AfD-Landesvorsitzende Christina Baum, die dem Bundessprecher Jörg Meuthen im Antisemitismus-Streit um Wolfgang Gedeon nicht in die neue Fraktion gefolgt ist, bewertet das gemeinsame Vorgehen als "positives Signal für alle bürgerlichen Schichten im Land". Beide Fraktionen verhehlen auch nicht, dass der jetzt vorgelegte Antrag eine "Vorbereitung der Wiedervereinigung" (Baum) ist. Nach dieser, die für den Herbst und im Zuge einer gerade gestarteten Mediation von beiden Seiten in Aussicht gestellt wurde, könnte der Untersuchungsausschuss aber nicht mehr durchgesetzt werden.


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Einknickendes Bahnhofsdach während Südflügelabriss am 19. März 2012. Screenshot: bambuser.com

Einknickendes Bahnhofsdach während Südflügelabriss am 19. März 2012. Screenshot: bambuser.com

Ausgabe 120
Wirtschaft

An einer Katastrophe vorbeigeschrammt

Von Jürgen Lessat
Datum: 17.07.2013
Stuttgart ist während eines Gewittersturms am 30. Juni 2012 nur knapp einer Katastrophe entgangen. Das Bahnsteighallendach des Stuttgarter Hauptbahnhofs war einsturzgefährdet, nachdem die Bahn den Südflügel des Gebäudeensembles für das umstrittene Projekt Stuttgart 21 abgerissen hatte. Für die Staatsanwaltschaft kein Grund zu ermitteln. Ohne strafrechtliche Konsequenzen bleiben auch zwei spektakuläre Unfälle während der Abbrucharbeiten.

Die Unwetterfront kam aus dem Westen. Riesige Wolkenberge sorgten binnen Minuten für Untergangsstimmung im schwülheißen Stuttgarter Talkessel. Mit Blitz, Donner und heftigen Winden fegte ein gewaltiger Gewittersturm in den Abendstunden des 30. Juni 2012, einem Samstag, über der Landeshauptstadt. Im Neckarhafen würfelten orkanartige Windböen Überseecontainer wie Bauklötze durcheinander. Ein 50 Tonnen schwerer Verladekran wurde gegen Prellböcke gedrückt. Landesweit forderte das Unwetter 38 Verletzte und hinterließ Millionenschäden. "Nur durch viel Glück kamen nicht noch mehr Menschen zu Schaden", sagt Ulrich Ebert rückblickend. In der Unwetternacht entging Stuttgart nur knapp einer gewaltigen Katastrophe, glaubt der Rechtsanwalt. "Das Bahnsteighallendach des Hauptbahnhofs war damals instabil, während des Sturms drohte es einzustürzen", sagt der Jurist, der sich seit über 25 Berufsjahren mit Architekten- und Ingenieurschäden befasst. Der Bahnhof müsse bei stärkerem Wind sicherheitshalber sofort gesperrt werden, hatte er bereits am 11. April 2012 per Mail vom Eisenbahnbundesamt (EBA) gefordert. Eine Antwort der Bonner Aufsichtsbehörde erhielt der Rechtsanwalt nie.

Warnung der Unwetterzentrale am 30.Juni 2012.
Warnung der Unwetterzentrale am 30.Juni 2012.

In der Sturmnacht waren Tausende Bahnreisende wegen Streckensperrungen im Stuttgarter Hauptbahnhof gestrandet. Viele warteten das Unwetter in Zügen ab, die von der Bahn als provisorische Warteräume an den Bahnsteigen abgestellt worden waren. Schwebten die Reisenden in akuter Lebensgefahr? Die Stuttgarter Staatsanwaltschaft sieht dafür keinerlei Anhaltspunkte.

Für Experten war das Dach monatelang nicht standsicher

Der Strafanzeige einer Bahnkundin, die die Sicherheit im Stuttgarter Hauptbahnhof in der Sturmnacht nicht gewährleistet sah, leistet sie keine Folge. "Eine konkrete Gefahr ergibt sich nicht, auch liegen keine ausreichenden Anhaltspunkte für ein pflichtwidriges Verhalten vor", schreibt der Erste Staatsanwalt Braun in seiner Einstellungsverfügung vom 24. Juni 2013. Völlig anders sieht dies ein von Kontext befragter Experte. Auch sprechen zahlreiche Indizien dafür, dass das Bahnhofsdach nach dem vorangegangenen Abriss des Bahnhofssüdflügels im vergangenen Jahr monatelang nicht standsicher war.

Vor-Ort-Termin im Stuttgarter Hauptbahnhof mit einem Bauingenieur, der seinen richtigen Namen nicht in Kontext veröffentlicht sehen will. Der Ingenieur ist ein erfahrener Tragwerksplaner. "Das gesamte Bahnsteighallendach lagert nur mit seinem Eigengewicht auf über hundert Dachstützen", erläutert er die über sechzig Jahre alte Dachkonstruktion aus Stahl, Bimsbeton und Glas. Temperaturbedingte horizontale Ausdehnungen des Stahls fangen Walzenlager auf den Stützenköpfen ab. "Größere Seitenlasten wurden bislang von den beiden Seitenflügeln des Bahnhofs aufgenommen", erläutert der Experte. In den Seitengebäuden fungierten Wände und Treppenhäuser als sogenannte Kraftscheiben, die Schwingungskräfte vom Dach in den Boden ableiteten. Im April 2012 hatte die Bahn Vollzug gemeldet beim Abriss des 277 Meter langen Südflügels. Der Gebäudeteil fiel, wie auch zuvor das kleinere Pendant auf der Nordseite, um Platz für die Baugrube des Tiefbahnhofs Stuttgart 21 zu schaffen. "Durch den Flügelabriss ist diese Lastableitung nicht mehr möglich", erläutert der Fachmann. Der mächtige Südflügel fehlt zudem als effektiver Windschutz, ergänzt er. Nach dem Abriss wurde das verglaste Dach zum offenen Angriffsziel für Wind und Wetter. Auf die vertikalen Scheiben wirken seitliche Windlasten, die das gesamte Dach zur Seite drücken. Eine Sogwirkung kann auch bewirken, dass das Dach von seinen Stützen abhebt. "Die gesamte Dachkonstruktion hätte beim Unwetter im Juni 2012 kollabieren können", schlussfolgert der Tragwerksplaner. Die Katastrophe hätte eintreten können, weil die Bahn bei den Bauarbeiten für den Tiefbahnhof in falscher Reihenfolge vorgegangen sei. Um auf Nummer sicher zu gehen, hätten zunächst Dachstützen ausgesteift und dann Glasscheiben ausgebaut werden müssen, bevor die Abrissbagger vor dem Südflügel anrollten. "Das war fahrlässig und dilettantisch. Hier ging es ja nicht um einen Hühnerstall", betont der Bauingenieur.

Ein Einsturz hätte viele Opfer gefordert 

Sicher ist, dass ein Dacheinsturz im Stuttgarter Hauptbahnhof einem Katastrophenfilm als Vorlage genügt hätte: Wie Dominosteine kippen die über hundert Dachstützen nacheinander zur Seite, unter ohrenbetäubendem Getöse splittern Glasscheiben, tonnenschwere Stahlträger und Betonplatten stürzen auf Züge und Bahnsteige. Wäre es zur Katastrophe gekommen, hätte es viele Todesopfer gegeben. Auf Reisende und Bahnmitarbeiter wären nicht nur tonnenschwere Trümmerteile des Daches gestürzt. Eine tödliche Gefahr wäre auch von herabgerissenen Oberleitungen ausgegangen.

Während Rechtsanwalt Ebert die Gefahr schon frühzeitig – noch während des Südflügelabrisses – erkannte, brauchten die Verantwortlichen der Bahn länger. Monatelang bewegten sich Millionen Reisende und Tausende Züge unter einem instabilen Bahnsteighallendach. Erst Wochen nach der Sturmnacht begann die Bahn damit, die Dachstatik zu ertüchtigen. Ende Juli 2012 wurden die ersten vertikalen Scheiben aus dem Hallendach ausgebaut. Nur im Nebensatz einer offiziellen Mitteilung vom 31. Juli 2012 verriet das S-21-Kommunikationsbüro den wahren Grund. Durch die Entfernung der rund 1000 Scheiben sollten auch "Windkräfte auf die tragenden Strukturen reduziert" werden. Ende August schließlich schwebte das Hallendach scheibenlos wie löchriger Schweizer Käse über den Reisenden. Weitere Maßnahmen folgten. Ab September ließ die Bahn die mittlere Dachstützenreihe zwischen den Gleisen 8 und 9 mit Stahlträgern versteifen. Statt Zügen belegen seither massive Betonblöcke Gleis 8. "Stahlträger und Betongewichte sollen die Stützen gegen seitliche Kräfte aussteifen, die eben typischerweise durch Windereignisse auftreten", erläutert der Tragwerksplaner die Maßnahme, die Ende November 2012 abgeschlossen war. Zudem installierte die Bahn mehrere Windmessgeräte im Dachbereich.

Seit November 2012 stützen  Betonblöcke das Dach. Foto: Jo Röttgers
Seit November 2012 stützen Betonblöcke das Dach. Foto: Jo Röttgers

Indirekt bestätigte im vergangenen Herbst die Bahn selbst eine mögliche Einsturzgefahr. Nach mehrfacher Anfrage durch den Autor informierte S-21-Projektsprecher Wolfgang Dietrich am 12. Oktober 2012 per Pressemitteilung, dass während "aktueller Umbauarbeiten nicht ausgeschlossen werden kann, dass infolge von Sturm und Sturmböen Teile der Dachkonstruktion beschädigt werden". Vorsorglich habe man deshalb Sicherungsmaßnahmen ergriffen. "Bei Sturm ab Windstärke 8 wird die Bahn über notwendige zusätzliche Sicherungsmaßnahmen bis hin zu einer Sperrung des Bahnsteigbereichs der Bahnhofshalle entscheiden", bestätigte Dietrich, was Jurist Ebert bereits im April beim EBA gefordert hatte.

Messgeräte im Bahnhof schlagen Alarm

In der Sturmnacht Ende Juni, als das Bahnhofsdach noch völlig ungesichert auf den Stützen lagerte, waren laut Deutschem Wetterdienst schwere Sturmböen mit Windstärke 10 durch Stuttgart gefegt. Mitte Januar 2013 räumte die Bahn im Technikausschuss des Stuttgarter Gemeinderats ein, dass die Bahnsteighalle zwei Mal wegen hoher Windgeschwindigkeiten vorsorglich kurzfristig gesperrt worden war. Kurz nach ihrer Installation hatten die elektronischen Messgeräte am 6. und 16. August 2012 Alarm geschlagen. Auf eine Anfrage der Grünen hin präsentierten die Bahnvertreter den Stadträten Unterlagen, die die Standsicherheit des Bahnhofsdachs dokumentieren sollten. "Der Bericht hat die Zweifel nicht ausgeräumt", konstatiert Grünen-Fraktionschef Peter Pätzold. Der Inhalt der Unterlagen belegt zudem eindeutig, dass die Bahn "konstruktive Maßnahmen" zur Stabilisierung des Daches erst nach der Unwetternacht am 30. Juni 2012 durchführte. Für Juristen wie Ulrich Ebert sind dies genügend Indizien, gegen Verantwortliche der Bahn wegen mehrerer Straftaten wie gefährlichen Eingriffs in den Schienenverkehr oder Baugefährdung zu ermitteln. Die Stuttgarter Staatsanwaltschaft wählte dagegen den kurzen Dienstweg. Staatsanwalt Braun machte sich erst gar nicht die Mühe, den Ablaufplan mit statischen Berechnungen für den Südflügelabriss von der Bahn zur Überprüfung anzufordern. Stattdessen begnügte er sich mit einer knapp einseitigen Einstellungsbegründung an die Anzeigenerstatterin.

Die Stuttgarter Ermittlungsbehörde sieht auch keine Schuldigen für zwei Baustellenunfälle, die sich während des Südflügelabrisses ereigneten. So wurde am 14. April 2012 eine Passantin von einem Mauerbrocken getroffen und verletzt. Nachdem der Baggerführer ein Mauerstück aus dem Südflügel "planmäßig abgerissen und auf einen Schutthaufen abgelegt" habe, sei es durch "eine Art Wippeffekt" zum Steinschlag gekommen, so die Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Ein Vorwurf wegen fahrlässiger Köperverletzung sei niemandem zu machen. Nach Kontext-Informationen hatte der Baggerführer zum Unfallzeitpunkt jedoch knapp 1,5 Promille Alkohol im Blut. Schon zuvor hatte es Hinweise auf ausgiebigen Alkoholgenuss auf der Baustelle gegeben. Auch sprechen die Akten bei Baggerführer und Bauleiter von "früheren polizeilichen Erkenntnissen". Auf Schmerzensgeld kann die verletzte Passantin nicht hoffen. Wie die Bahn hat auch die Abbruchfirma eine Entschädigung abgelehnt – unter anderem mit dem Hinweis, dass der Baggerführer als Subunternehmer tätig war.

Eingestellt hat die Behörde auch ein Verfahren gegen unbekannt, nachdem während der Abrissarbeiten am 19. März 2012 eine Stütze des Bahnhofsdachs eingestürzt war. Nach dem Vorfall hatte sich das Dach an Gleis 16 abgesenkt. Verletzte waren nicht zu beklagen, obwohl Scherben zerborstener Dachscheiben auf einen Zug und den Bahnsteig fielen. Auslöser für den Unfall war laut Staatsanwaltschaft ein in der Südflügelwand verbauter Stahlträger, der auf keinem Plan verzeichnet war. Mit ihm touchierte der Baggerführer die Dachstütze, die unter der Belastung einknickte.


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Kommentare

D.S., 29.07.2013 00:47
bei den Parkschützern wird auch das verzogene Dach mal wieder diskutiert (mit Fotos):
http://www.parkschuetzer.de/statements/159631

N. Picasso, 21.07.2013 10:38
Mit diesem Verhalten der Staatsanwaltschaft ist ein "richtiger Bruch" entstanden. Die Staatsanwaltschaft hat sich vom Schutz der Bürger weit entfernt. Auf was hat die Justiz nochmal geschworen?

Die Gerechtigkeit wohnt in einer Etage, in der der politische Teil der Stuttgarter Staatsanwaltschaft keinen Zutritt mehr hat!

Die Staatsanwaltschaft hat allen Menschen die mit der Bahn fahren, die Sicherheit versagt, ganz besonders was jetzt alle weiteren Baumaßnahmen betrifft - besser Zerstörmaßnahmen. Sie hat der Bahn förmlich einen Freifahrtschein ausgestellt. Der Konzern weiß die Justiz doch gut hinter sich und mit der Justiz natürlich die Politik. Im Zweifel wird es immer gegen die Bürger gehen, gegen die Sicherheit. Man wird vollstes Risiko fahren!
Die Bahn hat alle Sicherheitsvorschriften für Monate ausgelassen-es wurde nicht ernst genommen. Die Indizien sind klipp und klar dargestellt. Die Bahn hat erst reagiert - wie immer - wenn etwas passiert ist. Das war bei Horrdorf so, bei Enschede, bei den langegezogenen Wartungsintervallen usw, Personalmangel, bei den Entgleisungen..... Wie oft gab es Tote oder Verletzte, manchmal hatte sie einfach nur Glück!

Dazu kommt ganz klar heraus: die Leute brauchen im Schadensfall nicht auf Geld hoffen-das SubSubunternehmen ist kaum greifbar. Kam jetzt gut heraus im Artikel!

Abrissunfall. Ich bin fassungslos! Ein betrunkener Baggerfahrer und keine Strafe??????? Wo war denn auch die schützende Gummimatte, die vor absplitternden Steinen schützt, gerade,wenn die Abrissstelle so nah am Zaun ist,an dem Menschen vorbeilaufen! ? Nichts war fahrlässig?????

Ich bin dafür,alle Kontrollen für LKW-Fahrer abzuschaffen. Mangelhaft gesicherte LKW-Ladung. Na und, muss doch nichts passieren! Abgefahrene Reifen,die platzen könnten. Na und, muss doch nichts passieren. Schikaniert doch die LKW-Fahrer nicht so. Menschen könnten zu Tode kommen, verletzt werden. Na und!
Bei S21 ist das doch auch kein Problem, oder doch?

Ich bin sooooo wütend!!!!!!!!!
Die Bahn gefährdete über Monate hinweg tausende von Menschen täglich - nichts - nicht einmal ein läppisches Bußgeld!!!!!
Dagegen kriegen hier Leute hohe Bußgelder, weil sie am Bauzaun stehen und Banner halten-sie ihr Recht auf Versammlung einfordern und nicht weggegangen sind ohne Versammlungsauflösung. 500 Euro Bußgeld! Sie gefährdeten kein einziges Menschenleben-im Gegenteil, sie stehen auch dort, weil der Staat die Menschen nicht annähernd so schützt, wie er schützen müsste.
Wo ist da die Relation?

Die Zukunft hier in Stuttgart verheißt nichts Gutes bei solch einer weichgespülten politischen Abteilung der Staatsanwaltschaft.
Wir wissen,dass die Bahn sich selbst kontrollieren darf. Wir wissen,dass EBA schreitet erst ein,wenn etwas passiert ist. Es graut, wenn hier wirklich der Anhydrit angebohrt wird, wenn der Grundgips angerammt wird, wenn Grundwasser aufsteigt,die geplanten verschachtelten und verkleinerten Kanäle.....Die Stadt hat keine Kontrolle über den Konzern.

Jede Abweisung von solchen Klagen bedeutet nur eins - wir sind eben noch länger im Widerstand und auf der Straße!

Alle diese Vorgänge werden gestreut. Irgendwann wird es den Verantwortlichen auf die Füße fallen.
Danke Kontext!

Ihr werdet uns nicht los.

phil55, 20.07.2013 22:59
Der letzte Satz des Artikels lautet:
>> Auslöser für den Unfall war laut Staatsanwaltschaft ein in der Südflügelwand verbauter Stahlträger, der auf keinem Plan verzeichnet war. Mit ihm touchierte der Baggerführer die Dachstütze, die unter der Belastung einknickte. <<
Auch an dieser Stelle sind Zweifel, wenn nicht gar Widerspruch, angebracht.
Von einem versehentlichen "touchieren" kann wohl keine Rede sein. In der dokumentierten Abriß-Szene (siehe Screenshot: bambuser.com) des Original-Videos ist eine anhaltend massive Krafteinwirkung auf den oberen Stützen-Bereich erkennbar (und laut Kommentator waren starke Vibrationen im Boden spürbar). Erst infolge dieser zielgerichteten Krafteinleitung ging schließlich die Stütze zu Bruch. Mit einer fehlerhaften Planung der Abbruchtechnologie und einer fehlerhaften Bautenstands-Statik hat das zwar zu tun, aber nicht im oben zitierten Sinne. Es gibt also Mehrere Schuldige. Die Unmittelbare Schuld für die riskante Krafteinleitung im Bereich des sensiblen Tragwerks trägt eindeutig die Abbruch-Firma und der Baggerführer. Die mittelbare Schuld liegt bei der Bahn, welche beim überstürzten Südflügelabriß den Eingriff in die Tragwerksstatik des bestehenden Hallendaches nicht ausreichend vorbereitet hatte. Ein baubegleitender "Soll-Ist-Vergleich" mit den vorliegenden Bestands-Unterlagen wurde auch "vergessen". Ergo: der Baggerführer hätte zur Klärung der Situation seine Abbruchbemühungen jederzeit unterbrechen können und auch müssen, stattdessen hat er leichtsinnigerweise die Krafteinwirkung belassen (eventuell sogar leicht überhöht). Dies ist sicherlich auch eine Folge des Termindrucks. Schnelligkeit sollte aber nicht vor Sicherheit gehen.

Trixie, 19.07.2013 15:53
Nach Kontext-Informationen hatte der Baggerführer zum Unfallzeitpunkt jedoch knapp 1,5 Promille Alkohol im Blut. Schon zuvor hatte es Hinweise auf ausgiebigen Alkoholgenuss auf der Baustelle gegeben.
**************************************************
Ach deshalb ist einer der Arbeiter auch kurz nachdem der Stein runterkam abgehauen. Aber ist ja alles nicht so schlimm gell????????
Und !"Wippeffekt" war das auch nicht, der Stein kam glatt geflogen!!! Aber das hat die Polizei ja auch nicht interessiert. Zum Kotzen

Hans Hagen, 18.07.2013 09:31
Hat da der Autor den "Experten" nicht eher einfach nur erfunden?

Welchen Grund sollte dieser denn haben, seinen Namen nicht in der Zeitung lesen zu wollen?

Eine Benennung als Experte ist doch eigentlich kostenlose Werbung - andere zahlen da viel Geld für.

Ing21, 17.07.2013 16:20
Es ist schon enorm, wie bei der Bahn alle Augen zugedrückt werden, während bei Demonstranten Sonnenbrillen als passive Bewaffnung, und das sich selbst einbetonieren als Gewalt gewertet wird.

Die Idee des Rechtsstaates war/ ist, daß es solche Ungleichbehandlungen nicht geben darf, sondern Recht und Gesetz für alle gleich sind.

Was im Artikel leider nicht gesagt wird, ist die offizielle Begründung für das Entfernen der Scheiben im Dach: Wegen Vibrationsgefahr beim Rückbau.

thomas a, 17.07.2013 10:18
Ein einer wichtigen Stelle muß ich widersprechen. Es gab keine Stützen. Es gab nur Lager an Gleis 16. Die wie mit Kuchenformen an den Südflügel angegossenen "Stützen" hatten keine ! Stahlarmierung . Sie waren kurz unterhalb der Dachträgerauflage mit 4 fetten waagerechten Stahldübeln im Südflügelgebäude befestigt.
Nach der verantwortungslosen Demmentierung jeglicher Einsturzgefahr des Dementibeauftragten aus der Räpplenstrasse im März, hat Herr Dietrich dann in im Juni innerhalb eines Zeitungsinterview eine Bauverzögerung damit begründet, dass die Einsturzgefahr durch Stützenbeschädigung beim Südflügelabriss Zeit koste. Ein Team, das die Stützen untersuchte wurde auch erst nach Eberts Strafanzeige mit dem verlangen einer Prüfstatik gesehen.
Nach Anbringung zweier Versionen von völlig untauglichen Stützkorsetten im August und deren unmittelbarer Entfernung, wurde ertsmals Mitte September eine jetzt noch bestehende Konstruktion aus Stahl und Betongewichten , die deutlich schwerer sind als alle Züge die jemals dort eingeloffen sind, an der mittleren Stützenreihe angebracht. Diese besitzt als einzige Festlager zur Aufnahme von Kräften quer zur Gleisrichtung .
Zum Zeitpunkt des Südflügelabrisses wurde eine Bauleiterin , Frau H., in der umzäunten Zone des Südflügels gesehen. Meines Wissens wurde gegen diese noch keine Strafanzeige vorgebracht.

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