KONTEXT Extra:
Korntal: Opfervertreter verlangen mehr Engagement der Landeskirche

Die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der evangelischen Brüdergemeinde Korntal ist unterbrochen. Die Opfervertreter verlangen einstimmig, dass sich Frank Otfried July endlich entscheidend einbringt. "Wir werden nicht mehr mit den Brüdern sprechen", so Netzwerk-Sprecher Detlev Zander. Jetzt müsse "der Oberhirte, also der Bischof, ran". Im Betroffenen-Netzwerk organisiert, werfen mehr als 300 ehemalige Heimkinder der Brüdergemeinde vor, in den 1950er- bis 1980er-Jahren in deren zwei Einrichtungen sexuell missbraucht, misshandelt und gedemütigt worden zu sein.

Dass mehr Engagement von July gefordert wird, ist nicht neu. Im Sommer 2016 hatte einer der Betroffenen in einem langen Schreiben an den Landesbischof appelliert: "Die Kir¬che ist mit in der Verantwortung und wenn Sie als Oberhirte weiter schweigen, machen Sie sich persönlich schuldig. Die Heimopfer warten auf ein klärendes Wort von Ihnen." Denn die Korntaler Fürsorge habe "einen menschlichen Scherbenhaufen hinterlassen". (20.02.2017)


NSU-Ausschuss will weitere Akten

Der zweite parlamentarische Untersuchungsausschuss zum "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) geht auf die Suche nach zusätzlichen Akten, um dessen Verbindungen nach Baden-Württemberg besser auszuleuchten. Die Abgeordneten meinen, beim Generalbundesanwalt und/oder im Bundesamt für Verfassungsschutz fündig werden zu können. Beauftragt ist Bernd von Heintschel-Heinegg. Der Rechtswissenschaftler war schon für den ersten Ausschuss des Landtags und als Sonderermittler auch für den Bundestag tätig.

Zurückgestellt wurde in diesem Zusammenhang die Ladung von Mike Markus Friedel. Vor allem der NSU-Experte Hajo Funke hatte immer wieder darauf gedrängt, dass der gebürtige Sachse gehört wird. Dessen Name stand auf der sogenannten Garagenliste, die 1998 in Jena sichergestellt, aber erst mit großer zeitlicher Verzögerung detailliert ausgewertet wurde. Vor fast zwanzig Jahren zog er nach Heilbronn. "Markus Friedel war mit 'Erbse' (V-Mann), Torsten Ogertschnig, zusammen im Ländle im Gefängnis", schreibt Funke. Und von Friedel habe "Erbse" seine Kenntnisse über den NSU und Mundlos.

Bei einer Veranstaltung der "Anstifter" im Stuttgarter Kunstverein hat Rainer Nübel, der im ersten Ausschuss als Sachverständiger aufgetreten war, erneut von den Abgeordneten verlangt, sich ernsthafter mit der Anwesenheit ausländischer Geheimdienste am 25. April 2007 in Heilbronn zu befassen. An diesem Tag waren die Polizistin Michèle Kiesewetter ermordet und ihr Kollege Martin Arnold schwer verletzt worden. Der zweite Ausschuss hat bereits mehrere Zeugen vernommen. Jetzt ist ein Bericht beim Bundesnachrichtendienst angefordert.

Die nächste Ausschusssitzung beginnt am Freitag, den 24. Februar, um 9.30 Uhr im Landtag. Zwei Kriminalbeamtinnen sollen Auskünfte über die rechte Szene geben und die Verbindungen des NSU in den Südwesten. Geladen sind außerdem drei Zeuginnen, die Kontakt zu Beate Zschäpe gehabt haben sollen.

Auch die weiteren Sitzungstermine bis zur parlamentarischen Sommerpause sind festgelegt: 20. März, 28. April, 15. Mai, 19. Juni und der 17. Juli 2017.

Mehr zum Thema: "Geheimdienste im Fokus", "Eh-wurscht-Akten" 


WKZ liest mit

Anfang Januar hatte der Waiblinger Lokalhistoriker und Anstifter Ebbe Koegel sich darüber beschwert, dass das Land dem Firmengründer Andreas Stihl eine Kunstmedaille gewidmet hat. "Andreas Stihl war ein überzeugter Nazi, NSDAP-Mitglied seit 1933, seit 1935 SS-Mitglied mit dem Rang eines Hauptsturmführers (seit 1939)", schrieb er an Finanzministerin Edith Sitzmann. Die Waiblinger Kreiszeitung (WKZ) schwieg dazu - bis Kontext den Fall am 25. Januar aufgriff. Nun erschien am 11. Februar ein zweiseitiges Extra mit ausdrücklichem Bezug auf den Kontext-Artikel. Der Redakteur Peter Schwarz zitiert darin aus der 100-seitigen Entnazifizierungsakte. Die beiden Kinder Stihls, der langjährige IHK-Präsident Hans Peter Stihl und seine Schwester Eva Mayr-Stihl wurden befragt. Die Recherche ergibt, wie die WKZ selbst schreibt, ein "außerordentlich schillerndes Bild."

Der Redakteur zitiert mehrere Fremdarbeiter - den Begriff Zwangsarbeiter meidet er - die sich im Verfahren positiv über Stihl geäußert haben. Ein Slowake berichtet, Stihl habe einem Freund geholfen zu fliehen, der sich den Partisanen anschließen wollte. Ein Jugoslawe meinte, der Patriarch habe sich "mit großer Empörung geäußert über die Gemeinheit und den Terror des dritten Reiches", ein Holländer, er habe "gelitten, als er sehen musste, wie schmutzig dieses System war, und konnte doch nicht mehr von demselben weg." Der Betriebsrat sagte dagegen aus, Stihl sei "100 Prozent Nationalsozialist" gewesen, habe "mehrere seiner Lehrlinge zum Eintritt in die SS" bewogen und Regimekritiker als "Eiterbeulen" bezeichnet, denen er "in die Fresse" schlagen wolle. (16.2.2017)


Wüstenjubiläum: Fünf Jahre Parkräumung

Vor genau fünf Jahren, am 14. Februar 2012, räumten rund 2500 Polizeibeamte das Protestcamp der Stuttgart-21-Gegner im Mittleren Schlossgarten. Drei Tage später waren rund 180 teils bis zu 300 Jahre alte Bäume gefällt oder (ein kleiner Teil der jüngeren) verpflanzt, und einer der ehemals schönsten innerstädtischen Parks Deutschlands hatte sich in eine Schlammwüste verwandelt.

Zum fünften Jahrestag der Parkräumung wollen die Parkschützer am heutigen Dienstag daran erinnern, mit einer Versammlung und Kundgebung an der Lusthausruine im Mittleren Schlossgarten um 17 Uhr. Es soll Reden, Musik und Gedichte geben, anschließend einen Demozug durch die Königstraße.

Kontext hat damals mit einer Reportage von der Parkräumung berichtet – und danach immer wieder von der erstaunlich langen Untätigkeit oder auch von Baufortschritt vorgaukelnden Alibi-Arbeiten. (14.2.2017)


Jörg Meuthen weiter an Björn Höckes Seite

Im vergangenen Sommer hatte der AfD-Rechtsaußen Björn Höcke seinen Bundesparteichef als "meinen verehrten Freund" begrüßt. Und Jörg Meuthen rückte sich selbst, auf dem Kyffhäuser-Treffen, zu dem ihn die Ultras geladen hatte, in die Nähe der besonders weit rechts stehenden parteiinternen Gruppierung "Der Flügel": Er wolle gar nicht als liberaler Kopf der Partei bezeichnet werden, sondern er stehe für "ein gemeinsames Wertefundament". Da hatte Höcke gerade alle anderen Parteien in Deutschland für "inhaltlich entartet" erklärt. Der Schulterschluss hält auch aktuell: Meuthen stellt sich gegen den Rausschmiss, den – wie am Montag bekannt wurde – der Bundesvorstand gegen den Thüringer Landes- und Fraktionschef anstrengt.

Nicht zum ersten Mal. Denn Höcke sollte 2015 schon einmal mit einem Verfahren überzogen werden. Da ging es ebenfalls um eine rassistische Rede, um Aussagen wie, man könne "nicht jedes einzelne NPD-Mitglied als extremistisch einstufen" und um den Vorwurf, Höcke schreibe unter Pseudonym für NPD-Publikationen. Meuthen äußerte sich reichlich schwammig, nahm für sich in Anspruch "als erster aus dem Bundesvorstand scharf reagiert zu haben". Zugleich erklärte er allerdings, dass Höckes "Äußerungen ohne weiteres als rassistisch interpretiert werden können – wobei man darüber diskutieren kann, ob sie es tatsächlich sind". Hans-Olaf Henkel, damals noch AfD-Mitglied, konterte unmissverständlich: "Herr Meuthen ist für mich ein klassischer Schattenboxer." Nach außen tue er immer wieder so, als würde er sich gegen den rechtsnationalen Flügel stellen, nach innen agiere er völlig anders. (13.2.2017)


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Helfen gegen Terror im Archiv: Bürkoklammern. Foto: Pixabay

Helfen gegen Terror im Archiv: Bürkoklammern. Foto: Pixabay

Ausgabe 302
Politik

Weg mit den Klammern

Von Johanna Henkel-Waidhofer
Datum: 11.01.2017
Reflexartig verlangen Law-and-Order-Freaks, vor allem in der Union, nach jedem Terroranschlag neue Gesetze, neue Behörden, neue Kompetenzverteilung. Es sind dieselben, die seit Jahren in Amt und Würden sind, und damit verantwortlich für tatsächliche oder vermeintliche Versäumnisse.

Verfassungsschutzalltag: Im ersten Stuttgarter NSU-Untersuchungsausschuss gab Beate Bube, die Präsidentin des Landesamts für Verfassungsschutzes, Einblick in die Arbeit ihrer Behörde. Deren Basis sind "weitgehend" Akten aus Papier sind, und daran, sagte Bube voraus, werde sich "so schnell" auch nichts ändern. Die Einführung der elektronischen Aktenführung ist nämlich "wie in vielen anderen Behörden ein Großprojekt".

Bube weiß, wovon sie spricht. Und sie konnte - im Falle des "Nationalsozialistischen Untergrund" wenigstens im Nachhinein - diese Arbeit konkret darlegen: Eine Projektgruppe von 17 Leuten wurde gebildet, weitere Beschäftigte mussten zusätzlich hinzugezogen werden, um erst einmal die Klammern von den Akten zu entfernen, damit sie überhaupt scannertauglich werden. "Ein unglaublicher Aufwand", klagte die Präsidentin. Insgesamt handelt es sich um 150 000 Akten, wobei eine zwischen zwei und fünfzig Seiten enthalten kann. Bei ihrer Aussage im November 2015 waren gerade mal "rund 20 Prozent des gesamten Aktenvolumens aus dem Bereich Rechtsextremismus eingescannt und elektronisch suchfähig aufbereitet". Das LfV verfügt aktuell über 361 Stellen, 50 weniger als 1988.

Kick it like Schily! Foto: Joachim E. Röttgers
Kick it like Schily! Foto: Joachim E. Röttgers

Seit mindestens 15 Jahren, seit dem 11.September 2001, wird an grundlegenden Korrekturen der nationalen und internationalen Zusammenarbeit gezimmert. Mohammed Atta, der Kopf der Todesflieger, studierte neun Jahr an der TU Hamburg-Harburg, war mehrfach von Deutschland nach Afghanistan gereist, um mit Al Kaida Kontakt auf zunehmen. Lange zuvor hatte Bundesinnenminister Otto Schily, der Gründungsgrüne mit SPD-Parteibuch, laut über die Eingliederung der Landesämter für Verfassungsschutz nachgedacht, und holte sich eine Abfuhr. Nicht zuletzt, weil viele schwarze Kollegen dem Roten den Erfolg nicht gönnten. Gedreht an den Stellschrauben wurde dennoch. Der Landtag von Baden-Württemberg verabschiedete im Oktober 2005 - parallel zum laufenden Stellenabbau - eine Ausweitung der Kompetenzen. Jetzt sollten "auch solche Bestrebungen beobachtet werden, die sich gegen den Gedanken der Völkerverständigung oder gegen das friedliche Zusammenleben der Völker richten".

Fast kriegt man den Eindruck, der Staat sei wehrlos

CDU, SPD und FDP erleichterten Zuverlässigkeitsprüfungen nach dem Waffen-, dem Sprengstoff- und dem Jagdrecht, ebenso wie Abfragen bei Kreditinstituten, Finanzdienstleistungsinstituten, Finanzunternehmen, Luftfahrtunternehmen oder bei der Post. Die Grünen hatten versucht, eine Befristung der neuen Regelungen zu erreichen. "Wir sollten nicht das Geschäft derjenigen betreiben, die gerade diesen Rechtsstaat mit seinen freiheitlichen Rechten durch terroristische Anschläge angreifen wollen", argumentierte der Ulmer Rechtsexperte Thomas Oelmayer vor elf Jahren erschreckend zeitlos. Die Terroristen wollten "ja gerade erreichen, dass wir unsere Freiheiten immer weiter einschränken". Eine Befristung oder eine Überprüfung der Wirksamkeit wurde abgelehnt.

Im Rückblick flechten Experten dem Hardliner Schily Kränze. Weil der nach ernsthafter Schwachstellenanalyse die vielzitierte Sicherheitsarchitektur tatsächlich veränderte - mit dem 2004 geschaffenen Terrorismusabwehrzentrum GTAZ als "Kooperations- und Kommunikationsplattform", wie es beim Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) heißt. Seither arbeiten dort die 40 nationalen Behörden aus dem Bereich der Inneren Sicherheit zusammen: BfV, Bundeskriminalamt (BKA), Bundesnachrichtendienst(BND), Generalbundesanwalt, Bundespolizei, Zollkriminalamt, Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), Militärischer Abschirmdienst (MAD) und alle einschlägigen Behörden der 16 Länder. Ganz so wie es die aufgeregten Schreihälse aktuell verlangen. Mehr noch: Das GTAZ gilt Brüsseler Fachleuten sogar als Vorbild für eine mögliche gemeinsame europäische Terrorabwehr. Nach den Anschlägen von Paris und Brüssel im vergangenen Frühjahr waren Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesinnenminister Thomas de Maizière zu Besuch und des Lobes voll für die "effiziente Arbeit" der 200 ausgewählten Beamten und Beamtinnen.

Aber nicht nur deshalb verwundert de Maizières aktueller Aktionismus. CDU und CSU müssten sich vor allem in Zurückhaltung üben, weil die Union seit dem Machtwechsel 2005 alle Bundesinnenminister stellt, wie auch davor von 1982 bis 1998. Jede Klage fällt auf sie selber zurück, selbst wenn noch so viele Nebelkerzen geworfen werden. Auf Wolfgang Schäuble (2005 bis 2009) folgten de Maizière (2009 bis 2011) und Hans-Peter Friedrich (CSU).

CDU und CSU müssten sich vor allem in Zurückhaltung üben

Seit ziemlich genau drei Jahren ist Friedrichs Vorgänger sein Nachfolger. Und der könnte in der angekündigten Schwachstellenanalyse gleich mit sich selber beginnen. "Der Hilfesuchende", titelte der "Spiegel" schon im Oktober 2014 und beschrieb, wie de Maizière nicht lassen mochte von der Hoffnung, Asylbewerber immer weiter abschrecken zu können. Deutschland, wiederholte der Christ regelmäßig, könne nun mal nicht die Armutsprobleme dieser Welt lösen. Selbst eigene Parteifreunde sind sich längst einig, dass für die fehlende Registrierung Tausender der viel zu lange nicht ausgeglichene Personalmangel im BAMF verantwortlich ist. Der Innenminister hätte gleich bei Amtsantritt reagieren müssen, tat er aber nicht.

Glaubt auch, dass Videospiele Terroristen hervorbringen: Thomas de Maizière. Foto: Joachim E. Röttgers
Glaubt auch, dass Videospiele Terroristen hervorbringen: Thomas de Maizière. Foto: Joachim E. Röttgers

Besonders ärgerlich ist, dass der Oberstleutnant der Reserve den Ländern längst wichtige Befugnisse im Kampf gegen den Terror entziehen könnte, wenn er nur wollte. Der ebenfalls von Rot-Grün eingeführte Paragraph 58a Ausländerrecht erlaubt, Abschiebungen in die Verantwortung des Bundes zu stellen, "wenn ein besonderes Interesse des Bundes besteht". Die zuständige Landesbehörde sei "hierüber zu unterrichten". Und in Paragraph 62 sind schon heute die Bedingungen für eine Inhaftierung geregelt, wenn die Abschiebungsanordnung "nicht unmittelbar vollzogen werden kann". Praktiker können ungezählte Fälle beibringen, in denen wegen fehlender Haftplätze oder aus Personalmangel nicht gehandelt werden konnte.

Grün-Rot kann sich in Baden-Württemberg auf die Fahnen schreiben, den Stellenabbau bei der Polizei unter den CDU/FDP-Vorgängerregierungen gestoppt zu haben. "Die Personalstärke des Vollzugsdienstes lag am Ende der Legislaturperiode um mehr als 700 Beamtinnen und Beamte über dem Stand, den wir übernommen haben", lobt Hans-Ulrich Sckerl, der innenpolitische Experte, seine Fraktion für Anstrengungen auf einem Politikfeld, auf dem sich viele Grüne bis heute nur schwer vorstellen können, dass mit derartigen Erfolgsmeldungen tatsächlich zu punkten ist. Aber die Zeiten haben sich geändert, und dementsprechend ist die Zahl 700 auch längst als vergleichsweise gering eingeordnet: Um einen Gefährder rund um die Uhr nie aus den Augen zu verlieren, sind rund 30 Polizisten nötig.

Nutznießer der von de Maizière ausgelösten Kakophonie sind die Rechtspopulisten. Im Internet überschlagen sich AfD-Abgeordnete vor Begeisterung, weil die Union Ideen wie die Fußfessel für Gefährder oder eine - gar nicht mögliche - präventive Festsetzung "endlich" aufnehme, dass es endlich "strenge Gesetze" gebe. Jens Gnisa vom Deutschen Richterbund hält, wie viele andere, dagegen. Die seien gar nicht nötig, sagt er im ZDF, denn die vorhandenen Gesetze reichten aus. Vielmehr werde bei den Bürgern der falsche Eindruck erweckt, der Rechtsstaat sei nicht in der Lage, auf Gewalt und Terror zu reagieren.

Auch auf die Abhilfe von Thomas Strobl darf man gespannt sein

Mit der Handlungsfähigkeit des Staates haben sich alle bisherigen parlamentarischen NSU-Untersuchungsausschüsse in ihren Abschlussberichten befasst. "Die laufende Qualitätssicherung bei Polizei und Verfassungsschutz muss mit geeigneten Instrumenten sichergestellt werden", schrieben die Stuttgarter Abgeordneten vor einem Jahr in ihren Empfehlungen. In der besonderen Rolle, seiner "Aufsichtsaufgabe" nachzukommen, stehe das Innenministerium, in diesem Fall das baden-württembergische. Und weiter heißt es, "die Gewährleistung der Funktionsfähigkeit dieser staatlichen Institutionen ist eine der Landesregierung zuvörderst obliegende Pflicht".

Übersetzt in den grün-schwarzen Koalitionsvertrag heißt das: "Wir werden das Landesamt für Verfassungsschutz als Frühwarnsystem der Demokratie bedarfsgerecht ausbauen." Als der neue Ressortchef Thomas Strobl, doppelt zuständig, sozusagen, für Inneres und Digitalisierung, in einer seiner ersten Pressekonferenz auf die Aktenführung aus der Schlapphut-Zeit aufmerksam gemacht wurde, versprach er ähnlich wolkig Abhilfe.

Konkret geht es inzwischen um 30 Fachleute, etwa IT-, Cyber- und Darknet-Experten oder Experten im arabischen Sprach- und Kulturkreis, und um hundert Beamte. Letztere muss sich die Polizei allerdings aus den eigenen Rippen schneiden. Die Stellen werden nicht neu geschaffen, sondern aus "anderen Aufgabenfeldern" abgezogen. Denn alles andere würde Geld kosten. Und ehrlich wäre zu sagen: Das ist auf dem Weg zur Schuldenbremse aber nicht vorhanden.


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Kommentare

Blender, 14.01.2017 23:12
Ein V-Mann (diesmal vom LKA) fuhr Herrn Amri nach Berlin. Vielen Dank auch (für die weitere staatliche Unterstützung einer weiteren terroristischen Vereinigung). These: Ohne V- Männer gäbe es keinen Terrorismus? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/anis-amri-v-mann-fuhr-terroristen-mindestens-einmal-nach-berlin-a-1129993.html

Rolf Steiner, 14.01.2017 18:17
Die "Law- and Order-Politik-Amateure" und auch Kretschmann haben einen herben Rückschlag erlitten. Die übereifrigen Kommandeure im Bund und in den Ländern sind allesamt auf eine skandalöse Fehlbeurteilung der Kölner Polizei herein gefallen. Kretschmann nicht ausgenommen, als er flott und forsch erklärte: "Die kriminelle Energie, die von Gruppierungen junger Männer aus diesen (Maghreb-) Staaten ausgeht, ist bedenklich und muss mit aller Konsequenz bekämpft werden."

Jetzt stellt sich heraus, dass von den Kölner "Nafris" ( = nordafrikanische I n t e n s i v - T Ä T E R lt. Polizei-Jargon i!!! ) gerade mal 39 - in Worten n e u n u n d d r e i ß i g aus jenen Ländern stammten. Der erheblich größere Teil der Festgehaltenen und mehrfach Kontrollierten, deren Nationalitäten bekannt wurden. stammten aus dem Irak, aus Syrien, aus > Deutschland und aus Afghanistan.

Da tun sich doch enige brisante Fragen auf:
# Wissen deutsche Polizisten nicht, dass Bagdad, Damaskus und Kabul nicht in Nord-Afrika liegen?
# Oder wissen sie nicht, was Begriffe wie „viele“, „Mehrheit“ oder „98 Prozent“ bedeuten?
# Und dann zu unserem Herrn Kretschmann:
# Weiß der Grünen-Ministerpräsident dies ebenfalls nicht?
# Oder hat er in dem politisch aufgeheitzen Sicherheitsdebakel eine klare Analyse versäumt und dann mit dem größten verfügbaren Holzhammer auf einen nordafrikanischen Mehlwurm eingeschlagen?

Blender, 12.01.2017 16:00
Der Kabarettist "Pelzig" hat mal in "der Anstalt" gesagt:
Wenn ich einen Toaster habe und einen Toast, aber zu blöde bin den Toast in den Toaster zu stecken, dann bringt eines auf keinen Fall etwas: Mehr Toasts und mehr Toaster". Also, wenn ich einen Gefährder identifiziert habe und es nicht schaffe ihn dazu zu bringen keine Straftat zu begehen, dann liegt es nicht daran, dass man ihn hätte früher entdecken müssen. Man wusste ausreichend früh von ihm, weit vor dem Anschlag. Ich vermute aber, dass die Sicherheitsbehörden keine Lust mehr hatten von der "abstrakten Gefahr" zur Reden. Für die neuen Gesetze brauchte man die Toten von Berlin. Bleibt zu hoffen dass die Fußfesseln auch für ca. 1000 rechtsextreme Gefährder und Reichsbürger angewendet werden. ... Allein, mir fehlt der Glaube, dass dies geschieht.

pebo, 12.01.2017 14:31
Ja, insbesondere der Oberscheriff de Maizière ist der erste, der nahezu täglich mit neuen Schnapsideen auftaucht, wenn Anschläge von Ausländern kommen.

Als der Attentäter von München ausgerechnet von Asylanten enttarnt wurde, konnte sich der Minister erst nach Tagen zu einer dürftigen Erklärung durchringen.

Als sich herausstellte, dass der mutmaßliche Mörder der Freiburger Studentin in Griechenland vorzeitig aus der Haft entlassen wurde, beschimpfte de Maizère die griechischen Behörden, nachdem aber der Attentäter von Berlin mit der Bahn, für deren Bundespolizei er selbst zuständig ist, durch halb Europa reisen konnte, bevor er zufällig in Mailand erschossen wurde, hörte man nichts von dem Minister.

Nun zeigt er wieder sein zynisch-unchristliches Verständnis für die Flüchtlinge, die er ausgerechnet nach Griechenland, das zuvor von seinem Parteifreund Schäuble an den Rand der Existenz gebracht wurde, abschieben will.

Rolf Schmid, 12.01.2017 02:20
Wieder ein ausgezeichneter Artikel von Frau Johanna Henkel Waidhofer. Der NSU-Fall zeigt besonders exemplarisch, was von den zuständigen Behörden zu halten ist, nämlich nichts, und noch weniger von deren "Aufrüstung" nach jedem Terroranschlag durch die Politiker!
Der offenkundige, enge Zusammenhang zwischen den Aktivitäten der BRD "Sicherheitskräfte" in Krisengebieten und den Anschlägen in Deutschland, sowie, nicht zu vergessen, den Flüchtlingsströmen, wird vollständig ignoriert. Dabei ist dieser Zusammenhang ebenso unstreitig wie die an den Anschlagsorten hinterlassenen Ausweise der Täter auffällig!
Letzteres, die an den Tatorten oder im Zusammenhang damit hinterlassenen Ausweise der Täter sind seit "9/11" zu einem besonderen Kennzeichen sogenannter, in aller Regel "islamistischer Terroranschläge" geworden, das jedoch weder von den ansonsten verbal übereifrigen Politikern noch den Massenmedien zumindest nach derart vielen ziemlich gleichgelagerten Fällen Aufmerksamkeit verdiente!
Diese auffällige Gemeinsamkeit bei nahezu allen Anschlägen der jüngeren Zeit ebenso wie die Tötung der - vermuteten - Attentäter kurz danach ist inzwischen ein besonders auffälliges Merkmal dieser Anschläge, das allerdings nixcht nur den Politikern, sondern erstaunlicherweise auch den zuständigen Ermittlungsbehörden noch immer nicht aufgefallen zu sein scheint, was zumindest mich, einen Laien, nachdenklich werden lässt!

Rolf Steiner, 11.01.2017 14:01
Es wäre lächerlich, wenn es nicht so ernst wäre! Bei den Greueltaten des rechtsextremen NSU gab es weder Gesetzesänderungsvorlagen noch neue Gesetze. Trotz Merkels Behauptung, alles würde getan, um die Nazi-Verbrecher samt ihres Umfelds aufzuspüren, geschah so gut wie nichts! Jetzt schalten dieselben "Verhinderungspolitiker"plötzlich auf den 5. Gang und haben vergessen, dass sie vorher den Rückwärtsgang eingelegt hatten.

Kann es sein, dass der VS und andere Behörden, die eine "unrühmliche Rolle" beim NSU gespielt haben, sie jetzt als "Helden" gegen fanatische islamistische Gewalttäter ausbügeln wollen? Das Umfeld des NSU dürfte sich angesichts dieses leicht erkennbaren "Persilscheines" die schmutzigbraunen Händchen reiben. Die Brandanschläge auf Flüchtlingsheime und die Gewalttaten gegen Menschen, die bei uns Schutz und Hilfe vor Krieg und Armut suchen, gehen munter weiter.

Fritz, 11.01.2017 11:41
In Anbetracht der "seltsamen" Zufälle bzgl. des Berliner Anschlages - aber auch was die Umstände und vor allem "Selbstmorde" der Zeugen im NSU-Prozess - angeht, ist die einzige, angemessene Bevölkerung äusserstes Misstrauen gegen die Herren Innenminister und "ihre" Geheimdienste.

Denn entweder sind diese Damen und Herren unfähig ihren Aufgaben gerecht zu werden - oder der Schaden an der Demokratie ist ein gewollter Effekt. Daß es auch einen anderen Staat auf deutschem Boden geben kann, wurde uns ja schon mehrfach bewiesen.

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