KONTEXT Extra:
Mit klassischer Musik gegen Kampfdrohnen

Mit Cello und Bratsche rücken 80 MusikerInnnen vor der US-Kommandozentrale in Stuttgart-Möhringen an. Am kommenden Montag, 29. 8., 10 Uhr, wollen sie dem "Drohnenmord den Schlussakkord" setzen. Sie sammeln sich seit 30 Jahren unter dem Namen "Lebenslaute" und finden sich überall dort ein, wo sie Menschen bedroht sehen: auf Militärübungsplätzen, Abschiebeflughäfen, vor Atomkraftwerken und Raketendepots. Ihr Konzert ist verbunden mit einer Demonstration, bei der die Organisatoren von "Ohne Rüstung Leben" 13 000 Unterschriften an einen Vertreter von Africom und Eucom übergeben wollen. Sie fordern die Schließung der Kommandozentralen. Mit der "stillschweigenden Duldung" von Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) werde hier der Einsatz von tödlichen Kampfdrohnen koordiniert, schreibt das Bündnis. (26. 8.)


Versprochen, gebrochen!

Was kommt da eigentlich noch?, fragt sich die designierte SPD-Landesvorsitzende und mit ihr die politisch interessierte Öffentlichkeit im Land. Vor vier Wochen waren die ersten Nebenabreden öffentlich geworden, die Grüne und CDU nicht in ihren Koalitionsvertrag aufgenommen hatten (Kontext berichtete). Ministerpräsident Winfried Kretschmann musste in einer Landtagsdebatte alle Register ziehen, um deren Notwendigkeit mehr schlecht als recht gerade auch vor den Regierungsfraktionen und der eigenen Klientel zu rechtfertigen. Ungenutzt ließ er die Chance, reinen Tisch zu machen, alles zu offenbaren, was er mit CDU-Landeschef Thomas Strobl ausbaldowert hat. Die Aufregung wäre groß gewesen - und doch deutlich kleiner als der Ärger, den sich die beiden jetzt eingehandelt haben. Drei Tage, sagt der Regierungschef gern, lägen zwischen "Hosianna" und "Kreuziget ihn!", was schon immer zweideutig war, weil er damit die Verantwortung für einen Niedergang auch dem Publikum zuschreibt. Jetzt tragen Kretschmann und Strobl diese ganz allein. Der Grüne allerdings deutlich schwerer als der Schwarze, weil er - siehe Persönlichkeitswerte - sehr vielen Menschen als Inbegriff der Redlichkeit galt. Mit seiner "Politik des Gehörtwerdens" war ein Transparenzversprechen verbunden, und das hat er höchstpersönlich gleich mehrfach gebrochen.


AfD kann nicht rechnen

Zu ihrer 100-Tage-Bilanz im Landtag legen die Abgeordneten der AfD-Fraktion, also jene, die dem Bundessprecher Jörg Meuthen im Antisemitismus-Streit nicht gefolgt sind, eine arg geschönte Bilanz ihrer Arbeit vor. "Seit Beginn der Legislaturperiode haben wir bereits 37 Anfragen gestellt, über die wir künftig berichten werden", heißt es in einer Pressemitteilung. Und weiter: "Das übertrifft die SPD-Fraktion bei weitem, die gerade einmal 14 Anfragen eingereicht hat, oder auch die FDP, die beide aufgrund ihrer Parlamentshistorie mit einer deutlich größeren Mannschaft im Hintergrund agieren."

Wahr ist, dass die Fraktionsgröße die Zahl der Beschäftigten bestimmt und vor allem, dass die AfD-Fraktion seit der Abspaltung der "Alternative für Baden-Württemberg" (ABW) acht Kleine Anfragen gestellt hat und die ABW seit ihrer Gründung Anfang Juli neun. Davor hatte es die noch geeinte AfD auf 34 Kleine Anfragen gebracht. SPD und FDP kommen aber auf jeweils über 70 Initiativen in ihren ersten 100 Tagen, darunter Kleine Anfragen, Große Anfragen, Anträge und Gesetzentwürfe. "Nachdem die AfD bis zur Stunde mit ihren ungeheuerlichen Mätzchen dem Parlament und seiner demokratischen Kultur nur Schaden zugefügt hat, kommt sie nun mit einer vor lauter Selbstbeweihräucherung triefenden 100-Tage-Bilanz daher, die aber noch nicht mal korrekte Rechenkünste vorweisen kann", reagiert Martin Mendler, der Fraktionssprecher der Sozialdemokraten, scharf. Der SPD würden fälschlicherweise lediglich 14 Anfragen zugeordnet, wohingegen es laut Parlamentsdokumentation des Landtags von Mai bis August in der 16. Legislaturperiode mehr als fünf Mal so viele seien.


Mit Wolfgang Dietrich naht die Rettung

Die Rettung rückt immer näher: Jetzt hat der Aufsichtsrat des Stuttgarter Fußballvereins VfB den früheren S-21-Sprecher Wolfgang Dietrich offiziell zum Präsidenten-Kandidaten erhoben. Gewählt wird er am 9. Oktober, so sich nicht irgendwelche Ultras zu einem Block zusammen rotten. Nicht so ganz schlüssig sind sich die beiden Fusionsblätter vor Ort, ob sie den 68-jährigen Streithansel gut oder schlecht finden sollen. Zum einen sei Dietrich ein "gewiefter Geschäftsmann", gar ein "Universalstratege", zum anderen ein "Polarisierer" und eine "Reizfigur", meinen die StZN, und sprechen von der "Altlast S 21". Sie mögen sich von den Parkschützern Mut zur Meinung machen lassen. Wenn das Neckarstadion unter die Erde gelegt werde, schreiben sie, könne man "oben Luxuswohnungen und Einkaufstempel" bauen.


Brigitte Lösch im Visier der AfD

Die beiden AfD-Gruppierungen im baden-württembergischen Landtag wollen ihre Spaltung nutzen, um mit einem Untersuchungsausschuss unter anderem gegen die frühere grüne Landtagsvizepräsidentin und Stuttgarter Abgeordnete Brigitte Lösch vorzugehen. Hintergrund ist ihr Engagement gegen die Bildungsplangegner der "Demo für alle" und für das Bündnis "No Pegida Stuttgart".

Gegenstand der parlamentarischen Untersuchung sollen auch die Ereignisse vom vergangenen Oktober sein, als Künstler und Beschäftigte aus Protest gegen die "Demo für alle" ein Banner mit der Aufschrift "Vielfalt" vom Dach des Großen Hauses der Württembergischen Staatstheater entrollten (Kontext berichtete). Die beiden AfD-Fraktionen verlangen Auskunft darüber "wieso das Opernhaus Stuttgart durch Gegendemonstranten besetzt werden konnte". Grundsätzlich will die "Alternative für Deutschland", die mit ihren zur Zeit zwei Fraktionen allein einen Untersuchungsausschuss beantragen kann, dem "Linksextremismus in Baden-Württemberg" nachgehen und einer möglichen Nähe zu "der gewesenen oder derzeitigen Landesregierung, Parteien, der Verwaltung, der Behörden oder dem Landtag".

Die vier demokratischen Fraktionen sehen darin einem Missbrauch der parlamentarischen Möglichkeiten. Bereits ins Auge gefasst ist eine Überprüfung des Vorgehens der Rechtsnationalisten durch den baden-württembergischen Verfassungsgerichtshof. Nach geltendem Recht kann ein Untersuchungsausschuss eingesetzt werden, wenn mindestens zwei Fraktionen oder ein Viertel aller Abgeordneten dafür sind. Er ist allerdings nur zulässig zu Sachverhalten, "deren Aufklärung im öffentlichen Interesse liegt" und wenn sie geeignet sind, "dem Landtag Grundlagen für eine Beschlussfassung im Rahmen seiner verfassungsmäßigen Zuständigkeiten zu vermitteln".

Drei vom Landtag bestellte Gutachter sahen Ende Juli auf Basis der geltenden Geschäftsordnung keinen Weg, der AfD die Bildung zweier Fraktionen zu verwehren. FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke warnte schon damals, die "Alternative für Deutschland" könnte ihren doppelten Fraktionsstatus missbrauchen. Jetzt sieht er sich bestätigt: Die AfD nutze ihre Spaltung, "um sich Vorteile zu erschleichen".

Die stellvertretende AfD-Landesvorsitzende Christina Baum, die dem Bundessprecher Jörg Meuthen im Antisemitismus-Streit um Wolfgang Gedeon nicht in die neue Fraktion gefolgt ist, bewertet das gemeinsame Vorgehen als "positives Signal für alle bürgerlichen Schichten im Land". Beide Fraktionen verhehlen auch nicht, dass der jetzt vorgelegte Antrag eine "Vorbereitung der Wiedervereinigung" (Baum) ist. Nach dieser, die für den Herbst und im Zuge einer gerade gestarteten Mediation von beiden Seiten in Aussicht gestellt wurde, könnte der Untersuchungsausschuss aber nicht mehr durchgesetzt werden.


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Ausgabe 159
Politik

Kein-Plan-Wirtschaft

Von Johanna Henkel-Waidhofer
Datum: 16.04.2014
Große Unterrichtsreformen finden nur alle zehn, zwölf Jahre statt. Es ist eine große Chance für eine Landesregierung, die Weichen in allen Schulen neu zu stellen. Fortüne, sagt der Ministerpräsident, gehöre dazu, um diese Möglichkeit zu bekommen. Doch jede Menge Dilettantismus beweisen die, die sie verspielen. Dazu zählt auch Kultusminister Andreas Stoch (SPD).

Es geht um mehr als eine Million Kinder und Jugendliche im Land, um ein weitreichendes Regelwerk, das nach dem (noch) gültigen Zeitplan erst im Schuljahr 2022/2023 zur Gänze umgesetzt sein wird. Um neue Chancen für Aufstieg und Schulerfolg, um Unterricht, der im Idealfall sogar Spaß macht, um den Alltag in Familien. "Es geht um gute Lehrer und Lehrerinnen mit Leidenschaft und Begeisterung für die Kinder und für die Fächer", so Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne), bekanntlich selber Pädagoge, zum Auftakt der Arbeit am Bildungsplan.

Seit einem Jahr schreiben mehr als 300 Expertinnen und Experten an den Unterrichtsgrundlagen, allein an vier Religionsvarianten (katholisch, evangelisch, alevitisch und islamisch), an jenen für die Hauptfächer natürlich, für die Grundschule, für die Klassen fünf bis neun und fürs Gymnasium. 14 umfangreiche Arbeitsfassungen werden seit dem Herbst an 59 Schulen im ganzen Land getestet. Die Rückmeldungen sind positiv, neue Nuancen werden eingewoben, die Praxistauglichkeit wird erhöht.

Und dennoch steht das große Ganze unter keinem guten Stern. Das liegt am Zeitdruck. Am Kompetenzhickhack zwischen der Schulabteilung im Ministerium und dem Landesinstitut für Schulentwicklung. Am Mangel an sprachlicher und methodischer Sensibilität der Beamten, die die Grundzüge entwickelt haben für den über die nächsten Jahre hinweg gültigen Überbau. Der kommt in zu vielen Formulierungen einer schwer verständlichen Bedingungsanleitung gefährlich nahe. Und es liegt an der völlig überzogenen Debatte um die Festschreibung der Akzeptanz sexueller Vielfalt.

Mehr als eine Million Kinder und Jugendliche sind betroffen. Foto: Martin Storz
Mehr als eine Million Kinder und Jugendliche sind betroffen. Foto: Martin Storz

"Die fällt der Regierung jetzt auf die Füße", urteilt einer aus dem Beirat, der schon vor einem Jahr und ohne Erfolg eine Neustrukturierung der Leitprinzipien verlangt hat. Der Shitstorm im Netz, der Medienhype über die Grenzen des Landes hinaus haben tiefere Spuren hinterlassen als die Überarbeitung der Leitprinzipien zu Leitperspektiven. Denn keine Geringere als die FAZ diskreditierte den Bildungsplan als grün-roten Gesinnungsplan, der sich eher lese wie ein "in den Lehrplan umgewandeltes Parteiprogramm". Und die Verantwortlichen im Hause von Andreas Stoch hatten nichts Eiligeres zu tun, als auch darauf mit verwässernden Veränderungen zu reagieren.

Die Ersten werden die Letzten sein: Der Nachholbedarf ist nicht zuletzt deshalb so groß, weil Baden-Württemberg 2004 Vorreiter war in der Umstellung von Lehr- auf Bildungspläne. "Bildung soll junge Menschen in der Entfaltung und Stärkung ihrer gesamten Person fördern – so, dass sie am Ende das Subjekt dieses Vorgangs sind", schrieb Hartmut von Hentig im Vorwort. Statt Erziehung und Wissen rückten Kompetenzen und Fähigkeiten in den Mittelpunkt. 

Von Transparenz war keine Rede

Nicht wenige Kollegien versuchten damals mangels ausreichender Fort- und Weiterbildung, sich der veränderten Realität zu verweigern. Die Öffentlichkeit interessierte sich ohnehin kaum, von Transparenz war keine Rede. Einige machten sich dennoch engagiert auf den Weg, viele von ihnen sind Lehrkräfte an heutigen Gemeinschaftsschulen. Und es gibt große Erwartungen seit jenem historischen 27. März 2011. "So viele von uns haben das alte System abgewählt", berichtet ein Lehrer mit CDU-Parteibuch, der seine Pensionierung verschoben hat, um dabei zu sein beim Aufbruch in die neue Lehr- und Lernwelt. 

Die im Herbst mehr als 200 Gemeinschaftsschulen im Land, von denen selbst CDU und FDP wissen, dass sie bestehen bleiben, sind das eine. Die Reformierung aller Unterrichtsgrundlagen das andere. "Die Kinder und Jugendlichen müssen in der Lage sein, ihre eigenen Wertvorstellungen und Haltungen zu reflektieren und weiter zu entwickeln, Probleme und Konflikte friedlich zu lösen und auszuhalten, aber auch Empathie für andere entwickeln zu können und sich selbst bezüglich des eigenen Denkens und Fühlens zu artikulieren und – wenn nötig – auch zu relativieren", heißt es im ersten Entwurf des neues Regelwerks, angestoßen noch von Kultusministerin Gabriele Warminski-Leutheußer im März 2012. Die glücklose Sozialdemokratin war keine zehn Monate später Geschichte.

Chef über den Bildungsplan: Kultusminister Andreas Stoch. Foto: Joachim E. Röttgers
Chef über den Bildungsplan: Kultusminister Andreas Stoch. Foto: Joachim E. Röttgers

Ihr ehrgeiziger Nachfolger musste sich erst einmal zurechtfinden in den vielen bruchstückhaften Hinterlassenschaften, im schwierigen Haus, in der Themenvielfalt, die sich ihm erst nach und nach eröffnete. Der Bildungsplan gehörte nicht zu jenen Baustellen, die der 45-Jährige scharf in den Blick nahm. Eher im Gegenteil: Externe wie interne Versuche, ihm die komplexe Materie nahezubringen, kamen über "oberflächliche Erklärungen" nicht hinaus, wie ein Beamter berichtet. Nicht einmal der brieflich an ihn herangetragene Wunsch der Kirchen, sich doch an einen Tisch zu setzen, fand zeitnah Gehör.

Unter Stochs Verantwortung entstand so ein wenig systematisches Gerüst. In der tabellarischen Übersicht bekommen Fähigkeiten wie das "Anlegen und Führen eines jahrgangsübergreifenden Berufsorientierungs-, Talent- und Bewerberportfolios" denselben Stellenwert wie die Orientierung "in der modernen Gesellschaft", um "politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Fragen und Probleme kompetent zu beurteilen". Verwendete Begriffe sind überholt, die Kernthesen holprig. Vielleicht hätten Entwickler besser alles Verkopfte durch die allgemeinverständliche Überschrift "Was uns alle verbindet" ersetzt. "Wäre doch der Minister nur ein einziges Mal rechtzeitig und in Ruhe darangegangen", stöhnt einer der Erprobungslehrer.

Erst als die Thematisierung sexueller Vielfalt zum Skandal hochgekocht wurde, erwachte das Interesse des smarten Juristen. Input war angesagt, der Minister wollte nicht länger durch die Debatte irrlichtern. Leidenschaft für die Herausforderung oder gar den Elan, gemeinsam mit den Experten im Landesinstitut, im Beirat oder in den Verbänden nach Lösungen zu suchen, entwickelte er allerdings nicht. Ein Beispiel von vielen: Ende Februar schreibt die GEW-Vorsitzende Doro Moritz einen Brief an Stoch, empfiehlt, das Vorhaben im Grundsatz unterstützend, den Zeitplan um ein Jahr zu strecken. Die Antwort steht bis heute aus. 

"Chaos pur", prognostiziert einer

Beim ersten Symposion für Gemeinschaftsschulleiter Anfang April lässt der Minister seinen Referatsleiter für Grundsatzfragen, Renzo Costantino, ungerührt die zu diesem Zeitpunkt schon überholte Version präsentieren. "Verwundert", sagt einer der Anwesenden, habe er zur Kenntnis nehmen müssen, wie "einer Minderheit in der Frage der sexuelle Vielfalt nachgegeben und damit eine Überarbeitungslawine ausgelöst wird". Tatsächlich verlangt das neue Arbeitspapier in nicht immer einfach zu verstehenden Ministeriums-Deutsch, "die unter den einzelnen Leitperspektiven vorgeschlagenen Kompetenzformulierungen mit fachbezogenen prozessualen und inhaltsbezogenen Kompetenzen abzugleichen". Das brauche "sehr viel Zeit, wenn es gelingen soll", sagt eine Praktikerin. "Chaos pur", prognostiziert ein frustrierter Ministerialer.

Selbst kenntnisreiche SPD-Landtagsabgeordnete aus dem Arbeitskreis Bildung zucken die Schultern, wenn der Name Stoch in Kombination mit Fragen des Bildungsplans fällt. Einen "partiellen Realitätsverweigerer" nennt ihn einer, allerdings sei die Realität mit Stellenstreichungen und Schuldenbremse eben außergewöhnlich unerfreulich. Der Minister bemühe sich doch, urteilt ein anderer im Lehrerjargon, er müsse aber "manches nacharbeiten". Noch schlechter sind zumindest einige jener Experten auf den Minister zu sprechen, die mit Hochdruck an den Fächerfassungen arbeiten, die im September fertig sein sollen. "Mal so eben", sagt einer, seien "zentrale Elemente" neu gefasst worden, weil die FAZ – siehe oben – Indoktrination gewittert hatte.

Maßstab allen Tuns sollen "allein die Kinder und Jugendlichen" sein. Foto: Martin Storz

Und im Beirat gehen Gerüchte um, dass maßgebliche Fachleute hinwerfen wollen, wenn das Kultusministerium nicht alsbald "für eine gesittete und transparente Kommunikation" mit dem Landesinstitut sorgt. Oder wenn der Minister, wie vor den Gemeinschaftsschulrektoren angekündigt, tatsächlich allein über einen neuen Zeitplan entscheidet. Schon von der Umarbeitung der Leitprinzipien in -perspektiven hatten die Bildungspolitiker der Regierungsfraktionen wie die Experten aus den Medien erfahren. "Ich nehme meinen Hut", droht eine der beteiligten Pädagoginnen, "wenn sich dieser Vorgang wiederholt."

Dabei beginnt jetzt erst das Kernstück der Arbeit. Für Neuerungen wie die Orientierungsphase, für die Rückkehr zu Fächern und für die Einführung verschiedener schulartübergreifender Niveaus müssen Schüler und Schülerinnen, Eltern und Lehrkräfte eingebunden werden. Versprochen ist ein breites Angebot regionaler Workshops. Denn die neuen Pläne werden die Erkenntnis hinaus ins Land tragen, dass in jeder Unterrichtsstunde unterschiedliche Kinder unterschiedliche Antworten auf die gleichen Fragen brauchen. Sie seien "abschlussbezogen und schulartunabhängig", so der Entwurf. Das hat die Kultusministerkonferenz in ihren bundesweit geltenden Standards längst festgeschrieben. Das komme hierzulande "aber einer bildungspolitischen Revolution gleich", prognostiziert ein Beiratsmitglied, weil damit moderne Lehr- und Lernformen über die Gemeinschaftsschule allgemein verbindlich werden.

"Das ist nicht trivial, was wir machen", erläuterte Costantino, seit fast einem Jahr Vortragsreisender in Sachen Bildungsplan, im vergangenen Spätherbst. Maßstab allen Tuns seien nicht Partikularinteressen, auch nicht die Wünsche bestimmter Gruppen, sondern "allein die Kinder und Jugendlichen, die von den neuen Bildungsplänen profitieren werden". Die Halbwertszeit dieser Ankündigung betrug nicht einmal sechs Monate. Kein gutes Omen für eine Reform, die in Dekaden rechnet.


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Kommentare

wolfgang rauch, 23.04.2014 08:16
Liebe leute bildungsversteher,
die unterschiedlichen kommentare zeigen indes nur eines: hin und her, her und hin. Hier äußert sich mal wieder jeder (so wie er kann). Die sexuelle vielfalt brachte das fass zum überlaufen. Sogar die gew (bildungsgewerkschaft) mahnte 1 jahr verzögerung an: lächerlich! „Eine schwer verständliche Bedienungsanleitung“, soso. Ein wichtiges, das allerwichtigste wurde vergessen: Die qualität des bildungsplanes bestimmt die umsetzung durch die lehrkräfte. Sollte der wirklich sooo schlecht sein wie beschrieben, macht euch keine sorgen, kein mensch wird sich daran halten. Was auch vergessen wurde: Wirklich neues benötigt den lackmustest in der praxis. Mir wäre viel lieber gewesen, wenn das kumi mit seinen reformen viel eher „flagge“ gezeigt hätte anstatt das hin und her, her und hin zu befördern. Meinungsvielfalt heißt nicht, dass jedem öffentlichkeitswirksamen kommentar oder einspruch von eltern, pfarrern, landräten, abgeordneten, verbänden, lehrkräften usw. stattgegeben wird, nur weil vielleicht wahlen vor der tür stehen. Wir haben auch deshalb gewählt, dass ihr uns dieses hickhack abnehmt und ganz einfach e n t s c h e i d e t!
w. rauch, sonderschullehrer

EuroTanic, 18.04.2014 23:39
Schule will nur eines, Menschen zu gehorsamen Arbeitern und Konsumenten formen. Die Tatsache, dass es einen Zwang zur Schule gibt zeigt doch, dass Schule nicht gut ist. Wenn sie gut wäre würde man freiwillig hingehen.

Jörg Krauß, 18.04.2014 13:13
Ist eben auch ein "Parallelgesellschaftsförderungsminister", unser Herr Storch. Ich finde es immer wieder faszinierend und erschreckend zugleich, zu welchem Preis und bei welcher Leistung wir diesen ineffektiven Apparat egal welcher Parteienfarbe die Protagonisten angehören, in die "verdienten" Pensionsleistungen "wegpudern". Mich wundert es Tag für Tag weniger, wieso nur 1,2 % des Landeshaushaltes in BaWü für Kultur eingeplant sind, unsere Staatsbediensteten und ihre Pensionen hier aber mit mächtigen 40 % drinstehen. Hier sieht man auch, wieviel Zeit sowohl der Verschwendung wie einer Entscheidung der Verwaltenden im Sinne der Bürgerschaft in Verwaltungsfragen hat.

Dr. Diethelm Gscheidle, 17.04.2014 13:09
Sehr geehrte Damen und Herren,

es ist völlig richtig festzustellen, dass die derzeitige Bildungspolitik lächerlich ist und unsere Jugend zu dummen, faulen und verweichlichten Versagern macht! Unter dem redlichen Herrn Mayer-Vorfelder war zwar auch nicht alles perfekt, aber selbstverständlich deutlich besser: So versuchte man damals wenigstens noch, den sich in den Elternhäusern ausbreitenden Montessori-Unsinn zu bekämpfen, indem man den zu Hause verweichlichten und faulen Schülern wenigstens in der Schule noch wichtige Werte wie Leistung, Fleiß, Anstand, Keuschheit, Moral, Gehorsam und Sitten beibrachte! Auch dem Turn-Unterricht als Vorbereitung für die redliche Bundeswehr wurde noch eine wichtige Rolle eingeräumt! Wenn Herr Mayer-Vorfelder nun noch den redlichen Rohrstock als Erziehungsinstrument wieder zugelassen hätte, dann wäre unsere damalige Jugend und unsere heutige Gesellschaft wieder fleißig, redlich und keusch!

Leider kam es mit seinen Nachfolgern immer schlimmer, und heute ist die Bildungspolitik auf einem historischen Tiefpunkt angelangt - was auch kein Wunder ist, wenn die unredlichen Sozen (die ja auch sonst nur faule Arbeitnehmer und den Schlendrian fördern, während sie fleißigen und redlichen Unternehmern Steine in den Weg legen) in der Erziehung unserer Kinder mitmischen! Und Sie sehen ja, wie verkommen unsere Jugend heute ist: Außer amoklaufverursachenden Schieß-Spielen, unzüchtiger und hässlicher Kleidung, scheußlicher Krachmusik, ekelhaftem Tabak, gesundheitsschädlichem Alkohol, ekelerregendem Sechs und kriminellen Drogen (den sieben Sargnägeln in der Zukunft dieses unseres schönen deutschen Vaterlandes) hat diese doch nichts mehr im Kopf! Die können ja nicht mal mehr Sütterlin schreiben!

Daher fordere ich eine sofortige Bildungsreform, in der folgende Maßnahmen sofort eingeführt werden müssen:
* Verbot von diesem Montessori-Unsinn, oder gar der diabolischen Wald-Dorf-Erziehung (ich habe gehört, man hat sogar einige redliche Dorfschulen in unredliche Wald-Dorf-Schulen umgewandelt!)
* Befreiung der Lehrpläne von unsinnigem oder sogar schädlichem Stoff (z.B. dem diabolischen Sechsualkundeunterricht oder der unzüchtigen Kurvendiskussion!), dafür Aufwertung oder Neueinführung wichtiger Fächer (z.B. Religion, 10 Stunden Turnen für die Jungen als Vorbereitung für die redliche Bundeswehr, 10 Stunden Handarbeit und Hauswirtschaft für die Mädchen als Vorbereitung auf ein Dasein als redliche Ehefrau, die ihrem hart arbeitenden Mann den Rücken freizuhalten hat)
* Wiedereinführung der redlichen Wehrpflicht als wichtige Erziehungs-Institution für die Jungen
* Wiedereinführung von redlichen, traditionellen und bewährten Erziehungsmethoden in der Schule (z.B. Karzer, Rohrstock, Auf-einem-Bein-in-die-Ecke-stellen)

Sie werden sehen: durch diese einfachen und preisgünstigen Reformen werden wir in den nächsten Jahren wieder ein besseres und vor allem ein redlicheres und keuscheres Deutschland erhalten - wie schön!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Diethelm Gscheidle
(Verkehrswissenschaftler & Dipl.-Musikexperte)

noki, 17.04.2014 09:50
Ich verstehe ja, dass sich zu dem Thema niemand namentlich zitieren lässt. Aber einen so langen Text mit so vielen Zitaten ohne einen einzigen Namen ist halt nicht optimal.

So nach dem Motto:

"Bei uns in der Redaktion kommt es nicht selten zu unschönen Szenen an der Kaffeemaschine", sagt ein langjähriger Kontext-Mitarbeiter, der es wissen muss.

LIane, 16.04.2014 18:42
Was seit jahrzehnten ausser acht gelassen wir: die Kinder sind JETZT Kinder... Es ist erschreckend wie viele Reformen auf deren Rücken ausgebreitet wurden..... Als seien diese kleinen Menschlein Maschinen die je nach politischer Schnauze gedreht und gewendet werden könnten, die Eltern sind eh immer mehr zu kostenlosen Co-Lehrern geworden

die andere Seite wird kaum thematisiert: die rasant zunehmende PrivatschulenKlassenbildung a la dazumal ist erschrekend kümmert aber offensichtlich niemanden:
effekt all dem
in 20 Jahren haben wir
-für das Popel Volk wieder die Armen-Volksschule für den Müll und das putzen
-für die Reichen die sauteuren Internate (können steuerlich abgesetzt werden), die dann auf die wichtigen Jobs und Netzwerke von morgen hin arbeiten,,,
-für die Mittelschicht die Privatschulen!! für den nach unten treten nach oben schleimen Dienen-Dienst!

Deutschland schafft sich schon längst ab!!!

FernDerHeimat, 16.04.2014 07:23
Die Kultuspolitik in Baden-Württemberg der letzten 30 Jahre. Oder: Au-weh.

Die Generation 40+ erinnert sich gewiss noch an den "Spässlesminister" MV. Jenen Herrn, der sich massgeblich durch die "Faschingsferien" so verdient gemacht hat. Besonders dieses Zitat (von 1980) bringt seine typische CDU-"Jugendnähe" auf den Punkt: "Die junge Generation zeigt kein Interesse an einem Dialog mit uns, wir hingegen waren dazu immer bereit." Ja, das hinterlässt einen Eindruck. Ein "Gschmäckle".

An die Nachfolgerin, Frau Marianne Schultz-Hector, erinnert sich hingegen schon niemand mehr. Sie war (im Endeffekt) der typische brave CDU-Hinterbänkler auf einem unwichtigen "Pöschtle" in einem Bundesland, das sich seit Jahrzehnten einzig an den Interessen einer Handvoll Grosskonzerne ausrichtet und ansonsten mit Vorliebe die Jugend als Feindbild für den Wahlkampf bei der geriatrischen Stammwählerschaft missbraucht. (Wenn man sich ihr nicht auf Sportfesten durch Komasaufen anbiedert.)

Danach kam Frau "Doktor" Schavan ans Ruder, das personifizierte Gegenargument der CDU zur Trennung von Staat und Kirche. Die wollte, äh, durfte zwar nichts anders, aber dafür alles besser machen. Darum durfte, äh, wollte sie auch als "Gegenkandidatin" zu Herrn Oettinger auftreten, damit die CDU zumindest noch rudimentär den Anschein der Demokratie wahren konnte. Brav! Alles gemacht, was die Partei will!

Helmut Rau und Marion Schick danach kennt auch niemand mehr (siehe Schultz-Hector). "Aus der Hinterbank vor, in die Hinterbank zurück, ansonsten kein Rückgrat und den Kopf steht's eingezogen am Genick." Wie steht's im Zeugnis drin? "Haben sich bemüht."

Und jetzt durfte - endlich einmal - mit Frau Gabriele Warminski-Leitheußer, schon wieder ein vergessener Doppelname, ich meine, die SPD ans Ruder. Alles anders und nichts besser? Nein. Natürlich nicht. Hat wer ihr Kommen oder Gehen bemerkt? Eben.

Und schliesslich Andreas Stoch, der unermüdliche SPDler Nr. 2 im Kultusministerium. Geändert hat sich nichts, die Probleme gehen nicht weg und Geld gibt's von seiner Regierung für Bildung genausowenig wie von den Vorgängern. Kontinuität eben. Schöne Worte legt er uns ins Osternest und das wird wohl auch schon der Nachruf auf seine Amtszeit sein.

Wiedersehen!

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