KONTEXT Extra:
Bürgerfoyer "Zeitungen unter Druck" heute Abend abgesagt

Da kam der Journalisten-Streik dazwischen: Die Stuttgarter Volkshochschule hat das für heute geplante Podium mit Michael Maurer (Stuttgarter Zeitung), Susanne Stiefel (Kontext) und David Rau (Stuggi.TV) abgesagt. Viele KollegInnen - auch der Stuttgarter Blätter - streiken derzeit für mehr Lohn. Der Vize-Chefredakteur der Stuttgarter Zeitung kann daher heute Abend nicht diskutieren, sondern muss produzieren. Und auch die Gewerkschaftsvertretet haben abgesagt. Schweren Herzens hat sich die Stuttgarter vhs dazu entschlossen, das für heute geplante Bürgerfoyer abzusagen - aber nicht zu vergessen. "Die  Medienlandschaft Stuttgart ist uns wichtig", betont Ulrike Rinnert, Stabstelle Beteiligung, "wir wollen das Thema im Herbst wieder im Bürgerfoyer aufgreifen." (29.6. 2016)


Büttel der Bahn - nein danke

Vor dem S-21-Lenkungskreis am Donnerstag (30.6.) wird Verkehrsminister Winfried Hermann und Oberbürgermeister Fritz Kuhn (beide Grüne) heftig ins Gewissen geredet. Der Theologe Martin Poguntke vom Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 erklärt, die Projektgegner hätten es aufgegeben zu hoffen, dass "wir politische Helden an die Macht gebracht haben". Aber verlangt werden könne, dass sie ihr Amt "nicht so ganz der Würdelosigkeit preisgeben". Konkret bedeute das:

Fordern Sie von der Bahn die restlose Offenlegung aller Zahlen und deren Überprüfung durch eine wirklich unabhängige Stelle. Sie haben nicht das Recht, sich auf die Bahn einfach zu verlassen - denn Sie sind uns, dem Souverän, gegenüber verantwortlich.

Fordern Sie, dass die Bahn dem Vieregg&Rössler-Gutachten von mindestens 9,8 Milliarden nicht nur blumig widerspricht, sondern es Punkt für Punkt mit konkreten Zahlen widerlegt. Es geht hier nämlich nicht nur um eine Kostensteigerung von wenigen hundert Millionen, sondern seit 2009 sind die von der Bahn scheibchenweise eingestandenen Kosten um 3,4 Milliarden von 3,1 auf 6,5 Milliarden gestiegen - das sind über 100 Prozent in sieben Jahren.

Fordern Sie - wenn schon keinen Projekt-Abbruch - wenigstens ein Moratorium, bis alle strittigen Fragen geklärt sind. Denn in weniger als der Hälfte der geplanten Bauzeit hat die Bahn 99 Prozent des Risikopuffers von 1,5 Milliarden verbraucht. Es kann nicht sein, dass die Bahn jetzt immer weiter baut, immer mehr Verpflichtungen eingeht, ein immer höheres Erpressungspotenzial an schon ausgegebenem Geld aufhäuft - bevor geklärt ist, wie sie das bezahlen will.

Fordern Sie eine ergebnisoffene Gegenüberstellung der Chancen und Risiken von S21 mit den Chancen und Risiken eines Umstiegs auf den modernisierten Kopfbahnhof und verstecken Sie sich nicht hinter dem angeblichen Ergebnis der Volksabstimmung. Kein halbwegs verantwortlicher Politiker kann ignorieren, dass ein Umstieg auf eine Modernisierung des Kopfbahnhofs nur ca. 2 Milliarden kosten würde und dass nur 1,5 Milliarden des bereits verbauten Geldes wirklich verloren, also viele Milliarden gespart wären - dafür, dass wir einen besseren Bahnhof bekommen, als es S21 je hätte sein können.

Und schließlich bei all Ihren Forderungen: Nennen Sie Konsequenzen, für den Fall, dass Ihre Forderungen nicht erfüllt werden. Was tun Sie, wenn die Bahn nicht auf Ihre Forderungen eingeht? Denn Forderungen ohne Ankündigung von Konsequenzen sind leeres Gerede fürs Publikum.

Zeigen Sie einmal, dass Sie nicht die Büttel der Bahn sind! Zeigen Sie einmal ein klein wenig politische Größe! Zeigen Sie einmal, dass der Lenkungskreis wirklich lenkt!


Ein Zeichen für Europa

Über Stuttgart wehen EU-Flaggen! Mit der Verkündung des amtlichen Endergebnisses der Volksabstimmung in Großbritainnien über den Austritt aus der EU werden auf der Villa Reitzenstein und dem Neuem Schloss in Stuttgart europäische Flaagen gehisst. Die grün-schwarze Koalition möchte damit ein Zeichen für Europa setzen. "Wir wollen unsere proeuropäische Haltung deutlich zeigen", so Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Die gehöre in Baden-Württemberg "zur Staatsräson". Als "überzeugten Europäer" treffe ihn die Entscheidung der Briten "ganz persönlich ins Mark". Europa sei in den Grundfesten erschüttert.


AfD-Fraktion schließt Gedeon vorerst nicht aus

Die Zerreißprobe in der "Alternative für Deutschland" (AfD) ist aufgeschoben. Ihr Bundesvorsitzender Jörg Meuthen, zugleich Chef der baden-württembergischen Landtagsfraktion, hatte am Dienstag jedenfalls keine erforderliche Zweidrittelmehrheit für den Ausschluss von Wolfgang Gedeon. Über die Äußerungen Gedeons, Anhänger der antisemitischen "Protokolle der Weisen von Zion", wird jetzt statt dessen ein Gutachten bei drei Fachleuten in Auftrag gegeben – von Religionswissenschaftlern ist die Rede, ein Experte soll jüdischen Glaubens sein –, um die von Meuten selbst erhobenen Antisemitismus-Vorwürfe gegen den Singener Mediziner zu überprüfen. Der lässt vorerst seine Mitgliedschaft in der Fraktion ruhen und wird im Plenarsaal auch einen neuen Platz erhalten.

Fraktionsgeschäftsführer Bernd Grimmer erklärte nach den dreistündigen Beratungen, die für einen Ausschluss notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit sei nicht klar gewesen und etwa ein Drittel der Abgeordneten nicht bereit gewesen, Meuthen zu folgen. Sie schätzten den Stellenwert von Meinungsfreiheit höher ein als den einer "politisch korrekten Ausdrucksweise". Sollte die Fraktion nach der Sommerpause und der Bewertung des Gutachtens abermals nicht bereit sein, dem von Meuthen seit Tagen vehement verlangten Antrag auf Ausschluss Gedeons zuzustimmen, bleibt der dabei, seinerseits die Fraktion verlassen zu wollen. Außerdem gibt es Gerüchte, dass eine Handvoll Abgeordneter Gedeon – im Falle seines Ausschlusses – nicht allein gehen lassen, sondern mit ihm aus der Fraktion ausscheiden wolle.

Nicht nur im Internet tobt seit Tagen eine heftige Auseinandersetzung über den künftigen Kurs der Partei, die sich zur Retterin Deutschlands ernannt hat. Meuthens Co-Vorsitzende auf Bundesebene Frauke Petry hat sich öffentlich gegen ihn gestellt, ist damit aber im Bundesvorstand isoliert. Zahlreiche Mitglieder des rechten Flügels verlangen von dem Kehler Wirtschaftsprofessor, von sich aus die AfD zu verlassen. "Die Bewegung muss sich von Volksverrätern wie Meuthen trennen", postet ein Thorsten Baeuml. Und weiter: "Linksversiffte Gutmenschen braucht die Bewegung nicht! Ein Krebsgeschwür wird auch entfernt, so lange es noch geht und Meuthen hat sich zur Selbstoperation verdonnert. Gut so!" Den Ausdruck "linksversifft" hatte Meuthen selbst vor Wochen benutzt, ihn allerdings auf die ganze Bundesrepublik bezogen.


S 21: BUND verlangt "Öffnung in Richtung Kombi-Lösung"

Der BUND Baden-Württemberg hat am Montag ein Positionspapier zu Stuttgart 21 vorgelegt, um "konstruktive Lösungen aus der Sackgasse" aufzuzeigen. Im Mittelpunkt steht der "Einstieg in eine Kombi-Lösung". Wie die Landesvorsitzende Brigitte Dahlbender erläutert, könnten damit "einerseits die Kosten und Risiken von Stuttgart 21 deutlich gesenkt und andererseits finanzielle Spielräume zur Realisierung eines tatsächlich zukunftsfähigen Bahnknotenpunkts gewonnen werden". Außerdem sieht das Konzept vor, auf den unterirdischen Flughafenbahnhof zu verzichten und stattdessen einen oberirdischen Halt beim Messeparkhaus zu errichten. Zudem soll die Gäubahn über die bestehende Panoramabahn oberirdisch in den Hauptbahnhof geführt werden und "die Zuführungsstrecken zum Hauptbahnhof und die Wendlinger Kurve sollen leistungsfähig ausgebaut werden".

Dahlbender, die für die Tiefbahnhofgegner 2010 in der Schlichtung saß, nennt S 21 ein "auch heute noch in ganz wesentlichen Teilen weder vollständig geplantes noch vollständig genehmigtes Projekt". Es gebe weiterhin keine qualifizierten Aussagen zu Kosten und zum Zeitablauf. Für die SPD-Politikerin und Ulmer Gemeinderätin steht fest, dass deutlich mehr als acht Bahnsteiggleise unverzichtbar sind für einen Großknoten Stuttgart und eine Entmischung der S-Bahn, des Regional- und des Fernverkehrs. Eine nachhaltige Mobilitätswende müsse sich an den Wünschen der Bahnkunden und der tatsächlichen Verkehrsströme orientieren, "und das bedeutet einen Einstieg in die Diskussion einer Kombi-Lösung".

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Ausgabe 159
Politik

Kein-Plan-Wirtschaft

Von Johanna Henkel-Waidhofer
Datum: 16.04.2014
Große Unterrichtsreformen finden nur alle zehn, zwölf Jahre statt. Es ist eine große Chance für eine Landesregierung, die Weichen in allen Schulen neu zu stellen. Fortüne, sagt der Ministerpräsident, gehöre dazu, um diese Möglichkeit zu bekommen. Doch jede Menge Dilettantismus beweisen die, die sie verspielen. Dazu zählt auch Kultusminister Andreas Stoch (SPD).

Es geht um mehr als eine Million Kinder und Jugendliche im Land, um ein weitreichendes Regelwerk, das nach dem (noch) gültigen Zeitplan erst im Schuljahr 2022/2023 zur Gänze umgesetzt sein wird. Um neue Chancen für Aufstieg und Schulerfolg, um Unterricht, der im Idealfall sogar Spaß macht, um den Alltag in Familien. "Es geht um gute Lehrer und Lehrerinnen mit Leidenschaft und Begeisterung für die Kinder und für die Fächer", so Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne), bekanntlich selber Pädagoge, zum Auftakt der Arbeit am Bildungsplan.

Seit einem Jahr schreiben mehr als 300 Expertinnen und Experten an den Unterrichtsgrundlagen, allein an vier Religionsvarianten (katholisch, evangelisch, alevitisch und islamisch), an jenen für die Hauptfächer natürlich, für die Grundschule, für die Klassen fünf bis neun und fürs Gymnasium. 14 umfangreiche Arbeitsfassungen werden seit dem Herbst an 59 Schulen im ganzen Land getestet. Die Rückmeldungen sind positiv, neue Nuancen werden eingewoben, die Praxistauglichkeit wird erhöht.

Und dennoch steht das große Ganze unter keinem guten Stern. Das liegt am Zeitdruck. Am Kompetenzhickhack zwischen der Schulabteilung im Ministerium und dem Landesinstitut für Schulentwicklung. Am Mangel an sprachlicher und methodischer Sensibilität der Beamten, die die Grundzüge entwickelt haben für den über die nächsten Jahre hinweg gültigen Überbau. Der kommt in zu vielen Formulierungen einer schwer verständlichen Bedingungsanleitung gefährlich nahe. Und es liegt an der völlig überzogenen Debatte um die Festschreibung der Akzeptanz sexueller Vielfalt.

Mehr als eine Million Kinder und Jugendliche sind betroffen. Foto: Martin Storz
Mehr als eine Million Kinder und Jugendliche sind betroffen. Foto: Martin Storz

"Die fällt der Regierung jetzt auf die Füße", urteilt einer aus dem Beirat, der schon vor einem Jahr und ohne Erfolg eine Neustrukturierung der Leitprinzipien verlangt hat. Der Shitstorm im Netz, der Medienhype über die Grenzen des Landes hinaus haben tiefere Spuren hinterlassen als die Überarbeitung der Leitprinzipien zu Leitperspektiven. Denn keine Geringere als die FAZ diskreditierte den Bildungsplan als grün-roten Gesinnungsplan, der sich eher lese wie ein "in den Lehrplan umgewandeltes Parteiprogramm". Und die Verantwortlichen im Hause von Andreas Stoch hatten nichts Eiligeres zu tun, als auch darauf mit verwässernden Veränderungen zu reagieren.

Die Ersten werden die Letzten sein: Der Nachholbedarf ist nicht zuletzt deshalb so groß, weil Baden-Württemberg 2004 Vorreiter war in der Umstellung von Lehr- auf Bildungspläne. "Bildung soll junge Menschen in der Entfaltung und Stärkung ihrer gesamten Person fördern – so, dass sie am Ende das Subjekt dieses Vorgangs sind", schrieb Hartmut von Hentig im Vorwort. Statt Erziehung und Wissen rückten Kompetenzen und Fähigkeiten in den Mittelpunkt. 

Von Transparenz war keine Rede

Nicht wenige Kollegien versuchten damals mangels ausreichender Fort- und Weiterbildung, sich der veränderten Realität zu verweigern. Die Öffentlichkeit interessierte sich ohnehin kaum, von Transparenz war keine Rede. Einige machten sich dennoch engagiert auf den Weg, viele von ihnen sind Lehrkräfte an heutigen Gemeinschaftsschulen. Und es gibt große Erwartungen seit jenem historischen 27. März 2011. "So viele von uns haben das alte System abgewählt", berichtet ein Lehrer mit CDU-Parteibuch, der seine Pensionierung verschoben hat, um dabei zu sein beim Aufbruch in die neue Lehr- und Lernwelt. 

Die im Herbst mehr als 200 Gemeinschaftsschulen im Land, von denen selbst CDU und FDP wissen, dass sie bestehen bleiben, sind das eine. Die Reformierung aller Unterrichtsgrundlagen das andere. "Die Kinder und Jugendlichen müssen in der Lage sein, ihre eigenen Wertvorstellungen und Haltungen zu reflektieren und weiter zu entwickeln, Probleme und Konflikte friedlich zu lösen und auszuhalten, aber auch Empathie für andere entwickeln zu können und sich selbst bezüglich des eigenen Denkens und Fühlens zu artikulieren und – wenn nötig – auch zu relativieren", heißt es im ersten Entwurf des neues Regelwerks, angestoßen noch von Kultusministerin Gabriele Warminski-Leutheußer im März 2012. Die glücklose Sozialdemokratin war keine zehn Monate später Geschichte.

Chef über den Bildungsplan: Kultusminister Andreas Stoch. Foto: Joachim E. Röttgers
Chef über den Bildungsplan: Kultusminister Andreas Stoch. Foto: Joachim E. Röttgers

Ihr ehrgeiziger Nachfolger musste sich erst einmal zurechtfinden in den vielen bruchstückhaften Hinterlassenschaften, im schwierigen Haus, in der Themenvielfalt, die sich ihm erst nach und nach eröffnete. Der Bildungsplan gehörte nicht zu jenen Baustellen, die der 45-Jährige scharf in den Blick nahm. Eher im Gegenteil: Externe wie interne Versuche, ihm die komplexe Materie nahezubringen, kamen über "oberflächliche Erklärungen" nicht hinaus, wie ein Beamter berichtet. Nicht einmal der brieflich an ihn herangetragene Wunsch der Kirchen, sich doch an einen Tisch zu setzen, fand zeitnah Gehör.

Unter Stochs Verantwortung entstand so ein wenig systematisches Gerüst. In der tabellarischen Übersicht bekommen Fähigkeiten wie das "Anlegen und Führen eines jahrgangsübergreifenden Berufsorientierungs-, Talent- und Bewerberportfolios" denselben Stellenwert wie die Orientierung "in der modernen Gesellschaft", um "politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Fragen und Probleme kompetent zu beurteilen". Verwendete Begriffe sind überholt, die Kernthesen holprig. Vielleicht hätten Entwickler besser alles Verkopfte durch die allgemeinverständliche Überschrift "Was uns alle verbindet" ersetzt. "Wäre doch der Minister nur ein einziges Mal rechtzeitig und in Ruhe darangegangen", stöhnt einer der Erprobungslehrer.

Erst als die Thematisierung sexueller Vielfalt zum Skandal hochgekocht wurde, erwachte das Interesse des smarten Juristen. Input war angesagt, der Minister wollte nicht länger durch die Debatte irrlichtern. Leidenschaft für die Herausforderung oder gar den Elan, gemeinsam mit den Experten im Landesinstitut, im Beirat oder in den Verbänden nach Lösungen zu suchen, entwickelte er allerdings nicht. Ein Beispiel von vielen: Ende Februar schreibt die GEW-Vorsitzende Doro Moritz einen Brief an Stoch, empfiehlt, das Vorhaben im Grundsatz unterstützend, den Zeitplan um ein Jahr zu strecken. Die Antwort steht bis heute aus. 

"Chaos pur", prognostiziert einer

Beim ersten Symposion für Gemeinschaftsschulleiter Anfang April lässt der Minister seinen Referatsleiter für Grundsatzfragen, Renzo Costantino, ungerührt die zu diesem Zeitpunkt schon überholte Version präsentieren. "Verwundert", sagt einer der Anwesenden, habe er zur Kenntnis nehmen müssen, wie "einer Minderheit in der Frage der sexuelle Vielfalt nachgegeben und damit eine Überarbeitungslawine ausgelöst wird". Tatsächlich verlangt das neue Arbeitspapier in nicht immer einfach zu verstehenden Ministeriums-Deutsch, "die unter den einzelnen Leitperspektiven vorgeschlagenen Kompetenzformulierungen mit fachbezogenen prozessualen und inhaltsbezogenen Kompetenzen abzugleichen". Das brauche "sehr viel Zeit, wenn es gelingen soll", sagt eine Praktikerin. "Chaos pur", prognostiziert ein frustrierter Ministerialer.

Selbst kenntnisreiche SPD-Landtagsabgeordnete aus dem Arbeitskreis Bildung zucken die Schultern, wenn der Name Stoch in Kombination mit Fragen des Bildungsplans fällt. Einen "partiellen Realitätsverweigerer" nennt ihn einer, allerdings sei die Realität mit Stellenstreichungen und Schuldenbremse eben außergewöhnlich unerfreulich. Der Minister bemühe sich doch, urteilt ein anderer im Lehrerjargon, er müsse aber "manches nacharbeiten". Noch schlechter sind zumindest einige jener Experten auf den Minister zu sprechen, die mit Hochdruck an den Fächerfassungen arbeiten, die im September fertig sein sollen. "Mal so eben", sagt einer, seien "zentrale Elemente" neu gefasst worden, weil die FAZ – siehe oben – Indoktrination gewittert hatte.

Maßstab allen Tuns sollen "allein die Kinder und Jugendlichen" sein. Foto: Martin Storz

Und im Beirat gehen Gerüchte um, dass maßgebliche Fachleute hinwerfen wollen, wenn das Kultusministerium nicht alsbald "für eine gesittete und transparente Kommunikation" mit dem Landesinstitut sorgt. Oder wenn der Minister, wie vor den Gemeinschaftsschulrektoren angekündigt, tatsächlich allein über einen neuen Zeitplan entscheidet. Schon von der Umarbeitung der Leitprinzipien in -perspektiven hatten die Bildungspolitiker der Regierungsfraktionen wie die Experten aus den Medien erfahren. "Ich nehme meinen Hut", droht eine der beteiligten Pädagoginnen, "wenn sich dieser Vorgang wiederholt."

Dabei beginnt jetzt erst das Kernstück der Arbeit. Für Neuerungen wie die Orientierungsphase, für die Rückkehr zu Fächern und für die Einführung verschiedener schulartübergreifender Niveaus müssen Schüler und Schülerinnen, Eltern und Lehrkräfte eingebunden werden. Versprochen ist ein breites Angebot regionaler Workshops. Denn die neuen Pläne werden die Erkenntnis hinaus ins Land tragen, dass in jeder Unterrichtsstunde unterschiedliche Kinder unterschiedliche Antworten auf die gleichen Fragen brauchen. Sie seien "abschlussbezogen und schulartunabhängig", so der Entwurf. Das hat die Kultusministerkonferenz in ihren bundesweit geltenden Standards längst festgeschrieben. Das komme hierzulande "aber einer bildungspolitischen Revolution gleich", prognostiziert ein Beiratsmitglied, weil damit moderne Lehr- und Lernformen über die Gemeinschaftsschule allgemein verbindlich werden.

"Das ist nicht trivial, was wir machen", erläuterte Costantino, seit fast einem Jahr Vortragsreisender in Sachen Bildungsplan, im vergangenen Spätherbst. Maßstab allen Tuns seien nicht Partikularinteressen, auch nicht die Wünsche bestimmter Gruppen, sondern "allein die Kinder und Jugendlichen, die von den neuen Bildungsplänen profitieren werden". Die Halbwertszeit dieser Ankündigung betrug nicht einmal sechs Monate. Kein gutes Omen für eine Reform, die in Dekaden rechnet.


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Kommentare

wolfgang rauch, 23.04.2014 08:16
Liebe leute bildungsversteher,
die unterschiedlichen kommentare zeigen indes nur eines: hin und her, her und hin. Hier äußert sich mal wieder jeder (so wie er kann). Die sexuelle vielfalt brachte das fass zum überlaufen. Sogar die gew (bildungsgewerkschaft) mahnte 1 jahr verzögerung an: lächerlich! „Eine schwer verständliche Bedienungsanleitung“, soso. Ein wichtiges, das allerwichtigste wurde vergessen: Die qualität des bildungsplanes bestimmt die umsetzung durch die lehrkräfte. Sollte der wirklich sooo schlecht sein wie beschrieben, macht euch keine sorgen, kein mensch wird sich daran halten. Was auch vergessen wurde: Wirklich neues benötigt den lackmustest in der praxis. Mir wäre viel lieber gewesen, wenn das kumi mit seinen reformen viel eher „flagge“ gezeigt hätte anstatt das hin und her, her und hin zu befördern. Meinungsvielfalt heißt nicht, dass jedem öffentlichkeitswirksamen kommentar oder einspruch von eltern, pfarrern, landräten, abgeordneten, verbänden, lehrkräften usw. stattgegeben wird, nur weil vielleicht wahlen vor der tür stehen. Wir haben auch deshalb gewählt, dass ihr uns dieses hickhack abnehmt und ganz einfach e n t s c h e i d e t!
w. rauch, sonderschullehrer

EuroTanic, 18.04.2014 23:39
Schule will nur eines, Menschen zu gehorsamen Arbeitern und Konsumenten formen. Die Tatsache, dass es einen Zwang zur Schule gibt zeigt doch, dass Schule nicht gut ist. Wenn sie gut wäre würde man freiwillig hingehen.

Jörg Krauß, 18.04.2014 13:13
Ist eben auch ein "Parallelgesellschaftsförderungsminister", unser Herr Storch. Ich finde es immer wieder faszinierend und erschreckend zugleich, zu welchem Preis und bei welcher Leistung wir diesen ineffektiven Apparat egal welcher Parteienfarbe die Protagonisten angehören, in die "verdienten" Pensionsleistungen "wegpudern". Mich wundert es Tag für Tag weniger, wieso nur 1,2 % des Landeshaushaltes in BaWü für Kultur eingeplant sind, unsere Staatsbediensteten und ihre Pensionen hier aber mit mächtigen 40 % drinstehen. Hier sieht man auch, wieviel Zeit sowohl der Verschwendung wie einer Entscheidung der Verwaltenden im Sinne der Bürgerschaft in Verwaltungsfragen hat.

Dr. Diethelm Gscheidle, 17.04.2014 13:09
Sehr geehrte Damen und Herren,

es ist völlig richtig festzustellen, dass die derzeitige Bildungspolitik lächerlich ist und unsere Jugend zu dummen, faulen und verweichlichten Versagern macht! Unter dem redlichen Herrn Mayer-Vorfelder war zwar auch nicht alles perfekt, aber selbstverständlich deutlich besser: So versuchte man damals wenigstens noch, den sich in den Elternhäusern ausbreitenden Montessori-Unsinn zu bekämpfen, indem man den zu Hause verweichlichten und faulen Schülern wenigstens in der Schule noch wichtige Werte wie Leistung, Fleiß, Anstand, Keuschheit, Moral, Gehorsam und Sitten beibrachte! Auch dem Turn-Unterricht als Vorbereitung für die redliche Bundeswehr wurde noch eine wichtige Rolle eingeräumt! Wenn Herr Mayer-Vorfelder nun noch den redlichen Rohrstock als Erziehungsinstrument wieder zugelassen hätte, dann wäre unsere damalige Jugend und unsere heutige Gesellschaft wieder fleißig, redlich und keusch!

Leider kam es mit seinen Nachfolgern immer schlimmer, und heute ist die Bildungspolitik auf einem historischen Tiefpunkt angelangt - was auch kein Wunder ist, wenn die unredlichen Sozen (die ja auch sonst nur faule Arbeitnehmer und den Schlendrian fördern, während sie fleißigen und redlichen Unternehmern Steine in den Weg legen) in der Erziehung unserer Kinder mitmischen! Und Sie sehen ja, wie verkommen unsere Jugend heute ist: Außer amoklaufverursachenden Schieß-Spielen, unzüchtiger und hässlicher Kleidung, scheußlicher Krachmusik, ekelhaftem Tabak, gesundheitsschädlichem Alkohol, ekelerregendem Sechs und kriminellen Drogen (den sieben Sargnägeln in der Zukunft dieses unseres schönen deutschen Vaterlandes) hat diese doch nichts mehr im Kopf! Die können ja nicht mal mehr Sütterlin schreiben!

Daher fordere ich eine sofortige Bildungsreform, in der folgende Maßnahmen sofort eingeführt werden müssen:
* Verbot von diesem Montessori-Unsinn, oder gar der diabolischen Wald-Dorf-Erziehung (ich habe gehört, man hat sogar einige redliche Dorfschulen in unredliche Wald-Dorf-Schulen umgewandelt!)
* Befreiung der Lehrpläne von unsinnigem oder sogar schädlichem Stoff (z.B. dem diabolischen Sechsualkundeunterricht oder der unzüchtigen Kurvendiskussion!), dafür Aufwertung oder Neueinführung wichtiger Fächer (z.B. Religion, 10 Stunden Turnen für die Jungen als Vorbereitung für die redliche Bundeswehr, 10 Stunden Handarbeit und Hauswirtschaft für die Mädchen als Vorbereitung auf ein Dasein als redliche Ehefrau, die ihrem hart arbeitenden Mann den Rücken freizuhalten hat)
* Wiedereinführung der redlichen Wehrpflicht als wichtige Erziehungs-Institution für die Jungen
* Wiedereinführung von redlichen, traditionellen und bewährten Erziehungsmethoden in der Schule (z.B. Karzer, Rohrstock, Auf-einem-Bein-in-die-Ecke-stellen)

Sie werden sehen: durch diese einfachen und preisgünstigen Reformen werden wir in den nächsten Jahren wieder ein besseres und vor allem ein redlicheres und keuscheres Deutschland erhalten - wie schön!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Diethelm Gscheidle
(Verkehrswissenschaftler & Dipl.-Musikexperte)

noki, 17.04.2014 09:50
Ich verstehe ja, dass sich zu dem Thema niemand namentlich zitieren lässt. Aber einen so langen Text mit so vielen Zitaten ohne einen einzigen Namen ist halt nicht optimal.

So nach dem Motto:

"Bei uns in der Redaktion kommt es nicht selten zu unschönen Szenen an der Kaffeemaschine", sagt ein langjähriger Kontext-Mitarbeiter, der es wissen muss.

LIane, 16.04.2014 18:42
Was seit jahrzehnten ausser acht gelassen wir: die Kinder sind JETZT Kinder... Es ist erschreckend wie viele Reformen auf deren Rücken ausgebreitet wurden..... Als seien diese kleinen Menschlein Maschinen die je nach politischer Schnauze gedreht und gewendet werden könnten, die Eltern sind eh immer mehr zu kostenlosen Co-Lehrern geworden

die andere Seite wird kaum thematisiert: die rasant zunehmende PrivatschulenKlassenbildung a la dazumal ist erschrekend kümmert aber offensichtlich niemanden:
effekt all dem
in 20 Jahren haben wir
-für das Popel Volk wieder die Armen-Volksschule für den Müll und das putzen
-für die Reichen die sauteuren Internate (können steuerlich abgesetzt werden), die dann auf die wichtigen Jobs und Netzwerke von morgen hin arbeiten,,,
-für die Mittelschicht die Privatschulen!! für den nach unten treten nach oben schleimen Dienen-Dienst!

Deutschland schafft sich schon längst ab!!!

FernDerHeimat, 16.04.2014 07:23
Die Kultuspolitik in Baden-Württemberg der letzten 30 Jahre. Oder: Au-weh.

Die Generation 40+ erinnert sich gewiss noch an den "Spässlesminister" MV. Jenen Herrn, der sich massgeblich durch die "Faschingsferien" so verdient gemacht hat. Besonders dieses Zitat (von 1980) bringt seine typische CDU-"Jugendnähe" auf den Punkt: "Die junge Generation zeigt kein Interesse an einem Dialog mit uns, wir hingegen waren dazu immer bereit." Ja, das hinterlässt einen Eindruck. Ein "Gschmäckle".

An die Nachfolgerin, Frau Marianne Schultz-Hector, erinnert sich hingegen schon niemand mehr. Sie war (im Endeffekt) der typische brave CDU-Hinterbänkler auf einem unwichtigen "Pöschtle" in einem Bundesland, das sich seit Jahrzehnten einzig an den Interessen einer Handvoll Grosskonzerne ausrichtet und ansonsten mit Vorliebe die Jugend als Feindbild für den Wahlkampf bei der geriatrischen Stammwählerschaft missbraucht. (Wenn man sich ihr nicht auf Sportfesten durch Komasaufen anbiedert.)

Danach kam Frau "Doktor" Schavan ans Ruder, das personifizierte Gegenargument der CDU zur Trennung von Staat und Kirche. Die wollte, äh, durfte zwar nichts anders, aber dafür alles besser machen. Darum durfte, äh, wollte sie auch als "Gegenkandidatin" zu Herrn Oettinger auftreten, damit die CDU zumindest noch rudimentär den Anschein der Demokratie wahren konnte. Brav! Alles gemacht, was die Partei will!

Helmut Rau und Marion Schick danach kennt auch niemand mehr (siehe Schultz-Hector). "Aus der Hinterbank vor, in die Hinterbank zurück, ansonsten kein Rückgrat und den Kopf steht's eingezogen am Genick." Wie steht's im Zeugnis drin? "Haben sich bemüht."

Und jetzt durfte - endlich einmal - mit Frau Gabriele Warminski-Leitheußer, schon wieder ein vergessener Doppelname, ich meine, die SPD ans Ruder. Alles anders und nichts besser? Nein. Natürlich nicht. Hat wer ihr Kommen oder Gehen bemerkt? Eben.

Und schliesslich Andreas Stoch, der unermüdliche SPDler Nr. 2 im Kultusministerium. Geändert hat sich nichts, die Probleme gehen nicht weg und Geld gibt's von seiner Regierung für Bildung genausowenig wie von den Vorgängern. Kontinuität eben. Schöne Worte legt er uns ins Osternest und das wird wohl auch schon der Nachruf auf seine Amtszeit sein.

Wiedersehen!

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