KONTEXT Extra:
Fahrverbote beschlossen – Nordost-Ring vom Tisch

Wie ein Gespenst geisterte seit Wochen ein vor fast 40 Jahren beerdigtes Verkehrsprojekt durch die Debatte um Feinstaubalarmtage und Fahrverbote in der Landeshauptstadt: der Nordost-Ring. Jetzt hat Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) allen Spekulationen eine Absage erteilt. Auch deswegen, weil die Baumaßnahme entgegen den Behauptungen von Teilen der CDU keineswegs bereits im Bundesverkehrswegeplan steht. "Dort geht es um neun Kilometer der B 29", so Hermann nach dem heutigen Kabinettsbeschluss zu Fahrverboten ab 1.1.2018 an Feinstaubtagen, den schlussendlich auch die CDU-Landtagsfraktion mittrug.

Prompt gab es Lob von Umwelt- und Naturschützern. Hermann habe erkannt, so die BUND-Landesvorsitzende Brigitte Dahlbender, "wenn nicht zeitnah effiziente Maßnahmen greifen, so werden die Gerichte die Entscheidungen zum Schutze der Bürger*innen treffen und die Politik das Heft aus der Hand geben müssen". Die Stuttgarter CDU ist noch nicht ganz so weit. Für den Kreisvorsitzenden Stefan Kaufmann sind Fahrverbote weiterhin "politisch klar abzulehnen". Und er träumt von Nordost-Ring: Jetzt gelte es "endlich neue Verkehrsprojekte wie den Nord-Ost-Ring auf den Weg zu bringen". Hermann machte dagegen deutlich, dass das nach dem eben erst in Kraft gesetzten Bundesverkehrswegeplan gar nicht möglich ist. 

In den Sechzigern und Siebzigern waren zwei Varianten durchdacht worden: eine größere mit einem Autobahnzubringer bei Mundelsheim und eine kleinere etwa auf der Gemarkungsgrenze zwischen Waiblingen und Fellbach. Schon damals vertraten Verkehrswissenschaftler allerdings die Ansicht, dass ein Ringschluss rund um Stuttgaart weniger die Stadt, sondern die Autobahnen im Westen und Süden entlasten würde.


Korntal: Opfervertreter verlangen mehr Engagement der Landeskirche

Die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der evangelischen Brüdergemeinde Korntal ist unterbrochen. Die Opfervertreter verlangen einstimmig, dass sich Frank Otfried July endlich entscheidend einbringt. "Wir werden nicht mehr mit den Brüdern sprechen", so Netzwerk-Sprecher Detlev Zander. Jetzt müsse "der Oberhirte, also der Bischof, ran". Im Betroffenen-Netzwerk organisiert, werfen mehr als 300 ehemalige Heimkinder der Brüdergemeinde vor, in den 1950er- bis 1980er-Jahren in deren zwei Einrichtungen sexuell missbraucht, misshandelt und gedemütigt worden zu sein.

Dass mehr Engagement von July gefordert wird, ist nicht neu. Im Sommer 2016 hatte einer der Betroffenen in einem langen Schreiben an den Landesbischof appelliert: "Die Kirche ist mit in der Verantwortung und wenn Sie als Oberhirte weiter schweigen, machen Sie sich persönlich schuldig. Die Heimopfer warten auf ein klärendes Wort von Ihnen." Denn die Korntaler Fürsorge habe "einen menschlichen Scherbenhaufen hinterlassen". (20.02.2017)


NSU-Ausschuss will weitere Akten

Der zweite parlamentarische Untersuchungsausschuss zum "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) geht auf die Suche nach zusätzlichen Akten, um dessen Verbindungen nach Baden-Württemberg besser auszuleuchten. Die Abgeordneten meinen, beim Generalbundesanwalt und/oder im Bundesamt für Verfassungsschutz fündig werden zu können. Beauftragt ist Bernd von Heintschel-Heinegg. Der Rechtswissenschaftler war schon für den ersten Ausschuss des Landtags und als Sonderermittler auch für den Bundestag tätig.

Zurückgestellt wurde in diesem Zusammenhang die Ladung von Mike Markus Friedel. Vor allem der NSU-Experte Hajo Funke hatte immer wieder darauf gedrängt, dass der gebürtige Sachse gehört wird. Dessen Name stand auf der sogenannten Garagenliste, die 1998 in Jena sichergestellt, aber erst mit großer zeitlicher Verzögerung detailliert ausgewertet wurde. Vor fast zwanzig Jahren zog er nach Heilbronn. "Markus Friedel war mit 'Erbse' (V-Mann), Torsten Ogertschnig, zusammen im Ländle im Gefängnis", schreibt Funke. Und von Friedel habe "Erbse" seine Kenntnisse über den NSU und Mundlos.

Bei einer Veranstaltung der "Anstifter" im Stuttgarter Kunstverein hat Rainer Nübel, der im ersten Ausschuss als Sachverständiger aufgetreten war, erneut von den Abgeordneten verlangt, sich ernsthafter mit der Anwesenheit ausländischer Geheimdienste am 25. April 2007 in Heilbronn zu befassen. An diesem Tag waren die Polizistin Michèle Kiesewetter ermordet und ihr Kollege Martin Arnold schwer verletzt worden. Der zweite Ausschuss hat bereits mehrere Zeugen vernommen. Jetzt ist ein Bericht beim Bundesnachrichtendienst angefordert.

Die nächste Ausschusssitzung beginnt am Freitag, den 24. Februar, um 9.30 Uhr im Landtag. Zwei Kriminalbeamtinnen sollen Auskünfte über die rechte Szene geben und die Verbindungen des NSU in den Südwesten. Geladen sind außerdem drei Zeuginnen, die Kontakt zu Beate Zschäpe gehabt haben sollen.

Auch die weiteren Sitzungstermine bis zur parlamentarischen Sommerpause sind festgelegt: 20. März, 28. April, 15. Mai, 19. Juni und der 17. Juli 2017.

Mehr zum Thema: "Geheimdienste im Fokus", "Eh-wurscht-Akten" 


WKZ liest mit

Anfang Januar hatte der Waiblinger Lokalhistoriker und Anstifter Ebbe Koegel sich darüber beschwert, dass das Land dem Firmengründer Andreas Stihl eine Kunstmedaille gewidmet hat. "Andreas Stihl war ein überzeugter Nazi, NSDAP-Mitglied seit 1933, seit 1935 SS-Mitglied mit dem Rang eines Hauptsturmführers (seit 1939)", schrieb er an Finanzministerin Edith Sitzmann. Die Waiblinger Kreiszeitung (WKZ) schwieg dazu - bis Kontext den Fall am 25. Januar aufgriff. Nun erschien am 11. Februar ein zweiseitiges Extra mit ausdrücklichem Bezug auf den Kontext-Artikel. Der Redakteur Peter Schwarz zitiert darin aus der 100-seitigen Entnazifizierungsakte. Die beiden Kinder Stihls, der langjährige IHK-Präsident Hans Peter Stihl und seine Schwester Eva Mayr-Stihl wurden befragt. Die Recherche ergibt, wie die WKZ selbst schreibt, ein "außerordentlich schillerndes Bild."

Der Redakteur zitiert mehrere Fremdarbeiter - den Begriff Zwangsarbeiter meidet er - die sich im Verfahren positiv über Stihl geäußert haben. Ein Slowake berichtet, Stihl habe einem Freund geholfen zu fliehen, der sich den Partisanen anschließen wollte. Ein Jugoslawe meinte, der Patriarch habe sich "mit großer Empörung geäußert über die Gemeinheit und den Terror des dritten Reiches", ein Holländer, er habe "gelitten, als er sehen musste, wie schmutzig dieses System war, und konnte doch nicht mehr von demselben weg." Der Betriebsrat sagte dagegen aus, Stihl sei "100 Prozent Nationalsozialist" gewesen, habe "mehrere seiner Lehrlinge zum Eintritt in die SS" bewogen und Regimekritiker als "Eiterbeulen" bezeichnet, denen er "in die Fresse" schlagen wolle. (16.2.2017)


Wüstenjubiläum: Fünf Jahre Parkräumung

Vor genau fünf Jahren, am 14. Februar 2012, räumten rund 2500 Polizeibeamte das Protestcamp der Stuttgart-21-Gegner im Mittleren Schlossgarten. Drei Tage später waren rund 180 teils bis zu 300 Jahre alte Bäume gefällt oder (ein kleiner Teil der jüngeren) verpflanzt, und einer der ehemals schönsten innerstädtischen Parks Deutschlands hatte sich in eine Schlammwüste verwandelt.

Zum fünften Jahrestag der Parkräumung wollen die Parkschützer am heutigen Dienstag daran erinnern, mit einer Versammlung und Kundgebung an der Lusthausruine im Mittleren Schlossgarten um 17 Uhr. Es soll Reden, Musik und Gedichte geben, anschließend einen Demozug durch die Königstraße.

Kontext hat damals mit einer Reportage von der Parkräumung berichtet – und danach immer wieder von der erstaunlich langen Untätigkeit oder auch von Baufortschritt vorgaukelnden Alibi-Arbeiten. (14.2.2017)


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Ausgabe 131
Politik

Feuer unterm Bahnhofsdach

Von Jürgen Lessat
Datum: 02.10.2013
Stuttgart 21 bleibt brandgefährlich: Reisende können in Rauchgasen ersticken, wenn ein brennender Zug im Tiefbahnhof steht. Trotz zusätzlicher Fluchttreppenhäuser lässt sich die Bahnhofshalle im Brandfall nicht immer schnell genug evakuieren, kritisieren Stuttgarter Branddirektion und Regierungspräsidium das überarbeitete Brandschutzkonzept der Deutschen Bahn. Teile des Gutachtens seien sogar wissenschaftlich strittig.

Das Urteil der Experten fällt vernichtend aus: "Die sichere Entfluchtung des Tiefbahnhofs ist nicht gewährleistet." Auch das neue, überarbeitete Brandschutzgutachten der Bahn für Stuttgart 21, im März 2013 fertiggestellt und bislang unveröffentlicht, fällt durch. Schonungslos listen die Stuttgarter Feuerwehr und das Regierungspräsidum als Fachaufsichtsbehörde zahlreiche Mängel in einer zehnseitigen Stellungnahme auf. Das Dokument liegt Kontext vor. Der schwerwiegendste Vorwurf: In einem von vier simulierten Brandereignissen im geplanten Tunnelbahnhof breiten sich giftige Rauchgase schneller aus, als den Reisenden Zeit für eine sichere Evakuierung bleibt.

Die Schwachstelle im aktuellen Brandschutzkonzept ist das Szenario "Brand 4". Bei ihm kommt ein brennender Zug nahe dem südlichen Tunnelportal unter dem Verteilersteg C zu stehen. Brandgase würden die rund 400 Meter lange Bahnhofshalle innerhalb von 14 Minuten fast vollständig verrauchen. Zu schnell für alle Flüchtenden, denen die Luft zum Atmen in Kopfhöhe knapp wird. Denn im ungünstigsten Fall würde es 15,5 Minuten dauern, bis sich der letzte Reisende von den Bahnsteigen aus in Sicherheit gebracht hat, so das Ergebnis der Computersimulation. Es fehlen also anderthalb Minuten, die zahlreichen Menschen das Leben kosten können.

Brandszenarien in der Brandschutz-Simulation für Stuttgart 21
Brandszenarien in der Brandschutz-Simulation für Stuttgart 21

Wie vielen, sagt das Gutachten, das das renommierte Remscheider Brandschutzplanungsbüro Klingsch im Auftrag des S-21-Bauherrn Deutsche Bahn angefertigt hat, nicht. Das Simulationsergebnis wird lediglich als Negativresultat "- 1,5" dargestellt. Sicher ist: Anders als die Bauherrin Bahn bisher erhofft hat, lässt sich eine folgenschwere Brandkatastrophe im geplanten Tiefbahnhof auch nicht durch den zusätzlichen Einbau von acht Fluchttreppenhäusern ausschließen. Aber nicht nur deswegen läuten bei Berufsfeuerwehr und Regierungspräsidium die Alarmglocken. In ihrer Stellungnahme üben beide deutliche Kritik auch an den Prämissen, unter denen die Simulationen durchgeführt wurden.

Fluchtzeiten contra Verrauchungszeiten im geplanten Tiefbahnhof: Brand 4 negativ
Fluchtzeiten contra Verrauchungszeiten im geplanten Tiefbahnhof: Brand 4 negativ

Zwar komme der Simulationsdurchlauf bei Brand 4 nur bei der Gangart "weites" Gehen auf den Treppenaufgängen (stufenweises schräg versetztes Gehen) zu einer negativen Evakuierungszeit. Auch stimmen die Stuttgarter Experten zu, dass die Bahnhofshalle wesentlich schneller geräumt ist, wenn die Flüchtenden "eng" gehen, also auf den Treppen nebeneinander nach oben flüchten. In diesem Fall dauert die Evakuierung nur 9,5 Minuten. Dennoch: "Im Fall des Brand 4 gibt es trotz der zusätzlichen acht Fluchttreppenhäuser keine Pufferzeiten mehr", etwa "für unvorhersehbar und atypische Geschehensabläufe und unkalkulierbare Panikredaktionen", bemängeln Feuerwehr und Aufsichtsbehörde wörtlich.

Pikant ist zudem, dass die Stuttgarter Brandexperten offenbar dem Bahngutachter Wolfram Klingsch nicht alles glauben. Klingsch hatte auf Nachbohren der Stuttgarter während zurückliegender Sitzungen offenbar versichert, dass die Simulation Panikreaktionen der Flüchtenden mit ausreichender Pufferzeit berücksichtigt. "Eine Bestätigung des EBA (= Eisenbahnbundesamt, die Redaktion), dass diese Puffer bereits in den erhöhten Bemessungsgrundlagen enthalten sind, liegt bisher nicht vor", heißt es jedoch in der Stellungnahme. Stattdessen fordern Feuerwehr und Aufsichtsbehörde deutlich mehr Transparenz: "Wir halten es für zielorientiert, dass bei Brand 4 der Nachweis einer sicheren Evakuierung aller Personen nachgewiesen werden kann und zusätzlich ... ein Puffer einkalkuliert wird." Die hiesigen Fachleute halten einen zehnprozentigen Puffer für notwendig. Im Brandfall 4, bei "weitem" Gehen, müsste die Bahnhofshalle unter dieser Prämisse 17 Minuten lang bis in Kopfhöhe rauchfrei bleiben – was die vorgesehene Rauchschutztechnik bislang aber nur bei einem Brandszenario (Brand 2) gewährleistet.

Bahnhof menschenleer: trotz neuer Fluchttreppenhäuser dauert die Evakuierung des Tiefbahnhofs zu lang. Screenshot: Jo E. Röttgers
Bahnhof menschenleer: trotz neuer Fluchttreppenhäuser dauert die Evakuierung des Tiefbahnhofs zu lang. Screenshot: Jo E. Röttgers

Gefährliche Mängel sehen die Experten auch in der Fremdrettungsphase, in der Feuerwehrleute gehunfähige Personen, etwa Reisende in Rollstühlen oder Verletzte, retten sollen. Die Fremdrettung, ein heißes Thema schon während der Schlichtung im Herbst 2010, beginnt nach Bahn-Richtlinien 20 Minuten nach der Alarmierung. Weitere 15 Minuten muss die Bahnhofshalle bis in eine Höhe von 1,5 Meter nahezu rauchfrei  bleiben. Dies misslang der Bahn in der Simulation wiederum beim Brandszenario 4: Zugänge und Bahnsteige verrauchten bereits während der Rettungsphase. In der Realität hat das dramatische Folgen für Opfer und Retter. Feuerwehrleute müssen mit schwerer Atemschutzausrüstung auf die Bahnsteige vordringen, um dann im dichten Qualm mehr nach Opfern stochern als suchen zu können. Ohne Sicht geraten die Retter selbst in Gefahr, in der riesigen Anlage die Orientierung zu verlieren. Für "nicht akzeptabel" halten dies die Stuttgarter Brandexperten.

Feuerwehr zweifelt an Simulationsprogramm

In dem Dokument stellen die hiesigen Brandexperten die Simulationen zudem prinzipiell infrage. So habe das Gutachterbüro Klingsch ein Simulationsprogramm verwendet, dass bei der Evakuierung des Tiefbahnhofs nur Personendichten von maximal vier Personen pro Quadratmeter ausweise, so die Kritik. Denkbar sei im Brandfall auch deutlich mehr Gedränge auf Bahnsteigen und Treppen, was Brandschutzprofessor Wolfram Klingsch auf Nachfrage der Stuttgarter Experten offenbar selbst nicht ausschloss. Mehr Gedränge beschleunige sogar die Evakuierung, so Klingschs Einschätzung.

Das jedoch sieht die Stuttgarter Feuerwehr völlig anders: "Den Aussagen des Gutachters stehen andere wissenschaftliche Aussagen gegenüber", heißt es wörtlich. Vielmehr erwarten die hiesigen Brandschutzexperten bereits ab fünf Personen pro Quadratmeter ein so heftiges Gedränge, dass es kein Vor oder Zurück mehr gibt. Flüchtende würden sich sogar bis zu acht Minuten vor den Treppenaufgängen von den Bahnsteigen zu den Verteilerstegen oder vor den Fluchttreppenhäusern stauen. "Aufgrund der erheblichen Bedeutung dieser Simulation im Gesamtkonzept und der unterschiedlichen Aussagen des Gutachters und aus der Wissenschaft halten wir es für empfehlenswert, zur Verifikation der Ergebnisse eine zweite Simulation mit einem alternativen Programm durchzuführen", fordern Branddirektion und Regierungspräsidium ein weiteres Gutachten – von einem anderen Gutachter.

Zuverlässigkeit von Brandmeldesystem fraglich

Die hiesigen Brandschützer bezweifeln zudem, dass ein Brand im Tiefbahnhof schnell entdeckt und genau lokalisiert wird, was entscheidend die Selbst- und Fremdrettungsphase beeinflusst. Das Klingsch-Gutachten sieht ein automatisches Detektionssystem vor, das im Alarmfall die Entrauchung der Bahnhofshalle bereichsweise steuert. Die Feuerwehr bezweifelt jedoch die Zuverlässigkeit des automatisierten Brandmeldesystems. Sollte es zu einer Fehlalarmierung kommen, könnten die falschen Entlüfter anspringen und giftige Brandgase direkt auf flüchtende Menschen blasen. "Einen Nachweis dieser automatisierten Detektionstechnik gibt es bisher nicht", sagen die Brandschützer und fordern, die Funktionstüchtigkeit durch reale oder modellhafte Versuche in einem alternativen Aerodynamik-Gutachten zu belegen. Im Herbst 2012 hatte Bahnvorstand Volker Kefer noch eine neuartige Sprühvernebelungsanlage zur Rauchbekämpfung angekündigt. Von ihr ist jetzt keine Rede mehr. 

Ein neues Aerodynamik-Gutachten soll auch klären, ob der Straßburger Platz über der Bahnhofshalle, auf den die neu geplanten acht Fluchttreppenhäuser führen, tatsächlich weitgehend rauchfrei bleibt. Denn über die Lichtaugen des Tiefbahnhofs soll Rauch aus der Bahnhofshalle abziehen. Gutachter Klingsch geht davon aus, dass die Thermik den Rauch senkrecht  nach oben aufsteigen lässt. Die Stuttgarter Feuerwehr bezweifelt auch dies "aufgrund von Erfahrungswerten". Sie befürchtet vielmehr, dass sich der Rauch unter bestimmten Wettereinflüssen auf dem Platz und damit zwischen den Flüchtenden ausbreitet.

Das Brandschutzkonzept für den Tiefbahnhof Stuttgart 21 musste bereits mehrfach überarbeitet werden. Durch eine Neuregelung der einschlägigen Richtlinien des EBA wurde 2010 eine weiterentwickelte Brandschutzplanung notwendig. So musste das Konzept unter anderem an höhere Brandlasten angepasst werden. Auch erhöhte sich die Zahl der zu evakuierenden Personen von 10 000 auf 16 000. Die Stuttgarter Feuerwehr sah damals allein 31 kritische Punkte beim Brandschutz im Bahnhof und in den Tunnelstrecken. Im Oktober 2012 wurde das im Auftrag der Bahn angefertigte Gruner-Gutachten öffentlich, das schwere Mängel im bisherigen S-21-Brandschutzkonzept attestierte. Die Schweizer Experten stuften es unter anderem wegen der Evakuierungszeiten von bis zu 23 Minuten als nicht genehmigungsfähig ein. Die Bahn reagierte darauf mit der Ankündigung, acht zusätzliche Fluchttreppenhäuser in der Bahnsteighalle einbauen zu wollen.

Ihr aktuell überarbeitetes Brandschutzkonzept für den Tiefbahnhof Stuttgart muss sich die Bahn durch das Eisenbahn-Bundesamt genehmigen lassen. Im Genehmigungsverfahren zieht das EBA aus Personalmangel üblicherweise externen Sachverstand hinzu. Auf der aktuellen EBA-Liste der anerkannten Prüfer für den vorbeugenden baulichen Brandschutz steht auch ein intimer Stuttgart-21-Kenner: Professor Wolfram Klingsch.


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Kommentare

Klaus Neumann, 08.10.2013 23:34
Zitat Kontext: "Gutachter Klingsch geht davon aus, dass die Thermik den Rauch senkrecht nach oben aufsteigen lässt." Sicher kann sich bei einem Vollbrand eines Triebkopfes die unglaubliche Wärmleistung von 50 MW entwickeln, aber hier entsteht nicht eine grossflächige Thermik, so dass alle Glubschaugen oben der Entrauchung dienen können, sondern es entsteht ein ganz begrenzter enger Thermikschlauch über dem Barndherd, der sogar eine Luftzirkulation, die den Rauch nach unten drückt wahrscheinlich macht. Man kann das mit einem Versuch mit der Bratpfanne und überhitzen Öl selber in der Küche nachvollziehen. Das Zeugs drückt selbst dann nach unten, wenn der Ventilator zur Entrauchung eingeschaltet wurde, da der Ventilator (im Bahnhof dann das geöffnete Glubschauge) die aufsteigende Hitze nicht vollständig abziehen kann. Hier aber kommt noch ein möglicher Luftzug aus dem Tunnelsystem dazu, der den Rauch in Richtung Tunnels ziehen und damit auch zum grossen in Bodennähe halten kann. Ich jedenfalls habe jedem in der Familie verboten, nach Fertigstellung des Knotens irgendeinen Teil davon zu nutzen. Weder im Fern- Regional- oder Nahverkehr. Und das, was ich hier lese und ich mir an Gedanken machen muss bestätigt mich nur um ein weiteres Mal in meiner Meinung; das Ding ist im Fall der Fälle eine Todesfalle. Nicht nur für die Behinderten, die nach Kefer im Ernstfall von hilfsbereiten Menschen sicher nach oben getragen werden würden. Das war kein Witz. Das wurde so gesagt.

Rainer Scheithauer, 07.10.2013 20:18
Wenn ich nur die Hälfte dieses Sachverhaltes und der Einschätzungen richtig verstanden habe, geht mir langsam der Glaube an einen demokratischen Rechtsstaat verlohren.
Es ist an der Zeit, den Namen der Personen die diese Gutachten bzw. das positive Ergebnis unterschrieben haben bzw. unterschreiben werden, genauso wie die Management Verantwortlichen bei der Bahn und in den Ministerien festzuhalten.
Im Falle einer eintretenden Katastrophe ist jeder einzelne dieser Leute vor Gericht zur Verantwortung zu ziehen.
Die Anklage dürfte mindestens auf vorsätzliche Körperverletzung mit Todesfolge lauten.

Alfred, 05.10.2013 13:53
Sollte S 21 je fertig gestellt werden - wovon ich nicht ausgehe - und dort Züge fahren werden nach einem Brandfall die Überlebenden die Toten beneiden.

Ein Projektabbruch wird sich m.E. erst einstellen, wenn der Bau aus technischer Sicht zum Erliegen kommt und die am Filz Beteiligten sich am Ausstieg mehr Gewinn erhoffen.

tastenfreund, 05.10.2013 13:02
Solche ausführlichen Artikel wünscht man sich mal in der StZ oder den StN. Aber wie immer Fehlanzeige. Nur nicht zu viel kritische Details an die breite Öffentlichkeit geben. Peinlich für die Deutsche Bahn. Wer stopft ihr endlich ihr großes Maul, das sie ständig aufreißt und worüber die StZ und StN dann eifrig berichten?

duck soup, 04.10.2013 19:29
Wetten werden noch angenommen...
Die Betreiber reißen soviel ab und basteln solange am Bahnhof und dem MSG herum, bis alles komplett abgerissen werden muss (und der MSG durch das Grundwassermanagement trocken gelegt wird), so dass wertvollstes Bauland frei wird (samt dem dann nicht mehr benötigten Gleisvorfeld). Darauf lassen sich dann teure Immobilien bauen. Mit einer kleinen unterirdischen S-Bahn-Station (die womöglich feuergefährlich ist). Aber darauf kommt's dann auch nicht mehr an. Das Bauland war und ist es, was immer als Ziel anvisiert wurde.

Mozart, 02.10.2013 18:12
"Im Genehmigungsverfahren zieht das EBA aus Personalmangel üblicherweise externen Sachverstand hinzu. Auf der aktuellen EBA-Liste der anerkannten Prüfer für den vorbeugenden baulichen Brandschutz steht auch ein intimer Stuttgart-21-Kenner: Professor Wolfram Klingsch."

Dieser Tiefschrägbahnhof ist aus FILZ gebaut.

Ulrich Frank, 02.10.2013 17:45
Nachschrift: Von Koffern und anderem GEPÄCK welches im Normalfall von Bahnreisenden mitgeführt wird (wie auch von Hilfsmitteln wie Kofferkulis) und auf den Bahnsteigen dann ein erhebliches Fluchthindernis werden kann ist in diesem Gutachten wiedergebenden Bericht nichts zu lesen. Kann es denn sein daß diese zusätzlichen Hindernisse in den Gutachten gar nicht thematisiert werden? Oder wird REISEN OHNE GEPÄCK im unterirdischen Bahnhof PFLICHT?

Ulrich Frank, 02.10.2013 15:44
Die vorliegende Sachlage ist doch, an Deutlichkeit nicht mehr zu übertreffen, nur die einer vorprogrammierten Katastrophe. Wie bei höherer Personenanzahl pro Fläche und insbesondere Panikauslösern wie Rauchgasen noch ein garantiertes Vorwärtskommen möglich sein soll können nur PATHOLOGISCHE REALITÄTSVERWEIGERER - vom Schlage der Projektbetreiber und anscheinend auch der gefälligen Gutachter - ignorieren. Wer jemals in einer aufgestauten gepackten Menschenmenge gestanden hat weiß wie im Gedränge das Um- und Übereinanderfallen sofort die höchste Wahrscheinlichkeit hat. Da werden dann auch ein Ex-OB Herr Schuster oder Kotz oder Schmiedel oder eine Frau Blind - wie auch eine aktuelle, angeblich kritisch begleitende aber nur das Schweigen im Walde von sich gebende Stadtverwaltung - nicht mehr den projektgefälligen Gleichschritt vorgeben können sondern sich nur die befleckten Hände vergeblich in Unschuld waschen wollen. - Die Implikationen dieses Projektes sind hier nur auf eine weitere Weise schlicht und einfach KRIMINELL. Und diejenigen welche hier auf den Gedanken des Durchwinkens oder auch nur Durchgehenlassens kommen machen sich auf eben diese kriminelle Weise schuldig.

SvenS, 02.10.2013 10:36
Ein wichtiger Artikel. Ergänzend zwei Dinge:
Ingenhoven ist laut seiner Website (http://www.ingenhovenarchitects.com/de/projekte/hauptbahnhof-stuttgart.html#team) Generalplaner, d.h. vom Bauherrn für Architektur und Fachplanungen beautragt, und Klingsch ist sein Subplaner. Dementsprechend nicht unabhägig von ihm.
Und die acht Treppenhäuser waren auch im Gruner-Brief vor etwa einem Jahr schon enthalten und mindestens teilweise in den Simulationen berücksichtigt. Die Bahn hat sie dann in täuschender Absicht als neue Lösung der Probleme dargestellt. Der Artikel zeigt, dass keines der von Gruner genannten Probleme gelöst wurde. Also eine genehmigungsfähige Lösung mit dieser Architektur nicht möglich ist. Schon die Treppenhäuser verstellen den Raum. Mit weiteren Änderungen gehen noch die letzten verbliebenen Qualitäten des Entwurfs verloren.
So kommt's eben, wenn man gegen besseren Wissen einen Murks durchzuziehen versucht.

thomas a, 02.10.2013 10:01
Da die EBA-Brandschutzrichtlinie laut Bundesregierung und PfB von 8 Zügen ausgeht, muß auf folgenden Zusammenhang hingewiesen werden. Die halbschräge Tiefstation mit Deckel (wird nur Tiefbahnhof genannt, ist aber keiner) ist der tiefste Punkt im System. Da Rauchgase aufsteigen und hochgiftig sind, müssen die Züge im Brandfall dahin. Es dürfen logischerweise nicht mehr als 8 Züge im gesamten Tunnelsysten und "Tiefbahnhof" zusammen sein. Sind 8 Züge im Gesamtsystem ist der Abstand zwischen 2 Zügen also Zufahrtstunnel + Haltezeit + Abfahrtstunnel. Da werden schwerlich 32 Züge pro Stunde abzufertigen sein.
Doppelbelegungen sind im 49Züge/Stresstestfahrplan sowieso massenhaft vorhanden. Bei Verspätungen muß der Fahrdienstleiter laut SMA mit Gleisänderungen arbeiten. Dadurch könnten 2 Doppelbelegungen an einem Bahnsteig entstehen. Das beträffe dann Regiozüge die jeweils maximal 1250 Passagiere haben. Dadurch würden an diesem Bahnsteig 4 solcher Züge , also nicht 2 mal 1757 (3500) sondern 4 mal 1250 (5000) Zuginsassen zu evakuieren sein. Das sind nochmals 40% mehr. Diese 40 % Zuschlag muss dann nicht mal 4 für die obenliegende Verteilerebene genommen werden, aber die Bahnsteige für Regiozüge müssten von der Bahnsteigebene nochmals 40% mehr evakuieren. Ein anderer freier Bahnsteig nützt diesen Passagieren nichts. Und außerdem würden die aber dann endgültig nicht mehr auf die Bahnsteige passen.

Tippfehler, 02.10.2013 09:36
'für unvorhersehbar und atypische Geschehensabläufe und unkalkulierbare Panikredaktionen'

Panikreaktionen waren gemeint oder? Unter unakalkulierbarer Panikredaktion sehe ich die der StN ;)

thomas a, 02.10.2013 09:36
Die Zahl von 10 000 zu evakuierenden hat niemals existiert. Im Planfeststellungsbechluß von 2005 ca S.357 steht 16100 (das sind 15% für Umsteiger und Wartende). Noch schlimmer : Laut Staatssekretär Enak Ferlemann berechnet sich die Zahl der zu evakuierenden 8 Züge (1757 Fahrgäste max., siehe Pfb) mit 30 ! % Zuschlag für Umsteiger und andere noch Wartende (Antwort auf kleine Anfrage Harald Ebner,MdB u.A.). Daraus ergibt sich die Zahl von rund 18400 zu evakuierenden. Die DB behandelt anscheinend Vorschriften ob AEG oder EBA-Brandschutzvorschriften wie ihr Eigentum.

Luther Blissett, 02.10.2013 09:31
Ade Straßburger Platz....
Der Tiefbahnhof wird am Ende so aussehen wie der Hamburger Hauptbahnhof, nämlich ein offener Trog mit Stegen darüber. Da verraucht dann im Brandfall nichts und man kann in der gebotenen Ruhe die Flucht antreten.
Ansonsten kann man das Bohren der Tunnel gleich bleiben lassen - und das wird wohl kaum der Fall sein.

leo leowe, 02.10.2013 00:31
Ingenhoven hatte einen lichten weißen Zukunftsbahnhof geplant. Jetzt wird deutlich: Das war nur eine Simulation. -- In Wirklichkeit wird das eine schwarz-weiße Untergrundstation mit großen runden Oberlichtern, die notwendig sind, weil sie zur Entrauchung eingesetzt werden im Brandfall.

Wer weiß, wie der Bahnhof Berlin Mitte auf dem Plan aussah und wie er dann tatsächlich gebaut wurde, der kann sich heute schon ausmalen, wie hübsch-hässlich dieser neue U-Halt "Stuttgart Central" später aussehen wird in der Realität. Da kann eigentlich niemand wirklich hinwollen.

Herr Grube, bitte treten Sie doch endlich zurück von der Bahnsteigkante!
Der Zug für S21 ist eh schon längst abgefahren! -- Das wird nichts mehr.

Noch steht der Turm, noch funktioniert das Vorfeld, noch kann K21 modernisiert und optimiert werden. -- Oben Bleiben!

# leo loewe

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