KONTEXT Extra:
Zweiter NSU-Ausschuss: Geheimdienste auf der Theresienwiese?

Der zweite NSU-Untersuchungsausschuss des Landtags hat in seiner konstituierenden Sitzung am Donnerstag die ersten zwei Zeugen benannt. Sie sollen nach den Worten des Vorsitzenden Wolfgang Drexler (SPD) Auskunft darüber geben, "ob sich am Tag des Anschlags auf die beiden Polizeibeamten in Heilbronn Geheimdienste am oder in der Nähe des Tatorts befunden" haben.

Im ersten Ausschuss in der vergangenen Legislaturperiode hatte der Journalist und NSU-Experte Rainer Nübel als Sachverständiger dazu Stellung genommen. "Er verwies", wie es im Abschlussbericht heißt, "zunächst auf die mutmaßliche Anwesenheit der Defence Intelligence Agency (DIA) zur Tatzeit am Tatort". Mitte November 2011 habe er, wie Nübel weiter zitiert wird, eine Nachricht von der "Stern"-Redaktion in Hamburg erhalten, wonach ein dort vorliegendes Papier ein mutmaßliches Observationsprotokoll des amerikanischen Militärgeheimdienstes DIA darstelle. Daraus gehe hervor, dass zur Tatzeit eine Observation von "M. K." und einer weiteren, nicht näher definierten Person durch US-Agenten stattgefunden habe. Zumindest eine dieser beiden Personen habe zuvor bei der Santander-Bank 2,3 Millionen Dollar oder Euro abgeholt. Und weiter: "Sicherheitsbeamte entweder aus Baden-Württemberg oder Bayern sollten präsent gewesen sein und die Operation aufgrund eines 'Shooting Incident' zwischen 'White Wings', also Neonazis bzw. Rechtsextremisten, und einer Polizeistreife abgebrochen worden sein."

Nübel hatte bei seinem Auftritt als Sachverständiger umfangreiche Ausführungen zu den eigenen Recherchen gemacht. Aus Zeitgründen und angesichts des Endes der Legislaturperiode, so Drexler, der auch den ersten Ausschuss führte, habe diesem Komplex aber nicht mehr detailliert nachgegangen werden können. Im Einsatzbeschluss des zweiten Gremiums heißt es jetzt, insbesondere sei zu klären, ob "Angehörige von ausländischen Sicherheitsbehörden auf der Theresienwiese oder in der Umgebung im Umfeld des Mordanschlags am 25. April 2007 anwesend waren, ob und welche Rolle diese beim Tatgeschehen gespielt und welche Erkenntnisse dazu bei deutschen Sicherheits- und Ermittlungsbehörden vorgelegen haben". Die erste öffentliche Sitzung des Untersuchungsausschusses findet am 19. September statt. Gehört werden zum Auftakt auch noch einmal vier Sachverständige.


Keine Nebenabsprache zu Stuttgart 21

Um Streit zu vermeiden, sind laut Winfried Kretschmann die bis zum Wochenanfang geheimen Nebenabreden mit der CDU zusätzlich zum Koalitionsvertrag getroffen worden. Die Aufregung darüber, dass Ausgaben von 1,3 Milliarden Euro ohne Finanzierungsvorbehalt an der Öffentlichkeit vorbei festgeschrieben wurden, versuchte der Regierungschef mit neuen Einblicken in seinen Politikstil zu kontern: "Auch ich muss mal mauscheln, auch ich muss mal dealen." Kein Mensch auf der Erde, der vernünftig Politik machen wolle, kriege das hin ohne Absprachen hinter den Kulissen. Da habe er kein schlechtes Gewissen, denn es sei "unspektakulär", einzelne Maßnahmen zu priorisieren, die grundsätzlich ohnehin im Koalitionsvertrag vereinbart seien.

Unter anderem ist im Detail aufgeführt, dass 325 Millionen Euro ohne Finanzierungsvorbehalt in die Digitalisierung fließen sollen, 100 Millionen in die bessere Ausstattung der Polizei oder 40 Millionen in die Elektromobilität. Der mit 500 Millionen Euro größte Betrag ist allerdings nicht mit konkreten Informationen versehen, die Summe steht für "Investieren/Sanieren (Straße/Schiene, Hochbau, Hochschulen, ...)" zur Verfügung. Der Ministerpräsident widersprach Mutmaßungen, dass in dieser halben Milliarde auch zusätzliche Mittel für Stuttgart 21 über den Kostendeckel hinaus versteckt sein könnten. Für die laufenden Zahlungen gebe es einen Sonderposten im Haushalt. Nebenabsprachen zu diesem Thema hätten nicht stattgefunden.

(19.07.2016)


Die Reichen sind noch viel reicher

Einkommenserhebungen bei Spitzenverdienern aus mehr als 1300 Firmen haben ergeben, dass alle offiziellen Einschätzungen zur wachsenden sozialen Kluft in der Bundesrepublik die Situation beschönigen. Nach den Zahlen, die das ARD-Magazin "Monitor" in diesen Tagen veröffentlichte, verdienen Manager und Vorstände im Durchschnitt nicht 200 000 Euro jährlich, sondern rund eine halbe Million. Die 200 000 Euro sind aber offiziell im sogenannten Sozioökonomischen Panel (SOEP) ausgewiesen, welches wiederum wichtiger Eckpfeifer der bisherigen Armuts- und Reichtums-Berichterstattung in Bund und Ländern ist.

Das Bundesarbeitsministerium will die Daten dort jetzt einfließen lassen, ebenso wie die Erkenntnisse einer in der vergangenen Woche von der Bertelsmann-Stiftung veröffentlichten Studie. Danach verdienen die einkommensstärksten zehn Prozent der Bevölkerung mehr als die unteren 40 Prozent zusammen. Und die Einkommensungleichheit wächst weiter. In "Monitor" präsentierte Wirtschaftsweise Peter Bofinger eine vergleichsweise einfache Lösung: "Aus meiner Sicht würde es naheliegen, wieder zu den Steuersätzen zurückzukehren, die wir in den Neunzigerjahren hatten, und das war ein Spitzensteuersatz in der Einkommenssteuer von 53 Prozent." Zurzeit liegt er bei 42 Prozent. Ab einer bestimmten Einkommenshöhe werden drei Prozentpunkte Reichensteuer hinzugerechnet. Von ihr sind aber nicht einmal ein halbes Prozent der Steuerzahler und Steuerzahlerinnen betroffen.


Stuttgart 21: Großdemo und Umstiegskonzept

Zur Großdemo gegen Stuttgart 21 am kommenden Samstag erwarten die Initiatoren Tausende Teilnehmer. Kontext kommt auch. Mit hübschen neuen Postkarten und Aufklebern!

Heute, Freitag, hat eine Expertengruppe des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21 ihr Konzept "Umstieg21" vorgestellt, mit dem die derzeitige Projektbaustelle doch noch zu einem sinnvollen Ende finden könnte. Unter www.umstieg-21.de stellen die Planer ihre Ideen in einer umfänglichen Broschüre dar. "In meinen dreißig Jahren als Literaturkritiker im Fernsehen habe ich nie eine Prosa gelesen, die so wohltuend war, so sinnvoll wohltätig", schreibt der berühmte Schriftsteller aus Freiburg, Jürgen Lodemann, über das Heft. "Endlich wird da nicht mehr nur Nein gesagt, sondern entstand da eine wunderbare Broschüre, die mit Sorgfalt und mit großer Eisenbahnliebe und Stuttgartliebe reale Vorschläge macht, wie man aus dem unverantwortlichen Desaster noch jetzt 'positiv' aussteigen kann - und muss! - das spart tatsächlich immense Kosten und da bleibt im Herzen der Landeshauptstadt keine dauerhaft blamable Bau-Ruine, sondern es entstehen zahlreiche überaus einleuchtende Lösungen rund um einen tollen Kopfbahnhof!"


Gedeon: AfD leitet Parteiausschlussverfahren ein

Der Bundessprecher der "Alternative für Deutschland" Jörg Meuthen hat im Landtag mitgeteilt, dass am Dienstagabend per Beschluss des Landesvorstands ein Parteiausschlussverfahren gegen Wolfgang Gedeon eingeleitet wurde. Der Singener Abgeordnete war Anlass der Spaltung der AfD-Landtagsfraktion. Im Landesvorstand arbeiten führende Vertreter beider Gruppierungen allerdings weiterhin vereint. Meuthens Co-Vorsitzender auf Landesebene ist Bernd Grimmer, der die AfD-Fraktion nicht verlassen hat. Seine Stellvertreterin Christina Baum wollte Meuthen ebenfalls nicht folgen. In einer von der CDU-Fraktion beantragten Aktuellen Debatte kritisierte deren Vorsitzender Wolfgang Reinhart vehement, dass die Zusammenarbeit im Landesverband unverändert weiterlaufe. Die AfD sei "politisch und moralisch gescheitert". Sie habe den "Ungeist der Spaltung beschworen und sich darüber selber gespalten". Frühere Ausschlussverfahren waren auch an Meuthen persönlich gescheitert. So hatte er sich dafür eingesetzt, dass der Stuttgarter Stadtrat und Göppinger Landtagsabgeordnete Heinrich Fiechtner in der Partei bleiben durfte, nach dem er Stuttgarts OB Fritz Kuhn unflätig beschimpft und den Koran mit Hitlers "Mein Kampf" verglichen hat. Andere Untersuchungen, etwa im Zusammenhang mit Äußerungen des Freiburger Rechtsanwalts und Burschenschaftlers Dubravko Mandic, sind bisher im Sand verlaufen. Grünen-Fraktionschef Andreas Schwarz wies außerdem darauf hin, dass AfD-Landtagsabgeordnete, auch solche aus Meuthens Gruppierung, Kontakte zur rechtsnationalen "Identitären Bewegung" pflegten. Sie wird vom Verfassungsschutz beobachtet.


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Ausgabe 131
Politik

Feuer unterm Bahnhofsdach

Von Jürgen Lessat
Datum: 02.10.2013
Stuttgart 21 bleibt brandgefährlich: Reisende können in Rauchgasen ersticken, wenn ein brennender Zug im Tiefbahnhof steht. Trotz zusätzlicher Fluchttreppenhäuser lässt sich die Bahnhofshalle im Brandfall nicht immer schnell genug evakuieren, kritisieren Stuttgarter Branddirektion und Regierungspräsidium das überarbeitete Brandschutzkonzept der Deutschen Bahn. Teile des Gutachtens seien sogar wissenschaftlich strittig.

Das Urteil der Experten fällt vernichtend aus: "Die sichere Entfluchtung des Tiefbahnhofs ist nicht gewährleistet." Auch das neue, überarbeitete Brandschutzgutachten der Bahn für Stuttgart 21, im März 2013 fertiggestellt und bislang unveröffentlicht, fällt durch. Schonungslos listen die Stuttgarter Feuerwehr und das Regierungspräsidum als Fachaufsichtsbehörde zahlreiche Mängel in einer zehnseitigen Stellungnahme auf. Das Dokument liegt Kontext vor. Der schwerwiegendste Vorwurf: In einem von vier simulierten Brandereignissen im geplanten Tunnelbahnhof breiten sich giftige Rauchgase schneller aus, als den Reisenden Zeit für eine sichere Evakuierung bleibt.

Die Schwachstelle im aktuellen Brandschutzkonzept ist das Szenario "Brand 4". Bei ihm kommt ein brennender Zug nahe dem südlichen Tunnelportal unter dem Verteilersteg C zu stehen. Brandgase würden die rund 400 Meter lange Bahnhofshalle innerhalb von 14 Minuten fast vollständig verrauchen. Zu schnell für alle Flüchtenden, denen die Luft zum Atmen in Kopfhöhe knapp wird. Denn im ungünstigsten Fall würde es 15,5 Minuten dauern, bis sich der letzte Reisende von den Bahnsteigen aus in Sicherheit gebracht hat, so das Ergebnis der Computersimulation. Es fehlen also anderthalb Minuten, die zahlreichen Menschen das Leben kosten können.

Brandszenarien in der Brandschutz-Simulation für Stuttgart 21
Brandszenarien in der Brandschutz-Simulation für Stuttgart 21

Wie vielen, sagt das Gutachten, das das renommierte Remscheider Brandschutzplanungsbüro Klingsch im Auftrag des S-21-Bauherrn Deutsche Bahn angefertigt hat, nicht. Das Simulationsergebnis wird lediglich als Negativresultat "- 1,5" dargestellt. Sicher ist: Anders als die Bauherrin Bahn bisher erhofft hat, lässt sich eine folgenschwere Brandkatastrophe im geplanten Tiefbahnhof auch nicht durch den zusätzlichen Einbau von acht Fluchttreppenhäusern ausschließen. Aber nicht nur deswegen läuten bei Berufsfeuerwehr und Regierungspräsidium die Alarmglocken. In ihrer Stellungnahme üben beide deutliche Kritik auch an den Prämissen, unter denen die Simulationen durchgeführt wurden.

Fluchtzeiten contra Verrauchungszeiten im geplanten Tiefbahnhof: Brand 4 negativ
Fluchtzeiten contra Verrauchungszeiten im geplanten Tiefbahnhof: Brand 4 negativ

Zwar komme der Simulationsdurchlauf bei Brand 4 nur bei der Gangart "weites" Gehen auf den Treppenaufgängen (stufenweises schräg versetztes Gehen) zu einer negativen Evakuierungszeit. Auch stimmen die Stuttgarter Experten zu, dass die Bahnhofshalle wesentlich schneller geräumt ist, wenn die Flüchtenden "eng" gehen, also auf den Treppen nebeneinander nach oben flüchten. In diesem Fall dauert die Evakuierung nur 9,5 Minuten. Dennoch: "Im Fall des Brand 4 gibt es trotz der zusätzlichen acht Fluchttreppenhäuser keine Pufferzeiten mehr", etwa "für unvorhersehbar und atypische Geschehensabläufe und unkalkulierbare Panikredaktionen", bemängeln Feuerwehr und Aufsichtsbehörde wörtlich.

Pikant ist zudem, dass die Stuttgarter Brandexperten offenbar dem Bahngutachter Wolfram Klingsch nicht alles glauben. Klingsch hatte auf Nachbohren der Stuttgarter während zurückliegender Sitzungen offenbar versichert, dass die Simulation Panikreaktionen der Flüchtenden mit ausreichender Pufferzeit berücksichtigt. "Eine Bestätigung des EBA (= Eisenbahnbundesamt, die Redaktion), dass diese Puffer bereits in den erhöhten Bemessungsgrundlagen enthalten sind, liegt bisher nicht vor", heißt es jedoch in der Stellungnahme. Stattdessen fordern Feuerwehr und Aufsichtsbehörde deutlich mehr Transparenz: "Wir halten es für zielorientiert, dass bei Brand 4 der Nachweis einer sicheren Evakuierung aller Personen nachgewiesen werden kann und zusätzlich ... ein Puffer einkalkuliert wird." Die hiesigen Fachleute halten einen zehnprozentigen Puffer für notwendig. Im Brandfall 4, bei "weitem" Gehen, müsste die Bahnhofshalle unter dieser Prämisse 17 Minuten lang bis in Kopfhöhe rauchfrei bleiben – was die vorgesehene Rauchschutztechnik bislang aber nur bei einem Brandszenario (Brand 2) gewährleistet.

Bahnhof menschenleer: trotz neuer Fluchttreppenhäuser dauert die Evakuierung des Tiefbahnhofs zu lang. Screenshot: Jo E. Röttgers
Bahnhof menschenleer: trotz neuer Fluchttreppenhäuser dauert die Evakuierung des Tiefbahnhofs zu lang. Screenshot: Jo E. Röttgers

Gefährliche Mängel sehen die Experten auch in der Fremdrettungsphase, in der Feuerwehrleute gehunfähige Personen, etwa Reisende in Rollstühlen oder Verletzte, retten sollen. Die Fremdrettung, ein heißes Thema schon während der Schlichtung im Herbst 2010, beginnt nach Bahn-Richtlinien 20 Minuten nach der Alarmierung. Weitere 15 Minuten muss die Bahnhofshalle bis in eine Höhe von 1,5 Meter nahezu rauchfrei  bleiben. Dies misslang der Bahn in der Simulation wiederum beim Brandszenario 4: Zugänge und Bahnsteige verrauchten bereits während der Rettungsphase. In der Realität hat das dramatische Folgen für Opfer und Retter. Feuerwehrleute müssen mit schwerer Atemschutzausrüstung auf die Bahnsteige vordringen, um dann im dichten Qualm mehr nach Opfern stochern als suchen zu können. Ohne Sicht geraten die Retter selbst in Gefahr, in der riesigen Anlage die Orientierung zu verlieren. Für "nicht akzeptabel" halten dies die Stuttgarter Brandexperten.

Feuerwehr zweifelt an Simulationsprogramm

In dem Dokument stellen die hiesigen Brandexperten die Simulationen zudem prinzipiell infrage. So habe das Gutachterbüro Klingsch ein Simulationsprogramm verwendet, dass bei der Evakuierung des Tiefbahnhofs nur Personendichten von maximal vier Personen pro Quadratmeter ausweise, so die Kritik. Denkbar sei im Brandfall auch deutlich mehr Gedränge auf Bahnsteigen und Treppen, was Brandschutzprofessor Wolfram Klingsch auf Nachfrage der Stuttgarter Experten offenbar selbst nicht ausschloss. Mehr Gedränge beschleunige sogar die Evakuierung, so Klingschs Einschätzung.

Das jedoch sieht die Stuttgarter Feuerwehr völlig anders: "Den Aussagen des Gutachters stehen andere wissenschaftliche Aussagen gegenüber", heißt es wörtlich. Vielmehr erwarten die hiesigen Brandschutzexperten bereits ab fünf Personen pro Quadratmeter ein so heftiges Gedränge, dass es kein Vor oder Zurück mehr gibt. Flüchtende würden sich sogar bis zu acht Minuten vor den Treppenaufgängen von den Bahnsteigen zu den Verteilerstegen oder vor den Fluchttreppenhäusern stauen. "Aufgrund der erheblichen Bedeutung dieser Simulation im Gesamtkonzept und der unterschiedlichen Aussagen des Gutachters und aus der Wissenschaft halten wir es für empfehlenswert, zur Verifikation der Ergebnisse eine zweite Simulation mit einem alternativen Programm durchzuführen", fordern Branddirektion und Regierungspräsidium ein weiteres Gutachten – von einem anderen Gutachter.

Zuverlässigkeit von Brandmeldesystem fraglich

Die hiesigen Brandschützer bezweifeln zudem, dass ein Brand im Tiefbahnhof schnell entdeckt und genau lokalisiert wird, was entscheidend die Selbst- und Fremdrettungsphase beeinflusst. Das Klingsch-Gutachten sieht ein automatisches Detektionssystem vor, das im Alarmfall die Entrauchung der Bahnhofshalle bereichsweise steuert. Die Feuerwehr bezweifelt jedoch die Zuverlässigkeit des automatisierten Brandmeldesystems. Sollte es zu einer Fehlalarmierung kommen, könnten die falschen Entlüfter anspringen und giftige Brandgase direkt auf flüchtende Menschen blasen. "Einen Nachweis dieser automatisierten Detektionstechnik gibt es bisher nicht", sagen die Brandschützer und fordern, die Funktionstüchtigkeit durch reale oder modellhafte Versuche in einem alternativen Aerodynamik-Gutachten zu belegen. Im Herbst 2012 hatte Bahnvorstand Volker Kefer noch eine neuartige Sprühvernebelungsanlage zur Rauchbekämpfung angekündigt. Von ihr ist jetzt keine Rede mehr. 

Ein neues Aerodynamik-Gutachten soll auch klären, ob der Straßburger Platz über der Bahnhofshalle, auf den die neu geplanten acht Fluchttreppenhäuser führen, tatsächlich weitgehend rauchfrei bleibt. Denn über die Lichtaugen des Tiefbahnhofs soll Rauch aus der Bahnhofshalle abziehen. Gutachter Klingsch geht davon aus, dass die Thermik den Rauch senkrecht  nach oben aufsteigen lässt. Die Stuttgarter Feuerwehr bezweifelt auch dies "aufgrund von Erfahrungswerten". Sie befürchtet vielmehr, dass sich der Rauch unter bestimmten Wettereinflüssen auf dem Platz und damit zwischen den Flüchtenden ausbreitet.

Das Brandschutzkonzept für den Tiefbahnhof Stuttgart 21 musste bereits mehrfach überarbeitet werden. Durch eine Neuregelung der einschlägigen Richtlinien des EBA wurde 2010 eine weiterentwickelte Brandschutzplanung notwendig. So musste das Konzept unter anderem an höhere Brandlasten angepasst werden. Auch erhöhte sich die Zahl der zu evakuierenden Personen von 10 000 auf 16 000. Die Stuttgarter Feuerwehr sah damals allein 31 kritische Punkte beim Brandschutz im Bahnhof und in den Tunnelstrecken. Im Oktober 2012 wurde das im Auftrag der Bahn angefertigte Gruner-Gutachten öffentlich, das schwere Mängel im bisherigen S-21-Brandschutzkonzept attestierte. Die Schweizer Experten stuften es unter anderem wegen der Evakuierungszeiten von bis zu 23 Minuten als nicht genehmigungsfähig ein. Die Bahn reagierte darauf mit der Ankündigung, acht zusätzliche Fluchttreppenhäuser in der Bahnsteighalle einbauen zu wollen.

Ihr aktuell überarbeitetes Brandschutzkonzept für den Tiefbahnhof Stuttgart muss sich die Bahn durch das Eisenbahn-Bundesamt genehmigen lassen. Im Genehmigungsverfahren zieht das EBA aus Personalmangel üblicherweise externen Sachverstand hinzu. Auf der aktuellen EBA-Liste der anerkannten Prüfer für den vorbeugenden baulichen Brandschutz steht auch ein intimer Stuttgart-21-Kenner: Professor Wolfram Klingsch.


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Kommentare

Klaus Neumann, 08.10.2013 23:34
Zitat Kontext: "Gutachter Klingsch geht davon aus, dass die Thermik den Rauch senkrecht nach oben aufsteigen lässt." Sicher kann sich bei einem Vollbrand eines Triebkopfes die unglaubliche Wärmleistung von 50 MW entwickeln, aber hier entsteht nicht eine grossflächige Thermik, so dass alle Glubschaugen oben der Entrauchung dienen können, sondern es entsteht ein ganz begrenzter enger Thermikschlauch über dem Barndherd, der sogar eine Luftzirkulation, die den Rauch nach unten drückt wahrscheinlich macht. Man kann das mit einem Versuch mit der Bratpfanne und überhitzen Öl selber in der Küche nachvollziehen. Das Zeugs drückt selbst dann nach unten, wenn der Ventilator zur Entrauchung eingeschaltet wurde, da der Ventilator (im Bahnhof dann das geöffnete Glubschauge) die aufsteigende Hitze nicht vollständig abziehen kann. Hier aber kommt noch ein möglicher Luftzug aus dem Tunnelsystem dazu, der den Rauch in Richtung Tunnels ziehen und damit auch zum grossen in Bodennähe halten kann. Ich jedenfalls habe jedem in der Familie verboten, nach Fertigstellung des Knotens irgendeinen Teil davon zu nutzen. Weder im Fern- Regional- oder Nahverkehr. Und das, was ich hier lese und ich mir an Gedanken machen muss bestätigt mich nur um ein weiteres Mal in meiner Meinung; das Ding ist im Fall der Fälle eine Todesfalle. Nicht nur für die Behinderten, die nach Kefer im Ernstfall von hilfsbereiten Menschen sicher nach oben getragen werden würden. Das war kein Witz. Das wurde so gesagt.

Rainer Scheithauer, 07.10.2013 20:18
Wenn ich nur die Hälfte dieses Sachverhaltes und der Einschätzungen richtig verstanden habe, geht mir langsam der Glaube an einen demokratischen Rechtsstaat verlohren.
Es ist an der Zeit, den Namen der Personen die diese Gutachten bzw. das positive Ergebnis unterschrieben haben bzw. unterschreiben werden, genauso wie die Management Verantwortlichen bei der Bahn und in den Ministerien festzuhalten.
Im Falle einer eintretenden Katastrophe ist jeder einzelne dieser Leute vor Gericht zur Verantwortung zu ziehen.
Die Anklage dürfte mindestens auf vorsätzliche Körperverletzung mit Todesfolge lauten.

Alfred, 05.10.2013 13:53
Sollte S 21 je fertig gestellt werden - wovon ich nicht ausgehe - und dort Züge fahren werden nach einem Brandfall die Überlebenden die Toten beneiden.

Ein Projektabbruch wird sich m.E. erst einstellen, wenn der Bau aus technischer Sicht zum Erliegen kommt und die am Filz Beteiligten sich am Ausstieg mehr Gewinn erhoffen.

tastenfreund, 05.10.2013 13:02
Solche ausführlichen Artikel wünscht man sich mal in der StZ oder den StN. Aber wie immer Fehlanzeige. Nur nicht zu viel kritische Details an die breite Öffentlichkeit geben. Peinlich für die Deutsche Bahn. Wer stopft ihr endlich ihr großes Maul, das sie ständig aufreißt und worüber die StZ und StN dann eifrig berichten?

duck soup, 04.10.2013 19:29
Wetten werden noch angenommen...
Die Betreiber reißen soviel ab und basteln solange am Bahnhof und dem MSG herum, bis alles komplett abgerissen werden muss (und der MSG durch das Grundwassermanagement trocken gelegt wird), so dass wertvollstes Bauland frei wird (samt dem dann nicht mehr benötigten Gleisvorfeld). Darauf lassen sich dann teure Immobilien bauen. Mit einer kleinen unterirdischen S-Bahn-Station (die womöglich feuergefährlich ist). Aber darauf kommt's dann auch nicht mehr an. Das Bauland war und ist es, was immer als Ziel anvisiert wurde.

Mozart, 02.10.2013 18:12
"Im Genehmigungsverfahren zieht das EBA aus Personalmangel üblicherweise externen Sachverstand hinzu. Auf der aktuellen EBA-Liste der anerkannten Prüfer für den vorbeugenden baulichen Brandschutz steht auch ein intimer Stuttgart-21-Kenner: Professor Wolfram Klingsch."

Dieser Tiefschrägbahnhof ist aus FILZ gebaut.

Ulrich Frank, 02.10.2013 17:45
Nachschrift: Von Koffern und anderem GEPÄCK welches im Normalfall von Bahnreisenden mitgeführt wird (wie auch von Hilfsmitteln wie Kofferkulis) und auf den Bahnsteigen dann ein erhebliches Fluchthindernis werden kann ist in diesem Gutachten wiedergebenden Bericht nichts zu lesen. Kann es denn sein daß diese zusätzlichen Hindernisse in den Gutachten gar nicht thematisiert werden? Oder wird REISEN OHNE GEPÄCK im unterirdischen Bahnhof PFLICHT?

Ulrich Frank, 02.10.2013 15:44
Die vorliegende Sachlage ist doch, an Deutlichkeit nicht mehr zu übertreffen, nur die einer vorprogrammierten Katastrophe. Wie bei höherer Personenanzahl pro Fläche und insbesondere Panikauslösern wie Rauchgasen noch ein garantiertes Vorwärtskommen möglich sein soll können nur PATHOLOGISCHE REALITÄTSVERWEIGERER - vom Schlage der Projektbetreiber und anscheinend auch der gefälligen Gutachter - ignorieren. Wer jemals in einer aufgestauten gepackten Menschenmenge gestanden hat weiß wie im Gedränge das Um- und Übereinanderfallen sofort die höchste Wahrscheinlichkeit hat. Da werden dann auch ein Ex-OB Herr Schuster oder Kotz oder Schmiedel oder eine Frau Blind - wie auch eine aktuelle, angeblich kritisch begleitende aber nur das Schweigen im Walde von sich gebende Stadtverwaltung - nicht mehr den projektgefälligen Gleichschritt vorgeben können sondern sich nur die befleckten Hände vergeblich in Unschuld waschen wollen. - Die Implikationen dieses Projektes sind hier nur auf eine weitere Weise schlicht und einfach KRIMINELL. Und diejenigen welche hier auf den Gedanken des Durchwinkens oder auch nur Durchgehenlassens kommen machen sich auf eben diese kriminelle Weise schuldig.

SvenS, 02.10.2013 10:36
Ein wichtiger Artikel. Ergänzend zwei Dinge:
Ingenhoven ist laut seiner Website (http://www.ingenhovenarchitects.com/de/projekte/hauptbahnhof-stuttgart.html#team) Generalplaner, d.h. vom Bauherrn für Architektur und Fachplanungen beautragt, und Klingsch ist sein Subplaner. Dementsprechend nicht unabhägig von ihm.
Und die acht Treppenhäuser waren auch im Gruner-Brief vor etwa einem Jahr schon enthalten und mindestens teilweise in den Simulationen berücksichtigt. Die Bahn hat sie dann in täuschender Absicht als neue Lösung der Probleme dargestellt. Der Artikel zeigt, dass keines der von Gruner genannten Probleme gelöst wurde. Also eine genehmigungsfähige Lösung mit dieser Architektur nicht möglich ist. Schon die Treppenhäuser verstellen den Raum. Mit weiteren Änderungen gehen noch die letzten verbliebenen Qualitäten des Entwurfs verloren.
So kommt's eben, wenn man gegen besseren Wissen einen Murks durchzuziehen versucht.

thomas a, 02.10.2013 10:01
Da die EBA-Brandschutzrichtlinie laut Bundesregierung und PfB von 8 Zügen ausgeht, muß auf folgenden Zusammenhang hingewiesen werden. Die halbschräge Tiefstation mit Deckel (wird nur Tiefbahnhof genannt, ist aber keiner) ist der tiefste Punkt im System. Da Rauchgase aufsteigen und hochgiftig sind, müssen die Züge im Brandfall dahin. Es dürfen logischerweise nicht mehr als 8 Züge im gesamten Tunnelsysten und "Tiefbahnhof" zusammen sein. Sind 8 Züge im Gesamtsystem ist der Abstand zwischen 2 Zügen also Zufahrtstunnel + Haltezeit + Abfahrtstunnel. Da werden schwerlich 32 Züge pro Stunde abzufertigen sein.
Doppelbelegungen sind im 49Züge/Stresstestfahrplan sowieso massenhaft vorhanden. Bei Verspätungen muß der Fahrdienstleiter laut SMA mit Gleisänderungen arbeiten. Dadurch könnten 2 Doppelbelegungen an einem Bahnsteig entstehen. Das beträffe dann Regiozüge die jeweils maximal 1250 Passagiere haben. Dadurch würden an diesem Bahnsteig 4 solcher Züge , also nicht 2 mal 1757 (3500) sondern 4 mal 1250 (5000) Zuginsassen zu evakuieren sein. Das sind nochmals 40% mehr. Diese 40 % Zuschlag muss dann nicht mal 4 für die obenliegende Verteilerebene genommen werden, aber die Bahnsteige für Regiozüge müssten von der Bahnsteigebene nochmals 40% mehr evakuieren. Ein anderer freier Bahnsteig nützt diesen Passagieren nichts. Und außerdem würden die aber dann endgültig nicht mehr auf die Bahnsteige passen.

Tippfehler, 02.10.2013 09:36
'für unvorhersehbar und atypische Geschehensabläufe und unkalkulierbare Panikredaktionen'

Panikreaktionen waren gemeint oder? Unter unakalkulierbarer Panikredaktion sehe ich die der StN ;)

thomas a, 02.10.2013 09:36
Die Zahl von 10 000 zu evakuierenden hat niemals existiert. Im Planfeststellungsbechluß von 2005 ca S.357 steht 16100 (das sind 15% für Umsteiger und Wartende). Noch schlimmer : Laut Staatssekretär Enak Ferlemann berechnet sich die Zahl der zu evakuierenden 8 Züge (1757 Fahrgäste max., siehe Pfb) mit 30 ! % Zuschlag für Umsteiger und andere noch Wartende (Antwort auf kleine Anfrage Harald Ebner,MdB u.A.). Daraus ergibt sich die Zahl von rund 18400 zu evakuierenden. Die DB behandelt anscheinend Vorschriften ob AEG oder EBA-Brandschutzvorschriften wie ihr Eigentum.

Luther Blissett, 02.10.2013 09:31
Ade Straßburger Platz....
Der Tiefbahnhof wird am Ende so aussehen wie der Hamburger Hauptbahnhof, nämlich ein offener Trog mit Stegen darüber. Da verraucht dann im Brandfall nichts und man kann in der gebotenen Ruhe die Flucht antreten.
Ansonsten kann man das Bohren der Tunnel gleich bleiben lassen - und das wird wohl kaum der Fall sein.

leo leowe, 02.10.2013 00:31
Ingenhoven hatte einen lichten weißen Zukunftsbahnhof geplant. Jetzt wird deutlich: Das war nur eine Simulation. -- In Wirklichkeit wird das eine schwarz-weiße Untergrundstation mit großen runden Oberlichtern, die notwendig sind, weil sie zur Entrauchung eingesetzt werden im Brandfall.

Wer weiß, wie der Bahnhof Berlin Mitte auf dem Plan aussah und wie er dann tatsächlich gebaut wurde, der kann sich heute schon ausmalen, wie hübsch-hässlich dieser neue U-Halt "Stuttgart Central" später aussehen wird in der Realität. Da kann eigentlich niemand wirklich hinwollen.

Herr Grube, bitte treten Sie doch endlich zurück von der Bahnsteigkante!
Der Zug für S21 ist eh schon längst abgefahren! -- Das wird nichts mehr.

Noch steht der Turm, noch funktioniert das Vorfeld, noch kann K21 modernisiert und optimiert werden. -- Oben Bleiben!

# leo loewe

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