KONTEXT Extra:
Mit klassischer Musik gegen Kampfdrohnen

Mit Cello und Bratsche rücken 80 MusikerInnnen vor der US-Kommandozentrale in Stuttgart-Möhringen an. Am kommenden Montag, 29. 8., 10 Uhr, wollen sie dem "Drohnenmord den Schlussakkord" setzen. Sie sammeln sich seit 30 Jahren unter dem Namen "Lebenslaute" und finden sich überall dort ein, wo sie Menschen bedroht sehen: auf Militärübungsplätzen, Abschiebeflughäfen, vor Atomkraftwerken und Raketendepots. Ihr Konzert ist verbunden mit einer Demonstration, bei der die Organisatoren von "Ohne Rüstung Leben" 13 000 Unterschriften an einen Vertreter von Africom und Eucom übergeben wollen. Sie fordern die Schließung der Kommandozentralen. Mit der "stillschweigenden Duldung" von Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) werde hier der Einsatz von tödlichen Kampfdrohnen koordiniert, schreibt das Bündnis. (26. 8.)


Versprochen, gebrochen!

Was kommt da eigentlich noch?, fragt sich die designierte SPD-Landesvorsitzende und mit ihr die politisch interessierte Öffentlichkeit im Land. Vor vier Wochen waren die ersten Nebenabreden öffentlich geworden, die Grüne und CDU nicht in ihren Koalitionsvertrag aufgenommen hatten (Kontext berichtete). Ministerpräsident Winfried Kretschmann musste in einer Landtagsdebatte alle Register ziehen, um deren Notwendigkeit mehr schlecht als recht gerade auch vor den Regierungsfraktionen und der eigenen Klientel zu rechtfertigen. Ungenutzt ließ er die Chance, reinen Tisch zu machen, alles zu offenbaren, was er mit CDU-Landeschef Thomas Strobl ausbaldowert hat. Die Aufregung wäre groß gewesen - und doch deutlich kleiner als der Ärger, den sich die beiden jetzt eingehandelt haben. Drei Tage, sagt der Regierungschef gern, lägen zwischen "Hosianna" und "Kreuziget ihn!", was schon immer zweideutig war, weil er damit die Verantwortung für einen Niedergang auch dem Publikum zuschreibt. Jetzt tragen Kretschmann und Strobl diese ganz allein. Der Grüne allerdings deutlich schwerer als der Schwarze, weil er - siehe Persönlichkeitswerte - sehr vielen Menschen als Inbegriff der Redlichkeit galt. Mit seiner "Politik des Gehörtwerdens" war ein Transparenzversprechen verbunden, und das hat er höchstpersönlich gleich mehrfach gebrochen.


AfD kann nicht rechnen

Zu ihrer 100-Tage-Bilanz im Landtag legen die Abgeordneten der AfD-Fraktion, also jene, die dem Bundessprecher Jörg Meuthen im Antisemitismus-Streit nicht gefolgt sind, eine arg geschönte Bilanz ihrer Arbeit vor. "Seit Beginn der Legislaturperiode haben wir bereits 37 Anfragen gestellt, über die wir künftig berichten werden", heißt es in einer Pressemitteilung. Und weiter: "Das übertrifft die SPD-Fraktion bei weitem, die gerade einmal 14 Anfragen eingereicht hat, oder auch die FDP, die beide aufgrund ihrer Parlamentshistorie mit einer deutlich größeren Mannschaft im Hintergrund agieren."

Wahr ist, dass die Fraktionsgröße die Zahl der Beschäftigten bestimmt und vor allem, dass die AfD-Fraktion seit der Abspaltung der "Alternative für Baden-Württemberg" (ABW) acht Kleine Anfragen gestellt hat und die ABW seit ihrer Gründung Anfang Juli neun. Davor hatte es die noch geeinte AfD auf 34 Kleine Anfragen gebracht. SPD und FDP kommen aber auf jeweils über 70 Initiativen in ihren ersten 100 Tagen, darunter Kleine Anfragen, Große Anfragen, Anträge und Gesetzentwürfe. "Nachdem die AfD bis zur Stunde mit ihren ungeheuerlichen Mätzchen dem Parlament und seiner demokratischen Kultur nur Schaden zugefügt hat, kommt sie nun mit einer vor lauter Selbstbeweihräucherung triefenden 100-Tage-Bilanz daher, die aber noch nicht mal korrekte Rechenkünste vorweisen kann", reagiert Martin Mendler, der Fraktionssprecher der Sozialdemokraten, scharf. Der SPD würden fälschlicherweise lediglich 14 Anfragen zugeordnet, wohingegen es laut Parlamentsdokumentation des Landtags von Mai bis August in der 16. Legislaturperiode mehr als fünf Mal so viele seien.


Mit Wolfgang Dietrich naht die Rettung

Die Rettung rückt immer näher: Jetzt hat der Aufsichtsrat des Stuttgarter Fußballvereins VfB den früheren S-21-Sprecher Wolfgang Dietrich offiziell zum Präsidenten-Kandidaten erhoben. Gewählt wird er am 9. Oktober, so sich nicht irgendwelche Ultras zu einem Block zusammen rotten. Nicht so ganz schlüssig sind sich die beiden Fusionsblätter vor Ort, ob sie den 68-jährigen Streithansel gut oder schlecht finden sollen. Zum einen sei Dietrich ein "gewiefter Geschäftsmann", gar ein "Universalstratege", zum anderen ein "Polarisierer" und eine "Reizfigur", meinen die StZN, und sprechen von der "Altlast S 21". Sie mögen sich von den Parkschützern Mut zur Meinung machen lassen. Wenn das Neckarstadion unter die Erde gelegt werde, schreiben sie, könne man "oben Luxuswohnungen und Einkaufstempel" bauen.


Brigitte Lösch im Visier der AfD

Die beiden AfD-Gruppierungen im baden-württembergischen Landtag wollen ihre Spaltung nutzen, um mit einem Untersuchungsausschuss unter anderem gegen die frühere grüne Landtagsvizepräsidentin und Stuttgarter Abgeordnete Brigitte Lösch vorzugehen. Hintergrund ist ihr Engagement gegen die Bildungsplangegner der "Demo für alle" und für das Bündnis "No Pegida Stuttgart".

Gegenstand der parlamentarischen Untersuchung sollen auch die Ereignisse vom vergangenen Oktober sein, als Künstler und Beschäftigte aus Protest gegen die "Demo für alle" ein Banner mit der Aufschrift "Vielfalt" vom Dach des Großen Hauses der Württembergischen Staatstheater entrollten (Kontext berichtete). Die beiden AfD-Fraktionen verlangen Auskunft darüber "wieso das Opernhaus Stuttgart durch Gegendemonstranten besetzt werden konnte". Grundsätzlich will die "Alternative für Deutschland", die mit ihren zur Zeit zwei Fraktionen allein einen Untersuchungsausschuss beantragen kann, dem "Linksextremismus in Baden-Württemberg" nachgehen und einer möglichen Nähe zu "der gewesenen oder derzeitigen Landesregierung, Parteien, der Verwaltung, der Behörden oder dem Landtag".

Die vier demokratischen Fraktionen sehen darin einem Missbrauch der parlamentarischen Möglichkeiten. Bereits ins Auge gefasst ist eine Überprüfung des Vorgehens der Rechtsnationalisten durch den baden-württembergischen Verfassungsgerichtshof. Nach geltendem Recht kann ein Untersuchungsausschuss eingesetzt werden, wenn mindestens zwei Fraktionen oder ein Viertel aller Abgeordneten dafür sind. Er ist allerdings nur zulässig zu Sachverhalten, "deren Aufklärung im öffentlichen Interesse liegt" und wenn sie geeignet sind, "dem Landtag Grundlagen für eine Beschlussfassung im Rahmen seiner verfassungsmäßigen Zuständigkeiten zu vermitteln".

Drei vom Landtag bestellte Gutachter sahen Ende Juli auf Basis der geltenden Geschäftsordnung keinen Weg, der AfD die Bildung zweier Fraktionen zu verwehren. FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke warnte schon damals, die "Alternative für Deutschland" könnte ihren doppelten Fraktionsstatus missbrauchen. Jetzt sieht er sich bestätigt: Die AfD nutze ihre Spaltung, "um sich Vorteile zu erschleichen".

Die stellvertretende AfD-Landesvorsitzende Christina Baum, die dem Bundessprecher Jörg Meuthen im Antisemitismus-Streit um Wolfgang Gedeon nicht in die neue Fraktion gefolgt ist, bewertet das gemeinsame Vorgehen als "positives Signal für alle bürgerlichen Schichten im Land". Beide Fraktionen verhehlen auch nicht, dass der jetzt vorgelegte Antrag eine "Vorbereitung der Wiedervereinigung" (Baum) ist. Nach dieser, die für den Herbst und im Zuge einer gerade gestarteten Mediation von beiden Seiten in Aussicht gestellt wurde, könnte der Untersuchungsausschuss aber nicht mehr durchgesetzt werden.


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Karikatur: Oliver Stenzel

Karikatur: Oliver Stenzel

Ausgabe 126
Politik

Zweikampf auf der Zielgeraden

Von Josef-Otto Freudenreich
Datum: 28.08.2013
Der Stuttgarter Wahlkreis I verspricht Spannung: Zwischen Cem Özdemir (Grüne) und Stefan Kaufmann (CDU) wird es ein Kopf-an-Kopf-Rennen geben. Das prognostiziert ein Hamburger Wahlforschungsinstitut, das für die CDU arbeitet. Nach Kontext-Informationen beträgt der Vorsprung des Christdemokraten nur noch zwei Prozent. Weit abgeschlagen ist die SPD, die mit einem Angebot überrascht: einer Wahlempfehlung für Özdemir.

Ute Vogt (48) hat es geschafft. Sie war in "Bild". Einesteils ist das gut, weil "Bild" viel gelesen wird, andernteils weniger gut, weil man auf dem schmierigen Gelände leicht ausrutschen kann. Aber diesmal ist es gut, diesmal geht es um Gretel. Das ist der neue Hund von Ute Vogt, ein Mischling aus dem Tierheim, der ihr im Hauptquartier der Stuttgarter SPD am Wilhelmsplatz entwischt ist und neun Tage lang nicht wiederkam, obwohl ihre Suchaufrufe an vielen Bäumen und Laternenpfählen hingen. Doch dann wurde Gretel entdeckt. Offenbar im Wald, wie ein Foto bei "Bild"-Facebook zeigt, auf dem Hund und Herrin zu sehen sind, glücklich vereint: "Ute Vogt hat ihre Gretel wieder."

Gretel verzweifelt gesucht, Gretel glücklich gefunden = Ute Vogt happy. Montage: Kontext
Gretel verzweifelt gesucht, Gretel glücklich gefunden = Ute Vogt happy. Montage: Kontext

Der Kreisvorsitzende der SPD, Dejan Perc (37), lächelt darüber etwas süß-säuerlich. Er und seine Partei rackern sich ab an den Themen Wohnen, Gas, Wasser, Strom und Gerechtigkeit, und worüber wird geredet? Über Gretel. "Wir sind in einer Phase der Depolitisierung", klagt er, "das zündet alles nicht." Perc ist ein aufrechter Sozialdemokrat, der das Gefühl nicht loswird, mit Zitronen zu handeln.

Die Grünen sagen etwas ganz anderes: Guerillamarketing. Da sei doch eine abgekartete Geschichte, mosern sie. Ein Tierheimhund, der kilometerweit rennt, um dann ausgerechnet in Degerloch, wo die SPD zerstritten sei, gerettet zu werden, das stinke doch zum Himmel. Wieder einmal eine Hundenummer von Ute Vogt, um die Herzen der geplagten Sozis zu erwärmen.

Viel mehr Aufregung war bisher nicht zwischen Rot und Grün. Und das passt ins Bild eines Wahlkampfs, von dem viele noch gar nicht wissen, dass es einen gibt. Was nicht heißt, dass diejenigen, die sich dafür zuständig fühlen, auf dem Sofa lägen. Sie basteln längst an ihren Strategien, sinnen darüber nach, wem sie was versprechen können, was der Gegner, pardon, der Mitbewerber, wie man heute sagt, nie auf die Reihe bekommen wird. Und vor allem rechnen sie.

Kaufmann liegt bei 34, Özdemir bei 32 und Vogt bei 18 Prozent

Insbesondere im Stuttgarter Wahlkreis I, für den sich angeblich schon die BBC interessiert. Hier im Süden der Stadt will der schwarze Platzhirsch Stefan Kaufmann (2009: 34,4 Prozent) wieder gewinnen, der grüne Bundesvorsitzende Cem Özdemir (29,9) zum ersten Mal und die SPD-Abgeordnete Ute Vogt (18,9) ein Debakel verhindern. In Zahlen liest sich das derzeit so: Kaufmann liegt bei 34 Prozent, Özdemir bei 32, Vogt bei 18. So steht's in den aktuellen Prognosen von election.de, einem Hamburger Wahlforschungsinstitut, das für alle Parteien und Medien arbeitet. Im Stuttgarter Fall für die CDU, die wöchentlich mit neuen Daten versorgt wird, die ihr nicht gefallen können. "Das Rennen wird immer enger", antwortet Matthias Moehl, der Chef von election.de, auf eine Kontext-Anfrage, "es wird knapper als beim letzten Mal." Seine Prognosen gelten in der Branche als ziemlich treffsicher.

Was also tun, Herr Kaufmann? Erst mal nicht gemein sein. Es werde keinen Flyer mehr geben, auf dem ein Berliner mit Koteletten zu sehen ist, versichert der 44-jährige Jurist. Also kein Teigling mehr, der beim Bäcker Lang umsonst zu haben ist. Keine "Nickligkeiten" mehr, mit denen er an die Bonusmeilen sowie die Darlehen des Lobbyisten Moritz Hunzinger erinnert. Klar, er werde schon immer betonen, dass er der echte Stuttgarter und der andere der Kreuzberger ist, aber das wird man wohl noch sagen dürfen.

CDU-Flyer 2009: Cem, nie wieder Berliner.
CDU-Flyer 2009: Cem, nie wieder Berliner.

Im Gespräch in der CDU-Zentrale ist Kaufmann fast schon im Weichspülgang. Eigentlich sind alle seine Freunde, bis hin zu Werner Schretzmeier, dem Chef des Theaterhauses, der bisher noch nicht durch eine besondere Nähe zu den Christdemokraten aufgefallen ist. Aber Kaufmann hat noch die OB-Wahl 2012 im Kopf, als sein Kandidat Sebastian Turner an die Wand gefahren ist, mit seinen Attacken gegen Fritz Kuhn. Das hat ihm auch die Partei übel genommen, die noch heute darunter leidet, nicht nur der klammen Finanzen halber. Als Kreisvorsitzender hockt er auf einem Schleudersitz, der umso schneller hochgeht, je wackliger die Kandidatur wird.

Also kein Krawall, nur sagen, dass er der bessere Stuttgarter ist und der Neu-Stuttgarter die Linke mit seinen Steuerplänen links überholen will. Özdemir verfolge eine "klare Umverteilungsstrategie", sagt Kaufmann, und das tue vor allem jenen weh, die zum ersten Mal Grün gewählt haben. Jene aus der bürgerlichen Mitte, die bisher der CDU und FDP vorbehalten war. Das wäre natürlich ein schlimmes grünes Unterfangen, wenn es denn stimmte, weil es in Degerloch und am Frauenkopf schon einiges zu verteilen gäbe. Aber irgendwie ist das wie mit den Villen im Tessin, welche die SPD den Arbeitern wegnehmen wollte.

Kaufmann: Es gibt ein Leben nach der Politik

Nein, das Migrantenkind aus Urach ist kein Umstürzler und seine Partei kein Revoluzzerverein. Da ist Kaufmann besser beraten, positiv zu denken und darauf zu vertrauen, dass der Merkel-Bonus zieht, der Mappus-Malus weg ist, die FDP-Fans in ihrer Not zu ihm wechseln, und der Kandidat der S-21-Gegner, Frank Schweizer, möglichst viele Stimmen kriegt. Noch hat der erst, laut election.de, 1,5 Prozent. Dann könnte es noch was werden mit der Wiederwahl, meint Matthias Moehl, der Hamburger Prognostiker, und Kaufmann müsste sich nicht mit so trüben Gedanken beschäftigen, die in der Aussage gipfeln: "Es gibt ein Leben nach der Politik."

In der Tat kämpft der CDU-Abgeordnete ums politische Überleben. "Entweder direkt oder gar nicht", schätzt er und will damit sagen, dass ihm der sichere Listenplatz fehlt, auf dem er noch in den Bundestag einrücken könnte. Aber, wie gesagt, noch ist es nicht so weit. Noch bleiben ihm knapp drei Wochen, um den knappen Vorsprung zu halten. Und dafür gebe er sein Bestes, verspricht er, egal ob auf Facebook (für die Internetaffinen) oder auf den Heckaberlesfeschtle (für die Gesprächstradionalisten) oder an den Haustüren des Heusteigviertels, wo ihm viel Sympathien entgegengebracht würden. Ihm als modernem, urbanem Christdemokraten, der auch kein Problem damit hat, sich als Schwuler zu bekennen. Das hätten eher die Pietisten, die sexuelle Neigungen noch auf der Basis der Bibel beurteilten, vermutet er. Davon gibt's im Kultviertel eher weniger.

Kampfgeist pur bei beiden Kontrahenten. Foto: Jo E. Röttgers
Kampfgeist pur bei beiden Kontrahenten. Foto: Jo E. Röttgers

Für Özdemir ist Kaufmann ein schwieriger Konkurrent. Kaum zu packen, weil der nicht den knackigen Konservativen gibt und bisweilen das CDU-Programm vergisst, wenn er sagt, er müsse nicht im schwarzen Mainstream schwimmen. Immer wendig unterwegs. Aber dasselbe sagt der eine vom anderen auch, der versichert, er habe ein ähnliches Politikverständnis wie Ministerpräsident Kretschmann. Dialogisch, Brücken bauend ("Davon verstehe ich was"), fair gegenüber dem Mitbewerber – das sind Özdemirs Stichworte, die den Betrachter rätseln lassen: Wo ist schwarz, wo grün? Gegen das Merkel'sche Betreuungsgeld sind zum Beispiel beide.

Auch für die S-21-Gegner gibt es ein Bonbon

Vielleicht bei Stuttgart 21? Kaufmann war schon immer dafür und glaubt, dass der Protest ("Das Thema ist durch") für ihn nicht mehr wichtig ist. Özdemir ist bei Kretschmann ("Die Messe ist gelesen"), mit der Einschränkung, dass darüber noch gesprochen werden soll. Ganz im Sinne des Gehörtwerdens einer Klientel, die sonst der Meinung sein könnte, die Grünen hätten sie vergessen. So steht tatsächlich eine Veranstaltung ("Die Bahn auf falschen Gleisen") mit Toni Hofreiter an, ihrem verkehrspolitischen Sprecher und S-21-Kritiker, der dazu am 30. August aus Berlin anreist. Vorgeschaltet wird, so die Kunde aus Özdemirs Wahlkampfbüro, eine interne Besprechung mit S-21-Gegnern. Und, als ob es nicht genug wäre, gibt es noch ein Podium mit Walter Sittler (8. September), der sich allerdings vornehmlich zum Thema Bürgerbeteiligung äußern will.

Das alles ist fein austariert, soziologisch genau analysiert und nach potenziellen Potenzialen abgeklopft, was unbedingt notwendig ist, weil der Wahlkreis Stuttgart I für die Grünen von großer Bedeutung ist: Ihr Bundesvorsitzender könnte, nach Christian Ströbele, der zweite direkt gewählte Bundestagsabgeordnete werden. In Stuttgart fiele, nach der Landesregierung und dem Oberbürgermeisteramt, die dritte schwarze Bastion. Und Özdemir wäre, nach diversen Karriereeinbrüchen, ein kleiner König in Berlin. Begleitet von der Weltpresse, die angeblich schon ihr Augenmerk auf Stuttgart gerichtet hat.

Da darf nichts dem Zufall überlassen werden. Die Auftritte müssen maßgeschneidert sein. Mit Ulrich Kienzle und den sieben Schwaben im Seniorenheim Augustinum auf dem Killesberg, mit Toni Hofreiter im Gewerkschaftshaus, mit Kindern in der Spielstadt Stutengarten und am Schluss mit Winfried Kretschmann auf dem Schlossplatz. Das ist der Vielfalt des Wahlbezirks geschuldet, der die Perlenkettenwittwe ebenso umfasst wie die Anarcho-WG, und deshalb einer gezielten Ansprache bedarf, die wiederum eine hohe Laufbereitschaft voraussetzt. So ist es ein Glück, dass Özdemir seinen Hexenschuss überwunden hat und das Stäffele-rauf-runter sowie das häufige U-Bahnfahren das Kreuz entlasten. Er mache acht Mal mehr Termine als 2009, heißt es. Noch behender geht es natürlich mit den jüngsten Prognosen im Rücken, die eine "tolle Ermutigung" seien, wie er sagt. Jetzt gelte es, das Ding zu drehen.

Schau einer an: Die SPD will Özdemir helfen

Solche Euphorie ist Dejan Perc, dem SPD-Kreischef, fremd. Seine Partei rutscht immer tiefer in den Keller, ist personell ausgeblutet und zerstritten, die Kandidatin Vogt mit 18 Prozent prognostiziert. Ein wahrhaft desaströser Fall, wenn man bedenkt, dass die Sozialdemokraten in Ute Kumpf und Ernst Ulrich von Weizsäcker 2002 noch die direkt gewählten Abgeordneten mit 45 beziehungsweise 42 Prozent stellten. Hinzu kommt die "schwierige Konstellation" eines Kopf-an-Kopf-Rennens von Kaufmann und Özdemir, in dem die SPD untergehen wird. "Da sind wir die Leidtragenden", sagt Perc. Von der Kandidatin der Linken, der couragierten Verdi-Frau Christina Frank, ist an dieser Stelle gar nicht zu reden.

Perc weiß, dass es Ute Vogt nicht reißen wird. Ob mit oder ohne Hund. Er setzt auf Grün-Rot, konkret auf etwas, was in Stuttgart immer Glaubenskriege ausgelöst hat: Absprachen zwischen SPD und Grüne. Aber jetzt soll es anders werden. Die Kür von Fritz Kuhn, mithilfe der Genossen, habe gezeigt, sagt Perc, dass seine Partei offener geworden sei, und das gelte auch für die Bundestagswahl. Sein Kreisvorstand sei bereit, eine Wahlempfehlung für Özdemir auszusprechen, denn irgendwann müsse "Schluss sein" mit den Grabenkämpfen. Wohin das führe, sei offenkundig: zu 16 Jahren Wolfgang Schuster (CDU) und zwei CDU-Direktmandaten.

Der überraschende Vorstoß hat allerdings seinen Preis. Als Gegenleistung will Perc ein Votum der Grünen für seinen Kandidaten Nicolas Schafstöß im Wahlkreis Stuttgart II, in dem die Christdemokratin Karin Maag ungefährdet, die Grüne Birgitt Bender chancenlos und der SPD-Newcomer allenfalls für einen Achtungserfolg gut ist. Die Grünen haben das bisher abgelehnt, aber auch dazu wird ihnen guerillamäßig gewiss etwas einfallen.

 

Für die Statistiker unter den Lesern empfehlen wir die Ergebnisse der vergangenen Bundestagswahlen in Stuttgart.

Die beiden Stuttgarter Wahlkreise I (dunkel) und II.
Die beiden Stuttgarter Wahlkreise I (dunkel) und II.

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Kommentare

Hans-Joachim Müller, 05.09.2013 18:49
Ich kann einfach nicht verstehen, warum manche Leute so vehement der Meinung sind, Frau Merkel muss verhindert werden. Mit Rot/Grün? Wir wollten schon einmal mit allen Mitteln eine weitere Legislaturperiode Helmut Kohl verhindern. Dabei sind wir gehörig auf die Schnauze gefallen. Ich glaube, wir müssen uns abfinden, dass wir keine Wahl haben, neoliberal abzuwählen. Es geht nur um Pest oder Cholera.
Deshalb ist jede Stimme auch für eine kleine Partei so eminent wichtig und keinesfalls verloren.

Josef-Otto Freudenreich, 05.09.2013 17:34
Josef-Otto Freudenreich zum Kommentar des Degerlocher SPD-Vorsitzenden Wilfried R. Seuberth:

Sehr geehrter Herr Seuberth,
zunächst bin ich hoch erfreut, dass demnächst auch der Vorsitzende der SPD Degerloch zu den Kontext-Soliabonnenten zählen wird. Trotz allen Grimms über den von Ihnen so genannten „Krawalljournalismus“. Das ist souverän.
Was Ihre Kritik anbelangt, wäre ich vorsichtiger. Da sollten Sie vielleicht mit Ihrem Kreisvorsitzenden Dejan Perc reden, den ich aus einem langen Gespräch zitiert habe, dessen Fazit war, dass er es begrüßen würde, wenn die SPD den grünen Kandidaten Özdemir unterstützen würde. Wenn es denn die Grünen im Wahlkreis II ihrerseits mit dem SPD-Bewerber so hielten. Davon habe ich nichts zu korrigieren, es sei denn, Herr Perc ist inzwischen anderer Meinung.
Dass Frau Vogt davon nicht begeistert ist, kann ich nachvollziehen. Über ihre Ablehnung haben wir im Übrigen in der aktuellen Ausgabe genauso berichtet wie über den „partnerschaftlichen“ Wahlkampf mit Cem Özdemir. Ihr Angebot, am 10. September zuzusehen, wie SPD und Grüne geschlossen gegen Schwarz kämpfen, nehme ich selbstverständlich gerne an.
Mit freundlichen Grüßen
Josef-Otto Freudenreich

Wilfried R. Seuberth, 05.09.2013 15:54
Leserbrief zu: „Zweikampf auf der Zielgeraden“, Ausgabe v. 28.8.2013


Der o.g. Artikel ist beschämend – hinsichtlich seines Niveaus. „Krawalljournalismus“ nennt man so etwas, wenn ein Artikel allein auf „Hintergrundgewisper“, Vermutungen, Prognosen und selbst erfundenen Schlussfolgerungen besteht.
Die Aussagen in dem Artikel zur bzw. über die SPD zum Thema Direktmandat bzw. Erststimme im WK I Stuttgart sind in jeder Hinsicht haltlos und frei erfunden.
- Es gibt keine Erstimmenempfehlung der SPD oder von Ute Vogt für Cem Özdemir. Der Wahlkampf beider Kandidaten ist partnerschaftlich – aber jeder für sich.
- Dies hat das Büro Ute Vogt durch eine Information an alle wahlkämpfenden SPDler angesichts solcher „dämlichen“ Gerüchte, wie sie jetzt sogar im „Kontext“ stehen, klar gestellt.
- Die Degerlocher SPD ist weder in dieser noch in anderen Fragen zerstritten. Merkwürdigerweise hat mit mir, dem Vorsitzenden, niemand vom „Kontext“ auch nur Kontakt aufgenommen, geschweige denn geredet. So viel zur Recherche-Gründlichkeit.
- Die Degerlocher SPD macht Wahlkampf ausschließlich für und mit Ute Vogt und für die SPD!
- In diesem Zusammenhang werben wir selbstverständlich auch für einen rot-grünen Wechsel in Berlin – mit den künftigen Abgeordneten Ute Vogt und Cem Özdemir.
- Was den Wahlkreis I Stuttgart anbetrifft, so wünschen wir von der Degerlocher SPD uns ebenso wie die Degerlocher Grünen, dass es gelingt, das Erstimmen- Mandat von der CDU zurück zu erobern.
- Was die Partnerschaftlichkeit, also die gemeinsamen Anliegen ebenso wie jene, bei denen Verhandlungsbedarf besteht, betrifft, so kann sich jeder davon persönlich überzeugen: Am 10.September veranstaltet die SPD Degerloch gemeinsam mit Bündnis 90/Die Grünen Degerloch ab 19.30 Uhr einen Diskussionsabend mit Ute Vogt und Cem Özdemir in der „Alten Scheuer“.
- Zu dieser Veranstaltung laden wir sehr herzlich auch einen Vertreter von „Kontext“ ein.

Ich finde es bedauerlich, dass im „Kontext“ ein solcher Artikel erscheinen kann. Ich schätze den Kontext ansonsten sehr.
Ab sofort möchte ich ihn abonnieren und bitte um entsprechende Unterlagen für ein solches Abo.

Mit freundlichen Grüßen

Wilfried R. Seuberth

Ralf Eichert, 30.08.2013 01:28
Musste den Artikel erst mal verdauen, wusste aber schon längst, was uns in Stuttgart dreucht, lieber Otto. Meine Replik kann ich aus Zeitgründen erst am kommenden Freitag Abend verfassen. Aber was den grünen Überflieger betrifft, so habe ich mit einem grafischen Gimmick auf einer meiner Netz-Präsenzen bereits vorgesorgt. Klick's mal an: www.rote-werbung.de
Ein Bild sagt ja oft mehr, als tausend Worte. Aber nicht immer. Also ab Freitag meine Replik. Gruß.

F.-M. Stephan, 29.08.2013 17:20
Welche Alternativen hat der von den grünen S21-Wendehälsen enttäuschte Wähler?
Eine der aussichtslosen Splitterparteien bzw. Einzelkandidaten zu wählen, bedeutet Merkel zu unterstützen. Die SPD als Mitverursacher des S21-Übels zu wählen, geht auch nicht. Die Linke zu wählen würde ebenfalls bedeuten, Merkel zu unterstützen, denn die Linke wird Rot-Grün als Minderheitsregierung nicht tolerieren. Dass Nichtwählen ein Weckruf für die Politiker sei, ist ein frommer Wunsch.
Es ist schon so, dass die Grünen es geschickt austariert haben: Nach nüchterner Betrachtung der Situation wählt man halt doch wieder Grün. Oder?

Bernd Oehler, 29.08.2013 12:40
@WickedMessenger: Frau Merkel dankt heute schon – dafür, dass die Grünen die Leute bei Stuttgart 21 verarscht haben und nun den Unsinn mit staatsmännischer Geste »begleiten«. Vielleicht gelten sie ja in naher oder fernerer Zukunft daher auch als kommoderer FDP-Ersatz als die sich selbst permanent tieferlegende SPD?

Gelbkopf17, 29.08.2013 11:47
Danke für den Kommentar von Ulrich Frank, denn jetzt weiß ich endlich, was mir "Politik mit Bewegung" gemeint ist: das Umfallen. Von den Wahlplakaten von Birgitt Bender war mir nämlich nicht so recht klar, für welche Partei sie Werbung macht: für FIELMANN oder PRO-OPTIK? Die neue Brille steht ihr gut...

WickedMessenger, 29.08.2013 11:40
@frank: Frau Merkel wird es Ihnen danken...!

Ulrich Frank, 28.08.2013 20:24
Ich zitiere aus der Rede von Winfried Kretschmann vom 16.08.2010 auf einer Montagsdemo, festgehalten in Peter Grohmanns Bürgerbrief Nr. 98 vom 9. Juli 2012: "Wir kämpfen erbittert dagegen ... weil dieses Projekt eine Reichweite von mindestens 20 Jahren haben wird und in ganz dramatischer Weise die Verkehrspolitik, die Finanzen und die Politik insgesamt in eine falsche Richtung lenken wird".
Und was ist jetzt - mit Stuttgart 21 bekommen wir einen leistungsfähigen Infrastruktur - das sagt der Herr, das ist vom Kampf übriggeblieben, dieses Umfallen und Posieren vor der Tunnelbohrmaschine des Hernn Herrenknecht hat unmittelbar nach der gewonnenen Landtagswahl begonnen.
Aber Umfallen ist nicht die "Bewegung", mit der jetzt geworben wird. Und dieses Umfallen hat diese Partei schon öfters praktiziert - auch der Herr Özdemir. Deshalb: KEINE STIMME FÜR DIE GRÜNEN. Wahltag ist Zahltag!

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