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Auch Hermann will Maut verzögern

Wenn es nach den Grünen geht, wird die Landesregierung gemeinsam mit Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz oder dem Saarland versuchen, die Einführung der PKW-Maut über den Bundesrat noch zu verzögern oder gar zu verhindern. Verkehrsminister Winne Hermann kündigte einen entsprechenden Vorstoß an. Er habe bereits im Verkehrsausschuss des Bundesrats Position bezogen und insbesondere kritisiert, dass "die Grenzregionen schwer tangiert sind, ausgerechnet in Zeiten, in denen wir den europäischen Geist betonen wollen". Die "Bürokratie-Maut" passe nicht in die Zeit. Außerdem würden Milliarden eingenommen, Milliarden an deutsche Autofahrer wieder zurückgegeben und "vielleicht bleiben ein paar Millionen übrig".

Saarland, Rheinland-Pfalz oder NRW wollen den Vermittlungsausschuss zwischen Bundesrat und Bundestag anrufen, nachdem letzterer die Maut am Freitag beschlossen hat. Das Gesetz ist allerdings nicht zustimmungspflichtig, weshalb die Einführung der Maut auf diesem Wege lediglich verzögert werden kann. Allerdings könnte Verzögerung am Ende auch das Scheitern bedeuten, weil womöglich nach der Bundestagswahl im September die Karten ganz neu gemischt werden, und die CSU bisher bekanntlich die einzige Partei ist, die die Maut wirklich will. (24.3.2017)


Aras legt sich mit Erdogan an

Die Stuttgarter Grünen-Abgeordnete und Landtagspräsidentin Muhterem Aras hat die deutschtürkische Community aufgefordert, sich mit dem Verfassungsreferendum am 16. April kritisch auseinanderzusetzen. Von den Imamen wünscht sich die Stimmenkönigin ihrer Partei bei den Landtagswahlen 2016, dass die "in den Freitagspredigten zu einem respektvollen und fairen Umgang miteinander aufrufen und die hier geltenden Werte von Meinungs-, Presse- und Religionsfreiheit entschieden weitergeben". Sie selber verzichte derzeit auf Reisen in die Türkei, "weil ich nicht weiß, ob ich mich dort frei bewegen könnte". Zugleich müssten sich Demokraten weigern, sich zu Feinden der Türkei machen zu lassen. Aras nutzte eine Landtagsdebatte zum 60. Geburstag der EU auch zu scharfer Krtik am türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, weil der "auf das Infamste" gebaute Brücken wieder einreißen und die Gesellschaft spalten wolle. Von den Vertretern AKP-naher Institutionen erwartet die Grüne eine öffentliche Distanzierung von den "die Opfer verhöhnenden Nazivorwürfen". Im Südwesten dürfen insgesamt rund 230 000 Türken am Referendum teilnehmen – und zwar vorab: Die Wahl beginnt bereits am 27. März und endet am 9. April. (22.3.2017)

Mehr zum Thema: "Meister der Feindbilder", "Unverschämt und dumm"


Stuttgart 21: Aktionsbündnis warnt Aufsichtsrat

Drei Tage vor einer Sitzung des DB-Aufsichtsrats verlangt das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 erneut eine "faktenehrliche Bestandsaufnahme". Sollte sich der Aufsichtsrat wieder um die Auseinandersetzung drücken oder gar unbeirrt den Weiterbau beschließen, so Eisenhart von Loeper, schädige er wider besseres Wissen das Vermögen der Deutschen Bahn AG. "Das würde", erklärt der Bündnissprecher weiter, "den Tatbestand der Untreue erfüllen." Eine strafrechtliche Aufarbeitung sei die Konsequenz; darauf habe das Bündnis zuletzt am 11. März 2017 den Aufsichtsrat per Brief hingewiesen.

Ihren Appell richten die Stuttgart-21-Gegner nicht nur an den Vorsitzenden des Aufsichtsrats Utz-Hellmuth Felcht, sondern auch an den designierten Vorstandsvorsitzenden Richard Lutz. Als erstes sei "eine Bestandsaufnahme der ungelösten Probleme und hohen Risiken notwendig, die sich an den Realitäten und nicht an den Gesichtswahrungsproblemen der politisch Verantwortlichen orientiert". Von Loeper argumentiert damit, dass sich das Projekt "jenseits aller wirtschaftlichen Rationalität bewegt", und mit dem weiter offenen Brandschutz. Außerdem solle der Aufsichtsrat "endlich zur Kenntnis nehmen, dass sich die DB mit S 21 einen Dauerengpass für viel Geld baut, der den Bahnverkehr behindert und den viel beschworenen Deutschlandtakt im Südwesten irreversibel unmöglich macht". Nach der Devise "Politik beginnt mit der Kenntnisnahme der Realität" will das Aktionsbündnis den neuen Bahnchef zu Gesprächen einladen, bei denen sie ihm auch die von der Bürgerbewegung entwickelten Alternativen zum Weiterbau erläutern wollen. Deren "ernsthafte Prüfung" wünscht sich nach einer repräsentativen Umfrage von infratest dimap in Baden-Württemberg sogar eine Mehrheit der Projektbefürworter. (19.3.2017)

Mehr zum Thema: "Bahnfeinde im Bahnvorstand"


IHK will nicht mehr gegen Kakteen polemisieren

Auch ein Vergleich kann ein Erfolg sein: Vor dem Verwaltungsgericht Stuttgart akzeptierte die IHK Region Stuttgart die Feststellung, dass sie in der Vergangenheit mit Angriffen gegen die IHK-Rebellen der Kaktus-Initiative ihre Kompetenz überschritten hat. Stein des Anstoßes waren zwei IHK-Pressemitteilungen, in denen Hauptgeschäftsführer Andreas Richter gegen die Kakteen polemisiert habe, so Kaktus-Mitglied Klaus Steinke, der in der Folge Klage eingereicht hatte.

Konkret einigten sich die Streitparteien am heutigen Donnerstag, den 16. März, auf folgenden Vergleich: Die IHK Region Stuttgart erklärt, "dass ohne Beratung und Beschlussfassung durch die Vollversammlung keine weiteren öffentlichen Äußerungen der IHK und ihrer Organe über Binnenkonflikte, die keine wirtschaftspolitischen Positionen betreffen, abgegeben werden", und dass es den beiden strittigen Pressemitteilungen "an einer solchen Beratung und Beschlussfassung mangelte". Außerdem trägt die IHK trägt die Kosten des Verfahrens von 5000 Euro.

Für Steinke ist es "ein gutes Ergebnis, weil es die Transparenz innerhalb der IHK stärkt, und weil es deutlich die Frage artikuliert, was Geschäftsführer und Präsident dürfen und was nicht". Zwar wäre es, so Steinke, spannend gewesen, wenn das Gericht in einem Urteil Grundsatzregeln für die Öffentlichkeitsarbeit der IHK aufgestellt hätte. Aber er sei mit dem Vergleich zufrieden, "weil es mir in der Sache nicht darum geht, zu siegen, sondern eine Veränderung innerhalb der IHK zu bewirken". Zudem habe das Ergebnis, so hofft Steinke, auch "eine Signalwirkung auf andere IHKs".

Die Kaktus-Initiative, 2011 gegründet, kritisierte in den letzten Jahren immer wieder intransparente Wahlverfahren und die offizielle Pro-Haltung der IHK zu Stuttgart 21. (16.3.2017)

Mehr zum Thema: "Rebellen im Weinberghäusle" und "Die IHK wackelt nicht".


Afghanistan-Rückkehrer bekommt zweimonatiges Arbeitsvisum

Es ist ein kleines Wunder. Denn trotz der mannigfaltigen Unterstützung in den vergangenen Wochen, glaubten nicht viele seiner Freunde wirklich daran, dass der Zahnarzt Ahmad Shakib Pouya, der in einem französischen Krankenhaus in Herat gearbeitet hat, zurück in die Bundesrepublik kommen kann. Pouya war in seiner früheren Heimat von den Taliban bedroht, floh 2010 nach Deutschland. Hier war er einer der Hauptdarsteller in der vielbeachten Produktion der Mozart-Oper "Zaide" und hatte eine doppelte Zusage auf Festanstellung – vom Münchner Gärtnerplatztheater und der IG Metall. Dennoch wurde er zur Abschiebung vorgesehen, weshalb er am 20. Januar 2017 ausreiste. Seither machten seine Unterstützer vom im Mai 2014 gegründeten Stuttgarter Verein "Zuflucht Kultur. Entweder. Oder. Frieden." bundesweit auf sein Schicksal aufmerksam. Auch mit einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), mit der Bitte um "ein Visum und ein langfristiges Bleiberecht als wertvoller Bürger unseres Landes".

Jetzt kam die gute Nachricht. Der 33-Jährige kann für zwei Monate zurück nach Deutschland. Mitausschlaggebend dürfte ein Schreiben von Georg Podt gewesen sein, dem Intendanten des kommunalen Münchner Kinder- und Jugendtheaters "Schauburg", der Pouya in einer Neuinszenierung von Rainer Werner Fassbinders "Angst essen Seele auf" als Hauptdarsteller besetzt hat. Die Proben sollen in der kommenden Woche beginnen, Premiere wird am 22. April sein. Mitte Mai läuft das Visum aus. Pouya will gemeinsam mit dem Verein die Zeit nutzen, um das angestrebte dauerhafte Bleiberecht zu bekommen. Die Chancen stehen angesichts der 2015 eigentlich gelockerten Regelungen gar nicht so schlecht. Allerdings werden die nach den Erkenntnissen von Pro Asyl oder dem Flüchtlingsrat viel zu selten von den Behörden angewandt.


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Live aus dem Weißen Haus: Trump-Berater Sebastian Gorka mit Innenminister Thomas Strobl (links) und StN-Chefredakteur Christoph Reisinger. Fotos: Joachim E. Röttgers

Live aus dem Weißen Haus: Trump-Berater Sebastian Gorka mit Innenminister Thomas Strobl (links) und StN-Chefredakteur Christoph Reisinger. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 307
Medien

Kritik ist Lüge

Von Minh Schredle
Datum: 15.02.2017
Sebastian Gorka, Trump-Berater und ehemaliger Autor der rechtsradikalen "Breitbart News", darf bei einer Veranstaltung mit Innenminister Thomas Strobl unkommentiert Propaganda verbreiten. Der Knaller: Die Bühne dafür bieten die "Stuttgarter Nachrichten" – und vermarkten das als Erfolg.

So stolz wird man ja wohl noch sein dürfen: Es war das "erste Gespräch eines Vertreters der Trump-Administration mit einem deutschen Medium", heißt es in der jüngsten Freitagsausgabe (10.2.2017) der "Stuttgarter Nachrichten" (StN), prominent platziert auf der Titelseite. Am vergangenen Donnerstag hat die Zeitung Sebastian Gorka ein Podium geboten, beim traditionsreichen "Treffpunkt Foyer" im Mozartsaal der Liederhalle. Gorka ist allerdings nicht persönlich zugegen, sondern nur per Liveübertragung auf eine Leinwand projiziert. Etwas kleinlaut kommentieren die Veranstalter, Herr Gorka sei nunmal sehr beschäftigt und habe seinen Aufenthalt in Deutschland kurzfristig absagen müssen.

Gorka ist nämlich gerade erst vor gut drei Wochen ins Weiße Haus berufen worden, dort berät er Präsident Trump und sein Kabinett in Sachen Terrorismus und asymmetrische Kriegsführung. StN-Chefredakteur Christoph Reisinger stellt ihn am vergangenen Donnerstag seinen gut 600 Gästen auch als genau solchen vor: als feste Größe auf diesen Forschungsgebieten.

Es ist nicht das erste Mal, dass das Stuttgarter Blatt aus dem Pressehaus Gorkas "Expertise" bemüht. Immer wieder hievt StN-Rechtsaußen-Autor Franz Feyder (Kontext berichtete mehrfach) den Amerikaner ins Stuttgarter Blatt. Im September 2016 beispielsweise führte Feyder ein Interview mit ihm. Erste Frage: "Herr Gorka, wovor haben Sie mehr Angst: vor Ihrer Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton oder vor dem Islamischen Staat?" Antwort: "Ganz ehrlich? Hillary Clinton beunruhigt mich deutlich mehr." Oder: "Ein Land, das seine Verpflichtungen gegenüber der Nato nicht erfüllt, ist Deutschland. Was erwarten Sie von Deutschland, um im Kampf gegen den Terror erfolgreich sein zu können?" Gorkas Antwort: "Dass es darauf verzichtet, immer politisch korrekt agieren zu wollen. Vor allem dann nicht, wenn Härte notwendig ist."

Terrorexperte mit Fake News-Qualitäten

Neben dem Terrorismus hat Sebastian Gorka noch weitere – nennen wir sie: Spezialgebiete. Unter anderem publizierte er regelmäßig auf dem rechtsradikalen "Breitbart News Network". Bereits im Vorfeld der Veranstaltung wurde von verschiedenen Medien kritisiert, dass die StN dieses Detail in ihren Ankündigungsartikeln unerwähnt ließen. Auf Anfrage von "Übermedien" rechtfertigte Chefredakteur Reisinger das damit, dass Gorka im gleichen Zeitraum auch für andere – seriöse – Medien wie "CNN", die "BBC", "Al Jazeera", die "Washington Post", "Bloomberg" und "Reuters" Beiträge verfasst habe. Mit dem kleinen Unterschied allerdings, dass Gorka nur bei "Breitbart" drei Jahre lang festangestellter Redakteur war, bevor er zum Trump-Berater wurde.

Draußen demonstrierten am Donnerstag gut 80 Menschen – mit klaren Botschaften.
Draußen demonstrierten am Donnerstag gut 80 Menschen gegen den Gorka-Auftritt – mit klaren Botschaften.

Immerhin kann sich Journalist Reisinger beim "Treffpunkt Foyer" schließlich dazu durchringen, bei Gorkas Vorstellung zu erwähnen, dass dieser "als stramm Konservativer durchaus nicht unumstritten" sei. Und in der hauseigenen Nachbesprechung der StN-Veranstaltung findet sich der Vermerk, veröffentlicht habe Gorka seine Texte "auch auf der umstrittenen, rechtspopulistischen Plattform Breitbart".

"Umstritten" und "rechtspopulistisch" ist angesichts dessen, was sich "Breitbart" seit Gründung im Jahr 2007 geleistet hat, noch eine sehr vorsichtige Formulierung, um nicht zu sagen: verharmlosend. Als Obama im Frühjahr 2013 den republikanischen Senator Chuck Hagel als Verteidigungsminister nominierte, wurde auf "Breitbart" verbreitet, dieser werde durch eine Gruppe namens "Freunde der Hamas" finanziert. Selbstverständlich existiert eine solche Gruppe nicht, wie seriöse Medien wenig später berichteten – dennoch wurde der Fake anschließend weiter verbreitet und Breitbart blieb bei der Darstellung.

Als Chef des Propagandaportals verantwortlich für die Inhalte war damals Steve Bannon, der etwa zeitgleich verkündete, es gebe "keinen Zweifel daran, dass die USA in fünf bis zehn Jahren einen Krieg mit China führen" würden, wie auch mit dem nahen Osten. Dieser Bannon sagte 2010, wie ihn das Magazin "Daily Beast" zitiert: "Ich will alles zum Einsturz bringen und das komplette heutige Establishment zerstören" – nachdem er zuvor als Banker bei Goldmann Sachs Millionen scheffelte. Heute ist er Trumps Chefstratege und das Hirn hinter vielen besonders radikalen Ideen und Konzepten des neuen Kabinetts.

Der Kölner Dom brennt, berichtet Breitbart News

Im Februar 2015 veröffentlichte Gorka einen Artikel auf Breitbart, in dem er behauptet, die Obama-Administration gleiche sich immer mehr dem totalitären "Ministry of Truth" (Ministerium für Wahrheit) aus George Orwells "1984" an, das Mithilfe von Neusprech, also gezielt irreführenden Begrifflichkeiten, Falschinformationen als Wahrheit verkaufe und die Realität in Lügen verdrehe.

Nun ist es seine Regierungs-Kollegin, die Trump-Beraterin Kellyanne Conway, die glasklare Lügen als "alternative Fakten" präsentiert und im Kanon mit Regierungssprecher Sean Spicer etwas von einem islamistischen Terroranschlag in Atlanta fabuliert, den es nie gegeben hat. Der Spruch "Ich überlebte das Massaker von Bowling Green" wurde zum viralen Hit. Auch aus Deutschland berichtet Breitbart ab und zu. So soll in der Silvesternacht 2016 ein Mob von 1000 Muslimen "allahu-akbar"-rufend den Kölner Dom in Brand gesetzt und Polizisten angezündet haben. Stimmt nicht? Egal. Auf "Breitbart" wird es trotzdem veröffentlicht.

Zurück zum Stargast der StN: Erst in der vergangene Woche hat "1984"-Fan Sebastian Gorka gegenüber dem US-TV-Sender CNN verkündet, die Trump-Administration werde Medien solange weiter als "fake news" bezeichnen, bis diese ihr "fundamentales Bedürfnis", den Präsidenten zu kritisieren, als "falsch und ungesund" erkennen. Kritik ist Lüge, bad news is fake news. Und von diesem "Experten" erhoffen sich – man lasse sich das auf der Zunge zergehen – Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl und die "Stuttgarter Nachrichten", eine der auflagenstärksten Zeitungen im Land, Tipps gegen Terrorismus.

Gorkas zentrale Botschaft in der Liederhalle: die Bedrohung lauert überall. Das sei ganz anders als im Ersten und Zweiten Weltkrieg, wo es noch klare Frontlinien gab. "Heute beginnt die Frontlinie, sobald sie morgens die Haustür verlassen." Der Westen befinde sich mitten in einem Guerillakrieg mit der globalen Dschihad-Bewegung. Zum Glück fühle sich Präsident Trump "verpflichtet, den IS komplett auszurotten." Wenn man den radikalen Islam nun aber aggressiver bekämpfe, meint Gorka, rücke man sich selbst ins Fadenkreuz. Der Einreisestopp, den Donald Trump per Dekret anordnete, sei daher eine tolle Idee als vorbeugende Maßnahme.

Gegen Gorka wirkt selbst Strobl liberal

Ob man einen solchen Bann in Deutschland nicht auch brauche, will Chefredakteur Christoph Reisinger daraufhin von Strobl wissen. Doch selbst ein stramm konservativer Hardliner wie der Innenminister wirkt gegen einen Gorka regelrecht weltoffen: "Sorry, Mister Gorka", sagt der: "Aber ein ganzes Land unter Generalverdacht zu stellen, das ist nicht in Ordnung." Gorka lächelt da nur milde von seiner Leinwand herunter.

Hat allen Grund, sich an die eigene Nase zu fassen: Christoph Reisinger.
Hat allen Grund, sich an die eigene Nase zu fassen: Christoph Reisinger, Chefredakteur.

Was Strobl allerdings in Ordnung fände, wäre eine Ausweitung der Vorratsdatenspeicherung, für die er plädiert. Außerdem, findet er, sollten Behörden persönliche Kommunikationsdaten schon dann auswerten dürfen, wenn nur der Verdacht auf eine schwerwiegende Straftat vorliegt. Noch ein Strobl-Plan: die Rüstungsausgaben stark steigern, und zwar um ganze 50 Prozent, denn "wenn es irgendwo kracht, können wir uns nicht darauf verlassen, dass die Amerikaner das schon richten werden." Ebenso betont er aber: Die Nato dürfe nicht angezweifelt werden. In alledem sind sie sich dann wieder einig, der Amerikaner und der Schwabe, transatlantische Zustimmung sozusagen.

Auch in den "Stuttgarter Nachrichten": In einem Video zur Veranstaltung rechtfertigt Chefredakteur Reisinger Gorkas Auftritt damit, dass man immer beide Seiten anhören und seinen Lesern einen Überblick über das Spektrum der Positionen verschaffen müsse. Denn: "Zur journalistischen Glaubwürdigkeit gehört ganz wesentlich: Wir verkürzen nicht die Wahrheit." Gorka jedenfalls haben die StN seit Herbst ein umfangreiches Interview und ein ausführliches Porträt ("Der Terror-Erklärer") gewidmet, sowie ein doppelseitiges Special zum "Treffpunkt Foyer", von dem sich eine Seite ausschließlich mit "Fakten zum Terrorismus" befasst. Nirgends jedoch werden hier die tatsächlichen Zahlen von Opfern islamistischer Anschläge in Deutschland aufgeführt (es sind 15 Tote und 77 Verletzte in den vergangenen zehn Jahren, Anm.d.Red.). Dafür versteigen sich die StN in Angstmache: Laut Umfragen seien knapp zwei Drittel der Deutschen – das entspräche etwa 54 Millionen Menschen – verängstigt, selbst zum Opfer von Terrorismus zu werden.

Diese Furcht, die kommt nicht aus dem Nichts. Ihren Nachbericht zur Veranstaltung beginnen die "Stuttgarter Nachrichten" mit: "Ansbach, Würzburg, Berlin – kein Zweifel, islamische Terroristen können heute in jeder beliebigen deutschen Stadt zuschlagen." Und Autor Franz Feyder beendet sein Porträt über Gorka mit den Sätzen: "Dem Terrorismus-Versteher sind Lobhudeleien peinlich. Verlegen säbelt er an seinem Schweinebraten herum. Dann schaut er auf: 'Und wo schlägt der IS das nächste Mal zu?'" Traurig. Aber kein Fake. 


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Kommentare

Klaus, 21.02.2017 13:34
Frank Passau.

Das stimmt so nicht, denn Hr. ST. schreibt niemandem etwas vor.

Er bewertet Publikationen. Nach eigenen Kriterien.

Das ist seine Sache.

Was Sie lesen ist Ihre Sache.

Bernd Oehler, 21.02.2017 12:52
In der Süddeutschen Zeitung von heute (21.2.) steht ein Interview mit der »Kulturwissenschaftlerin Magdalena Marsovszky über Zuzügler aus Deutschland, die weiße Rasse von Atlantis und Wetterberichte in den Grenzen von 896«, kurz über das Ungarn Orbans. Am Schluss sagt sie:
»Und einer von Bannons Mitarbeitern ist Sebsatian Gorka, Ex-Mitarbeiter des ungarischen Verteidigungsministeriums. Gorka wollte 2008 neben der Jobbik eine weitere rechtsradikale Partei gründen und sagte, er sei in der Seele Mitglied der Ungarischen Garde, also der paramilitärischen Organisation von Jobbik, die sich offen auf die Pfeilkreuzler der Nazizeit berief. Bannon und Gorka sind Brüder im Geiste.«
Na, herzlichen Glückwunsch, Stuttgarter Nachrichten.

Rolf Steiner, 20.02.2017 14:42
Wie armselig dieser Gorka "diskutiert", zeigt das Interview des BBC-Journalisten Evan Devis, das seit 16.2.17 im Netz ist und auch bei Stefan Niggemeier angesehen werden kann:
https://twitter.com/niggi/status/832475880622428161

Ein passender Kommentar "Manchmal wartete man nur auf Lacher vom Publikum und den Schnitt zum Host irgendeiner Comedy-Show." Frage an die Stuttgarter Nachrichten: Was für einen "Paradiesvogel" mit "Karnevalsorden" habt Ihr da eingeladen?

Rolf Steiner, 20.02.2017 14:21
Als anständiger Demokrat sollte man sich gegen die mit Flüchtlingshetze, Fremden- und Europa-Feindlichkeit sich nicht gerade zurückhaltenden vom Kopp-.Verlag vertriebenen Publikationen deutlich positionieren. Schädliche Angriffe auf unsere Demokratie müssen auch als solche an den öffentlichen Pranger. Schäbige Produkte sind als schäbig zu bezeichnen.

Übringens: dieser Gorka stellt seinen Faschismus immer wieder öffentlich zur Schau. Die Times of Israel vom 14.2.17 zeigt ihn als Träger einer Uniform und der angeheftenten Helden-Medaille von "Vitézi Rend", einem ungarisch-nationalstischen Verband mit einst sehr engen Beziehungen zum Nazi-Reich. 1941 hatten diese Faschisten mehr als 30 000 Mitglieder. Heute: ein Fidesz-naher „Heldenorden“, der massiv gegen Europa und die westlichen Demokratien hetzt.

Die Verdienstmedaille, die Gorka auf dem Foto zur Schau stellt, ist nach Aussage von János Molnár Gazsó, Generalkapitän von Vitézi Rend, "kein Karnevalsorden". Auch Herr Strobl sollte die Demokratie-feindliche Haltung dieses Diskussionspartner Gorka einmal etwas näher unter die christdemokratische Lupe nehmen.

Frank Passau, 18.02.2017 23:35
Rolf Steiner: "....der Kopp-Verlag mit den dümmsten und vor allem die Demokratie schädigenden Publikationen erscheint."
Merkwürdiges Demokratieverständnis. Steiner würde gerne dem unmündigem Bürger vorschreiben, wo er sich informieren darf.

Rolf Steiner, 16.02.2017 11:18
Das üble, menschenverachtende Geschäft mit der Angst - leider bei einigen Printmedien und manchen FS-Medien - entwickelt sich zum täglichen Quotenbringer.

Wer solche Journalisten mit ihren Schäbigkeiten auch noch bewundert, darf sich gleich zu den Freunden des Totalitarismus zählen.

Rolf Steiner, 15.02.2017 18:11
Dazu passt, dass bei den Stuttgarter Zeitung- und Stuttgarter Nachrichten-Online-Seiten immer wieder der Kopp-Verlag mit den dümmsten und vor allem die Demokratie schädigenden Publikationen erscheint. Nicht nur hier wäre sehr angebracht: "Wie du rechtsradikalen Medien sehr bequem von zu Hause aus weh tun kannst http://bit.ly/2fUMai2 #KeinGeldFürRechts"

Karl, 15.02.2017 10:10
Die Ansichten Ihres Autors sind befremdlich: Feyder wird als STN-Rechtsaußen dargestellt. Auf der anderen Seite gehört er sicherlich - zusammen mit Sven Ullenbruch - zu den wenigen Rechercheuren, die das Thema NSU kritisch aufarbeiten. Ein Urteil, zu dem auch Tanjev Schulz und Frederik Obermaier in ihrem gerade erschienen Buch "Kapuzenmänner" kommen. Übrigens: Ein Feld, das der Kontext ja durch den Rauswurf von Thomas Moser weitestgehend aufgegeben hat.
Ihr Aufrechnen von Opferzahlen finde ich unerträglich. Ist die Gefahr, die von Rechtsradikalen und Rechtsterroristen ausgeht deshalb geringer, weil er NSU "nur" zehn Menschen ermordet hat? Ihre Berichterstattung werden die Opfer und Hinterbliebenen der Terroranschläge in Deutschland sicher mit großem Interesse zur Kenntnis nehmen.

Stefan, 15.02.2017 08:54
Wundert ja alles nicht bei einer Zeitung, die gerne auch mal die Befindlichkeiten einer braunen Partei mit dem großen A auf die Titelseite klopft ("AfD beklagt sich über zunehmende Gewalt gegen sie" oder so ähnlich, auf jeden Fall der Aufmacher der Titelseite)

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