KONTEXT Extra:
NSU-Prozesskosten bei etwa 50 Millionen Euro

Nach 313 Verhandlungstagen äußert sich Beate Zschäpe erstmals selbst im NSU-Prozess und gibt sich als geläutert - neue Erkenntnisse über die Morde liefert ihre Aussage allerdings nicht. Immerhin weiß die Presse nun, wie ihre Stimme klingt. Die Süddeutsche Zeitung findet: "klar, tief, weich, mit leichtem thüringischen Einschlag".

Wann der Marathonprozess (verhandelt wird seit Mai 2013) zu einem Ende kommen wird, scheint aktuell völlig unklar. Sicher ist hingegen: Mit jedem weiteren Verhandlungstag steigen die Kosten für das Verfahren. Und bald könnten diese über 50 Millionen Euro liegen. Im September 2013 sagte Karl Huber, damaliger Präsident des Oberlandesgerichts München, gegenüber dem Münchner Merkur, er schätze die Kosten des Verfahrens auf 150 000 Euro pro Verhandlungstag. Dies sei eine gewaltige Summe, "vor allem, wenn man bedenke, dass die Opfer oder Hinterbliebenen keinen einzigen Euro bekommen haben".

Eine Sprecherin des Oberlandesgerichts bestätigt gegenüber Kontext, dass sich an der Kostenschätzung "im Wesentlichen nichts geändert" habe. Somit liegen die geschätzten Kosten aktuell bei etwa knapp 47 Millionen Euro. Die Sprecherin betont allerdings, dass es bislang noch keine genaue Kalkulation gibt - diese erstelle man erst nach Abschluss des Verfahrens. Dann wird die Rechnung an den Bund gestellt. (29.9.2016)


Blitzschnell gegen die AfD

Grüne, CDU, SPD und FDP wollen mit einer blitzschnell auf den Weg gebrachten Gesetzesänderung das Ansinnen der beiden AfD-Gruppierungen unterlaufen, einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss zum  Linksextremismus in Baden-Württemberg durchzusetzen. Am kommenden Mittwoch wird der Landtag in erster und zweiter Lesung endgültig eine Änderung des Untersuchungsausschussgesetzes beschließen. Danach können weiterhin zwei Fraktionen das Minderheitenrecht zur Kontrolle von abgeschlossenem Regierungshandeln wahrnehmen, allerdings nur, wenn ihre Mitglieder nicht ein- und derselben Partei angehören. Nach der vorliegenden Tagesordnung wird die gespaltene AfD ihren Antrag unter Punkt zwei einbringen. Es folgt aber keine Abstimmung, sondern eine Überweisung an den Ständigen Ausschuss. Endgültig wird sich der Landtag am 12. Oktober mit dem Begehr befassen, mit dem unter anderem unterstellt wird, dass Linksextreme im Südwesten öffentliche Gelder bekommen. Dann ist allerdings das Gesetz geändert, und die Möglichkeit zur Antragstellung entfallen. Auch die Rechtsexperten der anderen vier Fraktionen schließen nicht aus, dass die AfD deshalb vor den Verfassungsgerichtshof zieht.


Übers Ohr gehauen

Martin Schreier war jahrelang freier Journalist und Fotograf für den Reutlinger General Anzeiger (GEA) und bekam nicht einmal den ihm zustehenden Mindestlohn. Dann hat er sich einen Anwalt genommen und sich die Kohle erstritten – Kontext hat berichtet. Am  Mittwoch, 21.9.,  um 19:30 Uhr,  berichtet der resolute Journalist zusammen mit dem ehemaligen Gewerkschaftssekretär Gerhard Manthey zum Thema „Wie Zeitungsverleger freie Journalisten übers Ohr hauen“ im Stuttgarter Clara-Zetkin-Haus. Sie werden ihre Erfahrungen teilen und erklären, wie sich Betroffene wehren können. Neben der skandalösen Tatsache, dass viele Zeitungsverlage Mindesthonorarvorgaben missachten, wehren sich nämlich viel zu wenig JournalistInnen gegen diese Zustände. (20.09.2016)


Das Schicksal der Jesidinnen in der Geißstraße

Die Stuttgarter Stiftung Geißstraße lädt für den morgigen Dienstag (20.9., 19 Uhr) zu einer Veranstaltung über "Das Schicksal der Jesidinnen". Zu Gast ist Michael Blume, der im Auftrag der Landesregierung weibliche und stark traumatisierte Opfer des IS medizinisch und psychologisch betreut hat. Im vergangenen Jahr waren 1000 Jesidinnen nach Baden-Württemberg gekommen. Blume war als Religionswissenschaftler und Referatsleiter im Staatsministerium mit der Leitung des Projekts betraut. "Eigentlich ist Michael Blume ein Beamter. Dass er in den Irak geflogen ist, um die Frauen dort rauszuholen, ist einfach eine anrührende Geschichte", erzählt Geschäftsführer Michael Kienzle. Nach dem Vortrag gibt es außerdem noch den SWR-Beitrag "Samias Rettung - Neue Heimat" zu sehen - ein Film über eine junge Jesidin in einem Flüchtlingslager im Nordirak. (19.9.2016)


Demo wie zu besten Zeiten

Stuttgart lebt – wie einst zu den Hochzeiten von S 21. Wie der BUND meldet, waren 40 000 Demonstranten auf den Beinen, um gegen TTIP und CETA zu protestieren. 320 000 seien es insgesamt in sieben deutschen Städten gewesen. Viele Junge dabei, viele Organisatoren, die aufgerufen haben, von Attac über den BUND, Gewerkschaften, Menschenrechtler, Friedensfreunde, Wohlfahrtsverbände bis zu Kirchen. Sogar fünf SPD-Fähnchen waren zu sehen. Und: Die Demo hat endlich mal wieder Laune gemacht. Auch dank Körpa Klauz ("Widerstand muss Spaß machen"), der auf der Bühne den Einheizer gab.

Artikel zu TTIP und CETA in der aktuellen Kontext:

Bundesweite Demos

Die Fronten bröckeln

Stolperstein CETA

Mehr dazu in der kommenden Kontext-Ausgabe.


KONTEXT
per E-Mail:
Immer informiert:

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Datenschutz-Hinweis

Ausgabe 167
Medien

Mit dem Zweiten wirbt man besser

Von Jürgen Lessat
Datum: 11.06.2014
Was taugen Modelabels, Baumärkte oder Discounter? Antworten darauf bekommt die TV-Nation immer häufiger direkt nach der "Tagesschau". Bei den Öffentlich-Rechtlichen boomen Marken- und Warentests zur besten Sendezeit. Einen Quotenerfolg fuhr jüngst das ZDF mit einem Schnellrestaurant-Test ein: Über drei Millionen Zuschauer verfolgten das "große Duell" zwischen den umsatzstärksten Hamburgerketten. Der Buletten-Wettstreit hinterließ einen faden Beigeschmack: Neben Verbraucherinfos gab es unverhohlen Werbung – und einen anderen Sieger als bei einem vergleichbaren Test des Senders kurz zuvor.

Da muss einem das Wasser im Munde zusammenlaufen. Wenn selbst Sternekoch Nelson Müller im ZDF treuherzig versichert, dass er hin und wieder einen Hamburger vom Schnellrestaurant nebenan verzehrt. Die Filmdramaturgie tat das ihrige, um die industriellen Hackfleischbrötchen ins beste Licht zu rücken: Die Kamera wechselte zwischen saftigen Fleischfladen und hübschen Testerinnen, schnelle Schnitte führten von blitzenden Grillküchen auf grüne Kuhweiden, alles untermalt mit flotter Chart-Mucke, die nur abebbte, wenn Experte Müller oder eine verführerische Stimme aus dem Off die Ergebnisse in den sieben Testdisziplinen verkündete.

Und damit auch der dümmste Zuschauer kapierte, um wessen Buletten es sich zur besten Sendezeit im Zweiten drehte, wurden die größten in Deutschland tätigen Fast-Food-Ketten der Fernsehnation heiß serviert. Während des 45-minütigen Burger-Duells tauchten die beiden Firmenlogos der Grillkonzerne Dutzende Male auf. Etwa auf braunen Einkaufstüten, die Test-Präsenter Müller demonstrativ in die Kamera hielt, bei Innen- und Außenansichten der Fast-Food-Filialen natürlich und darüber hinaus auch auf den Ergebnisgrafiken der Sendung. Fast genauso oft fielen die Namen der beiden Burger-Platzhirsche, oft garniert mit deren Verkaufsschlager. "Wenn ich zu McDonald's gehe, dann bestelle ich nur Royal TS oder Big Mac", flötete gleich zu Beginn der Sendung eine der weiblichen Testpersonen in Müllers studiogerechter Wohnküche. "Das war schon die erste Fürsprache für McDonald's", kommentierte der Sternekoch das Bekenntnis der brünetten Schönheit.

Nicht zu übersehen: Starkoch Nelson Müller beim Fast-Food-Shopping. Sreenshot: www.zdf.de
Nicht zu übersehen: Starkoch Nelson Müller beim Fast-Food-Shopping. Sreenshot: www.zdf.de

Neben dramaturgischer "Atmo" präsentierte das große Burger-Duell auch ernst zu nehmende Tests. Die Redaktion verglich bundesweit die Burger-Preise, schickte Rohware zur Laboranalyse, erklärte Ernährungswerte und recherchierte Arbeitsbedingungen in den Schnellrestaurants. Zwischendurch gab es auch zweifelhafte Experimente. Mehr zufällig dürfte das Ergebnis beim Service-Test zustande gekommen sein. Die Redaktion ließ eine komplette Football-Mannschaft unangekündigt ein Restaurant der Fast-Food-Konkurrenten stürmen. Anschließend bewerteten die Spieler, wie freundlich das Personal den Überfall parierte, wobei ergebnisverzerrende Einflüsse wie etwa Krankenstand oder sonstiger Kundenandrang unberücksichtigt blieben. Obwohl alle hungrigen Sportler nahezu gleich schnell (Fast Food!) mit Speis und Trank versorgt wurden, kürte die Redaktion McDonald's in dieser Disziplin zum Sieger.

Wann beginnt die Schleichwerbung?

Am Duell-Ende waren die Zuschauer abgefüllt mit Hamburger, Pommes und Cola. Sei's drum. Aber mussten auch Firmenlogos und Restaurantnamen bis zum Erbrechen in der Ratgebersendung wiedergekäut werden? Kritischen Zuschauern jedenfalls dürfte eine derart aufdringliche Marken- und Produktpräsentation sauer aufgestoßen haben. Die Frage stellt sich: Handelt es sich bei einem derartigen Vergleichsduell noch um Verbraucherinformation? Oder schon um eine gut getarnte Dauerwerbesendung, die durch massenweise Produkt- und Markenplatzierung verkaufsfördernd sein will?

"Werbung und Verbraucherberatung versucht man mit derartigen Formaten zusammenzubringen", sagt Joan Kristin Bleicher. Für die Professorin am Institut für Medien und Kommunikation an der Universität Hamburg schlägt das Pendel in die eine oder andere Richtung aus, je nachdem, wie sich ein Beitrag mit den Testprotagonisten und deren Produkten auseinandersetzt. "Solche Testduelle können durchaus kritische Funktion haben. Anderseits ist Verbrauchermanipulation das Standardmotiv von Werbung und Produktplatzierung", betont Bleicher. Die Erfahrung zeigt, dass gerade Ratgeber- und Testformate anfällig dafür sind. So deckte der "Spiegel" zur Jahrtausendwende auf, dass das ZDF bei seiner Ratgebersendung "Gesundheit" eng mit Pharmaherstellern kooperierte und auch wissenschaftlich umstrittene Heilmethoden und Produkte empfahl. Firmen, die etwa Asthmamittel herstellen, wurden als "Kooperationspartner" zu dem Thema eingeplant. Hersteller von Hormonpräparaten unterstützten eine Sendung zu den Wechseljahren finanziell.

Starkoch als Trickfigur – werbewirksam umrahmt von den Firmenlogos der Fast-Food-Ketten. Screenshots: www.zdf.de
Starkoch als Trickfigur – werbewirksam umrahmt von den Firmenlogos der Fast-Food-Ketten. Screenshots: www.zdf.de

Christian Deick vom ZDF beteuert auf Kontext-Nachfrage, dass alle Testduelle – neben den Schnellrestaurants traten auch schon führende Modelabels, Discounter und Automarken bei den Mainzern an – einwandfrei abliefen. "Wir gehen sehr sensibel und mit einer grundkritischen Haltung an die Markenduelle heran", so der Redaktionsleiter von ZDF-Zeit. Es komme immer darauf an, was die Testsendungen abbildeten. "Wir zeigen auch kritische Bereiche wie die Arbeitsbedingungen in den Unternehmen", argumentiert Deick. Auch weist er die Kritik zurück, dass sich ausschließlich Branchenriesen vor Millionenpublikum duellieren dürfen, während kleineren Mitbewerbern publicityträchtige Auftritte verwehrt werden. "Ich halte es für legitim, die umsatzstärksten Unternehmen der jeweiligen Branche zu präsentieren." Eine solche Darstellungsform sei im internationalen Dokumentargenre völlig üblich. Kein Problem hat Deick auch damit, wenn Firmennamen und Unternehmenslogos während eines Beitrags dutzendfach genannt und gezeigt werden. "Wenn wir über ein Unternehmen berichten, dann muss ich auch dessen Namen nennen. Wie sollen wir das anders machen?"

Schwarz-Gelb legalisierte Produktplatzierungen

Anders als früher tun die Sender nichts Verbotenes, wenn sie Produkte oder Marken in Fernsehfilmen, Dokumentationen oder Shows in den Vordergrund rücken. Seit 2010 eröffnet eine EU-Richtlinie die Möglichkeit zur Produktplatzierung. "Deutschland hat diese Richtlinie in nationales Recht umgesetzt, ohne es tatsächlich zu müssen", erläutert Thorsten Giebel, Koordinator Programm und Werbung bei den Landesmedienanstalten. Offenbar wollte die damalige schwarz-gelbe Bundesregierung den Privatsendern eine neue Einnahmequelle verschaffen. Denn diese dürfen jedes Mal kassieren, wenn etwa Getränkeflaschen in Daily Soaps rumstehen oder Reiseveranstalter Traumurlaube in Spielshows ausloben. Den öffentlich-rechtlichen Sender sind dagegen laut Rundfunkstaatsvertrag nur unentgeltliche Produktplatzierungen gestattet, etwa durch Überlassung von Fahrzeugen bei "Tatort"-Produktionen. Diese Vorgabe gilt jedoch nur für Eigen- und nicht für Fremdproduktionen. Konkret erlauben die ZDF-eigenen Werberichtlinien die Erwähnung oder Darstellung von Produkten nur, "wenn und soweit sie aus journalistischen oder künstlerischen Gründen, insbesondere der realen Umwelt, zwingend erforderlich ist". Bei der Art der Darstellung sei "nach Möglichkeit die Förderung werblicher Interessen zu vermeiden", etwa indem Marktübersichten statt Einzeldarstellungen bevorzugt werden oder auch auf werbewirksame Kameraführung verzichtet werde.

ZDF-Pressebilder zu den Duellen: Massive Markenwerbung inklusive. Fotos: ZDF
ZDF-Pressebilder zu den Duellen: Massive Markenwerbung inklusive. Fotos: ZDF

Nichtsdestotrotz gehört es bei den Öffentlich-Rechtlichen zum Alltag, dass Geld und Sachleistungen von Unternehmen auch außerhalb der festen Werbezeiten fließen. So kommen Sportereignisse, Daily Soaps und Quizshows heute nicht mehr ohne Sponsoren aus, die für Werbespots und Logo-Platzierung bezahlen oder Gewinnspiel-Preise stellen. Ob bei Verbrauchermagazinen auch die Testkandidaten in die Kasse greifen, bleibt eine Gretchenfrage. "Ich habe den Eindruck, dass Sendeplätze gekauft werden", sagt Medienwissenschaftlerin Bleicher. Denkbar sei auch, dass Testauftritte mit Werbespotschaltungen kombiniert würden. ZDF-Redaktionsleiter Deick widerspricht auch hier vehement: "Es floss kein Geld von den Unternehmen."

Auftritte in Vergleichstests sind unbezahlbar

Tatsächlich gehören nahezu alle Testkandidaten zu den treuesten Werbekunden der Sender. Und die teuren TV-Spots sind für die Anstalten eine lukrative Einnahmequelle. Für eine Unterbrecher-Splitscreen um 19.49 Uhr, ausgestrahlt am Übergang vom Serienfilm zur anschließenden Werbeunterbrechung, verlangte das ZDF im Mai 1224 Euro – pro Sekunde. Noch kostspieliger ist die "Best Minute" der ARD, die derzeit vom ehemaligen Testkandidaten "Bauhaus" belegt wird: Für einen Spot direkt vor der "Tagesschau" sind bis zu 2663 Euro pro Sekunde fällig. Wollte ein Unternehmen eine 45-minütige Testsendung zur Primetime buchen, müsste es den Mainzelmännchen rein theoretisch rund 3,3 Millionen Euro hinblättern. Im Ersten würde der lukrative Sendeplatz bis zu 7,2 Millionen Euro kosten. Tatsächlich verursacht ein Auftritt in Ratgeberformaten dem getesteten Unternehmen kaum Kosten: in der Regel fallen sie nur für eigenes Personal an, das die Drehs in Filialen oder Betrieben koordiniert. Somit bringt die Verknüpfung von Werbung und Verbraucherinformation für alle Beteiligten eine Win-win-Situation.

Dabei sind Produkt- oder Warentests im Fernsehen nichts Neues, auch nicht bei den Öffentlich-Rechtlichen, erwähnt Medienexpertin Bleicher. Doch während Kaffeesorten oder Blumendünger früher fast ausschließlich in Magazinen und Ratgeberserien in zuschauerschwachen Zeiten unter Tage ausgestrahlt wurden, präsentieren die Sender Marken- und Produkttests zuletzt immer häufiger auch zur Primetime. "Es ist erkennbar, mit derartigen Ratgebersendungen Quote machen zu wollen", so die Medienwissenschaftlerin Bleicher. Die Chancen dafür sind nicht schlecht. "Die Themen treffen schließlich Verbraucherinteressen", sagt die Expertin. So hat neben dem Zweiten auch die ARD Anfang 2012 ein derartiges Format auf dem besten Sendeplatz etabliert. Anders als die Mainzelmännchen untersucht das Erste in seiner Reihe "Marken-Check" meist nur ein Unternehmen und dessen Produkte. Mitunter nahmen beide öffentlich-rechtlichen Sender schon die gleichen Discounter, Modelabels und Baumärkte unter die Lupe.

Vermarktungsprofis entzückt dies grundsätzlich. "Die Werbewirtschaft braucht die Massenmedien und Meinungsbildner", sagt Professor Franco Rota, der an der Stuttgarter Hochschule der Medien (HdM) Werbung und Marktkommunikation sowie Public Relations lehrt. Denn je häufiger Name und Logo eines Unternehmens in den Medien präsent sind, desto besser ist es aus Marketingsicht. "Jede Produktplatzierung im redaktionellen Teil einer TV-Sendung oder Zeitung ist ein Erfolg für Werber und PR-Leute", und Rota betont damit, wie wertvoll die Verbreitung auf diesem Weg ist. Erst recht feiern Agenturen, wenn Produkt oder Marke in Ratgebermagazinen positiv abschneiden oder aus Vergleichstests als Sieger hervorgehen. "So etwas verbessert natürlich gewaltig das Image", verdeutlicht Rota. Dabei ist der ideele Wert meist sehr hoch. "Ein redaktioneller Test besitzt eine höhere Glaubwürdigkeit als Zeitungsanzeigen oder TV-Spots", verdeutlicht Rota.

Erstaunliche Testergebnisse: bei ZDFzeit siegte McDonald´s, knapp einen Monat zuvor hatte noch Burger King bei ZDF-Wiso die Nase deutlich vorne. Screenshots: www.zdf.de
Erstaunliche Testergebnisse: bei ZDFzeit siegte McDonald´s, knapp einen Monat zuvor hatte noch Burger King bei ZDF-Wiso die Nase deutlich vorne. Screenshots: www.zdf.de

Doch Produkt- oder Markentests sind auch riskant. Ein negatives Testurteil kann dem betroffenen Unternehmen ernsthafte Imageprobleme bescheren. Der gescheiterte Elchtest der ersten Mercedes A-Klasse gilt als klassisches Beispiel dafür. Zuletzt deckte Günter Wallraff Ende April bei RTL gravierende Hygienemängel in einem Franchise-Betrieb von Burger King auf, was den Umsatz in den Schnellrestaurants des Unternehmens einbrechen ließ. Nur rund eine Woche nach Aufdeckung des Skandals sendete das ZDF sein großes Burger-Duell.

Binnen Monatsfrist wechselte der Bulettensieger

Das Timing hätte nicht besser sein können. Vor allem junge Zuschauer interessierten sich für das Duell und bescherten dem Zweiten einen starken Marktanteil in der Zielgruppe, berichtet das Branchenportal "horizont.net". "Nelson Müllers Burger-Duell verdoppelte die ZDF-Einschaltquote", lobte die Produktionsfirma sich selbst. Insgesamt 3,19 Millionen Zuschauer wollten wissen, welche Hamburgerkette am Ende die Nase vorne hatte. Es war wundersamerweise McDonald's – während im ZDF-Wirtschaftsmagazin "WISO plus" beim Duell "Burger King vs. McDonald's" knapp einen Monat zuvor noch Burger King als klarer Sieger den Ring verließ. Vermutlich hatte der Hygieneskandal die Mainzelmännchen zur radikalen Ergebniskosmetik gezwungen.

"Die Zuschauer sollten sich immer kritisch mit den Inhalten solcher Testsendungen auseinandersetzen", rät die Medienexpertin Joan Kristin Bleicher. Und sich an den Sender zu wenden, wenn Werbebotschaften den Informationswert überlagern. Zuschauerkritik gibt es an den Markentests bereits. So entfachte das Vergleichsduell "BMW gegen Mercedes", ausgestrahlt in der ZDF-Zeit-Reihe im vergangenen Oktober, einen Shit-Storm im Internet. Die "ZDF-Propagandazeit" betreibe "zwangsfinanzierte Autowerbung", so ein Vorwurf. Und auch die Redaktion des ARD-Markenchecks sah sich schon mit kritischen Fragen konfrontiert, etwa nachdem  der größte deutsche Discounter in kurzem Abstand wiederholt getestet wurde. "In zwei Jahren kann schließlich viel passieren", so die wenig überzeugende Begründung der Redaktion.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?

Kommentare

hiro, 16.06.2014 10:12
Ich erinnere mich an einen Baumarkt-Vergleich im ZDF vor ein paar Wochen. Da traten OBI, Bauhaus und IIRC Hagebau in verschiedenen Disziplinen an.

Unter anderem wurde Laminat bei unsachgemäßer Verwendung verglichen. Überraschend hat die Kette gewonnen, bei der die Tester mal eben doppelt soviel für das Produkt ausgegeben hatten (also nicht Billigstware wie bei den Konkurrenten).

Bei solchen "Vergleichen" wundert einen gar nichts mehr.

Moe, 13.06.2014 19:09
„Doch während Kaffeesorten oder Blumendünger früher fast ausschließlich in Magazinen und Ratgeberserien in zuschauerschwachen Zeiten unter Tage ausgestrahlt wurden, präsentieren die Sender Marken- und Produkttests zuletzt immer häufiger auch zur Primetime.“

Interessant. Abgesehen davon, dass ich von Fernsehsendern in Bergwerken bislang nichts vernommen hatte, wundert mich doch, dass man sich da solch oberirdischen Themen widmete.

Werner, 13.06.2014 17:54
Ilse K.

Ich weiß nicht, wo Sie stehen, aber sicherlich klären Sie mich auf.

Kassandra72, 13.06.2014 08:10
Sendungen wie diese bestätigen mich nur noch in meiner Meinung, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen so überflüssig wie ein Kropf ist und ich einen Grund mehr habe, die Zahlung der Zwangsgebühren zu verweigern.

k, 12.06.2014 14:58
So sehr man diese Sendung sicherlich kritisieren kann, bei dem Satz

"Wenn wir über ein Unternehmen berichten, dann muss ich auch dessen Namen nennen. Wie sollen wir das anders machen?"

muss ich dem ZDF zustimmen.

mambo, 12.06.2014 09:58
jeden abend zwischen 18 und 20 uhr pharma -dauerwerbung
auf ard und zdf ,und zwar für zweifelhafte "medikamente " !
vitasprint ,thermacare ,neurexan ,baldrian ,dulcolax ,usw.
es schon eine frechheit ,was da abläuft .

Thomas, 12.06.2014 09:20
@FernDerHeimat: Ich würde sie gerne ignorieren, aber 18 geklaute Euro pro Monat sind 24 Kinobesuche im Jahr. RTL kann ich ignorieren, die bezahle ich nicht. Wenn ich aber eine Leistung inklusiver überteuerter Pappnasen wie Lanz, Kerner etc. finanzieren soll, dann bitte entsprechend dem, wofür der ÖR geschaffen worden ist.

Tillupp, 11.06.2014 15:10
Und ich dachte, es geht in dem Artikel um Medien, und wie sie den Zugang zu unseren Wohnzimmern nutzen um Produkte in unsere Köpfe zu bekommen. Wie dumm von mir, es geht euch tatsächlich um die Frikadellen selbst. O.K. hab's jetzt kapiert. Aber während wahrscheinlich ZDF und ARD (bzw. deren Produzenten) viel Geld dafür bekommen dass sie das Ausstrahlen, sollte Kontext sich nicht deshalb auch gleich zum willigen Sprachrohr machen. Auch auf dem Markt und Macht Aufmacher würde das ZDF-Wiso -Logo alleine ausreichen, ohne die eklige Kohlenhydrat-Fett-Pampe um Salatblätter und es würde, wenn es schon unbedingt sein muss, auch ein Bild ausreichen, statt mindestens 8 (acht!). Auch die Größe der Logos könnte unterschiedlich dominant sein, wie man z.B. bei den Bekleidungsfirmen Bildern mit H&M bzw. C&A sieht.

Ingeborg Zahrnt, 11.06.2014 14:51
Erstens hat die schwarz-gelbe Bundesregierung damit nichts zu tun, weil der Rundfunkstaatsvertrag Landesrecht ist, Und zweitens ist Product-Placement in Ratgebersendungen auch nach der Liberalisierung des Rundfunkstaatsvertrages verboten.

Was die Vorgänge nicht besser macht, aber hier wird der falsche Eindruck erweckt, solche Praktiken seien legalisiert worden.

Redaktion Kontext:Wochenzeitung, 11.06.2014 14:45
@ Tillupp in Sachen "Handlungsaufforderung" die Logos der getesteten Unternehmen auf unserem Bildmaterial zu verpixeln:

Der Beitrag will die Vorgehensweise der Sender bei derartigen Formaten möglichst authentisch darstellen. Eben auch anhand von Screenshots, die die massive Produkt- und Namensplatzierung dokumentieren. Kontext vorzuwerfen, wir würden dadurch wie ARD und ZDF (Schleich-)Werbung für die Bulettenbrater betreiben, ist Äpfel mit Birnen vergleichen. Die TV-Markenduelle bringen mit Marken und Produkten Eigenschaften (günstig, (un)gesund, schneller Service, etc.) in Verbindung, die je nach Präsentation mehr Verbraucherinformation oder mehr werblich sind. Der Kontext-Beitrag (be-)wertet nirgends die Testprodukte oder Testfirmen, sondern untersucht ausschließlich das Testformat an sich.

Die zitierte Medienwissenschaftlerin warnt vor Manipulation. Wir versuchen aber niemanden zu manipulieren mit unverpixelten Logos - insofern sollte man den Ball flach halten.
Auch hinkt der Vergleich mit der taz: die Berliner Kollegen verpixeln Werbelogos auf Fußballtrikots - weil die Logos eben nichts mit dem Fußballspiel(bericht) zu tun haben.

Zu guter Letzt: Ginge es nach Tillupp, dann müssten in dem Beitrag auch ZDF und ARD verschwiegen und deren Logos verpixelt werden. Und in der aktuellen Kontext dürften weder Daimler noch Deutsche Bahn, noch Grüne und CDU genannt und gezeigt werden. Werbung für Konzerne und Parteien wollten wir damit bestimmt nicht machen .....

Ilse K., 11.06.2014 13:02
"Der Verbraucher ist doch selbst Schuld.." oder "Wenn keiner mehr hingehen würde..". Diese Märchen haben uns da hin gebracht wo wir jetzt stehen - aber das wissen Sie bestimmt.

Tillupp, 11.06.2014 12:45
Der Zweite Beitrag (@Tillupp, 11.06.2014 10:59) von mir war eigentlich KEIN Leserbrief, sondern eine Handlungsaufforderung die Markenschriftzüge zu beseitigen. SOFORT BITTE. Ich werde umgehend die TaZ darauf hinweisen vor Drucklegung die betroffenen Bilder zu verpixeln, damit diese nicht auch noch in Papierform bundesweit verteilt werden, oder aber, diesen Artikel gar nicht zu drucken. Kontext als Trojanisches Pferd, wer hätte das gedacht.

Werner, 11.06.2014 11:57
Der Verbraucher ist doch selbst Schuld. Ich war vor 30 Jahren meinen Kindern zuliebe einmal in so einem Schuppen. Seither überlasse ich anderen die Chance, den Fraß zu konsumieren. Wenn keiner mehr hingehen würde, könnten diese Unternehmen ihre Restbestände kostenlos den Fernsehverantwortlichen überlassen. Die könnten dann einen Film darüber drehen, wer (Intendant, Redakteur oder Fernsehdirektor) das Zeug am besten kotzt. Würde ich auch anschauen.

N_K, 11.06.2014 11:10
Warum dürfen denn die "Öffentlichen" mit sogenannter "Werbung" die Empfangslaune der Noch-Zuschauer total verderben, wenn sie doch bereits über die GEZ Volksverärgerung betreiben?

Entweder - wenn üpberhaupt - ANGEMESSENE, keine PHANTASIE-Gebühren und KEINE Werbung, oder - wie die Privaten - Werbung und KEINE GEZ-Abzocke.

Zur Zeit hilft bei dem allgemein gesendeten Mist und Dreck sowieso nur:

A U S S C H A L T E N !!!

Außer Volksverblödung läuft in Deutschland samt seinen europäischen Nachbarn sowieso nichts mehr - und der AMI taugt eh nur noch fürs "In-der-Pfeife-rauchen" - sonst für GAR NICHTS!

Tillupp, 11.06.2014 10:59
Ihr könntet wenigstens die Bilder oben verpixeln. das geht auch jetzt noch. Die TaZ machte es vor, und weigert sich sogar Fußballspielertrikots mit lesbarem Aufdruck abzulichten. Mac-doof und Frikadellen-König lachen sich ein weiteres Mal ins Fäustchen. ...Rechnung aufgegangen. Außerdem könntet ihr eine Rechnung an MD und BK stellen, für die zur Verfügung gestellte Werbefläche.

Tillupp, 11.06.2014 10:49
@Bernd: Volle Zustimmung. Dauerwerbesendung sollte oben links stehen wie bei Raabs Wok-WM. Ich bekam zuletzt von einem Bissen Mc-Fraß Sodbrennen (zum Frikadellen-König gehe ich nicht mehr wegen der Knorpelanteile im Brät), das wird auch nicht erwähnt, und dass die Kaloriendichte viel zu hoch ist meist auch nicht. Wenn schon vergleich, dann bitte Fraß (egal welche Marke) gegen Döner und belegte Brötchen vom Bäcker oder die echten Fleischküchle-Weckle vom handwerklichen Metzger, also echte Alternativen, statt gleiches in verschiedenen Tüten.

@Christian Deick: "Wenn wir über ein Unternehmen berichten, dann muss ich auch dessen Namen nennen. Wie sollen wir das anders machen?"
-> Bei Galileo habe ich solche Tests schon gesehen. Billig gegen teuer z.B.: gestern Abend bei Fernseh-Beamern. Kein einziger Schriftzug war zu sehen, obwohl ich mich echt bemüht habe einen zu finden.

FernDerHeimat, 11.06.2014 07:41
Da man diese Sender eh zwangsfinanziert, ist die beste Reaktion sie komplett zu ignorieren. Die befangene Berichterstattung bei NSU wie NSA und infame Russenhetze der letzten Monate hat das der Öffentlichkeit (hoffentlich) verdeutlicht.

Aber wenn's schon gerade um Kommerz und Gier geht, dann sollte man definitiv mal auf diesen Artikel verweisen:

http://www.nachdenkseiten.de/?p=21980

Bernd, 11.06.2014 01:39
Also im Artikel wird zurecht auf die Schleichwerbung aufmerksam gemacht.
Warum aber macht Kontext genau den gleichen Quatsch?

Kommentar hinzufügen




CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.


* Pflichtfeld!

Letzte Kommentare:

Ausgabe 248 / Annington heißt jetzt Vonovia / Manu, 30.09.2016 23:19
Vonovia ist eine Firma die nicht geht. Der eine weiß nicht was der andere macht. Sie haben viel Altenwohnungen wo man einfach trotzdem drei Monate Kündigungsfrist hat. Finde ich persönlich nicht okay da es bei alten Leuten schnell...

Ausgabe 287 / Schönrechnen für Fortgeschrittene / by-the-way, 30.09.2016 20:50
Ich kann es nur immer wieder sagen: höchste Zeit, diesen Herrn Bahnvorstand juristisch zu bejagen und zur Strecke zu bringen. Mt seinen öffentlich getätigten Aussagen zu den Kosten für Stuttgart 21 hat der sich doch schon "um Kopf...

Ausgabe 287 / Holy Hooligans / Rolf Steiner, 30.09.2016 15:55
Will Dein Gott, dass fundamentalistische Christen eine Zwangsherrschaft à là Islamistischer Staat errichten? Und Menschen anderen Glaubens in widerwärtigster Weise "bezwungen" werden? Gerade in den USA sind alle rückwärts...

Ausgabe 287 / Riskant, aber richtig / Georg, 30.09.2016 09:27
Parlamentarier bilden Fraktionen, nicht Parteien. Wir sind es nur nicht gewohnt :)

Ausgabe 287 / König mit Migrationshintergrund / Zaininger, 29.09.2016 23:13
Wo sind wir, dass ein 80-jähriger norwegischer Monarch bei klarerem Verstand ist, als 20 bis 30% deutscher Normalbürger? Migrationshintergrund, ob aus Dänemark, England, Oberschlesien, Togo oder Syrien hilft offensichtlich - zumindest...

Ausgabe 287 / Behinderung kostet / Klaus, 29.09.2016 22:37
Die letzte Antwort entlarvt doch die beschränkte Sicht. In welchem Land geht es denn Menschen mit Behinderung in ihrer Gesamtheit wirklich besser als in Deutschland?

Ausgabe 287 / So soll es nicht seyn / by-the-way, 29.09.2016 20:00
6. Jahrestag des BW-Regierungs-Terrorismus.... Und die Mappus- Gönner - Rech - Stumpf - Bande befindet sich immer noch auf freiem Fuß, anstatt, wie es in einem echten demokratischen Rechtsstaat selbstverständlich sein...

Ausgabe 287 / Holy Hooligans / Paul, 29.09.2016 18:06
Möglicherweise muss ich denen entschlossen entgegentreten, die uns unterstellen, wir handelten aus rein menschlichen Beweggründen. Wir sind zwar Menschen, doch wir kämpfen nicht mit menschlichen Mitteln. Wir setzen die mächtigen Waffen...

Ausgabe 287 / Gefährliche Toleranz / Rolf Gehrmann, 29.09.2016 13:46
Gut, dass Salzborn versucht, die Geschichte der Radikalisierung des rechten Milieus aufzuarbeiten. Was bei ihm allerdings immer eine Leerstelle bleibt, ist die spezifische Feindbilderklärung des rechten Alltagsbewußtseins, die sich...

Ausgabe 287 / Holy Hooligans / Zaininger, 29.09.2016 00:29
Danke für den Bericht. Da weiß man doch wenigstens, was für Armeen von Betern und Knalltüten auf Gottes Acker so unterwegs sind und sich für allerlei Unsinn erwecken lassen.

Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!