KONTEXT Extra:
Aras legt sich mit Erdogan an

Die Stuttgarter Grünen-Abgeordnete und Landtagspräsidentin Muhterem Aras hat die deutschtürkische Community aufgefordert, sich mit dem Verfassungsreferendum am 16. April kritisch auseinanderzusetzen. Von den Imamen wünscht sich die Stimmenkönigin ihrer Partei bei den Landtagswahlen 2016, dass die "in den Freitagspredigten zu einem respektvollen und fairen Umgang miteinander aufrufen und die hier geltenden Werte von Meinungs-, Presse- und Religionsfreiheit entschieden weitergeben". Sie selber verzichte derzeit auf Reisen in die Türkei, "weil ich nicht weiß, ob ich mich dort frei bewegen könnte". Zugleich müssten sich Demokraten weigern, sich zu Feinden der Türkei machen zu lassen. Aras nutzte eine Landtagsdebatte zum 60. Geburstag der EU auch zu scharfer Krtik am türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, weil der "auf das Infamste" gebaute Brücken wieder einreißen und die Gesellschaft spalten wolle. Von den Vertretern AKP-naher Institutionen erwartet die Grüne eine öffentliche Distanzierung von den "die Opfer verhöhnenden Nazivorwürfen". Im Südwesten dürfen insgesamt rund 230 000 Türken am Referendum teilnehmen – und zwar vorab: Die Wahl beginnt bereits am 27. März und endet am 9. April. (22.3.2017)

Mehr zum Thema: "Meister der Feindbilder", "Unverschämt und dumm"


Stuttgart 21: Aktionsbündnis warnt Aufsichtsrat

Drei Tage vor einer Sitzung des DB-Aufsichtsrats verlangt das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 erneut eine "faktenehrliche Bestandsaufnahme". Sollte sich der Aufsichtsrat wieder um die Auseinandersetzung drücken oder gar unbeirrt den Weiterbau beschließen, so Eisenhart von Loeper, schädige er wider besseres Wissen das Vermögen der Deutschen Bahn AG. "Das würde", erklärt der Bündnissprecher weiter, "den Tatbestand der Untreue erfüllen." Eine strafrechtliche Aufarbeitung sei die Konsequenz; darauf habe das Bündnis zuletzt am 11. März 2017 den Aufsichtsrat per Brief hingewiesen.

Ihren Appell richten die Stuttgart-21-Gegner nicht nur an den Vorsitzenden des Aufsichtsrats Utz-Hellmuth Felcht, sondern auch an den designierten Vorstandsvorsitzenden Richard Lutz. Als erstes sei "eine Bestandsaufnahme der ungelösten Probleme und hohen Risiken notwendig, die sich an den Realitäten und nicht an den Gesichtswahrungsproblemen der politisch Verantwortlichen orientiert". Von Loeper argumentiert damit, dass sich das Projekt "jenseits aller wirtschaftlichen Rationalität bewegt", und mit dem weiter offenen Brandschutz. Außerdem solle der Aufsichtsrat "endlich zur Kenntnis nehmen, dass sich die DB mit S 21 einen Dauerengpass für viel Geld baut, der den Bahnverkehr behindert und den viel beschworenen Deutschlandtakt im Südwesten irreversibel unmöglich macht". Nach der Devise "Politik beginnt mit der Kenntnisnahme der Realität" will das Aktionsbündnis den neuen Bahnchef zu Gesprächen einladen, bei denen sie ihm auch die von der Bürgerbewegung entwickelten Alternativen zum Weiterbau erläutern wollen. Deren "ernsthafte Prüfung" wünscht sich nach einer repräsentativen Umfrage von infratest dimap in Baden-Württemberg sogar eine Mehrheit der Projektbefürworter. (19.3.2017)

Mehr zum Thema: "Bahnfeinde im Bahnvorstand"


IHK will nicht mehr gegen Kakteen polemisieren

Auch ein Vergleich kann ein Erfolg sein: Vor dem Verwaltungsgericht Stuttgart akzeptierte die IHK Region Stuttgart die Feststellung, dass sie in der Vergangenheit mit Angriffen gegen die IHK-Rebellen der Kaktus-Initiative ihre Kompetenz überschritten hat. Stein des Anstoßes waren zwei IHK-Pressemitteilungen, in denen Hauptgeschäftsführer Andreas Richter gegen die Kakteen polemisiert habe, so Kaktus-Mitglied Klaus Steinke, der in der Folge Klage eingereicht hatte.

Konkret einigten sich die Streitparteien am heutigen Donnerstag, den 16. März, auf folgenden Vergleich: Die IHK Region Stuttgart erklärt, "dass ohne Beratung und Beschlussfassung durch die Vollversammlung keine weiteren öffentlichen Äußerungen der IHK und ihrer Organe über Binnenkonflikte, die keine wirtschaftspolitischen Positionen betreffen, abgegeben werden", und dass es den beiden strittigen Pressemitteilungen "an einer solchen Beratung und Beschlussfassung mangelte". Außerdem trägt die IHK trägt die Kosten des Verfahrens von 5000 Euro.

Für Steinke ist es "ein gutes Ergebnis, weil es die Transparenz innerhalb der IHK stärkt, und weil es deutlich die Frage artikuliert, was Geschäftsführer und Präsident dürfen und was nicht". Zwar wäre es, so Steinke, spannend gewesen, wenn das Gericht in einem Urteil Grundsatzregeln für die Öffentlichkeitsarbeit der IHK aufgestellt hätte. Aber er sei mit dem Vergleich zufrieden, "weil es mir in der Sache nicht darum geht, zu siegen, sondern eine Veränderung innerhalb der IHK zu bewirken". Zudem habe das Ergebnis, so hofft Steinke, auch "eine Signalwirkung auf andere IHKs".

Die Kaktus-Initiative, 2011 gegründet, kritisierte in den letzten Jahren immer wieder intransparente Wahlverfahren und die offizielle Pro-Haltung der IHK zu Stuttgart 21. (16.3.2017)

Mehr zum Thema: "Rebellen im Weinberghäusle" und "Die IHK wackelt nicht".


Afghanistan-Rückkehrer bekommt zweimonatiges Arbeitsvisum

Es ist ein kleines Wunder. Denn trotz der mannigfaltigen Unterstützung in den vergangenen Wochen, glaubten nicht viele seiner Freunde wirklich daran, dass der Zahnarzt Ahmad Shakib Pouya, der in einem französischen Krankenhaus in Herat gearbeitet hat, zurück in die Bundesrepublik kommen kann. Pouya war in seiner früheren Heimat von den Taliban bedroht, floh 2010 nach Deutschland. Hier war er einer der Hauptdarsteller in der vielbeachten Produktion der Mozart-Oper "Zaide" und hatte eine doppelte Zusage auf Festanstellung – vom Münchner Gärtnerplatztheater und der IG Metall. Dennoch wurde er zur Abschiebung vorgesehen, weshalb er am 20. Januar 2017 ausreiste. Seither machten seine Unterstützer vom im Mai 2014 gegründeten Stuttgarter Verein "Zuflucht Kultur. Entweder. Oder. Frieden." bundesweit auf sein Schicksal aufmerksam. Auch mit einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), mit der Bitte um "ein Visum und ein langfristiges Bleiberecht als wertvoller Bürger unseres Landes".

Jetzt kam die gute Nachricht. Der 33-Jährige kann für zwei Monate zurück nach Deutschland. Mitausschlaggebend dürfte ein Schreiben von Georg Podt gewesen sein, dem Intendanten des kommunalen Münchner Kinder- und Jugendtheaters "Schauburg", der Pouya in einer Neuinszenierung von Rainer Werner Fassbinders "Angst essen Seele auf" als Hauptdarsteller besetzt hat. Die Proben sollen in der kommenden Woche beginnen, Premiere wird am 22. April sein. Mitte Mai läuft das Visum aus. Pouya will gemeinsam mit dem Verein die Zeit nutzen, um das angestrebte dauerhafte Bleiberecht zu bekommen. Die Chancen stehen angesichts der 2015 eigentlich gelockerten Regelungen gar nicht so schlecht. Allerdings werden die nach den Erkenntnissen von Pro Asyl oder dem Flüchtlingsrat viel zu selten von den Behörden angewandt.


SPD-Parteitag: 93,99 Prozent für Leni Breymaier

Noch mehr wäre kitschig gewesen: Die frühere Verdi-Bezirksleiterin Leni Breymaier wurde mit 93,99 Prozent der Stimmen auf dem Parteitag in Schwäbisch Gmünd zur SPD-Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl am 24. September gekürt. Damit zieht die Südwest-SPD erstmals seit ihrer Gründung 1952 mit einer Frau und – überhaupt erst zum zweiten Mal – auch mit einer VertreterIn des linken Flügels in einen Wahlkampf für den Bundestag. Zuvor hatte die 56-Jährige einen engagierten, kreativen Wahlkampf ohne Hass, ohne Lügen und ohne Beleidigungen versprochen. Sie werde kämpfen um jedes Zehntelprozent. Als Sinnbild präsentierte sie zwei Löwen, einen roten aus dem 3D-Druck und ein Steifftier, die "uns zum Sieg führen werden".

Wie ein Popstar wurde schon bei seinem Einzug in die Halle Martin Schulz gefeiert. "Mit jedem Mann und jeder Frau steht die SPD in Baden-Württemberg hinter dir", so Breymaier, die Schulz als "den künftigen Kanzler" vorstellte. Schulz selber erklärte, die SPD wolle stärkste Partei in der Bundesrepublik werden und er selbst die nächste Bundesregierung führen: "Wir haben eine gute Chance." Inhaltlich widmete sich der künftige SPD-Bundesvorsitzende in seiner halbstündigen Rede auch dem von CDU, FDP und den Arbeitgeberverbänden kritisierten Vorschlag, im Falle einer Qualifizierung die Bezugsdauer des Arbeitslosengeld II zu verlängern. Nicht von dieser Zeit hänge die Wettbewerbsfähigkeit der Bundesrepublik Deutschland ab, sondern von Qualifizierung von Facharbeiterinnen und Facharbeitern. Deshalb müsse die Bundesagentur für Arbeit zu einer Bundesagentur für Arbeit und Qualifizierung umgebaut werden. Grundsätzlich widersprach er auch Kritikern, die "mir Sozialromantik vorwerfen". Die SPD wolle "nicht 82 Millionen Einzelschicksale in die Hand nehmen". Wer aber ins Kanzleramt der Bundesrepublik Deutschland einziehe, der müsse "im Herzen ein Gefühl für die Alltagsprobleme der Menschen haben".

Mehr zum Thema: "Leni, vidi, vici"


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 Sogar teamfähig: Clemens Bratzler, der künftige starke Mann beim SWR. Foto: SWR/Alexander Kluge

Sogar teamfähig: Clemens Bratzler, der künftige starke Mann beim SWR. Foto: SWR/Alexander Kluge

Ausgabe 164
Medien

Bratzler soll's bringen

Von Josef-Otto Freudenreich
Datum: 21.05.2014
Der Südwestrundfunk (SWR) bekommt eine neue Fernseh-Chefredaktion. Erster Anführer wird der Mainzer Fritz Frey, zweiter der Stuttgarter Aufsteiger Clemens Bratzler. Er soll der starke TV-Mann in der schwäbischen Landeshauptstadt werden, gefördert von der grün-roten Regierung.

Wenn über einen gut geredet wird, was selten genug ist im SWR, dann über Clemens Bratzler. Frisch, forsch, Vollprofi. Der gebürtige Wiesbadener, Jahrgang 1972, Leiter der Wirtschaftsredaktion, wird hoch gelobt ob seiner Talente als Moderator, als Journalist und Führungsfigur. Für einen Hierarchen im Sender besitze er die ungewöhnliche Eigenschaft der Teamfähigkeit, sagen sogar Kollegen. Und er soll, erzählen sie weiter, bisweilen andere Meinungen haben als so manch gut eingerichteter Abteilungsleiter, der auch weiblich sein kann und Grün-Rot immer noch für einen Betriebsunfall hält. Nach der Kür von Christoph Hauser zum Fernsehdirektor (2012) wird Bratzler die zweite Spitzenpersonalie sein, die nicht ins schwarze Schema passt.

Die Chefredaktion in einer öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalt ist wichtig. Sie ist für sämtliche Nachrichten zuständig, die heute rund um die Uhr gesendet werden. Im Südwesten sind das unter anderem "Baden-Württemberg aktuell", die "Landesschau", "Zur Sache Baden-Württemberg", eben alles, was über die "Fallers" hinaus informiert. Das ist nicht die Stärke des SWR, da braucht es Innovation, weshalb zum Beispiel um 19.30 Uhr eine halbe Stunde lang eine Art "Tagesthemen light" präsentiert werden soll. Ab November. Dafür wird schon kräftig geübt, mit mächtig Bammel, weil das eigentlich kaum einer kann. 

Einer wie Bratzler könnte das können. Andererseits muss er auch noch ein Auge auf das Nationale und Internationale werfen. Auf "Brennpunkte", wenn's brennt, auf Features und Dokumentationen für die ARD, auf die Auslandsredaktion und ihre Korrespondenten in Kairo, Genf und Rio, und, ganz wichtig, auf die Kommentare in den ARD-"Tagesthemen". Aus Stuttgart hat das bisher Michael Zeiß gemacht, der noch amtierende, der SPD zugerechnete Chefredakteur. Im Herbst wird der unauffällig gebliebene Zeiß in Rente gehen.

Der Mann mit der Weste – schwarz oder rot?

Nun darf man annehmen, dass es dem ehrgeizigen Bratzler lieber gewesen wäre, gleich richtiger Chef zu werden, aber dagegen spricht die Eigenheit der zweitgrößten ARD-Anstalt. In einem Funkhaus, das aus zwei Ländern, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, sendet und sich entsprechend zwei Chefredakteure leistet, muss fein säuberlich darauf geachtet werden, dass die politisch-personelle Balance stimmt. Und da gibt es eben einen Chefredakteur in Mainz, der die älteren Rechte hat und dazu noch für geeignet gehalten wird, den Job in Stuttgart gleich mitmachen zu können. Er heißt Fritz Frey, ist 55 Jahre alt und dem Publikum als Moderator des Politmagazins "Report Mainz" vertraut. Sein Markenzeichen ist die Weste.

Fritz Frey, "Journalist mit Weitblick". Foto: SWR/Alexander Kluge
Fritz Frey, "Journalist mit Weitblick". Foto: SWR/Alexander Kluge

Frey entstammt dem ZDF, wo er Peter Voß und Bernhard Nellessen als "Vertreter eines engagierten TV-Journalismus" kennenlernte, folgerichtig mit ihnen zum Südwestfunk (SWF) zog und später zum SWR. Es war die Zeit der schwarzen Regentschaft nach der Fusion 1998, angeführt von Intendant Voß und seinem Ziehsohn Nellessen, dem Fernsehdirektor, dessen Stil und Seilschaften im Sender gefürchtet waren. Nellessen musste 2013 weichen, auch wegen anhaltender Erfolglosigkeit (Quotentief), verabschiedet mit einem goldenen Handschlag, der dem 55-Jährigen ein gesichertes Auskommen bis zur Rente ermöglicht. Aber er konnte seinem Vertrauten Frey noch die Tür nach Mainz öffnen. Zum Amt des Chefredakteurs, das der "Journalist mit Weitblick" (SWR) seit 2003 bekleidet.

Also nochmals ein Schwarzer? Das ist so eindeutig nicht, weil Frey auch mit der Kurt-Beck-SPD gut konnte, weiterhin mit den Genossen prima verdrahtet ist und sein "Report Mainz" nicht als konservatives Magazin gilt, wie etwa der Münchner "Report". Außerdem hält man es in diesen Kreisen heutzutage, so heißt es, mit der Äquidistanz, also mit gleichem Abstand zu allen. Immerhin: Die Enthüllungsgeschichte über die Leiharbeit bei Daimler lief unter der Ägide von Frey. Will sagen: Der Mann ist Journalist.

Intendant Boudgoust muss seinen Chefredakteur wieder ausladen

Die Frage ist eine andere. Nicht links oder rechts, sondern: kann der das? In Mainz sagen sie Ja. Keiner habe ihn je schreien hören, berichten Mitarbeiter, cholerisch sei er auch nicht, dafür unerschrocken und hoch interessiert. Frey selbst ließ schon vor sechs Jahren wissen, auch an freien Tagen sprängen ihn "10 000 Fragen" an. In Stuttgart meinen viele Nein. Zum Beispiel jene, die unter ihm arbeiten sollen. Als Fernsehdirektor Hauser seinen Frey im März vorstellen wollte, protestierte die Hauptabteilung Information so laut, dass SWR-Intendant Peter Boudgoust den Chefredakteur wieder ausladen musste. Ein einmaliger Vorgang. Die Stuttgarter Nachrichtenversender halten Frey für autoritär, diskussionsresistent, einen Nellessen-Nachfolger und einen Mainzer "Standort-Extremisten". Eine kleine Anekdote gefällig? Bittet ein Abteilungsleiter Frey darum, ihn zu fragen, bevor ihm eine Entscheidung präsentiert wird, blafft Frey zurück: Wenn ein Sumpf ausgetrocknet werden muss, fragt man nicht die Frösche.

So etwas hätte Vorsteher Zeiß nicht zu denken gewagt. Er war keiner, der seine Leute antanzen ließ und zur Minna machte, aber auch keiner, der dem SWR ein Gesicht gegeben hätte. Das kann der Mann mit der Weste besser. Aber das Wunder der Allgegenwart wird auch er nicht vollbringen. Chefredakteur in Stuttgart, Mainz und Baden-Baden, das schafft selbst der mächtig Umtriebige nicht, zumal er sein Politmagazin weiter moderieren will, den Fernsehdirektor vertreten muss und die Bahn noch immer kein Hochgeschwindigkeitsnetz zwischen den Standorten hat. Er selbst sagt dazu aktuell nichts. Die Anfrage von Kontext erreiche ihn zu früh, schreibt Frey, weil die "finale Befassung" durch die Gremien noch ausstehe. Danach gerne.

Chefredakteur Michael Zeiß geht im Herbst in Rente. Foto: SWR/Alexander Kluge/Katharina Flammfur AD: Michael Zeiß. Foto: SWR/Alexander Kluge/Katharina Flamm
Chefredakteur Michael Zeiß geht im Herbst in Rente. Foto: SWR/Alexander Kluge/Katharina Flamm

Das ist formal richtig, weil der SWR-Verwaltungsrat noch zustimmen muss. Er tagt am kommenden Freitag, berät die neue Konstruktion und beschließt sie im Juni. Real ist die Geschichte längst geklärt, nachdem sich Intendant Boudgoust auf Frey festgelegt hat, unter anderem aus Spargründen. Ein Chefredakteur ist billiger als zwei, und, so betont SWR-Sprecher Wolfgang Utz, sogar besser. Mit einer Stimme zu sprechen habe mehr Gewicht in der ARD, sagt er, besser jedenfalls, als immer das "doppelte Lottchen" zu spielen. Das hat im Ersten zu allerlei Irritationen geführt und mit dafür gesorgt, dass der SWR dort keine Geige spielt.

Die Politik hat wieder eifrig am Rad gedreht

Aber wie das so ist bei öffentlich-rechtlichen Anstalten, will natürlich auch die Politik ein Wörtchen mitreden. Dazu ist sie im Verwaltungsrat des Südwestrundfunks zahlreich vertreten, viel zu zahlreich, wenn man nur das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum ZDF-Staatsvertrag zugrunde legt. Ein Drittel, so die roten Roben, darf höchstens von der Politik gestellt werden. Beim SWR sieht's so aus: Drei kommen aus den Landesregierungen (Silke Krebs/Grüne, Peter Friedrich/SPD, Jochen Hartloff/SPD), vier aus den Landtagen (Wolfgang Drexler/SPD, Günther-Martin Pauli/CDU, Charlotte Schneidewind-Hartnagel/Grüne, Daniel Köbler/Grüne), einer aus dem Gemeindetag (Roger Kehle/CDU-nahe), eine Landrätin (Theresia Riedmaier/SPD) – macht zusammen neun. Von insgesamt 15. 

In diesem Klub wird über die Spitzenjobs entschieden, bisher streng nach der politischen Farbenlehre. Das ging dann meistens so, dass die Regierung den Anstaltsvorsitzenden stellte und die Opposition froh sein musste, einen Unterchef zu kriegen. Qualifikation nebensächlich. Im Falle Frey war es nicht so schwierig, nachdem ihm journalistisch nicht am Zeug zu flicken ist und er sich, wie im Verwaltungsrat beobachtet wird, "als Linker" verkaufe. Auch der Verweis auf seine Referententätigkeit beim früheren ZDF-Chefredakteur Klaus Bresser, einem SPD-Nahesteher, fehle nicht. Und die Seilschaft Nellessen? "Schlachten der Vergangenheit", erinnert sich SWR-Sprecher Utz.

Also alles paletti. Mit dem Stellvertreter Bratzler konnten sich die Grünen anfreunden, weil er, ihrer Einschätzung zufolge, mit ihrem Gedankengut nicht fremdelt und schon so manchen schwarz-roten Fürsten abgebürstet hat. Zum Zweiten halten sie ihn für fähig, dem Mainzer Frey zu zeigen, wo Barthel den naturreinen Most holt. Dann wäre Bratzler, wie eigentlich gewünscht, ein richtiger Chefredakteur. Und alle wären glücklich. Außer Frey.


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Kommentare

Hardy Prothmann, 15.09.2014 16:30

Jörg Krauß, 05.06.2014 17:19
Möchte ausdrücklich Herrn Frank zustimmen für seine Ausführungen. Ja, Mensch muss sich solche "Wahlsendungen" nicht anschauen. Dumm nur, das ich keine Wahl habe und den Bild- und Tonbrei auch noch mitfinanziere. Interessant wäre doch, alle 5 Jahre, zur "aktuellen" Sendung auf einem anderen "Dritten" die Sendung von vor 5 Jahren zeitgleich oder auch im Anschluss zu senden. Dann könnte Mensch rein vom Worthülsenakrobatenbusiness doch schon hören und sehen, ob es ausser bei den Prozentzahlen der "Parteien" noch tendenziell Unterschiede in der Aussage und von den Inhalten her (hihi) der sprachgewaltigen (Chef)-Redakteure wie Moderatoren gibt.

Ulrich Frank, 27.05.2014 15:58
@Michael Zeiß, 25.05.2014 15:58
Was zu dieser swr-"Wahlsendung" (25.05, ab 20.15h) - die ich miterleben durfte - zu sagen wäre: sie war auf "fette" Weise unergiebig und erschöpfte sich im Üblichen - mit weiterem Abwärtstrend. Ein Professor wurde hergeholt, der eigentlich gar nichts relevantes beizutragen wußte - wenn ich mich an US-amerikanische Sendungen an Wahlabenden erinnere dann hatte dort ein bloßer Moderator schon mehr Analysefähigkeit. Aber den Professor brauchte mal halt weil so etwas dazugehört. Die Leere der Ideen und der Zeit wird gefüllt. - Dann das weitere Füllmaterial, die völlig überflüssigen Quizfragen mit einem animierten Herrn Oettinger. Sollte wohl lustig sein - war es aber nicht. Zu gewinnen waren halt Eintrittskarten zu einer swr-Veranstaltung - nicht Einsicht. Nur überflüssig bzw. nervig. Ansonsten Standardfragen und das Übliche Hin- und Hergeschiebe von Mikrophonen und Wiedergabe von Eindrücken und Stimmungen - alles sehr oberflächlich. Da vom Inhalt der Sendung wenig Attraktion und Interesse ausging hing der Blick leider (!) (!) zu oft an der Mitmoderatorin in deren Haargestaltung - und Lächeln - Erkenntnisse des Betonherstellers Godel eingeflossen zu sein scheinen. - Wenn das - und die wieder einmal zu spürende Kurzatmigkeit - "professionell" sein soll dann verzichte ich darauf - oder weiß nicht mehr was professionell sein soll.

Beim Sender, Herr Chefredakteur Zeiß, scheint man das schon gar nicht mehr zu bemerken, oder gar nicht bemerken zu müssen! Daß sich die Sendungen von der generellen öffentlich-rechtlichen Wahlberichterstattung nur im Grad unterscheiden - auch dort /breitester/ Raum für die sattsam bekannten Standardreden und -floskeln und -interpretationen von Politikern nach der Verkündigung von Ergebnissen - ist kaum ein Trost.

Da wird der Abhalfterung des Wählers durch die Berichterstattung auch hierzuländle nur noch die Krone aufgesetzt.

H.-J. Schmölling, 26.05.2014 18:44
Da schaue ich mir lieber jede Woche in Bayern3 "quer" mit Christoph Süß an, als den beliebigen Bratzler.
Von dem Wochenmagazin könnte sich der SWR nicht nur eine Scheibe, sondern mindestens 4 Scheiben abschneiden.

Gguentue, 25.05.2014 17:16
"Bratzler soll's bringen" -
Frage: Hat er es denn bislang gebracht ?
Meine Antwort: Nein,
Seine sog. politische Sendung "Zur Sache Baden-Württemberg" schaue ich mir inzwischen nicht mehr an, da unergiebig:

Mein Eindruck ist, dass man in der Redaktion für die meist
aufwändige Dekoration des Studios mehr Zeit ver(sch)wendet als für kritische Recherche.

In der Landesschau wird meist schon "Werbung" für Bratzler-Sendung gemacht, die Beiträge sind aber meist nur oberflächliche Filmchen ohne später tiefergehende Diskussion.

Das Gespräch per Skype ist Plauderei,
richtig kritisch nachfragen tut Bratzler nur, wenn es sich
um unliebsame Minderheit oder bereits "Gefallene" handelt,
mit den Mächtigen legt er sich nicht an .....

Und dieser Mann soll's bringen ??
"Frisch, forsch, Vollprofi" ?
Herr Freudenreich, dieser Meinung bin ich nicht.

Michael Zeiß, 25.05.2014 15:58
Wir sind gerade bei den letzten Vorbereitungen zu unserer großen Wahlsendung. Nix "... gut eingerichteter Abteilungsleiter" und so weiter -hier in der Chefredaktion Stuttgart arbeiten alle ziemlich fett, professionell, unabhängig, und nach ausschließlich journalistischen Kriterien. Wir können Aktuelles! Mal reinschauen, nachher, ab 17.45 Uhr, "Die Wahl bei uns", im SWR-Fernsehen. Michael Zeiß, Chefredakteur.

Oli, 24.05.2014 10:56
@Ulrich Frank
Vielen Dank für Ihren sachverständigen Kommentar.

IX, 24.05.2014 10:55
Tja Didi,dann"lachen"sie mal weiter.Aber nicht ,daß sie sich mal dran verschlucken.

Ulrich Frank, 23.05.2014 17:43
Wie es die abschließenden Absätze des Artikels vorwegnehmen wird sich durch die anstehende Personal-"Reform" des Senders so viel nicht ändern. Wenn überhaupt etwas. Die organisierte, etablierte Wirtschaftsinteressen bevorzugende Politik, letztere darüber hinaus resistent gegen Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts, führt weiterhin die Fäden, und es kommt immer noch aufs "Nahestehen" zwischen Redakteur und Partei an - darauf, daß Bratzler mit dem Gedankengut der Grünen "nicht fremdelt" (worum soll es sich hier genau handeln: Öko-Ausrichtung, politische Elemente?), etc.

Daß sich also etwas ändert am politischen Hofe von Prinz Boudgoust (mit den hinter ihm stehenden Interessen) ist doch sehr fraglich, auch wenn man von politischen Konstellationen absieht und sich mit Personalien beschäftigt. Ob es dem neuen Chefredakteur gelingen wird das Ruder herumzureißen und von der Kurzatmigkeit der bisherigen Berichterstattung Abschied zu nehmen - in der man sich "lästiger" kontroverser Themen" wie Stuttgart 21 so entledigte wie einer Verstopfung - die hat man gelegentlich aber man versucht sie loszuwerden ohne viel darüber zu reden (und das tun jetzt ja auch die "Grünen") und wünscht sich dabei daß das Thema für unabsehbare Zeit erledigt sei.

Bratzler dürfte leider /zu sehr/ der versierte Profi - eben der "Vollprofi" - sein, für welchen Information eben nur ein Geschäft ist. In diesem Geschäft - am hiesigen Hof - ist er schon lange, und er versteht es, mit ernsthaftem Gesichtsausdruck und leicht melancholischem Blick, Dinge dar- und vorzustellen. Alleine, hinter dem gekonnten, zunächst die Oberfläche bedienenden Moderieren verdrängt das geschäftsmäßig-Routinierte ein tieferes Interesse. Daß es dieses Interesse bei einigen Dingen geben sollte dürfte eigentlich nicht von der Hand zu weisen sein - wie z.B. beim Thema welches viele Bürger nicht nur der Stadt Stuttgart umtreibt obwohl die herrschenden Parteien einschließlich der Grünen es in einem wesentlich OBSZÖNEN, d.h. wichtige Dinge (auch TTIP) kaschierenden WAHLKAMPF strategisch zur Seite gedrängt haben.

Daß es diese wichtigen Themen verdienen u.a. nicht nur kurz, oder in einem "Brennpunkt" dagestellt zu werden - und damit hat das Interesse des Bürgers befriedigt und abgehakt zu sein - sondern sogar mit follow-ups dargestellt werden /müßten/ könnte sogar als vernünftige Forderung erscheinen - eine derartige Behandlung erscheint aber unter Bratzler nicht vorstellbar.

Zumal beim besagten unterdrückten Thema der Landeshauptstadt massivste Interessen auf brutalstmögliche Weise sämtliche Apparate des öffentlichen Interesses (Eba, Gerichte, andere Behörden, Funk, Medien...) verbiegen. Hierzu hatte der künftige Chefredakteur, man sehe sich das in der swr-Mediathek verfügbare Journalistenpanel "Stuttgart 21 und die Medien" vom 30.11.2011 an, vor allem auch eine Portion blasierten ennui vorrätig.

Insofern dürfte bis auf weiteres gelten: Nichts Neues zu erwarten im Süden

Es wäre im übrigen sehr wünschenswert wenn uns die Redakteure der kontextwochenzeitung über die Fortschritte des Abbaus von Vertretern der Politik im swr-Sender - nach Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts - auf dem laufenden halten würde. Denn hier scheint das leider offensichtlich auch straflose Ignorieren auch noch schwächlicher Vorgaben (33% Politikquote) Methode zu haben, vor allem wenn es keine öffentliche Aufmerksamkeit gibt.

Zum Zusammenhang von Journalismus, dort eingebetteten organisierten Wirtschaftsinteressen und massivem Druck (und einer Unterlassungsklage der ZEIT gegen das ZDF) siehe auch den aktuellen telepolis-Artikel: "Leitartikler und Machteliten" (http://www.heise.de/tp/artikel/41/41841/1.html)

Hartmut Hendrich, 22.05.2014 11:10
Didi wer? – Ach, einfach ignorieren
Nachdem es Netztrollen wie „Hans König“, „Peter Leidinger“, „Hannes“ und einigen anderen mehr oder weniger gelungen ist, die Foren in der StZ zur Nonsensveranstaltung umzubiegen, versuchen sie Gleiches auch hier. Der größte Fehler ist es sicher, auf deren, oft an den Haaren herbeigezogenen, „Argumente“ überhaupt einzugehen. Unter diesen Trollen fiel ein gewisser „Didi“ durch besonders sinnfreien, dümmlichen und durch keinerlei Sach- und Fachwissen getrübten Humor auf. Um die, im Allgemeinen, recht anspruchsvolle Diskussionskultur nicht auf deren Niveau ziehen zu lassen, empfiehlt es sich, die Beiträge solcher Spaßvögel bestenfalls kopfschüttelnd zur Kenntnis zu nehmen, sie ansonsten aber zu ignorieren.
Mit freundlichen Grüßen

Ulrich Scheuffele, 21.05.2014 10:55
was k.... mich solch unsachliche an dem Thema vorbeigehende Kommentare, wie der von Didi an!
Zum glück gibt es noch guten Journalismus wie in der Kontext und es gibt auch gute Journalisten beim SWR und da gehören auf jeden Fall Fritz Frey und Clemens Bratzler, aber auch Wilm Hüffer, Michael Matting oder Harald Kirchner, um nur einige stellvertretend zu nennen dazu.

Kontext:Redaktion, 21.05.2014 09:50
Ach ja, Didi?
Schon mal den Unterschied gelernt zwischen "laut verkünden" und eine berechtigte Frage stellen? Deren Beantwortung für Polizei und Staatsanwaltschaft Stuttgart hochnotpeinlich war!
Die Geschichte hieß "Mappus im Park?"
Fragezeichen!
Die Auflösung ist dann hier nachzulesen:
http://www.kontextwochenzeitung.de/macht-markt/107/mappus-die-dritte-231.html

Didi, 21.05.2014 01:24
"lach". Das K21-Kampfblättlein schwadroniert über guten Journalismus? Ist ja mittlerweile an Lächerlichkeit nicht mehr zu überbieten. Und wann - man gestatte mir die Rückfrage - war Mappus im Park? Wurde doch hier auch laut verkündet. Irgendwie ist das alles so unendlich arm!

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