KONTEXT Extra:
Traumatisierte Flüchtlingsfrauen kommen im März

Fr., 27.2.2015: In den kommenden Wochen werden 20 missbrauchte und vertriebene Frauen aus dem Nordirak in Baden-Württemberg ankommen und betreut werden. "Insgesamt werden auf absehbare Zeit bis zu 600 Mädchen und Frauen zu uns kommen", sagte der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann den "Stuttgarter Nachrichten". Die Idee zu dieser Sonder-Hilfsaktion des Landes wurde schon im Oktober geboren. Unter dem Eindruck der schockierenden Berichte dem Nordirak, wo jesidische Frauen von den Milizen des Islamischen Staats (IS) misshandelt und vergewaltigt wurden, hatte Kretschmann verkündet, 1000 traumatisierte Frauen in Baden-Württemberg aufzunehmen. Das war leichter gesagt als gemacht. Ein Konzept steckte nicht dahinter, der rote Koalitionspartner war auch sauer, weil mit den SPD-geführten Fachministerien nichts abgesprochen war. Auf einen entsprechenden Kontext-Bericht ("1000 Frauen für Kretschmann") reagierte der Regierungschef sehr verärgert. Das scheint nun überwunden. Wo die 600 Frauen und ihre Begleitpersonen untergebracht und therapiert werden, will Kretschmann nicht sagen: "Das sind hochtraumatisierte Frauen, die brauchen einen Schutzraum."


Kein Geld für Mappus

Di., 24.2.2015: Wenn Ex-Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) Schadensersatz von seinen Rechtsberatern im EnBW-Milliarden-Deal haben will, muss er weiter kämpfen. Denn die Ziviilkammer des Landgerichts Stuttgart wies seine Klage als unbegründet zurück. Der Anwalt des 2011 abgewählten Regierungschef erklärte, er werde Berufung beim OLG empfehlen. Mappus hatte Geld von Gleiss Lutz erstreiten wollen, weil er sich von der renommierten Anwaltskanzlei falsch beraten sieht. Schon im Untersuchungsausschuss hatte er erklärt, sich darauf verlassen zu haben, dass das Geschäft über den Notbewilligungsparagraphen in der Landesverfassung am Parlament vorbei möglich sei. Genau dies verneinte der Staatsgerichtshof im Oktober 2011. Die Zivilkammer begründete ihre Entscheidung mit der Tatsache, der Anwaltsvertrag sei zwischen dem Land und der Kanzlei geschlossen worden und nicht mit Mappus persönlich. Der könne deshalb nicht auf Schadenersatz garnicht klagen.


IM legt neue Abschieberegelungen vor

Mo., 23.2.2015: Flüchtlingskinder und -jugendliche, die in Baden-Württemberg eine Schule besuchen oder in der Ausbildung sind, werden ab sofort für mindestens zwölf Monate von einer Abschiebung ausgekommen, wenn ein erfolgreicher Abschluss zu erwarten ist. Nach den neuen Regelungen, die das Innenminsterium am Montagvormittag online stellte, werden auch Flüchtlinge nicht mehr abgeschoben, die nach dem von der Bundesregierung in Aussicht gestellten neuen Bleiberecht, auf einen dauerhaften Aufenthalt in Deutschland hoffen dürfen. Gesundheitliche Abschiebehindernisse sind Reiseunfähigkeit, anstehende Operationen oder Heilbehandlungen, die vorübergehende Betreuung erkrankter Familienangehöriger, eine "unmittelbar bevorstehende Geburt eines Kindes der Kernfamilie" oder die Teilnahme an einer Beisetzung. "Während eines anhängigen Gerichtsverfahrens ist von einer Abschiebung abzusehen, solange die Frage der Vollziehbarkeit der Ausreisepflicht noch im Streit steht", heißt es weiter. Nicht formuliert ist dagegen das in Aussicht gestellte Trennungsverbot von Familien. Vielmehr wurde angeordnet, im jedem Einzellfall die Verhältnismäßgkeit und die Grundsätze des besonderer Schutzes der Familien zu prüfen.Am morgigen Dienstag soll die nächste Sammelabschiebung vom Airpark Baden aus stattfinden.


Armut bei den Rentnern

Do., 19.2.2015: Was hat er Prügel einstecken müssen, der Norbert Blüm, für seinen Aufsatz in Kontext zur Rente ("Gott zahlt keine Rente"). Wobei er nichts anderes getan hat, als an den alten Grundsatz zu erinnern, dass die Altersversorgung auf den Schultern der Generationen ruht. Und nicht in den Schränken der Banken und Versicherungen oder Walter Riesters. Jetzt hat der Paritätische Wohlfahrtsverband festgestellt, dass bei den Rentnern ein "armutspolitischer Erdrutsch" zu verzeichnen sei. Keine andere Gruppe habe einen solchen Anstieg gehabt. Nachzulesen in der Studie des Wohlfahrtsverbandes unter diesem Link.


Mona-Lisa-Team dreht in Korntal

Di, 17.2.2015: Missbrauch und Demütigungen in den Kinderheimen der Evangelischen Brüderschaft sind nun auch für das ZDF-Samstagsmagazin Mona Lisa ein Thema. In klirrender Kälte hat die Stuttgarter ZDF-Journalistin Sonja Jürschik heute mit ihrem Team in Korntal gedreht. Einfach war es nicht, die mit Informationen stets geizigen Verantwortlichen zu einer Stellungnahme zu bewegen, ebenso schwierig, eine Drehgenehmigung vor Ort zu bekommen. Direkt vor dem Hoffmannhaus, in dem mehrere Heimkinder in den 60er und 70er Jahren misshandelt worden waren, durfte das ZDF-Team nicht drehen. Der weltliche Vorsteher der Brüdergemeinde, Klaus Andersen, stand nach langem Zögern zwar Rede und Antwort, aber lieber vor dem Gebetshaus der Korntaler Pietisten. Am Nachmittag kamen die Heimopfer vor der Kamera zu Wort. Der Mona-Lisa-Beitrag wird vermutlich in drei Wochen gesendet werden.


Mehrheit für Verfassungsänderung wackelt

Mi., 11.2.2015: Nachdem die grün-rote Koalition jene Teile aus dem lange versprochenen Paket für mehr Bürgerbeteiligung im Land auf den Weg gebracht hat, die sie mit eigener Stimmenmehrheit umsetzen kann, droht die Opposition. Nach den Worten von FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke steht die interfraktionelle Vereinbarung zur Änderung der Landesverfassung auf dem Spiel. Die sieben FDP-Stimmen im Landtag wären dazu zwar nicht nötig, allerdings kommen auch aus der CDU ähnliche Signale. "Die Koalition gefährdet die Verabschiedung der Verbesserungen der Bürgerbeteiligung insgesamt", warnte Rülke am Mittwoch, "denn mit dem Aufschnüren des Gesamtpakets wird Grün-Rot vor allem der CDU gegenüber wortbrüchig." Vor gut einem Jahr hatten sich alle vier Fraktionen im Landtag auf ein gemeinsames Reformpaket verständigt. Die CDU stimmte einer Verfassungsänderung zur Erleichterung von Volksbegehren, -entscheiden und -initiativen prinzipiell zu, Grüne und SPD speckten dafür ihre Pläne für mehr Demokratie in Kommunen und Kreisen ab. Und sie verzichteten vor allem auf eine Änderung des Landtagswahlrechts, um dem bundesweit einmaligen Männerüberhang im Parlament zu begegnen. Jetzt wackelt die notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit dennoch.


Polizeiversteher überfordert

Mo., 9.2.2015: Monatelang hatte die SPD im Landtag versucht, den Untersuchungsausschuss zu den Aktivitäten des "Nationalsozialisten Untergrund" in Baden-Württemberg zu verhindern. Erst als die Enquêtekommission an die Wand gefahren war, lenkten Fraktionschef Claus Schmiedel und Innenminister Reinhold Gall ein. Jetzt gibt es allerdings neuen Ärger. Denn Nik Sakellariou, der rote Obmann, wollte bisher weder vor noch hinter den Kulissen beweisen, dass er die Rolle des Chefaufklärers gewachsen ist. Mehr dazu ab Mittwoch in der neuen Kontext.


Auch CDU begehrt Gönner-Mails

Di., 3.2.2015: Nach der nächsten Zeugenvernehmung am 23. Februar wird der zweite Untersuchungsausschuss des Landtags zum "Schwarzen Donnerstag" seine Arbeit unterbrechen. Ziel der Pause ist, doch noch Einsicht in die dienstlichen Mails von Ex-Umweltministerin Tanja Gönner aus dem Herbst 2010 zu erhalten. Die frühere Vertraute von Stefan Mappus geht gerichtlich gegen die Übergabe vor. Aber selbst ihre Parteifreunde im Ausschuss wollen sich damit nicht abfinden. "Ich bin irritiert", sagt CDU-Obmann Reinhard Löffler, "dass wir die dienstlichen Mails nicht bekommen sollen." Es gehe um umfassende Aufzeichnungen, die offiziell noch unter der Ägide Gönners angefertigt wurden und nicht - wie im Falle Mappus - um zufällig vorhandene Kopien. Der frühere Ministerpräsident hatte vor Gericht erstritten, dass die nicht zur Aufklärungsarbeit herangezogen werden dürfen. Gönner war am vergangenen Freitag als Zeugin geladen, wollte aber zahlreiche Fragen nach möglichen politischen Hintergründen des Polizeieinsatzes mit Hinweis auf Gedächtnislücken nicht beantworten.


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Ausgabe 105
Zeitgeschehen

Stuttgarter Kindsmord

Von Hermann G. Abmayr
Datum: 03.04.2013
Gewaltsam hat der Arzt die kleine Gerda, die an einer spastischen Lähmung litt, entführt und in die Stuttgarter "Kinderfachabteilung" gebracht, wo sie getötet wurde. Euthanasie, schöner Tod, nannten die Nazis das. Ein Tabuthema – auch in den Nachkriegsjahrzehnten.

NS-Propagana begleitete den Mord an Behinderten. Zeitschrift: Volk und Rasse, 1936

Über sechs Jahrzehnte konnte die 1916 geborene Berta Metzger mit niemandem darüber sprechen. Erst 2009, kurz vor ihrem Tod, hat sie Matthias-Herbert Enneper ihre Geschichte anvertraut. Ihr einziges Kind, das Ende November 1939 in der Gemeinde Flacht – heute ein Ortsteil von Weissach bei Stuttgart – zur Welt kam, war von Geburt an behindert. 

Berta Metzger hatte Gerda nicht in ein Heim bringen wollen, sondern sich zu Hause um ihr Kind gekümmert. "Das darf man nicht", sagten ihr die Leute damals. "Du wirst schon sehen." Das Mädchen war vermutlich beim zuständigen Gesundheitsamt in Leonberg als behindert gemeldet worden. Ärzte, Hebammen oder Gemeindekrankenschwestern waren seit 1939 überall im Deutschen Reich verpflichtet, behinderte Kinder (gegen Honorar) zu melden. Dem Tod ging viel Bürokratie voraus. 

Fabrikmäßige Ermordung

1939 hatten die Nazis erstmals in der Geschichte der Menschheit damit begonnen, die fabrikmäßige Ermordung von Menschen vorzubereiten, die zeitweise oder dauerhaft körperlich oder geistig behindert waren. In Grafeneck auf der Schwäbischen Alb begann das Morden dann – lange vor Auschwitz. 1940 wurden dort über 10 000 Menschen, die aus "Heil- und Pflegeanstalten" in grau lackierten Bussen angekarrt worden waren, ermordet. 

Für Kinder und Jugendliche mit körperlichen oder geistigen Behinderungen, die zu Hause lebten, richtete der NS-Staat dann sogenannte Kinderfachabteilungen ein, in denen sie getötet wurden. Nach neuester Forschung hat es im damaligen Deutschen Reich über 30 derartige Einrichtungen gegeben. Über die genaue Zahl wird noch geforscht. Auch im Städtischen Kinderkrankenhaus in Stuttgart in der heutigen Türlenstraße 22A, die von dem Kinderarzt und Chef des städtischen Gesundheitsamtes, Karl Lempp, geleitet wurde.

Ein Arzt entführt das Mädchen

Eines Tages, so berichtet Berta Metzger Jahrzehnte später, habe sie ein Arzt besucht, der ihre Tochter untersuchen wollte. Das muss Mitte Juli 1943 gewesen sein. Als die Mutter in dem Zimmer, in dem der Mediziner zugange ist, Schreie hört und der Kleinen zu Hilfe eilen will, versperrt ihr der Fahrer des Arztes den Weg. Nach der Untersuchung findet Berta Metzger das Mädchen nackt und völlig verstört in der Ecke sitzend. Als sie wissen will, was geschehen ist, brüllt der Arzt, sie solle das Maul halten und sich von ihrer Tochter verabschieden; sie käme in eine Spezialklinik. Die beiden Männer zerren das Kind die Treppe hinunter und fahren mit ihm davon, ohne zu sagen, in welche Klinik sie die Kleine bringen würden.

Die Mutter ist verzweifelt; nicht einmal Wäsche konnte sie ihrem Kind mitgeben. Noch am gleichen Abend macht sie sich zu Fuß auf den Weg ins 30 Kilometer entfernte Stuttgart, wo sie Gerda vermutet. Sie fragt sich so lange durch, bis sie zur Kinderklinik in die Türlenstraße kommt, wo man zwar bestätigt, dass Berta hier sei, ihr aber den Zutritt verweigert. Da sie sich nicht abwimmeln lässt und ein so "großes Theater" macht, dass die Leute auf der Straße stehen bleiben, darf sie dann eintreten.

Tags darauf ist Gerda Metzger tot 

Sie findet ihr Kind völlig apathisch vor; Gerda reagiert auf keinerlei Ansprache oder Liebkosung. Sicher nicht die Folge ihrer Lähmung. Offenkundig waren ihr Schlafmittel verabreicht worden. Dann herrscht die Krankenschwester Berta Metzger an, sie solle endlich gehen, und stößt sie zur Tür hinaus. Die Mutter fragt, ob sie am nächsten Tag wieder kommen könne, um ihr Kind zu besuchen. Antwort: "Ja, wenn es dann noch lebt." Tags darauf ist Gerda Metzger tot. Gestorben sei die Spastikerin, so sagte man der Mutter, an einer ansteckenden Krankheit.

Als Matthias-Herbert Enneper diese Geschichte der Stuttgarter Stolpersteininitiative geschickt hat, konnte sie der Arzt und NS-Euthanasie-Spezialist Karl-Horst Marquart schnell verifizieren. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema und hat 2009 enthüllt, dass in der Stuttgarter "Kinderfachabteilung" bis 1945 mindestens 52 Kinder und Jugendliche ermordet worden waren. Andere sind ins hessische Eichberg geschickt worden, um dort umgebracht zu werden. Verantwortlich war Karl Lempp, Leiter des Kinderkrankenhauses und Chef des Gesundheitsamtes. 

Im Leichenregister, das Marqaurt ausgewertet hat, heißt es, Gerda Metzger sei an Diphtherie gestorben. Eine ansteckende Infektionskrankheit, die tödlich enden kann. Die Diagnose hält der Mediziner Karl-Horst Marquart für eine Fälschung, schon, weil diese Krankheit niemals innerhalb eines Tages tödlich verlaufen kann. In Klammern konnte Marquart im Register aber auch die Diagnose Little'sche Krankheit lesen, eine spastische Lähmung durch Gehirnschaden also.

Angst, über den Fall zu sprechen 

"Sie ist auf Zehenspitzen gegangen", sagt eine ältere Frau, die Berta Metzger und ihre Tochter kannten, berichtet die Leiterin des Flachter Heimatmuseums, Barbara Hornberger. Typisch für eine Spastikerin, bestätigt Karl-Horst Marquart. Sie konnte "ned recht schwätza", erinnert sich eine heute über 90 Jahre alte Cousine. "Und's hod ghoißa, se sei fortkomme", erinnert sich eine frühere Nachbarin in der Bergstraße. Als Todesursache sei Diphtherie genannt worden. Damals habe man Angst gehabt, über den Fall zu sprechen, sagen die Zeitzeuginnen.

Der Flachter Pfarrer Harald Rockel hat in seinen Unterlagen bis jetzt keinen Hinweis auf Gerda Metzger gefunden. Auch Ortsarchivar Matthias Graner sucht noch nach schriftlichen Quellen, denn bei Detailfragen gibt es noch einige Widersprüche. Wie oft Vater Emil Metzger sein Kind gesehen hat, ist bisher unbekannt. Als der Zweite Weltkrieg begann, war er 28 Jahre alt. Sein Name steht auf dem Flachter Gefallenendenkmal. 

Verantwortlich für die Tötung von Kindern: Krankenhaus-Chef Karl Lempp. Foto: Landesarchiv Baden-Württemberg Seine Tochter Gerda war nicht das einzige behinderte Kind in Flacht, berichtet Barbara Hornberger. Auch in der Familie des NSDAP-Ortsgruppenleiters Gotthold Roth lebte ein Kind namens Gretel, das im Sinne der NS-Ideologie ein "unnützer Esser" war. Es habe die Nazizeit genauso überlebt wie ein weiteres behindertes Kind. Vom damaligen evangelischen Ortspfarrer Otto Mörike ist bekannt, dass er ein entschiedener Gegner der Nazis war, berichtet Hornberger. Ob er sich eingemischt hat, um die beiden Kinder zu retten, ist nicht bekannt. 

Europaweit hatten die Nazis zwischen 1939 und 1945 etwa 300 000 behinderte und psychisch kranke Menschen ermordet, weil ihr Leben angeblich nicht "lebenswert" war. Nur ein Teil der Angehörigen im damaligen Deutschen Reich wehrte sich gegen deren Verschleppung, berichtet der Historiker und Journalist Götz Aly in seinem neuen Buch "Die Belasteten – 'Euthanasie' 1939 bis 1945". Doch der Druck war groß. Alle sozialen Hilfen bis zum Kindergeld für die gesunden Nachkömmlinge seien den Widerständigen entzogen worden; man habe mit Zwangssterilisierung gedroht, da es sich angeblich um "erbkranke Familien" handelte.

Kinderarzt Lempp blieb straffrei

Die meisten Täter sind nach 1945 straffrei geblieben. Welcher Arzt Gerda Metzger abgeholt hat, ist nicht eindeutig nachzuweisen. Karl-Horst Marquart vermutet, dass es der Landesjugendarzt war, der dafür bekannt war, in Württemberg herumzufahren, um Behinderte zu suchen, die dann getötet wurden. Er sei einer der wenigen in Baden-Württemberg gewesen, die sich zumindest in einem Prozess verantworten mussten, Ende der 40er-Jahre im Grafeneck-Prozess in Tübingen. Der endete für den Arzt aber mit einem Freispruch. 

Karl Lempp, der Leiter der Kinderfachabteilung in Stuttgart, der nach den Recherchen von Marquart für NS-Kinder-Euthanasie und etliche Fälle von Zwangssterilisation verantwortlich ist, musste nicht einmal vor einem Gericht erscheinen. Marquart hat die Ergebnisse seiner Forschungen über Karl Lempp 2009 erstmals in dem Buch "Stuttgarter NS-Täter" veröffentlicht. Doch Enkel Volker Lempp, ein Rechtsanwalt, bestritt die Vorwürfe und hat versucht, die Verbreitung des Buches beziehungsweise des Lempp-Kapitels zu verhindern. In letzter Minute zog er seinen Antrag auf einstweilige Verfügung beim Landgericht Stuttgart dann aber Ende 2009 zurück. Das ursprünglich erwogene Hauptsacheverfahren hat er nie angestrengt.

Ein Lehrer leugnet immer noch

Berufen haben sich Volker Lempp sowie der inzwischen verstorbene Tübinger Kinder- und Jugendpsychiater Reinhart Lempp unter anderem auf den Geschichtslehrer Rolf Königstein, der bis vor wenigen Jahren am Max-Born-Gymnasium in Backnang (Region Stuttgart) Geschichte unterrichtet hat. Königstein ist bis heute der einzige Autor, der die Existenz einer Kinderfachabteilung im Städtischen Kinderkrankenhaus in Stuttgart leugnet. Ernst genommen wird er in der Fachwelt allerdings nicht.

Publiziert hatte Königstein seine Thesen in einer Unterrichtshilfe mit dem Titel "NS-Euthanasie in Baden-Württemberg – Archivpädagogische Anregungen für die gymnasiale Oberstufe", die die Landeszentrale für politische Bildung herausgebracht hatte, sowie in einem 2004 erschienen Aufsatz in der Zeitschrift der württembergischen Landesgeschichte. Sie wird mittlerweile nicht mehr verbreitet und ist aus dem Internet-Angebot der Landeszentrale entfernt worden.

In derselben Schrift habe Rolf Königstein die Rolle der Tötungseinrichtung in Brandenburg-Görden stark verharmlost, sagt der NS-Forscher Ernst Klee. Dort seien Kinder jedenfalls nicht therapiert worden, wie Königstein behauptet. Tatsächlich seien viele für Versuche missbraucht worden, ehe man sie getötet hat. Klee warf Königstein deshalb vor, eine Görden-Lüge zu verbreiten.

Götz Aly fordert Namensregister

Götz Aly hat in seinem neuen Buch gefordert, die Namen der Opfer der NS-Euthanasie in einem zentralen Register zu veröffentlichen. Jeder achte Deutsche im Alter von über 25 Jahren sei verwandt mit einem Opfer. Doch nur einer von zehn wisse dies.

Die Stolpersteininitiativen haben nicht auf Alys Aufruf gewartet. Seit Jahren verlegen sie für diese oft vergessenen Menschen Steine. Auch der Name Gerda Metzger steht inzwischen auf einer von dem Kölner Künstler Gunter Dennig gefertigten, zehn mal zehn Zentimeter großen Messingplatte. Der Stein mit dem Namen, dem Geburts- und dem Todestag von Gerda Metzger wird am Samstag, den 13. April, verlegt. Vor dem ehemaligen Städtischen Kinderkrankenhaus in der Türlenstraße 22A.

Die Stadt Stuttgart dagegen hat sich bis heute nicht mit dem Kindermord in ihrem Kinderkrankenhaus befasst. Obermedizinalrat Karl Lempp blieb bis zu seiner Pensionierung 1950 dessen Leiter und wurde vier Jahre später noch mit einem Professorentitel geehrt. Als er 1960 starb, ging das Amtsblatt der Stadt im Nachruf mit keinem Wort auf seine Tätigkeit während der NS-Zeit ein.

Ob eine von den Stolpersteininitiativen und dem Personalrat der städtischen Kliniken für Ende des Jahres geforderte Wanderausstellung mit dem Titel "Im Gedenken der Kinder" stattfinden kann, ist offen. Noch gibt es keine Finanzierung. Die Kosten liegen bei rund 3000 Euro. Veronika Kienzle, die Bezirksvorsteherin von Stuttgart-Mitte, hat bereits ihre Unterstützung zugesagt.

 

 

Kontext-Autor Hermann G. Abmayr befasst sich seit vielen Jahren mit NS-Tätern und -Opfern. Zuletzt hat er das Buch "Stuttgarter NS-Täter" herausgegeben, für das Karl-Horst Marquart das Kapitel über den Kinderarzt Karl Lempp verfasste.


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