KONTEXT Extra:
Die Anstifter: Ex-Minister Goll raus aus dem NSU-Ausschuss

Der frühere Landesjustizminister Ulrich Goll sei im Stuttgarter NSU-Ausschuss nicht mehr tragbar. Dies erklärt die Initiative NSU-Aufklärung des Bürgerprojekts "Die Anstifter" in einem offenen Brief. Der FDP-Abgeordnete war zum Zeitpunkt des Kiesewetter-Mordes in Heilbronn als Minister Vorgesetzter der Staatsanwaltschaft und damit mit verantwortlich für den Ermittlungsschlamassel. Kontext dokumentiert den Brief, in dem die Initiative eine Zwischenbilanz zieht. (Link zum Brief)


Burladinger Kino zeigt "Elser" jetzt doch

Unser Artikel über das Burladinger Kino muss an einer Stelle korrigiert werden. In diesem Fall können wir uns darüber sogar freuen: Ludwig Schülzle zeigt den Film "Elser - er hätte die Welt verändert" jetzt doch in seinen "Alb-Lichtspielen". So berichtet die lokale Presse. Am Freitagabend (8.5.) soll der Film anlaufen. Schülzle fühlt sich von der Polizei geschützt und hat doch noch viel Zuspruch aus der Burladinger Zivilgesellschaft erhalten. Aus Solidarität will das Melchinger Theater Lindenhof sein Stück "Elser - Allein gegen Hitler" am 3. Juni außerplanmäßig zurück auf die Bühne bringen.


Kontext bei der Re:publica

Zur Re:publica, Europas größter Konferenz zum Thema Internet und digitale Gesellschaft sind zur Zeit mehr als 6000 Netzaktivisten in Berlin versammelt. Gleich am ersten Tag war auch von Kontext die Rede. Günter Bartsch vom "Netzwerk Recherche" bezeichnete Kontext als Pionier des deutschen Non-Profit Journalismus. Etwa 300 TeilnehmerInnen lauschten ihm und seinen Co-Referenten beim Panel zu diesem Thema in der Halle 10 der Re:publica.


Stuttgarter Friedenspreis 2015 geht nach Lampedusa

Giuseppina Maria Nicolini (54), die Bürgermeisterin von Lampedusa und Linosa, erhält den Friedenspreis der Stuttgarter Anstifter. Sie habe sich für diejenigen eingesetzt, "die der Hölle in Syrien und Libyen entkommen sind, aber von der Europäischen Union grausam im Stich gelassen werden", begründet Fritz Mielert, der Geschäftsführer des Bürgerprojekts, die Ehrung.

Nicolini ist eine scharfe Kritikerin der EU-Flüchtlingspolitik und immer wieder Anfeindungen und Brandanschlägen ausgesetzt. Die neueste Katastrophe kommentierte sie so: "Wenn jemand aus einem brennenden Haus fliehen muss, dann flieht er einfach. Und in unserem Fall über das Meer."

Auf Platz zwei des Friedenspreises setzten die Anstifter den palästinensischen Arzt Izzeldin Abuelaish, auf Platz drei die Friedensinitiative "Keine Waffen vom Bodensee". Der Preis wird am 6. Dezember 2015 Uhr im Theaterhaus Stuttgart verliehen. Die letzten Geehrten waren der Whistleblower Edward Snowden (2014), Enio Mancini und Enrico Pieri aus Sant'Anna di Stazzema (2013) sowie die "Aktion Aufschrei - Stoppt den Waffenhandel!" (2012).


Die seemoz wird acht – Kontext gratuliert

Glückwünsche an den Bodensee: Die seemoz wird acht Jahre alt. Das kritische, widerborstige und informative Online-Magazin aus Konstanz ist zurecht stolz auf sein langes Leben. Entgegen vieler widriger Prognosen ("nach einem Jahr seid ihr weg vom Fenster") mischt die seemoz seit 2007 munter die See-Szene auf. Verantwortlich dafür sind Holger Reile und Hans-Peter Koch, die es tatsächlich geschafft haben, mit knappem Geld ein nicht mehr wegzudenkender Teil der lokalen Medienlandschaft zu werden. Die LeserInnen danken mit wachsenden Zugriffszahlen und dem Bekenntnis, dass sie das Alternativangebot nicht missen möchten, angesichts des "Niedergangs der traditionellen Printmedien". Das müsste sich dann wohl der Konstanzer "Südkurier" im Kopf herum gehen lassen. Noch besser wär's freilich, sie würden neben dem Lesen auch noch spenden, damit die seemoz auf "finanziell halbwegs solide Füße" kommt, wie Reile betont. Das können wir von Kontext nur unterstreichen, allein schon deshalb, weil die seemoz unser geschätzter Kooperationspartner ist.


Aller Titelzeilen zum Trotz: Piëch bleibt im Spiel

Rasante Demontage, schneller Absturz, überraschender Rücktritt. Nach den Titelzeilen zu urteilen, war VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch am Ende. Und Kontext-Autor Ulrich Viehöver daneben gelegen mit der Überschrift "Piëch hat den VW-Plan". Ist er aber nicht. Piëch überrascht zwar mit seinem Schachzug, die Brocken bei VW als Oberaufseher hinzuwerfen. In zwei Jahren wäre dort ohnehin Schluss für ihn gewesen. Aber der 78-jährige Patriarch ist längst nicht aus dem Spiel. Denn im Gegensatz zum Manager Martin Winterkorn ist Piëch kein Angestellter, sondern ein Großaktionär des Autogiganten - und darüber hinaus der wichtigste Stratege im Machtzentrum seines Familienclans. Und hier steht ein Generationswechsel an, der darüber entscheiden wird, wer künftig das Sagen im größten Industrieimperium Europas haben wird. Bei dieser Schicksalsfrage wird ein Ferdinand Piëch kaum still als Zuschauer am Rande stehen. Nach den Hauptversammlungen im Mai in Wolfsburg und Stuttgart wird die Öffentlichkeit wieder von der Autodynastie hören - laut oder leise.


Die Linke stellt "Stern"-Autor Luik aufs S-21-Gleis

Großer Bahnhof in Berlin: Am 6. Mai wird im Bundestag über Stuttgart 21 gestritten. Offiziell heißt das Anhörung und sie hat das Ziel, dem Thema wieder eine bundesweite Reichweite zu geben. Beantragt haben sie die Grünen und die Linke, die "offene Fragen" klären wollen. Geladen sind Vorstand Volker Kefer, Projektleiter Manfred Leger, Brandschutzbeauftragter Klaus-Jürgen Bieger (alle Deutsche Bahn) sowie Ullrich Martin, der Direktor des Stuttgarter Instituts für Eisenbahn- und Verkehrswesen. Die Grünen haben Matthias Lieb vom VcD Baden-Württemberg als Sachverständigen benannt, für die Linke geht Arno Luik in die Bütt. Dem "Stern"-Autor gebührt das Verdienst, Stuttgart 21 mit seinen kritischen Berichten auf die Bundesbühne gehoben zu haben. In der Vorbereitung auf die Debatte liest Luik derzeit eifrig Kontext. Vieles komme ihm sehr bekannt vor, sagt er, darunter viele Schlimmfingereien, die er schon frühzeitig beim Namen genannt habe. Mit jeweils scharfen Dementis der Bahn gekoppelt.


Schorlaus "Letzte Flucht" im ZDF - nicht im SWR

Am heutigen Montagabend, 20.15 Uhr, unbedingt die Glotze anschalten: Wolfgang Schorlaus Thriller ("Die letzte Flucht") kommt im ZDF. Darin wird die Pharmaindustrie aufs Korn genommen, die Ärzte, Forschung und Wissenschaft korrumpiert, Studien manipuliert und Gewinne erzielt wie beim Waffenhandel. Und mitten drin Schorlaus Ermittler Georg Dengler, der einem Krebsforscher zur Hilfe eilt. Gespielt wird der Stuttgarter Privatdetektiv von Ronald Zehrfeld, von dem das ZDF sagt, man hätte sich keinen besseren Dengler wünschen können. Nicht von ungefähr plant der Mainzer Sender zwei weitere Folgen. Schorlaus Heimatanstalt, der Südwestrundfunk, hatte eine Verfilmung aus Kostengründen verworfen. Kontext wird in der kommenden Ausgabe einen Experten zu Wort kommen lassen, der die Pharmaindustrie ganz real betrachtet.


KONTEXT
per E-Mail:
Immer informiert:

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Datenschutz-Hinweis

Ausgabe 105
Zeitgeschehen

Stuttgarter Kindsmord

Von Hermann G. Abmayr
Datum: 03.04.2013
Gewaltsam hat der Arzt die kleine Gerda, die an einer spastischen Lähmung litt, entführt und in die Stuttgarter "Kinderfachabteilung" gebracht, wo sie getötet wurde. Euthanasie, schöner Tod, nannten die Nazis das. Ein Tabuthema – auch in den Nachkriegsjahrzehnten.

NS-Propagana begleitete den Mord an Behinderten. Zeitschrift: Volk und Rasse, 1936

Über sechs Jahrzehnte konnte die 1916 geborene Berta Metzger mit niemandem darüber sprechen. Erst 2009, kurz vor ihrem Tod, hat sie Matthias-Herbert Enneper ihre Geschichte anvertraut. Ihr einziges Kind, das Ende November 1939 in der Gemeinde Flacht – heute ein Ortsteil von Weissach bei Stuttgart – zur Welt kam, war von Geburt an behindert. 

Berta Metzger hatte Gerda nicht in ein Heim bringen wollen, sondern sich zu Hause um ihr Kind gekümmert. "Das darf man nicht", sagten ihr die Leute damals. "Du wirst schon sehen." Das Mädchen war vermutlich beim zuständigen Gesundheitsamt in Leonberg als behindert gemeldet worden. Ärzte, Hebammen oder Gemeindekrankenschwestern waren seit 1939 überall im Deutschen Reich verpflichtet, behinderte Kinder (gegen Honorar) zu melden. Dem Tod ging viel Bürokratie voraus. 

Fabrikmäßige Ermordung

1939 hatten die Nazis erstmals in der Geschichte der Menschheit damit begonnen, die fabrikmäßige Ermordung von Menschen vorzubereiten, die zeitweise oder dauerhaft körperlich oder geistig behindert waren. In Grafeneck auf der Schwäbischen Alb begann das Morden dann – lange vor Auschwitz. 1940 wurden dort über 10 000 Menschen, die aus "Heil- und Pflegeanstalten" in grau lackierten Bussen angekarrt worden waren, ermordet. 

Für Kinder und Jugendliche mit körperlichen oder geistigen Behinderungen, die zu Hause lebten, richtete der NS-Staat dann sogenannte Kinderfachabteilungen ein, in denen sie getötet wurden. Nach neuester Forschung hat es im damaligen Deutschen Reich über 30 derartige Einrichtungen gegeben. Über die genaue Zahl wird noch geforscht. Auch im Städtischen Kinderkrankenhaus in Stuttgart in der heutigen Türlenstraße 22A, die von dem Kinderarzt und Chef des städtischen Gesundheitsamtes, Karl Lempp, geleitet wurde.

Ein Arzt entführt das Mädchen

Eines Tages, so berichtet Berta Metzger Jahrzehnte später, habe sie ein Arzt besucht, der ihre Tochter untersuchen wollte. Das muss Mitte Juli 1943 gewesen sein. Als die Mutter in dem Zimmer, in dem der Mediziner zugange ist, Schreie hört und der Kleinen zu Hilfe eilen will, versperrt ihr der Fahrer des Arztes den Weg. Nach der Untersuchung findet Berta Metzger das Mädchen nackt und völlig verstört in der Ecke sitzend. Als sie wissen will, was geschehen ist, brüllt der Arzt, sie solle das Maul halten und sich von ihrer Tochter verabschieden; sie käme in eine Spezialklinik. Die beiden Männer zerren das Kind die Treppe hinunter und fahren mit ihm davon, ohne zu sagen, in welche Klinik sie die Kleine bringen würden.

Die Mutter ist verzweifelt; nicht einmal Wäsche konnte sie ihrem Kind mitgeben. Noch am gleichen Abend macht sie sich zu Fuß auf den Weg ins 30 Kilometer entfernte Stuttgart, wo sie Gerda vermutet. Sie fragt sich so lange durch, bis sie zur Kinderklinik in die Türlenstraße kommt, wo man zwar bestätigt, dass Berta hier sei, ihr aber den Zutritt verweigert. Da sie sich nicht abwimmeln lässt und ein so "großes Theater" macht, dass die Leute auf der Straße stehen bleiben, darf sie dann eintreten.

Tags darauf ist Gerda Metzger tot 

Sie findet ihr Kind völlig apathisch vor; Gerda reagiert auf keinerlei Ansprache oder Liebkosung. Sicher nicht die Folge ihrer Lähmung. Offenkundig waren ihr Schlafmittel verabreicht worden. Dann herrscht die Krankenschwester Berta Metzger an, sie solle endlich gehen, und stößt sie zur Tür hinaus. Die Mutter fragt, ob sie am nächsten Tag wieder kommen könne, um ihr Kind zu besuchen. Antwort: "Ja, wenn es dann noch lebt." Tags darauf ist Gerda Metzger tot. Gestorben sei die Spastikerin, so sagte man der Mutter, an einer ansteckenden Krankheit.

Als Matthias-Herbert Enneper diese Geschichte der Stuttgarter Stolpersteininitiative geschickt hat, konnte sie der Arzt und NS-Euthanasie-Spezialist Karl-Horst Marquart schnell verifizieren. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema und hat 2009 enthüllt, dass in der Stuttgarter "Kinderfachabteilung" bis 1945 mindestens 52 Kinder und Jugendliche ermordet worden waren. Andere sind ins hessische Eichberg geschickt worden, um dort umgebracht zu werden. Verantwortlich war Karl Lempp, Leiter des Kinderkrankenhauses und Chef des Gesundheitsamtes. 

Im Leichenregister, das Marqaurt ausgewertet hat, heißt es, Gerda Metzger sei an Diphtherie gestorben. Eine ansteckende Infektionskrankheit, die tödlich enden kann. Die Diagnose hält der Mediziner Karl-Horst Marquart für eine Fälschung, schon, weil diese Krankheit niemals innerhalb eines Tages tödlich verlaufen kann. In Klammern konnte Marquart im Register aber auch die Diagnose Little'sche Krankheit lesen, eine spastische Lähmung durch Gehirnschaden also.

Angst, über den Fall zu sprechen 

"Sie ist auf Zehenspitzen gegangen", sagt eine ältere Frau, die Berta Metzger und ihre Tochter kannten, berichtet die Leiterin des Flachter Heimatmuseums, Barbara Hornberger. Typisch für eine Spastikerin, bestätigt Karl-Horst Marquart. Sie konnte "ned recht schwätza", erinnert sich eine heute über 90 Jahre alte Cousine. "Und's hod ghoißa, se sei fortkomme", erinnert sich eine frühere Nachbarin in der Bergstraße. Als Todesursache sei Diphtherie genannt worden. Damals habe man Angst gehabt, über den Fall zu sprechen, sagen die Zeitzeuginnen.

Der Flachter Pfarrer Harald Rockel hat in seinen Unterlagen bis jetzt keinen Hinweis auf Gerda Metzger gefunden. Auch Ortsarchivar Matthias Graner sucht noch nach schriftlichen Quellen, denn bei Detailfragen gibt es noch einige Widersprüche. Wie oft Vater Emil Metzger sein Kind gesehen hat, ist bisher unbekannt. Als der Zweite Weltkrieg begann, war er 28 Jahre alt. Sein Name steht auf dem Flachter Gefallenendenkmal. 

Verantwortlich für die Tötung von Kindern: Krankenhaus-Chef Karl Lempp. Foto: Landesarchiv Baden-Württemberg Seine Tochter Gerda war nicht das einzige behinderte Kind in Flacht, berichtet Barbara Hornberger. Auch in der Familie des NSDAP-Ortsgruppenleiters Gotthold Roth lebte ein Kind namens Gretel, das im Sinne der NS-Ideologie ein "unnützer Esser" war. Es habe die Nazizeit genauso überlebt wie ein weiteres behindertes Kind. Vom damaligen evangelischen Ortspfarrer Otto Mörike ist bekannt, dass er ein entschiedener Gegner der Nazis war, berichtet Hornberger. Ob er sich eingemischt hat, um die beiden Kinder zu retten, ist nicht bekannt. 

Europaweit hatten die Nazis zwischen 1939 und 1945 etwa 300 000 behinderte und psychisch kranke Menschen ermordet, weil ihr Leben angeblich nicht "lebenswert" war. Nur ein Teil der Angehörigen im damaligen Deutschen Reich wehrte sich gegen deren Verschleppung, berichtet der Historiker und Journalist Götz Aly in seinem neuen Buch "Die Belasteten – 'Euthanasie' 1939 bis 1945". Doch der Druck war groß. Alle sozialen Hilfen bis zum Kindergeld für die gesunden Nachkömmlinge seien den Widerständigen entzogen worden; man habe mit Zwangssterilisierung gedroht, da es sich angeblich um "erbkranke Familien" handelte.

Kinderarzt Lempp blieb straffrei

Die meisten Täter sind nach 1945 straffrei geblieben. Welcher Arzt Gerda Metzger abgeholt hat, ist nicht eindeutig nachzuweisen. Karl-Horst Marquart vermutet, dass es der Landesjugendarzt war, der dafür bekannt war, in Württemberg herumzufahren, um Behinderte zu suchen, die dann getötet wurden. Er sei einer der wenigen in Baden-Württemberg gewesen, die sich zumindest in einem Prozess verantworten mussten, Ende der 40er-Jahre im Grafeneck-Prozess in Tübingen. Der endete für den Arzt aber mit einem Freispruch. 

Karl Lempp, der Leiter der Kinderfachabteilung in Stuttgart, der nach den Recherchen von Marquart für NS-Kinder-Euthanasie und etliche Fälle von Zwangssterilisation verantwortlich ist, musste nicht einmal vor einem Gericht erscheinen. Marquart hat die Ergebnisse seiner Forschungen über Karl Lempp 2009 erstmals in dem Buch "Stuttgarter NS-Täter" veröffentlicht. Doch Enkel Volker Lempp, ein Rechtsanwalt, bestritt die Vorwürfe und hat versucht, die Verbreitung des Buches beziehungsweise des Lempp-Kapitels zu verhindern. In letzter Minute zog er seinen Antrag auf einstweilige Verfügung beim Landgericht Stuttgart dann aber Ende 2009 zurück. Das ursprünglich erwogene Hauptsacheverfahren hat er nie angestrengt.

Ein Lehrer leugnet immer noch

Berufen haben sich Volker Lempp sowie der inzwischen verstorbene Tübinger Kinder- und Jugendpsychiater Reinhart Lempp unter anderem auf den Geschichtslehrer Rolf Königstein, der bis vor wenigen Jahren am Max-Born-Gymnasium in Backnang (Region Stuttgart) Geschichte unterrichtet hat. Königstein ist bis heute der einzige Autor, der die Existenz einer Kinderfachabteilung im Städtischen Kinderkrankenhaus in Stuttgart leugnet. Ernst genommen wird er in der Fachwelt allerdings nicht.

Publiziert hatte Königstein seine Thesen in einer Unterrichtshilfe mit dem Titel "NS-Euthanasie in Baden-Württemberg – Archivpädagogische Anregungen für die gymnasiale Oberstufe", die die Landeszentrale für politische Bildung herausgebracht hatte, sowie in einem 2004 erschienen Aufsatz in der Zeitschrift der württembergischen Landesgeschichte. Sie wird mittlerweile nicht mehr verbreitet und ist aus dem Internet-Angebot der Landeszentrale entfernt worden.

In derselben Schrift habe Rolf Königstein die Rolle der Tötungseinrichtung in Brandenburg-Görden stark verharmlost, sagt der NS-Forscher Ernst Klee. Dort seien Kinder jedenfalls nicht therapiert worden, wie Königstein behauptet. Tatsächlich seien viele für Versuche missbraucht worden, ehe man sie getötet hat. Klee warf Königstein deshalb vor, eine Görden-Lüge zu verbreiten.

Götz Aly fordert Namensregister

Götz Aly hat in seinem neuen Buch gefordert, die Namen der Opfer der NS-Euthanasie in einem zentralen Register zu veröffentlichen. Jeder achte Deutsche im Alter von über 25 Jahren sei verwandt mit einem Opfer. Doch nur einer von zehn wisse dies.

Die Stolpersteininitiativen haben nicht auf Alys Aufruf gewartet. Seit Jahren verlegen sie für diese oft vergessenen Menschen Steine. Auch der Name Gerda Metzger steht inzwischen auf einer von dem Kölner Künstler Gunter Dennig gefertigten, zehn mal zehn Zentimeter großen Messingplatte. Der Stein mit dem Namen, dem Geburts- und dem Todestag von Gerda Metzger wird am Samstag, den 13. April, verlegt. Vor dem ehemaligen Städtischen Kinderkrankenhaus in der Türlenstraße 22A.

Die Stadt Stuttgart dagegen hat sich bis heute nicht mit dem Kindermord in ihrem Kinderkrankenhaus befasst. Obermedizinalrat Karl Lempp blieb bis zu seiner Pensionierung 1950 dessen Leiter und wurde vier Jahre später noch mit einem Professorentitel geehrt. Als er 1960 starb, ging das Amtsblatt der Stadt im Nachruf mit keinem Wort auf seine Tätigkeit während der NS-Zeit ein.

Ob eine von den Stolpersteininitiativen und dem Personalrat der städtischen Kliniken für Ende des Jahres geforderte Wanderausstellung mit dem Titel "Im Gedenken der Kinder" stattfinden kann, ist offen. Noch gibt es keine Finanzierung. Die Kosten liegen bei rund 3000 Euro. Veronika Kienzle, die Bezirksvorsteherin von Stuttgart-Mitte, hat bereits ihre Unterstützung zugesagt.

 

 

Kontext-Autor Hermann G. Abmayr befasst sich seit vielen Jahren mit NS-Tätern und -Opfern. Zuletzt hat er das Buch "Stuttgarter NS-Täter" herausgegeben, für das Karl-Horst Marquart das Kapitel über den Kinderarzt Karl Lempp verfasste.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?

Kommentare

Noch keine Kommentare. Schreiben Sie Ihre Meinung.

Kommentar schreiben




CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.


* Pflichtfeld!

Letzte Kommentare:

Ausgabe 216 / Mahlzeit! / Kornelia, 22.05.2015 17:42
Irgendwo schrieb jemand dass wir heute den Sinn der Expo verloren haben. Ein Produkt des vor-vorletzten Jahrhunderts!Und heute nur noch eine Mega-show, die viel Steuergeld "in genehme Bahnen" versacken...

Ausgabe 216 / Vollpfosten / Kornelia, 22.05.2015 17:03
Ha @Zuckelmann, dich wollte ich immer schon live treffen aber irgendwie -manchmal um Sekunden, grinsIn einem Zeitalter der gelenkten Medienhysterie sollte schon übrrlegt werden gibt man Öl ins Feuer oder lässt man es "beobachtend"...

Ausgabe 216 / Summen und Brummen / Kornelia, 22.05.2015 16:44
@zara ..."Willensbildung und die darauf folgende Abwägung und Entscheidung in der parlamentarischen Demokratie gestärkt wird"Jau....Die Willen s Bildung soll marktradikalen gestärkt werden damit die asoziale, unrechte und...

Ausgabe 216 / Vollpfosten / Zwuckelmann, 22.05.2015 15:40
@Kornelia: Man kann das eine tun, ohne das andere zu lassen. Auch wenn ich mir der Instrumentalisierung bewusst bin, ist es dennoch wichtig, auf die Straße zu gehen. Eigentlich wünschte ich mir, dass man sie einfach demonstrieren...

Ausgabe 216 / Der Baum-Hausbauer / Forstwissenschaftler, 22.05.2015 13:09
Weiterer sachlicher Fehler: um dem "Klimawandel entgegenzuwirken" genügt es leider nicht "Millionen Bäume zu pflanzen". Seit Beginn des Industriezeitalters ist der Gehalt des Klimagases Kohlendioxid in der Atmosphäre durch Verbrennung...

Ausgabe 216 / Die Biegekraft der Macht / Hans Paul+Lichtwald, 22.05.2015 11:53
Vor allen Parteistrategen liegt ein schweres Jahr. Hier wird deutlich, wie groß die Gefahr ist, das grüne Glück im schwarzen Musterländle zu verspielen. Als ich bei Facebook Kretschmanns PR-Kampagne aus den USA sah, war ich entsetzt....

Ausgabe 216 / Mahlzeit! / Schwabe, 22.05.2015 09:17
Sehr guter und m.E. unterhaltsam geschriebener Artikel über ein enorm wichtiges Thema. Vielen Dank Hans-Ulrich Grimm und Kontext.Ich wußte nichts von dieser "Weltausstellung" oder vielleicht besser "Konzernausstellung".

Ausgabe 216 / Vollpfosten / Schwabe, 22.05.2015 09:06
Ergänzung zu Kornelia 20.05.2015 19:12 Uhr:2014 brannte jede zweite Woche ein Asylbewerberheim. Die Gewalt ist vor allem seit den Pegida-Demonstrationen enorm angestiegen. Rassisten und Faschisten haben durch sie Selbstbewußtsein...

Ausgabe 216 / Summen und Brummen / zara, 22.05.2015 08:49
Ich verstehe den Ansatz der frühzeitigen Bürgerbeteiligung so, dass die Willensbildung und die darauf folgende Abwägung und Entscheidung in der parlamentarischen Demokratie gestärkt wird. Dies sollte die Demokratie insgesamt stärken...

Ausgabe 216 / Summen und Brummen / M.C., 22.05.2015 08:33
Zitat: "Ein Fabrikbesitzer hat ein verfassungsrechtlich geschütztes Anrecht auf die Erweiterung seiner Fabrik. Das können wir auch nicht über Bundesratsinitiativen aushebeln. Möglich ist es aber, die Abwägungsentscheidung der Behörde...

Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Werden Sie KONTEXT:Unterstützer