KONTEXT Extra:
Untersuchungsausschuss hat vorerst keine Einsicht in die Mails von Tanja Gönner

Fr., 30.01.2015: Eines weiß die ehemalige Umwelt- und Verkehrsministerin Tanja Gönner (CDU) ganz genau, dass es keinen Einfluss der damaligen CDU/FDP-Landesregierung auf den Polizeieinsatz am 30. September im Stuttgarter Schlossgarten gegeben hat: "Daran erinnere ich mich sehr." Darüber hinaus lieferte die Zeugin am Freitag während ihrer mehrstündigen Vernehmung im zweiten Untersuchungsausschuss des Landtags allerdings jede Menge Belege dafür, wie notwendig es für die Abgeordneten wäre, Einsicht in ihren E-Mail-Verkehr aus dem Herbst 2010 zu nehmen. Sie könne sich nach viereinhalb Jahren nicht mehr an Einzelheiten oder Einzelgespräche erinnern, sagte die 45-Jährige mehrfach. Sie sei nicht in der Lage "zu sagen, war es so oder so". Auf eine andere Frage: "Ich weiß es schlicht nicht mehr." Oder: "Dazu kann ich nichts sagen." Oder: "Ich werde genau dazu keine Aussagen treffen." Gönner läßt den Umgang mit ihren Mails gerichtlich klären und hat beim Verwaltungsgericht Sigmaringen Klage gegen die Veröffentlichung eingereicht. Damit darf dem Ausschuss die noch immer im Umweltministerium gespeicherte Korrespondenz vorerst nicht übergeben werden. Grünen-Obmann Hans-Ulrich Sckerl wies noch einmal darauf hin, dass es dem Landtag ausdrücklich nicht um private E-Mails gehe und dass mit einem von Gönner zu benennenden Vertreter gemeinsam hätte geklärt werden können, welche Mails zur Aufklärungsarbeit herangezogen und welche nicht. "Wir warten mit Gelassenheit ab" so Sckerl, "wie die Gerichte entscheiden." Die Vorlage der Mails von Ex-Ministerpräsident Stefan Mappus aus dem selben Zeitraum war vom VGH Mannheim im vergangenen August untersagt worden.


"Natürlich gehört der Islam zu Deutschland."

Mi., 28.1.2015: Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat sich mit einem klaren Bekenntnis in die Debatte um Bedeutung und Stellung des Islam in der Bundesrepublik eingemischt: "Natürlich gehört der Islam zu Deutschland". Dies sei die "einfache logische Schlussfolgerung" aus der Tatsache, dass zwei Millionen Muslime in Deutschalnd leben. "Es ist mir völlig unerfindlich, dass darüber überhaupt debattiert wird", so der grüne Regierungschef, der sich auch an die Seite des SPD-Bundesvorsitzende Sigmar Gabriel stellte. Der ist in die Kritik geraten, weil er als Privatmann an einer Veranstaltung der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung zum Thema Pegida teilgenommen hat, um mit Anhängern der Bewegung ins Gespräch zu kommen. Damit habe er "die Ehre der Politik für ein Bier verspielt", titelte die FAZ. Kretschmann hielt dagegen, weil Gabriel "im Kern völlig recht hat", dass es das Instrument der Politik sei, zu reden. Er selber sehe in Baden-Württemberg keine Veranlassung, sich mit Pediga-Anhänger zu treffen. "Ich würde es aber tun", sagte Kretschmann und plädierte dafür, sich "in Ruhe und manchmal auch in Entscheidenheit mit den Ängsten und den Vorurteilen der Menschen auseinanderzusetzen."


taz und Kontext in der Stuttgarter "Rosenau"

Di., 27.1.2015: Voll wird's am heutigen Dienstagabend in der Rotebühlstraße 109 b. 200 GenossInnen haben sich angemeldet, um mit der taz und Kontext zu sprechen. Das freut die Chefredakteurin Ines Pohl, die Kontext-Redaktion ebenso, und dürfte ein munterer Abend werden. Mit dabei sind auch Karl-Heinz-Ruch, der ewige Geschäftsführer, und Konny Gellenbeck, die Umsorgerin aller GenossInnen. Nach "Charlie Hebdo" ist natürlich die Frage, wie es weiter geht mit der Pressefreiheit? Und dann will Ines Pohl noch wissen, wie es sich mit dem grünen Ministerpräsidenten lebt beziehungsweise, ob Stuttgart 21 jemals gebaut wird. Dazu fällt womöglich auch noch Josef-Otto Freudenreich von Kontext etwas ein. Die Veranstaltung beginnt um 19.30 Uhr.


EU-Kommission erwartet bis Ende Januar eine Lösung des Feinstaubproblems in Stuttgart

Mo., 26.1.2015: 100 von 700 Stuttgarter Taxis sollen Hybrid- oder Elektroantrieb erhalten. Damit wollen Stadt und Land endlich des Feinstaub-Problems an Deutschlands Rekord-Messtelle, dem Neckartor Herr werden. Angenommen jedes Taxi fährt einmal am Tag dort vorbei, so würde sich die Zahl der Fahrzeuge, die Feinstaub-Partikel aus dem Auspuff entlassen, um 0,1 Prozent reduzieren. Da zum Feinstaub aber auch Bremsabrieb und Reifenabrieb beitragen, würde ungefähr 0,05 Prozent weniger Feinstaub entstehen. Ob das die EU-Kommission überzeugt, die mit sechsstelligen Geldbußen für jeden Tag droht, an dem die Grenzwerte überschritten werden, steht noch aus. Bis Ende Januar hat sie der Stadt Zeit gegeben. Mal sehen, ob sie sich mit den Elektrotaxis zufrieden gibt.

Mehr zum Feinstaub in den Artikeln "Dicke Luft" und "Feinstaub ohne Ende?"


NSU: Nicht genau hingeschaut

Fr., 23.1.2015: Mit der Anhöhrung des früheren Hamburger Innensenators Heino Vahldieck, als Vertreter der "Bund-Länder-Kommission Rechtsterrorismus", ist der NSU-Untersuchungsausschuss des Landtags in die öffentliche Beweisaufnahme eingestiegen. In dem im Frühjahr 2013 vorgelegten Abschlussbericht kommen die Experten zu dem Ergebnis, "ein generelles Systemversagen der deutschen Sicherheitsarchitektur" sei nicht zu erkennen. Allerdings hätten "eine Reihe von Sicherungsfunktionen im System versagt". Vahldieck blieb bei dieser Einschätzung. Der CDU-Politiker, der selber zwischen 2002 und 2010 Chef des Verfassungsschutzes in Hamburg war, übte aber scharfe Kritik an den Behörden in Thüringen. Einen V-Mann wie Timo Brandt anzuwerben, der selber Chef des Thüringer Heimatschutzes war, "das macht man nicht". Weil dann der Minister, dem der Verfassungsschutz unterstehe, quasi zum Chef einer extremistischen Vereinigung werde. Vorwürfe macht sich Vahldieck, dass er in seiner Zeit bei der Behörde nicht auf die Idee gekommen sei, die Mordserie habe einen fremdenfeindlichen Hintergrund: "Ich habe mir leider auch nicht gesagt, schaut da mal hin." Am kommenden Montag werden die Bundestagsabgeordneten Eva Högl (SPD) und Clemens Binninger (CDU) sowie die Thüringer Landtagsabgeordneter Dorothea Marx (SPD) als Vertreter der einschlägigen parlamentarischen Ausschüsse den baden-württembergischen Kollegen Rede und Antwort stehen. In nicht-öffentlicher Sitzung wurde zudem beschlossen, als weitere Zeugen unter anderen Stefan Aust, Thomas Moser, Rainer Nübel und Wolfgang Schorlau zu hören.


Staatsanwaltschaft beantragt Strafbefehl gegen Ex-Polizeipräsident Stumpf

23.01.2015: Die Staatsanwaltschaft Stuttgart hat beim Amtsgericht Stuttgart den Erlass eines Strafbefehls gegen den ehemaligen Polizeipräsidenten Siegfried Stumpf beantragt. Sie wirft ihm fahrlässige Körperverletzung im Amt vor. Beim aus dem Ruder gelaufenen Polizeieinsatz im Stuttgarter Schlossgarten am 30.9.2010 war er verantwortlich. Erst Ende November 2014 wurde der sogenannte "Wasserwerferprozess" gegen zwei Einsatzabschnittsleiter am Landgericht Stuttgart nach 24 Prozesstagen wegen geringer nachzuweisender Schuld und gegen die Zahlung von 3 000 Euro pro Angeklagtem eingestellt. Wenn Stumpf dem Strafbefehl widerspricht, käme es zu einem weiteren Prozess zum "Schwarzen Donnerstag".
Kontext hat den Wasserwerferprozess ausführlich begleitet. Mehr zum Thema unter diesem Link und unter diesem, gleichfalls unter der Rubrik "Politik" in Kontext.
Die beiden Autoren Jürgen Bartle und Dieter Reicherter werden ihre Kontext-Artikel zum Thema demnächst in einem Buch zusammenfassen.


90 000 Stuttgarter sind armutsgefährdet

Di., 20.1.2015: Immenser Reichtum für einen kleinen Kreis, Armut für den Rest - die Entwicklungs-Organisation Oxfam prognostiziert, dass 2016 ein Prozent der Bevölkerung genauso viel Vermögen besitzt wie der Rest der Welt zusammen. Stuttgart ist eine reiche Stadt. Dennoch sind 90 000 Stuttgarter armutsgefährdet. Mehr dazu unter diesem Link.


"Ikonen einer modernen Lebensweise"

Mo., 19.1.2015: 17 besonders bedeutsame und gut erhaltene Gebäude und Gebäudegruppen von Le Corbusier auf drei Kontinenten sollen im zweiten Anlauf auf die Welterbe-Liste der UNESCO. Darunter sind auch jene beiden Häuser, die der weltberühmte Schweizer für die Stuttgarter Weißenhofsiedlung entworfen hat. 2008 war ein Antrag gescheitert. Jetzt wird zum ersten Mal überhaupt ein weltumspannender Vorstoß gewagt, was die herausragende Rolle Le Corbusiers für die Architektur des 20. Jahrhunderts unterstreichen soll.
Verantwortlich für den deutschen Beitrag sind das baden-württembergische Finanzministerium als oberste Denkmalschutzbehörde und die Stadt Stuttgart. In einer Mitteilung heißt es, die beiden Häuser auf dem Weißenhof seien "Ikonen einer modernen Lebensweise und einer neuen Ästhetik". Sie waren Teil der Ausstellung "Die Wohnung", die der Deutsche Werkbund 1927 organisiert hatte, gemeinsam mit der Stadt und dem Aachener Ludwig Mies van der Rohe. Der Antrag umfasst auch Gebäude in Frankreich, Argentinien, Belgien, Japan, in der Schweiz und Indien. Eine Entscheidung der UNESCO wird im Sommer 2016 erwartet.


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Ausgabe 105
Zeitgeschehen

Stuttgarter Kindsmord

Von Hermann G. Abmayr
Datum: 03.04.2013 (Update: 15.07.2014)
Gewaltsam hat der Arzt die kleine Gerda, die an einer spastischen Lähmung litt, entführt und in die Stuttgarter "Kinderfachabteilung" gebracht, wo sie getötet wurde. Euthanasie, schöner Tod, nannten die Nazis das. Ein Tabuthema – auch in den Nachkriegsjahrzehnten.

NS-Propagana begleitete den Mord an Behinderten. Zeitschrift: Volk und Rasse, 1936

Über sechs Jahrzehnte konnte die 1916 geborene Berta Metzger mit niemandem darüber sprechen. Erst 2009, kurz vor ihrem Tod, hat sie Matthias-Herbert Enneper ihre Geschichte anvertraut. Ihr einziges Kind, das Ende November 1939 in der Gemeinde Flacht – heute ein Ortsteil von Weissach bei Stuttgart – zur Welt kam, war von Geburt an behindert. 

Berta Metzger hatte Gerda nicht in ein Heim bringen wollen, sondern sich zu Hause um ihr Kind gekümmert. "Das darf man nicht", sagten ihr die Leute damals. "Du wirst schon sehen." Das Mädchen war vermutlich beim zuständigen Gesundheitsamt in Leonberg als behindert gemeldet worden. Ärzte, Hebammen oder Gemeindekrankenschwestern waren seit 1939 überall im Deutschen Reich verpflichtet, behinderte Kinder (gegen Honorar) zu melden. Dem Tod ging viel Bürokratie voraus. 

Fabrikmäßige Ermordung

1939 hatten die Nazis erstmals in der Geschichte der Menschheit damit begonnen, die fabrikmäßige Ermordung von Menschen vorzubereiten, die zeitweise oder dauerhaft körperlich oder geistig behindert waren. In Grafeneck auf der Schwäbischen Alb begann das Morden dann – lange vor Auschwitz. 1940 wurden dort über 10 000 Menschen, die aus "Heil- und Pflegeanstalten" in grau lackierten Bussen angekarrt worden waren, ermordet. 

Für Kinder und Jugendliche mit körperlichen oder geistigen Behinderungen, die zu Hause lebten, richtete der NS-Staat dann sogenannte Kinderfachabteilungen ein, in denen sie getötet wurden. Nach neuester Forschung hat es im damaligen Deutschen Reich über 30 derartige Einrichtungen gegeben. Über die genaue Zahl wird noch geforscht. Auch im Städtischen Kinderkrankenhaus in Stuttgart in der heutigen Türlenstraße 22A, die von dem Kinderarzt und Chef des städtischen Gesundheitsamtes, Karl Lempp, geleitet wurde.

Ein Arzt entführt das Mädchen

Eines Tages, so berichtet Berta Metzger Jahrzehnte später, habe sie ein Arzt besucht, der ihre Tochter untersuchen wollte. Das muss Mitte Juli 1943 gewesen sein. Als die Mutter in dem Zimmer, in dem der Mediziner zugange ist, Schreie hört und der Kleinen zu Hilfe eilen will, versperrt ihr der Fahrer des Arztes den Weg. Nach der Untersuchung findet Berta Metzger das Mädchen nackt und völlig verstört in der Ecke sitzend. Als sie wissen will, was geschehen ist, brüllt der Arzt, sie solle das Maul halten und sich von ihrer Tochter verabschieden; sie käme in eine Spezialklinik. Die beiden Männer zerren das Kind die Treppe hinunter und fahren mit ihm davon, ohne zu sagen, in welche Klinik sie die Kleine bringen würden.

Die Mutter ist verzweifelt; nicht einmal Wäsche konnte sie ihrem Kind mitgeben. Noch am gleichen Abend macht sie sich zu Fuß auf den Weg ins 30 Kilometer entfernte Stuttgart, wo sie Gerda vermutet. Sie fragt sich so lange durch, bis sie zur Kinderklinik in die Türlenstraße kommt, wo man zwar bestätigt, dass Berta hier sei, ihr aber den Zutritt verweigert. Da sie sich nicht abwimmeln lässt und ein so "großes Theater" macht, dass die Leute auf der Straße stehen bleiben, darf sie dann eintreten.

Tags darauf ist Gerda Metzger tot 

Sie findet ihr Kind völlig apathisch vor; Gerda reagiert auf keinerlei Ansprache oder Liebkosung. Sicher nicht die Folge ihrer Lähmung. Offenkundig waren ihr Schlafmittel verabreicht worden. Dann herrscht die Krankenschwester Berta Metzger an, sie solle endlich gehen, und stößt sie zur Tür hinaus. Die Mutter fragt, ob sie am nächsten Tag wieder kommen könne, um ihr Kind zu besuchen. Antwort: "Ja, wenn es dann noch lebt." Tags darauf ist Gerda Metzger tot. Gestorben sei die Spastikerin, so sagte man der Mutter, an einer ansteckenden Krankheit.

Als Matthias-Herbert Enneper diese Geschichte der Stuttgarter Stolpersteininitiative geschickt hat, konnte sie der Arzt und NS-Euthanasie-Spezialist Karl-Horst Marquart schnell verifizieren. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema und hat 2009 enthüllt, dass in der Stuttgarter "Kinderfachabteilung" bis 1945 mindestens 52 Kinder und Jugendliche ermordet worden waren. Andere sind ins hessische Eichberg geschickt worden, um dort umgebracht zu werden. Verantwortlich war Karl Lempp, Leiter des Kinderkrankenhauses und Chef des Gesundheitsamtes. 

Im Leichenregister, das Marqaurt ausgewertet hat, heißt es, Gerda Metzger sei an Diphtherie gestorben. Eine ansteckende Infektionskrankheit, die tödlich enden kann. Die Diagnose hält der Mediziner Karl-Horst Marquart für eine Fälschung, schon, weil diese Krankheit niemals innerhalb eines Tages tödlich verlaufen kann. In Klammern konnte Marquart im Register aber auch die Diagnose Little'sche Krankheit lesen, eine spastische Lähmung durch Gehirnschaden also.

Angst, über den Fall zu sprechen 

"Sie ist auf Zehenspitzen gegangen", sagt eine ältere Frau, die Berta Metzger und ihre Tochter kannten, berichtet die Leiterin des Flachter Heimatmuseums, Barbara Hornberger. Typisch für eine Spastikerin, bestätigt Karl-Horst Marquart. Sie konnte "ned recht schwätza", erinnert sich eine heute über 90 Jahre alte Cousine. "Und's hod ghoißa, se sei fortkomme", erinnert sich eine frühere Nachbarin in der Bergstraße. Als Todesursache sei Diphtherie genannt worden. Damals habe man Angst gehabt, über den Fall zu sprechen, sagen die Zeitzeuginnen.

Der Flachter Pfarrer Harald Rockel hat in seinen Unterlagen bis jetzt keinen Hinweis auf Gerda Metzger gefunden. Auch Ortsarchivar Matthias Graner sucht noch nach schriftlichen Quellen, denn bei Detailfragen gibt es noch einige Widersprüche. Wie oft Vater Emil Metzger sein Kind gesehen hat, ist bisher unbekannt. Als der Zweite Weltkrieg begann, war er 28 Jahre alt. Sein Name steht auf dem Flachter Gefallenendenkmal. 

Verantwortlich für die Tötung von Kindern: Krankenhaus-Chef Karl Lempp. Foto: Landesarchiv Baden-Württemberg Seine Tochter Gerda war nicht das einzige behinderte Kind in Flacht, berichtet Barbara Hornberger. Auch in der Familie des NSDAP-Ortsgruppenleiters Gotthold Roth lebte ein Kind namens Gretel, das im Sinne der NS-Ideologie ein "unnützer Esser" war. Es habe die Nazizeit genauso überlebt wie ein weiteres behindertes Kind. Vom damaligen evangelischen Ortspfarrer Otto Mörike ist bekannt, dass er ein entschiedener Gegner der Nazis war, berichtet Hornberger. Ob er sich eingemischt hat, um die beiden Kinder zu retten, ist nicht bekannt. 

Europaweit hatten die Nazis zwischen 1939 und 1945 etwa 300 000 behinderte und psychisch kranke Menschen ermordet, weil ihr Leben angeblich nicht "lebenswert" war. Nur ein Teil der Angehörigen im damaligen Deutschen Reich wehrte sich gegen deren Verschleppung, berichtet der Historiker und Journalist Götz Aly in seinem neuen Buch "Die Belasteten – 'Euthanasie' 1939 bis 1945". Doch der Druck war groß. Alle sozialen Hilfen bis zum Kindergeld für die gesunden Nachkömmlinge seien den Widerständigen entzogen worden; man habe mit Zwangssterilisierung gedroht, da es sich angeblich um "erbkranke Familien" handelte.

Kinderarzt Lempp blieb straffrei

Die meisten Täter sind nach 1945 straffrei geblieben. Welcher Arzt Gerda Metzger abgeholt hat, ist nicht eindeutig nachzuweisen. Karl-Horst Marquart vermutet, dass es der Landesjugendarzt war, der dafür bekannt war, in Württemberg herumzufahren, um Behinderte zu suchen, die dann getötet wurden. Er sei einer der wenigen in Baden-Württemberg gewesen, die sich zumindest in einem Prozess verantworten mussten, Ende der 40er-Jahre im Grafeneck-Prozess in Tübingen. Der endete für den Arzt aber mit einem Freispruch. 

Karl Lempp, der Leiter der Kinderfachabteilung in Stuttgart, der nach den Recherchen von Marquart für NS-Kinder-Euthanasie und etliche Fälle von Zwangssterilisation verantwortlich ist, musste nicht einmal vor einem Gericht erscheinen. Marquart hat die Ergebnisse seiner Forschungen über Karl Lempp 2009 erstmals in dem Buch "Stuttgarter NS-Täter" veröffentlicht. Doch Enkel Volker Lempp, ein Rechtsanwalt, bestritt die Vorwürfe und hat versucht, die Verbreitung des Buches beziehungsweise des Lempp-Kapitels zu verhindern. In letzter Minute zog er seinen Antrag auf einstweilige Verfügung beim Landgericht Stuttgart dann aber Ende 2009 zurück. Das ursprünglich erwogene Hauptsacheverfahren hat er nie angestrengt.

Ein Lehrer leugnet immer noch

Berufen haben sich Volker Lempp sowie der inzwischen verstorbene Tübinger Kinder- und Jugendpsychiater Reinhart Lempp unter anderem auf den Geschichtslehrer Rolf Königstein, der bis vor wenigen Jahren am Max-Born-Gymnasium in Backnang (Region Stuttgart) Geschichte unterrichtet hat. Königstein ist bis heute der einzige Autor, der die Existenz einer Kinderfachabteilung im Städtischen Kinderkrankenhaus in Stuttgart leugnet. Ernst genommen wird er in der Fachwelt allerdings nicht.

Publiziert hatte Königstein seine Thesen in einer Unterrichtshilfe mit dem Titel "NS-Euthanasie in Baden-Württemberg – Archivpädagogische Anregungen für die gymnasiale Oberstufe", die die Landeszentrale für politische Bildung herausgebracht hatte, sowie in einem 2004 erschienen Aufsatz in der Zeitschrift der württembergischen Landesgeschichte. Sie wird mittlerweile nicht mehr verbreitet und ist aus dem Internet-Angebot der Landeszentrale entfernt worden.

In derselben Schrift habe Rolf Königstein die Rolle der Tötungseinrichtung in Brandenburg-Görden stark verharmlost, sagt der NS-Forscher Ernst Klee. Dort seien Kinder jedenfalls nicht therapiert worden, wie Königstein behauptet. Tatsächlich seien viele für Versuche missbraucht worden, ehe man sie getötet hat. Klee warf Königstein deshalb vor, eine Görden-Lüge zu verbreiten.

Götz Aly fordert Namensregister

Götz Aly hat in seinem neuen Buch gefordert, die Namen der Opfer der NS-Euthanasie in einem zentralen Register zu veröffentlichen. Jeder achte Deutsche im Alter von über 25 Jahren sei verwandt mit einem Opfer. Doch nur einer von zehn wisse dies.

Die Stolpersteininitiativen haben nicht auf Alys Aufruf gewartet. Seit Jahren verlegen sie für diese oft vergessenen Menschen Steine. Auch der Name Gerda Metzger steht inzwischen auf einer von dem Kölner Künstler Gunter Dennig gefertigten, zehn mal zehn Zentimeter großen Messingplatte. Der Stein mit dem Namen, dem Geburts- und dem Todestag von Gerda Metzger wird am Samstag, den 13. April, verlegt. Vor dem ehemaligen Städtischen Kinderkrankenhaus in der Türlenstraße 22A.

Die Stadt Stuttgart dagegen hat sich bis heute nicht mit dem Kindermord in ihrem Kinderkrankenhaus befasst. Obermedizinalrat Karl Lempp blieb bis zu seiner Pensionierung 1950 dessen Leiter und wurde vier Jahre später noch mit einem Professorentitel geehrt. Als er 1960 starb, ging das Amtsblatt der Stadt im Nachruf mit keinem Wort auf seine Tätigkeit während der NS-Zeit ein.

Ob eine von den Stolpersteininitiativen und dem Personalrat der städtischen Kliniken für Ende des Jahres geforderte Wanderausstellung mit dem Titel "Im Gedenken der Kinder" stattfinden kann, ist offen. Noch gibt es keine Finanzierung. Die Kosten liegen bei rund 3000 Euro. Veronika Kienzle, die Bezirksvorsteherin von Stuttgart-Mitte, hat bereits ihre Unterstützung zugesagt.

 

 

Kontext-Autor Hermann G. Abmayr befasst sich seit vielen Jahren mit NS-Tätern und -Opfern. Zuletzt hat er das Buch "Stuttgarter NS-Täter" herausgegeben, für das Karl-Horst Marquart das Kapitel über den Kinderarzt Karl Lempp verfasste.


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Ausgabe 200 / Gegenlesen? Nicht mit uns / hypnos, 01.02.2015 19:24
Ich kann den Ärger der Autorin nachvollziehen. Natürlich versuchen Pressestellen etc. Einfluss auf die Berichterstattung zu nehmen - dazu sind sie da. Umgekehrt finde ich es aber auch immer wieder erstaunlich, in wie vielen Artikeln...

Ausgabe 199 / "Alle heizen den Kessel an" / Gregor v. Drabich, 01.02.2015 18:33
Vielen Dank für diesen tollen Artikel. Prof. Ganser arbeitet für den Frieden und ich bin dankbar, dass er durch seine jahrelangen detaillierten Forschungen viel Dunkles ans Tageslicht gebracht hat. Viele von ihm recherchierte...

Ausgabe 200 / Ausgerümpelt im Jungbusch / Ulrich Frank, 01.02.2015 16:33
Schönes Portrait, einschließlich Fotos!

Ausgabe 200 / Hartz IV: die verlorene Würde / peter-deutsch, 01.02.2015 14:45
@Bona > 300000 freie Stellen wären schon fast ein Traum ... bei freien Arbeitsstellen wird genauso getrickst wie bei den Arbeitslosenzahlen = es gibt nur 100000 freie Stellen pro Monat ... die anderen statistisch freien Stellen...

Ausgabe 200 / Gegenlesen? Nicht mit uns / Meutrich, 01.02.2015 13:15
Um die Frage der Autorin zu beantworten: Ich würde einem Zimmermann zwar nicht sagen, wie er die Dachsparren anzubringen hat, aber auch seine Arbeit würde ich kontrollieren!Es ist nun mal so, dass man heutzutage sowohl als...

Ausgabe 200 / Hält Stumpf den Kopf hin? / Ulrich Frank, 31.01.2015 19:46
Herrn Bartle, Herrn Reicherter und der kontextwochenzeitung gebührt großer Dank für die minutiöse Darstellung der von den Kräften der Ordnung vorgeführten Prozeduren des Lavierens. Hier werden Einblicke gewährt wie das hiesige...

Ausgabe 200 / Gegenlesen? Nicht mit uns / Ulrich Frank, 31.01.2015 18:29
@invinoveritas, 30.01.2015 18:05 - Ihr heißes Engagement in Ehren, mitsamt den charmanten Unzurechnungsfähigkeitserklärungen an die Adresse derjenigen hier die nicht Ihrer Meinung sind - dieser Strahl aus dem Kärcher, nein diese...

Ausgabe 200 / Hartz IV: die verlorene Würde / Bona, 31.01.2015 14:56
@Knut Busch: ca. 4 Millionen und mehr Arbeitslose passen nun einmal nicht in 300.000 offene Stellen, da nützen auch keine netten Gespräche mit den lieben Arbeit-Ver-gebern mehr.

Ausgabe 200 / Hält Stumpf den Kopf hin? / Thomas Feltes, 31.01.2015 14:21
Lieber Herr Stumpf,es ist sehr schade, dass Sie die Chance nicht genutzt haben und der Polizei vorgeführt haben, was es heißt, Fehlerkultur und persönliches Rückgrat zu haben. Ich hätte Sie anders eingeschätzt. Umso mehr wird mir...

Ausgabe 200 / Niere oder Tod / Uwe Mannke, 31.01.2015 13:58
Entweder man stellt die Organtransplantation insgesamt in Frage oder man verabschiedet sich komplett von den allgemeinen Menschenrechten. Die Hirntoddiagnostik ist hoch komplex und umstritten. Sie ist aber Vorraussetzung für das gesamte...

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