KONTEXT Aktuelles:
Heinrich Steinfest für Deutschen Buchpreis nominiert

Fr., 12.9.14: Kontext-Gastautor Heinrich Steinfest ist mit seinem Roman "Der Allesforscher" als einer von sechs Autoren für den Deutschen Buchpreis nominiert. Die Literaturauszeichnung wird am 6. Oktober vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels verliehen, mittlerweile zum zehnten Mal. Insgesamt hatten 101 Verlage 167 Romane eingereicht. Heinrich Steinfest beschreibt in seinem Buch das Leben des Managers Sixten Braun. Der findet unverhofft eine Familie und wird - nach der Explosion eines Wals mitten auf einer taiwanesischen Straße und einem knapp überlebten Flugzeugabsturz - Bademeister im Stuttgarter Mineralbad Berg.
Die Kontext-Redaktion gratuliert!

Mehr Steinfest gibt es unter
"Rasende Literaten"
"Im Silberwal"
"Heinrich und die Ente Einauge"


SS-Massaker: Blamage für Landesjustizminister

Do., 11.9.14: Das SS-Massaker in dem toskanischen Bergdorf Sant'Anna di Stazzema bringt Rainer Stickelberger (SPD) erneut in die Kritik. Wie Kontext erfuhr, hat der Justizminister von Baden-Württemberg noch im Juli dieses Jahres die umstrittene Entscheidung des Stuttgarter Oberstaatsanwalts Bernhard Häußler verteidigt, gegen die beschuldigten ehemaligen SS-Männer keine Anklage zu erheben. Nur drei Wochen später hat das Oberlandesgericht (OLG) Karlsruhe in einem Klageerzwingungsverfahren entschieden, dass der letzte dafür noch in Frage kommende Mann, Gerhard Sommer aus Hamburg, vor ein Gericht gestellt werden muss.

In dem Schreiben an Eberhard Frasch von der Anstifter-Initiative Sant'Anna hat Stickelberger erklärt, es sei nicht möglich gewesen, "gegen einen der Beschuldigten einen Tatverdacht zu konkretisieren". Das OLG dagegen kam zu der vorläufigen Bewertung, dass eine Verurteilung wegen gemeinschaftlich begangenen Mordes oder wegen Beihilfe zum Mord zu erwarten sei. Außerdem haben Stickelberger und Häußler behauptet, die Verurteilung von Sommer in Italien basierte "im Wesentlichen auf einer pauschalen Schuldfeststellung". Auch dieses Argument wies das OLG als unzutreffend zurück.

Die Anstifter wollen dem Justizminister nun am Freitag, den 12. September, im Rahmen einer Mahnwache vor dem Ministerium auf dem Schillerplatz ein Protestschreiben überreichen (Beginn: 12:30 Uhr). Sie hoffen, dass sich Stickelberger ihrer Kritik persönlich stellt.

Der KONTEXT-Beitrag über die Sant-Anna-Entscheidung des OLG Karlsruhe:

Ohrfeige für Ankläger


Brüssel gegen Bürgerbeteiligung

Do., 11.9.14: Die Europäische Kommission hat heute die Registrierung der Europäischen Bürgeriniative (EBI) gegen die Freihandelsabkommen TTIP und CETA mit einer fadenscheinigen Begründung abgelehnt. Vorgeschoben wurden rein formelle Bedenken, die juristisch mehr als fragwürdig sind.

Mit einem solchen Vorgehen fördert die EU-Kommission die Poltikverdrossenheit in Europa und das Misstrauen vieler Bürger gegen Brüssel, kritisieren die Initiatoren der Bürgerinitiative. Und versprechen: "Wir werden uns weiter einmischen. Unseren Widerstand gegen TTIP und CETA können sie damit nicht aufhalten!"


Razavi: nicht mehr alleine im Grontmij-Beirat

Mi., 10.9.14: Nicole Razavi, verkehrspolitische Sprecherin der Stuttgarter Landtags-CDU, hat gleichgesinnte Gesellschaft bekommen - im deutschen Council des holländischen Grontmij-Konzerns. Das Gremium, in dem Razavi seit 2012 die Geschäftsführung berät, ergänzt laut www.abgeordnetenwatch.de Ex-CDU-Hoffnungsträger David McAllister. "Unbemerkt von der Öffentlichkeit hat Niedersachsens Ministerpräsident a.D. zuletzt ein neues Betätigungsfeld gefunden: in der Baubranche", so die Lobbykritiker.

Außer im Grontmij-Beirat verdingt sich McAllister, der als CDU-Spitzenkandidat bei der Europawahl kläglich scheiterte und heute als einfacher EVP-Abgeordneter im Europaparlament sitzt, für die Matthäi Verwaltungs GmbH (Vergütung: 1.000 bis 5.000 Euro/Monat). Die Verdener Matthäi-Gruppe ist u.a. im Straßen- und Wasserbau sowie bei Flughafen- und Hafeninfrastruktur tätig und auch Auftragnehmerin bei öffentlichen Bauprojekten.

Kontext-Recherchen nach ist die deutsche Grontmij-Tochter Hauptauftragnehmerin für Projektplanung und Bauüberwachung beim Bahnprojekt Stuttgart 21. Die Frankfurter Niederlassung verantwortet die baukonstruktiven Planungen des Tiefbahnhoftrogs und dessen Zulauftunnel. Die Geislinger CDU-Landtagsabgeordnete Razavi gilt als vehemente S-21-Befürworterin, was ihr als Grontmij-Beirätin Filzvorwürfe einbrachte.

Der KONTEXT-Beitrag über Razavis Beirat-Engagement:
Neuer Filz bei Stuttgart 21?


Rätsel um Rostbrühe: keine Ermittlungen

Di., 9.9.2014: Was fließt in den blauen Rohren von Stuttgart 21? Sauberes Nass in Trinkwasserqualität, wie die Bahn in Werbebroschüren behauptet, oder giftige Rostbrühe, wie sie aus einem umgerissenen Rohr am 24. Juni auslief? Der Stuttgarter Staatsanwaltschaft (StA) scheint das egal zu sein. Nach einer Strafanzeige wegen Umweltgefährdung gegen Bahn, Wasserbaufirma und Stuttgarts Umweltbürgermeister, die nach dem "Rostrohrbruch" einging, will die Behörde nicht ermitteln: "Bloße Vermutungen, der Eisengehalt im Wasser sei doch höher, rechtfertigen nicht die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens", entschied sie Mitte Juli. 

Pikant: wenige Tage später reichten die projektkritischen "Ingenieure 22" Anfang August ebenfalls eine Strafanzeige wegen des Rostwassers in den blauen Rohren gegen die gleichen Verantwortlichen ein - zusammen mit umfangreichen Begründungen und Beweismaterialien. "Diese Anzeige befindet sich derzeit noch in der Vorprüfung", so die StA-Sprecherin heute auf Kontext-Nachfrage.


Reicherter als Redner

Sa., 30.8.2014: Dieter Reicherter, Richter a.D., berichtet seit nunmehr elf Wochen kontinuierlich in Kontext über den Wasserwerfer-Prozess am Stuttgarter Landgericht, wo er selber bis 2010 einer Großen Strafkammer vorsaß. Kommenden Montag, ab 18 Uhr, ist Reicherter auf dem Schlossplatz einer der Redner bei der 236. Montags-Demo gegen Stuttgart 21. Thema: natürlich der Wasserwerfer-Prozess.
Hier sein Bericht aus der aktuellen Ausgabe:
www.kontextwochenzeitung.de/politik/178/den-joystick-druecken-und-schweigen-2392.html


Lassen Sie sich einfach erinnern!

Mi., 27.8.2014: Es ist wieder Mittwoch und eine neue Kontext-Ausgabe ist online. Mit unserem neuen Service "Kontext per Email" können Sie sich automatisch erinnern lassen: Jeden Mittwoch gegen 9 Uhr erhalten Sie dann ein Email mit der Übersicht über die neuen Themen. Einfach nebenan die Emailadresse eingeben,  bestätigen und schon sind Sie dabei!


Vier Jahre Abriss Nordflügel

Mo., 25.8.2014: Heute vor vier Jahren just um diese Zeit begann der Abriss des Nordflügels des denkmalgeschützten Stuttgarter Hauptbahnhofs. Zwei Kilometer weiter, im Innenhof des Alten Schlosses, eröffnete zeitgleich der davon nicht informierte OB Wolfgang Schuster (CDU) dennoch leutselig das Weindorf. Was seither passiert ist? Auf der "Bau"stelle außer Zerstörung nahezu nichts. Und ansonsten wird diese Woche wieder das Weindorf eröffnet, nur halt von einem Grünen OB.
Dazu ein Lesestück aus dem Archiv, das mancherlei gut erklärt über "die seelenlose Stadt".

http://www.kontextwochenzeitung.de/gesellschaft/160/seelenlose-stadt-2150.html

 


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Ausgabe 105
Zeitgeschehen

Stuttgarter Kindsmord

Von Hermann G. Abmayr
Datum: 03.04.2013 (Update: 15.07.2014)
Gewaltsam hat der Arzt die kleine Gerda, die an einer spastischen Lähmung litt, entführt und in die Stuttgarter "Kinderfachabteilung" gebracht, wo sie getötet wurde. Euthanasie, schöner Tod, nannten die Nazis das. Ein Tabuthema – auch in den Nachkriegsjahrzehnten.

NS-Propagana begleitete den Mord an Behinderten. Zeitschrift: Volk und Rasse, 1936

Über sechs Jahrzehnte konnte die 1916 geborene Berta Metzger mit niemandem darüber sprechen. Erst 2009, kurz vor ihrem Tod, hat sie Matthias-Herbert Enneper ihre Geschichte anvertraut. Ihr einziges Kind, das Ende November 1939 in der Gemeinde Flacht – heute ein Ortsteil von Weissach bei Stuttgart – zur Welt kam, war von Geburt an behindert. 

Berta Metzger hatte Gerda nicht in ein Heim bringen wollen, sondern sich zu Hause um ihr Kind gekümmert. "Das darf man nicht", sagten ihr die Leute damals. "Du wirst schon sehen." Das Mädchen war vermutlich beim zuständigen Gesundheitsamt in Leonberg als behindert gemeldet worden. Ärzte, Hebammen oder Gemeindekrankenschwestern waren seit 1939 überall im Deutschen Reich verpflichtet, behinderte Kinder (gegen Honorar) zu melden. Dem Tod ging viel Bürokratie voraus. 

Fabrikmäßige Ermordung

1939 hatten die Nazis erstmals in der Geschichte der Menschheit damit begonnen, die fabrikmäßige Ermordung von Menschen vorzubereiten, die zeitweise oder dauerhaft körperlich oder geistig behindert waren. In Grafeneck auf der Schwäbischen Alb begann das Morden dann – lange vor Auschwitz. 1940 wurden dort über 10 000 Menschen, die aus "Heil- und Pflegeanstalten" in grau lackierten Bussen angekarrt worden waren, ermordet. 

Für Kinder und Jugendliche mit körperlichen oder geistigen Behinderungen, die zu Hause lebten, richtete der NS-Staat dann sogenannte Kinderfachabteilungen ein, in denen sie getötet wurden. Nach neuester Forschung hat es im damaligen Deutschen Reich über 30 derartige Einrichtungen gegeben. Über die genaue Zahl wird noch geforscht. Auch im Städtischen Kinderkrankenhaus in Stuttgart in der heutigen Türlenstraße 22A, die von dem Kinderarzt und Chef des städtischen Gesundheitsamtes, Karl Lempp, geleitet wurde.

Ein Arzt entführt das Mädchen

Eines Tages, so berichtet Berta Metzger Jahrzehnte später, habe sie ein Arzt besucht, der ihre Tochter untersuchen wollte. Das muss Mitte Juli 1943 gewesen sein. Als die Mutter in dem Zimmer, in dem der Mediziner zugange ist, Schreie hört und der Kleinen zu Hilfe eilen will, versperrt ihr der Fahrer des Arztes den Weg. Nach der Untersuchung findet Berta Metzger das Mädchen nackt und völlig verstört in der Ecke sitzend. Als sie wissen will, was geschehen ist, brüllt der Arzt, sie solle das Maul halten und sich von ihrer Tochter verabschieden; sie käme in eine Spezialklinik. Die beiden Männer zerren das Kind die Treppe hinunter und fahren mit ihm davon, ohne zu sagen, in welche Klinik sie die Kleine bringen würden.

Die Mutter ist verzweifelt; nicht einmal Wäsche konnte sie ihrem Kind mitgeben. Noch am gleichen Abend macht sie sich zu Fuß auf den Weg ins 30 Kilometer entfernte Stuttgart, wo sie Gerda vermutet. Sie fragt sich so lange durch, bis sie zur Kinderklinik in die Türlenstraße kommt, wo man zwar bestätigt, dass Berta hier sei, ihr aber den Zutritt verweigert. Da sie sich nicht abwimmeln lässt und ein so "großes Theater" macht, dass die Leute auf der Straße stehen bleiben, darf sie dann eintreten.

Tags darauf ist Gerda Metzger tot 

Sie findet ihr Kind völlig apathisch vor; Gerda reagiert auf keinerlei Ansprache oder Liebkosung. Sicher nicht die Folge ihrer Lähmung. Offenkundig waren ihr Schlafmittel verabreicht worden. Dann herrscht die Krankenschwester Berta Metzger an, sie solle endlich gehen, und stößt sie zur Tür hinaus. Die Mutter fragt, ob sie am nächsten Tag wieder kommen könne, um ihr Kind zu besuchen. Antwort: "Ja, wenn es dann noch lebt." Tags darauf ist Gerda Metzger tot. Gestorben sei die Spastikerin, so sagte man der Mutter, an einer ansteckenden Krankheit.

Als Matthias-Herbert Enneper diese Geschichte der Stuttgarter Stolpersteininitiative geschickt hat, konnte sie der Arzt und NS-Euthanasie-Spezialist Karl-Horst Marquart schnell verifizieren. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema und hat 2009 enthüllt, dass in der Stuttgarter "Kinderfachabteilung" bis 1945 mindestens 52 Kinder und Jugendliche ermordet worden waren. Andere sind ins hessische Eichberg geschickt worden, um dort umgebracht zu werden. Verantwortlich war Karl Lempp, Leiter des Kinderkrankenhauses und Chef des Gesundheitsamtes. 

Im Leichenregister, das Marqaurt ausgewertet hat, heißt es, Gerda Metzger sei an Diphtherie gestorben. Eine ansteckende Infektionskrankheit, die tödlich enden kann. Die Diagnose hält der Mediziner Karl-Horst Marquart für eine Fälschung, schon, weil diese Krankheit niemals innerhalb eines Tages tödlich verlaufen kann. In Klammern konnte Marquart im Register aber auch die Diagnose Little'sche Krankheit lesen, eine spastische Lähmung durch Gehirnschaden also.

Angst, über den Fall zu sprechen 

"Sie ist auf Zehenspitzen gegangen", sagt eine ältere Frau, die Berta Metzger und ihre Tochter kannten, berichtet die Leiterin des Flachter Heimatmuseums, Barbara Hornberger. Typisch für eine Spastikerin, bestätigt Karl-Horst Marquart. Sie konnte "ned recht schwätza", erinnert sich eine heute über 90 Jahre alte Cousine. "Und's hod ghoißa, se sei fortkomme", erinnert sich eine frühere Nachbarin in der Bergstraße. Als Todesursache sei Diphtherie genannt worden. Damals habe man Angst gehabt, über den Fall zu sprechen, sagen die Zeitzeuginnen.

Der Flachter Pfarrer Harald Rockel hat in seinen Unterlagen bis jetzt keinen Hinweis auf Gerda Metzger gefunden. Auch Ortsarchivar Matthias Graner sucht noch nach schriftlichen Quellen, denn bei Detailfragen gibt es noch einige Widersprüche. Wie oft Vater Emil Metzger sein Kind gesehen hat, ist bisher unbekannt. Als der Zweite Weltkrieg begann, war er 28 Jahre alt. Sein Name steht auf dem Flachter Gefallenendenkmal. 

Verantwortlich für die Tötung von Kindern: Krankenhaus-Chef Karl Lempp. Foto: Landesarchiv Baden-Württemberg Seine Tochter Gerda war nicht das einzige behinderte Kind in Flacht, berichtet Barbara Hornberger. Auch in der Familie des NSDAP-Ortsgruppenleiters Gotthold Roth lebte ein Kind namens Gretel, das im Sinne der NS-Ideologie ein "unnützer Esser" war. Es habe die Nazizeit genauso überlebt wie ein weiteres behindertes Kind. Vom damaligen evangelischen Ortspfarrer Otto Mörike ist bekannt, dass er ein entschiedener Gegner der Nazis war, berichtet Hornberger. Ob er sich eingemischt hat, um die beiden Kinder zu retten, ist nicht bekannt. 

Europaweit hatten die Nazis zwischen 1939 und 1945 etwa 300 000 behinderte und psychisch kranke Menschen ermordet, weil ihr Leben angeblich nicht "lebenswert" war. Nur ein Teil der Angehörigen im damaligen Deutschen Reich wehrte sich gegen deren Verschleppung, berichtet der Historiker und Journalist Götz Aly in seinem neuen Buch "Die Belasteten – 'Euthanasie' 1939 bis 1945". Doch der Druck war groß. Alle sozialen Hilfen bis zum Kindergeld für die gesunden Nachkömmlinge seien den Widerständigen entzogen worden; man habe mit Zwangssterilisierung gedroht, da es sich angeblich um "erbkranke Familien" handelte.

Kinderarzt Lempp blieb straffrei

Die meisten Täter sind nach 1945 straffrei geblieben. Welcher Arzt Gerda Metzger abgeholt hat, ist nicht eindeutig nachzuweisen. Karl-Horst Marquart vermutet, dass es der Landesjugendarzt war, der dafür bekannt war, in Württemberg herumzufahren, um Behinderte zu suchen, die dann getötet wurden. Er sei einer der wenigen in Baden-Württemberg gewesen, die sich zumindest in einem Prozess verantworten mussten, Ende der 40er-Jahre im Grafeneck-Prozess in Tübingen. Der endete für den Arzt aber mit einem Freispruch. 

Karl Lempp, der Leiter der Kinderfachabteilung in Stuttgart, der nach den Recherchen von Marquart für NS-Kinder-Euthanasie und etliche Fälle von Zwangssterilisation verantwortlich ist, musste nicht einmal vor einem Gericht erscheinen. Marquart hat die Ergebnisse seiner Forschungen über Karl Lempp 2009 erstmals in dem Buch "Stuttgarter NS-Täter" veröffentlicht. Doch Enkel Volker Lempp, ein Rechtsanwalt, bestritt die Vorwürfe und hat versucht, die Verbreitung des Buches beziehungsweise des Lempp-Kapitels zu verhindern. In letzter Minute zog er seinen Antrag auf einstweilige Verfügung beim Landgericht Stuttgart dann aber Ende 2009 zurück. Das ursprünglich erwogene Hauptsacheverfahren hat er nie angestrengt.

Ein Lehrer leugnet immer noch

Berufen haben sich Volker Lempp sowie der inzwischen verstorbene Tübinger Kinder- und Jugendpsychiater Reinhart Lempp unter anderem auf den Geschichtslehrer Rolf Königstein, der bis vor wenigen Jahren am Max-Born-Gymnasium in Backnang (Region Stuttgart) Geschichte unterrichtet hat. Königstein ist bis heute der einzige Autor, der die Existenz einer Kinderfachabteilung im Städtischen Kinderkrankenhaus in Stuttgart leugnet. Ernst genommen wird er in der Fachwelt allerdings nicht.

Publiziert hatte Königstein seine Thesen in einer Unterrichtshilfe mit dem Titel "NS-Euthanasie in Baden-Württemberg – Archivpädagogische Anregungen für die gymnasiale Oberstufe", die die Landeszentrale für politische Bildung herausgebracht hatte, sowie in einem 2004 erschienen Aufsatz in der Zeitschrift der württembergischen Landesgeschichte. Sie wird mittlerweile nicht mehr verbreitet und ist aus dem Internet-Angebot der Landeszentrale entfernt worden.

In derselben Schrift habe Rolf Königstein die Rolle der Tötungseinrichtung in Brandenburg-Görden stark verharmlost, sagt der NS-Forscher Ernst Klee. Dort seien Kinder jedenfalls nicht therapiert worden, wie Königstein behauptet. Tatsächlich seien viele für Versuche missbraucht worden, ehe man sie getötet hat. Klee warf Königstein deshalb vor, eine Görden-Lüge zu verbreiten.

Götz Aly fordert Namensregister

Götz Aly hat in seinem neuen Buch gefordert, die Namen der Opfer der NS-Euthanasie in einem zentralen Register zu veröffentlichen. Jeder achte Deutsche im Alter von über 25 Jahren sei verwandt mit einem Opfer. Doch nur einer von zehn wisse dies.

Die Stolpersteininitiativen haben nicht auf Alys Aufruf gewartet. Seit Jahren verlegen sie für diese oft vergessenen Menschen Steine. Auch der Name Gerda Metzger steht inzwischen auf einer von dem Kölner Künstler Gunter Dennig gefertigten, zehn mal zehn Zentimeter großen Messingplatte. Der Stein mit dem Namen, dem Geburts- und dem Todestag von Gerda Metzger wird am Samstag, den 13. April, verlegt. Vor dem ehemaligen Städtischen Kinderkrankenhaus in der Türlenstraße 22A.

Die Stadt Stuttgart dagegen hat sich bis heute nicht mit dem Kindermord in ihrem Kinderkrankenhaus befasst. Obermedizinalrat Karl Lempp blieb bis zu seiner Pensionierung 1950 dessen Leiter und wurde vier Jahre später noch mit einem Professorentitel geehrt. Als er 1960 starb, ging das Amtsblatt der Stadt im Nachruf mit keinem Wort auf seine Tätigkeit während der NS-Zeit ein.

Ob eine von den Stolpersteininitiativen und dem Personalrat der städtischen Kliniken für Ende des Jahres geforderte Wanderausstellung mit dem Titel "Im Gedenken der Kinder" stattfinden kann, ist offen. Noch gibt es keine Finanzierung. Die Kosten liegen bei rund 3000 Euro. Veronika Kienzle, die Bezirksvorsteherin von Stuttgart-Mitte, hat bereits ihre Unterstützung zugesagt.

 

 

Kontext-Autor Hermann G. Abmayr befasst sich seit vielen Jahren mit NS-Tätern und -Opfern. Zuletzt hat er das Buch "Stuttgarter NS-Täter" herausgegeben, für das Karl-Horst Marquart das Kapitel über den Kinderarzt Karl Lempp verfasste.


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Sorry, irritiert von der Aussage "Nahe Tübingen" bezieht sich mein Hyperlink (s.u.) wohl auf das falsche Talheim (Mössingen) statt Unter-/Obertalheim (Horb). Danke [S. Tatistiker, 17.09.2014 14:16] für die Korrektur. Mit 14% (2536 von...

Ausgabe 181 / Schluss mit Schwarzwald-Idylle / primitive niedere Beweggründe, 17.09.2014 15:56
muss man den Schreibern schon zugestehen, welche u. a. hier ihrer Häme freien Lauf lassen, den Ausstiegsgegnern alles Schlechte wünschen und sich wundern, dass sie mit ihrer gefrusteten, niveaulosen Gehässigkeit bei den Bürgern...

Ausgabe 181 / Schluss mit Schwarzwald-Idylle / Gaigeler, 17.09.2014 15:29
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Ausgabe 181 / In der Konsumzone / tillupp, 17.09.2014 14:33
Auch Breuninger hat zur Verwaisung und zum Leerstand der Innenstädte Sifi/BB geführt, und ist somit also kein Traditionsunternehmen, sondern genauso ein expandierender "Mega-" Konsumtempel wie die neuen.

Ausgabe 181 / Tausend Mann und kein Befehl / tillupp, 17.09.2014 14:24
@ Hermann Jack, 17.09.2014 09:52Ja, haben sie! Aber solange sie noch nicht rechtmäßig verurteilt sind gilt die Unschuldsvermutung und jeder der "Ja haben sie" Antwortet, kann wegen übler Nachrede angeklagt werden. Eigentlich wäre...

Ausgabe 181 / Schluss mit Schwarzwald-Idylle / S. Tatistiker, 17.09.2014 14:16
Jaja, es gibt nichts gemeineres, als den Menschen ihre eigenen Wünsche zu erfüllen:http://www.statistik-bw.de/SRDB/Tabelle.asp?H=4&U=05&T=02051010&E=GE&K=237&R=GE237040Als wir mit der Infooffensive am Land waren und unter anderem...

Ausgabe 181 / Schluss mit Schwarzwald-Idylle / tillupp, 17.09.2014 14:14
Von 14165 Wahlberechtigten in Mössingen haben nur 2662 gegen S21 gestimmt. Also nicht die offiziellen 47,8% Ablehnung sondern nur knappe 19% der Wahlberechtigten Quelle:...

Ausgabe 181 / FDP mit Fahrrad / Peter Boettel, 17.09.2014 14:09
Im Landtagswahlkampf in Thüringen hat die FDP sich mit ihrem Spruch "Wir sind dann mal weg" selbst wegkatapultiert und es somit auch verdientermaßen.

Ausgabe 181 / Scharfe Schreibe / Peter Boettel, 17.09.2014 14:06
Die nachdenkseiten weisen jede Woche auf die Beiträge in kontext hin, insofern hilft man sich gegenseitig gegenüber der Mainstream-Presse.

Ausgabe 181 / Schluss mit Schwarzwald-Idylle / Andreas Lotter, 17.09.2014 13:34
Mich würde so ganz nebenbei interessieren wie im Herbst 2011 die Abstimmungsergebnisse in Talheim über den Aussteig aus S 21 waren.

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