KONTEXT Extra:
Die Linke stellt "Stern"-Autor Luik aufs S-21-Gleis

Großer Bahnhof in Berlin: Am 6. Mai wird im Bundestag über Stuttgart 21 gestritten. Offiziell heißt das Anhörung und sie hat das Ziel, dem Thema wieder eine bundesweite Reichweite zu geben. Beantragt haben sie die Grünen und die Linke, die "offene Fragen" klären wollen. Geladen sind Vorstand Volker Kefer, Projektleiter Manfred Leger, Brandschutzbeauftragter Klaus-Jürgen Bieger (alle Deutsche Bahn) sowie Ullrich Martin, der Direktor des Stuttgarter Instituts für Eisenbahn- und Verkehrswesen. Die Grünen haben Matthias Lieb vom VcD Baden-Württemberg als Sachverständigen benannt, für die Linke geht Arno Luik in die Bütt. Dem "Stern"-Autor gebührt das Verdienst, Stuttgart 21 mit seinen kritischen Berichten auf die Bundesbühne gehoben zu haben. In der Vorbereitung auf die Debatte liest Luik derzeit eifrig Kontext. Vieles komme ihm sehr bekannt vor, sagt er, darunter viele Schlimmfingereien, die er schon frühzeitig beim Namen genannt habe. Mit jeweils scharfen Dementis der Bahn gekoppelt.


Schorlaus "Letzte Flucht" im ZDF - nicht im SWR

Am heutigen Montagabend, 20.15 Uhr, unbedingt die Glotze anschalten: Wolfgang Schorlaus Thriller ("Die letzte Flucht") kommt im ZDF. Darin wird die Pharmaindustrie aufs Korn genommen, die Ärzte, Forschung und Wissenschaft korrumpiert, Studien manipuliert und Gewinne erzielt wie beim Waffenhandel. Und mitten drin Schorlaus Ermittler Georg Dengler, der einem Krebsforscher zur Hilfe eilt. Gespielt wird der Stuttgarter Privatdetektiv von Ronald Zehrfeld, von dem das ZDF sagt, man hätte sich keinen besseren Dengler wünschen können. Nicht von ungefähr plant der Mainzer Sender zwei weitere Folgen. Schorlaus Heimatanstalt, der Südwestrundfunk, hatte eine Verfilmung aus Kostengründen verworfen. Kontext wird in der kommenden Ausgabe einen Experten zu Wort kommen lassen, der die Pharmaindustrie ganz real betrachtet.


SWMH-Personalchef kann nicht mehr entlassen

Wieder einer weniger: Der Personalchef der Südwestdeutschen Medienholding (SWMH), Ulrich Bensel, muss gehen. Vor einem Monat war bereits Geschäftsführer Martin Jaschke von der Payroll gerutscht. Eine Begründung für den Rauswurf gibt es nicht, nur den Dank für seine "engagierte Arbeit", ausgesprochen von SWMH-Geschäftsführer Richard Rebmann. Bensel war seit 2008 im Stuttgarter Pressehaus und dort vor allem mit der Aufgabe betraut, Mitarbeitern mitzuteilen, dass sie nicht mehr benötigt werden. Der Jurist, so heißt es, sei von der Entwicklung kalt erwischt worden.

Zuletzt hat er bei den Münchner Medientagen im Oktober 2014 von sich reden gemacht, als er den Verlagen vorwarf, sie hätten ihre Beschäftigten "in den letzten 50 Jahren blöd gehalten". Inzwischen sei es schwierig, junge Digitale für das Unternehmen zu gewinnen, womit die Verlage Gefahr liefen, "gegen die Wand" zu fahren, sollten sie nicht attraktiver werden. Das dürfte Rebmann weniger geschmeckt haben als die Aktion "Jetzt weiß-rot", die Bensel im April 2014 ins Leben gerufen hat. Im damaligen Abstiegskampf des VfB sollten sich Mitarbeiter von "Stuttgarter Zeitung" und "Stuttgarter Nachrichten" in den Vereinsfarben präsentieren. Der Zuspruch war allerdings spärlich.


Filmpremiere: "Unser Mut wird langen - nicht nur in Mutlangen"

Mutlangen wurde in den Achtzigerjahren mit Blockade- und Protestaktionen gegen die Stationierung von Atomraketen zu einem Nukleus der Friedensbewegung. Die Regisseurin Isabell Huber und Schüler des Hochbegabten Gymnasiums Schwäbisch Gmünd haben in Zusammenarbeit mit der Friedenswerkstatt Mutlangen einen Dokumentationsfilm über den Protest gedreht: "Unser Mut wird langen - nicht nur in Mutlangen". Das Filmteam drehte in Mutlangen, reiste nach Genf und Büchel, traf ehemalige Blockierer und heutige Friedensarbeiter und zeichnete ein bemerkenswertes Portrait der Anti-Atomwaffen-Bewegung gestern und heute.

Am Freitag, 10. April, um 18.30 Uhr feiert der Film Premiere im Turmkino in Schwäbisch Gmünd. Im Anschluss wird Kontext-Redakteurin Anna Hunger ein Gespräch mit Zeitzeuge und den Filmemachern moderieren.

Mehr zum Film gibts unter diesem Link.

Mehr zu Mutlangen im Artikel "Demonstrationsfreie Zone".


Auch Kretschmann beim Weingartener Blutritt

"Hoher Besuch" beim Weingartener Blutritt, verkündet die "Schwäbische Zeitung". Als politischer Ehrengast sei Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) am 15. Mai zugegen, wenn in der oberschwäbischen Gemeinde die Wallfahrt zur Heilig-Blut-Reliquie stattfindet. Er werde von seiner Ehefrau Gerlinde sowie zwei seiner erwachsenen Kinder begleitet, und schon am Tag zuvor anreisen, um auch noch die Lichterprozession zu erleben und die Festpredigt zu hören. Sehr erfreut zeige sich der örtliche Dekan ebenso über die Zusage von Bischof Gebhard Fürst und des Kurienkardinals Kurt Koch, der als Nachfolger von Walter Kasper im Vatikan fungiert. An der Reiterprozession nimmt auch Kretschmanns Herausforderer Guido Wolf (CDU) gerne teil - auf dem Pferd und sicher im Sattel. Die Organisatoren teilen mit, dass die Schadensfälle reduziert werden konnten und die finanziellen Reserven auf mehr als 100 000 Euro angewachsen seien.

Mehr zum "King of BaWü" gibts unter diesem Link, mehr zum Blutreiter Wolf unter diesem.


Sonntag Aktuell: Hängepartie bis zum Herbst

Die Zukunft von  Sonntag Aktuell liegt weiter im Dunkeln. Die Gesellschafter der Stuttgarter Sonntagszeitung konnten sich bei ihrer letzten Versammlung im März zu keiner Entscheidung durchringen.  Bis Herbst soll die Hängepartie weiter gehen.

Seit Martin Jaschke, Noch-Geschäftsführer der Südwestdeutschen Medienholding (SWMH), kurz vor Weihnachten 2014, auf einer Betriebsversammlung über fehlende Gewinne klagte,  steht Sonntag Aktuell zur Disposition.  Die Devise heißt  Sparen, die Frage lautet: raus aus dem Sonntagsmarkt, rein ins Wochenende (Kontext berichtete). Kundige Betriebsräte, die schon 2009 das lange Sterben einer eigenständigen Sonntag-Aktuell-Redaktion begleitet haben, gehen seit dem Jaschke-Überfall („Wir sind keine caritative Einrichtung“) davon aus, dass das Ende der 36 Jahre alten Sonntagszeitung längst beschlossen ist. Doch sagen will das keiner.

Natürlich habe man sich Gedanken über Samstag und Sonntag gemacht, versichert Ullrich Villinger, der Geschäftsführer der Waiblinger Kreiszeitung. Mehr nicht. Weitere Anfragen beantworte Manager Bernhard Reese,  der wiederum auf den Chefredakteur der Stuttgarter Nachrichten,  Christoph Reisinger,  verweist. Und der sagt: „Im Moment erarbeiten wir konzeptionell, mit welchen publizistischen Angeboten wir unsere Leserinnen und Leser am Samstag und Sonntag… versorgen wollen. Eine Facette dabei ist, welchen Beitrag Sonntag Aktuell in Zukunft leisten soll.“  Reisinger verrät immerhin, dass die Gesellschafter im Herbst  „ausschließlich“ über Sonntag Aktuell sprechen werden.


StN-Lokalchef wird neuer Sprecher von "Stuttgart 21"

Ein konsequenter Schritt: Neuer Sprecher des Bahnprojekts Stuttgart 21 wird Jörg Hamann, Leiter der Lokalredaktion der "Stuttgarter Nachrichten". Der 52-jährige Journalist wird Nachfolger von Wolfgang Dietrich und soll seine Geschäfte spätestens zum 1. Oktober 2015 aufnehmen. Hamann hat sich in seinen Leitartikeln stets als Befürworter von S 21 hervor getan, unabhängig davon, was seine untergebenen Kollegen recherchiert hatten. Volker Kefer, Technikvorstand bei der Deutschen Bahn, lobt seinen neuen Mitarbeiter als "erfahrenen und professionellen Journalisten", der in der Region "bestens vernetzt" sei. Nachdem Georg Brunnhuber (CDU) zum Vorsitzenden des Vereins Bahnprojekt Stuttgart - Ulm e.V. gewählt sei, sei das Kommunikationsteam der Bahn nun komplett.


Sieben Jahre später: Petition abgelehnt

Mehr als sechs Jahre nach Einreichung hat der Bundestag eine Petition zum vollständigen Erhalt des Stuttgarter Hauptbahnhofs abschlägig beschieden. Nachdem der Nordflügel seit viereinhalb und der Südflügel seit drei Jahren abgerissen ist, nimmt der Petitionsausschuss damit die 3.133 Mitzeichnungen, 42 Diskussionsbeiträge, rund 5.000 Unterschriften und mehr als 50 inhaltsgleiche Eingaben nun endlich zur Kenntnis - um sich für unzuständig zu erklären: Stadtentwicklung, Denkmalschutz, Finanzierung und Wettbewerbssituation des ÖPNV seien Angelegenheiten des Landes Baden-Württemberg. Die achtseitige Begründung erweckt den Eindruck, sie sei über Jahre hinweg aufgesetzt und immer wieder verändert worden. "Der Nordflügel wurde mittlerweile abgerissen", heißt es an einer Stelle - vom Südflügel ist keine Rede.


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Ausgabe 105
Zeitgeschehen

Stuttgarter Kindsmord

Von Hermann G. Abmayr
Datum: 03.04.2013
Gewaltsam hat der Arzt die kleine Gerda, die an einer spastischen Lähmung litt, entführt und in die Stuttgarter "Kinderfachabteilung" gebracht, wo sie getötet wurde. Euthanasie, schöner Tod, nannten die Nazis das. Ein Tabuthema – auch in den Nachkriegsjahrzehnten.

NS-Propagana begleitete den Mord an Behinderten. Zeitschrift: Volk und Rasse, 1936

Über sechs Jahrzehnte konnte die 1916 geborene Berta Metzger mit niemandem darüber sprechen. Erst 2009, kurz vor ihrem Tod, hat sie Matthias-Herbert Enneper ihre Geschichte anvertraut. Ihr einziges Kind, das Ende November 1939 in der Gemeinde Flacht – heute ein Ortsteil von Weissach bei Stuttgart – zur Welt kam, war von Geburt an behindert. 

Berta Metzger hatte Gerda nicht in ein Heim bringen wollen, sondern sich zu Hause um ihr Kind gekümmert. "Das darf man nicht", sagten ihr die Leute damals. "Du wirst schon sehen." Das Mädchen war vermutlich beim zuständigen Gesundheitsamt in Leonberg als behindert gemeldet worden. Ärzte, Hebammen oder Gemeindekrankenschwestern waren seit 1939 überall im Deutschen Reich verpflichtet, behinderte Kinder (gegen Honorar) zu melden. Dem Tod ging viel Bürokratie voraus. 

Fabrikmäßige Ermordung

1939 hatten die Nazis erstmals in der Geschichte der Menschheit damit begonnen, die fabrikmäßige Ermordung von Menschen vorzubereiten, die zeitweise oder dauerhaft körperlich oder geistig behindert waren. In Grafeneck auf der Schwäbischen Alb begann das Morden dann – lange vor Auschwitz. 1940 wurden dort über 10 000 Menschen, die aus "Heil- und Pflegeanstalten" in grau lackierten Bussen angekarrt worden waren, ermordet. 

Für Kinder und Jugendliche mit körperlichen oder geistigen Behinderungen, die zu Hause lebten, richtete der NS-Staat dann sogenannte Kinderfachabteilungen ein, in denen sie getötet wurden. Nach neuester Forschung hat es im damaligen Deutschen Reich über 30 derartige Einrichtungen gegeben. Über die genaue Zahl wird noch geforscht. Auch im Städtischen Kinderkrankenhaus in Stuttgart in der heutigen Türlenstraße 22A, die von dem Kinderarzt und Chef des städtischen Gesundheitsamtes, Karl Lempp, geleitet wurde.

Ein Arzt entführt das Mädchen

Eines Tages, so berichtet Berta Metzger Jahrzehnte später, habe sie ein Arzt besucht, der ihre Tochter untersuchen wollte. Das muss Mitte Juli 1943 gewesen sein. Als die Mutter in dem Zimmer, in dem der Mediziner zugange ist, Schreie hört und der Kleinen zu Hilfe eilen will, versperrt ihr der Fahrer des Arztes den Weg. Nach der Untersuchung findet Berta Metzger das Mädchen nackt und völlig verstört in der Ecke sitzend. Als sie wissen will, was geschehen ist, brüllt der Arzt, sie solle das Maul halten und sich von ihrer Tochter verabschieden; sie käme in eine Spezialklinik. Die beiden Männer zerren das Kind die Treppe hinunter und fahren mit ihm davon, ohne zu sagen, in welche Klinik sie die Kleine bringen würden.

Die Mutter ist verzweifelt; nicht einmal Wäsche konnte sie ihrem Kind mitgeben. Noch am gleichen Abend macht sie sich zu Fuß auf den Weg ins 30 Kilometer entfernte Stuttgart, wo sie Gerda vermutet. Sie fragt sich so lange durch, bis sie zur Kinderklinik in die Türlenstraße kommt, wo man zwar bestätigt, dass Berta hier sei, ihr aber den Zutritt verweigert. Da sie sich nicht abwimmeln lässt und ein so "großes Theater" macht, dass die Leute auf der Straße stehen bleiben, darf sie dann eintreten.

Tags darauf ist Gerda Metzger tot 

Sie findet ihr Kind völlig apathisch vor; Gerda reagiert auf keinerlei Ansprache oder Liebkosung. Sicher nicht die Folge ihrer Lähmung. Offenkundig waren ihr Schlafmittel verabreicht worden. Dann herrscht die Krankenschwester Berta Metzger an, sie solle endlich gehen, und stößt sie zur Tür hinaus. Die Mutter fragt, ob sie am nächsten Tag wieder kommen könne, um ihr Kind zu besuchen. Antwort: "Ja, wenn es dann noch lebt." Tags darauf ist Gerda Metzger tot. Gestorben sei die Spastikerin, so sagte man der Mutter, an einer ansteckenden Krankheit.

Als Matthias-Herbert Enneper diese Geschichte der Stuttgarter Stolpersteininitiative geschickt hat, konnte sie der Arzt und NS-Euthanasie-Spezialist Karl-Horst Marquart schnell verifizieren. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema und hat 2009 enthüllt, dass in der Stuttgarter "Kinderfachabteilung" bis 1945 mindestens 52 Kinder und Jugendliche ermordet worden waren. Andere sind ins hessische Eichberg geschickt worden, um dort umgebracht zu werden. Verantwortlich war Karl Lempp, Leiter des Kinderkrankenhauses und Chef des Gesundheitsamtes. 

Im Leichenregister, das Marqaurt ausgewertet hat, heißt es, Gerda Metzger sei an Diphtherie gestorben. Eine ansteckende Infektionskrankheit, die tödlich enden kann. Die Diagnose hält der Mediziner Karl-Horst Marquart für eine Fälschung, schon, weil diese Krankheit niemals innerhalb eines Tages tödlich verlaufen kann. In Klammern konnte Marquart im Register aber auch die Diagnose Little'sche Krankheit lesen, eine spastische Lähmung durch Gehirnschaden also.

Angst, über den Fall zu sprechen 

"Sie ist auf Zehenspitzen gegangen", sagt eine ältere Frau, die Berta Metzger und ihre Tochter kannten, berichtet die Leiterin des Flachter Heimatmuseums, Barbara Hornberger. Typisch für eine Spastikerin, bestätigt Karl-Horst Marquart. Sie konnte "ned recht schwätza", erinnert sich eine heute über 90 Jahre alte Cousine. "Und's hod ghoißa, se sei fortkomme", erinnert sich eine frühere Nachbarin in der Bergstraße. Als Todesursache sei Diphtherie genannt worden. Damals habe man Angst gehabt, über den Fall zu sprechen, sagen die Zeitzeuginnen.

Der Flachter Pfarrer Harald Rockel hat in seinen Unterlagen bis jetzt keinen Hinweis auf Gerda Metzger gefunden. Auch Ortsarchivar Matthias Graner sucht noch nach schriftlichen Quellen, denn bei Detailfragen gibt es noch einige Widersprüche. Wie oft Vater Emil Metzger sein Kind gesehen hat, ist bisher unbekannt. Als der Zweite Weltkrieg begann, war er 28 Jahre alt. Sein Name steht auf dem Flachter Gefallenendenkmal. 

Verantwortlich für die Tötung von Kindern: Krankenhaus-Chef Karl Lempp. Foto: Landesarchiv Baden-Württemberg Seine Tochter Gerda war nicht das einzige behinderte Kind in Flacht, berichtet Barbara Hornberger. Auch in der Familie des NSDAP-Ortsgruppenleiters Gotthold Roth lebte ein Kind namens Gretel, das im Sinne der NS-Ideologie ein "unnützer Esser" war. Es habe die Nazizeit genauso überlebt wie ein weiteres behindertes Kind. Vom damaligen evangelischen Ortspfarrer Otto Mörike ist bekannt, dass er ein entschiedener Gegner der Nazis war, berichtet Hornberger. Ob er sich eingemischt hat, um die beiden Kinder zu retten, ist nicht bekannt. 

Europaweit hatten die Nazis zwischen 1939 und 1945 etwa 300 000 behinderte und psychisch kranke Menschen ermordet, weil ihr Leben angeblich nicht "lebenswert" war. Nur ein Teil der Angehörigen im damaligen Deutschen Reich wehrte sich gegen deren Verschleppung, berichtet der Historiker und Journalist Götz Aly in seinem neuen Buch "Die Belasteten – 'Euthanasie' 1939 bis 1945". Doch der Druck war groß. Alle sozialen Hilfen bis zum Kindergeld für die gesunden Nachkömmlinge seien den Widerständigen entzogen worden; man habe mit Zwangssterilisierung gedroht, da es sich angeblich um "erbkranke Familien" handelte.

Kinderarzt Lempp blieb straffrei

Die meisten Täter sind nach 1945 straffrei geblieben. Welcher Arzt Gerda Metzger abgeholt hat, ist nicht eindeutig nachzuweisen. Karl-Horst Marquart vermutet, dass es der Landesjugendarzt war, der dafür bekannt war, in Württemberg herumzufahren, um Behinderte zu suchen, die dann getötet wurden. Er sei einer der wenigen in Baden-Württemberg gewesen, die sich zumindest in einem Prozess verantworten mussten, Ende der 40er-Jahre im Grafeneck-Prozess in Tübingen. Der endete für den Arzt aber mit einem Freispruch. 

Karl Lempp, der Leiter der Kinderfachabteilung in Stuttgart, der nach den Recherchen von Marquart für NS-Kinder-Euthanasie und etliche Fälle von Zwangssterilisation verantwortlich ist, musste nicht einmal vor einem Gericht erscheinen. Marquart hat die Ergebnisse seiner Forschungen über Karl Lempp 2009 erstmals in dem Buch "Stuttgarter NS-Täter" veröffentlicht. Doch Enkel Volker Lempp, ein Rechtsanwalt, bestritt die Vorwürfe und hat versucht, die Verbreitung des Buches beziehungsweise des Lempp-Kapitels zu verhindern. In letzter Minute zog er seinen Antrag auf einstweilige Verfügung beim Landgericht Stuttgart dann aber Ende 2009 zurück. Das ursprünglich erwogene Hauptsacheverfahren hat er nie angestrengt.

Ein Lehrer leugnet immer noch

Berufen haben sich Volker Lempp sowie der inzwischen verstorbene Tübinger Kinder- und Jugendpsychiater Reinhart Lempp unter anderem auf den Geschichtslehrer Rolf Königstein, der bis vor wenigen Jahren am Max-Born-Gymnasium in Backnang (Region Stuttgart) Geschichte unterrichtet hat. Königstein ist bis heute der einzige Autor, der die Existenz einer Kinderfachabteilung im Städtischen Kinderkrankenhaus in Stuttgart leugnet. Ernst genommen wird er in der Fachwelt allerdings nicht.

Publiziert hatte Königstein seine Thesen in einer Unterrichtshilfe mit dem Titel "NS-Euthanasie in Baden-Württemberg – Archivpädagogische Anregungen für die gymnasiale Oberstufe", die die Landeszentrale für politische Bildung herausgebracht hatte, sowie in einem 2004 erschienen Aufsatz in der Zeitschrift der württembergischen Landesgeschichte. Sie wird mittlerweile nicht mehr verbreitet und ist aus dem Internet-Angebot der Landeszentrale entfernt worden.

In derselben Schrift habe Rolf Königstein die Rolle der Tötungseinrichtung in Brandenburg-Görden stark verharmlost, sagt der NS-Forscher Ernst Klee. Dort seien Kinder jedenfalls nicht therapiert worden, wie Königstein behauptet. Tatsächlich seien viele für Versuche missbraucht worden, ehe man sie getötet hat. Klee warf Königstein deshalb vor, eine Görden-Lüge zu verbreiten.

Götz Aly fordert Namensregister

Götz Aly hat in seinem neuen Buch gefordert, die Namen der Opfer der NS-Euthanasie in einem zentralen Register zu veröffentlichen. Jeder achte Deutsche im Alter von über 25 Jahren sei verwandt mit einem Opfer. Doch nur einer von zehn wisse dies.

Die Stolpersteininitiativen haben nicht auf Alys Aufruf gewartet. Seit Jahren verlegen sie für diese oft vergessenen Menschen Steine. Auch der Name Gerda Metzger steht inzwischen auf einer von dem Kölner Künstler Gunter Dennig gefertigten, zehn mal zehn Zentimeter großen Messingplatte. Der Stein mit dem Namen, dem Geburts- und dem Todestag von Gerda Metzger wird am Samstag, den 13. April, verlegt. Vor dem ehemaligen Städtischen Kinderkrankenhaus in der Türlenstraße 22A.

Die Stadt Stuttgart dagegen hat sich bis heute nicht mit dem Kindermord in ihrem Kinderkrankenhaus befasst. Obermedizinalrat Karl Lempp blieb bis zu seiner Pensionierung 1950 dessen Leiter und wurde vier Jahre später noch mit einem Professorentitel geehrt. Als er 1960 starb, ging das Amtsblatt der Stadt im Nachruf mit keinem Wort auf seine Tätigkeit während der NS-Zeit ein.

Ob eine von den Stolpersteininitiativen und dem Personalrat der städtischen Kliniken für Ende des Jahres geforderte Wanderausstellung mit dem Titel "Im Gedenken der Kinder" stattfinden kann, ist offen. Noch gibt es keine Finanzierung. Die Kosten liegen bei rund 3000 Euro. Veronika Kienzle, die Bezirksvorsteherin von Stuttgart-Mitte, hat bereits ihre Unterstützung zugesagt.

 

 

Kontext-Autor Hermann G. Abmayr befasst sich seit vielen Jahren mit NS-Tätern und -Opfern. Zuletzt hat er das Buch "Stuttgarter NS-Täter" herausgegeben, für das Karl-Horst Marquart das Kapitel über den Kinderarzt Karl Lempp verfasste.


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Den musste ich noch nachreichen.Hab ihn gerade erst gesehen :-)http://swrmediathek.de/player.htm?show=bc07d450-e46f-11e4-8bce-0026b975f2e6Da werden zwar nicht auf alle Ungereimtheiten wie die vielen BfEler, die zwar Urlaub...

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