KONTEXT Extra:
AfD: Nichts wissen, nichts machen, nichts zahlen

Schon wieder hat AfD-Fraktionschef Jörg Meuthen ein Versprechen nicht gehalten. Aber wahrscheinlich kann er nicht mehr daran erinnern, dass er am 6. März zum ersten Mal seit dem Einzug in den Landtag zu einer regulären und nicht durch Skandale, Trennungen oder Wiedervereinigungen notwendig geworden Pressekonferenz geladen hat. Um mitzuteilen, dass seine Fraktion selbstverständlich der Ankündigung nachkommt, dem Landtag die Gelder zurückzuzahlen, die die vorübergehende Fraktionsspaltung gekostet hat. Sogar ein Datum konnten Meuthen und Fraktionsvize Rainer Podeswa nennen: den 11. März 2017, jenen Tag also an dem die Frist für die Rechnungslegung der Fraktionen ohnehin abläuft. Bis dahin sollten 257.000 Euro fließen. Insgesamt war von 425.000 Euro, einmal auch von 571.000 Euro die Rede.

Eingelöst wurde die Zusicherung nicht. Meuthen und die Seinen, die schon bei unvergleichlich geringeren Anlässen Zeter und Mordio schreien angesichts des Sittenverfalls der von ihnen sogenannten Altparteien, haben nach Auskunft der Landtagsverwaltung gar nichts zurückgezahlt. Jetzt verlangt der Fraktionsgeschäftsführer der SPD, Ex-Innenminister Reinhold Gall, von der Landtagsverwaltung, eine "härtere Gangart" einzuschlagen und rechtliche Schritte einzuleiten.

Vor allem auf Facebook, dem wichtigsten Kommunikationsmittel der AfD, hatte sich die Fraktion immer wieder dafür gerühmt, alle Gelder zu erstatten. Tatsächlich war das peinliche Finanzgebaren schon in der Plenarsitzung vom 9. Februar Gegenstand der Debatte, als FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke daran erinnert, dass "die operettenhafte Fraktionsteilung" viel Geld gekostet habe und konkret fragte: "Haben Sie zurückgezahlt?" Laut Protokoll rief der AfD-Fraktionschef: "Ja, natürlich!". Inzwischen will Meuthen die Äußerung auf die schon geflossenen Gelder bezogen wissen, ohne konkret zu sagen, um welche Summen es sich handelt. Wahrscheinlich hat er es nicht (mehr) gewusst. (21.4.2017)

Mehr zum Thema: "Sein Name ist Hase"


Kakteen lassen IHK-Vollversammlung platzen

Johannes Schmalzl, früher Zentralstellenleiter im FDP-geführten Justizministerium, dann Präsident des Landesamts für Verfassungsschutz und Stuttgarter Regierungspräsident, ist am Donnerstagabend nicht wie geplant zum Hauptgeschäftsführer der IHK Stuttgart gewählt worden. Die kammerkritische Kaktus-Initiative hat die Vollversammlung platzen lassen. Zuvor fand der vorab angekündigte Antrag der IHK-Rebellen zur Änderungen der Tagesordnung allerdings keine Mehrheit. Darin war verlangt worden, Tagesordnungspunkte, die in der vorigen Vollversammlung nicht behandelt wurden, noch vor der Wahl abzuhandeln.

Nach der Abstimmungsniederlage zog ein Großteil der Initiative aus, während einer ihrer Sprecher mit Erfolg die Feststellung der Beschlussunfähigkeit der Versammlung forderte. Damit war die Vollversammlung beendet. Jetzt soll es zu einer Sondersitzung kommen, um Schmalzl vor der nächsten turnusmäßigen Sitzung im Juli zu wählen. Am Vorgehen der Kakteen gibt es Kritik – auch in den eigenen Reihen. Mehrere Mitglieder hatten die Versammlung mit ausdrücklichem Hinweis auf die demokratische Niederlage in der Abstimmung über die Tagesordnung nicht verlassen. Jetzt sollen interne Beratungen stattfinden.

Jürgen Klaffke, einer der führenden Kakteen, hatte im Vorfeld der Vollversammlung für die Verschiebung der Wahl plädiert. Sein Argument: Es könne nicht sein, "dass eine Findungskommission nach monatelanger Suche einen einzigen Kandidaten präsentiert". Da der Vertrag mit dem amtierenden Hauptgeschäftsführer Andreas Richter erst Anfang des nächsten Jahres ausläuft, sei genügend Zeit, das Verfahren für eine Kandidatensuche nochmals aufzurollen. Die Kaktus-Initiative, die unter anderem für die Abschaffung der Zwangsmitgliedschaft eintritt, hält ein Drittel der hundert Sitze. (20.4.2017)

Mehr zum Thema: "Das ganze Klavier bespielen", "Rebellen im Weinberghäusle"


Besonders viele Evet-Sager in Stuttgart

Nur in Dortmund, Essen und Düsseldorf haben mehr Deutschtürken für Recep Tayyip Erdogans Präsidialsystem gestimmt als in Stuttgart. Mit 66,22 Prozent liegt die Landeshauptstadt nach den Zahlen der staatlichen türkischen Nachrichtenagentur Anadolu auch über dem Deutschland-Schnitt von 63,2 Prozent. Das Ergebnis der Bundesrepublik ist international von besonderer Bedeutung, weil mit rund 1,4 Millionen Menschen nirgends mehr Auslandstürken wahlberechtigt waren. Auffallend ist das Abstimmungsverhalten in Berlin, mit 50 Prozent Nein-Sagern, in der Schweiz mit 70 Prozent und in den USA mit sogar einer 90prozentigen Ablehnung der Verfassungsreform. In den Vereinigten Staaten hat allerdings weniger als ein Prozent der Bevölkerung einen türkischen Pass.

Dass sich aus dem Anteil an türkischstämmiger Bevölkerung allein kein Zusammenhang zum Abstimmungsverhalten ablesen lässt, zeigen nicht nur Berlin und Stuttgart, sondern EU-weit auch Belgien und Österreich. In beiden Ländern gibt es mehr als 70-Prozent Evet-Sager. In Belgien haben rund zwei Prozent der Menschen türkische Wurzeln, in Österreich aber mehr als fünf Prozent. Im deutschen Zustimmungsranking deutlich hinter Stuttgart rangieren unter anderem Karlsruhe mit 61 Prozent, Hamburg mit 57 und Nürnberg mit 55 Prozent. Nach den Zahlen von Anadolu hat die Hälfte der Deutschtürken ihr Wahlrecht auch tatsächlich ausgeübt.


Kakteen wollen neue IHK-Findungskommission

Die IHK-Kritiker von Kaktus fordern, die Wahl des neuen Hauptgeschäftsführers zu verschieben. "Es kann doch nicht sein, dass eine Findungskommission nach monatelanger Suche einen einzigen Kandidaten präsentiert", so Jürgen Klaffke von der Kaktus-Initiative. Ende vergangener Woche war bekannt geworden, dass der frühere Stuttgarter Regierungspräsident Johannes Schmalzl der Vollversammlung am 20. April als einziger Kandidat präsentiert werden soll. Die IHK-Rebellen wollen nicht nur abnicken, sondern eine wirkliche Wahl zwischen mindestens drei Kandidaten. Sie fordern daher eine gewählte Findungskommission aus aktuellen Vertretern der Vollversammlung und ein faires, transparentes Auswahlverfahren. Da der Vertrag mit dem aktuellen Hauptgeschäftsführer Andreas Richter erst Anfang des nächsten Jahres ausläuft, sei genügend Zeit, das Verfahren für eine Kandidatensuche nochmals aufzurollen. (11.4.2017)


Buchvorstellung mit Kontext-Autor: in_visible limits

Grenzen sind allgegenwärtig, ob sicht- oder unsichtbare: Menschen pflegen ihre Barrieren im Kopf, sortieren die Welt in Gut und Böse. Zuletzt haben leider auch die ganz materiellen Grenzzäune durch die sogenannte "Flüchtlingskrise" wieder eine Renaissance in Europa erlebt, von Trumps Mauer ganz zu schweigen. Das Thema reflektiert momentan der Kunstverein Kontur, in seinem Projekt "in_visible limits" zeigt er Werke von vier Schweizer und vier deutschen Kunstschaffenden, aktuell im Kunst(Zeug)Haus Rapperswil. Aus dem Projekt heraus entstand eine Buchveröffentlichung, verschiedene Autoren sollten das Thema "Grenzen" aus ihrer Sicht beleuchten. Kontext-Mitarbeiter Dietrich Heißenbüttel ist einer von ihnen, er befasst sich mit der "Macht der Grenzen" aus historisch-politischer Sicht. Am Sonntag, den 9. April, wird das Buch um 17 Uhr im Theaterhaus in Stuttgart-Feuerbach vorgestellt, Heißenbüttel ist dabei. Der Eintritt ist frei. (08.04.2017)


KONTEXT
per E-Mail:
Immer informiert:

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Datenschutz-Hinweis

Burkhard Kosminski wird voraussichtlich neuer Schauspielintendant in Stuttgart. Fotos: Joachim E. Röttgers (links), Kosminsiki

Burkhard Kosminski wird voraussichtlich neuer Schauspielintendant in Stuttgart. Fotos: Joachim E. Röttgers (links), Kosminsiki

Ausgabe 316
Kultur

Hochtouriger Leerlauf

Von Martin Eich
Datum: 19.04.2017
Burkhard C. Kosminski soll Armin Petras nachfolgen und dem Schauspiel Stuttgart wieder zu Relevanz verhelfen. Am Nationaltheater Mannheim, wo er seit 2006 tätig ist, scheiterte er daran. Dass ihn eine Findungskommission trotzdem auswählte, dürfte sich rächen.

Nein, so wird das nichts. Brav und bieder schleppt sich die Inszenierung mit ihrem entmaterialisierten Ton dahin, beinahe alles ist schwebende Anmut, verhaltene Innigkeit, lyrische Monstranz. Dabei sollten auf der Bühne des Nationaltheaters Mannheim eigentlich Fluchtursachen und gesellschaftliche Unwuchten verhandelt werden; Roland Schimmelpfennigs "Das große Feuer" wollte es zumindest so. Aber offenbar nicht Regisseur Burkhard C. Kosminski, passenderweise Hausherr und damit keinem Spartenleiter rechenschaftspflichtig, der in diesem Stoff das Fegefeuer eines irdischen Infernos hätte sehen können.

Beinahe genau vor einem Jahr war hier ähnliches zu konstatieren. Derselbe Regisseur, derselbe Autor, derselbe Bühnenbildner verantworteten mit "An und Aus" einen Abend über den Atomunfall in Fukushima. Und schon damals erschöpfte man sich immer dann in Andeutungen, raschelte mit Papier, betrieb Schattenspiele und romantisierte hemmungslos, wenn beklemmender Realitätsspuk das Mittel der Wahl gewesen wäre. Selten war die Apokalypse fröhlicher und die Niedlichkeits-Falle gieriger als während dieser beiden Inszenierungen. "Dinner for One" spielt jetzt in Mannheim: The same procedure as last year.

Brav und bieder schleppt sich "Das große Feuer" dahin. Foto: Christian Kleiner
Brav und bieder schleppt sich "Das große Feuer" dahin. Foto: Christian Kleiner

Publikum und Kritiker sind von Kosminski inzwischen kaum mehr anderes gewohnt. Bertolt Brechts vielleicht vorschnelle Erkenntnis, wie anstrengend es doch sei, böse zu sein – auf die Arbeiten des 55-Jährigen trifft das zu. Jedenfalls dann, wenn "böse" durch "inhaltlich" oder "politisch" ersetzt wird. Seit 2006 amtierte er zunächst als Schauspieldirektor, nach dem Rückzug von Generalintendantin Regula Gerber dann als Spartenintendant in Mannheim, und hat in dieser Zeit ungewöhnlich viele Stücke mehr oder weniger namhafter deutscher Dramatiker uraufgeführt.

Kosminski pflegt eher nützliche Kontakte als die Regiekunst

Ermöglicht hat das ein faustischer, unfixierter Pakt: Kosminski schmückt sich mit Prominenz und die Autoren können sicher sein, dass er es bei bestenfalls moderaten Änderungen belässt. Denn Streichungen, Setzungen, Akzentuierungen sind nicht seine Sache. Als Regisseur repariert er nicht, sondern verstärkt und lässt vom Blatt spielen. Konturen gewinnen diese Abende höchstens – ähnlich dem Aufbau chemischer Verbindungen durch Einwirkung von Tageslicht – aus sich selbst heraus. Das Resultat: Inszenierungen, die den Nervenkitzel eines Klosters mit der Sinnlichkeit eines Finanzamts verbinden, von Stücken, die nach Gebrauch verschwinden. Nachgespielt – Indikator dafür, was in Mannheim über die Bühne geht – wird kaum eine der Ex-und-Hopp-Vorlagen. Hier gedeiht das Nullwachstum.

Die Bilanz bildet das ab. Weder zum Berliner Theatertreffen noch zu den Ruhrfestspielen wurde er bislang eingeladen und, noch aussagekräftiger, auch keine andere Produktion seiner Sparte. Kosminski hat die Schauspiel-Dependance des Nationaltheaters von der Landkarte der deutschen Bühnenlandschaft gefegt. Dröhnendes Eigenlob kann das nicht kaschieren. Erfolgreicher agiert ausgerechnet seine Intendanten-Kollegin Andrea Gronemeyer, die das Jugendtheater des Hauses leitet und regelmäßig ausgezeichnet wird; sie beweist, dass die Ursache des Problems nicht geographischer, sondern personeller Natur ist.

Nach den Gesetzmäßigkeiten der Branche reitet jemand seiner Generation mit dieser Biographie längst in den Sonnenuntergang der eigenen Laufbahn. Kosminski hingegen wird, falls der Verwaltungsrat der Württembergischen Staatstheater am 24. April zustimmt, künftig als Nachfolger von Armin Petras das Schauspiel Stuttgart leiten. Seit Kriegsende waren kein Generalintendant und kein Schauspielchef, die in der Landeshauptstadt antraten, älter. Selbst Über-Vorgänger Claus Peymann, ewiger Gralshüter einer weniger trüben lokalen Vergangenheit, hat Vorbehalte: "Es ist ein immanenter Theaterplatz. Ich wünsche Kosminski alles Theaterglück. Hoffentlich wird es für ihn nicht zu einer Hypothek, dass er aus Mannheim kommt, weil ein größerer räumlicher Abstand für kreative Theaterarbeit wichtig ist." Deutschland, sofern es die Schaubühne nicht vollends vergessen hat, wundert sich.

Bei den "Mannheimer Gespräche": Kosminski (rechts) mit Winfried Kretschmann (Mitte) und Christof Hettich. Foto: Christian Kleiner
Bei den "Mannheimer Reden": Kosminski (rechts) mit Winfried Kretschmann (Mitte) und Christof Hettich. Foto: Christian Kleiner

Dieses Mysterium ist Ausfluss erfolgreichen Kalküls. Gezielt sucht Kosminski die Nähe von Politikern und einflussreichen Theaterschaffenden, pflegt weniger die Regiekunst als nützliche Kontakte. Mit Mannheims Oberbürgermeister duzt er sich und Matthias Lilienthal, damals als designierter Intendant der Münchner Kammerspiele umschmuster Liebling der Szene, diente er 2014 bei der Jahrestagung der Dramaturgischen Gesellschaft im Werkhaus des Nationaltheaters als Trabant: Jeweils nur kurz konnte sich Lilienthal der hartnäckigen und von Teilnehmern amüsiert registrierten Fürsorge des Gastgebers entziehen, wenn dieser sich auch Ulrich Khuon – Intendant des Deutschen Theater Berlin und später Mitglied just jener Findungskommission, die Kosminski einstimmig für Stuttgart vorschlug – zuwandte.

Sogar das Rahmenprogramm seiner Sparte mutet an, als ziele es vor allem auf die Anwerbung von Politprominenz ab. Kürzlich weilte Ministerpräsident Winfried Kretschmann zur ersten Auflage der "Mannheimer Reden" am Rhein. Wie Kosminskis Pressesprecherin das neue Format erläutert, ist von unfreiwilliger Komik: "Ein Anstoß des Nationaltheaters Mannheim in Zusammenarbeit mit dem Heidelberger Bildungs- und Gesundheitsunternehmen SRH unter der Schirmherrschaft des Oberbürgermeisters der Stadt Mannheim Dr. Peter Kurz; Medienpartner: Mannheimer Morgen." Mehr Establishment geht wirklich nicht.

Nicht vom Geist der Opposition getrieben

Dagegen wäre weniger zu sagen, wenn es der Sache diente. Nur hat sich das Wirken des passionierten Öffentlichkeitsarbeiters längst verselbstständigt: Seine Entscheidungen und Initiativen fördern nicht das Theater, sondern ihn. Kosminski verkauft sich selbst. Dort, wo Friedrich Schillers Protest-Drama "Die Räuber" 1782 uraufgeführt wurde, entstellt sich heute bis zur Kenntlichkeit ein Kunstverständnis, das nicht vom Geist der Opposition getrieben, sondern von Anpassung und Anbiederung zersetzt wird.

Wobei Tatsachen bedarfsweise zur Dispositionsmasse und damit zu Kollateralschäden mutieren. Mitunter verfängt sich Kosminski bei der Eigenvermarktung in Superlativen. Wie vor drei Jahren, als er – bislang sein alarmistisches Meisterstück – in einem Brandbrief an mehrere Minister mit gravitätischem Credo, dramatisch veredeltem Parlando und avantgardistischer Interpunktion den angeblich drohenden Untergang der deutschen Bühnenlandschaft vorhersagte. Discite moniti: Lernt, Ihr Ermahnten! Vergils "Aeneis" hätte die Blaupause sein können. Aber schon der zweite Satz, mit dem Kosminski sein Haus nonchalant zum "ältesten kommunalen Theater der Welt" ernannte, enthielt eine Falschbehauptung (das Erlanger zum Beispiel ist älter). Danach wurde es nicht besser. Unverdrossen die Kompetenzen von Bund und Ländern vermischend, forderte er, den Solidaritätszuschlag den Kulturhaushalten zuzuschlagen. Daraus sollten künftig auch Printmedien gefördert werden; als ob Zeitungen am finanziellen Gängelband des Staates ein demokratisches Ideal wären. Keiner der Vorschläge war juristisch umsetzbar.

Ohnehin ist kaum einer weniger dazu berufen, mehr Geld für die Bühnen zu fordern. Das Nationaltheater leistet sich, während bei Darstellern und Sängern gespart wird, fünf Intendanten. Dass gerade in Kosminskis Sparte ungewöhnlich aufwendige Bühnenbilder realisiert werden, mag noch künstlerischen Argumenten geschuldet sein. Anders verhält es sich, wenn – wie vor einigen Spielzeiten geschehen – eigens für eine Produktion und für einen Betrag, von dem ein Hartz-IV-Empfänger mehrere Monate leben muss, ein Ring angeschafft wird. Motto: Ein falscher König braucht wenigsten echten Schmuck. Selbst aus den vorderen Reihen war das edle Requisit, das dem Schauspieler nur gegen Quittung ausgehändigt und umgehend nach jeder Aufführung weggeschlossen wurde, nicht zu erkennen.

Betriebsklima im Mannheimer Ensemble lässt zu wünschen übrig

Weil Kosminski vor allem ins Abseits strahlt, gärt es im Ensemble. Das Haus ist unter ihm zum theatralen Himmelfahrtskommando geworden, gilt als Karrieren-Endlager. Wer hier arbeitete, kommt an den ersten Bühnen des Landes nicht mehr unter. Jenny König, die er gebetsmühlenartig als Gegenbeweis anführt, ist die berühmte Ausnahme, welche nicht die Regel entkräftet. Sie wechselte 2009 sofort nach ihrem zweijährigen Anfängerengagement an die Berliner Schaubühne und gehörte zu kurz dazu, um mit seinem Theater identifiziert zu werden. Neben der Aussichtslosigkeit drückt die Belastung durch die vergleichsweise vielen Neuproduktionen und das große Repertoire das Betriebsklima. Der hochtourige Leerlauf, den der ehrgeizige Intendant dem Ensemble für immer wieder neue Schlagzeilen und Auslastungsrekorde aufbürdet, fordert Tribut und manchmal auch die Gesundheit.

Von Kosminski äußerst angetan: Fritz Kuhn und ...
Von Kosminski äußerst angetan: Stuttgarts OB Fritz Kuhn (Grüne). Foto: Joachim E. Röttgers

Trotz aller kosmetischen Optimierungen waren seine Bemühungen um andere, prestigeträchtigere Wirkungsstätten lange erfolglos. Kosminski – stets um den Eindruck bemüht, das Copyright jeder Idee liege bei ihm – verliert schnell an Glanz, je weiter man sich von Mannheim entfernt. Zu tief steht er als Regisseur und Intendant im Soll, als dass Entscheider dies übersehen könnten. Vor vier Jahren verhob er sich bei seinem Düsseldorfer Musiktheater-Debüt grandios an Richard Wagners "Tannhäuser"; Opern-Journalisten kürten die Episode in einer Umfrage zum "Reinfall der Saison" und "FAZ"-Großkritiker Gerhard Stadelmaier verdammte Kosminski in sprachlich nicht ganz korrekter, aber trotzdem furioser Weise als "Einfallspinsel".

Auch konzeptionell vermag er lediglich begrenzt zu begeistern. Als Leipzig einen Nachfolger für Schauspiel-Intendant Sebastian Hartmann suchte und Kosminski sich auf Vermittlung des Deutschen Bühnenvereins vorstellte, erinnerte sich Oberbürgermeister Burkhard Jung als Mitglied der Findungskommission schon kurz danach nicht mehr daran: "Wer? Nie gehört. Aber ich erkundige mich." Zwei Tage später folgte der versprochene Rückruf: Ja, Kosminski sei tatsächlich dort gewesen. Eindruck, gar bleibenden, habe er nicht hinterlassen.

Ebenfalls Kosminski-Fan: Kunstministerin Theresia Bauer (Grüne). Foto: Joachim E. Röttgers
Ebenfalls Kosminski-Fan: Kunstministerin Theresia Bauer (Grüne). Foto: Joachim E. Röttgers

Stuttgart ist deshalb seine letzte Chance. Umgekehrt gilt das nicht. Wer die Sphärenklänge von Kunstministerin Theresia Bauer ("Seine Leidenschaft und seine Ideen werden das Publikum begeistern.") und Oberbürgermeister Fritz Kuhn ("Ich verspreche mir spielfreudiges und ästhetisch anspruchsvolles Theater.") mit der Realität abgleicht, wähnt sich in einem Paralleluniversum. Was Schiller und Lessing für die Schaubühne forderten, nämlich eine moralische Anstalt zu sein, davon ist das Nationaltheater Mannheim so weit entfernt wie ein Amazonas-Stamm von einer bemannten Marsmission. Nichts spricht dafür, dass sich das in Stuttgart ändern könnte. Denn die Apokalypse offenbart sich bei Burkhard C. Kosminski nicht als Analyse oder Prophezeiung und braucht auch keine Bühne. Es ist die Apokalypse einer Kunstform.

 

Martin Eich ist Feuilletonist und Theaterkritiker. In Südhessen wohnend, beobachtet er das Nationaltheater Mannheim und Burkhard C. Kosminski seit Jahren aus der Nähe.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!

Kommentare

Fritz Rau, 21.04.2017 17:21
Danke, Interessanter und informativer Beitrag. Ist der Herr nun eine Steigerung von Petras?
Zur grünen Blase scheint er gut zu passen. Nach dem Neustart, den er sicher verdient, obwohl doch selten dadurch jemand besser wird, wird man sehen, ob es in Stuttgarts Theater weiter bergab geht. Dafür steht ja die grüne politische und kulturelle Kontinuität.

Kommentar hinzufügen




CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.


* Pflichtfeld!

Letzte Kommentare:

Ausgabe 316 / Störfaktor Eltern / Katharina G., 23.04.2017 13:16
Das schöne afrikanische Sprichwort "Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht" gilt leicht abgewandelt auch für unsere Kinder: "Kinder sind nicht besser gebildet, wenn man ihre Schulzeit verkürzt"! Und leider setzt sich dieser...

Ausgabe 316 / Ein schlafloses Jahr / Andreas Slemeyer, 23.04.2017 12:36
Lieber Fritz, vor 53 Jahen sind wir von Degerloch weggezogen, weil unmittelbar neben unserem Haus in der Schöttlestraße der B27-Tunnelausgang gebaut wurde. Nun wird Degerloch erneut untertunnelt mit fraglichem Erfolg, denn das...

Ausgabe 316 / Sein Name ist Hase / Illoinen, 23.04.2017 11:43
Ich habe so langsam den Eindruck, dass mit solchen Aussagen, man nur im Gespräch bleiben will. Denn ist der Ruf erst ruiniert, regiert es sich ungeniert. Ist doch wohl alles mehr oder weniger Wahlwerbung. Auch so bekommt man, kostenlos...

Ausgabe 316 / Ein schlafloses Jahr / Jupp, 23.04.2017 10:43
Wie lässt sich eigentlich erklären, dass sich durch die Sprengungen nur die Leute gestört fühlen, die schon vor Baustart S21-Gegner waren?

Ausgabe 316 / Pinguin und Erdoğan / Schwabe, 23.04.2017 10:09
zu "Kontext extra" - "AfD: Nichts wissen, nichts machen, nichts zahlen". Die Aussage "...Nichts wissen, nichts machen, nichts zahlen" passt auch wunderbar auf die anderen bürgerlich neoliberalen Einheitsbreiparteien CDU/CSU, SPD,...

Ausgabe 315 / Luftholen unmöglich / Barolo, 22.04.2017 20:31
Auch wenn der Kaufmann auf meiner persönlichen Liste der Lieblingsfeinde ziemlich weit oben steht, aber die Kastration mancher Strassen wie die Waiblingerstrasse in Cannstatt ist ein Schildbürgerstreich ohne gleichen. Aber der Kaufmann...

Ausgabe 316 / Ein schlafloses Jahr / Barolo, 22.04.2017 19:58
Nicht auszudenken wenn die betroffenen Bürger ihre Restbestände an Pfennigkracher (habe extra nach dem PC Begriff suchen müssen;-) nehmen und die Verantwortlichen damit auch mal um den Schlaf bringen.

Ausgabe 316 / Störfaktor Eltern / Kornelia, 22.04.2017 18:37
@Henkel-Waidhofer Störfaktor Eltern! Störfall! Ausfall! Aussortieren?! Kopfschüttel Kinder, Eltern und Lehrer bilden eine hochsensible Triade, drum herum hat Staat und Gesellschaft einen Sicherheitskonkon zu schaffen! 'der...

Ausgabe 316 / Störfaktor Eltern / Kornelia, 22.04.2017 17:25
@Ruby Tuesday "Mit menschlicher Bildung hat dieses System doch längst nichts mehr zu tun." Stimmt genau! Auch dazu hätte ich gern etwas in den Verantwortungsetagen der "marche of science" gehört! Wie viele andere Innovationen des...

Ausgabe 160 / Brücke nach rechts / Klaus Abt, 22.04.2017 13:39
Interessanter Artikel, viele Behauptungen, wenig Substanz, Voreingenommenheit zieht sich wie ein roter Faden von vorn bis hinten durch den Text. Würde etwas Ähnliches aus einem anderen Milieu stammen, würde der Autor es aus den eben...

Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!