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Auch Hermann will Maut verzögern

Wenn es nach den Grünen geht, wird die Landesregierung gemeinsam mit Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz oder dem Saarland versuchen, die Einführung der PKW-Maut über den Bundesrat noch zu verzögern oder gar zu verhindern. Verkehrsminister Winne Hermann kündigte einen entsprechenden Vorstoß an. Er habe bereits im Verkehrsausschuss des Bundesrats Position bezogen und insbesondere kritisiert, dass "die Grenzregionen schwer tangiert sind, ausgerechnet in Zeiten, in denen wir den europäischen Geist betonen wollen". Die "Bürokratie-Maut" passe nicht in die Zeit. Außerdem würden Milliarden eingenommen, Milliarden an deutsche Autofahrer wieder zurückgegeben und "vielleicht bleiben ein paar Millionen übrig".

Saarland, Rheinland-Pfalz oder NRW wollen den Vermittlungsausschuss zwischen Bundesrat und Bundestag anrufen, nachdem letzterer die Maut am Freitag beschlossen hat. Das Gesetz ist allerdings nicht zustimmungspflichtig, weshalb die Einführung der Maut auf diesem Wege lediglich verzögert werden kann. Allerdings könnte Verzögerung am Ende auch das Scheitern bedeuten, weil womöglich nach der Bundestagswahl im September die Karten ganz neu gemischt werden, und die CSU bisher bekanntlich die einzige Partei ist, die die Maut wirklich will. (24.3.2017)


Aras legt sich mit Erdogan an

Die Stuttgarter Grünen-Abgeordnete und Landtagspräsidentin Muhterem Aras hat die deutschtürkische Community aufgefordert, sich mit dem Verfassungsreferendum am 16. April kritisch auseinanderzusetzen. Von den Imamen wünscht sich die Stimmenkönigin ihrer Partei bei den Landtagswahlen 2016, dass die "in den Freitagspredigten zu einem respektvollen und fairen Umgang miteinander aufrufen und die hier geltenden Werte von Meinungs-, Presse- und Religionsfreiheit entschieden weitergeben". Sie selber verzichte derzeit auf Reisen in die Türkei, "weil ich nicht weiß, ob ich mich dort frei bewegen könnte". Zugleich müssten sich Demokraten weigern, sich zu Feinden der Türkei machen zu lassen. Aras nutzte eine Landtagsdebatte zum 60. Geburstag der EU auch zu scharfer Krtik am türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, weil der "auf das Infamste" gebaute Brücken wieder einreißen und die Gesellschaft spalten wolle. Von den Vertretern AKP-naher Institutionen erwartet die Grüne eine öffentliche Distanzierung von den "die Opfer verhöhnenden Nazivorwürfen". Im Südwesten dürfen insgesamt rund 230 000 Türken am Referendum teilnehmen – und zwar vorab: Die Wahl beginnt bereits am 27. März und endet am 9. April. (22.3.2017)

Mehr zum Thema: "Meister der Feindbilder", "Unverschämt und dumm"


Stuttgart 21: Aktionsbündnis warnt Aufsichtsrat

Drei Tage vor einer Sitzung des DB-Aufsichtsrats verlangt das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 erneut eine "faktenehrliche Bestandsaufnahme". Sollte sich der Aufsichtsrat wieder um die Auseinandersetzung drücken oder gar unbeirrt den Weiterbau beschließen, so Eisenhart von Loeper, schädige er wider besseres Wissen das Vermögen der Deutschen Bahn AG. "Das würde", erklärt der Bündnissprecher weiter, "den Tatbestand der Untreue erfüllen." Eine strafrechtliche Aufarbeitung sei die Konsequenz; darauf habe das Bündnis zuletzt am 11. März 2017 den Aufsichtsrat per Brief hingewiesen.

Ihren Appell richten die Stuttgart-21-Gegner nicht nur an den Vorsitzenden des Aufsichtsrats Utz-Hellmuth Felcht, sondern auch an den designierten Vorstandsvorsitzenden Richard Lutz. Als erstes sei "eine Bestandsaufnahme der ungelösten Probleme und hohen Risiken notwendig, die sich an den Realitäten und nicht an den Gesichtswahrungsproblemen der politisch Verantwortlichen orientiert". Von Loeper argumentiert damit, dass sich das Projekt "jenseits aller wirtschaftlichen Rationalität bewegt", und mit dem weiter offenen Brandschutz. Außerdem solle der Aufsichtsrat "endlich zur Kenntnis nehmen, dass sich die DB mit S 21 einen Dauerengpass für viel Geld baut, der den Bahnverkehr behindert und den viel beschworenen Deutschlandtakt im Südwesten irreversibel unmöglich macht". Nach der Devise "Politik beginnt mit der Kenntnisnahme der Realität" will das Aktionsbündnis den neuen Bahnchef zu Gesprächen einladen, bei denen sie ihm auch die von der Bürgerbewegung entwickelten Alternativen zum Weiterbau erläutern wollen. Deren "ernsthafte Prüfung" wünscht sich nach einer repräsentativen Umfrage von infratest dimap in Baden-Württemberg sogar eine Mehrheit der Projektbefürworter. (19.3.2017)

Mehr zum Thema: "Bahnfeinde im Bahnvorstand"


IHK will nicht mehr gegen Kakteen polemisieren

Auch ein Vergleich kann ein Erfolg sein: Vor dem Verwaltungsgericht Stuttgart akzeptierte die IHK Region Stuttgart die Feststellung, dass sie in der Vergangenheit mit Angriffen gegen die IHK-Rebellen der Kaktus-Initiative ihre Kompetenz überschritten hat. Stein des Anstoßes waren zwei IHK-Pressemitteilungen, in denen Hauptgeschäftsführer Andreas Richter gegen die Kakteen polemisiert habe, so Kaktus-Mitglied Klaus Steinke, der in der Folge Klage eingereicht hatte.

Konkret einigten sich die Streitparteien am heutigen Donnerstag, den 16. März, auf folgenden Vergleich: Die IHK Region Stuttgart erklärt, "dass ohne Beratung und Beschlussfassung durch die Vollversammlung keine weiteren öffentlichen Äußerungen der IHK und ihrer Organe über Binnenkonflikte, die keine wirtschaftspolitischen Positionen betreffen, abgegeben werden", und dass es den beiden strittigen Pressemitteilungen "an einer solchen Beratung und Beschlussfassung mangelte". Außerdem trägt die IHK trägt die Kosten des Verfahrens von 5000 Euro.

Für Steinke ist es "ein gutes Ergebnis, weil es die Transparenz innerhalb der IHK stärkt, und weil es deutlich die Frage artikuliert, was Geschäftsführer und Präsident dürfen und was nicht". Zwar wäre es, so Steinke, spannend gewesen, wenn das Gericht in einem Urteil Grundsatzregeln für die Öffentlichkeitsarbeit der IHK aufgestellt hätte. Aber er sei mit dem Vergleich zufrieden, "weil es mir in der Sache nicht darum geht, zu siegen, sondern eine Veränderung innerhalb der IHK zu bewirken". Zudem habe das Ergebnis, so hofft Steinke, auch "eine Signalwirkung auf andere IHKs".

Die Kaktus-Initiative, 2011 gegründet, kritisierte in den letzten Jahren immer wieder intransparente Wahlverfahren und die offizielle Pro-Haltung der IHK zu Stuttgart 21. (16.3.2017)

Mehr zum Thema: "Rebellen im Weinberghäusle" und "Die IHK wackelt nicht".


Afghanistan-Rückkehrer bekommt zweimonatiges Arbeitsvisum

Es ist ein kleines Wunder. Denn trotz der mannigfaltigen Unterstützung in den vergangenen Wochen, glaubten nicht viele seiner Freunde wirklich daran, dass der Zahnarzt Ahmad Shakib Pouya, der in einem französischen Krankenhaus in Herat gearbeitet hat, zurück in die Bundesrepublik kommen kann. Pouya war in seiner früheren Heimat von den Taliban bedroht, floh 2010 nach Deutschland. Hier war er einer der Hauptdarsteller in der vielbeachten Produktion der Mozart-Oper "Zaide" und hatte eine doppelte Zusage auf Festanstellung – vom Münchner Gärtnerplatztheater und der IG Metall. Dennoch wurde er zur Abschiebung vorgesehen, weshalb er am 20. Januar 2017 ausreiste. Seither machten seine Unterstützer vom im Mai 2014 gegründeten Stuttgarter Verein "Zuflucht Kultur. Entweder. Oder. Frieden." bundesweit auf sein Schicksal aufmerksam. Auch mit einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), mit der Bitte um "ein Visum und ein langfristiges Bleiberecht als wertvoller Bürger unseres Landes".

Jetzt kam die gute Nachricht. Der 33-Jährige kann für zwei Monate zurück nach Deutschland. Mitausschlaggebend dürfte ein Schreiben von Georg Podt gewesen sein, dem Intendanten des kommunalen Münchner Kinder- und Jugendtheaters "Schauburg", der Pouya in einer Neuinszenierung von Rainer Werner Fassbinders "Angst essen Seele auf" als Hauptdarsteller besetzt hat. Die Proben sollen in der kommenden Woche beginnen, Premiere wird am 22. April sein. Mitte Mai läuft das Visum aus. Pouya will gemeinsam mit dem Verein die Zeit nutzen, um das angestrebte dauerhafte Bleiberecht zu bekommen. Die Chancen stehen angesichts der 2015 eigentlich gelockerten Regelungen gar nicht so schlecht. Allerdings werden die nach den Erkenntnissen von Pro Asyl oder dem Flüchtlingsrat viel zu selten von den Behörden angewandt.


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Gestatten, Weltkulturerbe. Fotos: Joachim E. Röttgers

Gestatten, Weltkulturerbe. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 281
Kultur

Sieg des neuen Baustils

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 17.08.2016
Die Geschichte der Stuttgarter Weißenhofsiedlung steckt voller Ironien. Mehr als ein denkmalwürdiges Bauwerk ist im Streit der Meinungen verloren gegangen. Nicht nur rund um das neue Kulturerbe von Le Corbusier.

Wir sind Weltkulturerbe! Nein, nicht ganz Stuttgart, auch nicht die ganze Weißenhofsiedlung. Nur die zwei Häuser des Stararchitekten Le Corbusier, zusammen mit 16 anderen Stätten in sieben Ländern, vom Regierungszentrum in Chandigarh, der Hauptstadt des indischen Pandschab, bis zur Holzhütte, die der Meister sich selbst an der französischen Riviera gebaut hat, um – der irischen Architektin Eileen Gray zufolge – zu stalken. "Citrohan" heißt eines der beiden Welterbe-Häuser am Weißenhof: genau gleich lautend wie die Automobilmarke Citroën. Paradoxerweise ist es nur deshalb so einzigartig, weil es nicht, wie Le Corbusier wollte, in Serie produziert wurde. 

Das Weltkulturerbe: schon immer umstritten 

Die Stuttgarter Mustersiedlung der Moderne stieß von Anfang an nicht nur auf Zustimmung. 1938 ging sie in den Besitz des Deutschen Reichs über, das an dieser Stelle das Generalkommando V der Wehrmacht errichten wollte. Nach provisorischen Nutzungen durch eine Flakkaserne und ein Kinderkrankenhaus wurden im Krieg zehn von 21 Häusern zerstört.

Nach dem Krieg wurden sie durch biedere Satteldachhäuser ersetzt. Auch das Haus von Peter Behrens bekam ein Satteldach aufgesetzt. Den kubischen Bau von Bruno Taut baute sein Besitzer, so gut es ging, wieder auf. Dennoch wurde er 1959 abgerissen, ebenso wie eines der zwei Häuser seines Bruders Max, das den Krieg unversehrt überstanden hatte. Auch den Corbusier-Häusern sollte es an den Kragen gehen. Aber dagegen regte sich Bürgerprotest.

Auf Anregung von Heinz Rasch wurden 1958 die ersten Weißenhof-Häuser unter Denkmalschutz gestellt. Der Architekt, der 1927 mit seinem Bruder Bodo als "Brüder Rasch" firmierte, hatte kein Haus in der Siedlung gebaut. Aber die Brüder Rasch richteten Wohnungen in den Bauten von Behrens und Ludwig Mies van der Rohe ein und gaben unter dem Titel "Wie bauen?" ein Buch heraus, das auf lebendige Weise die Ideen hinter der Siedlung vor Augen führte. Wenn er in Stuttgart war, arbeitete der Weißenhof-Chefplaner Mies van der Rohe in deren Büro.

Zwei Jahrzehnte später befand sich die Siedlung immer noch in schlechtem Zustand. Mittlerweile waren aber an Hochhaussiedlungen wie der Gropiusstadt in Berlin – erbaut 1962 bis 1975 nach den Plänen des Bauhaus-Gründers Walter Gropius –– auch die weniger schönen Seiten des am Weißenhof propagierten industrialisierten Massenwohnungsbaus zutage getreten. Auf einer Tagung des Deutschen Werkbunds in Stuttgart 1977, fünfzig Jahre nach dem Bau der Siedlung, rebellierten Architekten gegen die Weißenhof-Väter.

Das "Citrohan"-Haus.
Das "Citrohan"-Haus.

"Damals ist Bodo Rasch aufgestanden", schreibt die Journalistin Sibylle Maus zu dessen 80. Geburtstag: "Ganz einfach hat er den Umschuldungsversuch ad absurdum geführt, indem er einfach anfing zu erzählen: wie man am Weißenhof die 'Wahrheit der Architektur' gesucht habe, wie man 'Wahrheitssucher' überhaupt gewesen sei." Aber Wahrheit ist immer eine Frage des Standpunkts.

Ein 70 Zentimeter schmaler Flur und Klappbetten

Bodo Rasch war 24 Jahre alt, als die Weißenhofsiedlung 1927 gebaut wurde. Mit seinem älteren Bruder stürzte er sich in das Abenteuer einer Architektur, die es noch nicht gab. Die Brüder Rasch entwickelten an Pfählen hängende Hochhäuser, wie sie erst viele Jahrzehnte später gebaut wurden. 52 Jahre danach wurde Bodo Rasch mit Mia Seeger, einer weiteren Beteiligten der ersten Stunde, und Frei Otto Vorsitzender des neu gegründeten Vereins der Freunde der Weißenhofsiedlung.

Bald darauf begann die Renovierung. 1982 gründete sich im Behrens-Haus, vom Satteldach befreit, die Architekturgalerie am Weißenhof. 1990 kam das Info-Zentrum im Mies-van-der-Rohe-Haus hinzu. Die Stadt Stuttgart, die sich bereits an der Renovierung beteiligt hatte, erwarb 2004 das Doppelhaus von Le Corbusier zurück, das mithilfe der Wüstenrot-Stiftung vorbildlich instand gesetzt und 2006 als Museum eröffnet wurde.

Vor dem Museum herrscht schon jetzt großer Andrang auf schmaler Treppe.
Vor dem Museum herrscht schon jetzt großer Andrang auf schmaler Treppe.

Der Welterbe-Glanz fällt nun auch auf die Siedlung, deren Geschichte in einer der Hälften des Museums im Corbusier-Doppelhaus dokumentiert ist. In der anderen ist eine Rekonstruktion der originalen Einrichtung zu sehen: Nach dem Willen des Meisters sieht es hier aus wie in einem Eisenbahn-Schlafwagen mit 70 Zentimeter schmalem Flur und Klappbetten.

Anja Krämer, die das Museum von Anfang an leitet, ist sich sicher: Nach der Ernennung zum Weltkulturerbe wird der Besucherandrang zunehmen. Zehn Ehrenamtliche kümmern sich derzeit um Führungen und Veranstaltungen. Zwanzig Honorarkräfte teilen sich 3,7 Planstellen. Das bedeutet einen hohen organisatorischen Aufwand. Eine neue Lösung muss her. Aber die Nachricht ist noch ganz neu, es hat noch keine Gespräche gegeben.

Seit 2002 hat ein internationales Team unter Federführung Frankreichs an dem Antrag zur Aufnahme der Le-Corbusier-Bauten in die Liste des Welterbes gearbeitet. Zweimal war die Bewerbung gescheitert. Für Stuttgart war der Architekt Friedemann Gschwind von Anfang an dabei, auch jetzt in Istanbul, als die Kommission – leicht verzögert durch den Putschversuch in der türkischen Armee – die Entscheidung bekanntgab: Die siebzehn Stätten sind Weltkulturerbe, als Le Corbusiers "herausragender Beitrag zur modernen Bewegung".

Aber es gibt auch noch eine andere Geschichte: Paul Schmitthenner, der erbittertste Gegner der Weißenhofsiedlung, hatte bereits im Ersten Weltkrieg die Gartenstadt Staaken erbaut. Die Siedlung für Arbeiter der Spandauer Rüstungsbetriebe sah aus wie ein Dorf. Staaken wurde zum Modellfall für den Wohnungsbau der 1920er-Jahre. Schmitthenner, der noch weitere Siedlungen baute, unter anderem in Sindelfingen-Schnödeneck, galt als der Siedlungsarchitekt schlechthin.

Nomen est nicht immer Omen: Sindelfingen-Schnödeneck.
Nomen est nicht immer Omen: Sindelfingen-Schnödeneck.

Als er am Weißenhof nicht zum Zug kam, plante er ein Gegenmodell, um den Architekten des Neuen Bauens zu beweisen, dass er die besseren Konzepte habe. Sie sollten von der 1926 gegründeten Reichsforschungsgesellschaft für Wirtschaftlichkeit im Bau- und Wohnungswesen gefördert werden: wie die Siedlung Dessau-Törten von Walter Gropius, der dort erstmals mit durchgetakteten Baustellenabläufen arbeitete, Ernst Mays Plattenbauten in Frankfurt-Praunheim und eben auch die Weißenhofsiedlung. Schmitthenner begann mit der Planung im April 1927, als die Bauarbeiten am Weißenhof bereits anfingen. Ein Dreivierteljahr später lieferte er eine erste Kostprobe: Auf vorbereiteten Grundmauern errichtete er in nur fünf Tagen einen vorgefertigten Fachwerkbau. Dann aber zog die Reichsforschungsgesellschaft die Förderung zurück.

Schmitthenner überholt Gropius

Die anderen drei Siedlungen hatten sich wenig an die Vorgaben gehalten. Das sozialdemokratisch regierte Dessau war von Gropius enttäuscht. Die Stadt hatte 1925 auch deshalb das Bauhaus aufgenommen, weil der Architekt billigen Wohnraum versprach. Seine Häuser in Törten waren zwar um zehn bis 15 Prozent billiger als vergleichbare Bauten, für Arbeiter aber zu teuer. Am Weißenhof war von Arbeiterwohnungen ohnehin nicht die Rede. Der erste Mieter des Corbusier-Doppelhauses war Anton Kolik, Professor der benachbarten Kunstgewerbeschule, dem es allerdings schwerfiel, die Absichten des Architekten zu durchschauen. Später wohnte dort der Künstler K. R. H. Sonderborg.

Am Abend des vierten Tages: "fabriziertes Fachwerk", Winter 1927/28. Abbildung: Schweizerische Bauzeitung
Am Abend des vierten Tages: "fabriziertes Fachwerk", Winter 1927/28. Abbildung: Schweizerische Bauzeitung

Anders als die Konkurrenten, die schon glaubten, die Lösung gefunden zu haben, hatte Schmitthenner vor, mit Vergleichsreihen zwischen Flach- und Schrägdächern und verschiedenen Baumaterialen alle Kostenfaktoren genau unter die Lupe zu nehmen. Ausgerechnet er zog nun den Kürzeren.

Aber er erhielt eine zweite Chance: 1925 hatte der Stuttgarter Gemeinderat beschlossen, jährlich in Eigenregie 1000 Wohnungen zu bauen. Die Stadt wollte die Kosten senken und testete am Hallschlag von 1926 an neue Verfahren, vorerst allerdings ohne Erfolg. Schmitthenners "fabriziertes Fachwerk" (Fafa) aber war um 24 Prozent günstiger als konventionelles Mauerwerk. Mit dem guten alten Zimmermannshandwerk erzielte er größere Erfolge als der Bauhausmeister, der sich von industriellen Bauweisen wahre Wunder versprach. Trotzdem konnten die Weißenhof-Architekten ihre Version in der Baugeschichtsschreibung durchsetzen.

Schmitthenner-Siedlung auf dem Killesberg.
Schmitthenner-Siedlung auf dem Killesberg.

Schmitthenner war beleidigt, und die Sache hatte ein Nachspiel. Zuerst brachte Bodo Rasch 1929 das Kochenhof-Projekt wieder in Gang: Aus dem Holz, das sich wegen der Weltwirtschaftskrise nicht verkaufen ließ, sollte eine Mustersiedlung entstehen. Nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten übernahm Schmitthenner. Unter vorgeschriebenem Satteldach entstanden dann freilich keine günstigen Arbeiterwohnungen, sondern Eigenheime. Schmitthenners Versuch, sich den Nazis anzubiedern, scheiterte. Zwischen seinen Holzhäusern und den monumentalen Planungen Albert Speers in Berlin lagen Welten.


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Ausgabe 312 / Das große Fressen / tauss, 24.03.2017 15:03
@HifppiE ... so darf man unterschiedlicher Meinung sein... Ich bleibe dabei: Eine völlig verantwortungslose Staatengemeinschaft, die über "Werte" faselt, sich allein über die Steigerung von Rüstungsausgaben definiert und die UN-...

Ausgabe 312 / Die unheiligen Apostel / Jupp, 24.03.2017 07:17
Mein Herz geht auf. Hier wird nicht nur über die Vergangenheit oder Gegenwart gschimpft. Nein, es wird tatsächlich über die Zukunft nachgedacht! Und ich bin vollkommen bei Frau Rath :-) Was soll ein Fussgängerstegle? Wir haben...

Ausgabe 312 / Afrika kommt / leo loewe, 24.03.2017 00:24
"Die künftige Entwicklung gestalten!" Wir sollten versuchen, die globale Entwicklung weiterhin aktiv mitzugestalten. Gleichzeitig müssen wir anerkennen, dass sich die Welt um uns herum rasch verändert und dass es dabei um so mehr auf...

Ausgabe 312 / Das große Fressen / HippiE, 23.03.2017 23:50
@tauss: Dieser gelungene Beitrag handelt nicht von Kompensation, sondern von haarsträubender Ungleichheit und niederschmetternder Selbstbezogenheit und Gleichgültigkeit. Er nervt daher nicht, sondern macht betroffen und fassungslos.

Ausgabe 312 / Die unheiligen Apostel / Horst Ruch, 23.03.2017 22:12
....a propos "Stegle". Das ist es gerade was W.Backes angesprochen hat: Think big. Stirling hatte nicht umsonst die Planung für die Erschließung der Staatsgalerie und Musikhochschule auf einer höheren Ebene angeordnet, somit die (Teil)...

Ausgabe 312 / Ächzen im Maschinenraum / Schwabe, 23.03.2017 17:35
Auch von mir vielen Dank an den Autor und an Kontext (E.M., 22.03.2017 01:27 hat das wunderbar formuliert). Dennoch, um das erfolgreich anzupacken bzw. umzusetzen was Fabian Scheidler so treffend wie beängstigend und unmissverständlich...

Ausgabe 312 / Die unheiligen Apostel / CharlotteRath, 23.03.2017 14:51
Fußgängerstegle ... eine echt schwäbische Lösung. München hat sich einen Park gegönnt, um zwei voneinander getrennte Stadtteile über eine große Straße hinweg zusmmenzuführen: https://de.wikipedia.org/wiki/Petuelpark Mit...

Ausgabe 312 / Die unheiligen Apostel / Bruno Neidhart, 23.03.2017 09:51
Selbstverständlich bräuchte Stuttgart in dieser Kulturecke einen Fußgängersteg. Möglichst als breite Grünbrücke. Dies hat weder mit Sozialwohnungen, noch mit Kitas zu tun. Es ist eine andere, ebenso stadtbildende Ebene.

Ausgabe 312 / Afrika kommt / Dr. Diethelm Gscheidle, 23.03.2017 09:24
Sehr geehrte Damen und Herren, selbstverständlich ist es äußerst wichtig, Entwicklungshilfe zu betreiben - und das geht natürlich jeden Einzelnen von uns an. Als bekennender und praktizierender Katholik ist mir die Entwicklungshilfe...

Ausgabe 66 / Gnadenlose Bank / Gerald Wiegner, 22.03.2017 22:45
Das ist eine traurige, aber wahre Geschichte. Ich habe mit Herrn Nusser telefoniert und möchte noch folgende Ergänzung machen. Herr Nusser war ein langjähriges Genossenschaftsmitglied. Genossenschaften sind gesetzlich verpflichtet...

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