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Ein Zeichen für Europa

Über Stuttgart wehen EU-Flaggen! Mit der Verkündung des amtlichen Endergebnisses der Volksabstimmung in Großbritainnien über den Austritt aus der EU werden auf der Villa Reitzenstein und dem Neuem Schloss in Stuttgart europäische Flaagen gehisst. Die grün-schwarze Koalition möchte damit ein Zeichen für Europa setzen. "Wir wollen unsere proeuropäische Haltung deutlich zeigen", so Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Die gehöre in Baden-Württemberg "zur Staatsräson". Als "überzeugten Europäer" treffe ihn die Entscheidung der Briten "ganz persönlich ins Mark". Europa sei in den Grundfesten erschüttert.


AfD-Fraktion schließt Gedeon vorerst nicht aus

Die Zerreißprobe in der "Alternative für Deutschland" (AfD) ist aufgeschoben. Ihr Bundesvorsitzender Jörg Meuthen, zugleich Chef der baden-württembergischen Landtagsfraktion, hatte am Dienstag jedenfalls keine erforderliche Zweidrittelmehrheit für den Ausschluss von Wolfgang Gedeon. Über die Äußerungen Gedeons, Anhänger der antisemitischen "Protokolle der Weisen von Zion", wird jetzt statt dessen ein Gutachten bei drei Fachleuten in Auftrag gegeben – von Religionswissenschaftlern ist die Rede, ein Experte soll jüdischen Glaubens sein –, um die von Meuten selbst erhobenen Antisemitismus-Vorwürfe gegen den Singener Mediziner zu überprüfen. Der lässt vorerst seine Mitgliedschaft in der Fraktion ruhen und wird im Plenarsaal auch einen neuen Platz erhalten.

Fraktionsgeschäftsführer Bernd Grimmer erklärte nach den dreistündigen Beratungen, die für einen Ausschluss notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit sei nicht klar gewesen und etwa ein Drittel der Abgeordneten nicht bereit gewesen, Meuthen zu folgen. Sie schätzten den Stellenwert von Meinungsfreiheit höher ein als den einer "politisch korrekten Ausdrucksweise". Sollte die Fraktion nach der Sommerpause und der Bewertung des Gutachtens abermals nicht bereit sein, dem von Meuthen seit Tagen vehement verlangten Antrag auf Ausschluss Gedeons zuzustimmen, bleibt der dabei, seinerseits die Fraktion verlassen zu wollen. Außerdem gibt es Gerüchte, dass eine Handvoll Abgeordneter Gedeon – im Falle seines Ausschlusses – nicht allein gehen lassen, sondern mit ihm aus der Fraktion ausscheiden wolle.

Nicht nur im Internet tobt seit Tagen eine heftige Auseinandersetzung über den künftigen Kurs der Partei, die sich zur Retterin Deutschlands ernannt hat. Meuthens Co-Vorsitzende auf Bundesebene Frauke Petry hat sich öffentlich gegen ihn gestellt, ist damit aber im Bundesvorstand isoliert. Zahlreiche Mitglieder des rechten Flügels verlangen von dem Kehler Wirtschaftsprofessor, von sich aus die AfD zu verlassen. "Die Bewegung muss sich von Volksverrätern wie Meuthen trennen", postet ein Thorsten Baeuml. Und weiter: "Linksversiffte Gutmenschen braucht die Bewegung nicht! Ein Krebsgeschwür wird auch entfernt, so lange es noch geht und Meuthen hat sich zur Selbstoperation verdonnert. Gut so!" Den Ausdruck "linksversifft" hatte Meuthen selbst vor Wochen benutzt, ihn allerdings auf die ganze Bundesrepublik bezogen.


S 21: BUND verlangt "Öffnung in Richtung Kombi-Lösung"

Der BUND Baden-Württemberg hat am Montag ein Positionspapier zu Stuttgart 21 vorgelegt, um "konstruktive Lösungen aus der Sackgasse" aufzuzeigen. Im Mittelpunkt steht der "Einstieg in eine Kombi-Lösung". Wie die Landesvorsitzende Brigitte Dahlbender erläutert, könnten damit "einerseits die Kosten und Risiken von Stuttgart 21 deutlich gesenkt und andererseits finanzielle Spielräume zur Realisierung eines tatsächlich zukunftsfähigen Bahnknotenpunkts gewonnen werden". Außerdem sieht das Konzept vor, auf den unterirdischen Flughafenbahnhof zu verzichten und stattdessen einen oberirdischen Halt beim Messeparkhaus zu errichten. Zudem soll die Gäubahn über die bestehende Panoramabahn oberirdisch in den Hauptbahnhof geführt werden und "die Zuführungsstrecken zum Hauptbahnhof und die Wendlinger Kurve sollen leistungsfähig ausgebaut werden".

Dahlbender, die für die Tiefbahnhofgegner 2010 in der Schlichtung saß, nennt S 21 ein "auch heute noch in ganz wesentlichen Teilen weder vollständig geplantes noch vollständig genehmigtes Projekt". Es gebe weiterhin keine qualifizierten Aussagen zu Kosten und zum Zeitablauf. Für die SPD-Politikerin und Ulmer Gemeinderätin steht fest, dass deutlich mehr als acht Bahnsteiggleise unverzichtbar sind für einen Großknoten Stuttgart und eine Entmischung der S-Bahn, des Regional- und des Fernverkehrs. Eine nachhaltige Mobilitätswende müsse sich an den Wünschen der Bahnkunden und der tatsächlichen Verkehrsströme orientieren, "und das bedeutet einen Einstieg in die Diskussion einer Kombi-Lösung".

Mehr dazu unter diesem Link.


Jetzt offiziell: Kefer geht späestens im Herbst 2017

Von einem "Eingeständnis des Scheiterns" sprechen die Parkschützer, von "großem Respekt und Wertschätzung" der Aufsichtsratsvorsitzende der DB Utz-Hellmuth Felcht. Auf jeden Fall wirft der für Stuttgart 21 zuständige Bahnvorstand Volker Kefer das Handtuch. Er stehe für eine Verlängerung seines im September 2017 auslaufenden Vertrags nicht zur Verfügung, teilte er dem Aufsichtsrat am Mittwochvormittag mit. Möglicherweise wird er, wenn seine Nachfolge geregelt ist, den Konzern aber schon deutlich früher verlassen. Hier werde kein "Bauer geopfert", so der Sprecher der Parkschützer Matthias von Herrmann. Vielmehr nehme sich ein "allzu stolzer Turm selbst aus dem Spiel": Der für Stuttgart 21 verantwortliche oberste Bahnmanager ziehe "nun offenbar seine persönliche Notbremse vor dem sicheren Aufprall auf dem Prellbock eines baulich, finanziell und kommunikativ völlig unkontrolliert taumelnden Projekts". Kefer ist seit 2009 bei der Deutschen Bahn und galt lange Zeit als möglicher Nachfolger von Bahnchef Rüdiger Grube, dessen Stellvertreter er auch ist. Kritisiert wird intern vor allem, dass der frühere Siemens-Vorstand den Aufsichtsrat zu spät über die Kostenexplosionen und die immer neuen Risiken bei Stuttgart 21 informiert hat.

Insider in Berlin sehen auch Grube selber nicht mehr sicher im Sattel, weil der nicht nur das nach seinen vielzitierten Worten "bestgerechnete" Milliardenprojekt nie wirklich in den Griff bekommen hat. Matthias von Herrmann erinnert an des marode, dringend sanierungsbedürftige Schienennetz und daran, dass trotz der groß angekündigten fernverkehrsoffensive nicht einmal mehr 78 Prozent der Züge pünktlich fahren: "Wir brauchen endlich wieder eine gute zuverlässige Bahn statt Tunnelwahn." Zum Vergleich: In der Schweiz treffen knapp 97 Prozent der Züge pünktlich im Bahnhof ein. (15.6.2017)


Hermann kritisiert S-21-Befürworter scharf

Der grüne Verkehrsminister Winne Hermann wirft den Befürworter von Stuttgart 21 "in der Politik und bei der Bahn" vor, jahrelang die Kosten heruntergerechnet und die Risiken des Milliardenprojekts nicht ernst genommen zu haben. Jetzt zeige sich immer mehr, wie richtig die Kritiker gelegen hätten. Als Beispiel nennt der S-21-Gegner seit Mitte der Neunziger im Interview mit dem Bayerischen Rundfunk den Tunnelbau. Zehn Jahre sei über die Schwierigkeiten in dem Gestein diskutiert worden, das die Bahn aktuell für einen Teil der Kostensteigerungen verantwortlich mache.

Der DB wirft er zudem vor, die Glaubwürdigkeit zu "zerstören", wenn an die Landesregierung "kurz vor der Veröffentlichung dieser neuen Dinge beruhigende fünf Zeilen" geschickt würden, dass letztendlich alles in Ordnung sei. "Und dann liest man einen Tag später, es wird wieder teurer, und es wird wieder später", so Hermann weiter. Das mache misstrauisch. Einem Ausstieg erteilt er dennoch eine Absage: Die Bevölkerung habe "keinen Ausstieg beschlossen", und seitdem sei es für jeden in der Regierung Pflicht, das Projekt zu begleiten und zu befördern.


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Vernachlässigter Schatz: das Finsterlin-Haus am Frauenkopf. Fotos: Joachim E. Röttgers

Vernachlässigter Schatz: das Finsterlin-Haus am Frauenkopf. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 260
Kultur

Zum Abriss freigegeben

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 23.03.2016
Viel zu wenig kümmert sich Stuttgart um das Erbe seiner großen Geister der Avantgarde. Das Haus des visionären Künstler-Architekten Hermann Finsterlin am Stuttgarter Frauenkopf, ein ganz früher anthroposophischer Bau, steht vor dem Abriss.

Der Frauenkopf ist Stuttgarts heimliche Top-Adresse. An drei Parallelstraßen zwischen Wald und Weinbergen leben Kulturbürger und Industriekapitäne. Hier ist man unter sich, besser: für sich. Begegnungen finden anderswo statt. Wer an den Frauenkopf ziehen will, braucht viel Geld. Und Geduld, denn die Zahl der Grundstücke ist begrenzt.

Dabei hat alles ganz anders angefangen. Als Hermann Finsterlin 1929 an den Frauenkopf zog, lebte hier nur die Familie des Schriftsetzers und Gewerkschafters Franz Kunkel, Mitglied im SPD-Landesvorstand. Auf der Suche nach einem preisgünstigen Grundstück mit Garten zur Versorgung seiner vielköpfigen Familie hatte er sich 1910 als Erster am Frauenkopf niedergelassen. Sein Haus steht noch. Und auch das von Hermann Finsterlin. Aber nicht mehr lang. Denn preisgünstig ist hier gar nichts mehr.

Für Hermann Finsterlin bedeutete der Umzug von der geliebten Berchtesgadener Bergwelt in die württembergische Landeshauptstadt eine Qual. Aber seine Frau Helene Kratz wollte die Kinder an die Waldorfschule geben, die 1919 als erste ihrer Art an der Stuttgarter Uhlandshöhe gegründet worden war. Den Hügel am Frauenkopf, oberhalb des alten Weinbauerndorfs Rohracker, wählte Finsterlin eben wegen seiner "Abneigung gegen die Öffentlichkeit", die er später als "Kardinalfehler seines Lebens" bezeichnete.

Wer war Finsterlin?

Der Allround-Künstler, 1887 als einziger Sohn einer wohlhabenden Familie in München geboren, gilt als Architekt. Dies liegt an der Art seines Bekanntwerdens. In der revolutionären Situation nach dem Ersten Weltkrieg hatte der Architekt und Stadtplaner Bruno Taut, der damals als Vorsitzender des Ausschusses für Architektur dem Arbeitsrat für Kunst vorstand, einen Aufruf verfasst: Architekten, auch unbekannte, "ohne Rücksicht auf Lebensalter und Vorbildung", sollten ihre Ideen einsenden. Finsterlins Entwürfe, bunt, bewegt, völlig unrealisierbar, waren die radikalsten von allen.

Utopische Architektur von Finsterlin. Bild: Andrea Reisser
Utopische Architektur von Finsterlin. Bild: Andrea Reisser

Walter Gropius, Direktor des Weimarer Bauhauses, forderte Finsterlin auf, weitere Skizzen einzureichen. Finsterlin verfiel in einen "wahren Schaffensrausch". Seine Arbeiten – 100 will er geschickt haben – füllten einen der drei Räume der Ausstellung, die der Arbeitsrat aus den Einsendungen zusammenstellte. Finsterlin wurde Mitglied der "Gläsernen Kette", jener Gemeinschaft von 14 Architekten, zu denen auch Gropius, Max und Bruno Taut, Hans Scharoun sowie Hans und Wassili Luckhardt zählten. Seine an Naturformen – Pflanzen, Schnecken, Gletscher, Knochen – orientierten fantastischen Gebilde wurden zu einer maßgeblichen Anregung des organischen Bauens von Architekten wie Scharoun oder Erich Mendelsohn, dessen Kaufhaus Schocken Stuttgart bereits 1960 beseitigt hat.

Aber im eigentlichen Sinne war Finsterlin kein Architekt. Zwar hatte er bereits 1917 einen Entwurf für ein eigenes Haus skizziert, das bereits ein wenig an sein späteres Stuttgarter Domizil erinnert. Dieses entwarf dann aber Felix Kayser, ein anthroposophischer Architekt, der 1927 ein Büro in Stuttgart eröffnet und noch im selben Jahr für den Waldorfpädagogen Ernst Lehrs ein Haus an der Uhlandshöhe gebaut hatte. Finsterlins Haus war das zweite anthroposophische Wohnhaus in Stuttgart.

Das schützende Dach, an der Nord- und Ostseite tiefer herabgezogen, und die schräg gestellte Balkonbrüstung kennzeichnen die anthroposophische Architektur. Aber es ist kein durchschnittlicher anthroposophischer Bau. Finsterlin wollte ein Haus, das ihn an die Berchtesgadener Bergwelt erinnerte. Damals "inmitten von Obstgärten" gelegen, bot der Balkon an der Südwestecke einen schönen Ausblick auf die Umgebung. "Die Linienführung des Geländes findet sich in den Konturen des Daches wieder", bemerkt Felix Kayser in einer Publikation über anthroposophisches Bauen, die er 1933 selbst herausgab. Das Finsterlin-Haus, ein Domizil entstanden in enger Abstimmung zwischen Bauherr und Architekt.

Finsterlins Haus habe keinen Schutz verdient, sagen die Zuständigen

"Nach Ortstermin, Auswertung der Unterlagen und Einordnung des Objekts in die Holzhausarchitektur der 1920er-Jahre einerseits und in die anthroposophisch-organische Architektur andererseits", schreibt die Denkmalpflegerin Ulrike Plate an den Kunsthistoriker Hans-Dieter Huber, "ist das Landesamt für Denkmalpflege zu der Auffassung gelangt, dass das Gebäude die Voraussetzungen für eine Denkmaleigenschaft im Sinne des baden-württembergischen Denkmalschutzgesetzes nicht erfüllt. Überdies ist der dokumentarische Wert des Künstlerhauses mit Atelier durch bauliche Veränderungen reduziert."

Ein verblüffendes Fazit: war doch das Atelier des Künstlers 40 Jahre nach seinem Tod noch fast unverändert erhalten. Ein nicht unbeträchtlicher Teil des Künstlernachlasses befand sich im Haus. Den Garten hatte der Künstler selbst angelegt, samt einer riesigen Tanne. Sie ist jetzt gefällt, der Hügel kahl.

Der Kunsthistoriker Hans-Dieter Huber hat kein Verständnis für das Desinteresse am historischen Domizil.
Der Kunsthistoriker Hans-Dieter Huber hat kein Verständnis für das Desinteresse am historischen Domizil.

Ein anderes Haus von Felix Kayser in Hornstaad am Bodensee, das der Architekt wenig später für Getrud Ostermayer, die spätere Frau des Malers Max Ackermann erbaute, hat das Amt in seiner Zeitschrift "Denkmalpflege in Baden-Württemberg" durchaus gewürdigt. Auch anderweitig erfahren Kaysers Arbeiten einige Wertschätzung: Eine Kirschholz-Sitzgruppe, runder Tisch und vier Stühle, hat in einer Auktion kürzlich einen Preis von 18 851 Euro erzielt. Einzelne Stühle werden im Internet für 2200 Euro angeboten.

Finsterlins Enkelin Andrea Reisser, als Violinistin und Musiklehrerin keineswegs vermögend, musste sich nach dem Tod ihrer Mutter 2006 zwischen Stuttgart und dem Bodensee entscheiden. Bereits 2012, als sie das Haus zum Verkauf anbot, hat der Architekt Roland Ostertag auf den drohenden Verlust aufmerksam gemacht. Es tat sich nichts. Das Grundstück ging an die Immobilienentwickler W2 Development, die auf ihrer Website bereits zeigen, wie die geplanten "exklusiven Eigentumswohnungen" auf 1200 Quadratmeter aussehen sollen.

Hans-Dieter Huber betrachtet dies alles mit Unverständnis. Der Künstler und Kunsthistoriker, Professor an der Stuttgarter Kunstakademie, wohnt ein paar Häuser weiter und engagiert sich zugleich in der Adolf-Hölzel-Stiftung für das Wohn- und Atelierhaus des Gründervaters der Avantgarde, der ab 1905 in Stuttgart gelebt und gelehrt hat.

Hölzel zählt neben Wassily Kandinsky zu den ersten abstrakten Malern und war unter anderem Lehrer von Johannes Itten und Oskar Schlemmer, die den Kurs des Bauhauses bestimmten. Willi Baumeister, ebenfalls Hölzel-Schüler, wirkte nach dem Zweiten Weltkrieg tonangebend weit über Stuttgart hinaus. 2010 war nach dem Tod von Hölzels Enkelin ein umfangreicher Nachlass zum Vorschein gekommen: 4000 Zeichnungen, Hunderte Fotos, Pastelle, Ölgemälde, Notiz- und Skizzenbücher und anderes mehr, von dem bisher niemand gewusst hatte. "Eine Bombe", sagt Huber, "ein Jahrhundertfund."

Steht besser da: das Haus von Adolf Hölzel.
Steht besser da: das Haus von Adolf Hölzel.

Die Stiftung möchte Hölzels Wohn- und Atelierhaus als Ort der Kunst erhalten: mit Museum, Vortragsraum, Künstlerateliers und Kinderkunstschule. Die veranschlagten Kosten von 1,84 Millionen Euro soll zur Hälfte die öffentliche Hand tragen. 75 000 hat der Gemeinderat im letzten Doppelhaushalt bewilligt.

Im Haus Finsterlin befand sich ein vielleicht ebenso bedeutender Nachlass. So genau weiß das niemand, denn Finsterlins Werk ist nur in Teilen aufgearbeitet. Die Forschung hat sich bisher weitgehend auf die fantastischen Architekturentwürfe der Jahre 1919 bis 1923 beschränkt und alles andere pauschal für weniger wichtig erklärt. Dabei ist Finsterlins Werk ausgesprochen vielfältig.

Stuttgarts Kunstschätze liegen in Malibu

Es gibt plastische Arbeiten, bunte Holzspielzeuge zwischen Baugeschichte und Geometrie und eine größere Anzahl von Wandbildern. Finsterlin war ein hervorragender Porträtist, hat Gedichte verfasst und Filmszenarien entworfen und in den letzten 50 Jahren seines Lebens, die er überwiegend in Stuttgart verbrachte, sicher nicht die Hände in den Schoss gelegt. 

Die bisher umfangreichste Würdigung stammt von dem Germanisten Reinhard Döhl, der für die Staatsgalerie Stuttgart 1988 einen 414 Seiten starken Katalog verfasst hat. Der bleibt gleichwohl, wie es in einer Kapitelüberschrift heißt, eine Zwischenbilanz. Seither hat sich die Staatsgalerie mit ihrer bedeutenden Finsterlin-Sammlung noch nicht wieder beschäftigt.

Das Finsterlin-Haus in seinen besseren Zeiten. Foto: Andreas Hofmann

Finsterlin war keineswegs so isoliert, wie es nach seiner gängigen Charakterisierung als "Sonderling" erscheinen mag, und Reinhard Döhl war nicht der Einzige, der sich für den Avantgarde-Künstler interessierte. Der Philosoph Max Bense ging bei ihm ein und aus. Der Architekt Bodo Rasch, Konstrukteur der weltgrößten Schirme für die Moschee von Medina, hat Finsterlin noch zu Lebzeiten, also vor 1973, damals als Mitarbeiter Frei Ottos besucht. Rasch und Otto interessierten sich dafür, ob sich Finsterlins Entwürfe nicht doch bauen ließen.

Stuttgart hat seine größten Geister nie angemessen gewürdigt. Frei Otto erhielt nie einen öffentlichen Auftrag. Benses Lehrstuhl an der Stuttgarter Uni wurde mit dem Tag seiner Emeritierung geschlossen. Der Nachlass von Lily Hildebrandt, einer weiteren Hölzel-Schülerin, ging 1974 an die Getty-Stiftung in Malibu. Mit ihrem Mann, dem Kunsthistoriker Hans Hildebrandt, war sie eine der zentralen Figuren der Stuttgarter Avantgarde. Zahlreiche erstrangige Kunstwerke, die sie gesammelt hat, befinden sich nun in Kalifornien an der wichtigsten kunsthistorischen Forschungsstätte der Welt. Abgerissen wurde auch das Haus in Degerloch, in dem Hölzels Lieblingsschülerin Ida Kerkovius gelebt hat. Huber resümiert: "Die Geschichte Stuttgarts geht verloren."

 

Info:

Mehr zum Künstler und Architekten gibt es auf Reinhard Döhls Finsterlin-Seiten.


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Kommentare

Stuagetter, 24.03.2016 07:35
Erst die Denkmäler und Kulturgüter verfallen lassen, dann abräumen und dann die Grundstücke teuer verkaufen. Was am Frauenkopf passiert ist kein Geheimnis.

PeterPan, 23.03.2016 23:20
Die Wahrheit ist: Stuttgart ist ein Mammonkaff geworden.

Horst Ruch, 23.03.2016 11:34
....seit der Zwangs-"Unter"Gliederung des Denkmalamts in das Wirtschafstsministerium kann nicht mehr erwartet werden, als Wachstum mit Betongold auf "Teufel" komm raus. In diesem Fall jedoch -meine ich- wird nach den Prospektangaben immerhin nur eine passable Menge Beton das bald Hundertjährige Holz des Architekten Felix Kayser ersetzen, und.....(sozial) es werden mehr Familien den Hügel genießen können, als zu Finsterlins Zeiten.
Finsterlins Vermächtnis mit seinen Utopien und Zeichnungen sind allerdings gesondert zu bewahren. Das ist und bleibt die Aufgabe der Landeshauptstadt um nicht ihr Gedächtnis vollends zu verlieren.

Schwabe, 23.03.2016 09:07
Keine Denkmaleigenschaft - ein verblüffendes Fazit? Nein, ist es nicht! Die Antwort steht weiter oben im Artikel:
"Der Frauenkopf ist Stuttgarts heimliche Top-Adresse. An drei Parallelstraßen zwischen Wald und Weinbergen leben Kulturbürger und Industriekapitäne. Hier ist man unter sich, besser: für sich. Begegnungen finden anderswo statt. Wer an den Frauenkopf ziehen will, braucht viel Geld. Und Geduld, denn die Zahl der Grundstücke ist begrenzt."
Geld regiert die Welt - auch den Frauenkopf und das dazugehörige Landesamt für Denkmalpflege!

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