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Aras legt sich mit Erdogan an

Die Stuttgarter Grünen-Abgeordnete und Landtagspräsidentin Muhterem Aras hat die deutschtürkische Community aufgefordert, sich mit dem Verfassungsreferendum am 16. April kritisch auseinanderzusetzen. Von den Imamen wünscht sich die Stimmenkönigin ihrer Partei bei den Landtagswahlen 2016, dass die "in den Freitagspredigten zu einem respektvollen und fairen Umgang miteinander aufrufen und die hier geltenden Werte von Meinungs-, Presse- und Religionsfreiheit entschieden weitergeben". Sie selber verzichte derzeit auf Reisen in die Türkei, "weil ich nicht weiß, ob ich mich dort frei bewegen könnte". Zugleich müssten sich Demokraten weigern, sich zu Feinden der Türkei machen zu lassen. Aras nutzte eine Landtagsdebatte zum 60. Geburstag der EU auch zu scharfer Krtik am türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, weil der "auf das Infamste" gebaute Brücken wieder einreißen und die Gesellschaft spalten wolle. Von den Vertretern AKP-naher Institutionen erwartet die Grüne eine öffentliche Distanzierung von den "die Opfer verhöhnenden Nazivorwürfen". Im Südwesten dürfen insgesamt rund 230 000 Türken am Referendum teilnehmen – und zwar vorab: Die Wahl beginnt bereits am 27. März und endet am 9. April. (22.3.2017)

Mehr zum Thema: "Meister der Feindbilder", "Unverschämt und dumm"


Stuttgart 21: Aktionsbündnis warnt Aufsichtsrat

Drei Tage vor einer Sitzung des DB-Aufsichtsrats verlangt das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 erneut eine "faktenehrliche Bestandsaufnahme". Sollte sich der Aufsichtsrat wieder um die Auseinandersetzung drücken oder gar unbeirrt den Weiterbau beschließen, so Eisenhart von Loeper, schädige er wider besseres Wissen das Vermögen der Deutschen Bahn AG. "Das würde", erklärt der Bündnissprecher weiter, "den Tatbestand der Untreue erfüllen." Eine strafrechtliche Aufarbeitung sei die Konsequenz; darauf habe das Bündnis zuletzt am 11. März 2017 den Aufsichtsrat per Brief hingewiesen.

Ihren Appell richten die Stuttgart-21-Gegner nicht nur an den Vorsitzenden des Aufsichtsrats Utz-Hellmuth Felcht, sondern auch an den designierten Vorstandsvorsitzenden Richard Lutz. Als erstes sei "eine Bestandsaufnahme der ungelösten Probleme und hohen Risiken notwendig, die sich an den Realitäten und nicht an den Gesichtswahrungsproblemen der politisch Verantwortlichen orientiert". Von Loeper argumentiert damit, dass sich das Projekt "jenseits aller wirtschaftlichen Rationalität bewegt", und mit dem weiter offenen Brandschutz. Außerdem solle der Aufsichtsrat "endlich zur Kenntnis nehmen, dass sich die DB mit S 21 einen Dauerengpass für viel Geld baut, der den Bahnverkehr behindert und den viel beschworenen Deutschlandtakt im Südwesten irreversibel unmöglich macht". Nach der Devise "Politik beginnt mit der Kenntnisnahme der Realität" will das Aktionsbündnis den neuen Bahnchef zu Gesprächen einladen, bei denen sie ihm auch die von der Bürgerbewegung entwickelten Alternativen zum Weiterbau erläutern wollen. Deren "ernsthafte Prüfung" wünscht sich nach einer repräsentativen Umfrage von infratest dimap in Baden-Württemberg sogar eine Mehrheit der Projektbefürworter. (19.3.2017)

Mehr zum Thema: "Bahnfeinde im Bahnvorstand"


IHK will nicht mehr gegen Kakteen polemisieren

Auch ein Vergleich kann ein Erfolg sein: Vor dem Verwaltungsgericht Stuttgart akzeptierte die IHK Region Stuttgart die Feststellung, dass sie in der Vergangenheit mit Angriffen gegen die IHK-Rebellen der Kaktus-Initiative ihre Kompetenz überschritten hat. Stein des Anstoßes waren zwei IHK-Pressemitteilungen, in denen Hauptgeschäftsführer Andreas Richter gegen die Kakteen polemisiert habe, so Kaktus-Mitglied Klaus Steinke, der in der Folge Klage eingereicht hatte.

Konkret einigten sich die Streitparteien am heutigen Donnerstag, den 16. März, auf folgenden Vergleich: Die IHK Region Stuttgart erklärt, "dass ohne Beratung und Beschlussfassung durch die Vollversammlung keine weiteren öffentlichen Äußerungen der IHK und ihrer Organe über Binnenkonflikte, die keine wirtschaftspolitischen Positionen betreffen, abgegeben werden", und dass es den beiden strittigen Pressemitteilungen "an einer solchen Beratung und Beschlussfassung mangelte". Außerdem trägt die IHK trägt die Kosten des Verfahrens von 5000 Euro.

Für Steinke ist es "ein gutes Ergebnis, weil es die Transparenz innerhalb der IHK stärkt, und weil es deutlich die Frage artikuliert, was Geschäftsführer und Präsident dürfen und was nicht". Zwar wäre es, so Steinke, spannend gewesen, wenn das Gericht in einem Urteil Grundsatzregeln für die Öffentlichkeitsarbeit der IHK aufgestellt hätte. Aber er sei mit dem Vergleich zufrieden, "weil es mir in der Sache nicht darum geht, zu siegen, sondern eine Veränderung innerhalb der IHK zu bewirken". Zudem habe das Ergebnis, so hofft Steinke, auch "eine Signalwirkung auf andere IHKs".

Die Kaktus-Initiative, 2011 gegründet, kritisierte in den letzten Jahren immer wieder intransparente Wahlverfahren und die offizielle Pro-Haltung der IHK zu Stuttgart 21. (16.3.2017)

Mehr zum Thema: "Rebellen im Weinberghäusle" und "Die IHK wackelt nicht".


Afghanistan-Rückkehrer bekommt zweimonatiges Arbeitsvisum

Es ist ein kleines Wunder. Denn trotz der mannigfaltigen Unterstützung in den vergangenen Wochen, glaubten nicht viele seiner Freunde wirklich daran, dass der Zahnarzt Ahmad Shakib Pouya, der in einem französischen Krankenhaus in Herat gearbeitet hat, zurück in die Bundesrepublik kommen kann. Pouya war in seiner früheren Heimat von den Taliban bedroht, floh 2010 nach Deutschland. Hier war er einer der Hauptdarsteller in der vielbeachten Produktion der Mozart-Oper "Zaide" und hatte eine doppelte Zusage auf Festanstellung – vom Münchner Gärtnerplatztheater und der IG Metall. Dennoch wurde er zur Abschiebung vorgesehen, weshalb er am 20. Januar 2017 ausreiste. Seither machten seine Unterstützer vom im Mai 2014 gegründeten Stuttgarter Verein "Zuflucht Kultur. Entweder. Oder. Frieden." bundesweit auf sein Schicksal aufmerksam. Auch mit einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), mit der Bitte um "ein Visum und ein langfristiges Bleiberecht als wertvoller Bürger unseres Landes".

Jetzt kam die gute Nachricht. Der 33-Jährige kann für zwei Monate zurück nach Deutschland. Mitausschlaggebend dürfte ein Schreiben von Georg Podt gewesen sein, dem Intendanten des kommunalen Münchner Kinder- und Jugendtheaters "Schauburg", der Pouya in einer Neuinszenierung von Rainer Werner Fassbinders "Angst essen Seele auf" als Hauptdarsteller besetzt hat. Die Proben sollen in der kommenden Woche beginnen, Premiere wird am 22. April sein. Mitte Mai läuft das Visum aus. Pouya will gemeinsam mit dem Verein die Zeit nutzen, um das angestrebte dauerhafte Bleiberecht zu bekommen. Die Chancen stehen angesichts der 2015 eigentlich gelockerten Regelungen gar nicht so schlecht. Allerdings werden die nach den Erkenntnissen von Pro Asyl oder dem Flüchtlingsrat viel zu selten von den Behörden angewandt.


SPD-Parteitag: 93,99 Prozent für Leni Breymaier

Noch mehr wäre kitschig gewesen: Die frühere Verdi-Bezirksleiterin Leni Breymaier wurde mit 93,99 Prozent der Stimmen auf dem Parteitag in Schwäbisch Gmünd zur SPD-Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl am 24. September gekürt. Damit zieht die Südwest-SPD erstmals seit ihrer Gründung 1952 mit einer Frau und – überhaupt erst zum zweiten Mal – auch mit einer VertreterIn des linken Flügels in einen Wahlkampf für den Bundestag. Zuvor hatte die 56-Jährige einen engagierten, kreativen Wahlkampf ohne Hass, ohne Lügen und ohne Beleidigungen versprochen. Sie werde kämpfen um jedes Zehntelprozent. Als Sinnbild präsentierte sie zwei Löwen, einen roten aus dem 3D-Druck und ein Steifftier, die "uns zum Sieg führen werden".

Wie ein Popstar wurde schon bei seinem Einzug in die Halle Martin Schulz gefeiert. "Mit jedem Mann und jeder Frau steht die SPD in Baden-Württemberg hinter dir", so Breymaier, die Schulz als "den künftigen Kanzler" vorstellte. Schulz selber erklärte, die SPD wolle stärkste Partei in der Bundesrepublik werden und er selbst die nächste Bundesregierung führen: "Wir haben eine gute Chance." Inhaltlich widmete sich der künftige SPD-Bundesvorsitzende in seiner halbstündigen Rede auch dem von CDU, FDP und den Arbeitgeberverbänden kritisierten Vorschlag, im Falle einer Qualifizierung die Bezugsdauer des Arbeitslosengeld II zu verlängern. Nicht von dieser Zeit hänge die Wettbewerbsfähigkeit der Bundesrepublik Deutschland ab, sondern von Qualifizierung von Facharbeiterinnen und Facharbeitern. Deshalb müsse die Bundesagentur für Arbeit zu einer Bundesagentur für Arbeit und Qualifizierung umgebaut werden. Grundsätzlich widersprach er auch Kritikern, die "mir Sozialromantik vorwerfen". Die SPD wolle "nicht 82 Millionen Einzelschicksale in die Hand nehmen". Wer aber ins Kanzleramt der Bundesrepublik Deutschland einziehe, der müsse "im Herzen ein Gefühl für die Alltagsprobleme der Menschen haben".

Mehr zum Thema: "Leni, vidi, vici"


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Vernachlässigter Schatz: das Finsterlin-Haus am Frauenkopf. Fotos: Joachim E. Röttgers

Vernachlässigter Schatz: das Finsterlin-Haus am Frauenkopf. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 260
Kultur

Zum Abriss freigegeben

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 23.03.2016
Viel zu wenig kümmert sich Stuttgart um das Erbe seiner großen Geister der Avantgarde. Das Haus des visionären Künstler-Architekten Hermann Finsterlin am Stuttgarter Frauenkopf, ein ganz früher anthroposophischer Bau, steht vor dem Abriss.

Der Frauenkopf ist Stuttgarts heimliche Top-Adresse. An drei Parallelstraßen zwischen Wald und Weinbergen leben Kulturbürger und Industriekapitäne. Hier ist man unter sich, besser: für sich. Begegnungen finden anderswo statt. Wer an den Frauenkopf ziehen will, braucht viel Geld. Und Geduld, denn die Zahl der Grundstücke ist begrenzt.

Dabei hat alles ganz anders angefangen. Als Hermann Finsterlin 1929 an den Frauenkopf zog, lebte hier nur die Familie des Schriftsetzers und Gewerkschafters Franz Kunkel, Mitglied im SPD-Landesvorstand. Auf der Suche nach einem preisgünstigen Grundstück mit Garten zur Versorgung seiner vielköpfigen Familie hatte er sich 1910 als Erster am Frauenkopf niedergelassen. Sein Haus steht noch. Und auch das von Hermann Finsterlin. Aber nicht mehr lang. Denn preisgünstig ist hier gar nichts mehr.

Für Hermann Finsterlin bedeutete der Umzug von der geliebten Berchtesgadener Bergwelt in die württembergische Landeshauptstadt eine Qual. Aber seine Frau Helene Kratz wollte die Kinder an die Waldorfschule geben, die 1919 als erste ihrer Art an der Stuttgarter Uhlandshöhe gegründet worden war. Den Hügel am Frauenkopf, oberhalb des alten Weinbauerndorfs Rohracker, wählte Finsterlin eben wegen seiner "Abneigung gegen die Öffentlichkeit", die er später als "Kardinalfehler seines Lebens" bezeichnete.

Wer war Finsterlin?

Der Allround-Künstler, 1887 als einziger Sohn einer wohlhabenden Familie in München geboren, gilt als Architekt. Dies liegt an der Art seines Bekanntwerdens. In der revolutionären Situation nach dem Ersten Weltkrieg hatte der Architekt und Stadtplaner Bruno Taut, der damals als Vorsitzender des Ausschusses für Architektur dem Arbeitsrat für Kunst vorstand, einen Aufruf verfasst: Architekten, auch unbekannte, "ohne Rücksicht auf Lebensalter und Vorbildung", sollten ihre Ideen einsenden. Finsterlins Entwürfe, bunt, bewegt, völlig unrealisierbar, waren die radikalsten von allen.

Utopische Architektur von Finsterlin. Bild: Andrea Reisser
Utopische Architektur von Finsterlin. Bild: Andrea Reisser

Walter Gropius, Direktor des Weimarer Bauhauses, forderte Finsterlin auf, weitere Skizzen einzureichen. Finsterlin verfiel in einen "wahren Schaffensrausch". Seine Arbeiten – 100 will er geschickt haben – füllten einen der drei Räume der Ausstellung, die der Arbeitsrat aus den Einsendungen zusammenstellte. Finsterlin wurde Mitglied der "Gläsernen Kette", jener Gemeinschaft von 14 Architekten, zu denen auch Gropius, Max und Bruno Taut, Hans Scharoun sowie Hans und Wassili Luckhardt zählten. Seine an Naturformen – Pflanzen, Schnecken, Gletscher, Knochen – orientierten fantastischen Gebilde wurden zu einer maßgeblichen Anregung des organischen Bauens von Architekten wie Scharoun oder Erich Mendelsohn, dessen Kaufhaus Schocken Stuttgart bereits 1960 beseitigt hat.

Aber im eigentlichen Sinne war Finsterlin kein Architekt. Zwar hatte er bereits 1917 einen Entwurf für ein eigenes Haus skizziert, das bereits ein wenig an sein späteres Stuttgarter Domizil erinnert. Dieses entwarf dann aber Felix Kayser, ein anthroposophischer Architekt, der 1927 ein Büro in Stuttgart eröffnet und noch im selben Jahr für den Waldorfpädagogen Ernst Lehrs ein Haus an der Uhlandshöhe gebaut hatte. Finsterlins Haus war das zweite anthroposophische Wohnhaus in Stuttgart.

Das schützende Dach, an der Nord- und Ostseite tiefer herabgezogen, und die schräg gestellte Balkonbrüstung kennzeichnen die anthroposophische Architektur. Aber es ist kein durchschnittlicher anthroposophischer Bau. Finsterlin wollte ein Haus, das ihn an die Berchtesgadener Bergwelt erinnerte. Damals "inmitten von Obstgärten" gelegen, bot der Balkon an der Südwestecke einen schönen Ausblick auf die Umgebung. "Die Linienführung des Geländes findet sich in den Konturen des Daches wieder", bemerkt Felix Kayser in einer Publikation über anthroposophisches Bauen, die er 1933 selbst herausgab. Das Finsterlin-Haus, ein Domizil entstanden in enger Abstimmung zwischen Bauherr und Architekt.

Finsterlins Haus habe keinen Schutz verdient, sagen die Zuständigen

"Nach Ortstermin, Auswertung der Unterlagen und Einordnung des Objekts in die Holzhausarchitektur der 1920er-Jahre einerseits und in die anthroposophisch-organische Architektur andererseits", schreibt die Denkmalpflegerin Ulrike Plate an den Kunsthistoriker Hans-Dieter Huber, "ist das Landesamt für Denkmalpflege zu der Auffassung gelangt, dass das Gebäude die Voraussetzungen für eine Denkmaleigenschaft im Sinne des baden-württembergischen Denkmalschutzgesetzes nicht erfüllt. Überdies ist der dokumentarische Wert des Künstlerhauses mit Atelier durch bauliche Veränderungen reduziert."

Ein verblüffendes Fazit: war doch das Atelier des Künstlers 40 Jahre nach seinem Tod noch fast unverändert erhalten. Ein nicht unbeträchtlicher Teil des Künstlernachlasses befand sich im Haus. Den Garten hatte der Künstler selbst angelegt, samt einer riesigen Tanne. Sie ist jetzt gefällt, der Hügel kahl.

Der Kunsthistoriker Hans-Dieter Huber hat kein Verständnis für das Desinteresse am historischen Domizil.
Der Kunsthistoriker Hans-Dieter Huber hat kein Verständnis für das Desinteresse am historischen Domizil.

Ein anderes Haus von Felix Kayser in Hornstaad am Bodensee, das der Architekt wenig später für Getrud Ostermayer, die spätere Frau des Malers Max Ackermann erbaute, hat das Amt in seiner Zeitschrift "Denkmalpflege in Baden-Württemberg" durchaus gewürdigt. Auch anderweitig erfahren Kaysers Arbeiten einige Wertschätzung: Eine Kirschholz-Sitzgruppe, runder Tisch und vier Stühle, hat in einer Auktion kürzlich einen Preis von 18 851 Euro erzielt. Einzelne Stühle werden im Internet für 2200 Euro angeboten.

Finsterlins Enkelin Andrea Reisser, als Violinistin und Musiklehrerin keineswegs vermögend, musste sich nach dem Tod ihrer Mutter 2006 zwischen Stuttgart und dem Bodensee entscheiden. Bereits 2012, als sie das Haus zum Verkauf anbot, hat der Architekt Roland Ostertag auf den drohenden Verlust aufmerksam gemacht. Es tat sich nichts. Das Grundstück ging an die Immobilienentwickler W2 Development, die auf ihrer Website bereits zeigen, wie die geplanten "exklusiven Eigentumswohnungen" auf 1200 Quadratmeter aussehen sollen.

Hans-Dieter Huber betrachtet dies alles mit Unverständnis. Der Künstler und Kunsthistoriker, Professor an der Stuttgarter Kunstakademie, wohnt ein paar Häuser weiter und engagiert sich zugleich in der Adolf-Hölzel-Stiftung für das Wohn- und Atelierhaus des Gründervaters der Avantgarde, der ab 1905 in Stuttgart gelebt und gelehrt hat.

Hölzel zählt neben Wassily Kandinsky zu den ersten abstrakten Malern und war unter anderem Lehrer von Johannes Itten und Oskar Schlemmer, die den Kurs des Bauhauses bestimmten. Willi Baumeister, ebenfalls Hölzel-Schüler, wirkte nach dem Zweiten Weltkrieg tonangebend weit über Stuttgart hinaus. 2010 war nach dem Tod von Hölzels Enkelin ein umfangreicher Nachlass zum Vorschein gekommen: 4000 Zeichnungen, Hunderte Fotos, Pastelle, Ölgemälde, Notiz- und Skizzenbücher und anderes mehr, von dem bisher niemand gewusst hatte. "Eine Bombe", sagt Huber, "ein Jahrhundertfund."

Steht besser da: das Haus von Adolf Hölzel.
Steht besser da: das Haus von Adolf Hölzel.

Die Stiftung möchte Hölzels Wohn- und Atelierhaus als Ort der Kunst erhalten: mit Museum, Vortragsraum, Künstlerateliers und Kinderkunstschule. Die veranschlagten Kosten von 1,84 Millionen Euro soll zur Hälfte die öffentliche Hand tragen. 75 000 hat der Gemeinderat im letzten Doppelhaushalt bewilligt.

Im Haus Finsterlin befand sich ein vielleicht ebenso bedeutender Nachlass. So genau weiß das niemand, denn Finsterlins Werk ist nur in Teilen aufgearbeitet. Die Forschung hat sich bisher weitgehend auf die fantastischen Architekturentwürfe der Jahre 1919 bis 1923 beschränkt und alles andere pauschal für weniger wichtig erklärt. Dabei ist Finsterlins Werk ausgesprochen vielfältig.

Stuttgarts Kunstschätze liegen in Malibu

Es gibt plastische Arbeiten, bunte Holzspielzeuge zwischen Baugeschichte und Geometrie und eine größere Anzahl von Wandbildern. Finsterlin war ein hervorragender Porträtist, hat Gedichte verfasst und Filmszenarien entworfen und in den letzten 50 Jahren seines Lebens, die er überwiegend in Stuttgart verbrachte, sicher nicht die Hände in den Schoss gelegt. 

Die bisher umfangreichste Würdigung stammt von dem Germanisten Reinhard Döhl, der für die Staatsgalerie Stuttgart 1988 einen 414 Seiten starken Katalog verfasst hat. Der bleibt gleichwohl, wie es in einer Kapitelüberschrift heißt, eine Zwischenbilanz. Seither hat sich die Staatsgalerie mit ihrer bedeutenden Finsterlin-Sammlung noch nicht wieder beschäftigt.

Das Finsterlin-Haus in seinen besseren Zeiten. Foto: Andreas Hofmann

Finsterlin war keineswegs so isoliert, wie es nach seiner gängigen Charakterisierung als "Sonderling" erscheinen mag, und Reinhard Döhl war nicht der Einzige, der sich für den Avantgarde-Künstler interessierte. Der Philosoph Max Bense ging bei ihm ein und aus. Der Architekt Bodo Rasch, Konstrukteur der weltgrößten Schirme für die Moschee von Medina, hat Finsterlin noch zu Lebzeiten, also vor 1973, damals als Mitarbeiter Frei Ottos besucht. Rasch und Otto interessierten sich dafür, ob sich Finsterlins Entwürfe nicht doch bauen ließen.

Stuttgart hat seine größten Geister nie angemessen gewürdigt. Frei Otto erhielt nie einen öffentlichen Auftrag. Benses Lehrstuhl an der Stuttgarter Uni wurde mit dem Tag seiner Emeritierung geschlossen. Der Nachlass von Lily Hildebrandt, einer weiteren Hölzel-Schülerin, ging 1974 an die Getty-Stiftung in Malibu. Mit ihrem Mann, dem Kunsthistoriker Hans Hildebrandt, war sie eine der zentralen Figuren der Stuttgarter Avantgarde. Zahlreiche erstrangige Kunstwerke, die sie gesammelt hat, befinden sich nun in Kalifornien an der wichtigsten kunsthistorischen Forschungsstätte der Welt. Abgerissen wurde auch das Haus in Degerloch, in dem Hölzels Lieblingsschülerin Ida Kerkovius gelebt hat. Huber resümiert: "Die Geschichte Stuttgarts geht verloren."

 

Info:

Mehr zum Künstler und Architekten gibt es auf Reinhard Döhls Finsterlin-Seiten.


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Kommentare

Stuagetter, 24.03.2016 07:35
Erst die Denkmäler und Kulturgüter verfallen lassen, dann abräumen und dann die Grundstücke teuer verkaufen. Was am Frauenkopf passiert ist kein Geheimnis.

PeterPan, 23.03.2016 23:20
Die Wahrheit ist: Stuttgart ist ein Mammonkaff geworden.

Horst Ruch, 23.03.2016 11:34
....seit der Zwangs-"Unter"Gliederung des Denkmalamts in das Wirtschafstsministerium kann nicht mehr erwartet werden, als Wachstum mit Betongold auf "Teufel" komm raus. In diesem Fall jedoch -meine ich- wird nach den Prospektangaben immerhin nur eine passable Menge Beton das bald Hundertjährige Holz des Architekten Felix Kayser ersetzen, und.....(sozial) es werden mehr Familien den Hügel genießen können, als zu Finsterlins Zeiten.
Finsterlins Vermächtnis mit seinen Utopien und Zeichnungen sind allerdings gesondert zu bewahren. Das ist und bleibt die Aufgabe der Landeshauptstadt um nicht ihr Gedächtnis vollends zu verlieren.

Schwabe, 23.03.2016 09:07
Keine Denkmaleigenschaft - ein verblüffendes Fazit? Nein, ist es nicht! Die Antwort steht weiter oben im Artikel:
"Der Frauenkopf ist Stuttgarts heimliche Top-Adresse. An drei Parallelstraßen zwischen Wald und Weinbergen leben Kulturbürger und Industriekapitäne. Hier ist man unter sich, besser: für sich. Begegnungen finden anderswo statt. Wer an den Frauenkopf ziehen will, braucht viel Geld. Und Geduld, denn die Zahl der Grundstücke ist begrenzt."
Geld regiert die Welt - auch den Frauenkopf und das dazugehörige Landesamt für Denkmalpflege!

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Selbstverständlich bräuchte Stuttgart in dieser Kulturecke einen Fußgängersteg. Möglichst als breite Grünbrücke. Dies hat weder mit Sozialwohnungen, noch mit Kitas zu tun. Es ist eine andere, ebenso stadtbildende Ebene.

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....was soll man denn von politischen Karrieristen wie Kretschmann &Co eigentlich noch erwarten? Es gibt nur eine Antwort: nichts.

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