KONTEXT Extra:
Mit klassischer Musik gegen Kampfdrohnen

Mit Cello und Bratsche rücken 80 MusikerInnnen vor der US-Kommandozentrale in Stuttgart-Möhringen an. Am kommenden Montag, 29. 8., 10 Uhr, wollen sie dem "Drohnenmord den Schlussakkord" setzen. Sie sammeln sich seit 30 Jahren unter dem Namen "Lebenslaute" und finden sich überall dort ein, wo sie Menschen bedroht sehen: auf Militärübungsplätzen, Abschiebeflughäfen, vor Atomkraftwerken und Raketendepots. Ihr Konzert ist verbunden mit einer Demonstration, bei der die Organisatoren von "Ohne Rüstung Leben" 13 000 Unterschriften an einen Vertreter von Africom und Eucom übergeben wollen. Sie fordern die Schließung der Kommandozentralen. Mit der "stillschweigenden Duldung" von Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) werde hier der Einsatz von tödlichen Kampfdrohnen koordiniert, schreibt das Bündnis. (26. 8.)


Versprochen, gebrochen!

Was kommt da eigentlich noch?, fragt sich die designierte SPD-Landesvorsitzende und mit ihr die politisch interessierte Öffentlichkeit im Land. Vor vier Wochen waren die ersten Nebenabreden öffentlich geworden, die Grüne und CDU nicht in ihren Koalitionsvertrag aufgenommen hatten (Kontext berichtete). Ministerpräsident Winfried Kretschmann musste in einer Landtagsdebatte alle Register ziehen, um deren Notwendigkeit mehr schlecht als recht gerade auch vor den Regierungsfraktionen und der eigenen Klientel zu rechtfertigen. Ungenutzt ließ er die Chance, reinen Tisch zu machen, alles zu offenbaren, was er mit CDU-Landeschef Thomas Strobl ausbaldowert hat. Die Aufregung wäre groß gewesen - und doch deutlich kleiner als der Ärger, den sich die beiden jetzt eingehandelt haben. Drei Tage, sagt der Regierungschef gern, lägen zwischen "Hosianna" und "Kreuziget ihn!", was schon immer zweideutig war, weil er damit die Verantwortung für einen Niedergang auch dem Publikum zuschreibt. Jetzt tragen Kretschmann und Strobl diese ganz allein. Der Grüne allerdings deutlich schwerer als der Schwarze, weil er - siehe Persönlichkeitswerte - sehr vielen Menschen als Inbegriff der Redlichkeit galt. Mit seiner "Politik des Gehörtwerdens" war ein Transparenzversprechen verbunden, und das hat er höchstpersönlich gleich mehrfach gebrochen.


AfD kann nicht rechnen

Zu ihrer 100-Tage-Bilanz im Landtag legen die Abgeordneten der AfD-Fraktion, also jene, die dem Bundessprecher Jörg Meuthen im Antisemitismus-Streit nicht gefolgt sind, eine arg geschönte Bilanz ihrer Arbeit vor. "Seit Beginn der Legislaturperiode haben wir bereits 37 Anfragen gestellt, über die wir künftig berichten werden", heißt es in einer Pressemitteilung. Und weiter: "Das übertrifft die SPD-Fraktion bei weitem, die gerade einmal 14 Anfragen eingereicht hat, oder auch die FDP, die beide aufgrund ihrer Parlamentshistorie mit einer deutlich größeren Mannschaft im Hintergrund agieren."

Wahr ist, dass die Fraktionsgröße die Zahl der Beschäftigten bestimmt und vor allem, dass die AfD-Fraktion seit der Abspaltung der "Alternative für Baden-Württemberg" (ABW) acht Kleine Anfragen gestellt hat und die ABW seit ihrer Gründung Anfang Juli neun. Davor hatte es die noch geeinte AfD auf 34 Kleine Anfragen gebracht. SPD und FDP kommen aber auf jeweils über 70 Initiativen in ihren ersten 100 Tagen, darunter Kleine Anfragen, Große Anfragen, Anträge und Gesetzentwürfe. "Nachdem die AfD bis zur Stunde mit ihren ungeheuerlichen Mätzchen dem Parlament und seiner demokratischen Kultur nur Schaden zugefügt hat, kommt sie nun mit einer vor lauter Selbstbeweihräucherung triefenden 100-Tage-Bilanz daher, die aber noch nicht mal korrekte Rechenkünste vorweisen kann", reagiert Martin Mendler, der Fraktionssprecher der Sozialdemokraten, scharf. Der SPD würden fälschlicherweise lediglich 14 Anfragen zugeordnet, wohingegen es laut Parlamentsdokumentation des Landtags von Mai bis August in der 16. Legislaturperiode mehr als fünf Mal so viele seien.


Mit Wolfgang Dietrich naht die Rettung

Die Rettung rückt immer näher: Jetzt hat der Aufsichtsrat des Stuttgarter Fußballvereins VfB den früheren S-21-Sprecher Wolfgang Dietrich offiziell zum Präsidenten-Kandidaten erhoben. Gewählt wird er am 9. Oktober, so sich nicht irgendwelche Ultras zu einem Block zusammen rotten. Nicht so ganz schlüssig sind sich die beiden Fusionsblätter vor Ort, ob sie den 68-jährigen Streithansel gut oder schlecht finden sollen. Zum einen sei Dietrich ein "gewiefter Geschäftsmann", gar ein "Universalstratege", zum anderen ein "Polarisierer" und eine "Reizfigur", meinen die StZN, und sprechen von der "Altlast S 21". Sie mögen sich von den Parkschützern Mut zur Meinung machen lassen. Wenn das Neckarstadion unter die Erde gelegt werde, schreiben sie, könne man "oben Luxuswohnungen und Einkaufstempel" bauen.


Brigitte Lösch im Visier der AfD

Die beiden AfD-Gruppierungen im baden-württembergischen Landtag wollen ihre Spaltung nutzen, um mit einem Untersuchungsausschuss unter anderem gegen die frühere grüne Landtagsvizepräsidentin und Stuttgarter Abgeordnete Brigitte Lösch vorzugehen. Hintergrund ist ihr Engagement gegen die Bildungsplangegner der "Demo für alle" und für das Bündnis "No Pegida Stuttgart".

Gegenstand der parlamentarischen Untersuchung sollen auch die Ereignisse vom vergangenen Oktober sein, als Künstler und Beschäftigte aus Protest gegen die "Demo für alle" ein Banner mit der Aufschrift "Vielfalt" vom Dach des Großen Hauses der Württembergischen Staatstheater entrollten (Kontext berichtete). Die beiden AfD-Fraktionen verlangen Auskunft darüber "wieso das Opernhaus Stuttgart durch Gegendemonstranten besetzt werden konnte". Grundsätzlich will die "Alternative für Deutschland", die mit ihren zur Zeit zwei Fraktionen allein einen Untersuchungsausschuss beantragen kann, dem "Linksextremismus in Baden-Württemberg" nachgehen und einer möglichen Nähe zu "der gewesenen oder derzeitigen Landesregierung, Parteien, der Verwaltung, der Behörden oder dem Landtag".

Die vier demokratischen Fraktionen sehen darin einem Missbrauch der parlamentarischen Möglichkeiten. Bereits ins Auge gefasst ist eine Überprüfung des Vorgehens der Rechtsnationalisten durch den baden-württembergischen Verfassungsgerichtshof. Nach geltendem Recht kann ein Untersuchungsausschuss eingesetzt werden, wenn mindestens zwei Fraktionen oder ein Viertel aller Abgeordneten dafür sind. Er ist allerdings nur zulässig zu Sachverhalten, "deren Aufklärung im öffentlichen Interesse liegt" und wenn sie geeignet sind, "dem Landtag Grundlagen für eine Beschlussfassung im Rahmen seiner verfassungsmäßigen Zuständigkeiten zu vermitteln".

Drei vom Landtag bestellte Gutachter sahen Ende Juli auf Basis der geltenden Geschäftsordnung keinen Weg, der AfD die Bildung zweier Fraktionen zu verwehren. FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke warnte schon damals, die "Alternative für Deutschland" könnte ihren doppelten Fraktionsstatus missbrauchen. Jetzt sieht er sich bestätigt: Die AfD nutze ihre Spaltung, "um sich Vorteile zu erschleichen".

Die stellvertretende AfD-Landesvorsitzende Christina Baum, die dem Bundessprecher Jörg Meuthen im Antisemitismus-Streit um Wolfgang Gedeon nicht in die neue Fraktion gefolgt ist, bewertet das gemeinsame Vorgehen als "positives Signal für alle bürgerlichen Schichten im Land". Beide Fraktionen verhehlen auch nicht, dass der jetzt vorgelegte Antrag eine "Vorbereitung der Wiedervereinigung" (Baum) ist. Nach dieser, die für den Herbst und im Zuge einer gerade gestarteten Mediation von beiden Seiten in Aussicht gestellt wurde, könnte der Untersuchungsausschuss aber nicht mehr durchgesetzt werden.


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Samuele Pucillo lebt auf der Insel Lampedusa. Foto: Weltkino

Samuele Pucillo lebt auf der Insel Lampedusa. Foto: Weltkino

Ausgabe 257
Kultur

Reisen der Hoffnung

Von Rupert Koppold
Datum: 02.03.2016
Gianfranco Rosis Berlinale-Gewinner "Fuocoammare" schildert die Situation auf der Insel Lampedusa. Er steht in einer langen Tradition von Filmen, die sich als Anwälte der Flüchtlinge verstehen. Unser Kinoexperte über Flucht im Film.

"Wenn man heute über die Frage des Asylrechts und über die Aufnahme von Ausländern diskutiert ... so muss man sich zuallererst bewusst machen, dass die Zustimmung oder Ablehnung, sie aufzunehmen, in vielerlei Hinsicht der Macht über Leben und Tod gleichkommt." (Marc Crépon, französischer Philosoph)

***

"Wir müssen die Grenzen dichtmachen und dann die grausamen Bilder aushalten. Wir können uns nicht von Kinderaugen erpressen lassen." (Alexander Gauland, AfD-Politiker)

***

Plötzlich tauchen aus einer langen, kalten Nacht in den Schweizer Bergen die Lichter eines Luxushotels auf. Zögernd und scheu, als ob sie sich noch nicht sicher sind, ob ihnen ihre Erschöpfung nur ein Trugbild vorgaukelt, nähern sich türkische Frauen und Männer diesem Ort, der sowohl das Ende ihrer Hoffnungen als auch ihre Rettung vor dem Erfrieren bedeutet. Und es folgt einer jener raren Momente im Kino, die einem den Atem verschlagen. Durch eine große Glasscheibe hindurch sieht man einen Mann im Swimmingpool, sieht, wie er aus dem Wasser steigt, weil der versprengte Trupp illegaler Einwanderer schüchtern und verzweifelt an die Scheibe klopft, sieht, wie dieser Mann seine Schwimmbrille abnimmt, erstaunt und ratlos auf die Fremden guckt und schließlich, eher hilflos als bösartig, erklärt: "'s isch zu!"

"Reise der Hoffnung" heißt dieser Film von Xavier Koller, also so, wie alle diese Fluchtbewegungen aus unerträglichen Verhältnissen heißen könnten. Das Hoffnungslose daran aber ist: der Film stammt nicht aus dem Hier und Heute, sondern – so wie meine ihn beschreibenden Sätze – aus dem Jahr 1991. Im selben Jahr hat Theo Angelopoulos seinen Film "Der schwebende Schritt des Storches" gedreht, in dem Marcello Mastroianni als Reporter das Flüchtlingselend beobachtet. Die erste Einstellung zeigt Leichen von Menschen aus Albanien, der Türkei und Kurdistan, die in griechischen Gewässern treiben. Die Abschottung hat also böse Tradition. Xavier Kollers Schweizer Regiekollege Markus Imhoof hat deren Leitspruch 1981 im Titel eines Films, der von der Nichtaufnahme jüdischer Flüchtlinge aus Nazideutschland erzählt, lapidar zusammengefasst: "Das Boot ist voll."

Diese Aussage aber wird in verzweifelter Lage nicht mehr akzeptiert. Schon im Jahr 1991 brechen in David Wheatleys TV-Drama "Der Marsch" Flüchtlinge aus einem Lager im Sudan auf, um die Festung Europa zu stürmen. Nein, nicht mit Waffengewalt, sondern durch ihre immer weiter anwachsende Masse. Dem Spruch vom vollen Boot setzen diese Menschen ihre so einfache wie richtige Analyse entgegen: "Wir sind arm, weil ihr reich seid!" Aber dieser Marsch schien damals noch ein Was-wäre-wenn-Szenario, also eine Mahnung, es nicht so weit kommen zu lassen, sich solidarisch zu zeigen und die Verhältnisse in Armuts- und Kriegsgebieten zu verändern und zu verbessern. Inzwischen ist die Fiktion traurige Realität geworden. Denn nichts hat sich gebessert, im Gegenteil: Europa errichtet immer mehr und immer höhere Zäune. Das Kino aber ist fast immer – und immer noch! – auf der anderen Seite. Es holt Flüchtlinge aus der Anonymität der Zahlen und Statistiken heraus, es gibt ihnen individuelle Gesichter und Schicksale. Gianfranco Rosis diesjähriger Berlinale-Gewinner "Fuocoammare", der die Verhältnisse auf der Insel Lampedusa dokumentiert, steht also in einer langen und großen Tradition.

Wer flüchtet nicht alles aus Diktaturen, Gefängnissen, Lagern und Bürgerkriegen, wer flüchtet nicht alles vor Rassismus, Leibeigenschaft und Hungersnöten! In den Bibelfilmen immer wieder Moses und das jüdische Volk, die es in Ägypten nicht mehr aushalten. Der schwarze Sklave Jim und sein pfiffiger weißer Begleiter Huckleberry Finn, die sich in Mark Twains mehrfach verfilmtem Roman auf eine Floßfahrt durch ein gefährliches Amerika begeben. Die Widerstandskämpfer Ilsa Lund und Victor Laszlo alias Ingrid Bergman und Paul Henreid, die es auf der Flucht vor den Nazis nach "Casablanca" (1942) und in Rick's Café verschlägt. Sidney Poitier als gebildeter Schwarzer und Tony Curtis als zorniger Weißer in dem Thriller "Flucht in Ketten" (1958), unfreiwillig durch Handschellen aneinandergefesselt und deshalb beim Ausbruch aus einem brutalen Südstaatengefängnis aufeinander angewiesen. Oder der von Brad Pitt gespielte Bergsteiger Heinrich Harrer, der sich in "Sieben Jahre in Tibet" (1997) beim Ausbruch des Weltkriegs zuerst in das Land im Himalaja rettet und dann, beim Einmarsch der Chinesen und zusammen mit dem Dalai-Lama, aus diesem heraus.

Armut ist ein legitimer Fluchtgrund

Und ist nicht auch Leonardo DiCaprio als armer Künstler Jack Dawson ein Wirtschaftsflüchtling, der auf der Titanic in ein besseres Leben reisen will? Anders als unsere staatlichen Behörden sortiert das Kino Flüchtlinge nämlich selten ein respektive aus. Auch Armut ist hier ein legitimer Grund, sich auf den Weg zu machen. Skeptisch zeigen sich diese Filme gegenüber Schleppern und Schleusern, schildern diese oft (aber nicht immer!) als skrupellose und geldgierige Figuren. Andere Helfer jedoch, deren Aktionen in den Bereich ziviler Ungehorsam fallen, können zu Helden werden. Der ein Auge zudrückende Grenzschützer zum Beispiel; der über einen falschen Stempel hinwegsehende Polizist; der Besitzer des "Hotels Ruanda", der im mörderischen Bürgerkrieg (und in Terry Georges gleichnamigem Film von 2004) Hunderte von Tutsi und Hutu vor ihren mordgierigen Landsleuten schützt; oder eine deutsche Dolmetscherin, die in Hans-Christian Schmids Episodendrama "Lichter" (2003) an ihre Sätze heimlich Ratschläge in Sachen Asyl anhängt und schließlich einen aus dem Osten kommenden Mann im Kofferraum über die deutsche Grenze fährt.

Auch in anderen Flüchtlingsfilmen stehen einheimische Helfer im Mittelpunkt als Identifikations- und Vermittlerfiguren. Philippe Lioret zeigt in "Welcome" (2009) einen französischen Schwimmlehrer, der einen Kurdenjungen für die Überquerung des Ärmelkanals trainiert, und in Aki Kaurismäkis "Le Havre" (2011) nimmt sich ein älterer Schuhputzer eines jungen Schwarzen an, der als Flüchtling in der Hafenstadt gestrandet ist. Andere Filme dagegen wechseln die Perspektive komplett, zeigen die Flucht also ganz aus den Augen der Flüchtenden. In Phillip Noyces "Long Walk Home" (2002) wagen sich drei Aborigine-Kinder, vom rassistischen Staat ihren Familien entrissen und in ein Umerziehungsheim gesperrt, auf eine lange Wanderung durch das australische Outback; in Michael Winterbottoms ebenfalls 2002 gedrehtem Berlinale-Gewinner "In this World" schafft es ein 16-jähriger Afghane, anders als einige in einem Kühllaster erstickende Mitflüchtlinge, lebend bis nach London; in Cary Funagas "Sin Nombre" (2009) versuchen zwei junge Honduraner, ihrem gewaltverseuchten Land auf den Dächern eines in Richtung USA fahrenden Zuges zu entkommen.

Stärker als Politik und Moral

Und natürlich muss in unserer gegenwärtigen Flüchtlingsdebatte daran erinnert werden, dass früher unzählige Fluchten aus einem mörderischen Deutschland herausführten, dass Filme wie der schon erwähnte "Casablanca" und viele andere – etwa "Das siebte Kreuz" (1944), "Triumphbogen" (1948) oder "Jakobowsky und der Oberst" (1958) – darauf hofften, dass die dem Faschismus Entkommenen irgendwo Asyl fänden. Im deutschen Fernsehen freilich war schon in den späten Fünfzigerjahren nicht die Flucht aus, sondern die zurück nach Deutschland das große Thema: die ungeheuer erfolgreiche und die einheimische Seele entlastende Serie "So weit die Füße tragen" erzählt von einem Kriegsgefangenen, der aus einem sibirischen Lager ausbricht und sich in seine Heimat durchschlägt. Nein, keine Vorgeschichte über deutsche Schuld. Aber selbst wenn diese angesprochen worden wäre, hätte sich an der Identifikation des Publikums mit diesem Helden nichts geändert. Denn der Schmerz, die Mühsal, die Plage und die Strapazen, also das elementar Physische solcher Geschichten, halten diese immer in der Gegenwart, sind also stärker als die Vergangenheit und auch stärker als Politik und Moral.

Wenn aber der rettende Ort erreicht, wenn es also geschafft ist? Dann beginnen die Mühen der Integration in einem Land, das den Flüchtlingen nicht immer wohlgesinnt ist. Sogar in der Science-Fiction läuft es nicht gut, in Neill Blomkamps "District 9" (2009) hängt ein havariertes Raumschiff über Südafrika, und die wie große Käfer aussehenden Aliens werden in einem Getto interniert. In "Alamo Bay" (1985) erzählt Louis Malle von Boatpeople aus Vietnam, die von US-amerikanischen Fischern als auszumerzende Konkurrenz behandelt werden. Jacques Audiard schildert in "Dämonen und Wunder" (2015), wie drei tamilische Bürgerkriegsflüchtlinge, die sich als Familie ausgeben, in einer von Drogenbanden beherrschten Banlieue unterzugehen drohen. Und in Lars von Triers "Dogville" (2003) ist eine Frau vor Gangstern geflüchtet und in einem Kaff in den Bergen gelandet, wo sie von den Provinzlern zunächst aufgenommen, dann aber physisch und psychisch ausgebeutet wird.

Aber dieser Text soll nicht mit dem Scheitern aller Hoffnungen enden, sondern mit dem mehrfach verfilmten Beispiel einer sensationell gut verlaufenen Integration. Als seine Heimat in Flammen aufgeht, schickt ein Vater seinen kleinen Sohn Kal-El allein in die Fremde, respektive nach Amerika. Auch dies eine Reise der Hoffnung! Der Kleine landet in einem Kaff namens Smallville in Kansas, wird von einem rechtschaffenen Farmer-Ehepaar aufgenommen und erzogen, verinnerlicht westliche Werte wie kaum ein anderer, entwickelt sich überhaupt über alle Maßen prächtig und revanchiert sich schließlich für die freundliche Aufnahme, indem er immer wieder Amerika und die ganze Welt rettet. Jawohl, auch Superman war und ist ein Flüchtling!

Superflüchtling. Szene aus "Batman v Superman", dem neuesten Film um den Helden mit Fluchthintergrund. Foto: Warner Bros. Entertainment
Superflüchtling. Szene aus "Batman v Superman", dem neuesten Film um den Helden mit Fluchthintergrund. Foto: Warner Bros. Entertainment

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Ausgabe 282 / Sioux auf dem Kriegspfad / Andrea, 26.08.2016 13:09
Super Statement dass dem NOK/IOC die olympische Idee völlig abhanden gekommen ist. SIOUX Schuhe kaufen wir auch so, ohne dass diese Firma Olympiaausstatter ist, denn Qualität spricht für sich

Ausgabe 282 / Sioux auf dem Kriegspfad / Marion Aust, 26.08.2016 10:43
Viele kleine Dinge machen das Große aus, deshalb sollten wir Sioux beim Kampf unterstützen und das tun was wir Frauen eh gerne machen...... Schuhe kaufen......hab schon so schöne Grashopper entdeckt!

Ausgabe 282 / Links oder rechts? / Sascha Munk, 26.08.2016 07:55
Linke sind Optimisten, sie möchten die Welt verbessern. Rechte sind Realisten und wollen Schlimmeres verhindern...

Ausgabe 282 / Politische Luxusreisen / Dr. Dierk+Helmken, 26.08.2016 06:45
Dies ist ein Stück exzellenten Journalismus. Hier wurde die Funktion der vierten Gewalt, die Inhaber der politischen Macht zu kontrollieren und zu verbellen, wenn sie dabei sind, den Versuchungen dieser Macht zu erliegen, mustergültig...

Ausgabe 282 / Politische Luxusreisen / Argonautiker, 25.08.2016 23:24
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Ausgabe 282 / Sioux auf dem Kriegspfad / Zaininger, 25.08.2016 21:47
Dass sich da jemand derart und mit solchem wirtschaftlichen Risiko mit den Paten der fünf Ringe anlegt , hätte ich nicht gedacht. Und zu Grinse-Mann Vesper lässt sich seit seinen Zeiten als Geschäftsführer der 1990er Grünen...

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