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Ein Zeichen für Europa

Über Stuttgart wehen EU-Flaggen! Mit der Verkündung des amtlichen Endergebnisses der Volksabstimmung in Großbritainnien über den Austritt aus der EU werden auf der Villa Reitzenstein und dem Neuem Schloss in Stuttgart europäische Flaagen gehisst. Die grün-schwarze Koalition möchte damit ein Zeichen für Europa setzen. "Wir wollen unsere proeuropäische Haltung deutlich zeigen", so Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Die gehöre in Baden-Württemberg "zur Staatsräson". Als "überzeugten Europäer" treffe ihn die Entscheidung der Briten "ganz persönlich ins Mark". Europa sei in den Grundfesten erschüttert.


AfD-Fraktion schließt Gedeon vorerst nicht aus

Die Zerreißprobe in der "Alternative für Deutschland" (AfD) ist aufgeschoben. Ihr Bundesvorsitzender Jörg Meuthen, zugleich Chef der baden-württembergischen Landtagsfraktion, hatte am Dienstag jedenfalls keine erforderliche Zweidrittelmehrheit für den Ausschluss von Wolfgang Gedeon. Über die Äußerungen Gedeons, Anhänger der antisemitischen "Protokolle der Weisen von Zion", wird jetzt statt dessen ein Gutachten bei drei Fachleuten in Auftrag gegeben – von Religionswissenschaftlern ist die Rede, ein Experte soll jüdischen Glaubens sein –, um die von Meuten selbst erhobenen Antisemitismus-Vorwürfe gegen den Singener Mediziner zu überprüfen. Der lässt vorerst seine Mitgliedschaft in der Fraktion ruhen und wird im Plenarsaal auch einen neuen Platz erhalten.

Fraktionsgeschäftsführer Bernd Grimmer erklärte nach den dreistündigen Beratungen, die für einen Ausschluss notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit sei nicht klar gewesen und etwa ein Drittel der Abgeordneten nicht bereit gewesen, Meuthen zu folgen. Sie schätzten den Stellenwert von Meinungsfreiheit höher ein als den einer "politisch korrekten Ausdrucksweise". Sollte die Fraktion nach der Sommerpause und der Bewertung des Gutachtens abermals nicht bereit sein, dem von Meuthen seit Tagen vehement verlangten Antrag auf Ausschluss Gedeons zuzustimmen, bleibt der dabei, seinerseits die Fraktion verlassen zu wollen. Außerdem gibt es Gerüchte, dass eine Handvoll Abgeordneter Gedeon – im Falle seines Ausschlusses – nicht allein gehen lassen, sondern mit ihm aus der Fraktion ausscheiden wolle.

Nicht nur im Internet tobt seit Tagen eine heftige Auseinandersetzung über den künftigen Kurs der Partei, die sich zur Retterin Deutschlands ernannt hat. Meuthens Co-Vorsitzende auf Bundesebene Frauke Petry hat sich öffentlich gegen ihn gestellt, ist damit aber im Bundesvorstand isoliert. Zahlreiche Mitglieder des rechten Flügels verlangen von dem Kehler Wirtschaftsprofessor, von sich aus die AfD zu verlassen. "Die Bewegung muss sich von Volksverrätern wie Meuthen trennen", postet ein Thorsten Baeuml. Und weiter: "Linksversiffte Gutmenschen braucht die Bewegung nicht! Ein Krebsgeschwür wird auch entfernt, so lange es noch geht und Meuthen hat sich zur Selbstoperation verdonnert. Gut so!" Den Ausdruck "linksversifft" hatte Meuthen selbst vor Wochen benutzt, ihn allerdings auf die ganze Bundesrepublik bezogen.


S 21: BUND verlangt "Öffnung in Richtung Kombi-Lösung"

Der BUND Baden-Württemberg hat am Montag ein Positionspapier zu Stuttgart 21 vorgelegt, um "konstruktive Lösungen aus der Sackgasse" aufzuzeigen. Im Mittelpunkt steht der "Einstieg in eine Kombi-Lösung". Wie die Landesvorsitzende Brigitte Dahlbender erläutert, könnten damit "einerseits die Kosten und Risiken von Stuttgart 21 deutlich gesenkt und andererseits finanzielle Spielräume zur Realisierung eines tatsächlich zukunftsfähigen Bahnknotenpunkts gewonnen werden". Außerdem sieht das Konzept vor, auf den unterirdischen Flughafenbahnhof zu verzichten und stattdessen einen oberirdischen Halt beim Messeparkhaus zu errichten. Zudem soll die Gäubahn über die bestehende Panoramabahn oberirdisch in den Hauptbahnhof geführt werden und "die Zuführungsstrecken zum Hauptbahnhof und die Wendlinger Kurve sollen leistungsfähig ausgebaut werden".

Dahlbender, die für die Tiefbahnhofgegner 2010 in der Schlichtung saß, nennt S 21 ein "auch heute noch in ganz wesentlichen Teilen weder vollständig geplantes noch vollständig genehmigtes Projekt". Es gebe weiterhin keine qualifizierten Aussagen zu Kosten und zum Zeitablauf. Für die SPD-Politikerin und Ulmer Gemeinderätin steht fest, dass deutlich mehr als acht Bahnsteiggleise unverzichtbar sind für einen Großknoten Stuttgart und eine Entmischung der S-Bahn, des Regional- und des Fernverkehrs. Eine nachhaltige Mobilitätswende müsse sich an den Wünschen der Bahnkunden und der tatsächlichen Verkehrsströme orientieren, "und das bedeutet einen Einstieg in die Diskussion einer Kombi-Lösung".

Mehr dazu unter diesem Link.


Jetzt offiziell: Kefer geht späestens im Herbst 2017

Von einem "Eingeständnis des Scheiterns" sprechen die Parkschützer, von "großem Respekt und Wertschätzung" der Aufsichtsratsvorsitzende der DB Utz-Hellmuth Felcht. Auf jeden Fall wirft der für Stuttgart 21 zuständige Bahnvorstand Volker Kefer das Handtuch. Er stehe für eine Verlängerung seines im September 2017 auslaufenden Vertrags nicht zur Verfügung, teilte er dem Aufsichtsrat am Mittwochvormittag mit. Möglicherweise wird er, wenn seine Nachfolge geregelt ist, den Konzern aber schon deutlich früher verlassen. Hier werde kein "Bauer geopfert", so der Sprecher der Parkschützer Matthias von Herrmann. Vielmehr nehme sich ein "allzu stolzer Turm selbst aus dem Spiel": Der für Stuttgart 21 verantwortliche oberste Bahnmanager ziehe "nun offenbar seine persönliche Notbremse vor dem sicheren Aufprall auf dem Prellbock eines baulich, finanziell und kommunikativ völlig unkontrolliert taumelnden Projekts". Kefer ist seit 2009 bei der Deutschen Bahn und galt lange Zeit als möglicher Nachfolger von Bahnchef Rüdiger Grube, dessen Stellvertreter er auch ist. Kritisiert wird intern vor allem, dass der frühere Siemens-Vorstand den Aufsichtsrat zu spät über die Kostenexplosionen und die immer neuen Risiken bei Stuttgart 21 informiert hat.

Insider in Berlin sehen auch Grube selber nicht mehr sicher im Sattel, weil der nicht nur das nach seinen vielzitierten Worten "bestgerechnete" Milliardenprojekt nie wirklich in den Griff bekommen hat. Matthias von Herrmann erinnert an des marode, dringend sanierungsbedürftige Schienennetz und daran, dass trotz der groß angekündigten fernverkehrsoffensive nicht einmal mehr 78 Prozent der Züge pünktlich fahren: "Wir brauchen endlich wieder eine gute zuverlässige Bahn statt Tunnelwahn." Zum Vergleich: In der Schweiz treffen knapp 97 Prozent der Züge pünktlich im Bahnhof ein. (15.6.2017)


Hermann kritisiert S-21-Befürworter scharf

Der grüne Verkehrsminister Winne Hermann wirft den Befürworter von Stuttgart 21 "in der Politik und bei der Bahn" vor, jahrelang die Kosten heruntergerechnet und die Risiken des Milliardenprojekts nicht ernst genommen zu haben. Jetzt zeige sich immer mehr, wie richtig die Kritiker gelegen hätten. Als Beispiel nennt der S-21-Gegner seit Mitte der Neunziger im Interview mit dem Bayerischen Rundfunk den Tunnelbau. Zehn Jahre sei über die Schwierigkeiten in dem Gestein diskutiert worden, das die Bahn aktuell für einen Teil der Kostensteigerungen verantwortlich mache.

Der DB wirft er zudem vor, die Glaubwürdigkeit zu "zerstören", wenn an die Landesregierung "kurz vor der Veröffentlichung dieser neuen Dinge beruhigende fünf Zeilen" geschickt würden, dass letztendlich alles in Ordnung sei. "Und dann liest man einen Tag später, es wird wieder teurer, und es wird wieder später", so Hermann weiter. Das mache misstrauisch. Einem Ausstieg erteilt er dennoch eine Absage: Die Bevölkerung habe "keinen Ausstieg beschlossen", und seitdem sei es für jeden in der Regierung Pflicht, das Projekt zu begleiten und zu befördern.


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Ausgabe 241
Kultur

Suche nach der Wahrheit

Von Wolfgang Schorlau
Datum: 11.11.2015
Keinen interessiere die Wahrheit im NSU-Komplex. Das schleudert Harry Nopper, Vizepräsident des Thüringer Verfassungsschutzes, dem Krimihelden Dengler verächtlich entgegen: "Schreib doch ein Buch." Wolfgang Schorlau hat's getan. Am Donnerstag kommt "Die schützende Hand" in die Buchhandlungen. Wir drucken vorab das Kapitel "Harry Nopper".

Unermüdlich hat Georg Dengler ermittelt und sich durch Akten gewühlt. Nun will er den verantwortlichen Verfassungsschützer Harry Nopper mit seinen Ergebnissen konfrontieren. Am Mittag setzte sich Dengler in seinem Büro an den Schreibtisch und schrieb den Bericht für den unbekannten Auftraggeber. Er schrieb, dass Mundlos und Böhnhardt außerhalb des Wohnmobils, in dem man die Leichen gefunden hatte, vermutlich am Morgen des 4. November 2011, oder am Tag davor, erschossen worden waren. Aller Wahrscheinlichkeit nach waren die beiden Körper, nachdem man sie an anderer Stelle erschossen hatte, in den Camper gelegt worden. Der oder die Täter oder deren Verbündete parkten den Camper in Stregda.

Klar ist, dass das Wohnmobil von Dritten angezündet worden sein muss. Die Indizien weisen darauf hin, dass die Auslösung des Brandes etwa so verlief:

  • Der oder die Täter öffneten Gashähne in dem Camper und legten einen Revolver auf diese geöffneten Gashähne des Herds. Das Campinggas trat aus und füllte allmählich von unten nach oben den Innenraum des Wohnmobils. Nach einiger Zeit befand sich dann in Höhe des Herdes in der Mitte des Campers ein zündfähiges Luft-Gas-Gemisch, das mindestens vom Tisch bis unter die Decke reichte.
  • Als die Streifenwagenbesatzung das Wohnmobil entdeckte, setzten der oder die Täter den Camper durch Fernzündung des Gases von außen in Brand. Um die Zündung des Gases rechtzeitig auslösen zu können, müssen sie in der Nähe gewartet und dann beobachtet haben, wie die beiden Streifenpolizisten sich dem Wohnwagen näherten. 
  • In dem Wohnmobil, auf dem Boden unter dem Tisch, befand sich ein Ladegerät, das einen funktionsfähigen Kompressor enthielt. An dem Ladegerät waren diverse elektronische Bauteile und Geräte angeschlossen, die auf dem Camper-Tisch lagen. Unter diesen Geräten befand sich auch ein altmodischer monochromer Röhrenmonitor. Über eine einfache Fernsteuerung und mehrere kleine Empfänger, wie es sie in vielen Elektronikmärkten zu kaufen gibt, konnten diese Geräte im Camper von außen in Betrieb genommen werden. 
  • Die plötzlich freigesetzte Energie beim Anspringen des Kompressors, beim Anschalten des Röhrenmonitors oder eines anderen dieser elektrischen Geräte reichte durchaus aus, ein zündfähiges Gas-Luft-Gemisch aus Campinggas zu entzünden. Zur Optimierung hatte man möglicherweise noch zwei, drei mit Gas gefüllte, vorher präparierte Luftballons an den gewünschten Zündstellen nahe der geplanten elektronischen Zünder platziert. Die Luftballons platzten nach den Zündungen mit lauten Knallen, und das frei werdende Gas brannte äußerst schnell ab. Weiteres Gas im Wohnmobil entzündete sich ebenfalls sofort. Das Wohnmobil enthielt viele leicht brennbare Stoffe. Ein rasches Abbrennen des Campers war somit garantiert.

Die eintreffende Polizei zerstörte den Tatort und erfand die im Grunde leicht zu widerlegende Geschichte von Schüssen auf die Polizisten, Mord, Brandstiftung und Selbstmord. Den Tatzeitpunkt, die beiden aufgefundenen Patronenhülsen, das Fehlen von Blut und Gehirnmasse im Camper, keine Rauchgase in der Lunge und kein CO-Hb im Blut von Mundlos führte er als Beweise an. Dengler beschrieb die Szene, als Stenzel den Camper betrat, und führte aus, dass Stenzel die Waffe der in Heilbronn erschossenen bzw. angeschossenen Polizisten Michèle Kiesewetter und Martin A. möglicherweise nach Betreten des Campers selbst dort deponiert hatte. Dass Stenzel kurze Zeit später in einem Camper voller Waffen sofort und zielgerichtet gerade diese griff, schien zu zufällig. Dies könnte man aber erst beweisen, wenn man die Fotos der Feuerwehr finden würde, die gemacht worden waren, bevor Stenzel auf der Bildfläche erschienen war, die dieser zudem beschlagnahmt hatte und die seither verschwunden waren. Was Dengler vorlag, waren Fotos, die Stunden später aufgenommen worden waren.

Die falschen Ermittlungsergebnisse seien durch hohe Beamte des BKA in den Bundestag und durch die Presse in die Öffentlichkeit transportiert worden und hielten sich mit einer so außerordentlichen Hartnäckigkeit, dass sie kaum noch durch Tatsachen aus der Welt zu bringen seien. Grund dafür sei nicht zuletzt, dass durch den angeblichen Selbstmord der beiden Neonazis die Polizei behaupten könne, die Mordserie an neun migrantischen Mitbürgern, der Anschlag in der Kölner Keupstraße sowie der Mord und Mordversuch an den Polizisten in Heilbronn seien nun aufgeklärt. Davon könne man jedoch auf keinen Fall ausgehen. Dengler wies darauf hin, dass im Fall Keupstraße beispielsweise die von Tufan Basher gemachten Beobachtungen, dass zwei bewaffnete Zivilisten am Tatort in Köln gewesen seien (die übrigens in der Notsituation ebenfalls weder Erste Hilfe geleistet noch den Notarzt gerufen hätten), nie von den Ermittlungsbehörden verfolgt worden seien. Gleiches gelte im Mordfall in Kassel für die erwiesene Anwesenheit des Mitarbeiters des hessischen Verfassungsschutzes, Andreas Temme, zum Zeitpunkt der Ermordung des Internetcafé-Besitzers.

Punkt.

Und jetzt?

Er würde den Bericht vorläufig noch nicht abschicken. Eine Frage musste er noch klären.

Was war mit Nopper?

Den Nopper werd ich einbuchten wegen dieser Sauerei, so hatte der Feuerwehrmann Stenzel sagen hören.

Wenn er noch Polizist wäre, würde er Nopper vorladen und vernehmen. Als Privatermittler konnte er niemanden vorladen. Doch vernehmen konnte er ihn schon. Dengler buchte im Internet für den nächsten Tag eine Fahrkarte nach Erfurt. Dann nahm er den Schlüssel für den Panzerschrank aus der Schublade seines Schreibtisches. Er öffnete ihn und nahm die Smith & Wesson heraus.

Sie funktionierte einwandfrei.

*

Olga hatte er erzählt, er habe einen kleineren Überwachungsauftrag und werde ein oder zwei Tage unterwegs sein. Eine Notlüge, die er damit rechtfertigte, dass er sie nicht beunruhigen wollte. Sie hatte ihn geküsst und ihm Erfolg gewünscht.

Autor Wolfgang Schorlau am NSU-Tatort auf der Heilbronner Theresienwiese. Fotos: Joachim E. Röttgers
Autor Wolfgang Schorlau am NSU-Tatort auf der Heilbronner Theresienwiese. Fotos: Joachim E. Röttgers

Dengler war immer ein guter Vernehmer gewesen. Er hatte das "Verhaltens-Analyse-Interview" gut beherrscht, angefangen mit etwas Small Talk, den man nutzte, um das Verhaltensmuster des Gegenübers kennenzulernen. Ist die Person sicher oder unsicher, spricht sie laut oder leise? Hochdeutsch oder Dialekt? Lange oder kurze Sätze? Wippt er oder sie mit dem Fuß, wenn es schwierig wird? Oder kratzt er sich am Kopf? Reibt er sich die Nase? Dann, wenn er ein sicheres Gefühl für sein Gegenüber hatte, schaltete er um, setzte den Verdächtigen unter Stress: Die Beweise sind eindeutig usw.

Bei Nopper würde er keine Zeit für Small Talk haben. Er würde ihn sofort mit den Ergebnissen seiner Ermittlungen konfrontieren, direkt und hart. Er würde sehen, wie Nopper reagierte. Er würde mit seinem Smartphone das Gespräch mitschneiden. Wenn es lief, wie er sich das vorstellte, würde er die Datei dem BKA geben. Oder der Presse. Man würde sehen.

Das Überrumpelungsmoment war entscheidend.

Möglicherweise die wichtigste Vernehmung seines Lebens. 

Als er mit dem ICE in Erfurt ankam, kaufte er sich am Bahnhof einen Stadtplan und ließ sich dann mit einem Taxi in die Nähe von Noppers Wohnung fahren. In der Straße gab es kein Café und keinen Park, nicht einmal eine Parkbank, auf die er sich setzen konnte, um die Wohnung zunächst einmal zu beobachten. Er verhielt sich wie ein Tourist, der sich in diese Gegend verirrt hatte, sah ab und zu auf den Stadtplan, betrachtete die Häuser und achtete darauf, dass er nicht zu oft durch Noppers Straße ging. Er wiederholte in Gedanken die Tatsachen, die Beweise, verbesserte die Fragen, die er Nopper stellen würde, er überprüfte, dass das Smartphone aufgeladen war. 

Dann war es so weit. Kurz vor 19 Uhr, es wurde bereits dunkel, sah er Licht in Noppers Wohnung. Dengler atmete noch einmal kräftig ein und aus. Er nutzte den kurzen Moment, als eine junge Geschäftsfrau die Haustür aufschloss und eilig im Innern verschwand, um ins Treppenhaus zu gelangen. Er ging die hölzernen Treppen hinauf in den dritten Stock. Ein Namensschild war nicht an der Wohnung. Hinter der Milchglasscheibe der Wohnungstür schimmerte Licht.

Dengler klingelte. 

Er hörte Schritte, ein Schlüssel wurde im Schloss gedreht, die Tür ein Stück weit geöffnet. Dann standen sie sich gegenüber. Noppers Gesicht war dicker geworden, vielleicht lag es auch nur an dem merkwürdigen Vollbart, den er jetzt trug. Aus der Nase wuchsen einige Haarbüschel, und über die Nasenspitze zogen sich einige blau-rote Äderchen.

Ein Trinker. 

Die Augen hellblau und wässrig. Nopper starrte ihn an. Dengler wusste, dass Nopper in diesem Augenblick überlegte, woher er den Mann kannte, der vor seiner Tür stand.

"Dengler. Georg Dengler. Früher einmal Bundeskriminalamt", sagte er.

Auf Noppers Gesicht dämmerte langsames Erkennen.

"Was wollen Sie von mir?"

"Ich möchte mit Ihnen reden. Über Stregda."

Die wässrig blauen Augen fixierten Dengler etwas fester. "Stregda", sagte Nopper. Er schien zu überlegen. Dann sah er Dengler noch einmal kurz an, drehte sich zur Seite. "Kommen Sie herein." 

Dengler trat in den Flur. Nopper schloss die Tür hinter ihm und ging vor ihm in ein größeres Zimmer, ein Wohnzimmer. Auf einem großen Flachbildschirm lief ein Nachrichtenkanal, Männer warfen Böller in eine Reihe von Bereitschaftspolizisten, Blaulicht kreiste in der Dunkelheit, eine brennende Fackel flog auf eine Flüchtlingsunterkunft. Nopper nahm die Fernbedienung vom Tisch und schaltete den Fernseher aus. Dengler sah sich um. Ein gemütliches deutsches Wohnzimmer. Eine Couch, ein Sessel, mit dunklem Stoff bezogen, auf dem Couchtisch stand eine Flasche Rotwein, ein Glas stand auf dem Boden neben der Couch, an der langen Seitenwand ein ebenfalls dunkler Holzschrank, dunkelroter Teppichboden. Keine Fotos, weder an den Wänden noch auf dem Schrank. Keine Anzeichen dafür, dass noch jemand hier wohnte. Keine Spuren von einer Frau. Nopper wohnte offenbar alleine. Merkwürdigerweise gab das Dengler ein beruhigendes Gefühl von Überlegenheit.

"Setzen Sie sich", sagte Nopper und wies auf den Sessel. "Ein Glas Rotwein?"

Dengler schüttelte den Kopf. Er griff in die Jacketttasche und schaltete mit einem kurzen Griff die Aufnahmefunktion des Smartphones ein. Nopper ließ sich auf die Couch fallen, griff nach dem Weinglas, trank einen Schluck. "Ich frage jetzt nicht, wie Sie meine Wohnung gefunden haben. Ich frage Sie, was Sie von mir wollen." 

Er streckte die Beine aus, und seine wässerigen Augen sahen aufmerksam zu Dengler hinüber.

Dengler sagte: "Sie haben am Morgen des 4. November 2011 zwei Neonazis in Eisenach-Stregda erschossen oder erschießen lassen. Sie verbrachten die beiden Leichen in ein Fiat-Wohnmobil mit dem Kennzeichen ..." 

Dengler redete fast eine Viertelstunde.

Nopper unterbrach ihn nicht. Er starrte ihn nur mit diesen wässerigen Augen an. 

Als Dengler zu Ende war, sagte Nopper zunächst nichts. Stattdessen griff er nach dem Rotweinglas, trank einen Schluck, schloss die Augen und stellte das Glas auf den Boden zurück.

"Die Beweise, über die ich verfüge, sind eindeutig. Und letzten Endes weisen sie alle in Ihren Verantwortungsbereich, auch wenn Stenzel versucht hat, hinter Ihnen aufzuräumen. Sie sind verantwortlich. Sie werden belastet", sagte Dengler.

Nopper stöhnte leicht. Dann beugte er sich vor.

"Dengler", sagte er. "Du bist immer noch das gleiche Arschloch wie früher. Immer noch auf der Suche nach der Wahrheit. Nach all den Jahren. Wie früher. Du hast nichts gelernt."

Er stand auf und kam auf ihn zu. Dengler griff in den Hosenbund nach dem Kolben der Smith & Wesson. Doch Nopper blieb weit genug vor ihm stehen. 

"Idiot. Du glaubst immer noch, die Wahrheit würde irgendjemanden interessieren."

"Sie geben also zu ...?"

"Selbst wenn du recht haben solltest, hast du nichts begriffen. Geh mit deinen Scheiß-Erkenntnissen zum "Spiegel" oder zum "Stern" oder sonst wohin. Schreib doch ein Buch. Es wird niemanden interessieren. Die Wahrheit ist das Letzte, was hier irgendjemand hören will. Du hast keine Ahnung, in welchem Land du lebst. Das habe ich versucht, dir vor ein paar Jahrzehnten schon einmal klarzumachen. Doch du bist zu bescheuert, um zu kapieren, wie die Dinge wirklich laufen." 

"Wie laufen sie wirklich?" 

"Du erzählst mir Geschichten aus 2011. Das ist ewig her. Wir sind jetzt an einem völlig anderen Punkt. Und jetzt raus." 

"Wie war es denn 2011 – nach Ihrer Version?" 

"Dengler, verschwinde aus meiner Wohnung. Und pass auf, dass es dir nicht so geht wie deinem Freund Marius Brauer." 

"Marius?"

Plötzlich verschwamm alles vor Georg Dengler. Er sah Nopper unscharf, das Glas auf dem Teppich doppelt, der Raum fing an zu schwanken. Er stand auf, stützte sich mit einer Hand auf der Armlehne des Sessels ab, mit der anderen zog er das Telefon aus der Hosentasche. Er wandte sich um, stützte sich mit der freien Hand auf die Tischplatte, spürte, wie die Knie nachgaben, mit der anderen Hand stoppte er die Aufnahmefunktion des Geräts, wandte sich zur Tür und stürzte hinaus in den Flur. Übelkeit stieg in ihm auf. Und Angst. Wo hatte er Marius' Telefonnummer? Anrufliste! Richtig, auf der Anrufliste musste er Marius' Telefonnummer finden. Er riss die Tür zum Treppenhaus auf, taumelte hinaus, in der linken Hand das Telefon. Mit der rechten Hand hielt er sich am Geländer fest, dann rannte er, zwei Stufen auf einmal nehmend, nach unten, riss die Haustür auf, stand endlich im Freien, fand die verfluchte Anrufliste, wischte mit dem Daumen auf dem Bildschirm, bis er Marius' Nummer sah, und drückte sie. Oben am erleuchteten Fenster sah er die wuchtige Gestalt Harry Noppers stehen, der zu ihm hinuntersah, auch er ein Handy am Ohr.

 


Aus:

Wolfgang Schorlau "Die schützende Hand". Copyright 2015 by Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln. 384 Seiten, Klappenbroschur, 14,99 Euro.


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Kommentare

Blender, 07.01.2016 10:54
Ein spannendes Buch, gut recherchierte bekannte Fakten in eine schlüssige Geschichte gebracht. Für alle die an der Validität von Leser-Bestellerlisten zweifeln, dieses Buch ist definitiv ein angenehmer Zeitvertreib, unbedingt lesenswert. Ich habe es verschlungen.

Schwabe, 15.11.2015 10:42
Ich werde das Buch mehrfach kaufen, denn ich halte es für ein geniales Geschenk - Unterhaltung/Spannung pur, mit gleichzeitig aktuellem politischen Bezug (auch für politisch noch Uninteressierte). Vielen Dank dafür Wolfgang Schorlau.
Gleichzeitig finde ich es traurig, dass kein Journalist/keine Redaktion im Stande ist sich des Themas anzunehmen und ernsthaft in eine Richtung recherchiert wird, die eine eventuelle Verstrickungen des Staates (Verfassungsschutz, BND, Polizei, Politik, etc.) in den Fall Kiesewetter und andere Schwerverbrechen in Betracht zieht. So ganz nach dem (m.E. zu einfachen) Motto, dass "nicht sein kann, was nicht sein darf"!
Schade das diese Rolle ein Krimi-Roman übernehmen muss. Aber immerhin besser wie nichts und in der heutigen Zeit vielleicht auch "gesünder" - oder?!

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