KONTEXT Extra:
Jetzt doch ein Koalitionsausschuss zu Afghanistan

Vor Weihnachten hatten Grünen und CDU eine inhaltliche Aussprache über die Abschiebepraxis nach Afghanistan vermieden. Stattdessen wurde im Koalitionsausschuss vor allem darüber diskutiert, ob Grünen-Landeschef Oliver Hildenbrand es "schäbig" nennen darf, wenn sein CDU-Pendant, Innenminister Thomas Strobl, auch alte oder kranke Menschen abschieben will. Zur bisher einzigen Sammelabschiebung wurde ein Mann sogar aus einer Psychiatrischen Klinik geholt, dann allerdings doch nicht ins Flugzeug nach Kabul gesetzt.

Am kommenden Dienstag werden dieser und andere Fälle sowie die grundsätzliche Vorgehensweise im Koalitionsausschuss diskutiert. Die Grünen, die die Debatte durchgesetzt haben, erinnern an die geltenden Leitlinien des Landes zu Abschiebungen und Rückführungen, nach denen eine Einzelfallprüfung ohnehin zwingend ist. Bisher hatte sich Strobl gegen eine inhaltliche Behandlung der von ihm mitinitiierten verschärften Abschiebepraxis im Koalitionsausschuss ausgesprochen. Die Grünen gehen davon aus, dass die Leitlinien und damit die Einzelfallprüfung bestätigt werden.

Auf dem Tisch liegt auch ein Papier der sogenannten G-Länder, also aller Koalitionen, an denen Grüne beteiligt sind. Diesem zufolge muss gewährleistet sein, "dass Ausreisepflichtige keinen Schaden an Leben und Gesundheit nehmen". Die Regierungspartner in Baden-Württemberg, Berlin, Bremen, Hamburg, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen "betonen eine Reihe von Grundlinien und Anforderungen bezüglich Rückführungen nach Afghanistan". Sie fordern die Bundesregierung aber auch auf, die Sicherheitslage in Afghanistan "erneut zu überprüfen". (14.1.2017)


Ein zweites Raumwunder für Geflüchtete

Engagement kann sich lohnen. Im September hatte Kontext über die Initiative der Künstlerin Martina Geiger-Gerlach berichtet, eine Wohnung in einem zum Abriss vorgesehenen Haus im Stuttgarter Stadtteil Steckfeld monatsweise Flüchtlingen zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig finden dort immer Ausstellungen statt, die Nachbarn und Interessierten Gelegenheit geben, Künstlern und Geflüchteten zwanglos zu begegnen. Nun hat der Vermieter, das katholische Siedlungswerk, der Künstlerin eine zweite Wohnung im selben Haus als Lernwohnung zur Verfügung gestellt, damit Geflüchtete, die im Trubel ihrer Unterkunft nicht zur Ruhe kommen, eine Rückzugsmöglichkeit finden. Zudem bleibt das Haus länger stehen: voraussichtlich zwei Jahre. Dem Siedlungswerk gefällt das Projekt so gut, dass Martina Geiger-Gerlach gefragt wurde, ob sie sich vorstellen könnte, im Quartiersraum des Neubauareals an Stelle des früheren Olgahospitals eine Aufgabe zu übernehmen. Und: Ihr Wohnungs-Projekt ist für den Stuttgarter Bürgerpreis der Bürgerstiftung vorgeschlagen worden. Am 20. Januar um 19 Uhr eröffnet in der Karlshofstraße 42 in Steckfeld die nächste Ausstellung mit Gemälden von Ivan Zozulya und dem DJ Roman Levin. Am 31. Januar wird die Entscheidung zum Bürgerpreis bekannt gegeben. Jeder kann mit abstimmen!


Der Gewitterwanderer im Glück

Mitte November hatte der 33-jährige Göppinger Schriftsteller Kai Bleifuß noch geschimpft wie ein Rohrspatz. Der promovierte Goethe-Experte rackert sich seit Jahren mit Schreiben ab. Fabrizierte zuletzt einen Roman über den Dichterfürsten und wie der so wäre, würde er in unserer Zeit leben. "Goethes Mörder" heißt das gute Stück. Gutes Zeug. Guter Mann. Das weiß auch Bleifuß selbst. Kontext gegenüber machte er keinen Hehl daraus, dass er sich selbst für einen ziemlich duften Typen hält. Doch bislang schlug ihm seitens des ganzen "Literaturzirkus" und der Verlage kalter Wind entgegen. Niemand wolle mehr ein Risiko eingehen. Literatur würde immer mehr unter ökonomischen Abwägungen betrachtet, konstatierte der resolute Literaturnerd. "Schreiben ist das Idiotischste, was man machen kann. Nicht schreiben aber auch."

Ein Bleifuß lässt sich aber nicht unterkriegen – und jetzt hat es gerappelt im Karton: Am vergangenen Sonntag sackte der Göppinger für seinen Text "Fünf Variationen auf das Unsagbare" den Autorenpreis "Irseer Pegasus 2017" ein. 150 Schriftsteller aus dem ganzen Land hatten sich mit ihren Werken beworben, doch Bleifuß hat den mit 2000 Euro dotierten Preis gewonnen. Neben ihm auf dem Siegertreppchen der Preisverleihung im Kloster Irsee im Allgäu strahlte David Krause aus Kerpen.

"Der glücklose Autor hatte endlich einmal Glück!", schrieb Goethe-Glücksbärchen Bleifuß voller Freude an Kontext, mit der Bitte unseren LeserInnen mitzuteilen, dass man am 27.1. ab 21:05 Uhr im BR2 sein Hörspiel "Pinball" senden werde. Machen wir doch gerne. (11.1.2017) 


Abstand halten von den Volksverrätern

Aus 594 Wörtern haben die Sprachwissenschaftler um die Darmstädter Professorin Nina Janich das Unwort des Jahres 2016 ausgesucht: "Volksverräter". Aus dem Erbe der NS-Diktatur werde das Wort von Pegida, AfD und anderen Rechtsaußen verwendet, um PolitikerInnen  zu diffamieren. Mit der Folge, dass das "ernsthafte Gespräch" und notwendige Diskussionen in der Gesellschaft abgewürgt würden, begründet die Jury. Auf den weiteren Plätzen folgen "postfaktisch", "Populismus", "Gutmensch" sowie eine "Armlänge Abstand". Mit in der fünfköpfigen Jury saß auch Kontext-Autor Stephan Hebel. (10.1.2016)


Sichere Herkunftsstaaten: Kretschmann schon lange für längere Liste

Winfried Kretschmann hat sich mit jüngsten Äußerungen zur Einstufung von Marokko, Tunesien und Algerien als sichere Herkunftsländer derart in die Nesseln gesetzt, dass sich sein Staatsministerium zu einer "Klarstellung" aufgerufen sah. Tatsächlich handelt es sich um einen durchsichtigen Versuch der Schadensbegrenzung. Der grüne Regierungschef hatte auf Anfrage der "Rheinischen Post" in einer Stellungnahme zur aktuellen Sicherheitsdebatte erklärt: "Die kriminelle Energie, die von Gruppierungen junger Männer aus diesen Staaten ausgeht, ist bedenklich und muss mit aller Konsequenz bekämpft werden." Zugleich sprach er sich für die Aufnahme der drei Maghreb-Staaten auf die Liste sicherer Herkunftsländer aus: "Baden-Württemberg wird der Ausweitung zustimmen, sofern die Bundesregierung das Ansinnen in den Bundesrat einbringt."

Die Wirkung beider Sätze im Zusammenhang sind ihm und "meinen Leut", wie er seine engsten Mitarbeiter gern nennt, offenbar entgangen. Jedenfalls stellte "das Staatsministerium klar, dass die signalisierte Zustimmung weder aus aktuellem Anlass beschlossen wurde, noch ihre Begründung in der Gewaltbereitschaft mancher Gruppen junger Männer aus diesen Ländern hat". Vielmehr sei die Entscheidung "schon im Frühsommer 2016 nach einem langen Abwägungsprozess, in dem vor allem der Frage nachgegangen wurde, ob es angesichts der Menschenrechtssituation in den besagten Ländern vertretbar wäre, diese zu sicheren Herkunftsländern zu erklären (...), als sich die Bundesregierung dem Ministerpräsidenten gegenüber bereit erklärte, in einer Protokollerklärung festzuhalten, Personen aus sogenannten vulnerablen Gruppen wie Homosexuellen, verfolgten Journalisten, religiösen Minderheiten mit gleicher Sorgfalt zu prüfen wie Flüchtlinge aus sonstigen Ländern". Das Staatsministerium sagt allerdings nichts dazu, ob die Forderung erfüllt wurde und warum das Thema nicht längst endgültig ausgetreten ist. Denn laut dem Bundesamt für Flüchtlinge und Migration werden die drei Länder in der Statistik überhaupt nicht mehr einzeln ausgewiesen, weil die Zahl der einreisenden Asylbewerber so niedrig ist. Und bereits 2015 gehörten die drei Staaten nicht zu jenen zehn Ländern, aus denen die meisten Flüchtlinge nach Deutschland kamen. (5.1.2017)


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Ausgabe 241
Kultur

Suche nach der Wahrheit

Von Wolfgang Schorlau
Datum: 11.11.2015
Keinen interessiere die Wahrheit im NSU-Komplex. Das schleudert Harry Nopper, Vizepräsident des Thüringer Verfassungsschutzes, dem Krimihelden Dengler verächtlich entgegen: "Schreib doch ein Buch." Wolfgang Schorlau hat's getan. Am Donnerstag kommt "Die schützende Hand" in die Buchhandlungen. Wir drucken vorab das Kapitel "Harry Nopper".

Unermüdlich hat Georg Dengler ermittelt und sich durch Akten gewühlt. Nun will er den verantwortlichen Verfassungsschützer Harry Nopper mit seinen Ergebnissen konfrontieren. Am Mittag setzte sich Dengler in seinem Büro an den Schreibtisch und schrieb den Bericht für den unbekannten Auftraggeber. Er schrieb, dass Mundlos und Böhnhardt außerhalb des Wohnmobils, in dem man die Leichen gefunden hatte, vermutlich am Morgen des 4. November 2011, oder am Tag davor, erschossen worden waren. Aller Wahrscheinlichkeit nach waren die beiden Körper, nachdem man sie an anderer Stelle erschossen hatte, in den Camper gelegt worden. Der oder die Täter oder deren Verbündete parkten den Camper in Stregda.

Klar ist, dass das Wohnmobil von Dritten angezündet worden sein muss. Die Indizien weisen darauf hin, dass die Auslösung des Brandes etwa so verlief:

  • Der oder die Täter öffneten Gashähne in dem Camper und legten einen Revolver auf diese geöffneten Gashähne des Herds. Das Campinggas trat aus und füllte allmählich von unten nach oben den Innenraum des Wohnmobils. Nach einiger Zeit befand sich dann in Höhe des Herdes in der Mitte des Campers ein zündfähiges Luft-Gas-Gemisch, das mindestens vom Tisch bis unter die Decke reichte.
  • Als die Streifenwagenbesatzung das Wohnmobil entdeckte, setzten der oder die Täter den Camper durch Fernzündung des Gases von außen in Brand. Um die Zündung des Gases rechtzeitig auslösen zu können, müssen sie in der Nähe gewartet und dann beobachtet haben, wie die beiden Streifenpolizisten sich dem Wohnwagen näherten. 
  • In dem Wohnmobil, auf dem Boden unter dem Tisch, befand sich ein Ladegerät, das einen funktionsfähigen Kompressor enthielt. An dem Ladegerät waren diverse elektronische Bauteile und Geräte angeschlossen, die auf dem Camper-Tisch lagen. Unter diesen Geräten befand sich auch ein altmodischer monochromer Röhrenmonitor. Über eine einfache Fernsteuerung und mehrere kleine Empfänger, wie es sie in vielen Elektronikmärkten zu kaufen gibt, konnten diese Geräte im Camper von außen in Betrieb genommen werden. 
  • Die plötzlich freigesetzte Energie beim Anspringen des Kompressors, beim Anschalten des Röhrenmonitors oder eines anderen dieser elektrischen Geräte reichte durchaus aus, ein zündfähiges Gas-Luft-Gemisch aus Campinggas zu entzünden. Zur Optimierung hatte man möglicherweise noch zwei, drei mit Gas gefüllte, vorher präparierte Luftballons an den gewünschten Zündstellen nahe der geplanten elektronischen Zünder platziert. Die Luftballons platzten nach den Zündungen mit lauten Knallen, und das frei werdende Gas brannte äußerst schnell ab. Weiteres Gas im Wohnmobil entzündete sich ebenfalls sofort. Das Wohnmobil enthielt viele leicht brennbare Stoffe. Ein rasches Abbrennen des Campers war somit garantiert.

Die eintreffende Polizei zerstörte den Tatort und erfand die im Grunde leicht zu widerlegende Geschichte von Schüssen auf die Polizisten, Mord, Brandstiftung und Selbstmord. Den Tatzeitpunkt, die beiden aufgefundenen Patronenhülsen, das Fehlen von Blut und Gehirnmasse im Camper, keine Rauchgase in der Lunge und kein CO-Hb im Blut von Mundlos führte er als Beweise an. Dengler beschrieb die Szene, als Stenzel den Camper betrat, und führte aus, dass Stenzel die Waffe der in Heilbronn erschossenen bzw. angeschossenen Polizisten Michèle Kiesewetter und Martin A. möglicherweise nach Betreten des Campers selbst dort deponiert hatte. Dass Stenzel kurze Zeit später in einem Camper voller Waffen sofort und zielgerichtet gerade diese griff, schien zu zufällig. Dies könnte man aber erst beweisen, wenn man die Fotos der Feuerwehr finden würde, die gemacht worden waren, bevor Stenzel auf der Bildfläche erschienen war, die dieser zudem beschlagnahmt hatte und die seither verschwunden waren. Was Dengler vorlag, waren Fotos, die Stunden später aufgenommen worden waren.

Die falschen Ermittlungsergebnisse seien durch hohe Beamte des BKA in den Bundestag und durch die Presse in die Öffentlichkeit transportiert worden und hielten sich mit einer so außerordentlichen Hartnäckigkeit, dass sie kaum noch durch Tatsachen aus der Welt zu bringen seien. Grund dafür sei nicht zuletzt, dass durch den angeblichen Selbstmord der beiden Neonazis die Polizei behaupten könne, die Mordserie an neun migrantischen Mitbürgern, der Anschlag in der Kölner Keupstraße sowie der Mord und Mordversuch an den Polizisten in Heilbronn seien nun aufgeklärt. Davon könne man jedoch auf keinen Fall ausgehen. Dengler wies darauf hin, dass im Fall Keupstraße beispielsweise die von Tufan Basher gemachten Beobachtungen, dass zwei bewaffnete Zivilisten am Tatort in Köln gewesen seien (die übrigens in der Notsituation ebenfalls weder Erste Hilfe geleistet noch den Notarzt gerufen hätten), nie von den Ermittlungsbehörden verfolgt worden seien. Gleiches gelte im Mordfall in Kassel für die erwiesene Anwesenheit des Mitarbeiters des hessischen Verfassungsschutzes, Andreas Temme, zum Zeitpunkt der Ermordung des Internetcafé-Besitzers.

Punkt.

Und jetzt?

Er würde den Bericht vorläufig noch nicht abschicken. Eine Frage musste er noch klären.

Was war mit Nopper?

Den Nopper werd ich einbuchten wegen dieser Sauerei, so hatte der Feuerwehrmann Stenzel sagen hören.

Wenn er noch Polizist wäre, würde er Nopper vorladen und vernehmen. Als Privatermittler konnte er niemanden vorladen. Doch vernehmen konnte er ihn schon. Dengler buchte im Internet für den nächsten Tag eine Fahrkarte nach Erfurt. Dann nahm er den Schlüssel für den Panzerschrank aus der Schublade seines Schreibtisches. Er öffnete ihn und nahm die Smith & Wesson heraus.

Sie funktionierte einwandfrei.

*

Olga hatte er erzählt, er habe einen kleineren Überwachungsauftrag und werde ein oder zwei Tage unterwegs sein. Eine Notlüge, die er damit rechtfertigte, dass er sie nicht beunruhigen wollte. Sie hatte ihn geküsst und ihm Erfolg gewünscht.

Autor Wolfgang Schorlau am NSU-Tatort auf der Heilbronner Theresienwiese. Fotos: Joachim E. Röttgers
Autor Wolfgang Schorlau am NSU-Tatort auf der Heilbronner Theresienwiese. Fotos: Joachim E. Röttgers

Dengler war immer ein guter Vernehmer gewesen. Er hatte das "Verhaltens-Analyse-Interview" gut beherrscht, angefangen mit etwas Small Talk, den man nutzte, um das Verhaltensmuster des Gegenübers kennenzulernen. Ist die Person sicher oder unsicher, spricht sie laut oder leise? Hochdeutsch oder Dialekt? Lange oder kurze Sätze? Wippt er oder sie mit dem Fuß, wenn es schwierig wird? Oder kratzt er sich am Kopf? Reibt er sich die Nase? Dann, wenn er ein sicheres Gefühl für sein Gegenüber hatte, schaltete er um, setzte den Verdächtigen unter Stress: Die Beweise sind eindeutig usw.

Bei Nopper würde er keine Zeit für Small Talk haben. Er würde ihn sofort mit den Ergebnissen seiner Ermittlungen konfrontieren, direkt und hart. Er würde sehen, wie Nopper reagierte. Er würde mit seinem Smartphone das Gespräch mitschneiden. Wenn es lief, wie er sich das vorstellte, würde er die Datei dem BKA geben. Oder der Presse. Man würde sehen.

Das Überrumpelungsmoment war entscheidend.

Möglicherweise die wichtigste Vernehmung seines Lebens. 

Als er mit dem ICE in Erfurt ankam, kaufte er sich am Bahnhof einen Stadtplan und ließ sich dann mit einem Taxi in die Nähe von Noppers Wohnung fahren. In der Straße gab es kein Café und keinen Park, nicht einmal eine Parkbank, auf die er sich setzen konnte, um die Wohnung zunächst einmal zu beobachten. Er verhielt sich wie ein Tourist, der sich in diese Gegend verirrt hatte, sah ab und zu auf den Stadtplan, betrachtete die Häuser und achtete darauf, dass er nicht zu oft durch Noppers Straße ging. Er wiederholte in Gedanken die Tatsachen, die Beweise, verbesserte die Fragen, die er Nopper stellen würde, er überprüfte, dass das Smartphone aufgeladen war. 

Dann war es so weit. Kurz vor 19 Uhr, es wurde bereits dunkel, sah er Licht in Noppers Wohnung. Dengler atmete noch einmal kräftig ein und aus. Er nutzte den kurzen Moment, als eine junge Geschäftsfrau die Haustür aufschloss und eilig im Innern verschwand, um ins Treppenhaus zu gelangen. Er ging die hölzernen Treppen hinauf in den dritten Stock. Ein Namensschild war nicht an der Wohnung. Hinter der Milchglasscheibe der Wohnungstür schimmerte Licht.

Dengler klingelte. 

Er hörte Schritte, ein Schlüssel wurde im Schloss gedreht, die Tür ein Stück weit geöffnet. Dann standen sie sich gegenüber. Noppers Gesicht war dicker geworden, vielleicht lag es auch nur an dem merkwürdigen Vollbart, den er jetzt trug. Aus der Nase wuchsen einige Haarbüschel, und über die Nasenspitze zogen sich einige blau-rote Äderchen.

Ein Trinker. 

Die Augen hellblau und wässrig. Nopper starrte ihn an. Dengler wusste, dass Nopper in diesem Augenblick überlegte, woher er den Mann kannte, der vor seiner Tür stand.

"Dengler. Georg Dengler. Früher einmal Bundeskriminalamt", sagte er.

Auf Noppers Gesicht dämmerte langsames Erkennen.

"Was wollen Sie von mir?"

"Ich möchte mit Ihnen reden. Über Stregda."

Die wässrig blauen Augen fixierten Dengler etwas fester. "Stregda", sagte Nopper. Er schien zu überlegen. Dann sah er Dengler noch einmal kurz an, drehte sich zur Seite. "Kommen Sie herein." 

Dengler trat in den Flur. Nopper schloss die Tür hinter ihm und ging vor ihm in ein größeres Zimmer, ein Wohnzimmer. Auf einem großen Flachbildschirm lief ein Nachrichtenkanal, Männer warfen Böller in eine Reihe von Bereitschaftspolizisten, Blaulicht kreiste in der Dunkelheit, eine brennende Fackel flog auf eine Flüchtlingsunterkunft. Nopper nahm die Fernbedienung vom Tisch und schaltete den Fernseher aus. Dengler sah sich um. Ein gemütliches deutsches Wohnzimmer. Eine Couch, ein Sessel, mit dunklem Stoff bezogen, auf dem Couchtisch stand eine Flasche Rotwein, ein Glas stand auf dem Boden neben der Couch, an der langen Seitenwand ein ebenfalls dunkler Holzschrank, dunkelroter Teppichboden. Keine Fotos, weder an den Wänden noch auf dem Schrank. Keine Anzeichen dafür, dass noch jemand hier wohnte. Keine Spuren von einer Frau. Nopper wohnte offenbar alleine. Merkwürdigerweise gab das Dengler ein beruhigendes Gefühl von Überlegenheit.

"Setzen Sie sich", sagte Nopper und wies auf den Sessel. "Ein Glas Rotwein?"

Dengler schüttelte den Kopf. Er griff in die Jacketttasche und schaltete mit einem kurzen Griff die Aufnahmefunktion des Smartphones ein. Nopper ließ sich auf die Couch fallen, griff nach dem Weinglas, trank einen Schluck. "Ich frage jetzt nicht, wie Sie meine Wohnung gefunden haben. Ich frage Sie, was Sie von mir wollen." 

Er streckte die Beine aus, und seine wässerigen Augen sahen aufmerksam zu Dengler hinüber.

Dengler sagte: "Sie haben am Morgen des 4. November 2011 zwei Neonazis in Eisenach-Stregda erschossen oder erschießen lassen. Sie verbrachten die beiden Leichen in ein Fiat-Wohnmobil mit dem Kennzeichen ..." 

Dengler redete fast eine Viertelstunde.

Nopper unterbrach ihn nicht. Er starrte ihn nur mit diesen wässerigen Augen an. 

Als Dengler zu Ende war, sagte Nopper zunächst nichts. Stattdessen griff er nach dem Rotweinglas, trank einen Schluck, schloss die Augen und stellte das Glas auf den Boden zurück.

"Die Beweise, über die ich verfüge, sind eindeutig. Und letzten Endes weisen sie alle in Ihren Verantwortungsbereich, auch wenn Stenzel versucht hat, hinter Ihnen aufzuräumen. Sie sind verantwortlich. Sie werden belastet", sagte Dengler.

Nopper stöhnte leicht. Dann beugte er sich vor.

"Dengler", sagte er. "Du bist immer noch das gleiche Arschloch wie früher. Immer noch auf der Suche nach der Wahrheit. Nach all den Jahren. Wie früher. Du hast nichts gelernt."

Er stand auf und kam auf ihn zu. Dengler griff in den Hosenbund nach dem Kolben der Smith & Wesson. Doch Nopper blieb weit genug vor ihm stehen. 

"Idiot. Du glaubst immer noch, die Wahrheit würde irgendjemanden interessieren."

"Sie geben also zu ...?"

"Selbst wenn du recht haben solltest, hast du nichts begriffen. Geh mit deinen Scheiß-Erkenntnissen zum "Spiegel" oder zum "Stern" oder sonst wohin. Schreib doch ein Buch. Es wird niemanden interessieren. Die Wahrheit ist das Letzte, was hier irgendjemand hören will. Du hast keine Ahnung, in welchem Land du lebst. Das habe ich versucht, dir vor ein paar Jahrzehnten schon einmal klarzumachen. Doch du bist zu bescheuert, um zu kapieren, wie die Dinge wirklich laufen." 

"Wie laufen sie wirklich?" 

"Du erzählst mir Geschichten aus 2011. Das ist ewig her. Wir sind jetzt an einem völlig anderen Punkt. Und jetzt raus." 

"Wie war es denn 2011 – nach Ihrer Version?" 

"Dengler, verschwinde aus meiner Wohnung. Und pass auf, dass es dir nicht so geht wie deinem Freund Marius Brauer." 

"Marius?"

Plötzlich verschwamm alles vor Georg Dengler. Er sah Nopper unscharf, das Glas auf dem Teppich doppelt, der Raum fing an zu schwanken. Er stand auf, stützte sich mit einer Hand auf der Armlehne des Sessels ab, mit der anderen zog er das Telefon aus der Hosentasche. Er wandte sich um, stützte sich mit der freien Hand auf die Tischplatte, spürte, wie die Knie nachgaben, mit der anderen Hand stoppte er die Aufnahmefunktion des Geräts, wandte sich zur Tür und stürzte hinaus in den Flur. Übelkeit stieg in ihm auf. Und Angst. Wo hatte er Marius' Telefonnummer? Anrufliste! Richtig, auf der Anrufliste musste er Marius' Telefonnummer finden. Er riss die Tür zum Treppenhaus auf, taumelte hinaus, in der linken Hand das Telefon. Mit der rechten Hand hielt er sich am Geländer fest, dann rannte er, zwei Stufen auf einmal nehmend, nach unten, riss die Haustür auf, stand endlich im Freien, fand die verfluchte Anrufliste, wischte mit dem Daumen auf dem Bildschirm, bis er Marius' Nummer sah, und drückte sie. Oben am erleuchteten Fenster sah er die wuchtige Gestalt Harry Noppers stehen, der zu ihm hinuntersah, auch er ein Handy am Ohr.

 


Aus:

Wolfgang Schorlau "Die schützende Hand". Copyright 2015 by Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln. 384 Seiten, Klappenbroschur, 14,99 Euro.


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Kommentare

Blender, 07.01.2016 10:54
Ein spannendes Buch, gut recherchierte bekannte Fakten in eine schlüssige Geschichte gebracht. Für alle die an der Validität von Leser-Bestellerlisten zweifeln, dieses Buch ist definitiv ein angenehmer Zeitvertreib, unbedingt lesenswert. Ich habe es verschlungen.

Schwabe, 15.11.2015 10:42
Ich werde das Buch mehrfach kaufen, denn ich halte es für ein geniales Geschenk - Unterhaltung/Spannung pur, mit gleichzeitig aktuellem politischen Bezug (auch für politisch noch Uninteressierte). Vielen Dank dafür Wolfgang Schorlau.
Gleichzeitig finde ich es traurig, dass kein Journalist/keine Redaktion im Stande ist sich des Themas anzunehmen und ernsthaft in eine Richtung recherchiert wird, die eine eventuelle Verstrickungen des Staates (Verfassungsschutz, BND, Polizei, Politik, etc.) in den Fall Kiesewetter und andere Schwerverbrechen in Betracht zieht. So ganz nach dem (m.E. zu einfachen) Motto, dass "nicht sein kann, was nicht sein darf"!
Schade das diese Rolle ein Krimi-Roman übernehmen muss. Aber immerhin besser wie nichts und in der heutigen Zeit vielleicht auch "gesünder" - oder?!

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