KONTEXT Extra:
Auch Hermann will Maut verzögern

Wenn es nach den Grünen geht, wird die Landesregierung gemeinsam mit Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz oder dem Saarland versuchen, die Einführung der PKW-Maut über den Bundesrat noch zu verzögern oder gar zu verhindern. Verkehrsminister Winne Hermann kündigte einen entsprechenden Vorstoß an. Er habe bereits im Verkehrsausschuss des Bundesrats Position bezogen und insbesondere kritisiert, dass "die Grenzregionen schwer tangiert sind, ausgerechnet in Zeiten, in denen wir den europäischen Geist betonen wollen". Die "Bürokratie-Maut" passe nicht in die Zeit. Außerdem würden Milliarden eingenommen, Milliarden an deutsche Autofahrer wieder zurückgegeben und "vielleicht bleiben ein paar Millionen übrig".

Saarland, Rheinland-Pfalz oder NRW wollen den Vermittlungsausschuss zwischen Bundesrat und Bundestag anrufen, nachdem letzterer die Maut am Freitag beschlossen hat. Das Gesetz ist allerdings nicht zustimmungspflichtig, weshalb die Einführung der Maut auf diesem Wege lediglich verzögert werden kann. Allerdings könnte Verzögerung am Ende auch das Scheitern bedeuten, weil womöglich nach der Bundestagswahl im September die Karten ganz neu gemischt werden, und die CSU bisher bekanntlich die einzige Partei ist, die die Maut wirklich will. (24.3.2017)


Aras legt sich mit Erdogan an

Die Stuttgarter Grünen-Abgeordnete und Landtagspräsidentin Muhterem Aras hat die deutschtürkische Community aufgefordert, sich mit dem Verfassungsreferendum am 16. April kritisch auseinanderzusetzen. Von den Imamen wünscht sich die Stimmenkönigin ihrer Partei bei den Landtagswahlen 2016, dass die "in den Freitagspredigten zu einem respektvollen und fairen Umgang miteinander aufrufen und die hier geltenden Werte von Meinungs-, Presse- und Religionsfreiheit entschieden weitergeben". Sie selber verzichte derzeit auf Reisen in die Türkei, "weil ich nicht weiß, ob ich mich dort frei bewegen könnte". Zugleich müssten sich Demokraten weigern, sich zu Feinden der Türkei machen zu lassen. Aras nutzte eine Landtagsdebatte zum 60. Geburstag der EU auch zu scharfer Krtik am türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, weil der "auf das Infamste" gebaute Brücken wieder einreißen und die Gesellschaft spalten wolle. Von den Vertretern AKP-naher Institutionen erwartet die Grüne eine öffentliche Distanzierung von den "die Opfer verhöhnenden Nazivorwürfen". Im Südwesten dürfen insgesamt rund 230 000 Türken am Referendum teilnehmen – und zwar vorab: Die Wahl beginnt bereits am 27. März und endet am 9. April. (22.3.2017)

Mehr zum Thema: "Meister der Feindbilder", "Unverschämt und dumm"


Stuttgart 21: Aktionsbündnis warnt Aufsichtsrat

Drei Tage vor einer Sitzung des DB-Aufsichtsrats verlangt das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 erneut eine "faktenehrliche Bestandsaufnahme". Sollte sich der Aufsichtsrat wieder um die Auseinandersetzung drücken oder gar unbeirrt den Weiterbau beschließen, so Eisenhart von Loeper, schädige er wider besseres Wissen das Vermögen der Deutschen Bahn AG. "Das würde", erklärt der Bündnissprecher weiter, "den Tatbestand der Untreue erfüllen." Eine strafrechtliche Aufarbeitung sei die Konsequenz; darauf habe das Bündnis zuletzt am 11. März 2017 den Aufsichtsrat per Brief hingewiesen.

Ihren Appell richten die Stuttgart-21-Gegner nicht nur an den Vorsitzenden des Aufsichtsrats Utz-Hellmuth Felcht, sondern auch an den designierten Vorstandsvorsitzenden Richard Lutz. Als erstes sei "eine Bestandsaufnahme der ungelösten Probleme und hohen Risiken notwendig, die sich an den Realitäten und nicht an den Gesichtswahrungsproblemen der politisch Verantwortlichen orientiert". Von Loeper argumentiert damit, dass sich das Projekt "jenseits aller wirtschaftlichen Rationalität bewegt", und mit dem weiter offenen Brandschutz. Außerdem solle der Aufsichtsrat "endlich zur Kenntnis nehmen, dass sich die DB mit S 21 einen Dauerengpass für viel Geld baut, der den Bahnverkehr behindert und den viel beschworenen Deutschlandtakt im Südwesten irreversibel unmöglich macht". Nach der Devise "Politik beginnt mit der Kenntnisnahme der Realität" will das Aktionsbündnis den neuen Bahnchef zu Gesprächen einladen, bei denen sie ihm auch die von der Bürgerbewegung entwickelten Alternativen zum Weiterbau erläutern wollen. Deren "ernsthafte Prüfung" wünscht sich nach einer repräsentativen Umfrage von infratest dimap in Baden-Württemberg sogar eine Mehrheit der Projektbefürworter. (19.3.2017)

Mehr zum Thema: "Bahnfeinde im Bahnvorstand"


IHK will nicht mehr gegen Kakteen polemisieren

Auch ein Vergleich kann ein Erfolg sein: Vor dem Verwaltungsgericht Stuttgart akzeptierte die IHK Region Stuttgart die Feststellung, dass sie in der Vergangenheit mit Angriffen gegen die IHK-Rebellen der Kaktus-Initiative ihre Kompetenz überschritten hat. Stein des Anstoßes waren zwei IHK-Pressemitteilungen, in denen Hauptgeschäftsführer Andreas Richter gegen die Kakteen polemisiert habe, so Kaktus-Mitglied Klaus Steinke, der in der Folge Klage eingereicht hatte.

Konkret einigten sich die Streitparteien am heutigen Donnerstag, den 16. März, auf folgenden Vergleich: Die IHK Region Stuttgart erklärt, "dass ohne Beratung und Beschlussfassung durch die Vollversammlung keine weiteren öffentlichen Äußerungen der IHK und ihrer Organe über Binnenkonflikte, die keine wirtschaftspolitischen Positionen betreffen, abgegeben werden", und dass es den beiden strittigen Pressemitteilungen "an einer solchen Beratung und Beschlussfassung mangelte". Außerdem trägt die IHK trägt die Kosten des Verfahrens von 5000 Euro.

Für Steinke ist es "ein gutes Ergebnis, weil es die Transparenz innerhalb der IHK stärkt, und weil es deutlich die Frage artikuliert, was Geschäftsführer und Präsident dürfen und was nicht". Zwar wäre es, so Steinke, spannend gewesen, wenn das Gericht in einem Urteil Grundsatzregeln für die Öffentlichkeitsarbeit der IHK aufgestellt hätte. Aber er sei mit dem Vergleich zufrieden, "weil es mir in der Sache nicht darum geht, zu siegen, sondern eine Veränderung innerhalb der IHK zu bewirken". Zudem habe das Ergebnis, so hofft Steinke, auch "eine Signalwirkung auf andere IHKs".

Die Kaktus-Initiative, 2011 gegründet, kritisierte in den letzten Jahren immer wieder intransparente Wahlverfahren und die offizielle Pro-Haltung der IHK zu Stuttgart 21. (16.3.2017)

Mehr zum Thema: "Rebellen im Weinberghäusle" und "Die IHK wackelt nicht".


Afghanistan-Rückkehrer bekommt zweimonatiges Arbeitsvisum

Es ist ein kleines Wunder. Denn trotz der mannigfaltigen Unterstützung in den vergangenen Wochen, glaubten nicht viele seiner Freunde wirklich daran, dass der Zahnarzt Ahmad Shakib Pouya, der in einem französischen Krankenhaus in Herat gearbeitet hat, zurück in die Bundesrepublik kommen kann. Pouya war in seiner früheren Heimat von den Taliban bedroht, floh 2010 nach Deutschland. Hier war er einer der Hauptdarsteller in der vielbeachten Produktion der Mozart-Oper "Zaide" und hatte eine doppelte Zusage auf Festanstellung – vom Münchner Gärtnerplatztheater und der IG Metall. Dennoch wurde er zur Abschiebung vorgesehen, weshalb er am 20. Januar 2017 ausreiste. Seither machten seine Unterstützer vom im Mai 2014 gegründeten Stuttgarter Verein "Zuflucht Kultur. Entweder. Oder. Frieden." bundesweit auf sein Schicksal aufmerksam. Auch mit einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), mit der Bitte um "ein Visum und ein langfristiges Bleiberecht als wertvoller Bürger unseres Landes".

Jetzt kam die gute Nachricht. Der 33-Jährige kann für zwei Monate zurück nach Deutschland. Mitausschlaggebend dürfte ein Schreiben von Georg Podt gewesen sein, dem Intendanten des kommunalen Münchner Kinder- und Jugendtheaters "Schauburg", der Pouya in einer Neuinszenierung von Rainer Werner Fassbinders "Angst essen Seele auf" als Hauptdarsteller besetzt hat. Die Proben sollen in der kommenden Woche beginnen, Premiere wird am 22. April sein. Mitte Mai läuft das Visum aus. Pouya will gemeinsam mit dem Verein die Zeit nutzen, um das angestrebte dauerhafte Bleiberecht zu bekommen. Die Chancen stehen angesichts der 2015 eigentlich gelockerten Regelungen gar nicht so schlecht. Allerdings werden die nach den Erkenntnissen von Pro Asyl oder dem Flüchtlingsrat viel zu selten von den Behörden angewandt.


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Ausgabe 241
Kultur

Suche nach der Wahrheit

Von Wolfgang Schorlau
Datum: 11.11.2015
Keinen interessiere die Wahrheit im NSU-Komplex. Das schleudert Harry Nopper, Vizepräsident des Thüringer Verfassungsschutzes, dem Krimihelden Dengler verächtlich entgegen: "Schreib doch ein Buch." Wolfgang Schorlau hat's getan. Am Donnerstag kommt "Die schützende Hand" in die Buchhandlungen. Wir drucken vorab das Kapitel "Harry Nopper".

Unermüdlich hat Georg Dengler ermittelt und sich durch Akten gewühlt. Nun will er den verantwortlichen Verfassungsschützer Harry Nopper mit seinen Ergebnissen konfrontieren. Am Mittag setzte sich Dengler in seinem Büro an den Schreibtisch und schrieb den Bericht für den unbekannten Auftraggeber. Er schrieb, dass Mundlos und Böhnhardt außerhalb des Wohnmobils, in dem man die Leichen gefunden hatte, vermutlich am Morgen des 4. November 2011, oder am Tag davor, erschossen worden waren. Aller Wahrscheinlichkeit nach waren die beiden Körper, nachdem man sie an anderer Stelle erschossen hatte, in den Camper gelegt worden. Der oder die Täter oder deren Verbündete parkten den Camper in Stregda.

Klar ist, dass das Wohnmobil von Dritten angezündet worden sein muss. Die Indizien weisen darauf hin, dass die Auslösung des Brandes etwa so verlief:

  • Der oder die Täter öffneten Gashähne in dem Camper und legten einen Revolver auf diese geöffneten Gashähne des Herds. Das Campinggas trat aus und füllte allmählich von unten nach oben den Innenraum des Wohnmobils. Nach einiger Zeit befand sich dann in Höhe des Herdes in der Mitte des Campers ein zündfähiges Luft-Gas-Gemisch, das mindestens vom Tisch bis unter die Decke reichte.
  • Als die Streifenwagenbesatzung das Wohnmobil entdeckte, setzten der oder die Täter den Camper durch Fernzündung des Gases von außen in Brand. Um die Zündung des Gases rechtzeitig auslösen zu können, müssen sie in der Nähe gewartet und dann beobachtet haben, wie die beiden Streifenpolizisten sich dem Wohnwagen näherten. 
  • In dem Wohnmobil, auf dem Boden unter dem Tisch, befand sich ein Ladegerät, das einen funktionsfähigen Kompressor enthielt. An dem Ladegerät waren diverse elektronische Bauteile und Geräte angeschlossen, die auf dem Camper-Tisch lagen. Unter diesen Geräten befand sich auch ein altmodischer monochromer Röhrenmonitor. Über eine einfache Fernsteuerung und mehrere kleine Empfänger, wie es sie in vielen Elektronikmärkten zu kaufen gibt, konnten diese Geräte im Camper von außen in Betrieb genommen werden. 
  • Die plötzlich freigesetzte Energie beim Anspringen des Kompressors, beim Anschalten des Röhrenmonitors oder eines anderen dieser elektrischen Geräte reichte durchaus aus, ein zündfähiges Gas-Luft-Gemisch aus Campinggas zu entzünden. Zur Optimierung hatte man möglicherweise noch zwei, drei mit Gas gefüllte, vorher präparierte Luftballons an den gewünschten Zündstellen nahe der geplanten elektronischen Zünder platziert. Die Luftballons platzten nach den Zündungen mit lauten Knallen, und das frei werdende Gas brannte äußerst schnell ab. Weiteres Gas im Wohnmobil entzündete sich ebenfalls sofort. Das Wohnmobil enthielt viele leicht brennbare Stoffe. Ein rasches Abbrennen des Campers war somit garantiert.

Die eintreffende Polizei zerstörte den Tatort und erfand die im Grunde leicht zu widerlegende Geschichte von Schüssen auf die Polizisten, Mord, Brandstiftung und Selbstmord. Den Tatzeitpunkt, die beiden aufgefundenen Patronenhülsen, das Fehlen von Blut und Gehirnmasse im Camper, keine Rauchgase in der Lunge und kein CO-Hb im Blut von Mundlos führte er als Beweise an. Dengler beschrieb die Szene, als Stenzel den Camper betrat, und führte aus, dass Stenzel die Waffe der in Heilbronn erschossenen bzw. angeschossenen Polizisten Michèle Kiesewetter und Martin A. möglicherweise nach Betreten des Campers selbst dort deponiert hatte. Dass Stenzel kurze Zeit später in einem Camper voller Waffen sofort und zielgerichtet gerade diese griff, schien zu zufällig. Dies könnte man aber erst beweisen, wenn man die Fotos der Feuerwehr finden würde, die gemacht worden waren, bevor Stenzel auf der Bildfläche erschienen war, die dieser zudem beschlagnahmt hatte und die seither verschwunden waren. Was Dengler vorlag, waren Fotos, die Stunden später aufgenommen worden waren.

Die falschen Ermittlungsergebnisse seien durch hohe Beamte des BKA in den Bundestag und durch die Presse in die Öffentlichkeit transportiert worden und hielten sich mit einer so außerordentlichen Hartnäckigkeit, dass sie kaum noch durch Tatsachen aus der Welt zu bringen seien. Grund dafür sei nicht zuletzt, dass durch den angeblichen Selbstmord der beiden Neonazis die Polizei behaupten könne, die Mordserie an neun migrantischen Mitbürgern, der Anschlag in der Kölner Keupstraße sowie der Mord und Mordversuch an den Polizisten in Heilbronn seien nun aufgeklärt. Davon könne man jedoch auf keinen Fall ausgehen. Dengler wies darauf hin, dass im Fall Keupstraße beispielsweise die von Tufan Basher gemachten Beobachtungen, dass zwei bewaffnete Zivilisten am Tatort in Köln gewesen seien (die übrigens in der Notsituation ebenfalls weder Erste Hilfe geleistet noch den Notarzt gerufen hätten), nie von den Ermittlungsbehörden verfolgt worden seien. Gleiches gelte im Mordfall in Kassel für die erwiesene Anwesenheit des Mitarbeiters des hessischen Verfassungsschutzes, Andreas Temme, zum Zeitpunkt der Ermordung des Internetcafé-Besitzers.

Punkt.

Und jetzt?

Er würde den Bericht vorläufig noch nicht abschicken. Eine Frage musste er noch klären.

Was war mit Nopper?

Den Nopper werd ich einbuchten wegen dieser Sauerei, so hatte der Feuerwehrmann Stenzel sagen hören.

Wenn er noch Polizist wäre, würde er Nopper vorladen und vernehmen. Als Privatermittler konnte er niemanden vorladen. Doch vernehmen konnte er ihn schon. Dengler buchte im Internet für den nächsten Tag eine Fahrkarte nach Erfurt. Dann nahm er den Schlüssel für den Panzerschrank aus der Schublade seines Schreibtisches. Er öffnete ihn und nahm die Smith & Wesson heraus.

Sie funktionierte einwandfrei.

*

Olga hatte er erzählt, er habe einen kleineren Überwachungsauftrag und werde ein oder zwei Tage unterwegs sein. Eine Notlüge, die er damit rechtfertigte, dass er sie nicht beunruhigen wollte. Sie hatte ihn geküsst und ihm Erfolg gewünscht.

Autor Wolfgang Schorlau am NSU-Tatort auf der Heilbronner Theresienwiese. Fotos: Joachim E. Röttgers
Autor Wolfgang Schorlau am NSU-Tatort auf der Heilbronner Theresienwiese. Fotos: Joachim E. Röttgers

Dengler war immer ein guter Vernehmer gewesen. Er hatte das "Verhaltens-Analyse-Interview" gut beherrscht, angefangen mit etwas Small Talk, den man nutzte, um das Verhaltensmuster des Gegenübers kennenzulernen. Ist die Person sicher oder unsicher, spricht sie laut oder leise? Hochdeutsch oder Dialekt? Lange oder kurze Sätze? Wippt er oder sie mit dem Fuß, wenn es schwierig wird? Oder kratzt er sich am Kopf? Reibt er sich die Nase? Dann, wenn er ein sicheres Gefühl für sein Gegenüber hatte, schaltete er um, setzte den Verdächtigen unter Stress: Die Beweise sind eindeutig usw.

Bei Nopper würde er keine Zeit für Small Talk haben. Er würde ihn sofort mit den Ergebnissen seiner Ermittlungen konfrontieren, direkt und hart. Er würde sehen, wie Nopper reagierte. Er würde mit seinem Smartphone das Gespräch mitschneiden. Wenn es lief, wie er sich das vorstellte, würde er die Datei dem BKA geben. Oder der Presse. Man würde sehen.

Das Überrumpelungsmoment war entscheidend.

Möglicherweise die wichtigste Vernehmung seines Lebens. 

Als er mit dem ICE in Erfurt ankam, kaufte er sich am Bahnhof einen Stadtplan und ließ sich dann mit einem Taxi in die Nähe von Noppers Wohnung fahren. In der Straße gab es kein Café und keinen Park, nicht einmal eine Parkbank, auf die er sich setzen konnte, um die Wohnung zunächst einmal zu beobachten. Er verhielt sich wie ein Tourist, der sich in diese Gegend verirrt hatte, sah ab und zu auf den Stadtplan, betrachtete die Häuser und achtete darauf, dass er nicht zu oft durch Noppers Straße ging. Er wiederholte in Gedanken die Tatsachen, die Beweise, verbesserte die Fragen, die er Nopper stellen würde, er überprüfte, dass das Smartphone aufgeladen war. 

Dann war es so weit. Kurz vor 19 Uhr, es wurde bereits dunkel, sah er Licht in Noppers Wohnung. Dengler atmete noch einmal kräftig ein und aus. Er nutzte den kurzen Moment, als eine junge Geschäftsfrau die Haustür aufschloss und eilig im Innern verschwand, um ins Treppenhaus zu gelangen. Er ging die hölzernen Treppen hinauf in den dritten Stock. Ein Namensschild war nicht an der Wohnung. Hinter der Milchglasscheibe der Wohnungstür schimmerte Licht.

Dengler klingelte. 

Er hörte Schritte, ein Schlüssel wurde im Schloss gedreht, die Tür ein Stück weit geöffnet. Dann standen sie sich gegenüber. Noppers Gesicht war dicker geworden, vielleicht lag es auch nur an dem merkwürdigen Vollbart, den er jetzt trug. Aus der Nase wuchsen einige Haarbüschel, und über die Nasenspitze zogen sich einige blau-rote Äderchen.

Ein Trinker. 

Die Augen hellblau und wässrig. Nopper starrte ihn an. Dengler wusste, dass Nopper in diesem Augenblick überlegte, woher er den Mann kannte, der vor seiner Tür stand.

"Dengler. Georg Dengler. Früher einmal Bundeskriminalamt", sagte er.

Auf Noppers Gesicht dämmerte langsames Erkennen.

"Was wollen Sie von mir?"

"Ich möchte mit Ihnen reden. Über Stregda."

Die wässrig blauen Augen fixierten Dengler etwas fester. "Stregda", sagte Nopper. Er schien zu überlegen. Dann sah er Dengler noch einmal kurz an, drehte sich zur Seite. "Kommen Sie herein." 

Dengler trat in den Flur. Nopper schloss die Tür hinter ihm und ging vor ihm in ein größeres Zimmer, ein Wohnzimmer. Auf einem großen Flachbildschirm lief ein Nachrichtenkanal, Männer warfen Böller in eine Reihe von Bereitschaftspolizisten, Blaulicht kreiste in der Dunkelheit, eine brennende Fackel flog auf eine Flüchtlingsunterkunft. Nopper nahm die Fernbedienung vom Tisch und schaltete den Fernseher aus. Dengler sah sich um. Ein gemütliches deutsches Wohnzimmer. Eine Couch, ein Sessel, mit dunklem Stoff bezogen, auf dem Couchtisch stand eine Flasche Rotwein, ein Glas stand auf dem Boden neben der Couch, an der langen Seitenwand ein ebenfalls dunkler Holzschrank, dunkelroter Teppichboden. Keine Fotos, weder an den Wänden noch auf dem Schrank. Keine Anzeichen dafür, dass noch jemand hier wohnte. Keine Spuren von einer Frau. Nopper wohnte offenbar alleine. Merkwürdigerweise gab das Dengler ein beruhigendes Gefühl von Überlegenheit.

"Setzen Sie sich", sagte Nopper und wies auf den Sessel. "Ein Glas Rotwein?"

Dengler schüttelte den Kopf. Er griff in die Jacketttasche und schaltete mit einem kurzen Griff die Aufnahmefunktion des Smartphones ein. Nopper ließ sich auf die Couch fallen, griff nach dem Weinglas, trank einen Schluck. "Ich frage jetzt nicht, wie Sie meine Wohnung gefunden haben. Ich frage Sie, was Sie von mir wollen." 

Er streckte die Beine aus, und seine wässerigen Augen sahen aufmerksam zu Dengler hinüber.

Dengler sagte: "Sie haben am Morgen des 4. November 2011 zwei Neonazis in Eisenach-Stregda erschossen oder erschießen lassen. Sie verbrachten die beiden Leichen in ein Fiat-Wohnmobil mit dem Kennzeichen ..." 

Dengler redete fast eine Viertelstunde.

Nopper unterbrach ihn nicht. Er starrte ihn nur mit diesen wässerigen Augen an. 

Als Dengler zu Ende war, sagte Nopper zunächst nichts. Stattdessen griff er nach dem Rotweinglas, trank einen Schluck, schloss die Augen und stellte das Glas auf den Boden zurück.

"Die Beweise, über die ich verfüge, sind eindeutig. Und letzten Endes weisen sie alle in Ihren Verantwortungsbereich, auch wenn Stenzel versucht hat, hinter Ihnen aufzuräumen. Sie sind verantwortlich. Sie werden belastet", sagte Dengler.

Nopper stöhnte leicht. Dann beugte er sich vor.

"Dengler", sagte er. "Du bist immer noch das gleiche Arschloch wie früher. Immer noch auf der Suche nach der Wahrheit. Nach all den Jahren. Wie früher. Du hast nichts gelernt."

Er stand auf und kam auf ihn zu. Dengler griff in den Hosenbund nach dem Kolben der Smith & Wesson. Doch Nopper blieb weit genug vor ihm stehen. 

"Idiot. Du glaubst immer noch, die Wahrheit würde irgendjemanden interessieren."

"Sie geben also zu ...?"

"Selbst wenn du recht haben solltest, hast du nichts begriffen. Geh mit deinen Scheiß-Erkenntnissen zum "Spiegel" oder zum "Stern" oder sonst wohin. Schreib doch ein Buch. Es wird niemanden interessieren. Die Wahrheit ist das Letzte, was hier irgendjemand hören will. Du hast keine Ahnung, in welchem Land du lebst. Das habe ich versucht, dir vor ein paar Jahrzehnten schon einmal klarzumachen. Doch du bist zu bescheuert, um zu kapieren, wie die Dinge wirklich laufen." 

"Wie laufen sie wirklich?" 

"Du erzählst mir Geschichten aus 2011. Das ist ewig her. Wir sind jetzt an einem völlig anderen Punkt. Und jetzt raus." 

"Wie war es denn 2011 – nach Ihrer Version?" 

"Dengler, verschwinde aus meiner Wohnung. Und pass auf, dass es dir nicht so geht wie deinem Freund Marius Brauer." 

"Marius?"

Plötzlich verschwamm alles vor Georg Dengler. Er sah Nopper unscharf, das Glas auf dem Teppich doppelt, der Raum fing an zu schwanken. Er stand auf, stützte sich mit einer Hand auf der Armlehne des Sessels ab, mit der anderen zog er das Telefon aus der Hosentasche. Er wandte sich um, stützte sich mit der freien Hand auf die Tischplatte, spürte, wie die Knie nachgaben, mit der anderen Hand stoppte er die Aufnahmefunktion des Geräts, wandte sich zur Tür und stürzte hinaus in den Flur. Übelkeit stieg in ihm auf. Und Angst. Wo hatte er Marius' Telefonnummer? Anrufliste! Richtig, auf der Anrufliste musste er Marius' Telefonnummer finden. Er riss die Tür zum Treppenhaus auf, taumelte hinaus, in der linken Hand das Telefon. Mit der rechten Hand hielt er sich am Geländer fest, dann rannte er, zwei Stufen auf einmal nehmend, nach unten, riss die Haustür auf, stand endlich im Freien, fand die verfluchte Anrufliste, wischte mit dem Daumen auf dem Bildschirm, bis er Marius' Nummer sah, und drückte sie. Oben am erleuchteten Fenster sah er die wuchtige Gestalt Harry Noppers stehen, der zu ihm hinuntersah, auch er ein Handy am Ohr.

 


Aus:

Wolfgang Schorlau "Die schützende Hand". Copyright 2015 by Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln. 384 Seiten, Klappenbroschur, 14,99 Euro.


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Kommentare

Blender, 07.01.2016 10:54
Ein spannendes Buch, gut recherchierte bekannte Fakten in eine schlüssige Geschichte gebracht. Für alle die an der Validität von Leser-Bestellerlisten zweifeln, dieses Buch ist definitiv ein angenehmer Zeitvertreib, unbedingt lesenswert. Ich habe es verschlungen.

Schwabe, 15.11.2015 10:42
Ich werde das Buch mehrfach kaufen, denn ich halte es für ein geniales Geschenk - Unterhaltung/Spannung pur, mit gleichzeitig aktuellem politischen Bezug (auch für politisch noch Uninteressierte). Vielen Dank dafür Wolfgang Schorlau.
Gleichzeitig finde ich es traurig, dass kein Journalist/keine Redaktion im Stande ist sich des Themas anzunehmen und ernsthaft in eine Richtung recherchiert wird, die eine eventuelle Verstrickungen des Staates (Verfassungsschutz, BND, Polizei, Politik, etc.) in den Fall Kiesewetter und andere Schwerverbrechen in Betracht zieht. So ganz nach dem (m.E. zu einfachen) Motto, dass "nicht sein kann, was nicht sein darf"!
Schade das diese Rolle ein Krimi-Roman übernehmen muss. Aber immerhin besser wie nichts und in der heutigen Zeit vielleicht auch "gesünder" - oder?!

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