KONTEXT Extra:
Zweiter NSU-Ausschuss: Geheimdienste auf der Theresienwiese?

Der zweite NSU-Untersuchungsausschuss des Landtags hat in seiner konstituierenden Sitzung am Donnerstag die ersten zwei Zeugen benannt. Sie sollen nach den Worten des Vorsitzenden Wolfgang Drexler (SPD) Auskunft darüber geben, "ob sich am Tag des Anschlags auf die beiden Polizeibeamten in Heilbronn Geheimdienste am oder in der Nähe des Tatorts befunden" haben.

Im ersten Ausschuss in der vergangenen Legislaturperiode hatte der Journalist und NSU-Experte Rainer Nübel als Sachverständiger dazu Stellung genommen. "Er verwies", wie es im Abschlussbericht heißt, "zunächst auf die mutmaßliche Anwesenheit der Defence Intelligence Agency (DIA) zur Tatzeit am Tatort". Mitte November 2011 habe er, wie Nübel weiter zitiert wird, eine Nachricht von der "Stern"-Redaktion in Hamburg erhalten, wonach ein dort vorliegendes Papier ein mutmaßliches Observationsprotokoll des amerikanischen Militärgeheimdienstes DIA darstelle. Daraus gehe hervor, dass zur Tatzeit eine Observation von "M. K." und einer weiteren, nicht näher definierten Person durch US-Agenten stattgefunden habe. Zumindest eine dieser beiden Personen habe zuvor bei der Santander-Bank 2,3 Millionen Dollar oder Euro abgeholt. Und weiter: "Sicherheitsbeamte entweder aus Baden-Württemberg oder Bayern sollten präsent gewesen sein und die Operation aufgrund eines 'Shooting Incident' zwischen 'White Wings', also Neonazis bzw. Rechtsextremisten, und einer Polizeistreife abgebrochen worden sein."

Nübel hatte bei seinem Auftritt als Sachverständiger umfangreiche Ausführungen zu den eigenen Recherchen gemacht. Aus Zeitgründen und angesichts des Endes der Legislaturperiode, so Drexler, der auch den ersten Ausschuss führte, habe diesem Komplex aber nicht mehr detailliert nachgegangen werden können. Im Einsatzbeschluss des zweiten Gremiums heißt es jetzt, insbesondere sei zu klären, ob "Angehörige von ausländischen Sicherheitsbehörden auf der Theresienwiese oder in der Umgebung im Umfeld des Mordanschlags am 25. April 2007 anwesend waren, ob und welche Rolle diese beim Tatgeschehen gespielt und welche Erkenntnisse dazu bei deutschen Sicherheits- und Ermittlungsbehörden vorgelegen haben". Die erste öffentliche Sitzung des Untersuchungsausschusses findet am 19. September statt. Gehört werden zum Auftakt auch noch einmal vier Sachverständige.


Keine Nebenabsprache zu Stuttgart 21

Um Streit zu vermeiden, sind laut Winfried Kretschmann die bis zum Wochenanfang geheimen Nebenabreden mit der CDU zusätzlich zum Koalitionsvertrag getroffen worden. Die Aufregung darüber, dass Ausgaben von 1,3 Milliarden Euro ohne Finanzierungsvorbehalt an der Öffentlichkeit vorbei festgeschrieben wurden, versuchte der Regierungschef mit neuen Einblicken in seinen Politikstil zu kontern: "Auch ich muss mal mauscheln, auch ich muss mal dealen." Kein Mensch auf der Erde, der vernünftig Politik machen wolle, kriege das hin ohne Absprachen hinter den Kulissen. Da habe er kein schlechtes Gewissen, denn es sei "unspektakulär", einzelne Maßnahmen zu priorisieren, die grundsätzlich ohnehin im Koalitionsvertrag vereinbart seien.

Unter anderem ist im Detail aufgeführt, dass 325 Millionen Euro ohne Finanzierungsvorbehalt in die Digitalisierung fließen sollen, 100 Millionen in die bessere Ausstattung der Polizei oder 40 Millionen in die Elektromobilität. Der mit 500 Millionen Euro größte Betrag ist allerdings nicht mit konkreten Informationen versehen, die Summe steht für "Investieren/Sanieren (Straße/Schiene, Hochbau, Hochschulen, ...)" zur Verfügung. Der Ministerpräsident widersprach Mutmaßungen, dass in dieser halben Milliarde auch zusätzliche Mittel für Stuttgart 21 über den Kostendeckel hinaus versteckt sein könnten. Für die laufenden Zahlungen gebe es einen Sonderposten im Haushalt. Nebenabsprachen zu diesem Thema hätten nicht stattgefunden.

(19.07.2016)


Die Reichen sind noch viel reicher

Einkommenserhebungen bei Spitzenverdienern aus mehr als 1300 Firmen haben ergeben, dass alle offiziellen Einschätzungen zur wachsenden sozialen Kluft in der Bundesrepublik die Situation beschönigen. Nach den Zahlen, die das ARD-Magazin "Monitor" in diesen Tagen veröffentlichte, verdienen Manager und Vorstände im Durchschnitt nicht 200 000 Euro jährlich, sondern rund eine halbe Million. Die 200 000 Euro sind aber offiziell im sogenannten Sozioökonomischen Panel (SOEP) ausgewiesen, welches wiederum wichtiger Eckpfeifer der bisherigen Armuts- und Reichtums-Berichterstattung in Bund und Ländern ist.

Das Bundesarbeitsministerium will die Daten dort jetzt einfließen lassen, ebenso wie die Erkenntnisse einer in der vergangenen Woche von der Bertelsmann-Stiftung veröffentlichten Studie. Danach verdienen die einkommensstärksten zehn Prozent der Bevölkerung mehr als die unteren 40 Prozent zusammen. Und die Einkommensungleichheit wächst weiter. In "Monitor" präsentierte Wirtschaftsweise Peter Bofinger eine vergleichsweise einfache Lösung: "Aus meiner Sicht würde es naheliegen, wieder zu den Steuersätzen zurückzukehren, die wir in den Neunzigerjahren hatten, und das war ein Spitzensteuersatz in der Einkommenssteuer von 53 Prozent." Zurzeit liegt er bei 42 Prozent. Ab einer bestimmten Einkommenshöhe werden drei Prozentpunkte Reichensteuer hinzugerechnet. Von ihr sind aber nicht einmal ein halbes Prozent der Steuerzahler und Steuerzahlerinnen betroffen.


Stuttgart 21: Großdemo und Umstiegskonzept

Zur Großdemo gegen Stuttgart 21 am kommenden Samstag erwarten die Initiatoren Tausende Teilnehmer. Kontext kommt auch. Mit hübschen neuen Postkarten und Aufklebern!

Heute, Freitag, hat eine Expertengruppe des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21 ihr Konzept "Umstieg21" vorgestellt, mit dem die derzeitige Projektbaustelle doch noch zu einem sinnvollen Ende finden könnte. Unter www.umstieg-21.de stellen die Planer ihre Ideen in einer umfänglichen Broschüre dar. "In meinen dreißig Jahren als Literaturkritiker im Fernsehen habe ich nie eine Prosa gelesen, die so wohltuend war, so sinnvoll wohltätig", schreibt der berühmte Schriftsteller aus Freiburg, Jürgen Lodemann, über das Heft. "Endlich wird da nicht mehr nur Nein gesagt, sondern entstand da eine wunderbare Broschüre, die mit Sorgfalt und mit großer Eisenbahnliebe und Stuttgartliebe reale Vorschläge macht, wie man aus dem unverantwortlichen Desaster noch jetzt 'positiv' aussteigen kann - und muss! - das spart tatsächlich immense Kosten und da bleibt im Herzen der Landeshauptstadt keine dauerhaft blamable Bau-Ruine, sondern es entstehen zahlreiche überaus einleuchtende Lösungen rund um einen tollen Kopfbahnhof!"


Gedeon: AfD leitet Parteiausschlussverfahren ein

Der Bundessprecher der "Alternative für Deutschland" Jörg Meuthen hat im Landtag mitgeteilt, dass am Dienstagabend per Beschluss des Landesvorstands ein Parteiausschlussverfahren gegen Wolfgang Gedeon eingeleitet wurde. Der Singener Abgeordnete war Anlass der Spaltung der AfD-Landtagsfraktion. Im Landesvorstand arbeiten führende Vertreter beider Gruppierungen allerdings weiterhin vereint. Meuthens Co-Vorsitzender auf Landesebene ist Bernd Grimmer, der die AfD-Fraktion nicht verlassen hat. Seine Stellvertreterin Christina Baum wollte Meuthen ebenfalls nicht folgen. In einer von der CDU-Fraktion beantragten Aktuellen Debatte kritisierte deren Vorsitzender Wolfgang Reinhart vehement, dass die Zusammenarbeit im Landesverband unverändert weiterlaufe. Die AfD sei "politisch und moralisch gescheitert". Sie habe den "Ungeist der Spaltung beschworen und sich darüber selber gespalten". Frühere Ausschlussverfahren waren auch an Meuthen persönlich gescheitert. So hatte er sich dafür eingesetzt, dass der Stuttgarter Stadtrat und Göppinger Landtagsabgeordnete Heinrich Fiechtner in der Partei bleiben durfte, nach dem er Stuttgarts OB Fritz Kuhn unflätig beschimpft und den Koran mit Hitlers "Mein Kampf" verglichen hat. Andere Untersuchungen, etwa im Zusammenhang mit Äußerungen des Freiburger Rechtsanwalts und Burschenschaftlers Dubravko Mandic, sind bisher im Sand verlaufen. Grünen-Fraktionschef Andreas Schwarz wies außerdem darauf hin, dass AfD-Landtagsabgeordnete, auch solche aus Meuthens Gruppierung, Kontakte zur rechtsnationalen "Identitären Bewegung" pflegten. Sie wird vom Verfassungsschutz beobachtet.


KONTEXT
per E-Mail:
Immer informiert:

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Datenschutz-Hinweis

Politische Einmischung als "Grundaufgabe des Künstlers": Intendant Christoph Nix auf der Demo vor seinem Theater. Foto: Hans-Peter Koch

Politische Einmischung als "Grundaufgabe des Künstlers": Intendant Christoph Nix auf der Demo vor seinem Theater. Foto: Hans-Peter Koch

Ausgabe 156
Kultur

Hass am Bodensee

Von Josef-Otto Freudenreich
Datum: 26.03.2014
Ein Theater unter Polizeischutz – das hat es in Konstanz noch nie gegeben. Der Grund: Intendant Christoph Nix hat ein Stück über den Völkermord an den Armeniern auf die Bühne gebracht – und schon protestierte der türkische Generalkonsul. Mit ihm seine Landsleute, die sich in ihrer Ehre verletzt fühlten. In Konstanz geht die Angst um, und Ministerpräsident Kretschmann hat jetzt ein Problem.

Das Plakat am Konstanzer Stadttheater war unmissverständlich. Die türkische Flagge oben, zwei Schuhe, die unter einem Leichentuch hervorschauen, unten, und dazwischen ein Zitat von Ministerpräsident Erdogan: "In unserer Geschichte wurde kein Völkermord begangen." Die Schuhe gehören dem armenischen Journalisten Hrant Dink, der 2007 auf offener Straße ermordet wurde. Von einem 16-Jährigen, der beim Weglaufen gerufen hat: "Ich habe einen Ungläubigen erschossen." Dink war einer der schärfsten Kritiker der Regierung. Auch wegen des Völkermords.

Stein des Anstoßes: Die Plakate zum Theaterstück wurden drei Tage vor der Premiere wieder abgehängt.

Das Plakat hing bis drei Tage vor der Premiere des Stücks "Das Märchen vom letzten Gedanken" nach dem Roman von Edgar Hilsenrath. Es behandelt den Genozid an den Armeniern (1915–1917). Danach war das Plakat weg. Abgehängt vom Intendanten Christoph Nix.

Der türkische Generalkonsul ist überaus unglücklich

Drei Tage vor der Premiere hatte Nix ein Brief aus Karlsruhe erreicht. Absender der türkische Generalkonsul Serhat Aksen. Darin schreibt der Statthalter Erdogans in Deutschland, er empfinde es als "überaus unglücklich", den Begriff "Völkermord in dem Theaterstück zu verwenden. Einerseits stelle dieser Begriff eine "offensichtlich begangene Straftat" dar, andererseits sei eine solche aber gerichtlich nie fest gestellt worden sei. Bei den "Ereignissen von 1915" handele es sich um ein "legitimes akademisches Diskussionsthema", zu dem auch die Konstanzer Theaterbesucher die "richtigen Informationen" erhalten müssten. Deshalb habe Nix seinen Brief (hier in voller Länge) vor oder nach der Vorstellung vorzulesen beziehungsweise zu verteilen. Nix hat vorgelesen.

Die "Ereignisse von 1915", über die diskutiert werden kann, sind der Massenmord im Osmanischen Reich an den Armeniern. Bis zu eineinhalb Millionen Menschen verloren ihr Leben, massakriert oder elend verreckt in der Wüste, in die sie getrieben wurden. 22 Staaten nennen das Völkermord, Papst Franziskus eingeschlossen. Nach offizieller türkischer Geschichtsschreibung sind sie Überfällen, Hunger und Seuchen zum Opfer gefallen, nach aktueller türkischer Gesetzgebung wandert in den Knast, wer das bezweifelt. Der Journalist Hrant Dink zählte dazu. Und das gilt bis heute. Mit Bugwellen bis zum Bodensee.

Das Zentrum der 3000 türkischen Muslime in Konstanz ist weithin sichtbar: Die Mevlana-Moschee, weiß-blau, nahe dem Rheinufer, das Minarett 35 Meter hoch, eines der höchsten in Deutschland. Der Imam wird vom türkischen Staat eingesetzt, die Stadt hilft bei Finanzproblemen, der Oberbürgermeister tanzt bei der Jubiläumsfeier, die Türken stellen den größten Ausländeranteil in der 82 000-Einwohner-Stadt. Und sie rufen dort zur Demonstration gegen das Stadttheater auf, weil sie sich in ihrer Ehre und Würde verletzt fühlen. Stein des Anstoßes: das Plakat.

Im März 2011 wird die Kurdin und SPD-Spitzenfrau Sarikas zusammengeschlagen

Seit Zahide Sarikas im März 2011 brutal zusammengeschlagen wurde, geht in Konstanz die Angst um. Die damals 46-Jährige war Kandidatin der SPD für die Landtagswahl, sie ist Kurdin, Alevitin, ausgebildete Erzieherin und ausgewiesene Gegnerin des Kopftuchs. Die Staatsanwaltschaft ermittelte in alle Richtungen, im rechtsradikalen wie im islamistischen Bereich. Erfolglos. Der Überfall ist bis heute nicht aufgeklärt. Fakt ist, dass sie im Dezember 2010 eine Resolution gegen den Islamprediger Pierre Vogel verfasst hatte, der kurz vor Weihnachten in einer städtischen Halle in Allmannsdorf auftreten sollte. Der Kölner Konvertit, Exboxer und Mitglied bei den Salafisten, will die "überlegene Religion" des Islam "in jedes Haus tragen". Er wird auch als "Hassprediger" bezeichnet, der insbesondere bei jugendlichen Muslimen eine Radikalisierung vorantreibe, so der Verfassungsschutz. Für Zahide Sarikas ist er mitverantwortlich für den zunehmenden Nationalismus unter jungen Türken.

SPD-Politikerin Zahide Sarikas wurde verprügelt, weil sie gegen einen fundamentalistischen Islam-Prediger vorging. Foto: SPD
SPD-Politikerin Zahide Sarikas wurde verprügelt, weil sie gegen einen fundamentalistischen Islamprediger vorging. Foto: SPD

Christoph Nix, der Intendant, kennt die explosive Lage wie kaum ein anderer. Der 59-jährige ist ja nicht nur Künstler, sondern auch ein politischer Feuerkopf und Jurist. Ordentlicher Professor für Öffentliches Recht sogar. Er hat, als Anwalt, türkische Oppositionelle vertreten, er hat ein Buch über politische Prozesse in der Türkei geschrieben, er hat Zahide Sarikas beraten – und sie geholt, um seine Schauspieler mit dem Türkischen vertraut zu machen. Und jetzt soll er das Weichei sein.

Intendant Nix hat immer auf die Pauke gehauen

Das Plakat abgehängt, den Zensurversuch des Generalkonsuls verlesen. Das sei "Lust an der Demut", schrieb ein Kommentator, und vom Einknicken, Zurückweichen und Mutlossein war auch die Rede. Das macht den Altlinken richtig sauer. Ausgerechnet er, der, egal wo er war, mächtig auf die Pauke gehauen hat? Ob als Palitzsch-Schüler in Berlin, als Intendant in Nordhausen und Kassel, wo er im VW-Werk Baunatal die "Internationale" spielen lassen wollte (auf Intervention des Betriebsrats haben sie dann die "Marseillaise" gegeben). Ausgerechnet er, der sagt, ruhiges Theater sei totes Theater und die politische Einmischung gehöre zu den "Grundaufgaben des Künstlers". Ausgerechnet er soll den Schwanz eingezogen haben?

Nicht Nix. Was er gemacht hat, ist etwas anderes. Er ist zum Imam in die Mevlana-Moschee gegangen, um den Druck aus dem Kessel zu nehmen. Er hat die Hand aufs Herz gelegt und versichert, die Ehre des Andersgläubigen nicht verletzen zu wollen. Wenn dafür das Plakatentfernen tauge, dann tue er das, inklusive der Verlautbarung des Briefs des Herrn Generalkonsuls. Und er tue es auch zum Schutz seines Theaters und seiner Schauspieler, die sich bedroht fühlten, wie er betont. Mit diesem Kompromiss, so Nix, habe er es geschafft, die Hardcore-Fraktion aus harten Nationalisten von den gemäßigten Muslimen zu trennen. Und in der Tat: Der Zug der 150 Demonstranten durch die Gassen der Stadt verlief friedlich, die jungen Redner beteuerten, sich nur am Plakat zu stören. Ihre Nationalfahne wollten sie nicht über einer Leiche wehen sehen, sagten sie, wohl beschützt durch die deutsche Polizei. Zum Stück selbst könnten sie sich nicht äußern, da ihnen unbekannt. Die wenigsten von ihnen waren danach im Saal zu sehen.

Staatlich gesteuerter Protest? Türken demonstrieren vor dem Konstanzer Theater. Foto: Susanne Stiefel
Staatlich gesteuerter Protest? Türken demonstrieren vor dem Konstanzer Theater. Foto: Susanne Stiefel

Ein berührend-bedrückendes Stück

Sie haben ein berührend-bedrückendes Stück verpasst. Die Geschichte vom sterbenden Thovma, der auf den Todesmärschen geboren wurde, die Eltern verloren hat und auf der Suche nach dem Vater ist. Auf seinem Weg, der so elend wie zerstörerisch ist, durchlebt er das Leid des armenischen Volkes, die Niedertracht und Unmenschlichkeit seiner Verfolger. Seine letzten Gedanken lassen ihn zum Zeugen des großen Pogroms an den Armeniern von 1915 werden. Es wären märchenhaft realistische Geschichtsstunden für die Verdränger geworden.

Die Premiere angeschaut hat sich Diradur Sardaryan, der Gemeindepfarrer der 5000 Armenier in Baden-Württemberg. Als "Zeichen der Hoffnung" hat er das Stück gewertet, als öffentliche Bühne für eine Diskussion, die Ministerpräsident Erdogan verhindern will wie das Twittern im Land. Warum nicht auch in Konstanz? Pfarrer Sardaryan, der ein kleines Kreuz am Revers trägt, dankt zunächst Christoph Nix für seinen Mut, das Stück aufzuführen. Auch wenn es, sagt er, eigentlich selbstverständlich sein müsste, in einem freien Land. Aber was ist schon selbstverständlich in diesem Fall, fragt er, in dem die Türkei schon unter Strafe stellt, wer den Völkermord nur als solchen benennt? Viele seiner Landsleute, erzählt er, hätten sich nicht getraut zu kommen.

Erinnert sich noch jemand an die Absage der Uni Stuttgart? Damals, im Mai 2011, wollten gemeinnützige Vereine von Griechen und Assyrern über die "Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung der Christen im Osmanischen Reich" sprechen. In den Räumen der Universität. Rektor Wolfram Ressel sperrte sie aus, nachdem, wie er bekannte, "enormer Protest aus Berlin" bei ihm eingetroffen war und ihm die Neutralität seiner Einrichtung gefährdet schien. Der armenische Pfarrer erinnert sich noch daran. Er nennt es eine "staatliche Steuerung" des Protests.

Minister Friedrich ist auch da und denkt an Kretschmanns Probleme

Da trifft es sich gut, dass auch ein leibhaftiger Minister unter den Besuchern ist, der für etwas zuständig ist, was dem Steuermann vom Bosporus wichtig ist: Europa. Es ist Peter Friedrich. Der 41-Jährige ist per Du mit dem Intendanten, was nichts Schlimmes am See ist, weil der Minister für Europa, Bundesrat und internationale Angelegenheiten auch noch Konstanzer SPD-Kreisvorsitzender ist. Friedrich ist ziemlich genervt von des Konsuls Attacken, aber das sagt er so deutlich nicht. Er spricht von einer "überspitzten Reaktion" und davon, dass man seine Vergangenheit nicht an Historiker "outsourcen" könne. Dem habe sich die türkische Gesellschaft zu stellen, und das sei bisher "nicht ausreichend" geschehen. Das gelte auch für den Schutz von Minderheiten sowie die Meinungs- und Religionsfreiheit.

Genervt vom türkischen Konsul: Minister Peter Friedrich. Foto: Susanne Stiefel
Genervt vom türkischen Konsul: Minister Peter Friedrich. Foto: Susanne Stiefel

Die weiche Wortwahl hat einen Grund, und der heißt Kretschmann. Noch keine zwei Jahre ist es her, dass der grüne Ministerpräsident nach Ankara gereist war, um ein politisches Signal zu setzen: Die Türkei muss Vollmitglied der Europäischen Union werden. Dies sei wichtig, meinte der Regierungschef, denn eine in die EU-Strukturen eingebundene Türkei könne beweisen, dass "unsere Vorstellungen von Rechtsstaat und Menschenrechten" eben nicht von der religiösen Prägung eines Landes abhingen. Als Christ betrachte er die Türkei als "Teil Europas", schließlich fänden sich in Troja die Wurzeln einer gemeinsamen Zivilisation. Damals hatte sich gleich der CDU-Landesvorsitzende Thomas Strobl gemeldet und von "Werten wie Freiheit und Demokratie" gesprochen, bei denen die Türkei einen enormen Nachholbedarf habe. Das Statement wird er auf Wiedervorlage haben. 

Das "Märchen vom letzten Gedanken" wird noch 14 Mal am Konstanzer Stadttheater erzählt. Christoph Nix sagt, das hätte sich kein anderer getraut. 

Die nächsten Aufführungen sind unter diesem Link zu finden.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?

Kommentare

maguscarolus, 02.04.2014 10:21
@Stuttgarter Bürger, 01.04.2014 16:18 - soll wohl Bürger heißen ;-)

>> Es geht nur darum <<

Nach meiner Überzeugung geht es bei solchen "Tagesmeldungen" nie nur um eben diese, sondern auch, wenn nicht gar vor allem, um die gesellschaftliche Befindlichkeit, die darunter zu Vorschein kommt.

Im Übrigen bezog sich meine Bemerkung zu "Nazideutschland®" ausschließlich auf den von mir auch zitierten vorangegangenen Kommentar, und von Islam habe ich kein Wort geschrieben. Dass es aber bei dem ganzen Vorgang auch überhaupt nicht um den Völkermord und seine Bewertung gehen soll – das erschließt sich mir gar nicht!

Es ist bedauerlich, wie selektiv und reizwortgesteuert oft gelesen wird.

Stuttgarter Bürger, 01.04.2014 16:18
@maguscarolus

Es geht hier nicht um Nazideutschland, nicht um den Islam, nicht um Völkermorde anderer Völker.

Es geht nur darum: Ein Konstanzer Theater führt ein Stück auf über den Völkermord an den Armeniern durch die Türken 1915. Der türkische Konsul protestiert wegen des Theaterplakats. Der Intendant des Theaters kneift und zensiert sich selbst, indem er das Plakat abhängt. Und Minister Friedrich wiegelt ab.

Das ist ein erfolgreicher Angriff auf die Meinungsfreiheit und die Freiheit der Kunst und das ist von Seiten des Intendanten und des Ministers erbärmlich.

maguscarolus, 01.04.2014 13:27
@Mustermann, 27.03.2014 21:42

...

“Immer schreibt der Sieger die Geschichte des Besiegten. Dem Erschlagenen entstellt der Schläger die Züge. Aus der Welt geht der Schwächere und zurück bleibt die Lüge.” - Berthold Brecht

Immer dann, wenn solche Sätze letztlich dazu instrumentalisiert werden, die Schuld Nazi-Deutschlands am Grauen des 2.Weltkriegs und des Holocausts zu relativieren, kommt mir das große Kotzen hoch.

maguscarolus, 01.04.2014 09:10
Die Geschichte des Völkermords ist so alt wie die Geschichte der Menschheit, und was als "Völkermord" im Sinne des Völkerrechts bezeichnet wird hängt im Wesentlichen von der gerade herrschenden Meinung ab. Ich will den türkischen Nationalismus so wenig verteidigen wie alle anderen Nationalismen, aber auffallend ist es schon, wie selektiv die öffentliche Aufmerksamkeit ist, wenn Völkermorde angeprangert werden. Wenn man die physische Vernichtung einer Menschengruppe aufgrund ihrer ethnischen oder religiösen Zugehörigkeit als Völkermord bezeichnet, wird sich kaum eine "Nation" finden lassen, in deren Gründungsgeschichte nicht auch ein Völkermord oder die Vertreibung einer Volksgruppe ohne Rücksicht auf deren weiteres Schicksal vorkommt. Wie diese Vorkommnisse historisch aufgearbeitet werden ist i.d.R. mehr als jämmerlich, bzw. es verschwindet unter den Gründungsmythen der entstehenden neuen Gesellschaft.
Für mich wäre interessant, ob die nationalistische Verbohrtheit der staatstragenden Eliten in der Türkei genau so betonschädelig wäre, wenn andere "große Nationen" die düsteren Kapitel ihrer Geschichte ebenso offensiv aufarbeiten würden wie es in Deutschland nach dem 2.Weltkrieg – wenn auch nicht ganz freiwillig – passiert ist.
Im internationalen Meinungskonzert wird der von den Nazis herbei geführte Holocaust auf Grund der bestialischen Einzigartigkeit in der Art und Weise seiner industriellen Durchführung zu Recht als Singularität behandelt; man sollte darüber allerdings das Wissen und das öffentliche Gespräch um die Existenz anderer Völkermorde auch in unseren Tagen nicht der politischen und wirtschaftlichen Opportunität opfern!

rully, 30.03.2014 12:09
Nicht alle im friedlich - idyllischen Konstanz sind einverstanden, wenn man Hrant Dink nach dem Auftrtt von 200 Fahnenschwingern stillschweigend verschwinden lässt:

http://www.seemoz.de/kontrovers/die-fahne-und-die-ehre/

Ein Aspekt kommt in der bisherigen Diskussion zu kurz:
"die" Türkei gibt es nicht. Es gibt eine Menge Leute in der Türkei, die sich dem offiziellen "Da war nichts" nicht anschliessen wollen.
Und immer wieder die Courage haben, das auch zu sagen.
Eben diesem Teil der türkischen Gesellschaft wird der mutige Konstanzer Rückzug hinter die Linie der künstlerischen Freiheit nicht gerecht.

Stuttgarter Bürger, 29.03.2014 09:59
Der Artikel vermengt meiner Meinung nach in unzulässiger Weise die Themen Islamismus und türkischer Nationalismus. Das führt dazu, dass die Stimmungsmache des türkischen Konsuls in den meisten Kommentaren mit grundsätzlicher Islamkritik beantwortet wird.

Das eigentlich Traurige an der ganzen Situation ist aber die Tatsache, dass der offizielle Vertreter der Türkei in Deutschland problemlos bei deutschen Theatern eine protürkische Geschichtsfälschung durchsetzen kann. Die erbärmliche Feigheit von Herrn Nix und die Untätigkeit unseres Ministerpräsidenten sind dabei offenkundig hilfreich.

Ein selbstbewussteres Auftreten aller Beteiligten wäre nötig. Und das hat überhaupt nichts mit deutschen Verfehlungen zu tun. Es geht nur um das Recht, in Deutschland seine Meinung frei äußern zu können, egal wer sich daran stört.

filder, 28.03.2014 21:17
War eigentlich klar, dass das Thema sogleich von den einschlägigen Pipifanten gekapert werden würde - von denen, die nie einen Fuß in ein Theater setzen würden und "Meinungsfreiheit" vor allem als Freiheit zum Hass verspritzen verstehen. Statt Hass am Bodensee, Hass bei Kontext:

@Nobody: "Den Deutschen wird tagtäglich durch die gleichgeschalteten Propagandamedien "Ihre Schuld" ins Gewissen gestanzt."

Ah-ja, die "gleichgeschalteten Propagandamedien" - da weiss man wenigstens gleich, aus welcher Ecke der Beitrag kommt. PI-News und Konsorten sind da:

"Genauso wie der Holocaust noch immer den heutigen Deutschen angelastet wird,"

Als gar nicht. Dass der Holocaust den heutigen Deutschen angelastet werde, ist ein rechtsextremer Mythos. Man stilisiert sich selbst zum Opfer, um den Opfern des Holocaust ebenbürtig zu sein.

@Kurz und Knapp: "Die Einwanderung des Türkentums und des Islam ist grandios gescheitert. Künftige deutsche Generationen werden das zu spüren bekommen, naja, viele deutsche Jugendliche spüren es ja jetzt schon am eigenen Leib."

Abgesehen davon, dass das Theaterstück nun gar nichts mit der "Einwanderung des Türkentums und des Islam" zu tun hat und Sie diesen nur als Trittbrettfahrer nutzen, spüren Türken auch an eigenen Leib, was Eiferer mit solchem Gedankengut bewirken - von Solingen bis zum NSU. Was ist denn da eigentlich "gescheitert" - die christliche Leitkultur? Das deutsche Wesen?

@Realist: "und jetzt stelle man sich diesen Satz auf Deutschland bezogen auf einer deutschen Tageszeitung vor... Der Aufschrei der Empörung würde tagelang nicht mehr verhallen."

Aber doch nicht bei Ihnen - Sie würden begeistert jubeln. Warum also missfällt Ihnen Nationalismus plötzlich? Weil Sie Ihren eigenen auf der Verachtung von Türken aufbauen?

@ Hagen: "Wenn Türken damit ein Problem haben, sollte man ihnen klar die Grenzen aufzeigen. (…) Ebenso Fakt ist der Völkermord von "Deutschen" an Juden,"

Warum setzen Sie Deutschen in Anführungszeichen und Türken nicht?

"Eigenreflexion und Eigenkritik dürften wohl Fremdwörter sein, aber das scheint überhaupt eine Eigenart der Anhänger der islamischen Ideologie zu sein."

Ach, sind Sie ein Anhänger der " islamischen Ideologie"? Eigenreflexion und Eigenkritik sind Ihnen ja wohl ein Fremdwort, wie man an Ihren Anführungszeichen um die Deutschen sieht. Islamisten und deutsche Rechtsradikale haben mehr gemeinsam als ihnen lieb ist … nur gut, dass sie sich gegenseitig so hassen.

@Christian Wolter: "Der Bevölkerungsanteil der Muslime in Deutschland stieg in den letzten wenigen Jahrzehnten von fast 0% auf inzwischen mindestens 5%, Verdopplung alle 10 Jahre."

Auch das sind beides reine Propagandazahlen aus dem rechtsradikalen Bereich - selbst konservative Medien hüten sich, so einen Blödsinn zu verblasen:

"Auch in Europa wird es bis 2030 rund ein Drittel mehr Muslime geben. Der Bevölkerungsanteil von derzeit 6 Prozent vergrößert sich auf 8 Prozent, d.h. 44,1 Millionen jetzt in Europa lebende Muslime werden in zwei Jahrzehnten 58,2 Millionen sein. Seit 1990 (29,6 Millionen) wäre das fast eine Verdopplung."
http://www.citizentimes.eu/2011/02/01/muslimische-bevoelkerungsentwicklung-1990-2030/

Verdopplung also in 40 Jahren, nicht wie sie behaupten alle 10 Jahre. Aber solange es 'gegen Muslime' geht, wird ja jeder Stuss bereitwillig verblasen.

Christian Wolter, 27.03.2014 23:11
Noch Ende des 19. Jahrhunderts betrug der Anteil der Christen in der Türkei 25 Prozent. Heute sind Christen mit 0,2 Prozent praktisch nicht mehr existent. Der Bevölkerungsanteil der Muslime in Deutschland stieg in den letzten wenigen Jahrzehnten von fast 0% auf inzwischen mindestens 5%, Verdopplung alle 10 Jahre. Die Asymmetrie dieser Entwicklung ist bemerkenswert.

Mustermann, 27.03.2014 21:42
Der Artikel zieht so wunderbar über das Türkische Gesetz her, dass es in der Türkei doch Strafbar sei, den Völkermord an den Armeniern vor 100 Jahren als solchen zu nennen.
Jedoch sollten wir doch, bevor wir über andere Gesetze und Kulturen herziehen, uns doch mal an die eigene Nase fassen. Auch in Deutschland ist eine bestimmte Meinung Gesetzlich verboten zu äußern, und wird mit mehreren Jahren Haft bestraft.

“Immer schreibt der Sieger die Geschichte des Besiegten. Dem Erschlagenen entstellt der Schläger die Züge. Aus der Welt geht der Schwächere und zurück bleibt die Lüge.” - Berthold Brecht

Hardy Prothmann, 27.03.2014 21:22
Lieber Josef,

gut aufgeschrieben - krasse Geschichte.

Ich bin eigentlich seit Jahren für eine Aufnahme der Türkei in die EU Die aktuelle Entwicklung macht das unmöglich.

Und eine Atmosphäre der Angst im beschaulichen Konstanz wegen eines Theaterstücks? Da kann man nur den Kopf schütten.

Ob der Herr Konsul auf einen Brief verlesen würde, den man zu der aktuellen Lage in der Türkei schreibt? Wohl eher nicht.

Die Provokation ist gut und richtig - denn sie zeigt anhand der Reaktionen, welches gefährliche Potenzial da schlummert.

In Mannheim wurde Pierre Vogel von den meisten TÜrken nicht wohlwollende empfangen.

Grüße
Hardy

http://www.rheinneckarblog.de/24/rechtsradikale-versus-islamextremisten/43692.html

Hans Hinterher, 27.03.2014 10:58
Bei aller berechtigter Kritik an den Reaktionen unserer türkischen Mitbürger, vermisse ich einen gewissen Kontext. Islam-Kritik ist schick geworden. Wenn man ehrlich ist, wird sie seit Jahren geradezu exzessiv verbreitet, - und das mit Sicherheit auch von Leuten, die sich nie für Integration eingesetzt, ja, die noch nicht einmal Kontakt mit betreffenden Minderheiten hatten. Jeder weiß auf einmal etwas Negatives über Muslime zu berichten. Die Hetze durchzieht die Medien, und wird nur marginal entlarvt. Ein paar Studien gibt es allenfalls, wenn aufkommt, dass seit Jahren rechtsradikale Jugendliche mordend durch die Republik ziehen. Es gibt Talkshows mit halbseidenen Gästen und Dampfplauderern, in denen man von der „Unreformierbarkeit“ des Islams schwadroniert. Das hat der Bürger gern. Seit 9/11 ist das neue Feindbild klar, hinterfragt werden Anschläge nicht. Es wird nicht darauf verwiesen, wer auf dem Globus ganze Gesellschaften, ja ganze Kulturen zerstört, um „Märkte“ zu gewinnen. - Dazu gibt es keine Theaterstücke, hier ist man blind, feige oder selbstgerecht.

In meinen Augen ist es typisch für Konstanz sich ausgerechnet am Thema „Armenien 1915“ abzuarbeiten, - das tut hier niemanden weh, außer jenen, auf die es offenbar nicht ankommt, und es lenkt schön von den eigenen Verfehlungen ab. Hier steht man ganz in der Tradition unserer öffentlich-rechtlichen Medien. Die hat der Konstanzer Bürger mit Sicherheit auch noch nicht durchschaut, und dienen ihm womöglich noch als Vorbild, worüber er sich aufzuregen habe.

Ich möchte hier nichts relativieren, allerdings trete ich zurück, um das ganze Bild zu betrachten. Es missfällt mir eben, wenn die Deutschen verstärkt für sich eine Gedenkkultur des Opferseins in Anspruch nehmen („der Krieg war ja so schlimm“), dabei noch nicht einmal der 27 Millionen toten Russen, Weißrussen und Ukrainer gedenken (eine Geschichtspolitik, deren Sinnhaftigkeit sich in diesen Tagen wieder einmal als wunderbar „passend“ bestätigt), und auf der anderen Seite schnell bereit sind, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Das ist doch durchschaubar.

Zaininger, 26.03.2014 23:24
Kein heutiger türkischer Staatsbürger kann für die Verbrechen im Zuge der Auflösung des osmanischen Reichs verantwortlich gemacht werden. Aber: es ist jeder einigermaßen zivilisierter Mensch verpflichtet sich mit den Fehlern, Irrungen, Verbrechen seiner Vorfahren zu beschäftigen, daraus zu lernen und nicht mit neuem Fanatismus zu reagieren. Da herrscht bei der türkischen Elite (ob islamistisch oder kemalistisch geprägt) erheblicher Nachholbedarf.

stromerhannes, 26.03.2014 19:52
Es ist nun einmal "Offenkundig", daß die Türken seinerzeit millionen Menschen in die Wüstensteppen des Euphrats trieben und ohne Nahrung und Wasser ihrem Schicksal überliessen.

Da nutzen auch keine Protestbriefe an den Intendanten.

Leider eine Facette der Geschichte, deren "Offenkundigkeit" nicht erst von Gerichten strafbewehrt erzwungen werden muss.

Deniz Dersimli, 26.03.2014 19:21
Türkischer Rassismus in Deutschand gegen Kurden, Alevtien, Assyrer, Juden und Deutsche selbst ist ein riesiges Problem und es ist gut, dass das Theaterstück uns endlich zwingt ihn wieder zu thematisieren.

Ich komme aus der Provinz Dersim, die die Türken in Tunceli umbenannten, als sie die kurdischen Sprachen Zaza und Kurmanci verboten.
Ich finde es absolut erschrecken, wie viele Deutsche in diesem Thread nicht verstehen, dass die "Meinungsfreiheit" hier von der staatliche türkischen Propaganda missbraucht wird, um einen weltweit beispiellosen Rassismus nach Deutschland zu bringen.

Würden Sie auch so verständnisvoll reagieren, wenn ein rechter Mob gegen die Verbrechen der Wehrmacht protestiert?
Das hat nämlich diesselbe Qualität!

Der Völkermord an Armeniern, pontischen Griechen und Assyrern ist Fakt und wissenschaftlicher Konsens. Mehrere hundert internationale Wissenschaftler bestätigen das. Leugner kann man außerhalb der Türkei an einer Hand abzählen. Diese sind zumeist unter massiven Einfluss des aserbaidschanischen Regimes. Die Aserbaidschaner sehen sich als Brudervolk der Türken und die Armenier als Todfeinde zu sehen gehört dort zur Staatsdoktrin.

Die Definition von Völkermord wurde von Rafael Lemkin geschrieben, nachdem er untersucht hatte, was zwischen 1914 und 1922 in der Türkei mit den nicht-sunnitischen Minderheiten geschah!

Auch viele von uns Kurden wurden damals zwangsumgesiedelt. Ich erinnere mich an Erzählungen meiner Großmutter. In unserer Provinz haben wir viele Armenier vor den osmanischen Mordkommandos versteckt und sie als Kurden ausgegeben.
Den Preis bezahlten wir 1938 als die türkische Armee in unsere Provinz eindrang und 60.000 kurdische Aleviten abschlachtete.
Mehr dazu:
http://www.gfbv.de/inhaltsDok.php?id=1017

Es war "nur" das verheerendste von einem guten dutzend Massakern des türkischen Staates an unserem Volk zwischen Zîlan (1930) und Roboski (2011).
Die Massaker an Kurden knüpften unmittelbar an die Massaker an den Armeniern, Assyrern und pontischen Griechen (Pontus ist die Schwarzmeerregion, türk. Karadeniz) an.
Die Türkei ist auf einer weltweit beispiellosen Rassenideologie gebaut, die Armenier, Assyrer, Griechen und Kurden zum Feind hat.
Weitere Beispiele für diesen beispiellosen Rassismus kann man u.a. hier nachlsen:

http://de.wikipedia.org/wiki/Varl%C4%B1k_Vergisi

http://julian-tumasewitsch.blogspot.de/2012/12/...blick-auf-2012.html

http://alevi.com/de/...ist-zum-wiederholten-male-seinen-alevitenhass/

http://www.igfm.de/laender/tuerkei/christen-in-der-tuerkei/

http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/...reisen/story/30191738

http://haolam.de/Europa-Welt/2011-7/artikel_6026.html

Das unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit zu verharmlosen, ist eine Diskriminierung von in Deutschland lebend 1.000.000 Kurden, 60.000 Armeniern, 250.000 Griechen und 30.000 Assyrern.
Ich kann nicht verstehen, wie so viele hier in einem Land, an dem an jeder Straßenlaterne Antifaaufkleber sind, tatsächlich diesen türksichen Rassismus verteidigen können, der für uns alle immer mehr zur Bedrohung wird, kann ich nicht verstehen.
Dürfen denn in euren Augen Minderheiten diskriminiert werden, solange das von einer anderen Minderheit gemacht wird?

Völkermordsleugnung ist ein volksverhetzerisches Verbrechen und darf nicht unter dem Deckmantel der Meinungsfeiheit toleriert werden!
Wir Aleviten bedürfen ebenso wie die Armenier, Assyrer, pontischen Griechen und Yezidin vor dem sich in Deutschland immer weiter ausbreitenden türkischen Rassismus geschützt zu werden!

Hagen, 26.03.2014 18:01
Mir hängt das alles nur noch zum Hals raus, hier kann und darf es kein zweierlei Maß geben.
Wenn Türken damit ein Problem haben, sollte man ihnen klar die Grenzen aufzeigen.
Der Völkermord an den Armeniern hat stattgefunden, ohne wenn und aber und das ist nun einmal Fakt.
Ebenso Fakt ist der Völkermord von "Deutschen" an Juden, die Ausrottung der Indianer und die Versklavung von Schwarzen durch Amerikaner, der Völkermord in Ruanda, die Gräueltaten im Kosovo, die Gräueltaten in Burma, die Gräueltaten von Japanern an Chinesen usw. und so fort.......
Nur die Deutschen von denen die Meisten heute lebenden überhaupt nichts mehr mit dem damaligen Mord an den Juden zu tun haben, werden immer weiter zur Rechenschaft gezogen und uns wird Jahr für Jahr die Schuld eingeimpft!

Der Völkermord an den Armeniern hatte einen rein rassistischen Hintergrund!
Die Türkei ist stets vorne mit dabei wenn es Andere zu kritisieren gibt und wenn Forderungen gestellt werden, Eigenreflexion und Eigenkritik dürften wohl Fremdwörter sein, aber das scheint überhaupt eine Eigenart der Anhänger der islamischen Ideologie zu sein.

Nobody, 26.03.2014 17:40
Interessant! Den Deutschen wird tagtäglich durch die gleichgeschalteten Propagandamedien "Ihre Schuld" ins Gewissen gestanzt. Es wird auch nicht dagegen demonstriert - wahrscheinlich haben die Deutschen keine Zeit dafür, da Sie ja tageintagaus für diese "Schuld" und die Dauergäste arbeiten müssen.

Th. Hahn, 26.03.2014 17:26
@FernDer Heimat: "- das Osmanische Reich ist nicht die heutige Türkei und dieser Art von Vorgehensweise haben sich auch andere kriegsführende Nationen (davor und danach) bedient -"

Genauso wie der Holocaust noch immer den heutigen Deutschen angelastet wird, genauso müssen sich die Türken gefallen lassen, dass sie Schuld am Völkermord an den Armeniern sind. Genauso müssen sich die Juden den Mord an den Palästinensern, die US- Amerikaner den Mord an den Indianern, die Japaner an den Chinesen usw. usf. anlasten lassen. Aber nur die heute lebenden Deutschen, die nicht einmal zu diesen Zeiten gelebt haben, werden immer wieder mit der Nazi- Keule erschlagen und zu Zahlungen auf der ganzen Welt gezwungen.

Kurz und Knapp, 26.03.2014 17:14
Die Einwanderung des Türkentums und des Islam ist grandios gescheitert. Künftige deutsche Generationen werden das zu spüren bekommen, naja, viele deutsche Jugendliche spüren es ja jetzt schon am eigenen Leib.

Realist, 26.03.2014 17:03
Die Türkei ist stets nur gut im Kritisieren anderer Länder und Sitten. Die eigene Geschichte wird hingegen geleugnet und Tatsachen verdrängt.

Man muss sich nur die erste Seite einer der größten türkischen Zeitungen ansehen - was steht dort unter der Landesflagge mit dem Bild des Staatsgründers ? Einfach mal den Online-Übersetzer bemühen - und jetzt stelle man sich diesen Satz auf Deutschland bezogen auf einer deutschen Tageszeitung vor... Der Aufschrei der Empörung würde tagelang nicht mehr verhallen.

FernDerHeimat, 26.03.2014 15:47
Also gut, noch einmal kurz und knapp:

Hier wurde mit einem Theaterstück versucht zu provozieren. Zum Zweck der Kritik an den aktuellen Zuständen in der Türkei. Der historische Aspekt ist dabei letztendlich irrelevant, bzw. wird heruntergespielt. Stattdessen findet in der Öffentlichkeit eine Eskalation statt, die zu populistischer Agitation auf beiden Seiten missbraucht wird.

Den Toten dieses Völkermordes - sowie allen anderen Opfern von Völkermord - wird das nicht gerecht.

Warum macht man nicht gleich ein Stück, das auf die aktuellen Zustände in der Türkei eingeht?

Kommentar hinzufügen




CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.


* Pflichtfeld!

Letzte Kommentare:

Ausgabe 277 / NSU: Zu viele Zufälle / Michael Kuckenburg, 22.07.2016 23:40
"Frage an Herrn Kuckenburg: Ist es Gedankenlosigkeit von Ihnen oder Absicht wenn Sie zwischen dem heimlichen Zusammenspiel von Militär, Polizei, Geheimdiensten, Teilen von Verwaltung und Regierung, Rechtsextremismus einerseits sowie...

Ausgabe 277 / Vom rechten Narrensaum / Zaininger, 22.07.2016 21:43
"Ich habe eine Anwaltskanzlei und keine psychiatrische Ambulanz. Für die Beratertätigkeit gilt das Gleiche: Ich bin Anwalt und kein Insolvenzverwalter. " Das ist nicht nur nett, das ist doch (hoffentlich) ein Abgang aus der aktiven...

Ausgabe 277 / NSU: Zu viele Zufälle / Schwabe, 22.07.2016 18:47
Falls die Herren Kuckenburg und invinoveritas an Informationen und an sachlichen Diskussionen jenseits ihrer Ideologie interessiert sind - hier bitte: "„Geheimdienste, politische Komplizen und rechter Mob unterwandern die...

Ausgabe 277 / Warum nicht zu Ende gebaut wird / invinoveritas, 22.07.2016 17:10
@by-the way "abstruse Phantasien"? Es riecht bei Ihnen penetrant nach lustvollem Schwelgen in Phantasien von gnadenloser Ungezieferbekämpfung. Einst priesen Sie die RAF, denn die habe "zumindest die richtigen Zielpersonen...

Ausgabe 277 / NSU: Zu viele Zufälle / invinoveritas, 22.07.2016 15:54
@Michael Kuckenburg Es ehrt Sie, dass Sie die Herren Barolo und Schwabe direkt und indirekt mit allerlei Fragen konfrontieren. Von denen nicht die unwichtigste heißt, woher diese beiden hellsichtigen Zeitgenossen denn eigentlich ihre...

Ausgabe 277 / Vom rechten Narrensaum / Heike Schiller, 22.07.2016 13:02
nett.

Ausgabe 277 / "... dann ist TTIP tot" / Horst Ruch, 22.07.2016 12:57
.....hire and fire ... In all the puppet States of America.. TTIP machts möglicher! CETA is the begin of the beginning....Hat @ Sholem schon mal nachgedacht, wenn TTIP ratifiziert gewesen wäre? Dann wäre VW schon pleite. Beinahe...

Ausgabe 277 / NSU: Zu viele Zufälle / Michael Kuckenburg, 22.07.2016 11:43
Hallo Herr Barolo (wie immer Sie heißen mögen), Sie fragen, warum ich von "Schwabe" wissen möchte, wer in Deutschland zum "tiefen Staat" gehört? Naja, weil er behauptet hat, dass es ihn gibt. Und das wird er ja wohl nicht aus dem...

Ausgabe 277 / Crowdfunding für Denkmalschutz / Wolfgang Jaworek, 22.07.2016 10:34
Warum beschleicht mich bei der Lektüre der durchaus kenntnis- und detailreich recherchierten Beiträge von Dietrich Heißenbüttel zu seinem (und meinem) Herzensthema Denkmalpflege immer wieder ein ungutes Gefühl? So auch wieder bei...

Ausgabe 276 / Hagen, der Lokführer / Herbert Marko, 22.07.2016 09:24
Sehr geehrter Herr Hagen! Als sei es gestern gewesen! So meine schöne Erinnerung mit ihnen bei den Filmaufnahmen im Ybbstal. Ich durfte den Eisenstrassenschmied spielen und ihnen ein kleines Präsent aus dem Ybbstal...

Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!