KONTEXT Extra:
Aras legt sich mit Erdogan an

Die Stuttgarter Grünen-Abgeordnete und Landtagspräsidentin Muhterem Aras hat die deutschtürkische Community aufgefordert, sich mit dem Verfassungsreferendum am 16. April kritisch auseinanderzusetzen. Von den Imamen wünscht sich die Stimmenkönigin ihrer Partei bei den Landtagswahlen 2016, dass die "in den Freitagspredigten zu einem respektvollen und fairen Umgang miteinander aufrufen und die hier geltenden Werte von Meinungs-, Presse- und Religionsfreiheit entschieden weitergeben". Sie selber verzichte derzeit auf Reisen in die Türkei, "weil ich nicht weiß, ob ich mich dort frei bewegen könnte". Zugleich müssten sich Demokraten weigern, sich zu Feinden der Türkei machen zu lassen. Aras nutzte eine Landtagsdebatte zum 60. Geburstag der EU auch zu scharfer Krtik am türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, weil der "auf das Infamste" gebaute Brücken wieder einreißen und die Gesellschaft spalten wolle. Von den Vertretern AKP-naher Institutionen erwartet die Grüne eine öffentliche Distanzierung von den "die Opfer verhöhnenden Nazivorwürfen". Im Südwesten dürfen insgesamt rund 230 000 Türken am Referendum teilnehmen – und zwar vorab: Die Wahl beginnt bereits am 27. März und endet am 9. April. (22.3.2017)

Mehr zum Thema: "Meister der Feindbilder", "Unverschämt und dumm"


Stuttgart 21: Aktionsbündnis warnt Aufsichtsrat

Drei Tage vor einer Sitzung des DB-Aufsichtsrats verlangt das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 erneut eine "faktenehrliche Bestandsaufnahme". Sollte sich der Aufsichtsrat wieder um die Auseinandersetzung drücken oder gar unbeirrt den Weiterbau beschließen, so Eisenhart von Loeper, schädige er wider besseres Wissen das Vermögen der Deutschen Bahn AG. "Das würde", erklärt der Bündnissprecher weiter, "den Tatbestand der Untreue erfüllen." Eine strafrechtliche Aufarbeitung sei die Konsequenz; darauf habe das Bündnis zuletzt am 11. März 2017 den Aufsichtsrat per Brief hingewiesen.

Ihren Appell richten die Stuttgart-21-Gegner nicht nur an den Vorsitzenden des Aufsichtsrats Utz-Hellmuth Felcht, sondern auch an den designierten Vorstandsvorsitzenden Richard Lutz. Als erstes sei "eine Bestandsaufnahme der ungelösten Probleme und hohen Risiken notwendig, die sich an den Realitäten und nicht an den Gesichtswahrungsproblemen der politisch Verantwortlichen orientiert". Von Loeper argumentiert damit, dass sich das Projekt "jenseits aller wirtschaftlichen Rationalität bewegt", und mit dem weiter offenen Brandschutz. Außerdem solle der Aufsichtsrat "endlich zur Kenntnis nehmen, dass sich die DB mit S 21 einen Dauerengpass für viel Geld baut, der den Bahnverkehr behindert und den viel beschworenen Deutschlandtakt im Südwesten irreversibel unmöglich macht". Nach der Devise "Politik beginnt mit der Kenntnisnahme der Realität" will das Aktionsbündnis den neuen Bahnchef zu Gesprächen einladen, bei denen sie ihm auch die von der Bürgerbewegung entwickelten Alternativen zum Weiterbau erläutern wollen. Deren "ernsthafte Prüfung" wünscht sich nach einer repräsentativen Umfrage von infratest dimap in Baden-Württemberg sogar eine Mehrheit der Projektbefürworter. (19.3.2017)

Mehr zum Thema: "Bahnfeinde im Bahnvorstand"


IHK will nicht mehr gegen Kakteen polemisieren

Auch ein Vergleich kann ein Erfolg sein: Vor dem Verwaltungsgericht Stuttgart akzeptierte die IHK Region Stuttgart die Feststellung, dass sie in der Vergangenheit mit Angriffen gegen die IHK-Rebellen der Kaktus-Initiative ihre Kompetenz überschritten hat. Stein des Anstoßes waren zwei IHK-Pressemitteilungen, in denen Hauptgeschäftsführer Andreas Richter gegen die Kakteen polemisiert habe, so Kaktus-Mitglied Klaus Steinke, der in der Folge Klage eingereicht hatte.

Konkret einigten sich die Streitparteien am heutigen Donnerstag, den 16. März, auf folgenden Vergleich: Die IHK Region Stuttgart erklärt, "dass ohne Beratung und Beschlussfassung durch die Vollversammlung keine weiteren öffentlichen Äußerungen der IHK und ihrer Organe über Binnenkonflikte, die keine wirtschaftspolitischen Positionen betreffen, abgegeben werden", und dass es den beiden strittigen Pressemitteilungen "an einer solchen Beratung und Beschlussfassung mangelte". Außerdem trägt die IHK trägt die Kosten des Verfahrens von 5000 Euro.

Für Steinke ist es "ein gutes Ergebnis, weil es die Transparenz innerhalb der IHK stärkt, und weil es deutlich die Frage artikuliert, was Geschäftsführer und Präsident dürfen und was nicht". Zwar wäre es, so Steinke, spannend gewesen, wenn das Gericht in einem Urteil Grundsatzregeln für die Öffentlichkeitsarbeit der IHK aufgestellt hätte. Aber er sei mit dem Vergleich zufrieden, "weil es mir in der Sache nicht darum geht, zu siegen, sondern eine Veränderung innerhalb der IHK zu bewirken". Zudem habe das Ergebnis, so hofft Steinke, auch "eine Signalwirkung auf andere IHKs".

Die Kaktus-Initiative, 2011 gegründet, kritisierte in den letzten Jahren immer wieder intransparente Wahlverfahren und die offizielle Pro-Haltung der IHK zu Stuttgart 21. (16.3.2017)

Mehr zum Thema: "Rebellen im Weinberghäusle" und "Die IHK wackelt nicht".


Afghanistan-Rückkehrer bekommt zweimonatiges Arbeitsvisum

Es ist ein kleines Wunder. Denn trotz der mannigfaltigen Unterstützung in den vergangenen Wochen, glaubten nicht viele seiner Freunde wirklich daran, dass der Zahnarzt Ahmad Shakib Pouya, der in einem französischen Krankenhaus in Herat gearbeitet hat, zurück in die Bundesrepublik kommen kann. Pouya war in seiner früheren Heimat von den Taliban bedroht, floh 2010 nach Deutschland. Hier war er einer der Hauptdarsteller in der vielbeachten Produktion der Mozart-Oper "Zaide" und hatte eine doppelte Zusage auf Festanstellung – vom Münchner Gärtnerplatztheater und der IG Metall. Dennoch wurde er zur Abschiebung vorgesehen, weshalb er am 20. Januar 2017 ausreiste. Seither machten seine Unterstützer vom im Mai 2014 gegründeten Stuttgarter Verein "Zuflucht Kultur. Entweder. Oder. Frieden." bundesweit auf sein Schicksal aufmerksam. Auch mit einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), mit der Bitte um "ein Visum und ein langfristiges Bleiberecht als wertvoller Bürger unseres Landes".

Jetzt kam die gute Nachricht. Der 33-Jährige kann für zwei Monate zurück nach Deutschland. Mitausschlaggebend dürfte ein Schreiben von Georg Podt gewesen sein, dem Intendanten des kommunalen Münchner Kinder- und Jugendtheaters "Schauburg", der Pouya in einer Neuinszenierung von Rainer Werner Fassbinders "Angst essen Seele auf" als Hauptdarsteller besetzt hat. Die Proben sollen in der kommenden Woche beginnen, Premiere wird am 22. April sein. Mitte Mai läuft das Visum aus. Pouya will gemeinsam mit dem Verein die Zeit nutzen, um das angestrebte dauerhafte Bleiberecht zu bekommen. Die Chancen stehen angesichts der 2015 eigentlich gelockerten Regelungen gar nicht so schlecht. Allerdings werden die nach den Erkenntnissen von Pro Asyl oder dem Flüchtlingsrat viel zu selten von den Behörden angewandt.


SPD-Parteitag: 93,99 Prozent für Leni Breymaier

Noch mehr wäre kitschig gewesen: Die frühere Verdi-Bezirksleiterin Leni Breymaier wurde mit 93,99 Prozent der Stimmen auf dem Parteitag in Schwäbisch Gmünd zur SPD-Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl am 24. September gekürt. Damit zieht die Südwest-SPD erstmals seit ihrer Gründung 1952 mit einer Frau und – überhaupt erst zum zweiten Mal – auch mit einer VertreterIn des linken Flügels in einen Wahlkampf für den Bundestag. Zuvor hatte die 56-Jährige einen engagierten, kreativen Wahlkampf ohne Hass, ohne Lügen und ohne Beleidigungen versprochen. Sie werde kämpfen um jedes Zehntelprozent. Als Sinnbild präsentierte sie zwei Löwen, einen roten aus dem 3D-Druck und ein Steifftier, die "uns zum Sieg führen werden".

Wie ein Popstar wurde schon bei seinem Einzug in die Halle Martin Schulz gefeiert. "Mit jedem Mann und jeder Frau steht die SPD in Baden-Württemberg hinter dir", so Breymaier, die Schulz als "den künftigen Kanzler" vorstellte. Schulz selber erklärte, die SPD wolle stärkste Partei in der Bundesrepublik werden und er selbst die nächste Bundesregierung führen: "Wir haben eine gute Chance." Inhaltlich widmete sich der künftige SPD-Bundesvorsitzende in seiner halbstündigen Rede auch dem von CDU, FDP und den Arbeitgeberverbänden kritisierten Vorschlag, im Falle einer Qualifizierung die Bezugsdauer des Arbeitslosengeld II zu verlängern. Nicht von dieser Zeit hänge die Wettbewerbsfähigkeit der Bundesrepublik Deutschland ab, sondern von Qualifizierung von Facharbeiterinnen und Facharbeitern. Deshalb müsse die Bundesagentur für Arbeit zu einer Bundesagentur für Arbeit und Qualifizierung umgebaut werden. Grundsätzlich widersprach er auch Kritikern, die "mir Sozialromantik vorwerfen". Die SPD wolle "nicht 82 Millionen Einzelschicksale in die Hand nehmen". Wer aber ins Kanzleramt der Bundesrepublik Deutschland einziehe, der müsse "im Herzen ein Gefühl für die Alltagsprobleme der Menschen haben".

Mehr zum Thema: "Leni, vidi, vici"


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Sitzt, wackelt, hat Luft. Eine Frau in Indien vertraut sich selbst. Fotos: Joachim E. Röttgers

Sitzt, wackelt, hat Luft. Eine Frau in Indien vertraut sich selbst. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 256
Gesellschaft

Mehr Vertrauen!

Von Anna Hunger (Interview)
Datum: 24.02.2016
Deutschland steckt in einer üblen Vertrauenskrise. Das befördert Wut und Hass, wie jüngst in Bautzen und Clausnitz. Ein Gespräch über fehlende Bildung und die Notwendigkeit, in Zukunft einen langen Atem zu haben.

Herr Schweer, wem vertrauen Sie?

Ein paar Menschen in meinem Umfeld. Viele sind es nicht.

In letzter Zeit merke ich, dass ich immer mehr Vertrauen verliere, in Menschen, Institutionen, Politiker.

Ihr Eindruck ist sicherlich einer, mit dem Sie nicht alleine sind.

Woran liegt das?

Weil vieles nicht zu funktionieren scheint. Wir erleben eine hohe Unsicherheit, ob bestimmte gesellschaftliche Probleme gelöst werden. Die Menschen glauben oftmals nicht mehr, dass diejenigen, die die Probleme lösen sollten, es auch wirklich können. Da wir aber mittelbar oder auch unmittelbar betroffen sind, entsteht dadurch ein Gefühl der Bedrohung.

Aber was ist Vertrauen?

Babys haben Vertrauen zu ihren Eltern. Alles andere können Menschen lernen.
Babys haben Vertrauen zu ihren Eltern. Alles andere können Menschen lernen.

Vertrauen ist die subjektive Überzeugung, sich in die Hände von anderen begeben zu können. Und das Risiko eingehen zu können, das damit einhergeht.

Und wie entsteht es?

Es entsteht in sozialen Beziehungen zunächst einmal durch den ersten Eindruck, den wir uns bilden. Wenn wir einen guten Eindruck haben, gehen wir wohlwollender auf Menschen zu, erste Vertrauenshandlungen werden wahrscheinlicher. Etwa das Erzählen von persönlichen Dingen. Eine solche Vertrauenshandlung wird vom anderen wahrgenommen, derjenige registriert, dass ihm Vertrauen geschenkt wird. Dies fördert die Wahrscheinlichkeit, dass derjenige wiederum mit einer Vertrauenshandlung reagiert. Durch das positive Agieren und Reagieren würde sich im besten Fall ein stabiles Vertrauensverhältnis aufbauen können.

Vertrauen ist also wie eine Spirale, die sich wechselseitig potenziert?

Ja, das kann man so formulieren. Das ist die Basis eines konstruktiven, positiven Umgangs miteinander. In Deutschland erleben wir im Moment an vielen Stellen leider genau das Gegenteil. Radikale Tendenzen sind eine psychologisch plausible Entwicklung. Man versucht, einfache alternative Lösungen zu finden.

In Deutschland ist das im Moment die AfD, in den USA Donald Trump. Das sind Politiker, die Positionen vertreten, die historisch oder auch rein logisch betrachtet null vertrauenswürdig sind. Klingt eher wie ein naiver Reflex.

Vertrauen hat leider nicht zwangsläufig damit zu tun, dass Menschen besonders differenziert denken müssen. Unsere Stereotype, unsere Denkschubladen und Vorurteile basieren auf dem Prinzip der Vereinfachung, das ist für unser Überleben ganz wichtig so. Es ist für uns daher viel einfacher, in Schwarz und Weiß zu denken, anstatt viele Schattierungen zu sehen. Den Anspruch, anderen Menschen durch einen differenzierten Blick mit vielen Schattierungen gerecht zu werden, haben viele gar nicht. Menschen haben in erster Linie das Bedürfnis, dass es ihnen möglichst gut geht.

Geht es einem mit Trump und AfD psychologisch gut?

Nehmen wir mal die Flüchtlingsfrage. Uns ist klar, dass es so nicht weitergehen kann, aber wie es weitergeht, das wissen wir noch nicht. Wir bemühen uns um eine europäische Lösung, wir wissen aber nicht, wie viele Flüchtlinge in einem halben Jahr zu uns kommen werden. Das sind keine befriedigenden Erklärungsmomente für jemanden, der sich bedroht fühlt. Wer sich bedroht fühlt, möchte ganz klar wissen, was jetzt als Nächstes passiert. Derjenige, der da ein einfaches Angebot machen kann, ist vorne. Das ist bei der AfD so und bei Trump. Sie präsentieren solche Lösungen.

Zum Beispiel offen und neugierig zu sein.
Zum Beispiel offen und neugierig zu sein.

Aber zum Beispiel die AfD macht kein Angebot. Sie sagt, wir machen die Grenzen dicht, was nicht geht. Reflektiert wird das von den Anhängern aber nicht.

Nein, weil die Leute das vielfach eben gar nicht wissen wollen. Darauf basieren auch Verschwörungstheorien. Differenziert und reflektiert zu denken und zu beurteilen muss gelernt werden. Es ist im Übrigen auch wesentlich anstrengender. Zu erkennen, dass einfache Lösungen eben nicht funktionieren, bedeutet, dass wir die Komplexität der Welt zur Kenntnis nehmen und darauf reagieren müssen. Sich mit einfachen Wahrheiten zufriedenzugeben, ist deutlich leichter.

Man muss sich öffnen und damit macht man sich angreifbar.

Richtig, ja. Natürlich müssen wir im Grunde von einem Politiker erwarten können, dass er komplex denkt, weil er Verantwortung übernimmt. Genau wie ich es bei einem Lehrer erwarten muss, bei einem Vorgesetzten ebenso. Erfolg, vor allem schneller Erfolg, wird aber oftmals dadurch erzielt, dass schwierige Prozesse in unseriöser Form vereinfacht oder auch gar nicht angesprochen werden.

Wie könnte man das lösen?

Für mich ist das in erster Linie die Aufgabe von Erziehung und Bildung. Wir müssen schon bei Kindern anfangen, Komplexität im Denken zu fördern.

Hier gibt es schon lange die Diskussion um den grün-roten Bildungsplan. Die Idee, dass es viel mehr gibt als bipolar Mann und Frau, war kaum raus, und sofort hat sich eine extreme Gegenbewegung gebildet. Da sind viele Lehrer dabei.

Menschen, die in Erziehung und Bildung tätig sind, müssen selbstverständlich selber auch über eine hinreichende Reflexionsfähigkeit und vor allem auch -bereitschaft verfügen. Leider wissen manche Gruppierungen nur zu gut, wie sie mit Unwahrheiten und Halbwissen ganz gezielt Ängste bei den Menschen heraufbeschwören können. Manches Mal werden dabei erfolgreich Ängste geschürt, von denen man als aufgeklärter Mensch dachte, dass sie schon Jahrzehnte hinter uns liegen. Liegen sie aber leider nicht. Anders sein erzeugt immer noch Angst. Angst und Unwissen erzeugen Unsicherheit und das Gefühl der Bedrohung.

Klingt traurig. Kann man die Fähigkeit, Vertrauen zu empfinden, lernen?

Ja, die Bereitschaft, den anderen zunächst einmal eine Chance zu geben, die kann man lernen. Wichtig ist, dass wir lernen, weg von Klischees, einfachen Kategorien und Vorurteilen zu kommen in dem Sinne, dass wir lernen, solche Phänomene zu reflektieren und damit sensibel umzugehen.

Einfach mal locker machen. Gemeinsam gegen Pegida auf dem Stuttgarter Schlossplatz im Januar 2015.
Einfach mal locker machen. Gemeinsam gegen Pegida auf dem Stuttgarter Schlossplatz im Januar 2015.

Wie viel hat Vertrauen überhaupt mit realer Wahrnehmung zu tun und wie viel mit Gefühl?

Vertrauen ist eine Mischung aus Wissen, Fühlen und Handeln. Alle drei Komponenten spielen eine Rolle. Wenn ich der Überzeugung bin, dass der andere mein Vertrauen verdient, bin ich bereit, in meinem Verhalten darauf zu reagieren, und fühle mich zudem dabei gut.

Angela Merkel hat lange Jahre Vertrauen genossen. Jetzt kommen Flüchtlinge, und das Vertrauen ist ratzfatz futsch. Dabei haben die wenigsten, die sich da abwenden, je einen Flüchtling kennengelernt. Die wenigsten Leute sind überhaupt in irgendeiner Form in ihrer Lebenswelt betroffen von Flüchtlingen.

Das ist ein typisches Phänomen, wenn es um Vorurteile geht, sei es nun bei Ausländerfeindlichkeit oder etwa auch bei Homophobie. Viele Menschen mit ausgeprägten Vorurteilen gegenüber einer Gruppe haben noch nie intensiven Kontakt zu Vertretern dieser Gruppe gehabt. Genau dieser Kontakt würde aber erheblich helfen, um Vorurteile und unnötige Befürchtungen abzubauen.

Ich bekomme eine Flüchtlingsunterbringung in die Nachbarschaft, die Leute, die drum herum wohnen, sind sehr skeptisch bis ärgerlich.

Natürlich gibt es Befürchtungen vieler Menschen, was da auf sie zukommen könnte. "Ist ja prinzipiell in Ordnung, muss aber ja nicht direkt bei mir um die Ecke sein." Aber hierin liegt auch die Chance für einen Einstellungswandel, wenn die Menschen die Bereitschaft aufbringen, den Kontakt aktiv zu suchen und sich ehrlich um eine Beziehung zu den neuen Nachbarn bemühen.

Sehen sie das Land auf einem guten Weg zu einer besseren Gesellschaft, oder blicken Sie eher weinend in die Zukunft?

Nein, dazu bin ich viel zu optimistisch. Aber natürlich werden wir auf allen Ebenen zunehmend komplexere Herausforderungen meistern müssen. Die Flüchtlingssituation ist nur ein Beispiel dafür. Das hängt mit Demografie zusammen, mit Globalisierung, mit Digitalisierung. Alles um uns herum wird immer fragiler, wir erleben auf vielen Ebenen eine immer höhere Unsicherheit und bemerken, immer weniger kontrollieren zu können. Schnelle und einfache Lösungen sind sicherlich nicht der richtige Weg zur Lösung komplexer Probleme. Wir müssen den richtigen Menschen vertrauen, wir müssen unseren gut funktionierenden sozialen Systemen vertrauen, und wir müssen bei der Lösung komplexer Probleme auch einen langen Atem haben. 

 

 

Martin Schweer ist Inhaber des Lehrstuhls für pädagogische Psychologie, Leiter des Zentrums für Vertrauensforschung an der Universität Vechta und Mitglied in der Deutschen Gesellschaft für sozialwissenschaftliche Sexualforschung.


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Kommentare

CharlotteRath, 01.03.2016 20:05
Zitat:

"Unsere Welt ändert sich in einem Maße und mit einer Geschwindigkeit, die die meisten nicht vorhergesehen haben. Das begann vor langer Zeit und wurde mit der neoliberalen Kehrtwende vor ungefähr 20 Jahren augenfällig umgesetzt.

Seitdem wurden die Strukturen, an die wir in Deutschland und Mitteleuropa mehrheitlich geglaubt hatten, weitgehend zerstört.
Soziale Marktwirtschaft bedeutete in gewisser Weise, dass der Staat ein Gemeinwesen ist. Dass er eben keine bloße "Deutschland AG" im Sinne einer Organisation zur Förderung des Finanzkapitals ist. Heute zerfällt unsere Gesellschaft offenkundig und schnell: Da ist eine kleine Gruppe ganz oben. Darunter die sehr große Gruppe, die wir Mittelstand nennen. Und darunter ein Viertel der Bevölkerung, das immer weiter nach unten durchfällt. Menschen, für die wir uns nicht interessieren. Jetzt zerplatzt die Illusion, dass man in diesem Land, einem Rechtsstaat, gemeinsam Solidarität und Gleichheit in einer freiheitlichen Ordnung verwirklichen kann. Jetzt stellt sich heraus: Es war nur leeres Geschwätz.

Das Wesen des Menschen ist nicht Gleichheit oder Solidarität, sondern Konkurrenz. Jeder ist für sich selbst verantwortlich, niemand für den anderen. Dies war des Kanzler Schröder Botschaft der Agenda 2010. Und die Entwicklungen fanden ihren Höhepunkt in den Finanzkrisen der vergangenen Jahre. Das erzeugt Wut und Furcht: Wut bei denen, die verstehen, dass ihre "Verliererposition" auf Dauer gedacht ist, Furcht bei denjenigen, die nach unten abzurutschen drohen. Das ist der Nährboden des Rechtsradikalismus."

So Thomas Fischer am 28.02.2016:
http://www.stern.de/politik/deutschland/thomas-fischer--die-menschen-fuehlen-sich-zu-recht-verraten-6717930.html

Schwabe, 25.02.2016 12:56
Ich kann CharlotteRath wieder einmal nur Recht geben.

Aus meiner Sicht geht es in einem neoliberal durchdrungenen politischen System wie dem unseren ausschließlich um Kontrolle im Sinne der Profitmaximierung. Und diese (in jeglicher Hinsicht angestrebte) Kontrolle macht vor dem einzelnen Bürger nicht halt und es ist auch nicht zu seinem Besten (wie Charlotte Rath zurecht andeutet), sondern es wird nur so "verkauft".
Das schlimme an der Situation ist, dass unsere gewählten Politiker (insbesondere die bürgerlichen) dabei aus rein egoistischen/opportunistischen Gründen mitmachen und damit diese Situation in der wir uns befinden erst ermöglichen. Und das hat m.E. etwas mit Vertrauensmißbrauch, ausgehend von unseren gewählten "Volksvertretern" zu tun. Diese führen sich doch nicht mehr auf wie "Volksvertreter" sondern nur noch wie ermächtigte Vorgesetzte. Ich nenne das Amtsmißbrauch und Verrat am Wähler.

CharlotteRath, 24.02.2016 15:02
Vertrauenskrise?

Das kann man auch anders sehen. Möglicherweise haben wir Bürgerinnen und Bürger noch viel zu viel davon!

Staatlicherseits wird uns immer stärker mit Misstrauen begegnet, ob mit Körperscannern, biometrischen Ausweisen, Vorratsdatenspeicherung oder Bundestrojanern. Aktuell wird über die Abschaffung des Bargelds, die Einführung des Ausnahmezustands und Einsätze der Bundeswehr im Innern geschwafelt. Es gibt bereits mehrere Krankenkassen, die ihre Versicherten künftig nonstop online überwachen wollen. Angeblich alles zu unserem Besten - tatsächlich verabschiedet sich unser Staatswesen gerade von der Vorstellung des "mündigen Bürgers".

Informationen werden oft genug nicht öffentlich gemacht, selbst wenn es sich um öffentliche Projekte handelt (wie z. B. beim Projekt S 21 mit Unterlagen zum geologischen Untergrund und jüngeren Stellungnahmen des Bundesrechnungshofs) oder um internationale Verträge, die fast jeden betreffen (wie bei bei TTIP).

Und unsere "gut funktionierenden sozialen Systeme" ... davon können ehrlicherweise nur noch Beamte und PR-Agenturen schwärmen. Der große Rest der Bevölkerung sieht sich bei Arbeitslosigkeit nach einem Jahr auf Hartz IV gesetzt, die gesetzliche Unfallversicherung ist gestrichen und die Rentenansprüche auf zwei Drittel des früheren Niveaus abgeschmolzen.

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Letzte Kommentare:

Ausgabe 312 / Ächzen im Maschinenraum / Schwabe, 23.03.2017 17:35
Auch von mir vielen Dank an den Autor und an Kontext (E.M., 22.03.2017 01:27 hat das wunderbar formuliert). Dennoch, um das erfolgreich anzupacken bzw. umzusetzen was Fabian Scheidler so treffend wie beängstigend und unmissverständlich...

Ausgabe 312 / Die unheiligen Apostel / CharlotteRath, 23.03.2017 14:51
Fußgängerstegle ... eine echt schwäbische Lösung. München hat sich einen Park gegönnt, um zwei voneinander getrennte Stadtteile über eine große Straße hinweg zusmmenzuführen: https://de.wikipedia.org/wiki/Petuelpark Mit...

Ausgabe 312 / Die unheiligen Apostel / Bruno Neidhart, 23.03.2017 09:51
Selbstverständlich bräuchte Stuttgart in dieser Kulturecke einen Fußgängersteg. Möglichst als breite Grünbrücke. Dies hat weder mit Sozialwohnungen, noch mit Kitas zu tun. Es ist eine andere, ebenso stadtbildende Ebene.

Ausgabe 312 / Afrika kommt / Dr. Diethelm Gscheidle, 23.03.2017 09:24
Sehr geehrte Damen und Herren, selbstverständlich ist es äußerst wichtig, Entwicklungshilfe zu betreiben - und das geht natürlich jeden Einzelnen von uns an. Als bekennender und praktizierender Katholik ist mir die Entwicklungshilfe...

Ausgabe 66 / Gnadenlose Bank / Gerald Wiegner, 22.03.2017 22:45
Das ist eine traurige, aber wahre Geschichte. Ich habe mit Herrn Nusser telefoniert und möchte noch folgende Ergänzung machen. Herr Nusser war ein langjähriges Genossenschaftsmitglied. Genossenschaften sind gesetzlich verpflichtet...

Ausgabe 312 / Lipps Liste / Horst Ruch, 22.03.2017 22:22
....was soll man denn von politischen Karrieristen wie Kretschmann &Co eigentlich noch erwarten? Es gibt nur eine Antwort: nichts.

Ausgabe 311 / Sehnsucht nach Franz Josef Strauß / Gela, 22.03.2017 19:54
Kontext sollte diesem wichtigen Thema weitere Artikel widmen. Die Kommentare zeigen, daß die Spannbreite der Einstellungen dazu riesig ist, wobei jeder etwas anderes unter Haßreden versteht. Die einen verteidigen (mit Recht ) die...

Ausgabe 312 / Reiche auf der Flucht / Jürgen Michels, 22.03.2017 19:02
Nicht nur Billigheimer dürften die Luxusschuppen vertreiben, Stuttgart 21 mit seinen »modernen« Stadtquartieren tragen zum Niedergang der Topadresse Königstraße bei. Feststellen läßt sich das am Beispiel Berlin, wo der Ku-Damm –...

Ausgabe 312 / Ächzen im Maschinenraum / Pierre C., 22.03.2017 18:57
Entscheidender als das Prinzip "aus Geld mehr Geld zu machen" ist auch im Kapitalismus das Prinzip "aus Geld mehr Macht zu machen". Das Machtbedürfnis des Einzelnen und von Kollektiven ist, wie der Selbsterhaltungstrieb oder Sexualtrieb,...

Ausgabe 312 / Die unheiligen Apostel / Wolfgang Jaworek, 22.03.2017 18:14
Fake und Statistik Der Kommentator "Dr. Gscheidle" ist wohl eher ein "Feikle" (Verkleinerung von Fake). Aber ernsthaft: Die Einhegung der freien Verfügungsgewalt der Immobilieneigentümer durch Baurecht, Denkmal- und Mieterschutz...

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