KONTEXT Extra:
VfB gewinnt die Süperlig

Der VfB ist nun doch noch Meister geworden! Nach dem Abstieg aus der 1. Bundesliga am Samstag hat er schon am Tag darauf die türkische Süperlig gewonnen. Wenigstens ein bisschen. Sagen wir mal, unter Einberechnung des Schön-war-die-Zeit-Vergangenheitsbonus', zu zwei Elfteln. Die beiden Besiktas-Istanbul-Spieler Mario Gomez und Andreas Beck haben nämlich ihre VfB-Meisterschaftserfahrung aus dem Jahr 2007 in den türkischen Club eingebracht. Nach dem 3:1-Sieg gegen Osmanlispor kann Besiktas am letzten Spieltag nicht mehr eingeholt werden. Gefeiert wurde das auch auf dem Stuttgarter Schlossplatz, schließlich hat der Verein viele Fans. Die sind übrigens Weltrekordhalter: in einem Spiel gegen Tottenham im Jahr 2006 (nach anderen Angaben 2007 gegen Liverpool) haben sie sich mit 132 Dezibel den Höchstwert für Fußballstadien zusammengejubelt. Die Besiktas-Fangruppe Carsi (offiziell aufgelöst, aber weiter virulent und freundschaftlich mit Sankt Pauli verbunden) umrundet das A im Namen zum Zeichen für Anarchie, versteht sich auch als soziale Bewegung und war etwa bei den Taksim-Platz-Protesten gegen Erdogan aktiv. Was jetzt eventuell weniger an den VfB und seine Fans erinnert. Aaaaaber: Trainiert wurde Besiktas auch einige Jahre von Christoph Daum, der den VfB 1992 zum Meister machte. Und drei Jahre später hat Daum mit Besiktas die Süperlig gewonnen! Wenn man also auch noch den Daum-Faktor einrechnet, dann ist der VfB an diesem Sonntag sogar mit mehr als Zwei-Elfteln türkischer Meister geworden. (17.5.2016)


Stuttgarter Friedenspreis 2016 an Jürgen Grässlin

Die Verleihung des diesjährigen Anstifter-Preises an Jürgen Grässlin ist ein Signal. Denn dem Rüstungsgegner droht eine Haftstrafe. Die Stuttgarter Staatsanwaltschaft hat wenige Monate nach seinem Enthüllungsbuch "Netzwerk des Todes" über die Verflechtungen von Rüstungsindustrie und Behörden Vorermittlungen eingeleitet: Gegen ihn und seine Mitautoren Daniel Harrich und Danuta Harrich-Zandberg - wegen des Verdachts verbotener Mitteilungen über Gerichtsverhandlungen gemäß § 353d Strafgesetzbuch.

Dabei hatte Mitautor und Regisseur Daniel Harrich der Staatsanwaltschaft zahlreiche Dokumente zur Verfügung gestellt, auf deren Basis die staatsanwaltschaftliche Klageschrift gegen Heckler & Koch verfasst werden konnte. Vor rund einem Monat hat Daniel Harrich noch den Grimme-Preis dafür entgegengenommen. Nicht nur im Fall Böhmermann - auch sonst sehen sich deutsche Medienmacher und kritische Autoren immer wieder mit Strafermittlungen konfrontiert. Jetzt erst recht - Kontext gratuliert zum Friedenspreis.

In diesem Jahr wird er zum 14. Mal verliehen, 25 Vorschläge gingen bei den Anstiftern ein. Der erste Preis ist mit 5000 Euro dotiert. Auf weiteren Plätzen folgen der Zeitzeuge Theodor Bergmann, Seawatch (Geflüchtete in Seenot), Ärzte ohne Grenzen und die kurdische Menschenrechtsaktivistin Leyla Zana. (16.Mai 2016)


Bündnis gegen rechts

Winfried Kretschmann engagiert sich im österreichischen Präsidentschaftswahlkampf: Er ist einem breit verankerten Komitee gegen rechts und zur Unterstützung von Alexander van der Bellen beigetreten. Der frühere Bundesvorsitzende der österreichischen Grünen, der als parteiunabhängiger Kandidat antritt, kam bei der Volkswahl Mitte April im ersten Wahlgang auf 21,3 Prozent der Stimmen. Norbert Hofer, der Kandidat der rechtspopulistischen "Freiheitlichen Partei Österreichs" (FPÖ), liegt mit 35 Prozent weit vorn. Zusammengefunden haben sich vor dem entscheidenden zweiten Wahlgang am 22. Mai viele Promis aus dem deutschsprachigen Raum, die sich für van der Bellen stark machen. Darunter Oscar-Preisträger Christoph Waltz, Everest-Bezwinger Reinhold Messner oder Liedermacher Konstantin Wecker und hunderte Schauspieler, Künstler, Journalisten, Politiker, Unternehmer, Wissenschaftler oder Diplomaten aus dem linken, aber auch aus dem bürgerlichen Lager. Nach Pfingsten, am Dienstagabend,  wird Kretschmann nach Wien reisen, um im Wahlkampf des Universitätsprofessors aufzutreten. Er habe van der Bellen "als engagierten, fairen und vertrauenswürdigen Menschen kennen und schätzen gelernt, der für Demokratie, Menschenrechte, ökologische Nachhaltigkeit, gegenseitigen Respekt und Chancengleichheit" eintrete. Unter weiter: "Gerade in diesen bewegten Zeiten ist eine besonnene, weltoffene und weitsichtige Person in einem solchen Amt besonders wichtig." Hofer ist programmatisch einer der führenden Köpfe der FPÖ und damit der europäischen Rechten. Seine schlagende Verbindung Marko Germania hält wenig vom selbständigen Staat Österreich, sondern bekennt sich zu einem "deutschen Vaterland", "unabhängig von bestehenden staatlichen Grenzen". Er wäre in Mitteleuropa der erste Rechtspopulist im höchsten Amt eines Staates. (15.5.2016)


Kretschmann gewählt – CDU wieder staatstragend

Mit 82 von 142 Stimmen – bei einer Krankmeldung – ist Winfried Kretschmann zum zehnten Ministerpräsidenten des Landes Baden-Württemberg gewählt worden. Seine neue grün-schwarze Koalition wäre rein rechnerisch auf 88 Stimmen gekommen. Für einen Moment war es auch mucksmäuschenstill im Plenarsaal, bevor sich die Abgeordneten zum Applaus erhoben. Wie schon am Vortag nach der Wahl von Muhterem Aras zur Landtagspräsidentin verweigerten die Abgeordneten der AfD diese Ehrbezeugung. Zuvor hatte Kretschmann die CDU-Fraktion besucht, mit der sich Parteichef Thomas Strobl erst am Morgen ausgesöhnt hatte. Eine Probeabstimmung am Dienstag war schiefgegangen. Einzelne CDU-Abgeordnete blieben auch am Donnerstag bei ihrer ablehnenden Haltung. Es wurde dementsprechend gemutmaßt, dass die fehlenden sechs Stimmen aus der Union kommen. Sichtlich gerührt nahm Aras ihrem Parteifreund den Amtseid ab. Danach gab’s einen weißen Blumenstrauß für den grünen Regierungschef. (12.5.2016)


"Ein Zeichen für das Gelingen von Integration"

Mit der Stuttgarterin Muhterem Aras bekleidet zum ersten Mal in der Geschichte Baden-Württembergs eine Frau das Amt der Landtagspräsidentin, und noch dazu eine mit Migrationshintergrund. „Sie haben mit Ihrer Wahl ein deutliches Zeiten für Weltoffenheit, für Toleranz und für das Gelingen von Integration gesetzt“, sagte die 50-Jährige in ihrer Antrittsrede zu den Abgeordneten. Handeln wolle sie im hohen Amt nach einem Zitat der sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Marie Juchacz aus dem Jahr 1919: „Scharfes kluges Denken, ruhiges Abwägen und warmes menschliches Fühlen gehören zusammen in einer vom ganzen Volke gewählten Körperschaft.“ Die 23 Abgeordneten der „Alternative für Deutschland“ (AfD) verweigerten der neuen Präsidentin sowohl den Beifall als auch die traditionelle Ehrerbietung durch Erheben. Die AfD scheiterte beim Versuch an der übergroßen Mehrheit der anderen vier Fraktionen, einen eigenen Vizepräsidenten durchzusetzen. Der neue CDU-Fraktionschef Wolfgang Reinhart begründete die Ablehnung „ganz unabhängig davon, dass es keinen Anspruch der AfD gibt“ damit, ein Zeichen der Sparsamkeit setzen zu wollen. Und er hielt AfD-Fraktionschef Jörg Meuthen Äußerungen vor, in denen der die Verknappung der Zahl der Vizes auf einen einzigen Posten unterstützt hatte – gerade mit dem Hinweis auf das Portemonnaie der Bürger. (11.5.2016)


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Sitzt, wackelt, hat Luft. Eine Frau in Indien vertraut sich selbst. Fotos: Joachim E. Röttgers

Sitzt, wackelt, hat Luft. Eine Frau in Indien vertraut sich selbst. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 256
Gesellschaft

Mehr Vertrauen!

Von Anna Hunger (Interview)
Datum: 24.02.2016
Deutschland steckt in einer üblen Vertrauenskrise. Das befördert Wut und Hass, wie jüngst in Bautzen und Clausnitz. Ein Gespräch über fehlende Bildung und die Notwendigkeit, in Zukunft einen langen Atem zu haben.

Herr Schweer, wem vertrauen Sie?

Ein paar Menschen in meinem Umfeld. Viele sind es nicht.

In letzter Zeit merke ich, dass ich immer mehr Vertrauen verliere, in Menschen, Institutionen, Politiker.

Ihr Eindruck ist sicherlich einer, mit dem Sie nicht alleine sind.

Woran liegt das?

Weil vieles nicht zu funktionieren scheint. Wir erleben eine hohe Unsicherheit, ob bestimmte gesellschaftliche Probleme gelöst werden. Die Menschen glauben oftmals nicht mehr, dass diejenigen, die die Probleme lösen sollten, es auch wirklich können. Da wir aber mittelbar oder auch unmittelbar betroffen sind, entsteht dadurch ein Gefühl der Bedrohung.

Aber was ist Vertrauen?

Babys haben Vertrauen zu ihren Eltern. Alles andere können Menschen lernen.
Babys haben Vertrauen zu ihren Eltern. Alles andere können Menschen lernen.

Vertrauen ist die subjektive Überzeugung, sich in die Hände von anderen begeben zu können. Und das Risiko eingehen zu können, das damit einhergeht.

Und wie entsteht es?

Es entsteht in sozialen Beziehungen zunächst einmal durch den ersten Eindruck, den wir uns bilden. Wenn wir einen guten Eindruck haben, gehen wir wohlwollender auf Menschen zu, erste Vertrauenshandlungen werden wahrscheinlicher. Etwa das Erzählen von persönlichen Dingen. Eine solche Vertrauenshandlung wird vom anderen wahrgenommen, derjenige registriert, dass ihm Vertrauen geschenkt wird. Dies fördert die Wahrscheinlichkeit, dass derjenige wiederum mit einer Vertrauenshandlung reagiert. Durch das positive Agieren und Reagieren würde sich im besten Fall ein stabiles Vertrauensverhältnis aufbauen können.

Vertrauen ist also wie eine Spirale, die sich wechselseitig potenziert?

Ja, das kann man so formulieren. Das ist die Basis eines konstruktiven, positiven Umgangs miteinander. In Deutschland erleben wir im Moment an vielen Stellen leider genau das Gegenteil. Radikale Tendenzen sind eine psychologisch plausible Entwicklung. Man versucht, einfache alternative Lösungen zu finden.

In Deutschland ist das im Moment die AfD, in den USA Donald Trump. Das sind Politiker, die Positionen vertreten, die historisch oder auch rein logisch betrachtet null vertrauenswürdig sind. Klingt eher wie ein naiver Reflex.

Vertrauen hat leider nicht zwangsläufig damit zu tun, dass Menschen besonders differenziert denken müssen. Unsere Stereotype, unsere Denkschubladen und Vorurteile basieren auf dem Prinzip der Vereinfachung, das ist für unser Überleben ganz wichtig so. Es ist für uns daher viel einfacher, in Schwarz und Weiß zu denken, anstatt viele Schattierungen zu sehen. Den Anspruch, anderen Menschen durch einen differenzierten Blick mit vielen Schattierungen gerecht zu werden, haben viele gar nicht. Menschen haben in erster Linie das Bedürfnis, dass es ihnen möglichst gut geht.

Geht es einem mit Trump und AfD psychologisch gut?

Nehmen wir mal die Flüchtlingsfrage. Uns ist klar, dass es so nicht weitergehen kann, aber wie es weitergeht, das wissen wir noch nicht. Wir bemühen uns um eine europäische Lösung, wir wissen aber nicht, wie viele Flüchtlinge in einem halben Jahr zu uns kommen werden. Das sind keine befriedigenden Erklärungsmomente für jemanden, der sich bedroht fühlt. Wer sich bedroht fühlt, möchte ganz klar wissen, was jetzt als Nächstes passiert. Derjenige, der da ein einfaches Angebot machen kann, ist vorne. Das ist bei der AfD so und bei Trump. Sie präsentieren solche Lösungen.

Zum Beispiel offen und neugierig zu sein.
Zum Beispiel offen und neugierig zu sein.

Aber zum Beispiel die AfD macht kein Angebot. Sie sagt, wir machen die Grenzen dicht, was nicht geht. Reflektiert wird das von den Anhängern aber nicht.

Nein, weil die Leute das vielfach eben gar nicht wissen wollen. Darauf basieren auch Verschwörungstheorien. Differenziert und reflektiert zu denken und zu beurteilen muss gelernt werden. Es ist im Übrigen auch wesentlich anstrengender. Zu erkennen, dass einfache Lösungen eben nicht funktionieren, bedeutet, dass wir die Komplexität der Welt zur Kenntnis nehmen und darauf reagieren müssen. Sich mit einfachen Wahrheiten zufriedenzugeben, ist deutlich leichter.

Man muss sich öffnen und damit macht man sich angreifbar.

Richtig, ja. Natürlich müssen wir im Grunde von einem Politiker erwarten können, dass er komplex denkt, weil er Verantwortung übernimmt. Genau wie ich es bei einem Lehrer erwarten muss, bei einem Vorgesetzten ebenso. Erfolg, vor allem schneller Erfolg, wird aber oftmals dadurch erzielt, dass schwierige Prozesse in unseriöser Form vereinfacht oder auch gar nicht angesprochen werden.

Wie könnte man das lösen?

Für mich ist das in erster Linie die Aufgabe von Erziehung und Bildung. Wir müssen schon bei Kindern anfangen, Komplexität im Denken zu fördern.

Hier gibt es schon lange die Diskussion um den grün-roten Bildungsplan. Die Idee, dass es viel mehr gibt als bipolar Mann und Frau, war kaum raus, und sofort hat sich eine extreme Gegenbewegung gebildet. Da sind viele Lehrer dabei.

Menschen, die in Erziehung und Bildung tätig sind, müssen selbstverständlich selber auch über eine hinreichende Reflexionsfähigkeit und vor allem auch -bereitschaft verfügen. Leider wissen manche Gruppierungen nur zu gut, wie sie mit Unwahrheiten und Halbwissen ganz gezielt Ängste bei den Menschen heraufbeschwören können. Manches Mal werden dabei erfolgreich Ängste geschürt, von denen man als aufgeklärter Mensch dachte, dass sie schon Jahrzehnte hinter uns liegen. Liegen sie aber leider nicht. Anders sein erzeugt immer noch Angst. Angst und Unwissen erzeugen Unsicherheit und das Gefühl der Bedrohung.

Klingt traurig. Kann man die Fähigkeit, Vertrauen zu empfinden, lernen?

Ja, die Bereitschaft, den anderen zunächst einmal eine Chance zu geben, die kann man lernen. Wichtig ist, dass wir lernen, weg von Klischees, einfachen Kategorien und Vorurteilen zu kommen in dem Sinne, dass wir lernen, solche Phänomene zu reflektieren und damit sensibel umzugehen.

Einfach mal locker machen. Gemeinsam gegen Pegida auf dem Stuttgarter Schlossplatz im Januar 2015.
Einfach mal locker machen. Gemeinsam gegen Pegida auf dem Stuttgarter Schlossplatz im Januar 2015.

Wie viel hat Vertrauen überhaupt mit realer Wahrnehmung zu tun und wie viel mit Gefühl?

Vertrauen ist eine Mischung aus Wissen, Fühlen und Handeln. Alle drei Komponenten spielen eine Rolle. Wenn ich der Überzeugung bin, dass der andere mein Vertrauen verdient, bin ich bereit, in meinem Verhalten darauf zu reagieren, und fühle mich zudem dabei gut.

Angela Merkel hat lange Jahre Vertrauen genossen. Jetzt kommen Flüchtlinge, und das Vertrauen ist ratzfatz futsch. Dabei haben die wenigsten, die sich da abwenden, je einen Flüchtling kennengelernt. Die wenigsten Leute sind überhaupt in irgendeiner Form in ihrer Lebenswelt betroffen von Flüchtlingen.

Das ist ein typisches Phänomen, wenn es um Vorurteile geht, sei es nun bei Ausländerfeindlichkeit oder etwa auch bei Homophobie. Viele Menschen mit ausgeprägten Vorurteilen gegenüber einer Gruppe haben noch nie intensiven Kontakt zu Vertretern dieser Gruppe gehabt. Genau dieser Kontakt würde aber erheblich helfen, um Vorurteile und unnötige Befürchtungen abzubauen.

Ich bekomme eine Flüchtlingsunterbringung in die Nachbarschaft, die Leute, die drum herum wohnen, sind sehr skeptisch bis ärgerlich.

Natürlich gibt es Befürchtungen vieler Menschen, was da auf sie zukommen könnte. "Ist ja prinzipiell in Ordnung, muss aber ja nicht direkt bei mir um die Ecke sein." Aber hierin liegt auch die Chance für einen Einstellungswandel, wenn die Menschen die Bereitschaft aufbringen, den Kontakt aktiv zu suchen und sich ehrlich um eine Beziehung zu den neuen Nachbarn bemühen.

Sehen sie das Land auf einem guten Weg zu einer besseren Gesellschaft, oder blicken Sie eher weinend in die Zukunft?

Nein, dazu bin ich viel zu optimistisch. Aber natürlich werden wir auf allen Ebenen zunehmend komplexere Herausforderungen meistern müssen. Die Flüchtlingssituation ist nur ein Beispiel dafür. Das hängt mit Demografie zusammen, mit Globalisierung, mit Digitalisierung. Alles um uns herum wird immer fragiler, wir erleben auf vielen Ebenen eine immer höhere Unsicherheit und bemerken, immer weniger kontrollieren zu können. Schnelle und einfache Lösungen sind sicherlich nicht der richtige Weg zur Lösung komplexer Probleme. Wir müssen den richtigen Menschen vertrauen, wir müssen unseren gut funktionierenden sozialen Systemen vertrauen, und wir müssen bei der Lösung komplexer Probleme auch einen langen Atem haben. 

 

 

Martin Schweer ist Inhaber des Lehrstuhls für pädagogische Psychologie, Leiter des Zentrums für Vertrauensforschung an der Universität Vechta und Mitglied in der Deutschen Gesellschaft für sozialwissenschaftliche Sexualforschung.


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Kommentare

CharlotteRath, 01.03.2016 20:05
Zitat:

"Unsere Welt ändert sich in einem Maße und mit einer Geschwindigkeit, die die meisten nicht vorhergesehen haben. Das begann vor langer Zeit und wurde mit der neoliberalen Kehrtwende vor ungefähr 20 Jahren augenfällig umgesetzt.

Seitdem wurden die Strukturen, an die wir in Deutschland und Mitteleuropa mehrheitlich geglaubt hatten, weitgehend zerstört.
Soziale Marktwirtschaft bedeutete in gewisser Weise, dass der Staat ein Gemeinwesen ist. Dass er eben keine bloße "Deutschland AG" im Sinne einer Organisation zur Förderung des Finanzkapitals ist. Heute zerfällt unsere Gesellschaft offenkundig und schnell: Da ist eine kleine Gruppe ganz oben. Darunter die sehr große Gruppe, die wir Mittelstand nennen. Und darunter ein Viertel der Bevölkerung, das immer weiter nach unten durchfällt. Menschen, für die wir uns nicht interessieren. Jetzt zerplatzt die Illusion, dass man in diesem Land, einem Rechtsstaat, gemeinsam Solidarität und Gleichheit in einer freiheitlichen Ordnung verwirklichen kann. Jetzt stellt sich heraus: Es war nur leeres Geschwätz.

Das Wesen des Menschen ist nicht Gleichheit oder Solidarität, sondern Konkurrenz. Jeder ist für sich selbst verantwortlich, niemand für den anderen. Dies war des Kanzler Schröder Botschaft der Agenda 2010. Und die Entwicklungen fanden ihren Höhepunkt in den Finanzkrisen der vergangenen Jahre. Das erzeugt Wut und Furcht: Wut bei denen, die verstehen, dass ihre "Verliererposition" auf Dauer gedacht ist, Furcht bei denjenigen, die nach unten abzurutschen drohen. Das ist der Nährboden des Rechtsradikalismus."

So Thomas Fischer am 28.02.2016:
http://www.stern.de/politik/deutschland/thomas-fischer--die-menschen-fuehlen-sich-zu-recht-verraten-6717930.html

Schwabe, 25.02.2016 12:56
Ich kann CharlotteRath wieder einmal nur Recht geben.

Aus meiner Sicht geht es in einem neoliberal durchdrungenen politischen System wie dem unseren ausschließlich um Kontrolle im Sinne der Profitmaximierung. Und diese (in jeglicher Hinsicht angestrebte) Kontrolle macht vor dem einzelnen Bürger nicht halt und es ist auch nicht zu seinem Besten (wie Charlotte Rath zurecht andeutet), sondern es wird nur so "verkauft".
Das schlimme an der Situation ist, dass unsere gewählten Politiker (insbesondere die bürgerlichen) dabei aus rein egoistischen/opportunistischen Gründen mitmachen und damit diese Situation in der wir uns befinden erst ermöglichen. Und das hat m.E. etwas mit Vertrauensmißbrauch, ausgehend von unseren gewählten "Volksvertretern" zu tun. Diese führen sich doch nicht mehr auf wie "Volksvertreter" sondern nur noch wie ermächtigte Vorgesetzte. Ich nenne das Amtsmißbrauch und Verrat am Wähler.

CharlotteRath, 24.02.2016 15:02
Vertrauenskrise?

Das kann man auch anders sehen. Möglicherweise haben wir Bürgerinnen und Bürger noch viel zu viel davon!

Staatlicherseits wird uns immer stärker mit Misstrauen begegnet, ob mit Körperscannern, biometrischen Ausweisen, Vorratsdatenspeicherung oder Bundestrojanern. Aktuell wird über die Abschaffung des Bargelds, die Einführung des Ausnahmezustands und Einsätze der Bundeswehr im Innern geschwafelt. Es gibt bereits mehrere Krankenkassen, die ihre Versicherten künftig nonstop online überwachen wollen. Angeblich alles zu unserem Besten - tatsächlich verabschiedet sich unser Staatswesen gerade von der Vorstellung des "mündigen Bürgers".

Informationen werden oft genug nicht öffentlich gemacht, selbst wenn es sich um öffentliche Projekte handelt (wie z. B. beim Projekt S 21 mit Unterlagen zum geologischen Untergrund und jüngeren Stellungnahmen des Bundesrechnungshofs) oder um internationale Verträge, die fast jeden betreffen (wie bei bei TTIP).

Und unsere "gut funktionierenden sozialen Systeme" ... davon können ehrlicherweise nur noch Beamte und PR-Agenturen schwärmen. Der große Rest der Bevölkerung sieht sich bei Arbeitslosigkeit nach einem Jahr auf Hartz IV gesetzt, die gesetzliche Unfallversicherung ist gestrichen und die Rentenansprüche auf zwei Drittel des früheren Niveaus abgeschmolzen.

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Letzte Kommentare:

Ausgabe 269 / Ein Tunnel blamiert die Kanzlerin / Andreas Spreer, 25.05.2016 14:33
Hat hier irgendjemand deutsche Ingenieurskunst bezweifelt? Deutschland hält seine Verträge mit der Schweiz nicht ein, darum geht es.

Ausgabe 269 / Ein Tunnel blamiert die Kanzlerin / dichtbert, 25.05.2016 13:33
@Müller, 25.05.2016 11:01 da fragt man sich doch, wieso im Stuttgarter Talkessel vor allem Firmen aus Österreich mit dem Tunnelbau beauftragt wurden. Die Baustellen laufen übrigens so extrem problemlos, dass es im Talkessel so gut wie...

Ausgabe 269 / 31 026 Stimmen / Demokrator, 25.05.2016 13:18
Am besten gleich nach Österreich auswandern und beim Nachzählen helfen, ophir!

Ausgabe 269 / 31 026 Stimmen / Sebastian Weigle, 25.05.2016 12:03
Oje, Verschwörungstheoretiker. Selbst euer Hofer hat das Ergebnis umgehend anerkannt. Das ist halt der Unterschied zwischen Gerüchten und Realitäten. Und in jedem Wahlbezirk saßen Vertreter der FPÖ bei. Die sind wahrscheinlich alle...

Ausgabe 269 / Puzzlespiel Panama Papers / Dr. Uwe Prutscher, 25.05.2016 12:02
Herrenknechts Geschäftsgebaren in der Grauzone des Halbdunkel? Das würde kongenial zur tätigen Maulwurfkonfiguration dieses Königs der Tunnelbohrer passen.Nach wie vor von akutem Interesse bleibt eine belastbare Beleuchtung von...

Ausgabe 269 / Ein Tunnel blamiert die Kanzlerin / Insider, 25.05.2016 11:41
In der Tat wurde der Gotthardtunnel mittles hervorragender Technik aus dem Ländle termingerecht fertiggestellt. In der aktuellen KONTEXT-Ausgabe ist der Mann zu sehen, der dafür verantwortlich ist, dass seine technischen Geräte (Bohrer)...

Ausgabe 269 / Kleinwohnhäuser mit Stallungen / Demokrator, 25.05.2016 11:39
Dieser Artikel ist einer der (besten) Gründe, warum man jede Woche den Kontext liest! :)

Ausgabe 269 / Völker, hört die Signale! / Demokrator, 25.05.2016 11:33
Die Chinesen wünschen einem Feind, er möge in "interessanten Zeiten" leben. Nun, es scheint als hätte das jemand unserer ganzen Zivilisation gewünscht, wenn man sich so die Schlagzeilen anschaut.

Ausgabe 269 / Ein Tunnel blamiert die Kanzlerin / Demokrator, 25.05.2016 11:30
Demnächst auf Frontal 21: "Unfälle durch abschüssige Bahnsteige Achtung Lebensgefahr! Die Deutsche Bahn behauptet, "Stuttgart 21" könne trotz der drastischen Neigung der Bahnsteige genauso sicher betrieben werden wie ein ebener...

Ausgabe 269 / Pressefotografen außer Gefecht / Demokrator, 25.05.2016 11:21
Seit dem Schwarzen Donnerstag scheint sich wohl nichts getan zu haben für die Grundrechte im "Ländle" - weder im Innenministerium, noch bei der Justiz, noch bei den Prügeltruppen. Nicht dass das jetzt unter "Kiwi" besser werden wird....

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