KONTEXT Extra:
Mit klassischer Musik gegen Kampfdrohnen

Mit Cello und Bratsche rücken 80 MusikerInnnen vor der US-Kommandozentrale in Stuttgart-Möhringen an. Am kommenden Montag, 29. 8., 10 Uhr, wollen sie dem "Drohnenmord den Schlussakkord" setzen. Sie sammeln sich seit 30 Jahren unter dem Namen "Lebenslaute" und finden sich überall dort ein, wo sie Menschen bedroht sehen: auf Militärübungsplätzen, Abschiebeflughäfen, vor Atomkraftwerken und Raketendepots. Ihr Konzert ist verbunden mit einer Demonstration, bei der die Organisatoren von "Ohne Rüstung Leben" 13 000 Unterschriften an einen Vertreter von Africom und Eucom übergeben wollen. Sie fordern die Schließung der Kommandozentralen. Mit der "stillschweigenden Duldung" von Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) werde hier der Einsatz von tödlichen Kampfdrohnen koordiniert, schreibt das Bündnis. (26. 8.)


Versprochen, gebrochen!

Was kommt da eigentlich noch?, fragt sich die designierte SPD-Landesvorsitzende und mit ihr die politisch interessierte Öffentlichkeit im Land. Vor vier Wochen waren die ersten Nebenabreden öffentlich geworden, die Grüne und CDU nicht in ihren Koalitionsvertrag aufgenommen hatten (Kontext berichtete). Ministerpräsident Winfried Kretschmann musste in einer Landtagsdebatte alle Register ziehen, um deren Notwendigkeit mehr schlecht als recht gerade auch vor den Regierungsfraktionen und der eigenen Klientel zu rechtfertigen. Ungenutzt ließ er die Chance, reinen Tisch zu machen, alles zu offenbaren, was er mit CDU-Landeschef Thomas Strobl ausbaldowert hat. Die Aufregung wäre groß gewesen - und doch deutlich kleiner als der Ärger, den sich die beiden jetzt eingehandelt haben. Drei Tage, sagt der Regierungschef gern, lägen zwischen "Hosianna" und "Kreuziget ihn!", was schon immer zweideutig war, weil er damit die Verantwortung für einen Niedergang auch dem Publikum zuschreibt. Jetzt tragen Kretschmann und Strobl diese ganz allein. Der Grüne allerdings deutlich schwerer als der Schwarze, weil er - siehe Persönlichkeitswerte - sehr vielen Menschen als Inbegriff der Redlichkeit galt. Mit seiner "Politik des Gehörtwerdens" war ein Transparenzversprechen verbunden, und das hat er höchstpersönlich gleich mehrfach gebrochen.


AfD kann nicht rechnen

Zu ihrer 100-Tage-Bilanz im Landtag legen die Abgeordneten der AfD-Fraktion, also jene, die dem Bundessprecher Jörg Meuthen im Antisemitismus-Streit nicht gefolgt sind, eine arg geschönte Bilanz ihrer Arbeit vor. "Seit Beginn der Legislaturperiode haben wir bereits 37 Anfragen gestellt, über die wir künftig berichten werden", heißt es in einer Pressemitteilung. Und weiter: "Das übertrifft die SPD-Fraktion bei weitem, die gerade einmal 14 Anfragen eingereicht hat, oder auch die FDP, die beide aufgrund ihrer Parlamentshistorie mit einer deutlich größeren Mannschaft im Hintergrund agieren."

Wahr ist, dass die Fraktionsgröße die Zahl der Beschäftigten bestimmt und vor allem, dass die AfD-Fraktion seit der Abspaltung der "Alternative für Baden-Württemberg" (ABW) acht Kleine Anfragen gestellt hat und die ABW seit ihrer Gründung Anfang Juli neun. Davor hatte es die noch geeinte AfD auf 34 Kleine Anfragen gebracht. SPD und FDP kommen aber auf jeweils über 70 Initiativen in ihren ersten 100 Tagen, darunter Kleine Anfragen, Große Anfragen, Anträge und Gesetzentwürfe. "Nachdem die AfD bis zur Stunde mit ihren ungeheuerlichen Mätzchen dem Parlament und seiner demokratischen Kultur nur Schaden zugefügt hat, kommt sie nun mit einer vor lauter Selbstbeweihräucherung triefenden 100-Tage-Bilanz daher, die aber noch nicht mal korrekte Rechenkünste vorweisen kann", reagiert Martin Mendler, der Fraktionssprecher der Sozialdemokraten, scharf. Der SPD würden fälschlicherweise lediglich 14 Anfragen zugeordnet, wohingegen es laut Parlamentsdokumentation des Landtags von Mai bis August in der 16. Legislaturperiode mehr als fünf Mal so viele seien.


Mit Wolfgang Dietrich naht die Rettung

Die Rettung rückt immer näher: Jetzt hat der Aufsichtsrat des Stuttgarter Fußballvereins VfB den früheren S-21-Sprecher Wolfgang Dietrich offiziell zum Präsidenten-Kandidaten erhoben. Gewählt wird er am 9. Oktober, so sich nicht irgendwelche Ultras zu einem Block zusammen rotten. Nicht so ganz schlüssig sind sich die beiden Fusionsblätter vor Ort, ob sie den 68-jährigen Streithansel gut oder schlecht finden sollen. Zum einen sei Dietrich ein "gewiefter Geschäftsmann", gar ein "Universalstratege", zum anderen ein "Polarisierer" und eine "Reizfigur", meinen die StZN, und sprechen von der "Altlast S 21". Sie mögen sich von den Parkschützern Mut zur Meinung machen lassen. Wenn das Neckarstadion unter die Erde gelegt werde, schreiben sie, könne man "oben Luxuswohnungen und Einkaufstempel" bauen.


Brigitte Lösch im Visier der AfD

Die beiden AfD-Gruppierungen im baden-württembergischen Landtag wollen ihre Spaltung nutzen, um mit einem Untersuchungsausschuss unter anderem gegen die frühere grüne Landtagsvizepräsidentin und Stuttgarter Abgeordnete Brigitte Lösch vorzugehen. Hintergrund ist ihr Engagement gegen die Bildungsplangegner der "Demo für alle" und für das Bündnis "No Pegida Stuttgart".

Gegenstand der parlamentarischen Untersuchung sollen auch die Ereignisse vom vergangenen Oktober sein, als Künstler und Beschäftigte aus Protest gegen die "Demo für alle" ein Banner mit der Aufschrift "Vielfalt" vom Dach des Großen Hauses der Württembergischen Staatstheater entrollten (Kontext berichtete). Die beiden AfD-Fraktionen verlangen Auskunft darüber "wieso das Opernhaus Stuttgart durch Gegendemonstranten besetzt werden konnte". Grundsätzlich will die "Alternative für Deutschland", die mit ihren zur Zeit zwei Fraktionen allein einen Untersuchungsausschuss beantragen kann, dem "Linksextremismus in Baden-Württemberg" nachgehen und einer möglichen Nähe zu "der gewesenen oder derzeitigen Landesregierung, Parteien, der Verwaltung, der Behörden oder dem Landtag".

Die vier demokratischen Fraktionen sehen darin einem Missbrauch der parlamentarischen Möglichkeiten. Bereits ins Auge gefasst ist eine Überprüfung des Vorgehens der Rechtsnationalisten durch den baden-württembergischen Verfassungsgerichtshof. Nach geltendem Recht kann ein Untersuchungsausschuss eingesetzt werden, wenn mindestens zwei Fraktionen oder ein Viertel aller Abgeordneten dafür sind. Er ist allerdings nur zulässig zu Sachverhalten, "deren Aufklärung im öffentlichen Interesse liegt" und wenn sie geeignet sind, "dem Landtag Grundlagen für eine Beschlussfassung im Rahmen seiner verfassungsmäßigen Zuständigkeiten zu vermitteln".

Drei vom Landtag bestellte Gutachter sahen Ende Juli auf Basis der geltenden Geschäftsordnung keinen Weg, der AfD die Bildung zweier Fraktionen zu verwehren. FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke warnte schon damals, die "Alternative für Deutschland" könnte ihren doppelten Fraktionsstatus missbrauchen. Jetzt sieht er sich bestätigt: Die AfD nutze ihre Spaltung, "um sich Vorteile zu erschleichen".

Die stellvertretende AfD-Landesvorsitzende Christina Baum, die dem Bundessprecher Jörg Meuthen im Antisemitismus-Streit um Wolfgang Gedeon nicht in die neue Fraktion gefolgt ist, bewertet das gemeinsame Vorgehen als "positives Signal für alle bürgerlichen Schichten im Land". Beide Fraktionen verhehlen auch nicht, dass der jetzt vorgelegte Antrag eine "Vorbereitung der Wiedervereinigung" (Baum) ist. Nach dieser, die für den Herbst und im Zuge einer gerade gestarteten Mediation von beiden Seiten in Aussicht gestellt wurde, könnte der Untersuchungsausschuss aber nicht mehr durchgesetzt werden.


KONTEXT
per E-Mail:
Immer informiert:

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Datenschutz-Hinweis

In der Erstaufnahmeeinrichtung: Frank Maier (links) ist gefragt. Fotos: Joachim E. Röttgers

In der Erstaufnahmeeinrichtung: Frank Maier (links) ist gefragt. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 233
Gesellschaft

Meister der Improvisation

Von Stefanie Järkel
Datum: 16.09.2015
Frank Maier hangelt sich seit Monaten von Notlösung zu Notlösung. Der 42-Jährige leitet die Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Meßstetten auf der Schwäbischen Alb. 3200 Menschen leben inzwischen dort, jeden Tag kommen 100 dazu – und ein Ende ist nicht in Sicht.

Vor ein paar Tagen brachte ein Student seine Cousine aus Syrien vorbei. "Warum gibt es hier keinen Platz?", fragte er. "Frau Merkel hat gesagt, alle Syrer dürfen kommen." Frank Maier lacht leise, es ist ein leicht gequältes Lachen. Der 42-Jährige leitet seit Oktober 2014 die Landeserstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Meßstetten auf der Schwäbischen Alb.

Der 10 000-Einwohner-Ort hat sich nicht darum gerissen, die Asylbewerber in der leer stehenden Kaserne der Bundeswehr in der Nähe des Ortes unterzubringen. 1000 Menschen hieß es, seien vertretbar. Maximal. Jetzt sind es mehr als 3200. Und täglich kommen 100 dazu. Wie lässt sich diese Zahl an Flüchtlingen unterbringen und versorgen? Wer kann das – und wie schafft der das?

Frank Maier im April 2015 in seinem Büro.
Frank Maier im April 2015 in seinem Büro.

Die ehemalige Kaserne liegt auf einem Hügel, rund eine halbe Stunde Fußmarsch vom Ort entfernt. Früher trainierten hier bis zu 1600 Soldaten der Bundeswehr. Vor der Eröffnung mussten die Behörden noch das Modell eines Kampfjets am Eingang abbauen lassen. Frank Maier sitzt im Haus 6 b, außen braun gestrichen, innen Tristesse, ein früheres Verwaltungsgebäude des Militärs eben. "Wir haben keine Betten mehr, wir haben keine Zimmer mehr, wir haben kein Besteck mehr", sagt Maier. "Es ist alles aus." Auf der Fensterbank seines Büros, Raum Nummer 204, stehen Bilder von Frau und Söhnen. Daneben ein Weizenglas mit Bayern-München-Emblem.

Maier – Jeans, Blazer, Hemd – ist keiner, der sich schnell aufregt, der laut wird oder gar aggressiv. Er ist ein freundlicher Mann, der sogar seine Butterbrezel mit dem Besuch aus Stuttgart teilt. Dafür ist sein Lächeln mittlerweile weniger breit als noch vor ein paar Monaten. Irgendwo muss der Stress ja hin. Für Maier gibt es derzeit viel, worüber sich nachzudenken lohnt. Er merke selbst, dass er sich verändert habe, sagt er. Seine Frau sagt das auch.

Schlaflose Nächte bereite ihm die Situation zwar nicht. Allerdings: "Man hat das Gefühl, man sollte die Einrichtung nicht verlassen, man wird gebraucht", sagt Maier. Er kommt oft morgens um 7 Uhr, geht abends um 19 Uhr, arbeitet am Wochenende. "Aber groß ausrichten kann man jetzt auch nichts." Er könne keinem einen Vorwurf machen angesichts der Situation – nicht dem Landkreis, nicht dem Land. Alle bemühten sich.

Angst vor Konflikten zwischen den Flüchtlingen

Maier sagt, was die Nachrichten mittlerweile ununterbrochen berichten: Es brauche mehr Unterkünfte, man müsse die Menschen besser verteilen. Er befürchtet, dass es Ärger zwischen den Flüchtlingen in den vollgestopften Unterkünften geben wird. "Das sind meine größten Sorgen" – dass die Betreiber der Einrichtung die Kontrolle verlieren, dass die Lage eskaliert. Vergangene Woche zettelte ein betrunkener Mann einen Streit an. Er warf Betten um, andere ließen sich das nicht gefallen. Es bildeten sich schnell zwei Gruppen – rund 300 Menschen standen sich irgendwann gegenüber. Der Sicherheitsdienst habe gut reagiert, sagt Maier. Die Polizei war mit einem Großaufgebot vor Ort. Der Ärger legte sich.

"Wir haben keine Betten mehr, wir haben keine Zimmer mehr, wir haben kein Besteck mehr."
"Wir haben keine Betten mehr, wir haben keine Zimmer mehr, wir haben kein Besteck mehr."

"Wir haben immer noch Glück", sagt Maier. Bisher gab es in Meßstetten keine Massenschlägereien wie etwa in einer Erstaufnahmeeinrichtung in Heidelberg. Es habe kleinere Streitigkeiten beim Essen gegeben. Maier hat Bierbänke bestellt, um aus den 600 Sitzplätzen bei der Essensausgabe 1000 zu machen, damit die Menschen nicht mehr bis zu eineinhalb Stunden im Freien anstehen müssen. Auch dies ein Anlass für Ärger, für Streit, für Handgreiflichkeiten. Und: In Meßstetten kommt der Winter früh. Hier geht es nicht um ein paar Zentimeter Schnee, hier geht es gleich um einen ganzen Meter.

Es klopft an der Tür. Der Kollege vom Integrationsministerium, zuständig für die Sicherheit auf dem Gelände, bietet seine Hilfe an, will sich die nahe gelegene Einrichtung für Flüchtlinge in Sigmaringen anschauen. Vielleicht könnten die ja Asylbewerber abnehmen. Maier nimmt dankend an. "Wir können nicht noch Leute aus Bayern übernehmen, wenn hier 300 am Wochenende ankommen", sagt er.

In den vergangenen Wochen sind Zehntausende Flüchtlinge von Ungarn über Österreich nach Bayern eingereist. Die bayrische Landesregierung hatte mehrfach die Unterstützung der anderen Bundesländer angefordert. Baden-Württemberg hat nach eigenen Angaben innerhalb rund einer Woche 4000 Menschen aufgenommen.

Privatsphäre auf Sparflamme

"Ach herrje", sagt Maier und schaut aus dem Fenster. "Das sind die Neuzugänge." Vor dem flachen Gebäude gegenüber stehen Frauen und Männer – 25 bis 30, schätzt Maier. In Meßstetten lagern die Flüchtlinge mittlerweile in Massenunterkünften, auch mal 200 Menschen in einem Raum. Feldbett an Feldbett, Stockbett an Stockbett, dünne Tücher an den Stangen sollen neugierige Blicke abhalten. Privatsphäre auf Sparflamme. Der Fitnessraum wird an diesem Tag ausgeräumt. Sport hat im Moment keine Priorität, ebenso wenig wie ein Raum für den Glauben: Die Moschee macht zu. In einem Kleintransporter kommen am Nachmittag die nächsten Feldbetten. Flüchtlinge helfen dem Hausmeister beim Ausladen.

Der Chef ist kein Paragrafenreiter.
Der Chef ist kein Paragrafenreiter.

Am Infopoint müssen sich die Neuen melden, ihre Daten angeben, sich auf die Schlaforte verteilen lassen. 14.30 Uhr, es ist Schichtwechsel bei den Mitarbeitern des Betreibers European Homecare. 22 Menschen arbeiten hier in drei Schichten – um die Daten der Flüchtlinge auch nachts zu erfassen. "Ist Chaos, ist Chaos", begrüßt der Mann vom Sicherheitsdienst Maier, "Lösung gibt's nichts." Der Mann stammt aus Ägypten, lebt seit 40 Jahren in Deutschland. Die Mitarbeiter sind ratlos. 73 Menschen sind an diesem Tag angekommen. Sie wissen nicht, wohin mit ihnen. Mittlerweile sind die meisten Flüchtlinge in Meßstetten Syrer. Sie kommen mit Taxis oder lassen sich von Verwandten bringen, die bereits Asyl in Deutschland haben. Die holen die Flüchtlinge an der deutschen Grenze ab und fahren sie direkt auf die Alb.

Maier überlegt und sagt: "Wir haben 80 Betten, aber keine Matratzen. Können wir mal in Sigmaringen anrufen, ob die Matratzen haben?" Der Leiter des Infopoints, Daniel Danis, fragt: "Was ist mit der Turnhalle?" Maier schüttelt den Kopf. "Das Nächste ist der Kindergarten." In dem Raum, wo heute noch 70 Kinder kreischen, lachen und herumhüpfen, sollen künftig Menschen schlafen. Die beiden Turnhallen auf dem Gelände sind dagegen tabu – bisher. "Die Stadt Meßstetten hat schon viel mitgemacht", sagt Maier. Die Vereine trainierten in den Hallen, der Sport sei den Menschen extrem wichtig. "Wenn wir das zunichtemachen, dann geht die Akzeptanz in der Bevölkerung massiv verloren."

Maier zieht sein Handy aus der Hosentasche – telefoniert mit dem Landkreis, dem Standort Sigmaringen und einem Busunternehmer aus Balingen. Nach einer halben Stunde hat er 100 Feldbetten organisiert, die am Abend auch noch in das Fitnessstudio und die Moschee kommen. Er hat die Zusage von Sigmaringen, 80 Menschen zu übernehmen, und zwei Busse, die sie dorthin bringen.

Maier hat "eine gute Kuttel"

"Der hat, wie man auf Schwäbisch so sagt, eine gute Kuttel", urteilt der zuständige Landrat Günther-Martin Pauli über Maier. "Er jammert nicht rum." Sehr bescheiden sei er auch noch. Die nahezu 100 Ehrenamtlichen schätzen wiederum, dass der LEA-Leiter sich ihre Sorgen anhört, zu ihren Besprechungen kommt, zu ihrem Sommerfest. Der Bürgermeister findet ihn bodenständig und pragmatisch.

Die LEA platzt aus allen Nähten.
Die LEA platzt aus allen Nähten.

Maier sagt selbst, er habe den Finger nicht gehoben, als es um die Leitung der Einrichtung ging. Damals war der Jurist Leiter des Rechts- und Ordnungsamtes des Zollernalbkreises. Als klar war, dass die Erstaufnahmestelle in die Kaserne kommen solle, habe ihn sein Vorgesetzter im Urlaub angerufen und gebeten zu kommen. Gemeinsam mit einem seiner Mitarbeiter übernahm er schließlich die Leitung.

Zu zweit starteten sie auf dem ehemaligen Militärgelände. "Es gab Strom, Wasser und Heizung – und sonst eigentlich noch nichts", sagt Maier. "Wir hatten kein Telefon, wir hatten kein Internet, nur die Handys." Ende Oktober 2014 kamen die ersten 33 Asylbewerber. Der Anfang sei anstrengend gewesen, sagt Maier. Viele offene Fragen. Aber sie hätten sich nicht so große Sorgen gemacht. Mittlerweile arbeiten in der Einrichtung rund 170 Menschen: unter anderem Mitarbeiter des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, die für die Asylanträge zuständig sind, Mitarbeiter von European Homecare, die für den Betrieb sorgen, der Sicherheitsdienst, Ärzte und Sozialarbeiter.

Aktuell hat Maier allein in seinem Bereich neun Stellen zu besetzen. Doch nicht nur der ländliche Raum schreckt manche Bewerber ab, alle Verträge laufen nur bis Ende nächsten Jahres. Dann soll die Einrichtung wieder zumachen. So lautet zumindest weiterhin der Plan.

In den vergangenen 48 Stunden sind 218 Flüchtlinge in Meßstetten angekommen. Die Menschen aufgrund der überfüllten Unterkünfte abzuwehren, Grenzen zu schließen, Kontrollen zu verschärfen – davon hält Maier nichts. "Das Grundrecht auf Asyl ist eines, das man zahlenmäßig nicht beschränken kann", sagt Maier und ist da auf der gleichen Linie wie die Bundeskanzlerin. Aber einzelne Einrichtungen dürften eben nicht so überfrachtet werden. Aktuell gehe es nur noch um eine massenhafte Abfertigung. Es bleibe keine Zeit mehr, mit den Menschen zu sprechen und ihre Geschichten zu erfahren. Sie hätten viele traumatisierte Flüchtlinge hier, aber die bemerkten sie gar nicht mehr. "Das ist nicht die Arbeit, wie ich sie mir vorgestellt habe", sagt Maier. Meßstetten braucht Entlastung.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!

Kommentare

Barolo, 21.09.2015 16:38
Wie machen das die anderen zivilisierten Länder wie Australien, USA oder Kanada, wenn da Tausende ins Land wollen? Oder UK?
Die EU könnte mit ein paar Schiffen den Transport über den Teich machen und z.B. jede Woche ein paar tausend nach Ellis Island bringen.

Weltenbummler, 20.09.2015 23:46
Eine sehr eigene Art von Logik hat der Herr.
Nicht dass ich ihm seine vielen Tugenden abspenstig reden möchte, aber die Logik "zahlenmässige Uneingeschränktheit" & "keine punktuelle Überlastung zulassen"... - öhh, die fährt doch irgendwann gegen die Wand, oder meine ich das nur?
Na egal, der gute Herr wird aus seiner Sozialromantikwolke noch gründlicher rausfallen, als er sich das bisher in seinen schlaflosen Nächten zu träumen erlaubt

Schwabe, 17.09.2015 12:41
Dem Lob an der Leistung von Frank Maier schließe ich mich ohne wenn und aber an!
Was der Landrat Pauli in Bezug auf Frank Maier mit "bescheiden ist er auch noch" meint weiß ich jedoch nicht so genau. Wenn Herr Maier Jurist ist, ist er vermutlich im höheren Beamtendienst und hat damit ein ansehnliches Nettogehalt. Vermutlich legt Landrat Pauli seine persönlichen Maßstab an.

Insider, 17.09.2015 11:59
"Der hat, wie man auf Schwäbisch so sagt, eine gute Kuttel", urteilt der zuständige Landrat Günther-Martin Pauli über Maier. "Er jammert nicht rum." Sehr bescheiden sei er auch noch. Die Frage ist jedoch, wie lange Frank Maier diese Belastung noch aushält?
Hut ab vor dem Engagement dieses Beamten, den ich schon persönlich bei Infoveranstaltungen in der beschriebenen Art erleben durfte.

Schwabe, 17.09.2015 07:59
Die Turnhallen in denen die Einwohner von Meßstetten Sport treiben sine tabu (noch) - stattdessen wird ein Kindergarten in Erwägung gezogen!
Nach wie vor bin ich dafür, Bundesligastadien (die die meiste Zeit nur nutzlos rumstehen) offiziell und im "nationalen Interesse" als Erstaufnahmestellen heranzuziehen/umzufunktionieren. Aufgrund der großen Solidarität der Bundesliga mit den Ankommenden selbstverständlich unentgeltlich.
Gegenüber der "Nebensache" (Bundesliga-)Fußball haben für mich die einheimische Bevölkerung und deren Kinder Vorrang!

Kommentar hinzufügen




CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.


* Pflichtfeld!

Letzte Kommentare:

Ausgabe 282 / "Das haben wir versemmelt" / invinoveritas, 28.08.2016 18:10
hallo herr schmid, ich kombiniere mal, dass Sie nicht einen vernichtungsfeldzug des eigenen landes meinen, sondern einen solchen g e g e n das eigene land und ihn der frau merkel unterstellen. ob Sie wohl so gut wären und uns mitteilen...

Ausgabe 282 / Sioux auf dem Kriegspfad / Kornelia, 28.08.2016 15:49
Erschreckend ist doch: Hier Olympia, Fifa dort Rankingfirmen, PWH, Mc Kinsey, oder "Investoren" etc..... das sind künstliche ÖPP Firmen! (Gewinne werden privatisiert, Verluste sozialisiert) und sie schafften es quasi Recht und...

Ausgabe 282 / Politische Luxusreisen / Alt-Laizer (Loizer), 28.08.2016 14:40
Ich freue mich für Gerlinde Kretschmann, die als Frau des MP von Baden-Württemberg an Reisen teilnehmen darf, die sie privat sicher nie unternommen hätte.

Ausgabe 282 / "Das haben wir versemmelt" / Rolf Schmid, 28.08.2016 04:47
Hallo invinoveritas, erst jetzt entdecke ich Ihren Kommentar mit der Kritik an einem Nebensatz über die Verhältnisse in anderen sogenannten "demokratischen" Parteien der in JEDER Hinsicht bewundernswerten Frau JUNG, der ich hiermit...

Ausgabe 282 / Sioux auf dem Kriegspfad / Ulrich Herbst, 26.08.2016 21:28
Ich wünschte mir, es gäbe mehr von solchen Unternehmern. Es wird Zeit, der Mafia von IOC, FIFA und anderen 'ehrenwerten Sportfunktionären' die rote Karte zu zeigen, wenn schon die Regierungen der Veranstaltungsorte zu blöd, zu...

Ausgabe 281 / Fernbus-Boom und Schienen-Desaster / Sven, 26.08.2016 15:09
Zitat von jetztredichklartext: »Ein Zug selbst in der ersten Klasse würde als Hotel keinen einzigen Stern bekommen, fehlende Hygiene, stinkende Sanitärbereiche, sofern diese überhaupt zur Verfügung stehen. Vom unfreundlichen Personal...

Ausgabe 282 / Sioux auf dem Kriegspfad / Andrea, 26.08.2016 13:09
Super Statement dass dem NOK/IOC die olympische Idee völlig abhanden gekommen ist. SIOUX Schuhe kaufen wir auch so, ohne dass diese Firma Olympiaausstatter ist, denn Qualität spricht für sich

Ausgabe 282 / Sioux auf dem Kriegspfad / Marion Aust, 26.08.2016 10:43
Viele kleine Dinge machen das Große aus, deshalb sollten wir Sioux beim Kampf unterstützen und das tun was wir Frauen eh gerne machen...... Schuhe kaufen......hab schon so schöne Grashopper entdeckt!

Ausgabe 282 / Links oder rechts? / Sascha Munk, 26.08.2016 07:55
Linke sind Optimisten, sie möchten die Welt verbessern. Rechte sind Realisten und wollen Schlimmeres verhindern...

Ausgabe 282 / Politische Luxusreisen / Dr. Dierk+Helmken, 26.08.2016 06:45
Dies ist ein Stück exzellenten Journalismus. Hier wurde die Funktion der vierten Gewalt, die Inhaber der politischen Macht zu kontrollieren und zu verbellen, wenn sie dabei sind, den Versuchungen dieser Macht zu erliegen, mustergültig...

Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!