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Lemmer ist auf seinem Weg

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Till hat sich lange Zeit nicht zurechtgefunden in seinem Leben. Viele Jahre war er drogenabhängig. Als er clean wurde, war die Welt viel zu groß für ihn. Aber mit der Zeit hat er gelernt, sie neu zu entdecken. Geholfen hat ihm dabei sein Hobby: Till ist Geocacher und sucht kleine Schätze rund um den Globus. 50 Länder hat er bisher bereist. 199 fehlen ihm noch.

"Vertrauen", sagt Till, "zeigt sich daran, wie viele Schlüssel einer am Schlüsselbund trägt. Je mehr Vertrauen du verspielst, desto magerer wird der Bund." Viele Jahre ist es her, dass ihm seine Eltern den Schlüssel für ihr Haus abgenommen hatten, weil er sie beklaute und alles verkaufte, was er tragen konnte. Sein Fahrrad samt Schloss war lange schon verscherbelt. Zuletzt hat er den für die eigene Wohnung hergeben müssen, weil er monatelang keine Miete gezahlt hat. In den Therapieeinrichtungen, die er die Jahre darauf besuchte, brauchte er keine Schlüssel. Im Gefängnis hatten sie andere in der Tasche. "Irgendwann hast du keinen einzigen mehr. Du hast überhaupt nichts mehr. Alles ist weg."

Im September haben wir über Till und seinen Lebensweg berichtet. 15 Jahre lang war er schwer drogen- und alkoholabhängig. Nach langem Kampf mit sich selbst hat er den Weg in ein cleanes Leben gefunden. Geholfen und Halt gegeben hat ihm vor allem seine Familie. Und seine Leidenschaft: Till ist Geocacher. Unter dem Nickname "Lemmer" sucht er kleine Dosen, die andere Teilnehmer dieses Spiels verstecken, damit sie wieder andere mithilfe von Koordinaten finden können. Sein GPS-Gerät hat ihm dabei sichere Wege aufgezeigt, sich nach und nach die Welt zu erschließen, von der er in seinem alten Leben kaum mehr wahrgenommen hatte als den Gang zu seinem Dealer. Mittlerweile reist Till rund um den Globus. Er sammelt nicht mehr nur Geocaches, sondern auch Länder.

Im vergangenen Oktober hat er Gibraltar besucht. Es ist das 44. Land in Europa, das er bereist hat. Im November war er in Andorra, einem Zwergstaat halb so groß wie Berlin, der sich genau auf die Grenze zwischen Spanien und Frankreich gequetscht hat – Nummer 45. Nach jeder Reise verfärbt sich die virtuelle Karte auf der Internetseite des Geocaching-Anbieters Geocaching.com von weiß nach grau und kennzeichnet so das besuchte Land. "Es fehlen nur noch sechs, dann hab ich den ersten Kontinent voll", sagt er und grinst.

Um die ganze Welt gesehen zu haben, muss er noch in 199 Länder reisen, je nachdem, wie viele Länder man der Welt zurechnet. Im März 2015 fliegt er nach Nepal und wird den Mount Everest besteigen, 19 Tage bergauf. Er wird einen Abstecher nach Spitzbergen machen, in die Kälte zu den Eisbären. Für Januar 2016 hat er sich bereits eine Karibik-Kreuzfahrt gebucht. Für 2017 steht Brasilien auf dem Plan.

Ein Land allerdings wird noch eine Weile warten müssen. Denn die USA, das Stammland des Geocaching, lassen keine Exjunkies in ihr Land. Er hatte schon einmal eine Power-Point-Präsentation für den Beamten in der amerikanischen Botschaft vorbereitet. Eine kilometerlange Route voller Geocaches von Tennessee bis Minnesota, eine echte Aufgabe! Aber der Botschaftsmann schaute nur irritiert auf den Laptop-Bildschirm und sagte, das hätte er sich mal früher überlegen sollen. Till hat ein bisschen geschmollt und kam dann zu der Überzeugung, dass es dieses Land unter diesen Umständen sowieso nicht verdient hat, von ihm bereist zu werden. Sie sind kaum noch sichtbar, aber sein früheres Leben hat ein paar Spuren hinterlassen. Manche Dinge sind ihm geblieben.

Ein graues Feinripp-T-Shirt aus der JVA Rottenburg, das fiese Gefühl des Entzugs, wenn er Fieber hat, der Drang wegzuschauen, wenn sich im Fernsehen einer eine Spritze setzt, und das Spezi, wenn andere Pils bestellen. Kleinigkeiten, sagt Till, zu vernachlässigen. Die wichtigen Dinge hat er um sich versammelt. "Ich habe mir ein funktionierendes Sozialsystem aufgebaut, ehrliche Beziehungen. Und ich genieße das Vertrauen der Menschen um mich herum."

Tills Schlüsselbund hat sich mit der Zeit wieder gefüllt. Ein Schlüssel fürs Rad, einer fürs Büro, für das Haus seiner Eltern, einer für den Briefkasten, einer für das Haus des Großvaters, einer für seine Wohnung. "Bis hierher war es ein langer Weg, gepflastert mit Blut, Schweiß und Tränen. Aber er hat sich gelohnt", sagt er. "Ich bin angekommen. Und ich bleibe."

***

Ausgabe 181, 17. 9. 2014

Wie Lemmer lernte, die Welt zu beherrschen

Till war viele Jahre lang drogenabhängig. Bis er ein Hobby fand, das ihm das Leben rettete. Mittlerweile bereist er die Welt auf der Suche nach Kostbarkeiten, von denen kaum einer weiß.

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