KONTEXT Extra:
Versprochen, gebrochen!

Was kommt da eigentlich noch?, fragt sich die designierte SPD-Landesvorsitzende und mit ihr die politisch interessierte Öffentlichkeit im Land. Vor vier Wochen waren die ersten Nebenabreden öffentlich geworden, die Grüne und CDU nicht in ihren Koalitionsvertrag aufgenommen hatten (Kontext berichtete). Ministerpräsident Winfried Kretschmann musste in einer Landtagsdebatte alle Register ziehen, um deren Notwendigkeit mehr schlecht als recht gerade auch vor den Regierungsfraktionen und der eigenen Klientel zu rechtfertigen. Ungenutzt ließ er die Chance, reinen Tisch zu machen, alles zu offenbaren, was er mit CDU-Landeschef Thomas Strobl ausbaldowert hat. Die Aufregung wäre groß gewesen - und doch deutlich kleiner als der Ärger, den sich die beiden jetzt eingehandelt haben. Drei Tage, sagt der Regierungschef gern, lägen zwischen "Hosianna" und "Kreuziget ihn!", was schon immer zweideutig war, weil er damit die Verantwortung für einen Niedergang auch dem Publikum zuschreibt. Jetzt tragen Kretschmann und Strobl diese ganz allein. Der Grüne allerdings deutlich schwerer als der Schwarze, weil er - siehe Persönlichkeitswerte - sehr vielen Menschen als Inbegriff der Redlichkeit galt. Mit seiner "Politik des Gehörtwerdens" war ein Transparenzversprechen verbunden, und das hat er höchstpersönlich gleich mehrfach gebrochen.


AfD kann nicht rechnen

Zu ihrer 100-Tage-Bilanz im Landtag legen die Abgeordneten der AfD-Fraktion, also jene, die dem Bundessprecher Jörg Meuthen im Antisemitismus-Streit nicht gefolgt sind, eine arg geschönte Bilanz ihrer Arbeit vor. "Seit Beginn der Legislaturperiode haben wir bereits 37 Anfragen gestellt, über die wir künftig berichten werden", heißt es in einer Pressemitteilung. Und weiter: "Das übertrifft die SPD-Fraktion bei weitem, die gerade einmal 14 Anfragen eingereicht hat, oder auch die FDP, die beide aufgrund ihrer Parlamentshistorie mit einer deutlich größeren Mannschaft im Hintergrund agieren."

Wahr ist, dass die Fraktionsgröße die Zahl der Beschäftigten bestimmt und vor allem, dass die AfD-Fraktion seit der Abspaltung der "Alternative für Baden-Württemberg" (ABW) acht Kleine Anfragen gestellt hat und die ABW seit ihrer Gründung Anfang Juli neun. Davor hatte es die noch geeinte AfD auf 34 Kleine Anfragen gebracht. SPD und FDP kommen aber auf jeweils über 70 Initiativen in ihren ersten 100 Tagen, darunter Kleine Anfragen, Große Anfragen, Anträge und Gesetzentwürfe. "Nachdem die AfD bis zur Stunde mit ihren ungeheuerlichen Mätzchen dem Parlament und seiner demokratischen Kultur nur Schaden zugefügt hat, kommt sie nun mit einer vor lauter Selbstbeweihräucherung triefenden 100-Tage-Bilanz daher, die aber noch nicht mal korrekte Rechenkünste vorweisen kann", reagiert Martin Mendler, der Fraktionssprecher der Sozialdemokraten, scharf. Der SPD würden fälschlicherweise lediglich 14 Anfragen zugeordnet, wohingegen es laut Parlamentsdokumentation des Landtags von Mai bis August in der 16. Legislaturperiode mehr als fünf Mal so viele seien.


Mit Wolfgang Dietrich naht die Rettung

Die Rettung rückt immer näher: Jetzt hat der Aufsichtsrat des Stuttgarter Fußballvereins VfB den früheren S-21-Sprecher Wolfgang Dietrich offiziell zum Präsidenten-Kandidaten erhoben. Gewählt wird er am 9. Oktober, so sich nicht irgendwelche Ultras zu einem Block zusammen rotten. Nicht so ganz schlüssig sind sich die beiden Fusionsblätter vor Ort, ob sie den 68-jährigen Streithansel gut oder schlecht finden sollen. Zum einen sei Dietrich ein "gewiefter Geschäftsmann", gar ein "Universalstratege", zum anderen ein "Polarisierer" und eine "Reizfigur", meinen die StZN, und sprechen von der "Altlast S 21". Sie mögen sich von den Parkschützern Mut zur Meinung machen lassen. Wenn das Neckarstadion unter die Erde gelegt werde, schreiben sie, könne man "oben Luxuswohnungen und Einkaufstempel" bauen.


Brigitte Lösch im Visier der AfD

Die beiden AfD-Gruppierungen im baden-württembergischen Landtag wollen ihre Spaltung nutzen, um mit einem Untersuchungsausschuss unter anderem gegen die frühere grüne Landtagsvizepräsidentin und Stuttgarter Abgeordnete Brigitte Lösch vorzugehen. Hintergrund ist ihr Engagement gegen die Bildungsplangegner der "Demo für alle" und für das Bündnis "No Pegida Stuttgart".

Gegenstand der parlamentarischen Untersuchung sollen auch die Ereignisse vom vergangenen Oktober sein, als Künstler und Beschäftigte aus Protest gegen die "Demo für alle" ein Banner mit der Aufschrift "Vielfalt" vom Dach des Großen Hauses der Württembergischen Staatstheater entrollten (Kontext berichtete). Die beiden AfD-Fraktionen verlangen Auskunft darüber "wieso das Opernhaus Stuttgart durch Gegendemonstranten besetzt werden konnte". Grundsätzlich will die "Alternative für Deutschland", die mit ihren zur Zeit zwei Fraktionen allein einen Untersuchungsausschuss beantragen kann, dem "Linksextremismus in Baden-Württemberg" nachgehen und einer möglichen Nähe zu "der gewesenen oder derzeitigen Landesregierung, Parteien, der Verwaltung, der Behörden oder dem Landtag".

Die vier demokratischen Fraktionen sehen darin einem Missbrauch der parlamentarischen Möglichkeiten. Bereits ins Auge gefasst ist eine Überprüfung des Vorgehens der Rechtsnationalisten durch den baden-württembergischen Verfassungsgerichtshof. Nach geltendem Recht kann ein Untersuchungsausschuss eingesetzt werden, wenn mindestens zwei Fraktionen oder ein Viertel aller Abgeordneten dafür sind. Er ist allerdings nur zulässig zu Sachverhalten, "deren Aufklärung im öffentlichen Interesse liegt" und wenn sie geeignet sind, "dem Landtag Grundlagen für eine Beschlussfassung im Rahmen seiner verfassungsmäßigen Zuständigkeiten zu vermitteln".

Drei vom Landtag bestellte Gutachter sahen Ende Juli auf Basis der geltenden Geschäftsordnung keinen Weg, der AfD die Bildung zweier Fraktionen zu verwehren. FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke warnte schon damals, die "Alternative für Deutschland" könnte ihren doppelten Fraktionsstatus missbrauchen. Jetzt sieht er sich bestätigt: Die AfD nutze ihre Spaltung, "um sich Vorteile zu erschleichen".

Die stellvertretende AfD-Landesvorsitzende Christina Baum, die dem Bundessprecher Jörg Meuthen im Antisemitismus-Streit um Wolfgang Gedeon nicht in die neue Fraktion gefolgt ist, bewertet das gemeinsame Vorgehen als "positives Signal für alle bürgerlichen Schichten im Land". Beide Fraktionen verhehlen auch nicht, dass der jetzt vorgelegte Antrag eine "Vorbereitung der Wiedervereinigung" (Baum) ist. Nach dieser, die für den Herbst und im Zuge einer gerade gestarteten Mediation von beiden Seiten in Aussicht gestellt wurde, könnte der Untersuchungsausschuss aber nicht mehr durchgesetzt werden.


Bahn muss Stuttgarts Bahnhof nicht offiziell stilllegen

Das Verwaltungsgericht Stuttgart hat mit Urteil vom 09.08.2016 die Klage der Stuttgarter Netz AG als unzulässig abgewiesen. Mit der Klage wollte die Gesellschaft privater Eisenbahnunternehmen verhindern, dass die Deutsche Bahn nach der Fertigstellung des unterirdischen Durchgangsbahnhofs Stuttgart 21 das bestehende Gleisvorfeld des oberirdischen Stuttgarter Kopfbahnhofes abbaut, bevor hierfür ein Stilllegungsverfahren nach dem Allgemeinen Eisenbahngesetz (AEG) durchgeführt wurde. Nach Auffassung des Gerichts handelt es sich bei dem "Umbau des Bahnknotens Stuttgart/Stuttgart 21" um ein ausschließlich planfeststellungspflichtiges Änderungsvorhaben nach dem AEG, für das ein zusätzliches Stilllegungsverfahren nicht erforderlich ist. Zugleich stellte das Gericht aber auch fest, dass der Rückbau des Gleisvorfeldes ohne vorherige Durchführung eines Planfeststellungsverfahrens rechtlich unzulässig sei. Da die Stuttgarter Netz AG in diesem Planfeststellungsverfahren ihre Interessen noch geltend machen und gegebenenfalls auch gerichtlich durchsetzen könne. Wegen der grundsätzlichen Bedeutung der Sache hat das Gericht die Berufung zum Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg in Mannheim sowie die Sprungrevision zum Bundesverwaltungsgericht zugelassen.


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Jugendoffizier Arne Nötte referiert vor Neuntklässlern über Aufgaben und Einsätze der Bundeswehr. Foto: Joachim E. Röttgers

Jugendoffizier Arne Nötte referiert vor Neuntklässlern über Aufgaben und Einsätze der Bundeswehr. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 192
Gesellschaft

Krieg und Frieden in der Schule

Von Stefanie Järkel
Datum: 03.12.2014
Einst forderten die Grünen die Landesregierung auf, die Kooperationsvereinbarung mit der Bundeswehr zu kündigen: Die Soldaten müssten raus aus den Schulen. Stattdessen hat Kultusminister Andreas Stoch (SPD) nun eine gemeinsame Erklärung mit Friedensorganisationen unterzeichnet. Die Grünen murren nur noch leise.

Früher predigte Gottfried Arlt in der Kirche vor Gläubigen. Nun spricht er im katholischen Franziskusgymnasium in Mutlangen vor Zehntklässlern. Der Mann aus Halle an der Saale erzählt von seinem Leben in der ehemaligen DDR – und seinem friedlichen Widerstand gegen das System. Arlt hatte in den 60er-Jahren den Wehrdienst verweigert und musste als Bausoldat schuften. Als er sich sperrte, einen Panzerschießplatz zu bauen, ging er dafür ins Gefängnis. Er glaube an "die Macht der Liebe und Zuwendung den Menschen gegenüber", sagt Arlt, "Waffen können eigentlich nur zerstören, nicht aufbauen."

Gottfried Arlt: "Waffen können eigentlich nur zerstören." Foto: Stefanie Järkel
Gottfried Arlt: "Waffen können eigentlich nur zerstören." Foto: Stefanie Järkel

Der 75-Jährige ist auf Einladung der Friedenswerkstatt Mutlangen in den Ostalbkreis gekommen. Im Franziskusgymnasium spricht er im Geschichtsunterricht als Zeitzeuge. Für Lehrer Stefan Klotzbücher ist es wichtig zu zeigen, "dass es Weltpolitiker gibt, die sich für Frieden einsetzen, aber auch normale Menschen".

Friedensorganisationen im Schulunterricht sind derzeit noch eine Seltenheit. Die Friedensbewegung wirft der grün-roten Landesregierung vor, die Bundeswehr mit einer Kooperationsvereinbarung zu bevorzugen, und fordert Chancengleichheit. Die Grünen hatten deswegen 2012 auf eine Kündigung der Vereinbarung gepocht. Doch mittlerweile äußert sich nur noch die Grüne Jugend kritisch. Kürzlich hat Kultusminister Andreas Stoch (SPD) eine gemeinsame Erklärung mit Friedensorganisationen unterzeichnet. Wie die Friedensbildung im Unterricht ausgebaut werden soll, ist jedoch unklar. Die CDU fordert ein Konzept.

Die Kritiker sehen in der Bundeswehr eine Organisation, die für das Töten wirbt, die Befürworter hingegen ein verfassungsrechtlich legitimiertes Organ, das den Frieden für Deutschland und seine Partner sichert, zur Not am Hindukusch. Die Bundeswehr schuf das Angebot 1958, um der "deutschen Bevölkerung die Notwendigkeit des Beitritts zur NATO und die damit verbundene Wiederbewaffnung Deutschlands zu vermitteln", heißt es in einer Broschüre aus dem Jahr 2011.

Keine Kritik – kein Problem

Arne Nötte war als Zeitsoldat unter anderem bei der Luftwaffe im niederländischen Eindhoven stationiert. Der 29-Jährige steht im hellblauen Hemd, dunkelblauer Krawatte und Hose vor der Realschulklasse 9c im Berufsschulzentrum Rudersberg, Rems-Murr-Kreis. "Warum bin ich hier?" fragt er die Schüler. "Weil Sie uns erklären wollen, welche Berufe es bei der Bundeswehr gibt", sagt ein Junge. Nötte reagiert routiniert: "Habt Ihr Fragen zu Jobs bei der Bundeswehr, bin ich der Falsche." Da müssten sich die Schüler an die Karriereberater wenden. Stattdessen will Nötte über die Aufgaben und Einsätze der Bundeswehr reden und über Sicherheitspolitik.

NATO-Soldaten als Musketiere: "Einer für alle, alle für einen." Foto: Joachim E. Röttgers
NATO-Soldaten als Musketiere: "Einer für alle, alle für einen." Foto: Joachim E. Röttgers

70 Minuten Vortrag folgen, die PowerPoint-Präsentation mit zahlreichen Bildern hilft bei der Konzentration. Nötte stellt stets Fragen und lässt die Schüler antworten. "Was macht mich zum Soldaten?" Die Bundeskanzlerin, die Verteidigungsministerin, das Gesetz oder der Bundestag? Die Schüler machen mit, manche wissen schon einiges, manche raten gern. Das Grundgesetz ist die richtige Antwort. "Was ist die NATO?" Nötte bemüht als Erklärung für das Staatenbündnis die Drei Musketiere. "Einer für alle, alle für einen."

Lehrer Jens Weimer ist im Anschluss zufrieden. Er lobt die "angenehme Art" des Vortrages, die Anschaulichkeit. Und: "Diese fundierten Informationen sind von mir nicht zu geben", sagt Weimer. Der 35-Jährige wollte einen Experten aus der Praxis im Unterricht haben – "gerne wieder" lautet sein Fazit. Dass Nötte kein kritisches Wort über die Bundeswehr verloren hat, stört ihn nicht. "Das sehe ich als meine Aufgabe, das passiert im Anschluss", sagt Weimer. Nach der Kooperationsvereinbarung und dem Beutelsbacher Konsens sind die Jugendoffiziere dazu verpflichtet, die gesellschaftliche Debatte mit Pro und Kontra abzubilden. Nötte selbst sagt: "Ich stelle die Fakten dar. Wenn kritische Fragen kommen, gehe ich darauf ein." Nötte hat als angehender Jugendoffizier zwei dreiwöchige Lehrgänge durchlaufen. Rhetorik, Didaktik, Sicherheitspolitik.

Im vergangenen Schuljahr absolvierten die sieben hauptamtlichen Jugendoffiziere der Bundeswehr in Baden-Württemberg 315 Schulbesuche. Die Nachfrage ist nach Angaben von Nötte zurückgegangen. Es habe zeitweise Vakanzen bei den Jugendoffizieren gegeben, sagt er. Hinzu kamen noch 700 Besuche der acht Karriereberatungsoffiziere.

Die Landesregierung hat sich mittlerweile "anders positioniert"

Für die Befürworter der Schulbesuche der Friedensbewegung sind die Organisationen ein Teil der Geschichte Deutschlands. Für die Kritiker sind das Gruppen ohne pädagogisch geschultes Personal und Konzept, die auch noch Kontakte zu zwielichtigen Organisationen unterhalten. Die Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) wirft den Jugendoffizieren vor, eine "eingeschränkte Sichtweise" auf die Bundeswehr zu präsentieren, wie der Landesvorsitzende Roland Blach sagt. Es werde nicht zwingend dargestellt, was an Auslandseinsätzen schiefgelaufen sei, beispielsweise dass die Bundeswehr ohne politische Strategie nach Afghanistan gegangen sei. Die DFG-VK fordert weiterhin, dass die Kooperationsvereinbarung mit der Bundeswehr gekündigt wird. Aktuell gibt es ungefähr in der Hälfte der Bundesländer solche Verträge.

Über 1000 Schulbesuche macht die Bundeswehr pro Jahr. Foto: Joachim E. Röttgers
Über 1000 Schulbesuche macht die Bundeswehr pro Jahr. Foto: Joachim E. Röttgers

Kultusminister Stoch hat im August die noch unter der ehemaligen CDU-geführten Landesregierung geschlossene Vereinbarung mit der Bundeswehr erneuert. Allerdings müssen nun Lehramtsreferendare nicht mehr bei Veranstaltungen mit der Bundeswehr anwesend sein. Außerdem ist das Werbeverbot für Jugendoffiziere explizit ausgeführt. Der Kultusminister hat die Kooperationsvereinbarung nicht gekündigt, weil sich die Landesregierung "anders positioniert" habe, wie ein Sprecher des Kultusministeriums sagt. Neben Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hatte sich auch Innenminister Reinhold Gall (SPD) gegen eine Kündigung ausgesprochen. In der Kooperationsvereinbarung steht, dass Schüler befähigt werden sollen, "sich mit Fragen internationaler Verständigung und Zusammenarbeit sowie mit unterschiedlichen Strategien der Friedenserhaltung eigenständig auseinanderzusetzen".

Ende Oktober unterzeichnete Stoch zudem eine gemeinsame Erklärung mit verschiedenen Friedensorganisationen, wie der Friedenswerkstatt Mutlangen. Ziel sei die "Stärkung der Friedensbildung an den baden-württembergischen Schulen", heißt es in der Erklärung. So soll die Aus- und Fortbildung der Lehrer in Sachen Friedensbildung vorangetrieben und eine entsprechende "Infrastruktur für Friedensbildung" aufgebaut werden. Konkreter wird das Papier nicht.

Beim grünen Landesverband will man sich nach dem Protest vor zwei Jahren nicht mehr zu dem Thema äußern. Die Landtagsvizepräsidentin Brigitte Lösch (Grüne) hingegen kann "mit der gefundenen Lösung gut leben". Schließlich sei die einseitige Bevorzugung der Bundeswehr beendet worden. "Eine Aufkündigung der Kooperationsvereinbarung, wie von der Partei beschlossen, war unter den politischen Rahmenbedingungen nicht möglich." Nur die Grüne Jugend fordert weiterhin die Umsetzung des damaligen Parteitagsbeschlusses. "Mich stört, dass die Bundeswehr in die Schulen kommt und ein Stück weit Werbung für sich macht", sagt der Landessprecher der Grünen Jugend, Marcel Emmerich. Er schlägt vor, dass das Kultusministerium per Brief die Schulleitungen auf die Möglichkeit und den Wunsch hinweist, Friedensinitiativen in den Unterricht einzuladen.

CDU fordert Konzept vom Kultusministerium

Die Opposition vermisst konkrete Vorschläge. "Das Ding ist verhältnismäßig allgemein und harmlos formuliert", sagt der CDU-Landtagsabgeordnete Ulrich Müller über die gemeinsame Erklärung. Die Frage sei: "Was haben diejenigen, die unterzeichnet haben, jetzt in der Hand? Haben die ein gesteigertes Zutrittsrecht?" Was bedeute das für die Kontakte zu Organisationen in der Friedensszene, die vom Verfassungsschutz beobachtet würden? So gibt es offenbar Verbindungen zwischen dem Unterzeichner Friedensbündnis Esslingen und der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Müller weist zudem auf die fehlende demokratische Legitimation der Friedensorganisationen hin, im Gegensatz zur Bundeswehr.

Ein Sprecher des Kultusministeriums sagt zu den Plänen: "Es ist nicht daran gedacht, in die Finanzierung der Strukturen der Friedensorganisationen einzusteigen." Stattdessen wolle man

Tiefe Einblicke: Wolfgang Schlupp-Hauck zeigt Schülern seine Stasi-Akte. Foto: Stefanie Järkel
Tiefe Einblicke: Wolfgang Schlupp-Hauck zeigt Schülern seine Stasi-Akte. Foto: Stefanie Järkel

bei den Schulen ansetzen. "Die Lehrer haben das bessere Know-how." Das Kultusministerium plane eine Servicestelle, um die Angebote der einzelnen Gruppen zu bündeln. Diese könne beispielsweise an einer der pädagogischen Hochschulen angesiedelt werden oder bei der Landeszentrale für politische Bildung. Grün-Rot soll 100 000 Euro jährlich eingeplant haben. Allerdings wird der Doppelhaushalt 2015/2016 erst im Dezember verabschiedet. Am 8. Dezember soll es einen Workshop mit den Friedensorganisationen in Bad Boll geben.

Die Gruppen der Friedensbewegung könnten sich Vorträge zu gewaltfreier Konfliktlösung und der Geschichte der Friedensbewegung ebenso vorstellen wie Zeitzeugen-Gespräche. Der Vorsitzende der Friedenswerkstatt Mutlangen, Wolfgang Schlupp-Hauck, dringt auf eine entsprechende Lehrplanentwicklung. Die Friedenswerkstatt hat in den 80er-Jahren den Widerstand gegen die Aufrüstung der atomar bestückten Raketen in Mutlangen organisiert.

Lehrer Klotzbücher vom Franziskus-Gymnasium in Mutlangen hatte mit dem Besuch von Gottfried Arlt das erste Mal Kontakt zur Friedenswerkstatt. Er will die Organisation wieder einladen, wenn der Kalte Krieg Thema wird und die Friedensbewegung der 80e- Jahre. "Da bietet es sich wirklich an", sagt der 32-Jährige. Von seinem Klassenzimmer aus blickt er auf das Wohngebiet Mutlanger Heide. Dort, wo heute großzügige Einfamilienhäuser stehen, waren früher die Amerikaner mit ihren Pershing-Raketen stationiert.


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Kommentare

Schulfrei, 07.12.2014 11:20
Ein halbgarer Artikel. Die Bundeswehr hat ein sehr spezifisches Interesse an der Manipulation der Schüler. Sowohl was die Meinung angeht als auch die Rekrutierung. Da spielen sich die 315 Gehirnwäsche-Termine und die 700 Rattenfängertermine in die Hand. Die Reporterin hat überhaupt nicht verstanden, dass es nicht normal ist, Interessensvertreter quasi als Ersatzlehrer einzubinden. Mit den gleichen Argumenten könnten man unterstützen, dass Finanzbeamte Schule machen. Themen gäbe es da genug: Wie mache ich eine Steuererklärung? Wie mache ich einen Einspruch? Warum dürfen nur Reiche Steuern sparen? In wessen Interesse wurde die Vermögenssteuer abgeschafft? Warum ist die elektronische Steuererklärung eine Datenfalle usw usw.
Wem es jetzt eigenartig vorkommt, solche Themen von Finanzbeamten in die Schule tragen zu lassen, der sollte auch eine Allergie gegen Bundeswehrleute in der Schule entwickeln.
"Es ist nicht daran gedacht, in die Finanzierung der Strukturen der Friedensorganisationen einzusteigen." Aha. Wir alle finanzieren die "Jugendoffiziere" und die "Karriereberater" aus Steuern, aber die Vertreter der Friedensbewegung sollen alles ehrenmtlich machen. Und werden dann noch als "nicht demokratisch legitimiert" und als dubiose potenzielle Staatsfeinde denunziert.
War es nicht die Kontext:wochenzeitung, die in etlichen Artikeln im NSU-Zusammenhang belegte, dass der "Verfassungsschutz" zu den dubiosesten und für den Rechtsstaat gefährlichsten Organisationen gehört? Und jetzt muss dieser "Verfassungsschutz" als Zeuge zur Delegitimierung der Friedensbewegung herhalten. Durch den Aufbau des Artikels und v.a. die Zwischenüberschrift "Dubiose Verbindungen der Friedensszene" macht sich Kontext diese CDU-Position anscheinend zu eigen. Sehr schade.
http://schulfrei-für-die-bundeswehr.de/

Harald Stickl, 06.12.2014 15:31
Kriege fallen nicht vom Himmel, Kriege werden gemacht. Dazu bedarf es Menschen die auf Befehl gehorchen und solche, die Befehle erteilen. Daran fehlt es der Bundeswehr, vor allem an qualifiziertem Personal. Deshalb der Versuch, mit einer “Attraktivitätsoffensive” junge Menschen zu gewinnen. Und weil 30 Millionen Werbeetat nicht ausreichen, die Jungs und Mädels die ganzseitigen Anzeigen in der Bravo einfach überblättern und bei den Spots den Radiosender big FM einfach wegdrehen, ist die Zwangsbeschallung durch den Jugendoffizier nötig. Darauf gibt es nur eine Antwort: Schulfrei für die Bundeswehr !

Carmen S., 05.12.2014 12:24
Unsere Politiker schicken den TOD zu unseren Kindern in die Klassenzimmer - aber nett verpackt, muss ich zugeben!
Für eine friedvolle, solidarische Gesellschaft/Nation gibt es andere/effektivere Mittel der Verteidigung! Voraussetzung sind anständige Machteliten!

gguentue, 04.12.2014 18:16
Dass sich GRÜN-ROT in der Regierungsverantwortung bezüglich der Kooperationsvereinbarung mit der Bundeswehr anders verhält als früher in der Opposition gefordert, wundert einen nicht.

"Fachleute bzw. Interessenvertreter" in den Unterricht einbeziehen,
warum eigentlich nicht, das gilt auch für Jugendoffiziere.

Wichtig ist aber:
Wenn in der Oberstufe die Einheit "Frieden, Sicherheitspolitik, etc."
gründlich behandelt wurde und dann ein Jugendoffizier eingeladen wird, verspricht das eine interessante Diskussion in der Klasse.

Aber: Wenn der Gemeinschaftskunde- bzw. Politikunterricht in Berufs- und Realschulen häufig fachfremd erteilt wird und die Jugendoffiziere vor allem eingeladen werden, um diesen "Stoff" ohne viel Einarbeitung abzudecken, dann ist die
Manipulationsgefahr bei Schülern/innen unter 16 Jahren gegeben.

Noch was: Hätte mir auch von der GEW gewünscht, dass das
Leitziel "Frieden" bei den viel diskutierten neuen Bildungsplänen verankert wird (vgl. Landesverfassung Art. 12 .."zur Friedensliebe...zu erziehen..") und man sich auch bei den grün-roten Parlamentarieren massiv dafür eingesetzt hätte.
Stattdessen der Streit um die "sexuelle Vielfalt" in den Bildungsplänen, m.E. ein willkommener "Nebenkriegsschauplatz", um nicht über Friedensziele
im Unterricht streiten zu müssen (wie viele grüne
Regierungsmitglieder haben früher für den NATO-Austritt
gestimmt ? )

Gaigler, 03.12.2014 10:51
@MCBuhl: und als Ergänzung noch "Der Untertan"; garniert mit Beispielen aus hoher und Kommunalpolitik.

MCBuhl, 03.12.2014 09:51
Mal aus der Denkbox ausbrechen: Gäbe es engagiertere Friedens-Vertreter als solche, die den Wahnsinn oder die Sinnlosigkeit des Apparats schon mal erlebt haben? Einmal den Schweijk oder 08/15 durch nehmen (Pflichtlektüre) als Vorbereitung des Besuchs des Propagandaoffiziers?

By-the-way, 03.12.2014 00:56
ALLES SUPER!!

Die Jugend für einen TODSICHEREN Job begeistern, ein echtes Arbeits-Schaffungs-Projekt, da lassen sich immer Einige dafür begeistern...

Im Zweifelsfall: IMMER GARANTIERT TODSICHER !!!
(den Plastiksack und den "Heimflug" im Frachtraum gibt´s übrigens auf Staatskosten GRATIS dazu!)

Gut, man kann den heimat-verteidigenden Auslandseinsatz auch mit Gliedmaßenverlust und anderen, zur Erwerbsunfähigkeit führenden Blessürchen überleben und hat dann ausgesorgt:
endlich lebenslange "Bild"ung durch gleichnamige Zeitung und Konsum der "Öffentlich-Rechtlichen" bequem auf dem Sofa zu Hause - und das, ohne, im wahrsten Sinne des Wortes, noch den Finger (am Abzug) dafür krumm machen zu müssen.
PARADIESISCH!

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Ganz großartig ! Ich werde nun vermehrt wieder Sioux-Schuhe kaufen und es allen Menschen mitteilen. Liebe Grüße aus Portugal, thomas

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Es scheint als müsse immer noch jeder Mensch in die "passende" Gesinnungsschublade gepackt werden.

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Vielen Dank für den Artikel! Höchst erfreulich daß es noch Unternehmen und Unternehmer mit Rückgrat gibt. Ein weiterer Grund diese Marke weiterzuempfehlen.

Ausgabe 282 / Sioux auf dem Kriegspfad / Manfred Corte, 24.08.2016 11:34
... jetzt werde ich mir wohl bald die ersten Sioux-Schuhe kaufen - oder gleich mehrere Paare ...

Ausgabe 282 / Politische Luxusreisen / Heiner Janzmann, 24.08.2016 04:02
"Die BWI-Experten kalkulieren oft tagelang anhand dicht beschriebener Excel-Tabellen, um vernünftige Preise anbieten zu können." Sollte dann nicht der entspechende Stundensatz hinzugerechnet werden?

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