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S-21-Ausstieg ernsthaft erwogen

Jetzt ist es amtlich: Aus den entschwärzten Teilen eines für Angela Merkel erstellten Vermerks vom 5. Februar 2013 geht hervor, dass die Staatssekretäre der beteiligten Bundesministerien vor drei Jahren die Frage eines Ausstiegs aus Stuttgart 21 ernsthaft prüfen lassen wollten, bevor über die Kostensteigerungen entschieden werden sollte. Der Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium Michael Odenwald (CDU) hatte "eine umfassende Unterlage" erstellen lassen, wonach, wie es in dem vierseitigen Schreiben an die Kanzlerin heißt, "offenbar die Antwortentwürfe der DB AG auf die Fragen des AR kritisch kommentiert, weitere Fragen zur Kostenentwicklung und Risiken sowie nach Projektabbruch und Alternativen formuliert" wurden.

Unter anderem gibt der Vermerk die Auffassung des Bahnvorstands wieder, nach der die seinerzeit eingeräumten Kostensteigerungen nicht allein zu Lasten des Bundes gehen und andere Vorhaben der Bahn nicht tangieren würden. Das Bundesverkehrsministerium hatte dieser Ansicht zuvor widersprochen. Abschließend heißt es: "Um ein Scheitern des Projekts auf der Zeitschiene zu verhindern, muss der Aufsichtsrat nach Erörterung und Bewertung der von der DB beantworteten Fragen zügig eine Entscheidung (...)" fällen. Und das Verkehrsministerium wird gedrängt, "zügig zu einer abschließenden Bewertung der Faktenlage zu kommen und diese mit den anderen Ressorts abzustimmen".

Für Eisenhart von Loeper, der die Entschwärzung am Donnerstag in Berlin in einem Vergleich vor dem Verwaltungsgericht erreicht hat, ist damit der "Verdacht der rechtswidrigen Einflussnahme auf die Weiterbauentscheidung erhärtet". Die weiteren nun einsehbaren Passagen des bisher Dokuments zeigten, so das Aktionsbündnis in seiner Pressemitteilung, "dass es in der Sache massive, wenn auch diplomatisch formulierte Forderungen gab, Verkehrs-Staatssekretär Odenwald solle seine begründete Forderung der ernsthaften Prüfung des Ausstiegs aus dem Projekt aufgeben". Von Loeper weiter: "Obwohl es den Staatssekretären darum ging, bei Stuttgart 21 'vor dem Hintergrund der Entwicklung beim BER eine möglichst belastbare Finanzierung gewährleisten und Risiken soweit wie möglich ausschließen' zu können, sollte sich das Verkehrsministerium die Meinung des Bahnvorstands zu eigen machen. Dieser votierte dann trotz der enormen Kostensteigerung für Weiterbau."


Stuttgart 21: Steter Tropfen

Das Kanzleramt entschwärzt weitere Teile eines brisanten Stuttgart-21-Vermerks. Wie Eisenhart von Loeper am Donnerstag nach dem Erörterungstermin zur Aktenvorlage vor dem Berliner Verwaltungsgericht mitteilte, werden damit rund 80 Prozent jenes Papiers mit Datum 5. Februar 2013 öffentlich, in dem es um das Okay des DB-Aufsichtsrats für das Milliardenprojekt trotz der Kostensteigerungen und vor allem der Tatsache geht, dass nicht geklärt war und ist, wer die Mehrkosten trägt. Von Loeper hofft jetzt nachvollziehen zu können, wie und was in den entscheidenden Wochen 2013 intern diskutiert wurde. Im Raum steht seit dem umstrittenen Votum der Vorwurf, dass das Kanzleramt Einfluss auf die Aufsichtsräte genommen hat. Schon im Sommer 2014 hatte von Loeper die Herausgabe wichtiger Dokumente durchsetzen können, die seither auf der Internetseite www.strafvereitelung.de eingesehen werden können. Die neuen Passagen sollen dem Aktionsbündnis noch diese Woche zugestellt werden.


VfB gewinnt die Süperlig

Der VfB ist nun doch noch Meister geworden! Nach dem Abstieg aus der 1. Bundesliga am Samstag hat er schon am Tag darauf die türkische Süperlig gewonnen. Wenigstens ein bisschen. Sagen wir mal, unter Einberechnung des Schön-war-die-Zeit-Vergangenheitsbonus', zu zwei Elfteln. Die beiden Besiktas-Istanbul-Spieler Mario Gomez und Andreas Beck haben nämlich ihre VfB-Meisterschaftserfahrung aus dem Jahr 2007 in den türkischen Club eingebracht. Nach dem 3:1-Sieg gegen Osmanlispor kann Besiktas am letzten Spieltag nicht mehr eingeholt werden. Gefeiert wurde das auch auf dem Stuttgarter Schlossplatz, schließlich hat der Verein viele Fans. Die sind übrigens Weltrekordhalter: in einem Spiel gegen Tottenham im Jahr 2006 (nach anderen Angaben 2007 gegen Liverpool) haben sie sich mit 132 Dezibel den Höchstwert für Fußballstadien zusammengejubelt. Die Besiktas-Fangruppe Carsi (offiziell aufgelöst, aber weiter virulent und freundschaftlich mit Sankt Pauli verbunden) umrundet das A im Namen zum Zeichen für Anarchie, versteht sich auch als soziale Bewegung und war etwa bei den Taksim-Platz-Protesten gegen Erdogan aktiv. Was jetzt eventuell weniger an den VfB und seine Fans erinnert. Aaaaaber: Trainiert wurde Besiktas auch einige Jahre von Christoph Daum, der den VfB 1992 zum Meister machte. Und drei Jahre später hat Daum mit Besiktas die Süperlig gewonnen! Wenn man also auch noch den Daum-Faktor einrechnet, dann ist der VfB an diesem Sonntag sogar mit mehr als Zwei-Elfteln türkischer Meister geworden. (17.5.2016)


Stuttgarter Friedenspreis 2016 an Jürgen Grässlin

Die Verleihung des diesjährigen Anstifter-Preises an Jürgen Grässlin ist ein Signal. Denn dem Rüstungsgegner droht eine Haftstrafe. Die Stuttgarter Staatsanwaltschaft hat wenige Monate nach seinem Enthüllungsbuch "Netzwerk des Todes" über die Verflechtungen von Rüstungsindustrie und Behörden Vorermittlungen eingeleitet: Gegen ihn und seine Mitautoren Daniel Harrich und Danuta Harrich-Zandberg - wegen des Verdachts verbotener Mitteilungen über Gerichtsverhandlungen gemäß § 353d Strafgesetzbuch.

Dabei hatte Mitautor und Regisseur Daniel Harrich der Staatsanwaltschaft zahlreiche Dokumente zur Verfügung gestellt, auf deren Basis die staatsanwaltschaftliche Klageschrift gegen Heckler & Koch verfasst werden konnte. Vor rund einem Monat hat Daniel Harrich noch den Grimme-Preis dafür entgegengenommen. Nicht nur im Fall Böhmermann - auch sonst sehen sich deutsche Medienmacher und kritische Autoren immer wieder mit Strafermittlungen konfrontiert. Jetzt erst recht - Kontext gratuliert zum Friedenspreis.

In diesem Jahr wird er zum 14. Mal verliehen, 25 Vorschläge gingen bei den Anstiftern ein. Der erste Preis ist mit 5000 Euro dotiert. Auf weiteren Plätzen folgen der Zeitzeuge Theodor Bergmann, Seawatch (Geflüchtete in Seenot), Ärzte ohne Grenzen und die kurdische Menschenrechtsaktivistin Leyla Zana. (16.Mai 2016)


Bündnis gegen rechts

Winfried Kretschmann engagiert sich im österreichischen Präsidentschaftswahlkampf: Er ist einem breit verankerten Komitee gegen rechts und zur Unterstützung von Alexander van der Bellen beigetreten. Der frühere Bundesvorsitzende der österreichischen Grünen, der als parteiunabhängiger Kandidat antritt, kam bei der Volkswahl Mitte April im ersten Wahlgang auf 21,3 Prozent der Stimmen. Norbert Hofer, der Kandidat der rechtspopulistischen "Freiheitlichen Partei Österreichs" (FPÖ), liegt mit 35 Prozent weit vorn. Zusammengefunden haben sich vor dem entscheidenden zweiten Wahlgang am 22. Mai viele Promis aus dem deutschsprachigen Raum, die sich für van der Bellen stark machen. Darunter Oscar-Preisträger Christoph Waltz, Everest-Bezwinger Reinhold Messner oder Liedermacher Konstantin Wecker und hunderte Schauspieler, Künstler, Journalisten, Politiker, Unternehmer, Wissenschaftler oder Diplomaten aus dem linken, aber auch aus dem bürgerlichen Lager. Nach Pfingsten, am Dienstagabend,  wird Kretschmann nach Wien reisen, um im Wahlkampf des Universitätsprofessors aufzutreten. Er habe van der Bellen "als engagierten, fairen und vertrauenswürdigen Menschen kennen und schätzen gelernt, der für Demokratie, Menschenrechte, ökologische Nachhaltigkeit, gegenseitigen Respekt und Chancengleichheit" eintrete. Unter weiter: "Gerade in diesen bewegten Zeiten ist eine besonnene, weltoffene und weitsichtige Person in einem solchen Amt besonders wichtig." Hofer ist programmatisch einer der führenden Köpfe der FPÖ und damit der europäischen Rechten. Seine schlagende Verbindung Marko Germania hält wenig vom selbständigen Staat Österreich, sondern bekennt sich zu einem "deutschen Vaterland", "unabhängig von bestehenden staatlichen Grenzen". Er wäre in Mitteleuropa der erste Rechtspopulist im höchsten Amt eines Staates. (15.5.2016)


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Ausgabe 151
Gesellschaft

Genmais: kleiner Bauer, große Lobby

Von Susanne Stiefel
Datum: 19.02.2014
Biolandbauer Robert Trautwein ist empört: Die EU-Kommission wird voraussichtlich eine Genmaissorte zulassen, die nur unzureichend erforscht ist. Er ist nicht allein. Die große Mehrheit der Deutschen lehnt grüne Gentechnik ab. Seit Jahren kämpft der Mann, den sie den Murrtalrebellen nennen, gegen "diese Agrarmafia". Mit Argumenten, Humor und in breitestem Schwäbisch. Doch die Lobbyisten der Saatgut- und Chemiekonzerne sind nicht untätig.

Bei Robert Trautwein hat das Telefon die vergangenen Tage noch öfter geklingelt als sonst, und sein Faxgerät lief heiß. Ja, Fax, der Biolandbauer ist kein Freund des Internets, "des lern ich nemme". Aber wenn es um grüne Gentechnik geht, ist der Mann aus Kirchberg an der Murr dennoch zuverlässig auf dem neuesten Stand. Und genauso zuverlässig dagegen. "I sag Agro-Gentechnik", stellt der bodenständige Schwabe in seinem Wohnzimmer gleich mal richtig, "grüne Gentechnik klingt zu schön." Mächtig aufgeregt hat er sich über die Entscheidung des EU-Ministerrats vom 11. Februar 2014, den gentechnisch veränderten Mais 1507 des amerikanischen Saatzuchtunternehmens Dupont Pioneer in Europa zuzulassen. "Da hat sich die Agrarmafia durchgesetzt", poltert Trautwein. Dagegen kämpft der 68-Jährige, dafür hat er noch mehr Zeit, seit er seinen Hof samt dem Hofladen an seine beiden Söhne überschrieben hat.

"Murrtalrebell" nennen sie den Mann, der viele Jahre im Kirchberger Gemeinderat saß und mit dafür verantwortlich ist, dass sich die Gemeinde vor sechs Jahren zur gentechnikfreien Anbauzone erklärt hat. Trautwein trägt diesen Titel mit Stolz. Schon gegen die Genkartoffel Amflora ist er ins Feld gezogen, gegen den Genmais Mon810 sowieso, und er hat sich gefreut, dass der Anbau beider GVO-Pflanzen in Deutschland verboten wurde. Nun also der Genmais mit der Nummer 1507.

Bauer und Kämpfer gegen Gentechnik: Robert Trautwein auf dem Markt. Foto: Joachim E. Röttgers
Bauer und Kämpfer gegen Gentechnik: Robert Trautwein auf dem Markt. Foto: Joachim E. Röttgers

Der ist nicht nur resistent gegen Schmetterlinge und Motten und damit gegen den gefürchteten Maiszünsler, sondern auch gegen das Herbizid Glufosinat. Das wird von Bayer unter dem Namen "Basta" und "Liberty" hergestellt, ist für Mensch und Tier schädlich und soll 2017 vom Markt genommen werden. "Wozu brauchen wir also eine Maissorte, die dagegen resistent ist?", fragt Trautwein und guckt listig, "oder soll das 2017 etwa nicht passieren?" Mit Saatgut und dem Verkauf von Pestiziden lassen sich gute Geschäfte machen. Ganz vorne mischen Saatgut- und Chemieriesen wie BASF (Amflora), Monsanto (Mon810) und eben Dupont Pioneer (Genmais 1507) mit.

Wer das Öl hat, mag die Macht haben, so Trautwein: "Aber wer das Saatgut hat, beherrscht die Menschen." Etwa in Indien, wo sich in den vergangenen zehn Jahren Zehntausende Kleinbauern Selbstmord begingen. Die Baumwollbauern im sogenannten Selbstmordgürtel Indiens müssen jährlich teures, genverändertes Saatgut kaufen, viele verschulden sich dabei massiv. Gegen diese Abhängigkeit macht Trautwein mobil, und er ist nicht allein. In den vergangenen drei Monaten hielten sowohl die Gesellschaft für Konsumforschung als auch das Emnid-Institut, Letzteres im Auftrag des Bundeslandwirtschaftsministeriums, fest: Fast 90 Prozent der Deutschen lehnen Gentechnik in der Landwirtschaft ab.

Im schwarz-roten Koalitionsvertrag wird dies offiziell anerkannt. Doch bei der Entscheidung im EU-Ministerrat über die Genmaislinie 1507 hat sich Deutschland enthalten. Für diese Enthaltung hat auch die baden-württembergische SPD-Bundestagsabgeordnete Elvira Dobrinski votiert. Trautwein kennt die ehemalige Lehrerin aus dem Badischen gut, die seit 2004 im Berliner Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft sitzt.

Vor drei Jahren saß sie noch in seinem Wohnzimmer mit den behäbigen Sesseln und den dicken Teppichen, sie hat sich seinen Hof und seinen Hofladen angeschaut, den ungespritzten Ackersalat, das unbehandelte Getreide und den nicht genmanipulierten Soja – was auf den Trautwein'schen Feldern halt so alles wächst, streng nach den Regeln von Bioland. Sie hat sich angehört, mit welchen Argumenten er den angeblichen Segnungen der Gentechnik begegnet. Sie löst das Welthungerproblem? "Das schafft man nicht mit Monokulturen, die laugen höchstens den Boden aus." Genmais braucht weniger Dünger? "Das gilt nur in den Anfangsjahren, dann muss mehr gedüngt werden." Gentechnik ist die Zukunft, da muss man mitspielen? "Wen man die Risiken nicht kennt, muss man gar nichts."

Karikatur: Kostas Koufogiorgos
Karikatur: Kostas Koufogiorgos

Die SPD-Frau hat ihm zugestimmt, Jahre später hat sie abgestimmt – für Enthaltung. Seitdem ist die Politikerin aus Offenburg bei Trautwein unten durch. "Wer gegen Gentechnik ist, darf sich nicht enthalten", sagt der Aufklärer im Interessengestrüpp der Gentechnik. Elvira Dobrinski hat ihn enttäuscht.

Nicht, dass das Trautweins gute Laune mindern könnte. Das entspricht nicht dem Naturell des Mannes, der genauso gerne lacht, wie er poltert, und der bei allem Eifer kein Eiferer ist. Und schon gar nicht will er sich von so einem kleinen Maiskorn die Laune verderben lassen. Doch sein Vertrauen in die Politik ist getrübt. "In welcher Welt leben wir denn, dass ein Listenplatz wichtiger ist als die Sorge, wie wir unseren Kindern die Umwelt hinterlassen?", fragt er. Parteiraison gegen Überzeugung, das will einem wie ihm nicht in den Querkopf. Für seine Kinder und Enkel macht er den Mund auf, deren Porträts aufgereiht wie Maisstauden in der Schrankwand seines Wohnzimmers stehen. Für ihre Zukunft und die aller Kinder hängt sich der dreifache Großvater rein. Sie sollen in einer intakten Welt leben, ohne manipulierte Pflanzen und Tiere.

Das ist seine Meinung, und mit der hat er noch nie hinterm Berg gehalten, ob er nun auf dem Marbacher Wochenmarkt seinen Feldsalat feilbietet oder an der Universität Hohenheim mitdiskutiert. "Wir müssen von unten kommen", sagt er, "die Politik hilft wenig." Landwirtschaftsminister Hans-Peter Friedrich, der gestern noch die deutsche Enthaltung rechtfertigte und gleichzeitig laut über regionale Ausstiegsklauseln nachdachte, ist heute schon nicht mehr im Amt. So schnell kann das gehen in der Politik.

Die Lobbyisten der Saatgut- und Chemieindustrie schlafen nicht, und auch die Lebensmittelkonzerne haben gute Kontakte. Bis hinein in die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa). Die sitzt in Parma und bewertet seit 2002 die Sicherheit von Lebensmitteln. Zum Zehn-Jahres-Jubiläum der EU-Agentur hagelte es Kritik: Die "Corporate Europe Observatory", eine europäische Lobby-Kontrollorganisation, monierte, die Risikoentscheidungen der Efsa basierten auf Firmenuntersuchungen, unabhängige Studien hätten dort keine Chance. Ebenfalls vor zwei Jahren rügte das EU-Parlament die enge Verflechtung von Efsa-Mitarbeitern mit der Lebensmittellobby. Zum Beispiel Diana Banati. Die arbeitete zunächst beim International Life Science Institut( Ilsi), einer Denkfabrik, die von zahlreichen Unternehmen der Lebensmittel- und Saatgutbranche finanziert wird, darunter Monsanto, BASF, Coca-Cola und Nestlé. Dann wechselte sie in die EU-Kontrollstelle zur Sicherheit von Lebensmitteln. "Ich kann doch nicht einen Mafiaboss zum Staatsanwalt machen", sagt Trautwein. Diana Banati ist inzwischen wieder zurück beim Ilsi, der Ausflug in die Kontrollstelle der EU hat ihrer Karriere bei den Lebensmittelkonzernen offensichtlich nicht geschadet.

Es geht auch ohne: Bekenntnis am Rande einer Demo.  Foto: Joachim E. Röttgers
Es geht auch ohne: Bekenntnis am Rande einer Demo. Foto: Joachim E. Röttgers

In grüner Latzhose sitzt Robert Trautwein in seinem Wohnzimmer, ein dicker Pulli drunter, es ist kalt draußen, auch wenn die Februarsonne sich milde gibt an diesem Tag. Für seine Mission putzt er sich nicht heraus, wichtig ist ihm nicht die Hose, sondern die Botschaft. Auf dem Esstisch mit den peniblen Untersetzern liegt "Tödliche Ernte", das Buch des renommierten "Stern"- und "Spiegel"-Journalisten Richard Rickelmann, das im Untertitel erklärt: "Wie uns das Agrar- und Lebensmittelkartell vergiftet." Er hat es nicht nur aufmerksam gelesen, er verschenkt es, wo immer er kann. Der kleine Bauer weiß, dass er jede Unterstützung brauchen kann. Denn er rennt an gegen einen großen Gegner, der seine Interessen weltweit vertritt. Auch in Europa.

Seit Sommer 2013 wird hinter verschlossenen Türen das Freihandelsabkommen zwischen den USA und der EU vorbereitet, das Transatlantische Freihandels- und Investitionsabkommen (TTIP). Wenn man auf Trautwein hören würde, müsste man "die alle nach Hause schicken". Die, das ist eine Delegation aus Brüssel und Vertreter des US-Handelsministeriums. Verbraucherschützer kritisieren, dass die Verhandlungen strenger Geheimhaltung unterliegen, aber den Alltag von Millionen Menschen bestimmen werden. Sie fürchten eine Anpassung an niedrigere amerikanische Umwelt- und Lebensmittelstandards – ein berühmtes Beispiel sind die amerikanischen Chlorhähnchen, die in Deutschland verboten sind –, aber auch von sozialen Errungenschaften. Seit Ende Januar nun stocken die Verhandlungen. Bei Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) hat das sogenannte Schiedsverfahren Alarm ausgelöst. Großkonzerne wäre es damit erlaubt, Staaten vor einem privaten Schiedsgericht zu verklagen. In den USA wird auch gentechnisch veränderter Mais angebaut. Den brauche man genauso wenig wie Chlorhähnchen, meint Robert Trautwein.

Und so wird er sein bäuerliches Rebellentum weiter pflegen, im Murrtal und, wenn es sein muss, auch vor dem Bundestag. Demnächst redet er ("Vorträge halten nur Professoren und ich bin keiner") beim Männervesper in Marbach und beim Gartenbauverein in Großbottwar über die Risiken der Agro-Gentechnik. Wie immer gut informiert und in breitestem Schwäbisch.


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Kommentare

Robert Gunderlach, 05.03.2014 15:04
Hallo Frau Stiefel, Sie sollten besser recherchieren!
Ohne das Nein der CSU-Minister und der SPD-Minister hätte die Bundesregierung im EU-Ministerrat zugestimmt, da Merkel als Kanzlerin und die CDU-Minister Gröhe und Wanka für die Einführung Genmais 1507 waren und sind. Wenn es jedoch in der schwarz-roten Regierung keine einheitliche Meinung gibt, dann wird wie im Bundesrat mit Enthaltung abgestimmt. Schreiben Sie doch, und am besten viele weitere Bürgerinnen und Bürger, an die Bundeskanzlerin Merkel. Sie hat es verbockt und die CDU-Minister auch.

schäfchen, 22.02.2014 12:19
Ein Hoch auf Robert Trautwein und auf alle Menschen, die die Verarsche erkennen und mit gerechten Mitteln dagegen kämpfen, die Bewusstsein schaffen, für das krankmachende Unrecht, welches meist unter dem kritikimmunen Deckmantel des Fortschritts passiert. Es ist nicht hoffnungslos! Danke.

hans, 22.02.2014 05:27
Es ist erstaunlich,dass Frau Merkels Regierung sich bei der Abstimmung neutral verhalten hat. Ob Genmais, Abhörskandal, ob Freihandelszone, die Dame ist Rückgratlos den Amerikanern gegenüber

Volker Fritz, 21.02.2014 08:44
eine aktuell noch größere Gefahr ist das EU-kanadische Freihandelsabkommen "CETA", das in den letzten geheimen
Beratungszyklen in Brüssel liegt und noch in 2014 beschlossen
und ratifiziert werden soll.
Über die Verflechtungen der US-Konzerne zu Kanada sitzen
diese schon mit am Tisch. Von der Politik wird das aber
konsequent verschwiegen, ewbenso von allen von ihr beeinflussbaren
Medien, so als gäbe es das Abkommen gar nicht.

Margot Imm, 20.02.2014 12:17
Bei einem aufrichtigen Ja zum Genmais-Anbau wären sicherlich nicht nur immens viele schwarze Rabenvögel sondern auch viele unbescholtene oder fraktionsunabhängige besorgte Väter und Mütter zur Konzern-Genmais-Sause im Glashaus Berlin zusammengekommen!

Wohlwissend und mit Blick auf die im Monat März in Bayern stattfindenden Wahlen hat man sich bei der EU-Genmais-Abstimmung in Brüssel in gewohnter heuchlerischer deutsch-deutscher Politikmanier für die Enthaltung entschieden, obwohl natürlich jedem gesunden Menschenverstand oder jedem weiterdenkenden Hirn längstens klar ist, daß die Enthaltung ein klares aber jedoch umgangenes Ja für den umstrittenen Genmais-Anbau gewesen ist. Pfui Teufel oder vielleicht doch lieber nach mir die Sintflut?

FernDerHeimat, 20.02.2014 05:21
Richtig brisant wird die Sache noch, wenn Abkommen a la TTIP ratifiziert werden und auch der letzte Rest von Schutz durch die "Interessen" dieser Aasgeier a la Monsanto ausgehebelt werden kann.

Nicht dass es "Mutti" Merkel interessiert, für die kommt die Wirtschaft immer vor dem Gemeinwohl.

Tillupp, 19.02.2014 16:34
@Tom
Es ist nicht viel anzumerken, ist auch meine Meinung. Einen weiteren Aspekt der Genpflanzen und der unkontrollierten Verbreitung möchte ich noch hinzufügen: Monsanto und die anderen Saatgut-Patent-Inhaber werden über die Felder gehen und von jedem Lizenzgebühren verlangen auf dessen Acker Patent-Gene nachgewiesen werden, auch wenn der Bauer die gar nicht ausgesät hat, und auch nie auf seinem Gelände wollte. Eigentlich müsste man die Saatguthersteller und Patentinhaber verpflichten die unerwünschte Saat effektiv zu entfernen.

Tom, 19.02.2014 04:29
Das mit den Indern, die sich aus Verzweiflung selbst umbringen, ist etwas zu kurz erklärt. Es geht dabei auch nicht nur um Baumwolle.
Das Problem ist nicht unbedingt das teure Saatgut, dass sie jährlich kaufen müssen. Vielmehr sind viele Inder auf den Zug aufgesprungen, versprechen diese Gen-Pflanzen doch mehr Ertrag und somit mehr Gewinn.
Und was passiert wenn alle mehr Ertrag haben? Richtig, Überangebot und Preisverfall - die Rechnung geht nicht mehr auf. Die Ware lässt sich nicht verkaufen, jedenfalls nicht kostendeckend oder verfault. Und erst jetzt kommt das Problem dazu, dass man für dieselbe Misere neues Saatgut kaufen muss.
Zum Thema Mais kann man auch in Mexiko schauen was da passiert ist. Dort wächst überall Mais, Mais hat dort über Jahrhunderte zur Kultur gehört. Und der Genmais wuchert dort nun und es entstehen vielerorts Krüppelpflanzen, d.h. echter Mais vermischt sich unkontrolliert mit Genmais.
Dem Rebell kann man nur Erfolg wünschen! Vielleicht kann er auch - obwohl Schwabe - hier den Allgäuern etwas beibringen im Kampf gegen Idiotie und Lobbyismus.

FernDerHeimat, 19.02.2014 00:44
Auf Abgeordnetenwatch kann man gleich mal nachschauen, wer da gegen die Interessen der ansässigen Bauern, Konsumenten und Bevölkerung entschieden hat:

http://www.abgeordnetenwatch.de/anbau_von_genmais_in_der_eu_verhindern-1105-548---abstimmungsverhalten-p_18_abst_nein.html#abst_verhalten

Merkt euch das doch BITTE mal bei den nächsten Wahlen! Und sagt es auch den Nachbarn, Freunden und Verwandten.

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