KONTEXT Extra:
Fahrverbote beschlossen – Nordost-Ring vom Tisch

Wie ein Gespenst geisterte seit Wochen ein vor fast 40 Jahren beerdigtes Verkehrsprojekt durch die Debatte um Feinstaubalarmtage und Fahrverbote in der Landeshauptstadt: der Nordost-Ring. Jetzt hat Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) allen Spekulationen eine Absage erteilt. Auch deswegen, weil die Baumaßnahme entgegen den Behauptungen von Teilen der CDU keineswegs bereits im Bundesverkehrswegeplan steht. "Dort geht es um neun Kilometer der B 29", so Hermann nach dem heutigen Kabinettsbeschluss zu Fahrverboten ab 1.1.2018 an Feinstaubtagen, den schlussendlich auch die CDU-Landtagsfraktion mittrug.

Prompt gab es Lob von Umwelt- und Naturschützern. Hermann habe erkannt, so die BUND-Landesvorsitzende Brigitte Dahlbender, "wenn nicht zeitnah effiziente Maßnahmen greifen, so werden die Gerichte die Entscheidungen zum Schutze der Bürger*innen treffen und die Politik das Heft aus der Hand geben müssen". Die Stuttgarter CDU ist noch nicht ganz so weit. Für den Kreisvorsitzenden Stefan Kaufmann sind Fahrverbote weiterhin "politisch klar abzulehnen". Und er träumt von Nordost-Ring: Jetzt gelte es "endlich neue Verkehrsprojekte wie den Nord-Ost-Ring auf den Weg zu bringen". Hermann machte dagegen deutlich, dass das nach dem eben erst in Kraft gesetzten Bundesverkehrswegeplan gar nicht möglich ist. 

In den Sechzigern und Siebzigern waren zwei Varianten durchdacht worden: eine größere mit einem Autobahnzubringer bei Mundelsheim und eine kleinere etwa auf der Gemarkungsgrenze zwischen Waiblingen und Fellbach. Schon damals vertraten Verkehrswissenschaftler allerdings die Ansicht, dass ein Ringschluss rund um Stuttgaart weniger die Stadt, sondern die Autobahnen im Westen und Süden entlasten würde.


Korntal: Opfervertreter verlangen mehr Engagement der Landeskirche

Die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der evangelischen Brüdergemeinde Korntal ist unterbrochen. Die Opfervertreter verlangen einstimmig, dass sich Frank Otfried July endlich entscheidend einbringt. "Wir werden nicht mehr mit den Brüdern sprechen", so Netzwerk-Sprecher Detlev Zander. Jetzt müsse "der Oberhirte, also der Bischof, ran". Im Betroffenen-Netzwerk organisiert, werfen mehr als 300 ehemalige Heimkinder der Brüdergemeinde vor, in den 1950er- bis 1980er-Jahren in deren zwei Einrichtungen sexuell missbraucht, misshandelt und gedemütigt worden zu sein.

Dass mehr Engagement von July gefordert wird, ist nicht neu. Im Sommer 2016 hatte einer der Betroffenen in einem langen Schreiben an den Landesbischof appelliert: "Die Kir¬che ist mit in der Verantwortung und wenn Sie als Oberhirte weiter schweigen, machen Sie sich persönlich schuldig. Die Heimopfer warten auf ein klärendes Wort von Ihnen." Denn die Korntaler Fürsorge habe "einen menschlichen Scherbenhaufen hinterlassen". (20.02.2017)


NSU-Ausschuss will weitere Akten

Der zweite parlamentarische Untersuchungsausschuss zum "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) geht auf die Suche nach zusätzlichen Akten, um dessen Verbindungen nach Baden-Württemberg besser auszuleuchten. Die Abgeordneten meinen, beim Generalbundesanwalt und/oder im Bundesamt für Verfassungsschutz fündig werden zu können. Beauftragt ist Bernd von Heintschel-Heinegg. Der Rechtswissenschaftler war schon für den ersten Ausschuss des Landtags und als Sonderermittler auch für den Bundestag tätig.

Zurückgestellt wurde in diesem Zusammenhang die Ladung von Mike Markus Friedel. Vor allem der NSU-Experte Hajo Funke hatte immer wieder darauf gedrängt, dass der gebürtige Sachse gehört wird. Dessen Name stand auf der sogenannten Garagenliste, die 1998 in Jena sichergestellt, aber erst mit großer zeitlicher Verzögerung detailliert ausgewertet wurde. Vor fast zwanzig Jahren zog er nach Heilbronn. "Markus Friedel war mit 'Erbse' (V-Mann), Torsten Ogertschnig, zusammen im Ländle im Gefängnis", schreibt Funke. Und von Friedel habe "Erbse" seine Kenntnisse über den NSU und Mundlos.

Bei einer Veranstaltung der "Anstifter" im Stuttgarter Kunstverein hat Rainer Nübel, der im ersten Ausschuss als Sachverständiger aufgetreten war, erneut von den Abgeordneten verlangt, sich ernsthafter mit der Anwesenheit ausländischer Geheimdienste am 25. April 2007 in Heilbronn zu befassen. An diesem Tag waren die Polizistin Michèle Kiesewetter ermordet und ihr Kollege Martin Arnold schwer verletzt worden. Der zweite Ausschuss hat bereits mehrere Zeugen vernommen. Jetzt ist ein Bericht beim Bundesnachrichtendienst angefordert.

Die nächste Ausschusssitzung beginnt am Freitag, den 24. Februar, um 9.30 Uhr im Landtag. Zwei Kriminalbeamtinnen sollen Auskünfte über die rechte Szene geben und die Verbindungen des NSU in den Südwesten. Geladen sind außerdem drei Zeuginnen, die Kontakt zu Beate Zschäpe gehabt haben sollen.

Auch die weiteren Sitzungstermine bis zur parlamentarischen Sommerpause sind festgelegt: 20. März, 28. April, 15. Mai, 19. Juni und der 17. Juli 2017.

Mehr zum Thema: "Geheimdienste im Fokus", "Eh-wurscht-Akten" 


WKZ liest mit

Anfang Januar hatte der Waiblinger Lokalhistoriker und Anstifter Ebbe Koegel sich darüber beschwert, dass das Land dem Firmengründer Andreas Stihl eine Kunstmedaille gewidmet hat. "Andreas Stihl war ein überzeugter Nazi, NSDAP-Mitglied seit 1933, seit 1935 SS-Mitglied mit dem Rang eines Hauptsturmführers (seit 1939)", schrieb er an Finanzministerin Edith Sitzmann. Die Waiblinger Kreiszeitung (WKZ) schwieg dazu - bis Kontext den Fall am 25. Januar aufgriff. Nun erschien am 11. Februar ein zweiseitiges Extra mit ausdrücklichem Bezug auf den Kontext-Artikel. Der Redakteur Peter Schwarz zitiert darin aus der 100-seitigen Entnazifizierungsakte. Die beiden Kinder Stihls, der langjährige IHK-Präsident Hans Peter Stihl und seine Schwester Eva Mayr-Stihl wurden befragt. Die Recherche ergibt, wie die WKZ selbst schreibt, ein "außerordentlich schillerndes Bild."

Der Redakteur zitiert mehrere Fremdarbeiter - den Begriff Zwangsarbeiter meidet er - die sich im Verfahren positiv über Stihl geäußert haben. Ein Slowake berichtet, Stihl habe einem Freund geholfen zu fliehen, der sich den Partisanen anschließen wollte. Ein Jugoslawe meinte, der Patriarch habe sich "mit großer Empörung geäußert über die Gemeinheit und den Terror des dritten Reiches", ein Holländer, er habe "gelitten, als er sehen musste, wie schmutzig dieses System war, und konnte doch nicht mehr von demselben weg." Der Betriebsrat sagte dagegen aus, Stihl sei "100 Prozent Nationalsozialist" gewesen, habe "mehrere seiner Lehrlinge zum Eintritt in die SS" bewogen und Regimekritiker als "Eiterbeulen" bezeichnet, denen er "in die Fresse" schlagen wolle. (16.2.2017)


Wüstenjubiläum: Fünf Jahre Parkräumung

Vor genau fünf Jahren, am 14. Februar 2012, räumten rund 2500 Polizeibeamte das Protestcamp der Stuttgart-21-Gegner im Mittleren Schlossgarten. Drei Tage später waren rund 180 teils bis zu 300 Jahre alte Bäume gefällt oder (ein kleiner Teil der jüngeren) verpflanzt, und einer der ehemals schönsten innerstädtischen Parks Deutschlands hatte sich in eine Schlammwüste verwandelt.

Zum fünften Jahrestag der Parkräumung wollen die Parkschützer am heutigen Dienstag daran erinnern, mit einer Versammlung und Kundgebung an der Lusthausruine im Mittleren Schlossgarten um 17 Uhr. Es soll Reden, Musik und Gedichte geben, anschließend einen Demozug durch die Königstraße.

Kontext hat damals mit einer Reportage von der Parkräumung berichtet – und danach immer wieder von der erstaunlich langen Untätigkeit oder auch von Baufortschritt vorgaukelnden Alibi-Arbeiten. (14.2.2017)


KONTEXT
per E-Mail:
Immer informiert:

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Datenschutz-Hinweis

Ausgabe 151
Gesellschaft

Genmais: kleiner Bauer, große Lobby

Von Susanne Stiefel
Datum: 19.02.2014
Biolandbauer Robert Trautwein ist empört: Die EU-Kommission wird voraussichtlich eine Genmaissorte zulassen, die nur unzureichend erforscht ist. Er ist nicht allein. Die große Mehrheit der Deutschen lehnt grüne Gentechnik ab. Seit Jahren kämpft der Mann, den sie den Murrtalrebellen nennen, gegen "diese Agrarmafia". Mit Argumenten, Humor und in breitestem Schwäbisch. Doch die Lobbyisten der Saatgut- und Chemiekonzerne sind nicht untätig.

Bei Robert Trautwein hat das Telefon die vergangenen Tage noch öfter geklingelt als sonst, und sein Faxgerät lief heiß. Ja, Fax, der Biolandbauer ist kein Freund des Internets, "des lern ich nemme". Aber wenn es um grüne Gentechnik geht, ist der Mann aus Kirchberg an der Murr dennoch zuverlässig auf dem neuesten Stand. Und genauso zuverlässig dagegen. "I sag Agro-Gentechnik", stellt der bodenständige Schwabe in seinem Wohnzimmer gleich mal richtig, "grüne Gentechnik klingt zu schön." Mächtig aufgeregt hat er sich über die Entscheidung des EU-Ministerrats vom 11. Februar 2014, den gentechnisch veränderten Mais 1507 des amerikanischen Saatzuchtunternehmens Dupont Pioneer in Europa zuzulassen. "Da hat sich die Agrarmafia durchgesetzt", poltert Trautwein. Dagegen kämpft der 68-Jährige, dafür hat er noch mehr Zeit, seit er seinen Hof samt dem Hofladen an seine beiden Söhne überschrieben hat.

"Murrtalrebell" nennen sie den Mann, der viele Jahre im Kirchberger Gemeinderat saß und mit dafür verantwortlich ist, dass sich die Gemeinde vor sechs Jahren zur gentechnikfreien Anbauzone erklärt hat. Trautwein trägt diesen Titel mit Stolz. Schon gegen die Genkartoffel Amflora ist er ins Feld gezogen, gegen den Genmais Mon810 sowieso, und er hat sich gefreut, dass der Anbau beider GVO-Pflanzen in Deutschland verboten wurde. Nun also der Genmais mit der Nummer 1507.

Bauer und Kämpfer gegen Gentechnik: Robert Trautwein auf dem Markt. Foto: Joachim E. Röttgers
Bauer und Kämpfer gegen Gentechnik: Robert Trautwein auf dem Markt. Foto: Joachim E. Röttgers

Der ist nicht nur resistent gegen Schmetterlinge und Motten und damit gegen den gefürchteten Maiszünsler, sondern auch gegen das Herbizid Glufosinat. Das wird von Bayer unter dem Namen "Basta" und "Liberty" hergestellt, ist für Mensch und Tier schädlich und soll 2017 vom Markt genommen werden. "Wozu brauchen wir also eine Maissorte, die dagegen resistent ist?", fragt Trautwein und guckt listig, "oder soll das 2017 etwa nicht passieren?" Mit Saatgut und dem Verkauf von Pestiziden lassen sich gute Geschäfte machen. Ganz vorne mischen Saatgut- und Chemieriesen wie BASF (Amflora), Monsanto (Mon810) und eben Dupont Pioneer (Genmais 1507) mit.

Wer das Öl hat, mag die Macht haben, so Trautwein: "Aber wer das Saatgut hat, beherrscht die Menschen." Etwa in Indien, wo sich in den vergangenen zehn Jahren Zehntausende Kleinbauern Selbstmord begingen. Die Baumwollbauern im sogenannten Selbstmordgürtel Indiens müssen jährlich teures, genverändertes Saatgut kaufen, viele verschulden sich dabei massiv. Gegen diese Abhängigkeit macht Trautwein mobil, und er ist nicht allein. In den vergangenen drei Monaten hielten sowohl die Gesellschaft für Konsumforschung als auch das Emnid-Institut, Letzteres im Auftrag des Bundeslandwirtschaftsministeriums, fest: Fast 90 Prozent der Deutschen lehnen Gentechnik in der Landwirtschaft ab.

Im schwarz-roten Koalitionsvertrag wird dies offiziell anerkannt. Doch bei der Entscheidung im EU-Ministerrat über die Genmaislinie 1507 hat sich Deutschland enthalten. Für diese Enthaltung hat auch die baden-württembergische SPD-Bundestagsabgeordnete Elvira Dobrinski votiert. Trautwein kennt die ehemalige Lehrerin aus dem Badischen gut, die seit 2004 im Berliner Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft sitzt.

Vor drei Jahren saß sie noch in seinem Wohnzimmer mit den behäbigen Sesseln und den dicken Teppichen, sie hat sich seinen Hof und seinen Hofladen angeschaut, den ungespritzten Ackersalat, das unbehandelte Getreide und den nicht genmanipulierten Soja – was auf den Trautwein'schen Feldern halt so alles wächst, streng nach den Regeln von Bioland. Sie hat sich angehört, mit welchen Argumenten er den angeblichen Segnungen der Gentechnik begegnet. Sie löst das Welthungerproblem? "Das schafft man nicht mit Monokulturen, die laugen höchstens den Boden aus." Genmais braucht weniger Dünger? "Das gilt nur in den Anfangsjahren, dann muss mehr gedüngt werden." Gentechnik ist die Zukunft, da muss man mitspielen? "Wen man die Risiken nicht kennt, muss man gar nichts."

Karikatur: Kostas Koufogiorgos
Karikatur: Kostas Koufogiorgos

Die SPD-Frau hat ihm zugestimmt, Jahre später hat sie abgestimmt – für Enthaltung. Seitdem ist die Politikerin aus Offenburg bei Trautwein unten durch. "Wer gegen Gentechnik ist, darf sich nicht enthalten", sagt der Aufklärer im Interessengestrüpp der Gentechnik. Elvira Dobrinski hat ihn enttäuscht.

Nicht, dass das Trautweins gute Laune mindern könnte. Das entspricht nicht dem Naturell des Mannes, der genauso gerne lacht, wie er poltert, und der bei allem Eifer kein Eiferer ist. Und schon gar nicht will er sich von so einem kleinen Maiskorn die Laune verderben lassen. Doch sein Vertrauen in die Politik ist getrübt. "In welcher Welt leben wir denn, dass ein Listenplatz wichtiger ist als die Sorge, wie wir unseren Kindern die Umwelt hinterlassen?", fragt er. Parteiraison gegen Überzeugung, das will einem wie ihm nicht in den Querkopf. Für seine Kinder und Enkel macht er den Mund auf, deren Porträts aufgereiht wie Maisstauden in der Schrankwand seines Wohnzimmers stehen. Für ihre Zukunft und die aller Kinder hängt sich der dreifache Großvater rein. Sie sollen in einer intakten Welt leben, ohne manipulierte Pflanzen und Tiere.

Das ist seine Meinung, und mit der hat er noch nie hinterm Berg gehalten, ob er nun auf dem Marbacher Wochenmarkt seinen Feldsalat feilbietet oder an der Universität Hohenheim mitdiskutiert. "Wir müssen von unten kommen", sagt er, "die Politik hilft wenig." Landwirtschaftsminister Hans-Peter Friedrich, der gestern noch die deutsche Enthaltung rechtfertigte und gleichzeitig laut über regionale Ausstiegsklauseln nachdachte, ist heute schon nicht mehr im Amt. So schnell kann das gehen in der Politik.

Die Lobbyisten der Saatgut- und Chemieindustrie schlafen nicht, und auch die Lebensmittelkonzerne haben gute Kontakte. Bis hinein in die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa). Die sitzt in Parma und bewertet seit 2002 die Sicherheit von Lebensmitteln. Zum Zehn-Jahres-Jubiläum der EU-Agentur hagelte es Kritik: Die "Corporate Europe Observatory", eine europäische Lobby-Kontrollorganisation, monierte, die Risikoentscheidungen der Efsa basierten auf Firmenuntersuchungen, unabhängige Studien hätten dort keine Chance. Ebenfalls vor zwei Jahren rügte das EU-Parlament die enge Verflechtung von Efsa-Mitarbeitern mit der Lebensmittellobby. Zum Beispiel Diana Banati. Die arbeitete zunächst beim International Life Science Institut( Ilsi), einer Denkfabrik, die von zahlreichen Unternehmen der Lebensmittel- und Saatgutbranche finanziert wird, darunter Monsanto, BASF, Coca-Cola und Nestlé. Dann wechselte sie in die EU-Kontrollstelle zur Sicherheit von Lebensmitteln. "Ich kann doch nicht einen Mafiaboss zum Staatsanwalt machen", sagt Trautwein. Diana Banati ist inzwischen wieder zurück beim Ilsi, der Ausflug in die Kontrollstelle der EU hat ihrer Karriere bei den Lebensmittelkonzernen offensichtlich nicht geschadet.

Es geht auch ohne: Bekenntnis am Rande einer Demo.  Foto: Joachim E. Röttgers
Es geht auch ohne: Bekenntnis am Rande einer Demo. Foto: Joachim E. Röttgers

In grüner Latzhose sitzt Robert Trautwein in seinem Wohnzimmer, ein dicker Pulli drunter, es ist kalt draußen, auch wenn die Februarsonne sich milde gibt an diesem Tag. Für seine Mission putzt er sich nicht heraus, wichtig ist ihm nicht die Hose, sondern die Botschaft. Auf dem Esstisch mit den peniblen Untersetzern liegt "Tödliche Ernte", das Buch des renommierten "Stern"- und "Spiegel"-Journalisten Richard Rickelmann, das im Untertitel erklärt: "Wie uns das Agrar- und Lebensmittelkartell vergiftet." Er hat es nicht nur aufmerksam gelesen, er verschenkt es, wo immer er kann. Der kleine Bauer weiß, dass er jede Unterstützung brauchen kann. Denn er rennt an gegen einen großen Gegner, der seine Interessen weltweit vertritt. Auch in Europa.

Seit Sommer 2013 wird hinter verschlossenen Türen das Freihandelsabkommen zwischen den USA und der EU vorbereitet, das Transatlantische Freihandels- und Investitionsabkommen (TTIP). Wenn man auf Trautwein hören würde, müsste man "die alle nach Hause schicken". Die, das ist eine Delegation aus Brüssel und Vertreter des US-Handelsministeriums. Verbraucherschützer kritisieren, dass die Verhandlungen strenger Geheimhaltung unterliegen, aber den Alltag von Millionen Menschen bestimmen werden. Sie fürchten eine Anpassung an niedrigere amerikanische Umwelt- und Lebensmittelstandards – ein berühmtes Beispiel sind die amerikanischen Chlorhähnchen, die in Deutschland verboten sind –, aber auch von sozialen Errungenschaften. Seit Ende Januar nun stocken die Verhandlungen. Bei Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) hat das sogenannte Schiedsverfahren Alarm ausgelöst. Großkonzerne wäre es damit erlaubt, Staaten vor einem privaten Schiedsgericht zu verklagen. In den USA wird auch gentechnisch veränderter Mais angebaut. Den brauche man genauso wenig wie Chlorhähnchen, meint Robert Trautwein.

Und so wird er sein bäuerliches Rebellentum weiter pflegen, im Murrtal und, wenn es sein muss, auch vor dem Bundestag. Demnächst redet er ("Vorträge halten nur Professoren und ich bin keiner") beim Männervesper in Marbach und beim Gartenbauverein in Großbottwar über die Risiken der Agro-Gentechnik. Wie immer gut informiert und in breitestem Schwäbisch.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?

Kommentare

Robert Gunderlach, 05.03.2014 15:04
Hallo Frau Stiefel, Sie sollten besser recherchieren!
Ohne das Nein der CSU-Minister und der SPD-Minister hätte die Bundesregierung im EU-Ministerrat zugestimmt, da Merkel als Kanzlerin und die CDU-Minister Gröhe und Wanka für die Einführung Genmais 1507 waren und sind. Wenn es jedoch in der schwarz-roten Regierung keine einheitliche Meinung gibt, dann wird wie im Bundesrat mit Enthaltung abgestimmt. Schreiben Sie doch, und am besten viele weitere Bürgerinnen und Bürger, an die Bundeskanzlerin Merkel. Sie hat es verbockt und die CDU-Minister auch.

schäfchen, 22.02.2014 12:19
Ein Hoch auf Robert Trautwein und auf alle Menschen, die die Verarsche erkennen und mit gerechten Mitteln dagegen kämpfen, die Bewusstsein schaffen, für das krankmachende Unrecht, welches meist unter dem kritikimmunen Deckmantel des Fortschritts passiert. Es ist nicht hoffnungslos! Danke.

hans, 22.02.2014 05:27
Es ist erstaunlich,dass Frau Merkels Regierung sich bei der Abstimmung neutral verhalten hat. Ob Genmais, Abhörskandal, ob Freihandelszone, die Dame ist Rückgratlos den Amerikanern gegenüber

Volker Fritz, 21.02.2014 08:44
eine aktuell noch größere Gefahr ist das EU-kanadische Freihandelsabkommen "CETA", das in den letzten geheimen
Beratungszyklen in Brüssel liegt und noch in 2014 beschlossen
und ratifiziert werden soll.
Über die Verflechtungen der US-Konzerne zu Kanada sitzen
diese schon mit am Tisch. Von der Politik wird das aber
konsequent verschwiegen, ewbenso von allen von ihr beeinflussbaren
Medien, so als gäbe es das Abkommen gar nicht.

Margot Imm, 20.02.2014 12:17
Bei einem aufrichtigen Ja zum Genmais-Anbau wären sicherlich nicht nur immens viele schwarze Rabenvögel sondern auch viele unbescholtene oder fraktionsunabhängige besorgte Väter und Mütter zur Konzern-Genmais-Sause im Glashaus Berlin zusammengekommen!

Wohlwissend und mit Blick auf die im Monat März in Bayern stattfindenden Wahlen hat man sich bei der EU-Genmais-Abstimmung in Brüssel in gewohnter heuchlerischer deutsch-deutscher Politikmanier für die Enthaltung entschieden, obwohl natürlich jedem gesunden Menschenverstand oder jedem weiterdenkenden Hirn längstens klar ist, daß die Enthaltung ein klares aber jedoch umgangenes Ja für den umstrittenen Genmais-Anbau gewesen ist. Pfui Teufel oder vielleicht doch lieber nach mir die Sintflut?

FernDerHeimat, 20.02.2014 05:21
Richtig brisant wird die Sache noch, wenn Abkommen a la TTIP ratifiziert werden und auch der letzte Rest von Schutz durch die "Interessen" dieser Aasgeier a la Monsanto ausgehebelt werden kann.

Nicht dass es "Mutti" Merkel interessiert, für die kommt die Wirtschaft immer vor dem Gemeinwohl.

Tillupp, 19.02.2014 16:34
@Tom
Es ist nicht viel anzumerken, ist auch meine Meinung. Einen weiteren Aspekt der Genpflanzen und der unkontrollierten Verbreitung möchte ich noch hinzufügen: Monsanto und die anderen Saatgut-Patent-Inhaber werden über die Felder gehen und von jedem Lizenzgebühren verlangen auf dessen Acker Patent-Gene nachgewiesen werden, auch wenn der Bauer die gar nicht ausgesät hat, und auch nie auf seinem Gelände wollte. Eigentlich müsste man die Saatguthersteller und Patentinhaber verpflichten die unerwünschte Saat effektiv zu entfernen.

Tom, 19.02.2014 04:29
Das mit den Indern, die sich aus Verzweiflung selbst umbringen, ist etwas zu kurz erklärt. Es geht dabei auch nicht nur um Baumwolle.
Das Problem ist nicht unbedingt das teure Saatgut, dass sie jährlich kaufen müssen. Vielmehr sind viele Inder auf den Zug aufgesprungen, versprechen diese Gen-Pflanzen doch mehr Ertrag und somit mehr Gewinn.
Und was passiert wenn alle mehr Ertrag haben? Richtig, Überangebot und Preisverfall - die Rechnung geht nicht mehr auf. Die Ware lässt sich nicht verkaufen, jedenfalls nicht kostendeckend oder verfault. Und erst jetzt kommt das Problem dazu, dass man für dieselbe Misere neues Saatgut kaufen muss.
Zum Thema Mais kann man auch in Mexiko schauen was da passiert ist. Dort wächst überall Mais, Mais hat dort über Jahrhunderte zur Kultur gehört. Und der Genmais wuchert dort nun und es entstehen vielerorts Krüppelpflanzen, d.h. echter Mais vermischt sich unkontrolliert mit Genmais.
Dem Rebell kann man nur Erfolg wünschen! Vielleicht kann er auch - obwohl Schwabe - hier den Allgäuern etwas beibringen im Kampf gegen Idiotie und Lobbyismus.

FernDerHeimat, 19.02.2014 00:44
Auf Abgeordnetenwatch kann man gleich mal nachschauen, wer da gegen die Interessen der ansässigen Bauern, Konsumenten und Bevölkerung entschieden hat:

http://www.abgeordnetenwatch.de/anbau_von_genmais_in_der_eu_verhindern-1105-548---abstimmungsverhalten-p_18_abst_nein.html#abst_verhalten

Merkt euch das doch BITTE mal bei den nächsten Wahlen! Und sagt es auch den Nachbarn, Freunden und Verwandten.

Kommentar hinzufügen




CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.


* Pflichtfeld!

Letzte Kommentare:

Ausgabe 307 / Kritik ist Lüge / Klaus, 21.02.2017 13:34
Frank Passau. Das stimmt so nicht, denn Hr. ST. schreibt niemandem etwas vor. Er bewertet Publikationen. Nach eigenen Kriterien. Das ist seine Sache. Was Sie lesen ist Ihre Sache.

Ausgabe 307 / Kritik ist Lüge / Bernd Oehler, 21.02.2017 12:52
In der Süddeutschen Zeitung von heute (21.2.) steht ein Interview mit der »Kulturwissenschaftlerin Magdalena Marsovszky über Zuzügler aus Deutschland, die weiße Rasse von Atlantis und Wetterberichte in den Grenzen von 896«, kurz...

Ausgabe 307 / Entfesselte Kettenhunde / GelA, 20.02.2017 18:42
Was ist denn nun der grundsätzliche Unterschied zwischen der Denke von Trump (Denken kann man das ja nicht nennen), der alles verachtet und verdammt, was ihm nicht paßt und dieser Verallgemeinerung von @era und anderen, die alles in...

Ausgabe 307 / Pforzheim – Stadt der Extreme / Henny Deckmann, 20.02.2017 18:05
Das ist aber ein sehr negativer Bericht. So kenne ich meine Heimatstadt nicht.

Ausgabe 307 / Verbote werden kommen / Schwabe, 20.02.2017 16:50
@Feinstaub "es geht hier nicht um neoliberale Rohstoffverteilungskriege." Doch, genau darum geht es! Wo ist Ihr sachliches Argument das es nicht so ist? Sie sind jemand der diese ursächlichen Zusammenhänge von Öl-Verteilungskriegen,...

Ausgabe 307 / Entfesselte Kettenhunde / Rolf Steiner, 20.02.2017 15:17
Erst kürzlich - 17.2.17 - musste das Bundeskriminalamt ein Fake der AfD-Vorsitzenden Petry deutlich korrigieren. Sie behauptete, dass das BKA verlauten ließ, Flüchtlinge wären krimineller als Deutsche. Das BKA zeigte Petrys Fake auf...

Ausgabe 307 / Sitzen verboten / F. Stirling, London, 20.02.2017 14:54
Die Totenruhe ist gestört Die wiederkehrenden Erschütterungen am Grabe von Sir James Frazer Stirling, die vor einigen Jahren in London zu zahlreichen Vermutungen Anlass gab, scheinen nun eine plausible Erklärung zu finden: sie...

Ausgabe 307 / Kritik ist Lüge / Rolf Steiner, 20.02.2017 14:42
Wie armselig dieser Gorka "diskutiert", zeigt das Interview des BBC-Journalisten Evan Devis, das seit 16.2.17 im Netz ist und auch bei Stefan Niggemeier angesehen werden kann: https://twitter.com/niggi/status/832475880622428161 Ein...

Ausgabe 307 / Kritik ist Lüge / Rolf Steiner, 20.02.2017 14:21
Als anständiger Demokrat sollte man sich gegen die mit Flüchtlingshetze, Fremden- und Europa-Feindlichkeit sich nicht gerade zurückhaltenden vom Kopp-.Verlag vertriebenen Publikationen deutlich positionieren. Schädliche Angriffe auf...

Ausgabe 306 / "Die Ungerechtigkeit schreit zum Himmel" / Stefan Elbel, 20.02.2017 11:33
Laut der Bundesregierung geht es den Menschen in Deutschland so gut wie noch nie? Sind das nicht Fake-News? Diese Bundesregierung will es einfach nicht wahrhaben. Sie lobt sich selber, die geringste Arbeitslosenquote seit Jahren zu...

Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!