KONTEXT Extra:
Kretschmann Schirmherr für 199 kleine Helden

Ihr Dokumentarfilm hat bei drei Kinderfilmfestivals Preise abgeräumt, zuletzt in Chicago. Klar, dass sich die Regisseurin Sigrid Klausmann über diese Auszeichnungen freut. Seit Jahren begleitet die Stuttgarterin für ihr Filmprojekt "199 kleine Helden" Kinder weltweit auf ihrem Schulweg. Sie redet mit ihnen über ihre Ängste und Wünsche und darüber, wie sich die kleinen Protagonisten die Zukunft vorstellen. Daraus hat Klausmann den preisgekrönten Dokumentarfilm "Nicht ohne uns!" gemacht. Bereits diesen Sonntag (4.12.) wird er im Stuttgarter Metropol Kino gezeigt (16 Uhr), der offizielle Kinostart ist am 19. Januar.

Dass Stuttgart so früh dran ist, liegt mit daran, dass der Stuttgarter OB Fritz Kuhn die Schirmherrschaft für das Projekt übernommen hat. Zusammen mit der Schauspielerin Senta Berger, die sich nun allerdings altersbedingt zurückzieht. Demnächst werden Sigrid Klausmann und ihre kleinen Helden neue Schirmeltern bekommen: Winfried Kretschmann und Hannelore Kraft, die Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. Beide Länder unterstützen die kleinen Helden über ihre Landesfilmförderung.

Die Stuttgarter Preview am Sonntag wird ein Familienfest werden. Die Regisseurin Sigrid Klausmann wird ebenso vor Ort sein wie ihr Mann Walter Sittler (Produzent) und die Tochter Lea. Die Musikerin hat den Titelsong zum Film der Mutter komponiert. (2.12.2016)


Im Hajek-Haus soll wieder Feuer brennen

Das Trauerspiel um das Hajek-Haus mag jetzt zumindest die Fraktion SÖS/Linke/Plus nicht mehr mit ansehen. Sie will, per Antrag im Stuttgarter Gemeinderat, dass die Stadt das Kultur-Denkmal "vor dem Verfall" rettet. Wie in Kontext ausführlich berichtet steht die Villa an der Hasenbergsteige 65 seit dem Tod des Bildhauers (2005) leer. Vor fünf Jahren kaufte sie der Möbelfabrikant Markus Benz und ließ sie – Denkmalschutz hin oder her – entkernen. Das wiederum gefiel den behördlichen Denkmalschützern nicht, die sich auf den Gerichtsweg machten, bis heute ohne Ergebnis.

Und seitdem rottet das Haus in bester Halbhöhenlage vor sich hin. Die kulturpolitische Sprecherin der Fraktionsgemeinschaft, Guntrun Müller-Enßlin, vermutet, dass der Möbelmensch auf einen Abriss, und damit eine "verdeckte Immobilienspekulation" hin arbeitet. Stadträtin Laura Halding-Hoppenheit erinnert an die Tradition des Hauses, in dem auch schon Willy Brandt Rotwein trank. Die Villa sei ein Treffpunkt für Menschen gewesen, die etwas bewegen wollten, und dieses "Feuer muss weiter brennen", sagt sie.(30.11.2016)


Das Geschäft mit Waffen läuft

Heckler & Koch hat einen Großauftrag erhalten und wird französische Soldaten aller drei Teilstreitkräfte ab 2017 zehn Jahre lang mit 100 000 Sturmgewehren vom Typ HK 416 ausstatten. Es soll um ein Volumen von 300 Millionen Euro gehen. Der Rüstungsauftrag, heißt es in Paris, werde "die soliden Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich im Verteidigungssektor und besonders in der Rüstungsindustrie" stärken. Die Nachbarn stehen also auf der Liste der sogenannten "grünen Länder", denn – immerhin – nur die sollen weiter beliefert werden.

Am Montagmorgen wurde bekannt, dass der Oberndorfer Waffenhersteller Neugeschäfte allein mit Staaten abschließen will, die demokratisch und nicht korrupt sind. Nach einer Meldung der Deutsche-Presse-Agentur würden damit Kunden wie Saudi-Arabien, Mexiko, Brasilien, Indien oder die Türkei wegfallen. Alte Aufträge sollen allerdings abgewickelt werden, gerade auch mit den Saudis. Das Unternehmen wartet aktuell auf die Genehmigung deutscher Behörden zur Ausfuhr unter anderen von Bauteilen für eine Gewehrfabrik.

Daimler-Chef Dieter Zetsche hatte bei seinem Auftritt kürzlich auf dem Bundesparteitag der Grünen in Münster ausdrücklich die Politik in der Pflicht gesehen: "Wohin wir exportieren, das muss die Politik entscheiden." Zugleich machte er klar, dass es für sein Unternehmen um 3500 von 100 000 Trucks gehe. Appelle, freiwillig auf deren Verkauf zu verzichten, verhallten bisher ungehört. (28.11.2016)


Bahnchef Grube mag Stuttgart 21 nicht mehr

Da rennt der Mann jahrelang rum und erzählt, wie großartig der Tiefbahnhof ist - und jetzt? Jetzt sagt Rüdiger Grube laut "Spiegel": "Ich habe Stuttgart 21 nicht erfunden und hätte es auch nicht gemacht". Nun wird schon spekuliert, ob es vielleicht ein Doppelgänger war, der diesen Satz beim Bundesverband Führungskräfte Deutscher Bahnen gesprochen hat, oder hier ein Fall von Persönlichkeitsspaltung vorliegt? Aber nein, es war der leibhaftige Grube.

Auf die Reaktionen all seiner Freunde darf man gespannt sein. Vorneweg auf jene seiner Chefin Angela Merkel, die mit S 21 die Zukunftsfähigkeit Deutschlands verband. Oder auf die von Teufel, Oettinger, Mappus, Gönner usw., die stets vor dem Abseits warnten, sollte der unterirdische Bahnhof nicht kommen. Nur der amtierende Ministerpräsident Kretschmann kann heimlich sagen, dass er auch schon immer dagegen war. (25.11.2016)


S 21: Kein neuer Deal mit der Bahn

Das Land Baden-Württemberg und die Stadt Stuttgart zeigen der Deutschen Bahn die kalte Schulter und wollen die sogenannte Verjährungshemmungsvereinbarung nicht unterzeichnen. Damit versuchte die Bahn eine frühzeitige Entscheidung darüber zu vermeiden, ob sie eine Beteiligung von Stadt, Land und Region an den Mehrkosten des Milliardenprojekts einklagt. Alle Partner sollten einer Verlängerung der Verjährung für mögliche Ansprüche der Bahn auf zusätzliche Gelder für Stuttgart 21 zustimmen. Für die Stadt Stuttgart schlägt die Verwaltung dem Gemeinderat vor, diese Verlängerung abzulehnen. Endgültig entschieden wird am 8. Dezember.

"Die Vertragspartner sind der Auffassung, dass die DB Bauherrin ist und dass die Vertragspartner begrenzte und vor allem freiwillige Zuwendungen gewähren", erläuterte Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) den mit der Stadt abgestimmten Standpunkt. Man werde sich "grundsätzlich auch gemeinsam gegen die Bahn verteidigen". Das Land sei mit der Stadt und der Region der Ansicht, "dass es ein falsches Signal wäre, eine Vereinbarung zu unterzeichnen, weil die Vertragspartner die Ansprüche der DB für unbegründet halten".

Hermann erwartet jetzt eine vergleichsweise schnell eingereichte Klage, aber "viel länger hätte die DB ohnehin nicht gewartet". Denn bis zu einem letztinstanzlichen Urteil würden voraussichtlich mehrere Jahre vergehen, nach der Prognose des Minister werden aber "in ungefähr drei Jahren die vertraglichen Finanzierungsbeiträge der Vertragspartner erschöpft sein". Im Finanzierungsvereinbarung zu Stuttgart 21 ist der Kostenrahmen inklusive Risikopuffer auf 4,526 Milliarden Euro begrenzt. Bei weiteren Kostensteigerungen sind, unter Nutzung der Sprechklauseln, Gespräche vorgesehen. Im März 2013 hat der DB-Aufsichtsrat den Finanzierungsrahmen auf 6,526 Milliarden Euro erhöht und zugleich die Projektpartner aufgefordert, über weitere Beiträge zu verhandeln. Das lehnen diese allerdings strikt ab. (24.11.2016)


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Arbeiterunterkunft in Bretten. Foto: Rokahr

Arbeiterunterkunft in Bretten. Foto: Rokahr

Ausgabe 149
Gesellschaft

"Früher hieß das Sklaverei"

Von Lisa Rokahr
Datum: 05.02.2014
Seit Jahresbeginn ist der EU-Arbeitsmarkt offen für Bulgaren und Rumänen. Für CSU-Chef Horst Seehofer Grund genug, unter dem Slogan "Wer betrügt, der fliegt" einen Feldzug gegen Armutszuwanderer zu starten. Dabei verlangen deutsche Unternehmen nach billigen Arbeitskräften, die Vermittlerfirmen busweise nach Deutschland karren. So wie im badischen Bretten, wo die Polin Gabriela unter fragwürdigen Bedingungen für einen Tierfutterhersteller arbeitet.

Ein heruntergekommenes Mehrfamilienhaus in Bretten, 20 Autominuten hinter Pforzheim. Risse in den Wänden, im Gemäuer zeichnet sich die Feuchtigkeit ab. Innen ein muffiger Geruch, vergilbte Fliesen, Frauen und Männer drängen sich in Zimmern und auf Fluren. Ein Schlafzimmer mit Stockbetten, in einem versucht ein älterer Mann zu schlafen, daneben rasiert sich ein junger, eine Frau quetscht sich an ihm vorbei auf den Flur. Nennen wir sie Gabriela. Für Gabriela endet hier die Suche nach einem Job, mit dem sie ihre Familie ernähren kann. Endstation Deutschland, Land der Wirtschaftskraft, Endstation im Elend.

Vor eineinhalb Jahren kam sie hierher, in ihrer polnischen Heimat hatte sie eine Stellenannonce entdeckt, 950 Euro Lohn im Monat versprach die Anzeige, Unterkunft in einem Hotel, Arbeit in der Produktion. Eigentlich ist Gabriela zwar Tourismusfachfrau, aber Arbeit gibt es für sie, Ende 40, schon lange nicht mehr. Und wenn, kann sie nicht davon leben, "zuletzt verdiente ich 300 Euro", erzählt sie. "Ich habe drei Kinder, die noch zur Schule gehen, wie soll das gehen?" Also nimmt sie das Angebot an, unterschreibt in Deutschland bei der Ludwigsburger Vermittlerfirma IH Direkt den Arbeitsvertrag, mit dem sie Fabrikarbeiterin des Tiernahrungsherstellers Deuerer wird. Im Vertrag steht auch, dass vom Lohn automatisch die Miete für die Unterkunft abgezogen wird. Akzeptabel, denkt Gabriela, es bleibt trotzdem noch genug Geld zum Nachhauseschicken. Sie unterschreibt.

Während der Fahrt nach Deutschland denkt sie an ihre Kinder, die sie lange nicht sehen wird, und daran, dass jetzt alles für sie besser werden wird. Der Bus ist voll mit Menschen wie Gabriela, die ihre Zukunft in Deutschland sehen, voll mit Hoffnung. Den Bustransfer nach Bretten hat die Vermittlerfirma organisiert.

Die deutsche Wirtschaft läuft auf Hochtouren. Und sie läuft zum Teil durch Billigkräfte aus dem Ausland. Jene, die jenseits von Tarifverträgen, Mindestlöhnen und Arbeitsschutzvereinbarungen schuften. Es sind nicht nur anonyme Kleinstbetriebe, die Osteuropäer ihre Arbeit verrichten lassen, längst ist die Methode systematisiert: Auch große, namenhafte Konzerne nutzen die günstigen Leiharbeiter. Mit ihnen machen sie ihre Produkte bezahlbar, international konkurrenzfähig. Ein Konzept, um Produktionskosten zu sparen, ist Offshoring, die Verlagerung von Prozessen ins günstigere Ausland. Aber Auslagern ist nicht mehr nötig, wenn die Billiglöhner auch am eigenen, deutschen Produktionsstandort zu bekommen sind. Die Europäische Union macht's möglich.

Dreimal wird Gabriela abgezockt

Ab Januar 2014 ist der Arbeitsmarkt in Deutschland auch für Bulgaren und Rumänen geöffnet. Wie alle EU-Bürger genießen sie Freizügigkeit. Doch viele, die Arbeit suchen, werden ausgebeutet. An allen Ecken wird mit der wirtschaftlichen Not Geld gemacht. Mal kassiert schon die Vermittlerfirma Geld: einmal abgezockt. Dann der Lohn, der oft monatelang einbehalten wird, manchmal nie gezahlt wird: zweimal abgezockt. Dann die Wohnungen, für die Agenturen horrende Mieten verlangen: dreimal abgezockt.

Bei Gabriela ist es Letzteres. Einverstanden damit, dass sich ihre Vermittlungsagentur auch um eine Wohnung kümmert, ahnt sie nicht, was sie in Bretten, Deutschland, erwartet. Der Bus fährt sie zu einem alten Mietshaus. Der Putz verwittert, an einigen Stellen blättert er ab, an der Vorderseite hat die Feuchtigkeit im Gemäuer einen dunklen Fleck hinterlassen. Als Gabriela ins Haus geht, ihr das Zimmer gezeigt wird, in dem sie ab jetzt wohnen soll, kann sie nicht glauben, was sie sieht. Das hier ist kein Einzelapartment, sondern erinnert an ein heruntergekommenes Schullandheim. Schlafräume mit Stockbetten, keine eigene Küche, kein eigenes Bad, überall Menschen.

Wohnheim für Fremdpersonal. Foto: Rokahr
Wohnheim für Fremdpersonal. Foto: Rokahr

Da dämmert es Gabriela. Im Vertrag stand nicht, dass sie sich das Zimmer teilen muss, in dem sie wohnt. 325 Euro zahlt sie für ein heruntergekommenes Zimmer, in dem noch drei weiteren Personen schlafen, in dem nicht mehr Platz ist als für zwei Etagenbetten.

Schon in den ersten Tagen fragt sie sich, wie sie die Enge aushalten soll, den Stress, den Lärm. Da alle in unterschiedlichen Schichten arbeiten, gibt es nie Ruhe, die einen schlafen, ein anderer steht auf. Privatsphäre gibt es keine, stattdessen ständige Überwachung. "Die Firma hat unter unseren Landsmännern Spitzel", sagt Gabriela. Niemand soll vorm Haus herumlungern, es soll im Ort kein Aufsehen erregt werden. "Wer abends verbotenerweise am Fenster eine Zigarette raucht, bekommt am nächsten Tag eine Strafe von zehn Euro vom Lohn abgezogen."

Gabriela fragt bei der Vermittlerfirma, ob sie sich eine eigene Wohnung nehmen kann. Dann könnten auch ihre Kinder zu Besuch kommen. "Aber meine Chefin sagte, wenn ich die Wohnung kündige, dann kündige ich auch meinen Arbeitsvertrag." Die Firma kassiert doppelt ab: durch die Vermittlung billiger Arbeitskräfte und durch die Schrottimmobilien, die sie sich teuer bezahlen lässt.

"Hier behandelt man mich wie Dreck"

Die Ausbeutung trifft meist Menschen wie Gabriela, gering ausgebildete Zuwanderer ohne Universitätsabschluss. Diejenigen, die keine Fremdsprache beherrschen, nicht Deutsch, nicht Englisch. Viele arbeiten in Fabriken, an Fließbändern, schleppen Kisten, verarbeiten Lebensmittel, packen Kartons. Niemandem können sie die Zustände schildern oder ihrem Arbeitgeber gegenüber Forderungen formulieren.

Sie könne nur noch weinen, sagt Gabriela. Die Arbeit sei schon schwer, aber die Unterkunft sei unmenschlich. "Man hat mich nicht vor der Straße aufgelesen, ich habe in Polen nicht unter Zeitungen geschlafen, ich habe dort eine Wohnung", sagt sie. "Und hier behandelt man mich wie Dreck, wie in einem Arbeitslager." Doch eine Alternative sieht sie nicht. Weitermachen oder kündigen – und in Armut stürzen? Wer vor dieser Wahl steht, hat keine Wahl. "Bei wem soll ich mich beschweren?", fragt Gabriela. "Bei Gott?"

Die Vermittlerfirma IH Direkt behauptet, sie sei für Kritik offen. Gabriela dagegen sagt, wer kritisiert, bekomme Druck und Drohungen zu spüren. "Wir zwingen doch niemanden, in unseren Unterkünften zu wohnen", sagt Geschäftsführer Michael Schäfer. Es sei entweder gelogen oder ein Missverständnis, wenn jemand berichte, bei Kündigung des Mietvertrags werde auch der Arbeitsvertrag beendet. "Wir verdienen nicht an der Unterbringung, wir wollen doch selbst, dass die ausländischen Arbeiter hier auf Dauer sesshaft werden." Und würde er dort wohnen wollen, in den vermieteten Häusern in Bretten? "Ansichtssache", sagt Schäfer, um nach kurzer Pause zu bekennen: "Nein, ich würde dort nicht wohnen wollen."

Brettener Deuerer-Werk. Foto: Joachim E. Röttgers
Brettener Deuerer-Werk. Foto: Joachim E. Röttgers

Trotzdem suchen Ost- und Südeuropäer weiter Arbeit in Deutschland. Akquise müsse DH Direkt schon gar nicht mehr betreiben, so der Geschäftsführer. Auf seiner Homepage steht: "Wir haben unsere Ressourcen noch lange nicht ausgeschöpft." Und da kann Gabriela zumindest zustimmen, wenn sie an sich und ihre Kollegen denkt. "Immer mehr Menschen für immer weniger Geld, nur darum geht es", sagt sie. "Früher nannte man das Sklaverei."

Wenn sie heute kündige, sei morgen ein neuer Arbeiter da. Die Polen, Rumänen, Bulgaren seien zum Teil auch selbst schuld, sie berichten nicht über die Zustände in Deutschland. Niemand wolle seiner Familie Sorge bereiten oder Freunden gegenüber eingestehen, dass er in Deutschland nicht die ersehnte gute Arbeit gefunden habe, sondern in einer modernen Knechtschaft gelandet sei.

Seit einem Jahr gefangen in der Ausbeutungsmaschine

Die neue Bundesregierung hat angekündigt, Regeln zu setzen. Im Koalitionsvertrag heißt das schlicht: "Wir werden die Ausbeutung der Arbeitskraft stärker in den Fokus der Bekämpfung des Menschenhandels nehmen." Doch tatsächliche Besserung scheint unwahrscheinlich. Die CSU, immerhin Bestandteil der Regierung, heizte die Zuwanderungsdebatte kürzlich mit der Warnung "Wer betrügt, der fliegt" an. Einwanderer sollen die Leistungen nicht ausnutzen, drohen die Christsozialen, dabei droht den Einwanderern oft das Umgekehrte: von der deutschen Wirtschaft ausgenutzt zu werden. Aber was passiert mit jenen, die ausbeuten? Droht ihnen eine Strafe? Oder ist das Billiglohnprinzip in Deutschland bereits so etabliert, dass nicht einmal eine moralische Verurteilung droht?

Der Brettener Tierfutterhersteller Deuerer, bei dem Gabriela arbeitet, gibt sich unwissend von den Lebensumständen seiner Arbeiter. "Unwahrheiten" nennt der stellvertretende Geschäftsführer die Geschichte, die Gabriela erzählt. Deuerer habe sich erkundigt, ob den Leiharbeitern Tarifgehalt gezahlt werde, und das sei der Fall, damit habe man getan, was getan werden müsse. Die Unterbringung sei nicht Sache der Firma, selbst dann nicht, wenn der Mietvertrag an den Arbeitsvertrag gekoppelt sei. "Und wenn jemand 300 Euro Miete zahlt, dann ist das vielleicht sogar in Ordnung", fügt der Stellvertreter, der seinen Namen während der telefonischen Nachfrage nicht nennen will, noch hinzu. "Je nachdem, welche Leistungen die Summe beinhaltet, Strom, Heizung oder Nutzung der Waschmaschine zum Beispiel."

Eineinhalb Jahre lebt Gabriela jetzt in ihrem neuen Zuhause, das sie so nicht nennen kann. Wie man das durchhält, vermag sie nicht zu erklären. Ein Jahr ist Gabriela jetzt gefangen in der Ausbeutungsmaschinerie. Gefangen nicht, weil sie nicht gehen dürfte, aber weil sie nicht kann. Zu Hause erwarten sie die Armut und die Kinder, denen sie eine bessere Zukunft ermöglichen will.

Und selbst nach einer Siebentagewoche ist der Rest vom Traum des guten Lebens in Deutschland noch da. Irgendwann will Gabriela für eine seriöse Firma arbeiten, hart und fleißig, verspricht sie. Und eine eigene Wohnung haben, mit einem Zimmer, das sie nicht teilen muss, einem Bad, vor dem sie nicht anstehen muss, und einem Bett, in dem sie endlich einmal wieder durchschlafen kann.

Es sei schwierig, mit so vielen Leuten auf engem Raum zusammenzuleben. "Alle stehen unter Druck, niemand kann sich abreagieren, manche haben Depressionen, andere trinken." Sie selbst versucht nicht aufzufallen. "Ich will nur durchhalten, den Tag zu Ende bringen, und das jeden Tag aufs Neue."


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Kommentare

Spatarkus, 25.04.2014 04:09
Ich bin auch Leiharbeiter und über fünfzig Jahr alt habe auch weniger Geld
als meine Festangestellten Kollegen in der Firma komme auch kaum über die runden des Monats. Ich kann über den Lachhaften bis bitteren Mini Mindestlohn von 8,50€ nur Kotzen denn mein Lohn per Stunde liegt genau 43 Cent da über und muss Aufstocken seit fünf Monaten mache ich das nicht mehr nicht mehr weil ich der Sklaverei Unterstützende Unternehmung JobCenter ( In Person Weise 270000€ Jahres Einkommen ) alle sechs Monate einen Persönlichen Eiertanz hinlegen muss über das Einkommen aus der Dumping Beschäftigung und Miete.
Die Ausbeutung und Lohndrückererei klappt für die Konzern und anderen Lohndrücker Unternehmen in Deutschland Perfekt gefördert von DGB ( Sommers Scheissladen ) & SPD
Es gibt noch zu viel Zuschreiben über Deutschlands Lohndumping.

Jana, 25.02.2014 04:10
Hallo,
Ich wollte mich erst an die Frau wenden die selbst behauptet Polin zu sein. Sie sollen sich schämen sowas zu schreiben das die arme Frau selbst schuld daran ist, und wenn es ihr nicht passt dann soll sie gehen.! ? Die läute die hier kommen haben meistens keine andere Möglichkeit, wenn sie selbst aus Polen kommen müssen sie das eigentlich wissen! Was für Mensch sind sie das sie hier diese Menschen Sklaverei noch unterstützen ! Ich war selber vor paar Jahren durch diese Firma angestellt und ich weiß das diese Frau nur das sagt was stimmt. Sie selber sagten das sie für diese Firma arbeiten und so gelebt haben wieso sind sie dann ausgezogen wenns ihnen da so gut da gefallen hat? Sowas auszuhalten müsste sich man wahrscheinlich jeden Tag betrinken das wegen gehe davon aus das sie eventuell ein Alkohol Problem haben . Die läute die dort beschäftigt sind können kein Wort deutsch würden nur misshandelt und erniedrigt. Ich hoffe das sich bald dort was ändert!

F. Nelle, 11.02.2014 14:09
Eine wichtige Reportage. Deuerer ist ja schon länger berüchtigt, da braucht man nur mal "Deuerer Ausbeutung" zu googlen, dann weiß man Bescheid und dann wird niemand die Reportage für übertrieben halten. Ich habe gleich mal bei der DM-Drogeriemarktkette nachgefragt, welchen Teil ihres Tierfuttersortiments sie von dort beziehen, und dass sie mal auf menschenwürdige Arbeitsbedingungen bei ihren Lieferanten hinwirken sollen. Da gab es selbstverständlich nur eine nichtssagende Standardantwort, aber ich werde die mal weiter nerven.

FernDerHeimat, 11.02.2014 06:00
"es gibt immer zwei Seiten"

Schau an, jetzt trollst Du also auch zu diesem Thema.

es gibt immer zwei Seiten, 10.02.2014 20:15
Unglaublich was ich hier wieder lesen muss :/ Das einzige was stimmt ist das sie dank diesem Job Ihre Familie in Polen unterstützen kann und selber mit dem Rest gut um die Runden kommt. Diese Leute bekommen einen Helferjob der zum Tariflohn bezahlt wird und das obwohl sie zu beginn kaum deutsch sprechen können. Eine Unterkunft wird auch geboten !möbliert! Jeder der privat wohnt weiß wie teuer eine eigene Wohnung sein kann. Ob Möbel, Haushaltsgeräte, Kautionen oder Miete das gibt's doch nirgends umsonst! Und ganz ehrlich wer vermietet schon seine Wohnung an eine Person aus dem Ausland - kaum jemand ! Zu dieser Polin fällt mir im Moment nur ein - undankbar! Ich hoffe nur das nicht alle irgendwann ihren Job verlieren wegen solcher Aussagen.

Elke, 10.02.2014 16:50
Wer zerstört die Natur? 08.02.14

Ich bin wütend. Die Bäume im Stuttgarter Rosensteinpark dürfen ungestraft gefällt werden (weil Politiker das so wollen, weil Wirtschaftsbosse das so wollen). Niemand wird zur Rechenschaft gezogen; aber wenn Antonietta F. diese Bäume mit Kreuzen bemalt, wird sie vor den Kadi gezerrt. Ich schäme mich für unsere Polizei, für unsere Richter, für unsere Rechtsprechung. Man muß nur Macht oder viel Geld haben, dann hat man von Polizei und Richtern wenig zu befürchten. "Schlimmstenfalls" kann man sich freikaufen.

Ich finde es wunderbar, was Antonietta gemacht hat und wünsche Ihr viel Kraft und Erfolg und möchte mit Hermann Hesse schließen:

"Gegen die Infamitäten des Lebens sind die besten Waffen: Tapferkeit, Eigensinn und Geduld. Die Tapferkeit stärkt, der Eigensinn macht Spaß und die Geduld gibt Ruhe".

Jogi, 09.02.2014 08:47
@xxx
wenn Sie Polin sind bin ich der Kaiser von China - netter Versuch!

FernDerHeimat, 09.02.2014 06:41
Klar glauben wir Dir, "xxx"....

Du könntest hier zwar problemlos unter Deinem ECHTEN Namen ein Posting verfassen, weil es so oder so keiner nachprüfen kann, aber mit "xxx" ist es BESONDERS glaubwürdig, was Du da von dir gibst.

Und es gäbe da sicherlich auch genug Fälle, die aus dumpfem, vorauseilendem Gehorsam ihrem Frühkapitalisten treu bleiben wollen und das Wort reden, weil sie einfach nicht begreifen wollen, dass der sich einen DRECK um sie schert.

xxx, 08.02.2014 19:11
Frau Gabriela
Soll sie sich freuen das sie Arbeit hat . wenn es ihr so schlecht geth soll sie ja nach Hause fahren und nicht meckern . Ich bin auch Polin und Arbeite auch in der Firma IH Direkt seit 3 Jahen habe auch so gewohnt und keine Probleme gehabt , habe jetzt Eigene wohnung und wurde NICHT gekundigt .... Frau Gabriela wenn sie so klug sind und sowas uber IH Direkt verbreiten kunnen , kunnen sie ja auch ihren richtigen namen schreiben und nicht verstecken ... Haben sie kein muth ? so was kann jeder behaupten , vieleicht sind sie sie Frau die ein alkohol Problem hat ????? Jeder von uns ist zufiden nur so eine Frau der mann nichts recht machen kann , ich kann auch viel da zu sagen... aber schade um die wurte fur sollche menschen wir sie ..

Mit freundlichen grussen
>>>

Jogi, 08.02.2014 10:52
>Wer betrügt, der fliegt< - und das aus dem Munde eines (bürgerlichen) Politikers!
Demnach müssten, durch den seit Jahrzehnten von der bürgerlichen Politik mitgetragenen systematischen Betrug am öffentlichen Interesse bzw. am Gemeinwohl zugunsten von Gewinninteressen der Privatwirtschaft, die kompletten bürgerlichen (= von Lobbyisten unterwanderten) Parteien fliegen.

>Wir werden die Ausbeutung der Arbeitskraft stärker in den Fokus der Bekämpfung des Menschenhandels nehmen<
Dieser Satz der neuen (bürgerlichen) Regierung veranschaulicht m.E. gut die Manipulation der Bevölkerung zugunsten von Wirtschaftsinteressen. Insbesondere stecken in diesem heutzutage für bürgerliche Politiker/Parteien typischen Satz gleich zwei die Mehrheit der Bevölkerung bewußt irreführende Aussagen.
Hier meine beiden Behauptungen: Ich glaube weder das die aktuelle Bundesregierung diese Art von "moderner Sklaverei" als Ausbeutung ansieht, noch als Menschenhandel.
Die Begründung hierfür halte ich für relativ einfach: Sowohl die amtierende bürgerliche Bundesregierung als auch die vorangegangenen bürgerlichen Bundesregierungen haben diese "Art" der billigen Arbeitskraftbeschaffung für die Privatwirtschaft in die Wege geleitet also erst ermöglicht bzw. tragen diese "Art" der billigen Arbeitskraftbeschaffung für die Privatwirtschaft mit.
Welchen Grund also hätte die neue bürgerliche Bundesregierung hieran etwas zu ändern solange die Privatwirtschaft damit zufrieden ist sprich ihr Profitstreben befriedigt?

Zur Verdeutlichung von Manipulation im großen Stil zugunsten von Wirtschaftsinteressen kurz ein Erlebnis aus meiner persönlichen Vergangenheit.
1990 Krieg Irak/Kuweit. In dessen Zuge kochte in der Öffentlichkeit die Diskussion um deutsche Waffenexporte hoch. Ich war damals Student und gründete mit anderen Studierenden einen Arbeitskreis der sich mit deutschen Waffenexporten beschäftigte.
Eines Abends in der Tagesschau ließ die damalige Bundesregierung verkünden, dass sie jetzt "..verstärkt gegen illegale Waffentransporte vorgehen werde". Durch die Tätigkeit in dem Arbeitskreis war mir zu diesem Zeitpunkt jedoch bereits bewußt, im Gegensatz zu den vielen Millionen anderen Fernsehzuschauern, dass die illegalen deutschen Waffenexporte lediglich ca. 3 % (!!) der gesamten deutschen Waffenexporte ausmachten. Die andern 97 % gehen legal durch die bestehenden deutschen Gesetze durch.
Bei der Bevölkerung wird der Eindruck erweckt das etwas getan wird, dass es sich dabei jedoch nur um 3 % handelt wird bewußt verschwiegen. Das nenne ich bewußte Irreführung und Manipulation im großen Stil.

Seit diesem Tag habe ich kein Vertrauen mehr in eine bürgerliche Politik!

Peter, 08.02.2014 09:17
Es ist eine Schande, dass es so etwas in unserem reichen Land gibt.

FernDerHeimat, 06.02.2014 13:42
@Uli: Auf die zuständige Staatsanwaltschaft wird man (wieder) bis zum Sankt Nimmerleinstag warten.

Frühestens wenn über diese Schweinerei beim SWR berichtet wird, wird man sich - vielleicht - aufraffen. Damit auch ja genügend Zeit für die "Parteifreunde aus Industrie und Wirtschaft" bleibt um zu dementieren, Beweise zu vernichten und den Prozess mit allerlei windigen Strategien insgesamt um mind. 2 Jahre zu verschleppen.

Damit auch ja nichts an der Politik (regional wie überregional) hängen bleiben kann. In der Hinsicht konnte man sich immer auf die heimische Justiz "verlassen".

Matz, 06.02.2014 10:06
die "Melanchthon-Stadt" Stadt Bretten profitiert zweifach von dieser unglaublichen Ausbeuterei:
einmal über die Gewerbesteuer der Firma Deuerer (Geld stinkt nicht!),
sowie über die Vermietung von Wohnraum ihrer städtischen Wohnungsbau GmbH, die Wohnraum über die Arbeits-Vermittler der Firma Deuerer an die Arbeits-Sklaven vermietet.
Im Übrigen baut die Firma Deuerer in Bretten gerade ein neues Logistik-Zentrum, wofür 22ha eines ökologisch hochwertigen Waldes vernichtet wurde! Googeln nach Rüdtwald Bretten genügt...

Uli, 05.02.2014 20:29
Konnte man im Zimmer nicht fotografieren? Das Bild von innen fehlt total! Ansonsten eine sehr gute Reportage, eigentlich müsste da die Staatsanwaltschaft aktiv werden.

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